14. Kapitel – Berechnende Verzückung

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Wer die Hand nur offen hält zum Empfangen, wird zum Bettler
und steht am Ende mit leeren Händen da.
Waltraud Puzicha

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Mit einer inneren Befriedigung registrierte Malfoy, dass sich Little M. versteifte. Er sah auf den mit dem Rücken zu ihm stehenden Mann hinab und starrte interessiert auf dessen starre Haltung. Faszinierend was Angst ausrichten konnte. Sein Blick glitt von Little M.'s Nacken und bohrte sich schließlich in die weit aufgerissenen Augen, blauen Augen der jungen Frau. Von Nahem wirkte ihre Unschuld regelrecht überwältigend. Selten hatte er eine Hure gesehen, die Unschuld in solcher Weise ausstrahlte.

Helen war ihm vollkommen unwichtig. Sie war die Tochter eines Mannes, der ihn verabscheute. Einer von vielen. Er war es so gewohnt. Als der Dunkle Lord Rosiers Tochter erwähnt hatte, war er mit seiner Aufmerksamkeit woanders gewesen. Etwas, was der Lord unter normalen Umständen ahndete. Doch ein Malfoy hatte gewisse Privilegien, die Lucius stellenweise gern skrupellos ausnutzte. Er wusste von Rosiers Tochter und ihrer Anwesenheit in Russland, aber er vergaß, dass sie erst am Morgen nach Leningrad gebracht worden war. Hinzu kam, dass er erfahrene Frauen bevorzugte. Wahrscheinlich unterstellte er Helen deswegen einen gewissen Grad an Erfahrung, zumal er wusste, dass sich die Frauen ihre Kleider selbst aussuchten. Nur jemand mit Erfahrung hatte wissen können, wie anziehend dieses unschuldige, hochgeschlossene weiße Kleid wirkte.

Alle Huren waren in seinen Augen gierig, egoistisch und vor allem minderwertig. Sie drängten ihre Körper auf und er nahm sich rücksichtslos, was ihm angeboten wurde. Huren sahen in ihm die Möglichkeit zum Ausstieg. Es war in Adelskreisen üblich, die eigene Geliebte auszustaffieren und ihr ein mehr als angenehmes Leben zu ermöglichen. Trennte sich der Blaublütige, ließ er seiner Geliebten eine äußerst angenehme Abfindung auszahlen, so dass sie zwar kein luxuriöses, aber dennoch bequemes Leben führen konnte. Eine Malfoy'sche Abfindung bedeutete ein kleines Vermögen. Außer Frage, er war sehr begehrt. Normalerweise setzten die Huren sämtliche, ihnen zur Verfügung stehenden Reize ein, um ihn zu verführen. Er hatte sich daran gewöhnt und mittlerweile war er gefeit gegen derlei berechnenden Charme.

Maia, Helen oder wie auch immer sie hieß, versuchte etwas Neues. Sie sah in aus großen, blauen Augen an und schien sich nicht entscheiden zu können, ob sie fasziniert oder verängstigt sein sollte. Er kannte diese Wirkung auf Frauen zur Genüge und genoss sie in sämtlichen Zügen. Hätte er die Lust verspürt, es hätte ihn mit Sicherheit nur ein Fingerschnippsen gekostet und die Frau läge willig vor ihm. Sie war doch nicht anders als alle anderen.

Mit seinen zweiundzwanzig Jahren wusste er, worauf es ankam. Frauen wollten umworben werden, sie wollten Romantik, das nötige Kleingeld und natürlich das Gefühl, die Beste und Schönste zu sein. Und auch wenn er die Kunst der Verführung noch nicht vollkommen perfektioniert hatte, so war er doch ein Meister dieses Faches. Dank seines Vaters. Dieser hatte Lucius zum vierzehnten Geburtstag zu einem ‚Männergespräch' in die Bibliothek von Malfoy Manor geführt. In vornehmen Kreisen war dieses Verfahren gebräuchlich. So hatte Malfoy senior eine erfahrene, hübsche Hure für den Abend bestellt, die seinen Sohn in die körperliche Liebe eingeführt hatte. Die magische Gesellschaft erwartete, dass sich die Männer vor ihrer Ehe „die Hörner abstoßen", wie es Shiva einst formuliert hatte. Sie sollten ausreichend Erfahrungen sammeln, damit sie später ihre junge, unerfahrene und natürlich jungfräuliche Ehefrau entsprechend umwerben konnten, um möglichst schnell einen potenziellen Nachfolger zeugen zu können.

Diese Tradition ging bin auf die alten Römer zurück, die eine Lebenserwartung von etwa dreißig Jahren gehabt hatten. Auch wenn zwischenzeitlich versucht worden war, diesen beliebten Brauch abzuschaffen, so hatte er nie wirklich gebrochen werden können und sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten wieder verstärkt durchsetzen können. So konnte Lucius Malfoy auf mittlerweile acht Jahre Erfahrung zurückblicken und mit Stolz behaupten, mehr als ein Frauenherz gebrochen zu haben.

Er sah, wie Helen den Blick senkte und unbewusst hinter Little M. Schutz suchte. Seines Wissens nach war er Miss Rosier noch nicht begegnet, woher kam das Gefühl sie zu kennen? Malfoy wollte dem auf den Grund gehen. Er legte seine Hand auf Little M.'s Schulter und schob diesen zur Seite. „Sie erlauben doch, Preobrazhensky?" Auch wenn er eine Frage stellte, so war klar, dass diese rhetorisch gemeint war. Little M. öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, aber Lucius' Blick brachte ihn zum verstummen. Helen derweil musterte angestrengt den Fußboden. Der Fremde verunsicherte sie. Sein charmantes Lächeln war einnehmend und sympathisch, doch eine Stimme in ihrem Bauch warnte sie.

Malfoy war seinem Freund einen Blick zu. Lestrange reagierte sofort. Er trat zu Little M. und verwickelte ihn in ein Gespräch. Little M. wusste, dass es die Regeln der Höflichkeit geboten, erst etwas Smalltalk mit Lestrange zu halten, bevor er diesen abzuwimmeln versuchte. Doch die Zeit hatte er nicht. Malfoy hatte sich geräuspert, so dass Helen den Blick hob und ihn schüchtern ansah. Der Blonde lächelte hinreißend. Little M. sah, dass auch Helen vor seiner Attraktivität nicht gefeit war und ihm Begriff war, dem Todesser zu erliegen. Er konnte nichts tun, Malfoy hatte ihn eiskalt ausmanövriert. Wenn er jetzt etwas Unüberlegtes sagte, war seine Familie in noch größerer Gefahr. Hielt er den Mund, konnte er Helen nicht vor Malfoy beschützen. Er fühlte sich wie der tragische Held in einem Drama. Jede Entscheidung, die er traf, schadete jemandem. Entweder seine Familie oder Helen. Er fühlte sich mies, doch Helen verlor. Little M. atmete innerlich tief ein. Er spürte Lestranges Hand an seinem Oberarm, die ihn warnend zurückhielt. „Ich erwarte dich morgen um 13 Uhr zu Dienstbeginn", sagte er so kalt wie möglich und drehte sich dann um.

Sie nickte abweisend. Noch immer stand sie an die Wand gedrängt, spürte die raue Tapete an ihrem Rücken und starrte geradezu paralysiert in das eisgraue Augenpaar über ihr. Als sie ihn lächeln sah, hielt sie sich krampfhaft an einem neben ihnen stehenden Schrank fest. Dieses Lächeln war atemraubend. Sie hörte, wie Little M. ihr Anweisungen gab, doch sie verstand sie nicht. Lediglich mit einem Kopfnicken reagierte sie. Es war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und sie stünde nur noch auf einem schmalen Brett. Ein Schritt und sie stürtzte.

Der Grund ihrer auftretenden Hitzewallung hielt ihr den Arm hin. Vollkommen automatisch ergriff sie ihn und ließ sich von ihm von der Bühne führen. Sie bemerkte nicht, wie Little M. ihr hinterher starrte und leise seufzte. „Sie ist süß", meinte Lestrange. „Ja, das ist sie…" Little M. war beunruhigt. Er kannte den Ruf des Mannes und hatte bereits von seinem neuerlichen ‚Interesse' gehört. Er hätte ihm jedes seiner Mädchen mitgegeben, nur nicht Helen. Doch ihm waren die Hände gebunden. Entweder er hielt sich zurück und konnte auf ein weiteres Lebenszeichen seiner Familie hoffen, oder er befreite Helen aus dem Bann Malfoys und riskierte nicht nur das Leben seiner Angehörigen, sondern auch ihrer beider Tod…


Begriffe:

paralysieren: blockieren, lähmen