12. Kapitel - Neue Eindrücke
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Charme ist
die Gabe, den anderen vergessen zu lassen, dass er aussieht wie er
aussieht.
Aus Frankreich
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Schon wieder er. Helen schloss die Augen. Langsam kam ihr Lucius Malfoy als das personifizierte Böse, schlimmer noch als Er, dessen Name nicht genannt werden durfte. Ihre Erfahrung beruhte bislang auf dieses eine Treffen im Hause ihres Vaters. Ihr war Malfoy zwar als unattraktiv, aber dennoch freundlich aufgefallen. Warum hatten die Leute vor ihm Angst?
„Little M", begann sie zögerlich. „Warum hast du solche Angst vor ihm?" Der Entertainer warf ihr einen sonderbaren Blick zu. „Er taucht selten im DinGrinder auf, aber wenn, dann sieh zu, dass du ihm nicht auffällst. Glaub mir, Kleines, es ist besser so." Er stand demonstrativ auf und ging zu seinem Schreibtisch. Dort schrieb er eine Notiz und versiegelte diese. Anschließend kam er zu ihr zurück und setzte sich wieder neben sie. „Es ist folgendes geplant. Den restlichen Tag über bekommst du eine Blitzeinweisung. Heute Abend gehst du on stage." Helen runzelte die Stirn. „On stage?" Er wischte ihre Frage mit einer hektischen Handbewegung weg. „Wir haben hier ein paar internationale Fachbegriffe, um dem ganzen Puff hier", er deutete in die Runde, „zumindest offiziell einen respektablen Eindruck zu verschaffen." Little M. grinste gequält.
Helen sah ihn nachdenklich an. „Okay", meinte sie schließlich zögerlich und nickte. „Was passiert… on stage?" Little M. schüttete sich noch einen Brandy ein. „Ihr zeigt euch ein bisschen und gut. Momentan bist du die einzige Verschleppte. Die anderen Mädchen sind alle freiwillig da. Sie haben erkannt, dass die Todesser großzügig sind, wenn die Mädchen es richtig anstellen. Die Meisten von ihnen führen ein Leben in Luxus. Besonders, wenn sie einen reichen Gönner haben." Er warf ihr einen bedeutungsschweren Blick zu. „Na los, komm, ich stell dich den anderen Mädchen vor."
ooOoo
Mit der Gesamtsituation mehr als unzufrieden, apparierte eben jener ‚Big Boss' auf einen versteckt liegenden Platz in der Nähe der Tore seiner Residenz. Natürlich bevorzugte er auch in Leningrad nur das Beste vom Besten und so hatte er sich kurzerhand im Peterspalast einquartiert. Natürlich waren die Zarenappartements für Besucher zugänglich. Auch wenn diese ihm von allem am ehesten zugesagt hatten, so war er sich darüber im Klaren, dass er selbst mit Magie nicht dort wohnen konnte. So hatte er sich dem rechten Flügel zugewandt, in denen luxuriöse Privatwohnungen lagen. Er ging von Wohnung zu Wohnung und klopfte an die Türen. Im zweiten Stock war er schließlich fündig geworden. Ein Geschäftsmann, der vor kurzem erst seine Frau verloren hatte, war anwesend gewesen. Nach einigen diskreten ‚Überredungskünsten' (in Momenten wie solchen liebte er den Imperiusfluch ganz besonders) hatten sich die Männer geeinigt. Mit einer großzügigen Abfindung, die natürlich nirgends verzeichnet wurde, versehen, räumte der Geschäftsmann die Wohnung und machte sich innerhalb Leningrads nach einem neuen Domizil auf die Suche.
Nun ging er gemäßigten Schrittes auf den Nebeneingang zu. Selbstverständlich stand es ihm frei, den Haupteingang zu benutzen, doch wollte er der Masse an Besuchern aus dem Weg gehen. Heute stand ihm nicht der Sinn nach Aufmerksamkeit. Er wollte in Ruhe seine Wohnstätte genießen und den Tag mit einem Glas Champagner ausklingen lassen. Über eine Seitentreppe gelangte er in den zweiten Stock und schlenderte einen langen Gang entlang. Auch wenn er als Adelsspross Luxus gewöhnt war, so beeindruckte ihn der gewaltige Bau des Palastes immer wieder aufs Neue. Sein Refugium bestand aus sechzehn Zimmern, die er sich großzügig unterteilt hatte.
Natürlich brauchte er eine guteingerichtete Bibliothek. Zum Glück hatte sein Vorgänger Wert auf Bildung gelegt, so dass er lediglich einige magische Bücher aus Malfoy Manor hatte kommen lassen müssen. Angrenzend lag sein Arbeitszimmer, in das er sich gern zurückzog, um seinen Portwein zu genießen oder, wenn es sein musste, Korrespondenz erledigte. Es gab einen imposanten Salon, in dem er seine Gäste empfing und der nach zaristischem Vorbild gearbeitet worden war. Daneben befand sich ein weiterer Salon, der von einem großen Billardtisch dominiert wurde. Ein Überbleibsel seines Vorgängers und mittlerweile Lucius' heimliche Leidenschaft. Das nächste Zimmer war als Musikzimmer eingerichtet. Ein gewaltiger Flügel stand in einer Ecke und wartete darauf, bespielt zu werden. Zweifelsohne nicht von dem Eigentümer. Dennoch hatte Mr. Malfoy festgestellt, dass es gerade en vogue in Gesellschaft war, öffentlich zu musizieren. Da er auch in Leningrad nicht auf Gesellschaften verzichten wollte, lud er regelmäßig zu kleinen Treffen ein. Die Damen rissen sich geradezu darum, sich selbst zu profilieren und zu zeigen, wie gut sie das Pianoforte beherrschten. Parallel zu diesen Räumen lag ein großer Speisesaal, in dem mühelos fünfzig Personen Platz fanden, ohne dass man den Raum magisch vergrößern musste. Zwei Gästezimmer und eine Gästetoilette boten den Abschluss der rechten Seite seines bescheidenen Reiches.
Auf der linken Seite befanden sich die privaten Räume. Das Bad bestand selbstredend aus dem feinsten Marmor, der direkt aus Indien importiert worden war. Sowohl eine Dusche, als auch ein großer Whirlpool dienten zu seiner Entspannung. Goldene Kräne bildeten einen angenehmen Beigeschmack. Das Schlafzimmer war riesig, so dass das große vier Meter Himmelbett fast schon verloren wirkte. Durch die großen Fenster hatte er einen direkten Blick auf den Schlosspark und auf die Große Kaskade. War der Himmel klar, konnte er auf den finnischen Meerbusen sehen. Dank eines unauffälligen Illusionszaubers war es ihm möglich, sämtliche Besucher für ihn unsichtbar zu zaubern, so dass sie ihn nicht großartig mit ihrer Anwesenheit belästigten. Sein angrenzendes Ankleidezimmer bestand aus mehreren Schränken, in denen sowohl Muggelkleidung, als auch seine Zaubererkleidung fein säuberlich eingeräumt worden waren.
Drei weitere Zimmer standen bislang leer und von ihm unbenutzt. Für ihre Verwendung hatte Lucius noch keinerlei Interesse gehabt. Eines davon hatte er seinem aus England mitgebrachten Hauselfen Dobby als Schlafstätte zugewiesen. Selbstverständlich gab es eine geräumige Küche, die, auf Muggelart, recht modern eingerichtet worden war. Dobby hatte es allerdings geschafft, die Mikrowelle innerhalb von Sekunden zu zerstören. Lucius hatte ihn angewiesen, weitestgehend auf Magie zu verzichten, um mitten in Muggelleningrad nicht unnötig aufzufallen.
Das war einer der beiden Punkte, die ihn an seiner luxuriösen Wohnung störte. Zum einen besaß er keinen Balkon. Zum anderen wohnte er mitten unter Muggeln. Doch Luxus hatte seinen Preis. Wenn er von Zauberern umgeben wohnen wollte, hätte er auf Luxus verzichten müssen, da unter den Leningrader Magiern Opulenz missbilligt wurde. Malfoy war in dieser Hinsicht allerdings flexibel. Seine Abneigung gegen Muggel trat im Umgang mit gewissen reinblütigen Kreisen verstärkt auf. Befand er sich in Gesellschaft toleranter Hexen und Zauberer, verschwand diese Antipathie fast vollständig.
Seit der Konfrontation mit der Mikrowelle hatte Dobby Küchenverbot. Er kümmerte sich seitdem um die persönlichen Belange Malfoys und glich in dieser Funktion eher einem Kammerdiener. Er musste Malfoys Kleidung in Ordnung halten, sie Reinigen und Bügeln, Stopfen und Ausbessern. Er kümmerte sich um die Rasur seines Herrn und übernahm Botengänge, die nicht Gefahr liefen, von Muggeln entdeckt zu werden. Für den Haushalt hatte ihm der Dunkle Lord eine ‚Wirtschafterin' vermittelt. Sie schlief in einem der drei leeren Räume und sorgte dafür, dass der Haushalt tadellos in Ordnung war.
Lucius ließ sich in seinen gemütlichen Sessel im Arbeitszimmer fallen. Es war ein Erbstück seiner Vorfahren und eines der wenigen persönlichen Dinge, die sich in der Wohnung befanden. Er fühlte sich wohl in seinen Räumen. Mit Sicherheit hätte es Artemis ebenso gefallen. Sie hatte in der letzten Zeit einen recht eigenen Geschmack entwickelt, doch sie konnte Pracht und Reichtum genießen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Doch bevor er sich in weitere, äußerst schmerzhafte Erinnerungen an seine verflossene Liebe verstricken konnte, wurde er durch ein Klopfen an der Tür gestört.
„Dobby möchte den Master nicht stören, aber der Master hat Besuch." Lucius stöhnte. Sein Hauself hatte eine Art an sich, die ihn immer öfters störte. Doch wozu sollte er sich Dienerschaft halten, die größtenteils aus Muggeln bestehen würde, wenn er doch die kostengünstige und vor allem bequeme Lösung in Form eines Hauselfs zur Hand hatte?
Auf sein Nicken hin, trat Dobby ungeschickt zur Seite und ließ einen großen, schwarzhaarigen Mann an sich vorbei rauschen. „Lucius…" Er lächelte ehrlich erfreut und trat auf den Hausherrn zu. Die beiden Männer verbeugten sich respektvoll voreinander. „Rabastan." Auch Lucius freute sich, Rabastan Lestrange wieder zusehen, den er von den Todessern am ehesten als Freund bezeichnen würde, von Severus abgesehen.
Lestrange ging zu einer Anrichte und schüttete sich ebenfalls ein Gläschen Portwein ein. Dann eilte er zurück und ließ sich in den zweiten Sessel fallen, der schräg neben dem Schreibtisch stand. Auch wenn Lucius Rabastan aufrichtig mochte, so war ihm die Schnelligkeit, mit der dieser lebte, manchmal ein wenig zu hektisch. Heute verzichtete er allerdings auf derlei ‚sentimentale' Gefühle und prostete seinem Gast zu. „Erzähl mal", forderte dieser, „wie ist es dir in England ergangen?"
ooOoo
Helen schwirrte der Kopf. Sie hatte die vergangenen Stunden damit zugebracht, zu lernen, wie sich eine ‚Frau von Welt' benahm. Sie hatte unzählige Male ihren Mund zu einem Schmollmund verziehen müssen. Sie hatte gelernt, wie sie zu gehen hatte, um Männer eindeutige Angebote zu machen. Sie hatte ihren Körper studiert, um ihn ganz genau einzusetzen und letztendlich war sie in Konversation unterrichtet worden. Eine Frau gähnte nicht ungehalten, sondern versuchte es zu unterdrücken. Sie sagte niemals ‚Scheiße' und erst recht nahm sie keinerlei Ausdrücke in den Mund, die nicht frei von Doppeldeutigkeiten waren.
Helen war genervt. Immer und immer wieder ließ sie Little M. in einem knappen Röckchen vor sich hin und her stöckeln. Ihre Schuhe waren so hoch, dass sie befürchtete, sich die Beine zu brechen. Sie war keine Lady und würde es vermutlich auch nie werden. Die Zeit in Hogwarts war nicht dazu gedacht gewesen, aus ihr eine gesellschaftsfähige Eskorte zu machen.
Wieder und wieder warf sie Little M. böse Blicke zu, die dieser gekonnt ignorierte. Auch er war zermürbt. So sympathisch er Helen als Person fand, so wurde sie als Frau zu einem regelrechten Alptraum. Sie schien keinerlei Begabung dafür zu haben, Sinnlichkeit und Sex pur auszustrahlen. „Mädchen, wenn du deine dürren Arme weiterhin so hin und her schwenkst, wirst du irgendwann noch einmal jemanden schlagen", knurrte er genervt. Er trat auf sie zu und griff fast schon rabiate an ihre Schultern. „Aufrecht hinstellen", befahl er. Dann legte er ihr zwei Finger unters Kinn und hob es an. „Kopf hoch, Brust raus, Arsch raus. Die Männer wollen eine stolze Frau, die im Bett zur Hure wird. Kein kleines, schüchternes Mäuschen, bei der sie befürchten müssen, dass es jeden Moment zu heulen anfangen könnte."
Helen hatte die Nase gestrichen voll. Ihr Bauch knurrte, sie war müde und hatte absolut kein Verlangen, ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem brutalen Todesser zu machen. Zusätzlich Schließlich zerrten die vergangenen Tage, oder auch Jahre, an ihren Nerven. Und schließlich verlor sie sie. Sie schrie, stampfte mit dem Fuß auf und griff sich ein Glas, das sich in ihrer Reichweite befand, nur um es mit ganzer Kraft gegen die Wand zu schleudern. „Ich kann nicht mehr", tobte sie so leidenschaftlich, dass Little M. sie für einen Moment verblüfft anstarrte. „Seit Stunden mache ich nichts anderes, als mich auf das Leben einer Todesserhure vorzubereiten. Niemand hat mich gefragt, ob ich das will. Ich will das nicht. Ich will nicht für jeden Mann die Beine breit machen, der genug Geld rüberschiebt, und ihm vorspielen, dass er der Einzige wäre, den ich will. Das sind Todesser, verdammt noch mal. Die-" Weiter kam Helen nicht. Little M. war ebenfalls aufgesprungen und drückte sie in die Kissen.
„Du tust mir auch leid, Mädchen", knurrte er zwischen zusammengepressten Zähnen. „Ich will dir helfen, dir dein Leben unter den gegebenen Umständen so angenehme wie möglich zu gestalten. Ich kann dir deine Freiheit nicht zurückgeben. Ich kann dir zur zeigen, wie du das Beste aus der Situation machst…" Er schnaufte. „Bei Merlin, ich mag dich. Du erinnerst mich an meine kleine Schwester und vielleicht will ich dir deswegen helfen. Aber", er betonte dieses Wort, „eines musst du wissen: Ich helfe dir nur solange, wie es mit meinen Zielen vereinbar ist. Mein Ziel ist es, dich zu einer perfekten Todesserhure zu machen. Wenn du mitspielst, hast du gewisse Privilegien. Wenn nicht, muss ich Gewalt anwenden. Hast du mich verstanden?"
Schockiert riss die junge Frau die Augen auf und sah in das verzerrte Gesicht ihres ‚Vorgesetzten'. Sie war von der Intensität seines Ausbruchs vollkommen aus der Fassung gebracht worden. Sie hatte geglaubt, Little M. vertrauen zu können und ihn, trotz allem, als eine Art Verbündeten angesehen. Jetzt sah er sie aus seinen dunkelgrünen Augen in einer Art und Weise an, die ihr Angst machte. Hatte sie sich getäuscht? War er letztendlich nicht viel besser als die anderen Todesser?
ooOoo
Zwei dunkelgrüne Roben hingen unachtsam über einer Stuhllehne. Ihre Besitzer lehnten an einem großen Billardtisch und diskutierten über verschiedene Möglichkeiten, die letzte Kugel zu versenken. Sie lag derartig ungünstig, dass zwei Amateurspieler sie unmöglich mit nur einem Stoß einlochen konnten. Aus Langeweile hatten die beiden Männer gewettet, wer die Kugel mit nur einem Stoß versenken konnte. Ein kleiner Zauber ermöglichte später, die Kugel auf den gleichen Punkt zu legen, wie sie jetzt lag. Der Preis war einfach: Die Entscheidung über die Abendveranstaltung. Gewann Rabastan, entschied er was sie taten. Konnte Lucius das Spiel für sich beanspruchen, so durfte er bestimmen.
Lestrange positionierte sich Lucius gegenüber, nahm das Queue „Wusstest du, dass es bereits vor 4000 Jahren die ersten Billardvarianten gegeben haben soll?", versuchte Lucius seinen Gast schließlich abzulenken. „Nein", knurrte Rabastan und legte den Stock so auf seine linke Hand, dass das schmale Holz in der Vertiefung zwischen den Knöcheln seines Mittel- und seines Zeigefingers zu liegen kam. „Seit dem 15. Jahrhundert spielt man Billard auf einem Tisch", fuhr Lucius fort und stellte zufrieden fest, dass sein Freund genervt die Augen verdrehte. „Schon Ludwig XIV fand Gefallen an diesem Spiel." Lucius konnte es nicht lassen. „Napoleon soll ebenso mit seiner Frau gespielt haben." Der Blonde betrachtete den Schwarzhaarigen genau. Als dieser das Queue nach hinten zog, um seinen Stoss zu machen, lachte er leise. „Weißt du wer noch gern Billard spielen soll?" Rabastan hielt inne. „Nein", knurrte er und setzte schließlich zum Stoß an. „Dumbledore."
Die weiße Kugel verfehlte die Gelbe und schlug so unglücklich auf, dass sie über den Rand rutschte. Mit einer eleganten Bewegung fing Lucius sie auf und warf sie in die Luft, nur um sie danach wieder geschickt aufzufangen. „Das war wohl nichts, mein Freund", spöttelte er. Rabastan fauchte enttäuscht. Auch wenn er Lucius mochte, so unterschieden sich ihre Geschmäcker bezüglich Abendunterhaltung enorm. Während er gern der körperlichen Lust nachging, bevorzugte Lucius einen gemütlichen Abend in seinem Club. In Leningrad hatte das ‚Black' derzeit Hochkonjunktur. Nur den erlesensten Gentleman wurde Zutritt gewährt, so dass der gemeine Pöbel draußen blieb. Rabastan langweilte sich jedes Mal. Jetzt sah er im Geiste einen weiteren Besuch dieses Zirkels entgegen und überlegte, ob er einen Allergieanfall vortäuschen sollte.
Malfoy legte die Kugel siegessicher auf den vorgegebenen Platz und positionierte sich ebenfalls bestmöglich. Er warf einen herausfordernden Blick zu seinem Gast. „Keine Provokationen?" Rabastan winkte ab. „Mitnichten. Die bringen dich eh nicht aus der Ruhe." Ein Lächeln überzog sein Gesicht, das Lucius zwar registrierte, aber ihm aber keine weitere Bedeutung schenkte. Er lehnte sich elegant auf den Tisch und visierte die weiße Kugel an. Kurz kniff er die Augen zusammen und schätzte den Weg zwischen ihr und der Gelben ab. Träfe er die Kugel genau in der Mitte, würde sie zwar ein wenig geschoben, aber dennoch frontal laufen. Zielte er dagegen oberhalb, so bekäme die Kugel eine Rotation, die dafür sorgte, dass die Weiße der Gelben nachlaufen würde. Träfe er unterhalb der Mitte würde die Kugel von der Gelben abprallen und zurückkommen. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit.
„Hab ich dir schon erzählt", hörte er Rabastan sagen, während er ausholte, „dass ich Artemis getroffen habe?" Das Queue rutschte ab und versetzte der Kugel Stoß von oben. Sie jagte vorwärts und, ohne eine der Banden zu berühren, änderte abrupt ihre Richtung, in dem sie urplötzlich und wie aus heiterem Himmel rückwärts zurückschoss. Beide Männer waren so verblüfft, dass sie zu spät reagierten. Rabastan wollte die Kugel aufhalten und Lucius zur Seite springen, um keinen Zusammenstoß mit seiner Körpermitte zu riskieren. Stattdessen kollidierte er mit seinem Gast, was zur Folge hatte, dass beide mit dem Allerwertesten auf den Boden knallten.
Während Rabastan lauthals zu lachen anfing, verzog Lucius keine Miene. „Das ist dann wohl ein unentschieden", meinte er stattdessen trocken. Rabastan stand auf und hielt ihm die Hand hin. „Auf zur nächsten Runde", meinte er vergnügt. Die beiden Männer stellten sich wieder in Position und das Spiel begann von neuem. Diesmal gab es einen Sieger. Diesmal verzog einer missbilligend den Mund, während der andere überlegen lächelte. „Ich würde sagen, wir gehen heute ins DinGringer", grinste Lestrange breit.
ooOoo
Sergej Preobrazhensky hatte den Kopf zwischen den Händen vergraben und sah verzweifelt zu Helen rüber, die wie ein scheues Reh zusammengekauert am Ende des Sofas saß. Sie machte einen verschreckten Eindruck und jedes Mal, wenn er sich rührte, zuckte sie zusammen. Er seufzte. Dann stand er auf und ging zu der jungen Hexe, nur um sich vor ihr auf die Knie fallen zu lassen. „Es tut mir leid", stammelte er. „Ich wollte dir nicht drohen." Sie zeigte keine Reaktion, so, als wenn sie ihn nicht gehört hätte. Sergej biss sich auf die Unterlippe. Er hatte wenig Erfahrung darin, junge Frauen zu beruhigen. Vorsichtig hob er die Hand und strich ihr übers Haar. „Ich stehe wahnsinnig unter Druck", murmelte er. „Wenn du nicht mitspielst…" Seine Stimme brach.
Helen hob den Kopf und sah ihn aus geröteten Augen an. „Was ist dann?" Er atmete tief durch. „Ich hab dir doch erzählt, dass der Dunkle Lord meine Familie hat?" Helen nickte. „Meine Frau und… meine zwei Töchter." Darüber zu Sprechen fiel ihm offensichtlich schwer. „Sie… werden von ihm festgehalten, bis ich meine Schuld beglichen habe, die ich damals durch den versuchten Diebstahl auf mich genommen habe." Kurz suchte er Helens Blick, sah aber umgehend wieder zu Boden. „Ich bekomme mit jedem Mädchen einen Zeitplan. Dieser schreibt mir vor, was ich bis wann zu erreichen habe. Ansonsten müssen sie… sterben." Helens Aufkeuchen registrierte er nur im Unterbewusstsein. „Verstehst du, Kleines? Ich muss tun, was sie sagen. Ich muss erreichen, was er will. Nur dann habe ich überhaupt den Hauch einer Chance… meine Familie lebendig wieder zusehen." Er ballte die Hände zu Fäusten. „Sie werden sie töten, Stück für Stück…" Seine Stimme brach endgültig.
Helen war erschüttert. Sie hatte nicht mit dieser Erpressung gerechnet. Sie verstand, wie wichtig es für Little M. war, dass sie heute Abend erfolgreich war. Auch wenn sie selbst nie die Liebe von Vater und Mutter kennengelernt hatte, die Little M. offenbar seiner Familie entgegenbrachte, so verstand sie ihn und seine Verzweiflung. Ihre Sensibilität ließ sie in diesem Moment schwor sie sich, ihm zu helfen. Sie konnte es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, vielleicht Schuld an dem Tod seiner Frau und seiner Töchter zu sein. Ihre eigenen Fluchtpläne rückten somit weiter in den Hintergrund. Helen gab sie nicht auf, doch sie sie musste erst eine andere Lösung für die anderen Frauen finden…
Begriffe:
- Große Kaskade: ein Wasserfall, der über mehrere Stufen fällt.
- Opulenz: Luxus
- en Vogue, frz.: gerade beliebt, modern
- Eskorte: Begleitung
Anmerkung:
Ich lasse Lucius kurzerhand in den Peterhof einziehen. Der
heutige Peterhof hieß von 1945 bis 1992 Peterspalast und ist
sozusagen das „russische Versailles" und natürlich befinden
sich dort keine Wohnungen im Privatbesitz.
Laut Duden heißt es offiziell „das Queue"
