15. Kapitel – Die erste Nacht

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Manche graben sich in materiellen Überfluß ein,
weil sie sich vor ihrer seelischen Armut fürchten.

Dr. phil. Rosmarie Tscheer

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Die Männer im Saal hatten wohl bemerkt, dass der ranghohe Todesser und seine Begleitung auf einmal verschwunden waren, doch niemandem war aufgefallen, wohin sie gegangen waren. Auch dass Maia nicht mehr auf der Bühne mitwirkte, wurde von den meisten registriert, doch in ihrem betrunkenen Zustand zog keiner von ihnen die richtigen Rückschlüsse. Einheitlich wurde vermutet, der neuen Hure sei die allgemeine Aufregung nicht bekommen.

Jene ließ sich von dem adonishaften jungen Mann durch einen Seiteneingang der Bühne führen und nahm nicht mehr die beunruhigten Blicke ihres Mentors war. Little M. sorgte sich wirklich um Helen, doch er konnte nichts mehr für sie tun. Er fühlte sich, als müsse er zusehen, wie seine junge Mitarbeiterin wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde. Und so gern er ihren Hals retten wollte, so genau wusste er, dass ihm keinerlei Handlungsspielraum geblieben war. Insgeheim wünschte er Helen alles Glück, das sie für eine Nacht mit dem verhassten Todesser gebrauchen konnte.

Auch wenn Helen von dem attraktiven Äußeren ihres Begleiters angenehm überrascht war, so bewahrte sie ihr rationaler und analytischer Verstand davor, den Kopf zu verlieren und in romantische Schwärmereien abzudriften. Helen vergaß nicht, dass sie einen mächtigen Feind neben sich hatte, der wohl alles andere als zärtlich und liebevoll war. Sie wusste, heute Nacht würde sie ihre Unschuld verlieren und sie fürchtete sich davor. Als sie noch in Hogwarts gewesen war, hatte sie immer von einem wunderschönen Ersten Mal geträumt, gefühlvoll, leidenschaftlich, liebevoll und vor allem mit einem Mann ihrer Wahl. Daher war sie auch nicht dem ‚Club der Jungfrauen' beigetreten, den die anderen Mädchen in ihrem Jahrgang gegründet hatten. In diesem Club wurde lediglich über Sex gesprochen und darüber, wie die Mädchen am effektivsten ihre Unschuld verlieren konnten. Helen hatte sich nicht an dem Gespräch beteiligt. Sie glaubte fest an die berühmte Erste Liebe.

Bis heute. Nie hatte sie sich träumen lassen, auf diese Art und Weise in die körperliche Liebe eingeführt zu werden. Auch wenn sie sich nicht der Illusion hingab, in dem Unbekannten einen einfühlsamen Liebhaber gefunden zu haben, so hoffte sie doch, dass es nicht allzu schmerzhaft und abschreckend werden würde, zumal sie dies wohl in Zukunft des Öfteren tun musste, wenn sie überleben wollte. Überleben. Helen schloss kurz die Augen, während Sie von dem Unbekannten geführt wurde und atmete tief durch. Wollte sie überhaupt überleben? Je mehr sie kennenlernte und je weiter sie in die Machenschaften der Organisation vordrang, desto stärker wurde ihr klar, wie minimal die Chance auf eine erfolgreiche Flucht war. Jede Sekunde wurde ihr schlüssiger, dass sie der Willkür und der Laune von den Männern ausgeliefert war, die sie hassen gelernt hatte.

Verzweiflung machte sich in ihr breit und plötzlich fiel ihr siedendheiß auf, dass sie vollkommen in Gedanken versunken gewesen war, so dass sie nicht mitbekommen hatte, wohin der Unbekannte sie führte. Verstohlen sah sie sich um und vermutete anhand des langen Ganges, dass sie sich noch immer im DinGrinder befanden. Sie nahm an, dass sie sich im dritten oder vierten Stockwerk befanden. Unauffällig sah sie zu ihrem Begleiter hoch, der sie noch immer führte, aber mittlerweile in diskretem Abstand zu ihr ging. Sie waren beide alleine. Kein Little M., kein Aufpasser, kein sonstiger Zauberer war zu sehen. Helen begann unbewusst zu zittern.

Malfoy bemerkte es natürlich. Seine Sinne waren geschärft. Er befand sich auf einem Terrain, das er nicht vollständig unter Kontrolle halten konnte. Er rechnete jederzeit mit einem Angriff. Es gab zu viele Neider oder Auftragskiller. Selbst die junge Frau an seiner Seite konnte auf ihn angesetzt sein. Er kannte das Prinzip und vor allem die Spielregeln der Mächtigen. ‚Nimm, was deinem Oper am Wichtigsten ist und es tut alles für dich', war der beliebteste Brauch. Am besten erfüllten Kinder ihren Zweck, da Mütter in diesem Fall besonders empfänglich waren. Dennoch vermutete er, dass Helen Rosier noch zu jung für ein eigenes Kind war. Aber er hütete sich davor, sie zu unterschätzen. Auch wenn sie den Eindruck eines unschuldigen Mädchens erweckte, so konnte die Wirklichkeit vollkommen anders aussehen. Ihm war erzählt worden, sie sei nach Russland gekommen, um die Tricks und Kniffe der Todesserfrauen zu lernen. Doch noch wusste er zu wenig, um einschätzen zu können, ob es tatsächlich der Wahrheit entsprach. Der Lord liebte Treuetests.

Am Ende des langen Korridors angelangt, erreichten das ungleiche´Paar eine Tür. Malfoy löste sich von Helen und befahl ihr, in den Raum zu gehen. Sollte sich dieser Raum als Falle entpuppen, so würde er vorgewarnt sein. Doch nichts passierte. Die junge Frau betrat ein großzügig eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und einem angrenzenden kleinen Bad. In seiner Grundstruktur war dieser Raum so eingerichtet wie der, der Helen zugeteilt worden war. Allerdings war die Ausstattung dieser Kammer ungleich luxuriöser und komfortabler. Die Sofas waren in einem eleganten, hellbeigen Ton gehalten. Passende Seidenkissen lagen bereit. Der davor stehende Tisch und der Sekretär, der in einer Ecke stand, waren aus teurem Holz handgeschnitzt und wiesen Spuren der Vergangenheit aus, die den wertvollen und eleganten Eindruck verstärkten. Das großzügige Himmelbett entpuppte sich ebenfalls als kostspieliges Möbelstück, das mit seidigen Laken und seidigen Decken und Kissen ausstaffiert worden war. Alles in allem erweckte der Raum ein entspanntes und beruhigendes Ambiente.

Mitten im Zimmer blieb Helen abwartend stehen. Sie drehte sich nicht zu dem Unbekannten um, schließlich sollte er ihre Unsicherheit nicht sehen. Doch Lucius achtete nicht weiter auf sie. Er schloss und versiegelte die Tür, folgte ihr dann mit großen Schritten in die Mitte des Raumes, um dort mit seinem Zauberstab die Wände und Einrichtungsgegenstände zu untersuchen. Er fand nichts, was ihn in irgendeiner Art und Weise beunruhigte. Anschließend trat er zu dem Sekretär, setzte sich und zog eine Mappe aus seinem Umhang. Den Zauberstab legte er achtlos neben sich auf die Platte. Umgehend war er in seinen Papieren vertieft.

Überrascht wandte sich Helen schließlich zu ihm um und wartete weiter. Es passierte nichts. Nachdem ein paar Minuten vergangen waren, räusperte sie sich leise. Malfoy blickte hoch und sah sie an. „Sir?", fragte Helen leise. Er zwang sich zu einem Lächeln. „Legen Sie sich schlafen. Sie sehen müde aus. Ich werde Sie morgen früh wecken, so dass Sie pünktlich zum Frühstück zurückkehren können." Wieder widmete er sich seinen Dokumenten und schien sie zu vergessen.

Unsicher trat Helen von einem Bein aufs nächste. Sie konnte kaum glauben, was hier passierte. Er wollte sie nicht? Ein Teil in ihr war erleichtert. So konnte sie das Unvermeidbare noch eine Weile aufschieben. Auch wenn sie es sich nicht eingestand, so machte ihr der Akt der körperlichen Liebe Angst. Das, was die Mädchen im Schlafsaal berichtet hatten, hatte sich nicht angenehm angehört. Im Gegenteil. Helen hatte eher den Eindruck gewonnen, dass er schmerzhaft und unschön war. Doch ein anderer Teil in ihr war unzufrieden. Der weibliche Part, den Helen zweifelsohne besaß, war gekränkt. Empfand sie der Unbekannte als abstoßen und nicht begehrenswert? Warum sollte er sonst ins DinGrinder gekommen sein, wenn er sich nicht eine Hure hatte nehmen wollen? Hatte ihm eines der anderen Mädchen eher zugesagt? Wenn ja, warum hatte er sie dann hergebracht? Er war nicht von ihr oder Little M. dazu aufgefordert geworden. Im Gegenteil. Sie hatte den Eindruck gewonnen, dass Little M. sie am liebsten von dem Unbekannten weggebracht hätte.

Helen legte sich angezogen auf die äußerste Kante des Bettes und rollte sich wie ein kleines Kind schutzbedürftig zusammen. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf und lange fand sie keine Ruhe. Doch irgendwann nahm die Erschöpfung überhand, so dass sie nach längerer Zeit doch einschlief.

ooOoo

Stunden später seufzte der blonde Mann auf und legte die Akten zur Seite. Er lehnte sich mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch, schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. In Momenten wie diesen fühlte er sich unsagbar alt. Trotz seiner zweiundzwanzig Jahre kam er sich wie zweiundsiebzig vor. Die Verantwortung, die schon früh auf seine Schultern gelegt worden war, schien ihn manchmal in die Knie zu zwingen. Sie fühlte sich bleiern an, so dass er oftmals glaubte, nicht wieder aufstehen zu können. Doch weder war es ihm erlaubt, eine Pause zu machen noch diese Verpflichtung gänzlich abzugeben. Und selbst wenn es eine Möglichkeit eines Nachfolgers gegeben hätte, so dauerte die Einarbeitung über Jahre. Aber das bedeutete Zeit und Zeit hatte er nicht.

Erneut stöhnte Lucius leise. Dann stand er auf und dehnte seine eingeschlafenen Glieder. Er ging zu einer kleinen Klingel, die im Raum keinerlei Geräusch verursachte, aber eines der Wesen herrief, die in Russland als Hauselfen dienten. Das Geschöpf mit dem übergroßen Kopf und den viel zu langen Füßen tauchte unmittelbar auf und erkundigte sich unterwürfig nach seinen Wünschen. „Diva und einen Samowar mit Red Keemun", orderte er in dem typischen malfoy'ischen Befehlston. Das Wesen verbeugte sich. „Welche Flasche, Sir?", fragte es in gebrochenem Englisch. Lucius überlegte einen Moment. „Die Beste." Es nickte und brauchte nur Sekunden, bis es zurückkehrte und die gewünschten Dinge auf den Wohnzimmertisch stellte. Dann verschwand es ebenso schnell, wie es erschienen war. Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtete er das Glasfläschchen. Ihm war bewusst, dass Shiva ihm Verschwendungssucht vorwerfen würde, doch dies war für ihn im Augenblick vollkommen unerheblich. Er musste sich in einem fremden Land ab und an etwas gönnen, um bei Laune zu bleiben.

Regelrecht ehrfürchtig goss er sich zwei Zentiliter in das hauchdünne, mundgeblasene Wodkaglas und trank es in einem Zug leer. Erneut füllte er die farblose Flüssigkeit in das Glas. Diesmal kostete er den typischen, vollmundigen Geschmack vollkommen aus. Das Wässerchen rann langsam über seine Zunge und Lucius schloss die Augen. Auch wenn ihn seine Umgebung anders wahrnahm, so war er in Wirklichkeit ein Genießer par excellence.

Mit dem Glas in der Hand näherte er sich bedächtig dem Bett und betrachtete die darin liegende Gestalt. Unter normalen Umständen war Helen Rosier kein Mädchen, dem er einen zweiten Blick gönnen würde. Doch wie sie in den seidenen Betttüchern lag und mit leicht geöffnetem Mund schlief, erregte sie etwas in ihm, das er am ehesten als Beschützerinstinkt definiert hätte. Verwundert zog er die Stirn in Falten. Ein Malfoy konnte sich keinen Beschützerinstinkt erlauben, zumal noch immer nicht geklärt war, ob sie ihn ausspionieren sollte oder ob ihre Begegnung im DinGrinder dem Zufall zuzuschreiben war.

Sein Blick wanderte über ihren Körper, der sich verheißungsvoll in die Laken schmiegte. Seine Gedanken wanderten in andere, lustvollere Richtungen. Doch sofort rief er sich wieder zur Ordnung. Ein Lucius Malfoy suchte sich seine Gespielinnen nach bestimmten Kriterien aus, wobei das Äußere nicht unbedingt eine Rolle spielte. Natürlich wollte er nicht das Bedürfnis haben, die Augen schließen zu müssen, sobald er sie sah. Daher war ein angenehmes Aussehen Grundvoraussetzung. Und auch wenn Lucius Malfoy Perfektion liebte, so hatte er schon früh die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Äußeres nicht gleich guter Charakter und Diskretion verhieß. Diskretion war sehr wichtig. Nichts war schlimmer, als eine Frau, die mit Details hausieren ging, die niemanden etwas zu interessieren hatte, zumal es vorkommen konnte, dass sie etwas aufschnappte, was geheim gehalten werden sollte. Dies passierte äußerst selten, Lucius war zu misstrauisch, doch die Möglichkeit bestand. Für diesen Fall war es unbedingt von Nöten, dass seine Gespielin ein dunkles Geheimnis hatte, oder eine besondere Bindung zu einem Menschen. Im Zweifelsfalle musste er auf etwas zurückgreifen können, um die Loyalität notfalls zwangsweise zu sichern.

Für einen Moment gestattete er es sich, sich eine mögliche Liaison mit Miss Rosier vorzustellen. Ihr Vater wäre außer sich vor Wut, sollte er jemals davon erfahren. Allein das war ein Grund, etwas mit dem Mädchen anzufangen. Genüsslich stellte er sich vor, wie er Evan bei einem Treffen in London unter die Nase reiben würde, dass ausgerechnet er mit Helen geschlafen hätte und er der Mann wäre, in den Rosiers Tochter verliebt wäre. Dass sich Helen in ihn verlieben würde, sollte er es darauf anlegen, stand für ihn außer Frage. Bislang hatte ihm noch keine Frau widerstehen können und erst eine hatte ihm einen Korb gegeben.

Bevor seine Gedanken zu der unglückseligen Liebschaft mit Artemis abdrifteten, hatte er sich bereits von dem Bett abgewandt und war zum Couchtisch gegangen, um sich ein weiteres Glas des sündhaft teuren Wodkas zu gönnen. Auch diesen Schluck genoss er nach allen Regeln der Kunst. Wie den Körper einer Frau tastete Lucius ehrfurchtsvoll den wertvollen Flakon ab und genoss das sich brechende Licht in den Diamanten. Behutsam stellte er das Glas zurück auf den Tisch und ließ sich mit einem Ächzen auf das Sofa fallen. Er zog seine Slipper aus glattem Napaleder aus und stellte sie ordentlich neben das Sofa. Dann streckte er sich und verschränkte die Arme vor seiner Brust. In dieser Haltung wollte er die schlafende Helen beobachten und seinen Überlegungen nachhängen. Er war es gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen. Tagsüber forderten die offiziellen Geschäfte des Malfoyimperiums seine Aufmerksamkeit, die er zum Teil durchaus von Russland aus lenken konnte und die nicht unter Shivas Zugehörigkeitsbereich fielen. Nachts war die Zeit der Todesser, um deren Ausbildung er sich zu sorgen hatte. Irgendwo dazwischen fielen Essen, Schlafen, gelegentliche Freizeitaktivitäten und natürlich die Korrespondenz mit dem Dunklen Lord.

Lucius bemerkte nicht, wie seine Augen zufielen und Sekunden später war er in einen tiefen Schlaf versunken…


Begriffe:

- Samowar: Kessel zum Erhitzen für Teewasser. Er speichert es und gibt es über einen kleinen Hahn ab.

- Diva Vodka: russischer Wodka in einem exklusiven Flakon, wahlweise mit Swarovskisteinen, Goldstückchen oder echten Diamanten verziert. Die Blackwood-Distillers (Branntweinbrennerei) erschuf mit diesem Luxuswodka die erste Spirituose, die mit Diamantstaub gefiltert wird. DV Wurde 2006 zum besten Wodka der Welt gekürt. Der Diamantenflakon kostet z. Zt. 788.000 Euro. Den DV gab es 1979 noch nicht. Allerdings gefällt er mir so gut, dass ich ihn kurzerhand einfach in das Jahr entwende. In DSS gab's dieses edle Wässerchen also schon 1979

- Red Keemun: Russische Teesorte, verfüg über wenig Koffein und beinhaltet kaum Gerbsäure. Der Red Keemun wird mit Keemun-Blättern aus Yunnan veredelt und besitzt eine dezente Teesüße.

- par excellence: ausgeprägt, schlechthin

- Slipper: flacher Herrenschuh


Anmerkung:

Ein Schelm, wer an Sex dachte lach