19. Kapitel – Infernale Drohung
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Hat unsere Seele nur
einmal Entsetzen genug in sich getrunken,
so wird das Auge in
jedem Winkel Gespenster sehen.
Johann Christoph
Friedrich von Schiller
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Die junge Frau sah ihn verständnislos an. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie verstand, wovon Lucius Malfoy überhaupt sprach. Im einen Moment fühlte sie sich von ihm umschmeichelt, umworben, ja geradezu verführt. Im Nächsten fragte er sie, ob sie Leningrad kenne. Diesen Gedankensprung musste erst einmal jemand mitbekommen.
„Haben Sie alles?", fragte er aufmerksam und Helen schnaubte innerlich. Was sollte sie haben? Sie war mit nichts nach Russland gekommen, also konnte sie jetzt auch mit nichts wieder gehen. Sie nickte unwirsch, was ihm ein Lächeln entlockte. „Dann kommen Sie." Wieder führte er sie durch die Gänge und langsam bekam Helen einen Eindruck davon, wie das Gebäude zugeschnitten war. Ein System offenbarte sich ihr Schritt für Schritt. Vielleicht konnte sie dieses Wissen eines Tages für sich nutzen?
Also sie im Foyer angekommen waren, bedeutete ihr Lucius, stehen zu bleiben. Wieder gab er ihr einen charmanten Handkuss. „Warte hier auf mich", befahl er ihr knapp und ging zügigen Schrittes auf die Tür zum Saal zu. Sobald er verschwunden war, drehte sich Helen fast einmal um die eigene Achse und schlenderte schließlich zu einem bequem aussehenden Stuhl, der in einer Nische stand und Teil einer eleganten Sitzgruppe war. Große Pflanzen boten ihr Schutz und ließen kein freies Sichtfeld zu. Sie wusste nicht, was ihr geheimnisumwobener Begleiter vorhatte und richtete sich schließlich auf eine längere Wartezeit ein.
Es waren nur ein paar Minuten vergangen, in denen sie sich tatsächlich an Malfoys Anordnungen hielt. Sie überlegte zwar kurz, einfach aus dem Gebäude zu gehen und draußen in der Masse der Menschen unterzutauchen, doch sie sagte sich, dass das zu einfach wäre. Einem Lucius Malfoy konnte man nicht einfach entkommen. Sie musste spitzfindiger sein. Es war Helens Glück, dass sie doch dachte, denn dieser Fluchtversuch wäre einfach schmerzhaft gewesen.
Irgendwo im hinteren Teil des Foyers wurde eine Tür geöffnet und eine zierliche Gestalt eilte durch den Eingangsbereich. Als sie Helen auf ihrem Stuhl sitzen sah, hielt sie inne und überlegte. Dann änderte sie wohl ihre ursprünglich Absicht und eilte auf die junge Frau zu. Sie sah hastig verstohlen nach links und rechts, konnte aber niemanden sehen. Schnell setzte sie sich auf einen der freien Stühle.
Helen hatte aufgesehen, sobald sie bemerkte, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sich ihre Kollegin Leto zu ihr setzte und lächelte ihr vorsichtig zu. „Hallo." Leto nickte und lächelte. „Hey. Schön, dass ich dich mal allein erwische. Ich wollt fragen, wie deine erste Nacht mit dem Schwarzen Engel war." Sie wirkte aufrichtig interessiert und Helen hatte das Gefühl, dass diese junge Hure ehrlich Anteil nahm. „Ähm", war trotzdem alles, was sie herausbringen konnte." Leto kicherte vergnügt. „Man hört ja so allerlei von ihm. Aber ins DinGrinder kommt er selten und nie nimmt er eine von uns mit. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Aufregung bei uns herrscht. Ist er wirklich so? Oder sind das alles nur erfundene Geschichte." Helen war ob der Neugier ein wenig überfordert. „Zu mir war er recht nett", sagte sie daher und lächelte schüchtern.
Leto klatschte begeistert in die Hände. „Dann hast du ja einen echten Glücktreffer gelandet. Ich freu mich für dich. Sieh zu, dass du sein Interesse behältst. Wenn du es schaffst, zu seiner dauerhaften Geliebten aufzusteigen, hast du die größte Karte im Spiel gezogen." Wieder klatschte sie begeistert in die Hände. „Wer hätte das gedacht. Aber sag, wie geht's dir? Vermisst du England? Dort soll es ja ständig regnen", plapperte Leto weiter und Helen bemühte sich, ihr zu folgen. Es stellte sich stellenweise als schwierig heraus, da der russische Akzent der Kollegin sehr stark ausgeprägt war."
Irgendwann sah Leto sie aufmerksam an. Offensichtlich hatte sie der jungen Frau eine Frage gestellt. Helen konnte sich leider nur nicht an die Frage erinnern. „Hat er schon was gesagt, ob er dich wieder sehen will?" Helen lächelte erleichtert. Diese Frage konnte sie beantworten. „Er hat noch etwas zu erledigen, dann will er mir Leningrad zeigen." Ein breites Grinsen stahl sich auf Letos Gesicht. „Das ist ein guter Anfang… Ich wünschte, ich…" Sie sprach den Satz nicht zu Ende, sondern hin ihren eigenen Gedanken nach. Helen beugte sich interessier vor. „Was wünschst du dir, Leto?"
Diese sah die neue Kollegin nachdenklich an. Dann versicherte sie sich wieder, dass alleine waren. „Ach weißt du, Maia, ich hab mir früher immer das Leben so aufregend vorgestellt. Eine Hure, in Leningrad. Das klang nach Abenteuer und vor allem nach viel Geld. Ich komme aus einer sehr armen Bauernfamilie, musst du wissen. Ich habe vierzehn Geschwister." – „Vierzehn?", fragte Helen unglaubwürdig nach. Leto nickte grinsen. „Und ich bin die Jüngste. Natürlich hatten meine Eltern kein Geld mir etwas zu ermöglichen. Ich habe eines Tages einen Engländer getroffen, der mir schöne Augen gemacht hat und mir gesagt hat, wie schön ich sei." Sie seufzte. „Er wollte sich an meinem Körper befriedigen. Solange ich ihn rangelassen hatte, war alles in Ordnung. Meine Eltern waren streng orthodoxe1 Menschen aus Ljudinowo, das liegt in südwestlich von Moskau. Als ich plötzlich schwanger war, verstießen sie mich und der Mann versprach, mich mitzunehmen. Wir gingen zusammen nach Moskau. Doch er wollte das Kind in Wirklichkeit wegmachen lassen. Also bin ich vor ihm weggelaufen und traf einen Todesser, der mir von Little M. erzählt hat. Naja, so bin ich hier gelandet." Helen hatte aufmerksam zugehört. „Und das Baby?", fragte sie. Leto zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sie haben es mir direkt nach der Geburt genommen. Was sollte ich damit?" Ihr Gesichtsausdruck wurde verschlossen, so dass sich Helen nicht traute, weiter nachzufragen.
„Und jetzt?" – „Jetzt träume ich von einem Mann wie deinem Engländer. Weißt du, die meisten Männer gehen zu einer Hure, weil sie bestimmte Dinge zu Hause nicht bekommen. Sie wollen eine besondere Praktik ausprobieren, sie wollen eine hemmungslose Frau. Sie wollen immer irgendwas. Wenn sie auf dir liegen, ficken sie deinen Körper, aber du selbst bist ihnen völlig egal. Solange du an den richtigen Stellen ordentlich was hast, ist es ihnen egal, ob du glücklich bist oder nicht. Meistens sind sie nicht attraktiv. Man kann sich seine Kunden eben nicht aussuchen. Sie stinken, sind fettig oder haben Mundgeruch. Aber du brauchst das Geld. Zum einen, weil du bezahlen musst, dass du… arbeiten gehen darfst. Zum anderen, weil du leben willst. Little M. knöpft uns nichts ab. Er lässt sich die Miete für unsere Wohnungen bezahlen und nimmt einen geringen Anteil für die da oben." Ihre Stimme klang verächtlich, während sie das sagte. „Die Männer, die zu uns kommen, fühlen sich stark und toll, aber wenn sie eine von uns flachlegen, benehmen sie sich wie Tiere. Ich liege dann da, mache die Beine breit und träume mich weit weg. Irgendwo in eine Welt, wo ich nicht mehr auf diese Weise arbeiten muss. Ich träume von einem Mann, der sich in mich verliebt und der mich mitnimmt. Der mir seine Liebe täglich zeigt und dem es egal ist, was für eine Vergangenheit ich habe. Doch jedes Mal entpuppt sich der Traum als Illusion. Einige sind nett, andere sind Bestien. Einige behandeln dich gut, andere schlagen dich und dafür müssen sie keine Strafe fürchten." Sie schluckte. „Ich bin wie eine Schauspielerin, die den Männern etwas vorspielt. Die ihnen vorspielt, dass sie die tollsten sind und dass ich noch niemals in meinem Leben vorher so gut gevögelt worden bin. Das wollen sie hören. Machst du es gut, bekommst du ein paar Rubel extra. Wenn nicht… Naja. Aber was soll ich machen?
„Aber, du kannst doch jederzeit gehen?", fragte Helen. „Ja, klar", kam die Antwort auch prompt. „Maia, sei nicht so naiv. Wer würde schon eine ehemalige Hure einstellen? Einmal Nutte, immer Nutte. So läuft das heutzutage. Die Welt ist nicht gut. Die Todesser sind nicht gut. Und wenn deine Welt von Todessern abhängt, ist das erst recht nicht gut." Wieder senkte sie ihre Stimme beschwörerisch. „Ich hab euch vorhin zusammen durch die Gänge gehen sehen. Wenn er gut zu dir ist, sieh zu, dass es so bleibt. Etwas Besseres kann dir nicht geschehen." Helen nickte verwirrt. Leto nickte ihr zu, stand auf und eile in die Richtung weiter, in die sie ursprünglich hatte gehen wollen.
Helen runzelte die Stirn. Ging wirklich alles nur um Geld? Was, wenn sie, unwahrscheinlicherweise, jemanden kennenlernte, der nichts hatte. War es dann noch möglich, eine Beziehung zu führen? Sie hatte sich so viel erträumt, früher…
Eine versteckte Gestalt trat aus dem Schatten einer nahe stehenden, großen Pflanze und trat lautlos auf die Neue zu. Ein gemeines Lächeln lag auf ihren Lippen, was sie aber schnell zu verbergen wusste. Als sie sich neben Helen setzte, wirkte sie besorgte. „Wie geht's dir?" Helen war innerlich überrascht, sie hatte Aphrodite nicht für sonderlich freundlich gehalten. „Ich warte", antwortete sie daher ausweichen. Die ältere Hure nickte. „Ich hab schon gehört, du hast einen großen Fang gemacht." Als Helen etwas sagen wollte, winkte sie ab. „Aber du bist fast noch ein Kind. Eine Unschuld vom Lande. DU wirst Malfoy nicht lange halten können. Er wird seinen Spaß mit dir haben und dich dann einfach irgendwo vergessen und verrotten lassen." Zu den Stärken der drallen Frau gehörte seit jeher Menschenkenntnis, daher war es ein leichtes für sie, genau in die richtige Kerbe zu schlagen. „Du magst ihn vielleicht im ersten Moment mit deiner Naivität fesseln können. Doch bald wird er sich langweile und deiner überflüssig sein. Du bist eben nicht der Typ Frau, den Männer suchen." Abschätzend glitt ihr Blick über Helens Körper. „Ein schiefer statt sinnlicher Mund, zu große Titten und nicht handtellergroß, zu breite Hüften." Helen schluckte. Es war ihr, als spräche Evan Rosier wieder und wieder seine Vorwürfe aus.
Aphrodite kniff die Augen zusammen, so dass diese fast wie Schlitze wirkten. „Ich habe dich gewarnt, Kleine. Schnapp mir nicht die besten Männer weg. Lass deine kleinen dreckigen Finger von Malfoy, der gehört mir. Ich werde dir das Leben zu Hölle machen, wenn du mit ihm gehst. Sag ihm, du hast es dir anders überlegt. Sag ihm, dass du ihn nicht willst. Ich helfe dir, einen kleinen, netten Todesser für dich zu finden. Malfoy ist eine Nummer zu groß für dich." Sie beugte sich näher zu Helen und flüsterte so leise, dass Helen sie kaum verstand. „Ich warne dich nur einmal: Lass – deine – dreckigen – Pfoten – von – meinem – Mann." Helen wich schockiert zurück, doch Aphrodites Finger krallten sich unbarmherzig in ihren Oberarm. „Es ist einfach, hier einen Selbstmord vorzutäuschen. Das haben schon einige gemacht. Besonders so kleine Schlampen wie du, die geglaubt haben, hier einfach auftauchen und uns unsere Männer wegnehmen zu können. Ein Strick ist die offensichtliche Lösung. Strychnin ist ebenso effektiv. Bereits 30 mg können einen Mann töten, wusstest du das?" Ihr Lächeln wirkte falsch und grausam. „Ich mache dir das Leben zur Hölle."
Diese Worte waren die letzten, die sie vorerst von Aphrodite zu hören bekam. Dennoch reichten sie aus, um eine Angst zu verspüren, die sich langsam und Stück für Stück von ihrem Körper Besitz nahm und ihr schließlich die Luft abzuschnüren drohte. Aphrodite meinte es ernst, das stand für sie außer Frage. War es, weil sie Malfoy attraktiv fand? Helen hatte schon mehrere hübsche Männer gesehen. War es, weil Aphrodite angeblich auf äußerst seltsame Praktiken stand? Oder war es letztendlich doch nur eine Frage des Geldes? Ging es letztendlich immer nur um Geld?
Begriffe:
-Orthodoxe Kirchen - christliche Kirchen des „byzantinischen Ritus", strenggläubig, Die Theologie der Orthodoxen Kirchen ähnelt in vieler Hinsicht derjenigen der Römisch-Katholischen Kirche (Wikipedia).
- Strychnin: giftiges natürliche Verbindung, bewirkt eine Starre der Muskeln und wird Rattengift beigemischt. Es ist farblos und schmeckt bitter, weswegen es sich für einen Mord nicht eignet. Allerdings gab es Fälle, in denen Menschen mit diesem Gift ermordet wurden.
Anmerkung:
Nun ist das Semester vorbei und die Prüfungen erledigt. Verzeiht die Pause, aber ich musste wenigstens etwas lernen zwinker
Danke an
Flummi08: Geht bald weiter. Mein Baby vergess ich nicht, keine Sorge. Nur, wenn man sechs Monate an ein und der selben Geschichte schreibt, braucht man mal Abstand. Ansonsten wird es lieblos, lächel. Danke fürs Review
