11. Kapitel – Ich frage nicht, ich urteile nicht

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Man schmeichelt sich ins Leben hinein,
aber das Leben schmeichelt uns nicht.

Johann Wolfgang von Goethe

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Der Mann namens Sergej sah Helen wie ein Stück Fleisch an. „Sie ist zu unscheinbar. Die bekommen wir nicht an den Mann." Pjotr hob die Schultern. „Ist das mein Problem, Little M?" Der Anführer erhob sich. „Du hast deine Befehle, ich hab meine. Lass uns das Beste daraus machen und sie zu, dass du die Kleine wie erwartet formst. Du bekommst ein Jahr dafür. Danach ist sie soweit, oder ihr müsst beide die Konsequenzen tragen." Mit diesen Worten rauschte er grußlos aus dem Zimmer und ließ eine verängstigte Helen und einen genervten Sergej Preobrazhenskij zurück.

Helen schloss die Augen. Sie war mitten in einem Bordell gelandet. Ihre Schlimmsten Alpträume waren also wahr geworden. Offenbar erwartete der Dunkle Lord, dass sie eine willige Todesserin würde, die schließlich neue Todesser auf die Welt bringen sollte. Warum er sie nicht einfach seinen Männern gab, war ihr unbegreiflich. Warum sollte sie ein Jahr darin ausgebildet werden, Männern zu gefallen und sie zu verführen, wenn eine Vergewaltigung schneller wäre? Sie wusste keine Antwort. Sie wusste nur, dass sie ihre Fluchtpläne nicht aufgeben würde.

Sergej wartete, bis die Tür hinter den englischen Todessern zugefallen war. Dann stand er auf und eilte auf Helen zu. „Komm, Kleines, steh auf." Er half ihr auf die Beine zu kommen und führte sie zu einer Sitzcouch, die sie erst jetzt erblickte, so versteckt stand sie hinter einem Paravent. „Setz dich. Möchtest du etwas Trinken?" Helen schüttelte den Kopf. Auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, so war sie doch voll von Angst und Unsicherheit. Sie wusste, wie ihre Zukunft aussehen sollte und genau das versetzte sie geradezu in Panik.

Sergej sah in ihr leichenblasses Gesicht und holte eine Flasche Brandy aus einem Schrank. Nachdem er zwei großzügige Schlucke in zwei passende Gläser eingegossen hatte, reichte er Helen eines. „Hier, trink. Du musst wieder zu Kräften kommen." Er drückte ihr das Gläschen in die Hand und sah sie unnachgiebig an. „Trink."

Helen resignierte. Als der Alkohol ihre Kehle entlang ran, keuchte sie und rang nach Atem. Sie war es nicht gewohnt, so scharfen Weinbrand zu trinken. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie fächelte sich Luft zu. Sergej lachte. „Wenigstens hast du jetzt wieder ein wenig Farbe im Gesicht." Dann nahm er ihr das Glas aus den Händen und stellte es auf den Tisch.

Er setzte sich bequem hin und sah sie nachdenklich an. „Wie ich heiße, weißt du ja", begann er schließlich das Gespräch, als er sich Helens Aufmerksamkeit sicher war. „Aber mich nennt hier jeder nur Little M. Das steht für ‚Master of Ceremonies', beziehungsweise ‚Maître de plaisir'. Je nachdem welche Bezeichnung die Todesser gerade bevorzugen." Er lächelte entschuldigend. „Du bist nicht freiwillig hier, oder?" Helen schüttelte den Kopf. Nachdenklich betrachtete sie ‚Little M' und legte den Kopf schief. Das tat sie immer, wenn sie eine Entscheidung fällen musste, die ihr nicht behagte. So wie jetzt. Vertraute sie Little M. oder tat sie es nicht? Sie blickte in sein Gesicht, das jetzt freundlicher aussah, als noch vor ein paar Minuten. „Tut mir leid", sagte er, „dass ich gerade so abweisend war, aber Pjotr erwartet, dass ich dich wie Dreck behandele." Helen wusste nicht, ob es sich als Fehler herausstellen würde, aber sie beschloss ihm zu vertrauen.

„Ich sollte eine Todesserin werden, aber ich will das nicht", erklärte sie. „Mir ist es egal, ob ein Mensch Reinblüter ist oder nicht. Ich will nicht in schwarzen Mänteln umherlaufen und jemanden umbringen. Ich will reisen. Ich will Spaß haben. Ich will-" Sie brach ab. Little M. nickte verständnisvoll. Dann seufzte er und sah aus dem Fenster. „Ich wollte auch nie ins DinGrinder. Ich wollte Koch werden. Doch eine falsche Entscheidung und ich bin hier gelandet. Wäre ich nicht so naiv gewesen und hätte nicht geglaubt, dass ich den Dunklen Lord bestehlen könnte, ich wäre jetzt nicht hier." Überrascht sah Helen ihn an. Sah sein melancholisches Lächeln und wartete darauf, dass er weitersprach.

„Ich fand den Ring einfach schön… Auf den ersten Blick wirkte er wie ein wuchtiger Goldring. Doch wenn man einen zweiten Blick riskierte, dann konnte man die wahre Schönheit erkennen. Es befanden sich mir unbekannte Zeichen darauf. Aber-" Er brach ab. „Dem Dunklen Lord scheint der Ring etwas zu bedeuten. Er hat mich aufgespürt und nun bin ich hier. Dazu verdammt, allabendlich irgendwelche Shows auf die Beine zu stellen, die einander übertreffen, nur damit sich die Leningrader Elite der Todesser amüsieren kann. Immer wieder werden mir Mädchen gebracht, die in Ungnade gefallen sind und die ich… erziehen muss. So wie du." Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Sie haben meine Familie, weißt du? Ich muss es tun. Ansonsten werden sie… sterben." Unbewusst griff Helen nach seiner Hand und drückte sie. Sie konnte seinen Schmerz regelrecht fühlen. „Sie-" Er unterbrach sie rigoros. „Hör auf mich zu Siezen, Kleines. Wir sind hier im Showgeschäft, wir duzen uns alle." Sie nickte ergeben.

Diesmal war es an ihm, kurz ihre Hand zu greifen und zu drücken. Warum er ihr seine Geschichte erzählte, war ihm noch nicht ganz klar. Bislang hatte er immer vermieden, Nähe zu einem der Mädchen zuzulassen. Sie verrieten einen schneller, als man „Hilfe" sagen konnte. Doch Helen war anders, das spürte er. Sie war noch rein und unverdorben. Er würde sein Möglichstes tun, damit das so blieb. Vielleicht konnte sie auf diese Art und Weise die Hölle unbeschadet überstehen?

„Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Kleines…" Er musste schlucken. „Nimm dein Schicksal an. Ich habe schon viele Mädchen gesehen. Einige waren schwach und sind innerlich gestorben. Andere waren stark und wurden gebrochen. Und wiederum einige haben versucht zu fliehen. Du willst nicht wissen, was mit ihnen geschehen ist, es war grausam. Du scheinst eine Kämpfernatur zu sein. Du kennst diese Männer nicht. Sie sind Bestien. Und der Boss ist der Schlimmste von allen. Bete, dass du ihm niemals begegnest." Angst zierte sein Gesicht. „Egal was passiert, Kleines. Nimm dein Schicksal an. Nur so hast du Hoffnung, diese Hölle überleben und vielleicht irgendwann in Freiheit leben zu können. Such dir einen Gönner, so dass du nur einem Einzigen dienen musst. Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann."

Helen war während dieser Rede immer tiefer in die Polster gerutscht. Little M. schien auf ihrer Seite zu sein, das spürte sie. Aber gleichzeitig machte er mit dem, was er ihr erzählte, Angst. Hatte ihr Bewusstsein schon länger verstanden, was ihr Schicksal war, so drang dieses Wissen langsam und unaufhörlich in ihren Verstand ein. Sie begann zu realisieren, wo sie sich befand und sukzessiv, aber beständig wandelte sich ihre Angst in Panik.

„Ich dachte, der Dunkle Lord kommt nicht nach Russland?", konnte sie nur noch flüstern, nachdem er den Boss erwähnt hatte. Unverständlich sah er sie an. „Der Dunkle Lord? Ich rede von Lucius Malfoy."


Begriffe:

- Paravent: Wandschirm aus bespannten Holzrahmen, z. B. als Raumteiler

Anmerkung:

Zum Nachnahmen von Sergej: Preobrazhenskij (von Preobrazhenie - Verklärung /Christi/)

Heute wieder ein kürzeres Kapitelchen. Damit der Sinn erhalten bleibt lächel