21. Kapitel – Ein Entkommen ist Illusion

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Der Durchmesser eines Teufelskreises ist auch mit höherer Mathematik nicht zu berechen.
Waltraud Puzicha

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Little M. schrie und schrie und schrie – vor Verzweiflung, vor Hass und vor Angst um seine Tochter. Er spürte förmlich den Schmerz, den seine Jüngste hatte erleiden müssen und wünschte sich, er hätte diesen auf sich nehmen und ihn ihr ersparen können. Der finstere Lord genoss die ihm dargebotene Reaktion wie ein römischer Kaiser seine Gladiatorenspiele. „Wenn du die Kleine nicht in weiteren Einzelteilen wieder sehen möchtest, sollte dir ab sofort kein Fehler mehr unterlaufen, nur weil du deine Augen nicht von der kleinen Rosier lassen kannst." Little M.'s Blick huschte gehetzt zu Voldemort. „Aber ich-", begann er, doch natürlich durfte er nicht ausreden. „Mir wurde zugetragen, dass sie dein Bett wärmen soll und du Lucius von ihr abzubringen versucht hast, Preobrazhensky. Die Frauen sind nicht zu deiner Belustigung da. Vergiss das nicht. Wenn du deine Finger nicht von ihnen lassen kannst, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen." Mit diesen Worten verschwand der Dunkle Lord und Little M. blieb resigniert, erfüllt von Schmerzen und nur mit dem Blick auf die Hand seiner jüngsten Tochter zurück, an der noch immer der kleine, billige Ring steckte, den er ihr einmal auf einem Muggeljahrmarkt gekauft hatte.

ooOoo

Helen versuchte zu rennen, doch die Leute ließen sie einfach nicht durch. Im Gegenteil, sie schienen sich nur noch weiter zusammenzudrängen, so dass sie noch erheblich mehr Schwierigkeiten hatte. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr, dass Malfoy nicht mehr zu sehen war. Mit seinen knappen 1,80 m war er niemand, der aus der Menschenmasse herausragte, doch ein Lucius Malfoy fiel auf. Seine ungewöhnliche Erscheinung, seine dominierende Ausstrahlung, sein stechender Blick…

Nachdem sie etliche hundert Meter weitergelaufen war und ihn noch immer nicht hatte entdecken können, machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Sie schien es tatsächlich geschafft zu haben. Sie lachte leise und befreiend. Sie war ihm entkommen. Nun musste sie jemanden finden, der Englisch sprechen konnte und bereit war, ihr zu helfen. Doch das würde, im Gegensatz zu einem Fluchtversuch, kinderleicht werden. Dessen war sie sich sicher. Sie atmete tief ein und aus und drehte sich noch einmal um.

Malfoy stand direkt hinter ihr und sie sah, dass er zornig war. Sie schrie leise auf und begann wieder zu rennen. Diesmal bog sie nach rechts in eine dunkle Seitengasse ein und begann, sämtliche Kraftreserven in ihrem Körper zusammenzuziehen, um so schnell wie nur möglich zu laufen. Sie kam lediglich ein paar Meter weiter. Malfoy war stehen geblieben und starrte ihr mit finsterem Blick hinterher. Nach etwa fünfzig Metern war es, als prallte Helen gegen eine unsichtbare Wand. So sehr sie auch versuchte, weiterzulaufen. Sie schaffte es nicht. Hektisch blickte sie sich um. Das Blonde Toxikum stand noch immer dort und schien sich auf die Unterlippe zu beißen. Der Blick, den er ihr zuwarf, ging ihr durch Mark und Bein. Er zückte seinen Zauberstab, nachdem er sich verstohlen umgesehen hatte, zielte auf sie und murmelte einen Spruch, so dass es Helen unmöglich war, sich zu bewegen. Unaufhaltsam kam er näher und näher.

Lucius packte sie am Oberarm und bohrte seine schlanken Finger regelrecht in ihr Fleisch. „Das war dumm", knurrte er und griff ihr in den Nacken. Erneut zückte er seinen Stab und tippte wieder auf ihre Kette. Dann ließ er sie los. „Folgen", presse er hervor und trat an ihr vorbei. Helen wusste nicht, was geschah, aber es war, als würde sie an einer unsichtbaren Kette hinter ihm hergezogen werden. So sehr sie sich auch auflehnte, es half nichts, sie musste ihm folgen.

Er schritt durch mehrere Gassen und überquerte unzählige Straßen. Helen hatte mittlerweile den Überblick verloren und es aufgegeben, sich den Weg einprägen zu wollen. Als er unvermittelt stehen blieb, wäre sie fast in ihn hinein gerannt. Weit und breit war niemand zu sehen und Sekunden später war er mit ihr disappariert.

Sie tauchten in einem Park auf und diesmal nahm er sie an der Hand. Von Weitem mussten sie beide einem Pärchen ähneln, das händchenhaltend durch die Gegend schlenderte. Doch wer nahe an ihnen vorbei ging, konnte bemerken, dass er ihr Handgelenk krampfhaft umklammerte. Helen wagte es nicht, ein Wort zu sagen. Sie spürte, dass er furchtbar böse war. Neugierig sah sie sich um und entdeckte eine große Menschenmasse, die sich vor einem Gebäude, das wie ein Schloss aussah, tummelte.

„Ein Wort und ich breche Ihnen mit das Genick", knurrte er und legte scheinbar verliebt, den Arm um sie. Dann führte er sie zu einem Nebeneingang. Helen blieb keine Zeit, das herrschaftliche Anwesen bestaunen zu können. Er zog sie unbarmherzig mit sich und ein paar Minuten später standen sie vor einer Tür. Malfoy führte ein paar kompliziert aussehende Sprüche aus, bevor er diese schließlich öffnete. Unsanft stieß er sie in den Raum und schien die Schutzzauber wieder zu aktivieren.

Sie hatte kaum Zeit sich umzusehen. Mit wenigen, großen Schritten war er bei ihr und presste sie mit seinem Körper an die Wand. Dabei wanderte seine rechte Hand hoch zu ihrer Kehle und seine Finger legten sich unbarmherzig um ihren Hals. „Ich kann ein sehr großzügiger und geduldiger Mann sein", raunze der Zauberer. „Aber ich lass mir nicht auf der Nase herumtanzen. Nur weil ich dir zuvorkommend begegne, heißt das nicht, dass du keine Gefangene mehr bist. Haben wir uns verstanden?" Helens Augen waren vor Schreck geweitet. Er drückte zu und sie röchelte leise. „Ja… Sir."

„Du kannst dir einen Fehltritt erlauben, wenn du es nicht besser wissen solltest. Doch vermeide, einen Fehler zweimal zu machen. Haben wir uns verstanden?" Sie nickte. „Ursprünglich", fuhr er fort, „wollte ich dir so wenig wie möglich das Gefühl geben, eine Gefangene zu sein und dich stattdessen wie einen Gast behandeln. Scheinbar bist du der Ansicht, meine Großzügigkeit ausnutzen zu wollen." Er starrte sie drohend an. „Ich sage es dir zum letzten Mal, Helen Rosier, versuche nicht, mich hereinzulegen. Noch einen Fluchtversuch und du wirst dir danach wünschen, tot zu sein. Haben wir uns verstanden?" Wieder nickte sie.

Malfoy ließ seine junge Begleitung abrupt los. „Durch die Kette bist du magisch an mich gebunden. Vorhin konntest du dich bis zu zweihundert Meter von mir entfernen. Jetzt sind es drei. Solange du nicht gelernt hast, mir zu gehorchen, werden es drei bleiben." Kalt drehte er sich um und ging durch eine Tür auf der linken Seite in den nächsten Raum. Wieder musste Helen ihm folgen. Sie hatte keine Chance dort zu bleiben, wo sie stand.

„Dobby", rief Malfoy und Sekunden später tauchte ein kleiner Hauself mit hängenden Ohren auf. „Das ist Miss Rosier. Sie wird bis auf weiteres hier wohnen. Kümmere dich um sie", erteilte er ihm die Anweisung. Dann dachte er für einen Moment nach. „Ich verspüre keine Lust, dich im Bad ertragen zu müssen", knurrte er wieder und zielte mit seinem Zauberstab auf sie. „Zehn Meter. Wenn wir die Wohnung verlassen, werden es wieder drei sein." Mit diesen Worten drehte er sich um und marschierte mit harten Schritten ins folgende Zimmer.

„Katjana", rief der Hausherr harsch und donnerte mit seiner Hand gegen eine Tür. Helen hörte rasches Räumen, dann wurde die Tür aufgerissen und eine kleine Frau, deren dunkles Haar zu einem Dutt zusammengebunden war, knickste vor Malfoy. Ihre Hände wischte sie an ihrer Schürze ab und sie hielt den Blick starr zu Boden gerichtet. „Das ist Miss Rosier", stellte er die junge Frau erneut vor. „Sie wird hier wohnen und du hast zu tun, was sie will." Die Frau nickte und warf Helen einen scheuen Blick unter gesenkten Augenlidern zu.

Malfoy nickte, drehte sich auf dem Absatz um, während er seinen Umhang löste und in Richtung Dobby warf. Dass er den kleinen Hauselfen unter dem Stoff begrub, schien er nicht zu bemerken und wenn doch, so schien es ihn nicht sonderlich zu stören. Der Hauself beeilte sich, den Umhang aufzuhängen, bevor er seinen Herrn nach weiteren Wünschen fragte. „Lasst uns allein", befahl dieser und die Frau namens Katjana und Dobby verschwanden augenblicklich. Die Tür schlug hinter ihnen zu und Helen war mit ihm allein in einem Zimmer, dass nach einem kleinen Salon aussah.

Unschlüssig trat sie von einem Bein aufs andere und wartete, bis der junge Mann schließlich ein Einsehen mit ihr hatte. „Komm her. Setz dich." Er zeigte auf ein Sofa und ließ sich dann auf einen Sessel fallen. „Setzen." Helen beeilte sich, seinem Befehl nachzukommen.

Lange sah er sie unergründlich an. Seine Wut schien genauso schnell wieder verraucht zu sein, wie sie da war. Schließlich seufzte er. Er wusste, er musste versuchen, den Schaden zu begrenzen. Durch seinen Wutanfall hatte er sich selbst ein ganzes Stück in seinem Ansehen bei ihr zurückgeworfen. Also stand er auf und setzte sich neben Helen. Er nahm ihre Hand und begann, ihr über den Handrücken zu streicheln. „Ich habe heute mit Little M. gesprochen", sagte er leise und sah sie dabei lächeln an. Helen wunderte sich immer mehr über ihn. Er schien seine Launen zu wechseln, wie ein Chamäleon seine Farbe. „Uns ist beiden klar, dass du für die Bühne nicht gemacht bist. Ein Leben als Hure passt nicht zu dir. Du bist einfach… zu rein für so etwas. Ich möchte dich hier haben." Überrascht riss Helen die Augen auf. Er wollte sie bei sich haben? Aber warum?

„Als ich dich gesehen habe", fuhr er fort und ließ seine Augen nicht von ihrem Gesicht abschweifen. „Es klingt unglaubwürdig, das weiß ich. Aber als ich dich das erste Mal gesehen habe, habe ich dich nicht aus den Augen lassen können. Du hast etwas in mir angesprochen, das ich schon lange nicht mehr gefühlt habe." Diesmal nahm er beide Hände in seine. „Leningrad ist gefährlich. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Antioligarchen Jagd auf uns machen. Ich will nicht, dass du ihnen in die Hände fällst. Sie sind nicht nett zu Frauen. Als du plötzlich losgelaufen bist, habe ich Angst um dich bekommen." Er sah ihr tief in die Augen. „Ich möchte dich nicht verlieren. Ich-" Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen. Lucius beugte sich langsam vor, wobei er Helen nicht aus den Augen ließ und sie fast schon liebevoll ansah.

Helen wagte nicht, sich zu bewegen. Sie wusste nicht, was sie von seinen Worten halten sollte. Es klang so nett, so wunderbar, aber er war gefährlich. Dies hatte sie eben verspürt. Jetzt, als er neben ihr saß und sie bei den Händen hielt, machte er wieder dein Eindruck eines jungen, wohlsituierten Manns, der lieber auf Gesellschaften ging, anstatt sich nachts mit anderen Zauberern zu duellieren. Sie hasste sich für die Schwäche, aber sie konnte ihm nicht widerstehen. Als er sich vorbeugte, war ihr sofort klar, was er wollte. Instinktiv rutschte sie ein wenig näher an ihn heran und ließ es zu, dass er seine Hand sanft zwischen ihre Schulterblätter legte und sie weiter zu sich zog. Helen schloss die Augen, als sich schließlich ihre Lippen berührten und er mit seinen sanft an ihren zu knabbern begann.

Er war ihr Feind.



Begriffe:

Katjana: russischer Vorname, „du Kluge und Tapfere"

Anmerkung:

Ich werde mich an dieser Stelle verabschieden, da ich heute zu einer vierwöchigen Kur aufbreche. Heißt, in dieser Zeit wird es keine Updates geben. Eigentlich hatte ich noch eins für QED geplant, aber mir ist die Zeit davon gelaufen. Sorry

Da, wo ich hinfahre, werde ich Zeit haben, weitere Kapitel zu schreiben. Heißt, weder QED noch DSS werden eine never-ending-storie. Ich werde beide Geschichten auf jeden Fall weiter schreiben, aber jetzt nehm ich mir vier Wochen Auszeit.

Ich hoffe, ich werde euch alle gesund und munter wieder sehen lach