18. Kapitel – Vertrauensfrage

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Ob er das meint, was er sagt? Sie hört es gern. Ob er es ernst mit ihr meint?
Seine Stimme klingt weich, wenn er flüstert. Sie hat das gern. Er scheint ehrlich zu sein.
Hat er wirklich sie? Oder hat er nur das eine im Sinn? Nur noch ihr Kopf, der sich sträubt.

Engel zu Staub, von: PUR

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Die junge Frau sah Lucius Malfoy überrascht an. „Was?" – „Haben Sie Hunger auf ein gutes Frühstück?", wiederholte er lächelnd. Helen nickte überwältigt. Der Schreck, noch vor ein paar Minuten Angesicht in Angesicht mit einem verhassten Todesser gewesen zu sein, der vor Gewalt nicht zurück geschreckt war, saß ihr noch immer in den Knochen. Das Einzige, woran sie jetzt noch denken konnte, war eine frisch aufgebrühte Tasse echten englischen Tees. Dieses Verlangen konnte sie sich selbst nicht erklären, wahrscheinlich suchte sie unbewusst nach etwas Vertrautem.

Nachdem sich die junge Frau automatisch bei ihm eingehakt hatte, schließlich verfügte der blonde Adonis über eine äußerst überzeugende Art, geleitete er sie langsam zurück in das für sie bestimmte Zimmer. Währenddessen überschlugen sich seine Gedanken förmlich. Er war sich seiner Anziehungskraft auf sie mehr als bewusst, so dass ein möglicher Fehlschlag für ihn indiskutabel. Diese Attraktivität gepaart mit seinem offensichtlich vorhandenen, unwiderstehlich charmanten Naturell versicherte ihm, dass er Helen binnen ein paar Stunden freiwillig in sein Bett bekommen würde. Er machte sich keine Illusion darüber, dass sie mit dem Mann Lucius Malfoy schlafen würde, aber nicht mit dem Menschen. Frauen sahen was sie sehen sollten, nicht, was er wirklich war. Artemis gegenüber hatte er sich geöffnet, doch sie hatte nur in ihm das gesehen, was sie wollte. Er seufzte lautlos und legte seine Finger beschützend über Helens.

Seine junge Begleitung schien ebenfalls in Gedanken versunken zu sein, so dass er sich eine Analyse der aktuellen Situation erlaubte. Er hatte von seinem Herrn den Auftrag bekommen, Helens Widerwillen zu brechen und sie zu einer folgsamen Todesserin zu machen. Zusätzlich sollte er seine Fähigkeiten als erfahrener Liebhaber nutzen, um sie in die Kunst der körperlichen Liebe zu unterrichten, um sie später von Voldemort als Beweis dessen Gunst einsetzbar zu machen. Die dritte Auflage war zweifelsohne die Perfideste. Er sollte Miss Rosier schwängern, um eine neue reinblütige Generation mitsamt bester Veranlagung zu initiieren. Das edle Blut der Malfoys garantierte in den Augen des Dunklen Lords eine erfolgreiche Zukunft. Dass der Lord seit einiger Zeit über einen möglichen Nachfolger nachdachte, war im elitären Ersten Zirkel ein offenes Geheimnis. Dass dieser die schöne Artemis benutzen wollte, um mit der brillanten Erbanlage des jungen, angehenden Zaubertrankmeisters einen Erben hervorzubringen, war ebenfalls bekannt. Sollte es dem frisch vermählten Paar also gelingen, einen gesunden Sohn zur Welt zu bringen, war Snapes Stellung als Erster Todesser gesichert. Malfoy hasste diese Zukunftspolitik.

Sie betraten das Zimmer und Malfoy orderte erneut mit lässiger Arroganz ein vollständiges, fürstliches Frühstück. „Tee?", fragte er und bestellte selbigen, nachdem Helen bestätigend genickt hatte. Wieder dauerte es nur wenige Augenblicke, bis das Gewünschte erschien und Lucius lud seine junge Begleitung charmant ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Dann schenkte er ihnen beiden Tee ein und ließ sich gegenüber auf einen Sessel nieder.

Helen nahm ihre Tasse in beide Hände. Auch wenn es mitten im Sommer war und das ganze Haus angenehme Temperaturen aufweisen konnte, fühlte sie eine innere Kälte und hatte das Bedürfnis, sie mit einem heißen Tee zu vertreiben. Ihre Finger legten sich um das hauchdünne Porzellan und sie spürte, wie die Wärme langsam wieder in ihre Finger zurück kroch. Es war ein angenehmes Gefühl, so, als würde der große Eisberg in ihrem Inneren langsam zu schmelzen beginnen und ihre Gedanken wieder auf ein normales Maß zurückkehren. Langsam begann sie, die Situation zu erfassen. Noch immer hockte sie mitten in einem Zimmer eines berüchtigten russischen Bordells. Sie saß einem gefürchteten Todesser gegenüber, der zwar noch relativ jung, aber nichtsdestoweniger gefährlich war. Hinzu kam, dass er der persönliche Feind ihres Vaters war und bereits jetzt einen gefürchteten Ruf aufweisen konnte. Dennoch hatte er sich bislang wie ein echter englischer Edelmann ihr gegenüber verhalten, so dass sie sein Image nicht bestätigen konnte. Im Gegenteil, auf eine erschreckende Weise fühlte sie sich sogar von ihm angezogen und sehnte sich geradezu danach, von ihm berührt zu werden. Im krassen Gegensatz stand dazu die Befürchtung, mit weiteren Sympathiebekundungen ihr eigenes Grab zu schaufeln. Die junge Frau war im Moment alles andere als beneidenswert.

Lucius hatte sich entspannt zurückgelehnt, die Beine übereinander geschlagen und nippte ab und zu an seiner eigenen Tasse. Dabei beobachtete er sie nachdenklich unter halbgeschlossenen Augenlidern. Ihm war klar, dass der Dunkle Lord mit ‚Widerstand brechen' ein brutales Vorgehen meinte. In dessen Vorstellung war es nicht anders möglich, einen Gegner zu dessen Zielen zu bewegen. Voldemort erwartete zweifelsohne, dass er sich immer und immer wieder an Helen vergehen sollte. Solange, bis sie aufgab und tat, was immer der Dunkle Lord wollte. Ihm dagegen war klar, dass dies zwar der leichtere und wahrscheinlich kürzere, aber nicht automatisch der effektivere Weg bedeutete. Hinzu kam seine anerzogene Achtung vor der Frau als solche, so dass er sich gegen eine mögliche Vergewaltigung sträubte. Auch wenn einige seiner Kollegen des Schwarzen Ordens eine solche Vorgehensweise begrüßten, da sie durch die Macht über „das Weib", wie sie zu sagen pflegten, ihr eigenes Selbstbewusstsein aufzupolieren versuchten, konnte Malfoy selbst keinen Lustgewinn daraus ziehen. Er bevorzugte es, eine Frau zu umgarnen und letztendlich davon zu überzeugen, dass sein Weg der richtige sei. Er war davon überzeugt, dass er auch Helen auf seine eigene, ganz spezielle Art und Weise überreden konnte, aber dennoch saß ihm die vom Dunklen Lord gegebene Frist im Nacken. Fünf Tage waren nicht sonderlich lange. Er musste daher einen Weg finden, schnellstmöglich Zugang zu Helen und ihrer Zuneigung zu erhalten.

Nachdem sie zwei Tassen Tee getrunken und ein Brötchen gegessen hatte, fühlte sich Helen langsam wieder wie eine normale Hexe. Wobei, sie stutzte. Warum hatte sie mit Malfoys Zauberstab nichts machen können? Die Magie war doch deutlich spürbar gewesen. Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu und bemerkte, dass er sie aufmerksam beobachtete. In seiner Miene lag nichts Feindliches. Überhaupt war er nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Damals, im Hause ihres Vaters, hatte sie sein Äußeres nicht erkennen können, dazu waren die Lichtverhältnisse einfach zu schlecht gewesen. Sie hatte von Malfoy senior auf Malfoy junior geschlossen, weshalb sie ihn nicht sofort hatte erkennen können, als sie ihn im DinGrinder zum ersten Mal getroffen hatte. Jetzt saß sie einem aufregenden Mann gegenüber, der unter anderen Umständen ihr Herz zum Klopfen hätte bringen können. Dass sie tatsächlich weiche Knie bekam, ignorierte sie dezent.

Mit einer eleganten Bewegung stellte er seine Tasse auf den Tisch und kam zu Helen. Automatisch stand auch sie auf. In seiner Gegenwart zu sitzen kam ihr auf unerklärlicherweise falsch vor. „Habe ich mich Ihnen eigentlich vorgestellt, Miss Rosier?", raunte er und lächelte gewinnbringend. „Lucius Malfoy." Seine Verbeugung fiel mehr als respektabel aus und für einen Moment runzelte Helen misstrauisch die Stirn. Warum benahm er sich ihr gegenüber dermaßen zuvorkommend? Sie war eine Gefangene, eine Hure. Nie und nimmer war ein Malfoy zu einer wie ihr liebenswürdig, wenn er nicht etwas spezielles beabsichtigte.

Als sie sich nicht regte, nahm er ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. „Ich habe bereits viel von Ihnen gehört", begann er eine einseitige Konversation. „Und ich muss gestehen, Sie haben mich bereits überrascht. Es gibt wenige Frauen, die sich mit Ihrem Schicksal arrangieren können und versuchen, das Beste darauf zu machen. Wie ich hörte, waren Sie in Gryffindor?" Helen nickte. „Ich war ebenfalls in Hogwarts. Aber ich habe Sie nie dort gesehen?" Ganz offensichtlich erwartete er eine Antwort. „Sie hatten gerade Ihren Abschluss gemacht, als ich nach Hogwarts kam", sagte sie daher vorsichtig. Er nickte. „Gut. Dann brauche ich mir keinerlei Vorwürfe zu machen", erwiderte er charmant. „Vorwürfe?" Helen konnte sich nicht vorstellen, was er meinte. „Nun", erläuterte Lucius galant, „es wäre in der Tat verwerflich gewesen, hätte ich so ein außergewöhnliches Wesen wie Sie nicht bemerkt." Helen starrte ihn argwöhnisch an. „Außergewöhnliches Wesen?", wiederholte sie daher lediglich und erinnerte sich an die Kommentare, die sie zeitlebens zu hören bekommen hatte. Es fiel ihr mehr als schwer, Malfoy ernst zu nehmen.

Scheinbar hatte er bemerkt, dass er einen wunden Punkt in ihr getroffen hatte. Wieder nahm er ihre Hand behutsam in seine und streichelte ihr mit dem Daumen über ihre Knöchel, während er ihr fest in die Augen sah. „Sie haben etwas an sich, dass mich in Ihren Bann zieht", gestand er freimütig. „Ihr Mut, ihre leidenschaftliche Art, ihre betörende Unschuld… Sie mögen keine Schönheit im klassischen Sinne sein, meine liebste Helen, aber sie haben einen bezaubernden Charme, dem ich mich nicht entziehen kann." Sein Blick intensivierte sich und er zog sie langsam näher. Helen hatte das Bedürfnis wegzulaufen, doch ihre Füße blieben einfach an Ort und Stelle stehen. Sie versank in den Tiefen seiner Augen und sehnte sich danach, seine Worte glauben zu können.

Lucius streckte sanft seine andere Hand aus und schob ihr eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr. „Sie wirken so unschuldig und dennoch klug. Sie passen nicht hier hin, Helen. Und sie werden über kurz oder lang an den scharfen, harschen Sitten im DinGrinder zerbrechen." Seine Stimme war ein leises Flüstern und Helen hatte das Gefühl, als wenn ihr langsam aber sicher der Boden unter den Füßen weggezogen werden würde. Sie schluckte und schloss die Augen. Vielleicht konnte sie ihm widerstehen, wenn sie ihn nicht weiter ansehen musste?

„Ich kann es mir selbst nicht erklären", hörte sie ihn heiser flüstern, „aber in mir sträubt sich alles gegen den Gedanken, Sie den Haien vorzuwerfen, die auf sie lauern, wenn sie weiterhin hier bleiben. Ich kämpfe dagegen an, doch mein Körper schreit danach, Sie in den Arm zu nehmen und Sie zu beschützen. Vergeben Sie mir, süße Helen, wenn ich ein wenig zu forsch bin, doch hier, weit fern von England, fühle ich mich einsam und sehne mich nach einem Menschen, dem ich vertrauen und all meine Liebe schenken kann." Seine Stimme hüllte sie ein und wob ihr ein Netz aus Träumen und Sehnsüchten. Sie wollte glauben, was er ihr sagte und fühlen, wie seine Hand, die ihr langsam über die Wange strich, nach unten wanderte, tiefer und sie hielt. Sie lechzte danach, sich ihm anzuvertrauen und seine Schmeicheleien weiter zu genießen. Sie hungerte nach mehr…

Und gleichzeitig schlug ein ganzes Glockenkonzert Alarm. Es war DER Lucius Malfoy. Der ‚Blonde Abschaum'. Das Toxikum. Er galt als engster Gefolgsmann des Dunklen Lords, ihrem Feind. Wie konnte sie dem Freund ihres Feindes trauen, der gleichzeitig der Feind ihres Vaters war? Helen fühlte sich vollkommen überfordert. Was sollte sie nur tun? Sie vertraute Little M., der Malfoy bis aufs Blut hasste. Doch ihr Gefühl sagte ihr, dass dieser Mann nicht so war, wie er sich gab. Wem sollte sie also mehr vertrauen? Little M. oder ihrem Gefühl?

Lucius war einen Schritt zurückgetreten und hatte jeweils einen Finger jeder Hand lässig in seinen Hosenbund geschoben. Nachdenklich sah er sie an. „Kennen Sie eigentlich Leningrad?"


Begriffe:
- initiieren: einleiten

Anmerkung
Ich werde nächsten Mittwoch aus privaten Gründen für vier Wochen nicht da sein, entsprechend wird es einen Monat lang keine Updates geben. ABER, sowohl bei QED als auch bei DSS wird es weiter gehen. Ich habe noch genug Material im Kopf, was verarbeitet werden kann.

Bei QED werde ich eine kleine Zusammenfassung schreiben, so dass ihr nicht noch mal alles zu lesen braucht (was ihr natürlich gerne könnt, lach) und trotzdem den Überblick behaltet, was passierte.

Ich hoffe, ihr bleibt bei mir, lächel