-freu- Seit gestern habe ich endlich wieder Internet :-) Ich dachte mir, ich feiere das, indem ich mal das nächste Kapitel hochlade ;-)
Kapitel 2- Das Spiel
Aufgebracht ging Atemu in seinem Gemach auf und ab. Das war doch ausgemachter Blödsinn! Wieso sollte er diesem Jungen ein Versprechen gegeben und es dann gebrochen haben? Er brach niemals seine Versprechen, was wohl daran lag, dass er schon aus Prinzip keine gab. Was hatte dieser merkwürdige Junge sich nur gedacht?
Hatte er ihn vielleicht verwechselt? Andererseits: Konnte man den Pharao mit irgendjemandem verwechseln? Selbst wenn der Junge jemanden kennen sollte, der Atemu ähnlich sah (und damit wäre er schon der zweite in Ägypten, denn Yuugi konnte man ebenfalls leicht für seinen Zwillingsbruder halten), ihm musste bewusst gewesen sein, dass er dem Pharao gegenüber stand. Egal, wen er aus seinem Dorf oder der nahen Stadt kannte, dieser jemand würde es wohl kaum auf den Thron Ägyptens schaffen. Wenn Yuugi also im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war- wovon Atemu ausging- dann musste er wirklich ihn, den Pharao, gemeint haben.
Und welchen Vorteil brächte es ihm, zu lügen und diese Geschichte zu erfinden? Dass er so oder so dem Tode geweiht war, musste ihm ebenso klar sein, wie seinem Richter. Und Atemu war nicht dafür bekannt, dass er sich von wilden Geschichten beeinflussen ließ.
Und worum ging es überhaupt in diesem Versprechen? Was sollte er versprochen haben?
Entnervt blieb Atemu stehen und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Schläfen. Na prima. Jetzt hatte er auch noch Kopfschmerzen, weil ihn dieser seltsame Junge und seine Worte nicht in Ruhe ließen. Das war wohl ein Zeichen. Er sollte endlich aufhören, darüber nachzudenken. Und Yuugi am besten gleich morgen hinrichten lassen.
Er klingelte nach einem Sklaven, der sofort demütigt geduckt hineinhuschte, und befahl, ihm seinen Schlaftrunk zu bringen. Seit er in die Kunst der Schattenduelle eingeführt wurde, hatte er nicht mehr richtig schlafen können. Albträume hatten ihn gequält und schließlich hatten die Ärzte am Hof ein Mittel gefunden, dass ihm den Schlaf gewährte, den er brauchte, um am nächsten Tag bei Kräften zu sein. Atemu trank es seitdem jeden Abend.
Jetzt war Schluss mit der Grübelei. Er würde sich nun zur Nachtruhe begeben, da das ewige Nachdenken ja doch zu nichts führte, und morgen, frisch und ausgeruht, würde er entscheiden, was mit dem Jungen geschah.
Es klopfte an der Tür und Atemu gewährte den Zutritt. Sein Heiler trat ein, in den Händen hielt er einen goldenen Becher, der mit einer dunkelgrünen Flüssigkeit gefüllt war. „Euer Schlaftrunk, mein Pharao."
„Gib schon her, du Quacksalber!"Entnervt entriss der junge Herrscher dem älteren Mann den Becher, stürzte den scheußlich schmeckenden Inhalt hinunter und jagte den Überbringer dann wieder aus seinem Gemach. Endlich Ruhe. Und so widerlich dieses Gebräu auch schmeckte, es half ihm ein- und durchzuschlafen. Atemu entkleidete sich, löschte das Licht und legte sich dann in sein Bett. Der Schlaftrunk wirkte gewohnt schnell und ließ ihn in einen tiefen und beinahe traumlosen Schlaf gleiten.
oo
Ein Junge in einem kleinen Dorf in der Wüste.... er spielte mit Altersgenossen und schien sich des Lebens zu freuen.... Mit einem Schlag erkannte Atemu sich selbst in dem Kind. Aber wann hatte er Zeit zum Spielen gehabt? So gut wie nie. Und schon gar nicht mit gleichaltrigen Dorfkindern. Die waren stets unter seiner Würde gewesen.
Die Szenerie wechselte. Es war Nacht und das Kind, das Atemu als sein jüngeres Ich identifiziert hatte, trieb sich im Palastgarten herum. Es war verboten für den Prinzen von Ägypten sich um diese Zeit und ganz und gar unbewacht außerhalb seiner Gemächer aufzuhalten. Was hatte er dort zu suchen?
Plötzlich ein leises Wispern: „Atemu?"Und der Junge traf einen zweiten. Sie ähnelten einander wie ein Ei dem anderen und plötzlich glaubte Atemu, sich an die Szene zu erinnern. Zwei Jungen, verschieden wie Tag und Nacht, in der Dunkelheit im Palastgarten.... ein Angebot, ein Versprechen....
„Ich schulde dir etwas. Was wünscht du dir? Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um es dir zu erfüllen."
„Ich wünsche mir nichts. Jedenfalls nicht für mich selbst. Aber versprecht mir eines: Wenn Ihr Pharao seid, seid gütig. Werdet ein besserer Herrscher als Euer Vater und sorgt dafür, dass es Eurem Volk gut geht."
Ein sanfter Händedruck. „Ich verspreche es."Der Kleinere lächelte.
oo
Atemu fuhr hoch und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Er befand sich im Palast. In seinen Gemächern und in seinem Bett. Es war nur ein Traum gewesen. Der Mond leuchtete hell vor dem Fenster und der Pharao fluchte leise. Der Schlaftrunk war nicht stark genug gewesen. Er war wie früher mitten in der Nacht aus wirren Träumen hochgeschreckt. Er erhob sich und trat an das Fenster um den vollen Mond zu betrachten, der sein Zimmer mit silbrigem Licht flutete.
Nein, es war nicht nur einfach ein Traum gewesen, wurde ihm bewusst. Eine verschüttete Erinnerung war wieder an die Oberfläche geholt worden. Er konnte sich plötzlich wieder erinnern. An diesen einen Tag in seinem Leben, in dem er nicht Atemu, der Prinz von Ägypten, sondern Atemu, das Kind, gewesen war. Dieser Tag, an dem er mit Dorfkindern gespielt hatte, ohne auf Rang und Namen zu achten und ohne Politik, Mathematik und Diplomatie lernen zu müssen.
Atemu schloss die Augen, als der warme Nachtwind über sein Gesicht strich. Und der Junge, der das damals ermöglicht hatte, hatte ihm ein Versprechen abgenommen. Wie war der Name des Jungen gewesen? Ah ja.... Yuugi. Atemu riss die Augen wieder auf. Er wollte verdammt sein, wenn das nicht derselbe Yuugi gewesen war, der jetzt unten im Kerker saß.
Das hatte der Junge also gemeint. Ein Versprechen, das in kindlicher Unschuld und im euphorischen Taumel nach einem ungewöhnlichen und aufregenden Tag gegeben wurde. Er konnte doch nicht ernsthaft erwarten, dass ein solches Versprechen immer noch dieselbe Bedeutung hatte, wenn das Kind, das es gegeben hatte, erst einmal erwachsen war, oder?
Werte veränderten sich. Die Weltsicht wurde eine andere. Erfahrungen formten den Charakter und niemand konnte ernsthaft annehmen, dass alte Versprechen noch dieselbe Gültigkeit besaßen, oder? Immerhin änderte sich der Mensch.
Atemu kleidete sich an und noch bevor er recht wusste, was er tat, war er auf dem Weg in den Kerker des Palastes. Als er eintrat, fand er alle Wachen schlafend und runzelte missbilligend die Stirn. Die Männer wurden nicht dafür bezahlt, um hier ihr Nickerchen zu halten. Diese Trägheit und dieser Ungehorsam mussten bestraft werden- aber nicht jetzt. Atemu hatte zwar schon ein nettes Spiel für diese Leute im Kopf, aber jetzt wollte er sich um andere Dinge kümmern. Er nahm sich den Schlüsselbund von einem der Wächter und schlenderte den langen Gang hinunter.
Er war nicht oft hier unten ( – Aus gutem Grund – dachte er naserümpfend), aber da die Zellen systematisch von vorne nach hinten belegt wurden, war es kein Problem Yuugi zu finden. Der Pharao öffnete die schwere Holztür, die ein wenig knarrte und in den Angeln quietschte und schloss sie hinter sich wieder.
Der Junge war wach, auch wenn er bewegungslos auf dem fauligen Stroh in einer Ecke hockte. In dem Halbdunkel der Zelle, die nur durch das Mond- und das Sternenlicht erhellt wurde, sahen seine amethystfarbenen Augen beinahe schwarz aus. Die beiden musterten sich einige Momente stumm und schließlich war es Yuugi, der die Stille brach. „Wenn Ihr gekommen seid, um Abbitte zu leisten und mein Verständnis zu erbitten, könnt Ihr gleich wieder schlafen gehen, mein Pharao."
Einen Augenblick war Atemu sprachlos. Erstens war es verboten, zu sprechen, bevor der Pharao das Wort erteilt hatte und zweitens waren die Worte des Jungen nicht nur frech, sie waren regelrecht unverschämt. Wieso sollte er, der Herrscher Ägyptens, sich bei einem Dorfjungen entschuldigen? Wozu brauchte er dessen Verständnis?! ..........................
......................... Wenn Atemu allerdings darüber nachdachte, war es genau das, wofür er hergekommen war. Ihm war selbst klar, dass er sein Versprechen nicht gehalten hatte und das nagte an ihm. Nicht etwa, weil er Schuldgefühle hatte, aber so etwas war nicht ehrenhaft. Man konnte ihm ja vieles nachsagen, aber er war und blieb ein Mann von Ehre. Deshalb war er heute Nacht in den Kerker gekommen. Um dem Jungen die Situation zu erklären und um verstanden zu werden.
„Dass das besagte Versprechen von Euch gegeben wurde, als Ihr noch ein Kind wart, ist keine Ausrede. Ihr wart alt genug, um zu wissen, was ein Versprechen bedeutet und um Eure Worte genau abzuwägen."Er verlagerte sein Gewicht und die Ketten an seinen Fuß- und Handgelenken klirrten leise.
„Hast du eigentlich keinen Respekt deinem Pharao gegenüber?!"Atemu hatte es noch bei keinem zum Tode Verurteilen erlebt, dass er sämtliche Regeln des Anstands und der Höflichkeit über Bord geworfen hatte. Im Gegenteil; sie hatten ihn stets um Gnade angefleht. Dieser Junge schien nicht einmal im Traum daran zu denken.
„Wisst Ihr wie man Euch im Volk nennt? Des Wahnsinns liebster Sohn."
„Des- WAS? Wie können sie es wagen...", fauchte Atemu zornig und in seinem Kopf formte sich bereits ein Racheplan nach dem anderen. Wie konnten diese niederen Kreaturen es wagen, ihren Gottkönig zu beleidigen?! „Ich bin der größte Pharao, den Ägypten je gesehen hat!"
„Ja, für wahr. Nie hat ein Pharao grausamer reagiert als Ihr. Nie gab es mehr Hungertote und dabei seid Ihr erst seid fünf Jahren an der Macht. Kein Pharao zuvor hat einen Thron aus purem Gold nötig gehabt und nie zuvor hat in Ägypten das Verbrechen in diesem Maße regiert. Ihr werdet wohl in die Geschichte eingehen, mein Pharao."Sein Ton war nicht anklagend. Er stellte lediglich Tatsachen fest- auch wenn sich eine gewisse Bitterkeit in seine Stimme schlich.
Und allein diese Tatsache, (dass er dem Herrscher Ägyptens keine Vorwürfe machte, sondern versuchte, seine Stimme neutral zu halten) hielt Atemu davon ab, Yuugi an seinem Gewand zu packen und ihm den Blödsinn aus dem Kopf zu schütteln, als er zischte: „Ich habe das Recht zu tun und zu lassen, was ich will. Wenn ich die Abgaben erhöhe, dann hat sich niemand darüber zu beschweren. Wenn ich einen Thron aus Gold möchte, dann bekomme ich ihn. Und in meinem Reich gibt es kein Verbrechen. Ich sorge dafür, dass alles in geordneten Bahnen läuft."
Yuugi seufzte und seine Augen blickten nun wieder traurig. „Ihr seid nicht nur größenwahnsinnig, Ihr habt auch den Sinn für die Realität verloren. Habt Ihr niemanden, der Euch die Augen öffnet? Mir ist ja klar, dass es schwierig sein muss, ein großes Land wie Ägypten zu überblicken, aber wozu habt Ihr denn Eure Berater?"
„Was meinst du?"
„Nicht Ihr regiert, sondern das Gesetz des Stärkeren und das Verbrechen. Sagt Euch niemand, wie es in den Dörfern und Städten zugeht? Dann will ich Euch ein Beispiel nennen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr lebte ich in Frieden in meinem Dorf und war glücklich. Meine Familie hatte nicht viel, aber es reichte, um uns alle durchzubringen. Dann habt Ihr die Abgaben erhöht. Was vorher genügt hatte, reichte nun hinten und vorne nicht. Das ganze Dorf hungerte und die Schwächeren starben. Aber das war wohl im ganzen Land so. Außerdem riss die Sitte ein, fremdes Eigentum nicht mehr zu akzeptieren, sondern sich einfach zu nehmen, was man wollte.
Eines Tages betrat eine Gruppe fremder Männer das Haus- am hellichten Tage- und forderte von meinem Vater, ihnen alles freiwillig zu überlassen. Als er ablehnte, töteten sie ihn, meinen jüngeren Bruder und meine Mutter ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Meinen Vater und meinen Bruder, weil sie keine anderen Männer im Haus haben wollten, meine Mutter, weil sie ihnen nicht mehr schön und jung genug war. Meine beiden Schwestern machten sie zu ihren Huren. Mich ließen sie am Leben, weil sie mich im ersten Moment für ein Mädchen hielten und meine Schwestern verhalfen mir noch in derselben Nacht zur Flucht, bevor herauskommen konnte, dass ich ein Junge bin.
Ich begann ziellos das Land zu durchstreifen, aber überall bot sich mir dasselbe Bild. Ägypten verkommt nach und nach und Ihr merkt es nicht einmal. Als ich drei Jahre später in mein Dorf zurückkehrte, war es einigen anderen Familien ebenso ergangen wie meiner. Niemand unternimmt etwas dagegen, alle schauen zu, weil sie Angst haben. Ich hatte das Glück bei alten Freunden meiner Mutter unterzukommen, aber so etwas ist selten geworden, wisst Ihr? Nachbarschaftshilfe war früher selbstverständlich, aber heute haben die Menschen nicht einmal für sich selbst genug."
„Mir kommen gleich die Tränen", sagte Atemu kalt und in seinen Augen zeigte sich nicht der leiseste Funken Mitgefühl.
„Wohl kaum", erwiderte Yuugi und seine Stimme klang noch trauriger, als er leise fortfuhr: „Um zu weinen, braucht man ein Herz."
„Ein Pharao hat kein Herz. Ein Pharao braucht kein Herz. Das ist unser Schicksal. Zur Herzlosigkeit verdammt."Atemu klang nicht, als täte es ihm besonders leid.
„Das Problem an der Sache ist nur, dass Euer Schicksal zum Schicksal Ägyptens wird."
Atemu sah ihn lange durchdringend an und als Yuugi schließlich seinen Blick senkte, und das stumme Duell als verloren gab, trat der Pharao auf ihn zu und der Junge hob abwehrend die Arme, weil er eine Ohrfeige erwartete. Die Ketten an seinen Handgelenken- eine so dick wie sein Unterarm- klirrten erneut leise.
Atemu schob die hinderlichen Arme unsanft beiseite und zwang Yuugi, ihm in die Augen zu sehen., in dem er mit Daumen und Zeigefinger sein Kinn umfasste. „Sag mir, warum hast du den Mann in Alvaro ermordet? Ein Junge wie du erscheint mir gar nicht kaltblütig genug dafür."
Yuugi schluckte nervös. „Ich- ich.... Er hat unser Dorf terrorisiert."
„Er hat lediglich meine Anweisungen ausgeführt", erwiderte Atemu ruhig.
Der Junge schlug die Augen nieder. „Ich weiß", hauchte er.
„Warum dann also, Yuugi?"
Der Angesprochene sah zaghaft wieder auf, als er seinen Namen hörte. „Ich musste Euch wiedersehen."
Der Pharao ließ eine Augenbraue in die Höhe rutschen. „Und dafür warst du bereit über Leichen zu gehen?"Er konnte in den Augen seines Gegenübers sehen, dass dieser nach einer Antwort suchte, die nicht zu viel verriet und andere Leute in Schwierigkeiten brachte. „Oder war es vielleicht so", fuhr Atemu fort, seine Stimme samtig. „.... dass er so oder so ermordet werden sollte? Und weil du mich an mein Versprechen erinnern wolltest, hast du dich entschlossen, bei diesem Mordkomplott mitzumachen? Oder war es vielleicht ein ganz anderer, der meinen Stadthalter ermordete, und du hast die Schuld im Endeffekt nur auf dich genommen, um einen Freund aus deinem Dorf zu schützen?"
„Nein, keiner der Männer oder Frauen aus meinem Dorf wollte ihn umbringen. Ich habe ihn ermordet; in dem Wissen, dass man mich zu Euch bringen würde, damit Ihr über mich richtet."
Es war seltsam. Atemu glaubte ihm nicht. Der Junge war zu zart, zu sanftmütig, um einem anderen Menschen das Leben zu nehmen- und doch... in seinen Augen stand keine Lüge. Der Pharao lehnte sich ein wenig näher. „Hast du es genossen?", flüsterte er und der Junge erschauderte.
„Nein."Yuugis Stimme zitterte und wieder las Atemu in seinen Augen, dass er die Wahrheit sprach. Er hatte kein Gefallen daran gefunden. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war es sogar das Scheußlichste gewesen, das er je erlebt hatte.
„Was hältst du von einem Spiel?"
„Ein Spiel, mein Pharao? Seid Ihr nicht zu alt zum Spielen?"
„Nicht für diese Art von Spielen. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber ich mag dich. Ich möchte dir eine Chance geben. Gewinnst du das Spiel, bist du frei. Verlierst du, wartet der Tod auf dich."
„Was ist das für ein Spiel?"Yuugi klang unsicher und Atemu lächelte kalt.
„Oh, das werde ich mir bis zum Mittag überlegen."Er richtete sich auf. „Bis dahin solltest du versuchen, etwas Schlaf zu finden, kleiner Yuugi. Ich kann dir versprechen, es wird anstrengend."Dann verließ er den Kerker wieder und bemerkte zu seinem Ärger, dass die Wachen immer noch schliefen.
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Es wurde Abend ehe Yuugi schließlich in den Thronsaal geführt wurde. Man hatte ihm andere Kleidung gegeben, damit er die Augen des Pharaos mit seiner Erscheinung nicht beleidigte. Yuugi fühlte sich etwas unwohl darin, denn er war noch nie mit freiem Oberkörper durch die Gegend gelaufen, wenn Fremde ihn sehen konnten. Es war ihm unangenehm.
Atemu lehnte entspannt in seinem Thron und neben ihm stand ein Sklave, der offensichtlich harte Arbeit gewohnt war, denn unter seiner sonnengebräunten Haut zeichneten sich wohlproportionierte Muskeln ab.
„Ich hoffe, du verzeihst die Unpünktlichkeit", begann Atemu höflich, aber in seinen Augen konnte man deutlich lesen, dass es ihm herzlich egal war, ob Yuugi ihm nun verzieh oder nicht. „Ich musste noch einige Leute bestrafen."Das Lächeln, das sich nach diesen Worten auf seinem Gesicht ausbreitete, jagte Yuugi einen eiskalten Schauer über den Rücken.
„Nun zu dir, Yuugi. Darf ich dir Kanaan vorstellen? Er wird auch an unserem kleinen Spiel teilnehmen. Die Spielregeln sind simpel. Ihr beide werdet gegeneinander antreten. Der Gewinner bekommt die Freiheit."
Plötzlich wurde Yuugi ein unterarmlanger Dolch in die Hand gedrückt und erst jetzt bemerkte er, dass sein zukünftiger Gegner ebenfalls einen besaß. Er schluckte und spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Das bedeutete doch nicht etwa...?
„Doch, genau das, Yuugi", sagte Atemu, der die Gedanken des anderen in dessen Augen lesen konnte. „Das ist ein Kampf auf Leben und Tod. Ach so, wenn du dir wegen der Kräfteverhältnisse Sorgen machst- er humpelt. Vor einigen Jahren hatte einen unerfreulichen Zusammenstoß mit einem Ochsen und seitdem ist sein linkes Bein praktisch steif. Es ist also fair. Er hat seine Kraft, du hast deine Schnelligkeit.... oder möchtest du vielleicht gegen mich antreten?"
Überrascht von dem Angebot hob Yuugi den Kopf und fixierte seinen Blick statt auf die Klinge des Dolches nun auf den Herrscher Ägyptens. „Ge-gegen Euch, mein Pharao?", fragte er ungläubig.
„Ja, gegen mich. Warum nicht? Wenn du mich tötest, wirst du als Held gefeiert. Wähle dir deinen Gegner, Yuugi."
Es stimmte. Hatte nicht jemand aus seinem Dorf gesagt, der Pharao müsse endlich vom Thron, wenn sich das Land erholen sollte? Er war so grausam, dass ihm niemand eine Träne nachweinen würde... andererseits machte dieser Gedanke Yuugi traurig. Wenn man niemanden hatte, der weinte, wenn man starb- wozu lebte man dann? Der Pharao musste sehr einsam sein....
„Ich werde nicht gegen Euch kämpfen, mein Pharao", sagte er leise, die Augen auf den Boden gerichtet. Er spürte Atemus Erstaunen, aber schließlich lehnte sich der junge Herrscher zurück. „Gut, dann ist es also entschieden. Kanaan!"Der Sklave nahm gegenüber von Yuugi Aufstellung und der Kleinere umklammerte seinen Dolch ängstlich. Wie sollte er diese Aufgabe denn nur bewältigen?
„Und noch einmal; nur für den Fall, dass ihr es inzwischen vergessen habt: Wenn du es schaffst, erneut zu töten, hast du gewonnen, Yuugi. Ansonsten... nun, dann ist Kanaan wohl der Glückliche, der seine Freiheit genießen darf."
„Als ob man das Leben in Eurem Königreich genießen könnte", murmelte Yuugi und starrte zu dem Mann, der sicherlich drei Köpfe größer war, als er selbst, empor.
Atemu beschloss, so zu tun, als hätte er diesen Kommentar nicht gehört. „Es gibt keinerlei Einschränkungen. Ihr dürft kämpfen, wie immer ihr wollt, Hauptsache einer von euch beiden ist am Ende tot. Und vergesst nicht, der Sieger ist am Ziel seiner Wünsche."
– Als ob Ihr wüsstet, was ich mir wünsche....– dachte Yuugi, doch er hatte keine Zeit mehr für Bitterkeit, denn sein Gegner griff an. Überrascht stolperte er zur Seite und schaffte es so, dem ersten Hieb zu entgehen. Er fing sich aber rasch wieder und drehte sich zu dem Sklaven herum, um dem nächsten Angriff zu begegnen.
Atemu sah dem Kampf interessiert zu. Anscheinend hatte er Yuugi völlig unterschätzt. So wie es aussah, hatte dieser nämlich allerhand Erfahrung in solcherlei Auseinandersetzungen und er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze. Es war eine wahre Freude, ihm zuzusehen. Was hatte er gesagt? Er war drei Jahre lang in Ägypten umhergewandert? Nun, da hatte er sich wohl oder übel selbst verteidigen müssen. Aber dass er es trotz seiner Jugend und trotz seines schlanken Körperbaus geschafft hatte, eine solche Perfektion zu entwickeln...
Was Atemu allerdings auffiel, war, dass der Junge seinen Dolch beinahe überhaupt nicht benutzte. Dabei hatte er einige Male die Gelegenheit, seinem Gegner tiefe Wunden beizubringen. Worauf wartete Yuugi denn? Darauf, dass er selbst aufgeschlitzt wurde? Als Kanaan ihm einen blutigen Schnitt am Oberarm beibrachte, revangierte er sich mit einer schmerzhaften, aber recht oberflächlichen Wunde, die sich quer über den Bauch des Größeren zog, aber danach beschränkte er sich wieder auf Abwehren und Ausweichen.
Schon bald glänzten ihre Körper vor Schweiß (was dem Kleineren ziemlich gut stand, wie Atemu zugeben musste) und sie waren mit unzähligen kleineren Wunden übersäht, aber der Kampf dauerte weiter an. Yuugis Bewegungen waren immer noch fließend und weich (– Gute Kondition– dachte der Pharao anerkennend), während die seines Gegners langsam erlahmten. Er legte jetzt mehr Kraft in seine Angriffe und sein kleiner Kontrahent hatte größere Mühe ihnen ausuzweichen. Es würde nicht mehr lange dauern, und der Sklave würde unfair werden, da war sich Atemu sicher. Wenn man seine Felle davon schwimmen sah und die Geduld verlor, waren die meisten nicht mehr an einem sauberen Kampf interessiert.
Kanaan täuschte einen weiteren Frontalangriff an, doch er führte die Bewegung nicht einmal halb zu Ende, denn als sich Yuugi wieder anmutig zur Seite weg drehte, fing er den kleineren Körper ab und bevor der Junge wusste, wie ihm geschah, fand der sich mit dem Rücken an den anderen gepresst.
Ein muskulöser Arm hatte sich um seinen Hals gelegt, um ihn am Platz zu halten und schnürte ihm gleichzeitig die Luft ab. Yuugi röchelte und instinktiv griffen seine Hände nach dem Arm, um ihn fortzudrücken und ihm wieder eine normale Atmung zu ermöglichen. Doch der Sklave schien davon wenig beeindruckt. Und auch als sich der Dolch des Kleineren tief in seinen Arm bohrte, ließ er sich los.
Sein Gesicht spiegelte den Schmerz weder, den er empfand, doch der Schraubstockgriff lockerte sich nicht. Atemu lehnte sich etwas vor. Wie es aussah, war der Kampf entschieden. Schade, den Kleinen würde es wohl das Leben kosten. Dabei hatte der Pharao dieses Mal wirklich auf Fairness bei der Auswahl des Gegners geachtet.
Die Klinge des Sklaven, die auf das Herz seines Opfers gezielt hatte, traf klirrend auf ihr Pendant in der Hand des Kleineren und glitt zur Seite ab, ritzte tief in die Schulter von Yuugi. Mit einem Schrei, halb aus Schmerz, halb aus Verzweiflung machte dieser nun endlich richtig Gebrauch von seiner Waffe und rammte sie nach hinten, in den Bauch des Größeren. Nun schrie Kanaan auf und entließ Yuugi aus seinem Griff.
Interessiert lehnte sie Atemu noch ein Stück weiter vor. So schnell konnte sich das Blatt also wenden. Die Wunde am Bauch blutete stark, war aber noch nicht lebensgefährlich. Sie schwächte den Sklaven, aber wenn er den Kampf schnell beendete, konnte er es überleben.
Doch wieder sorgte der kleine, zierliche Junge für eine Überraschung. Er hakte einen Fuß in die Kniekehlen seines Gegners und zog ihm schwungvoll die Beine unter dem Körper weg, bevor dieser auch nur realisierte, was geschah. Sein Dolch flog in hohem Bogen durch die Luft, polterte einige Meter entfernt zu Boden und der Körper landete schwer auf dem Marmorfußboden.
Yuugi kniete sich breitbeinig über ihn, nagelte die Arme seines Kontrahenten mit seinen Knien am Boden fest, und hielt sich gleichzeitig außerhalb der Reichweite der Beine. Unter normalen Umständen hätte der Sklave ihm immer noch einen saftigen Tritt verpassen können, wenn er ein wenig gelenkig gewesen wäre, aber mit dieser Wunde im Bauchbereich... ausgeschlossen.
Der Junge hatte seinen Dolch erhoben; bereit zu tödlichen Stoß, doch die Klinge verharrte zitternd in der Luft. Sicher, Kanaan hatte keine Sekunde gezögert zuzustoßen, als Yuugi ihm ausgeliefert war... aber der Jüngere zögerte. Er hatte einmal getötet und die Schuld brannte immer noch tief in ihm. Die Bilder des sterbenden Mannes verfolgten ihn immer noch in seinen Träumen. Außerdem war der Sklave nicht einmal im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte. Sein Bein behinderte ihn.....
Schließlich sank die Klinge nieder, aber Yuugi fügte dem Unterlegenen keinen Schaden zu. Stattdessen drehte er den Kopf in Atemus Richtung, seinen Gegner immer noch am Boden festgenagelt. „Wenn ich töte, gewinne ich?"
„So sind die Spielregeln."
„Ich möchte als Preis aber nicht die Freiheit. Ich verlange, dass Ihr Euer Versprechen einlöst."Er stand auf und Atemu musterte ihn ungläubig. Er stellte diese Forderung, wenn er bereits am gewinnen war und ließ sein Opfer dann laufen? War der Junge komplett verrückt geworden?
Atemu beobachtete, wie der Sklave sich seinen Dolch nährte und nickte schließlich. „Gut. So sei es. Aber zunächst einmal musst du gewinnen."
Yuugi nickte und sein Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Doch anstatt sich zu seinem Feind im Rücken umzudrehen, wie der Pharao es erwartet hatte, schloss er die Augen. Seine Lippen bewegten sich kurz und Atemu, der sich als Kind aus purer Langweile das Lippen lesen beigebracht hatte, las die Worte: „Bitte lass es schnell vorüber sein."
Und bevor sich der junge, und nun sehr verwunderte Herrscher Ägyptens darüber Gedanken machen konnte, stieß Yuugi sich seinen Dolch ins Herz. Kanaan keuchte verblüfft auf und Atemu fuhr von seinem Thron hoch. Was zum...? Was im Namen des allmächtigen Ra...?! Was bezweckte der Junge damit?? Warum nahm er sich selbst das Leben? Das machte doch überhaupt keinen Sinn!
Halb im Schock, halb in völliger Ratlosigkeit sah Atemu zu, wie der zierliche Körper zu Boden sank. Wieso hatte Yuugi ihn gerade noch um etwas anderes gebeten, für den Fall, dass er als Sieger aus diesem Duell hervorgehen würde, wenn er doch entschlossen war, zu verlieren?...... Nein, Moment.... Der Pharao hatte sich unklar ausgedrückt. Er hatte vom Töten als Siegesbedingung gesprochen. Aber nicht davon, den Gegner zu töten.
Yuugi hatte getötet- sich selbst. Und das bedeutete... das bedeutete, er hatte als erster Mensch in Ägypten ein Spiel des Pharaos gewonnen.
To be continued....
Yuugi: O.O Ich bin tot?? -zu Fellfie- Du hast mich umgebracht?! T.T
Fellfie: Hey, das warst du selbst. Und der da -auf Yami zeig- hat's provoziert.
Yami: -Fellfie anspring- So etwas würde ich nie machen -Staub wirbelt auf-
Fellfie: O.X Au! Grobian. Es war doch dein Spiel oder nicht ? Da sieht man mal wieder, was passiert, wenn Kinder nicht spielen dürfen....
Yami: -ziemlich sauer- Du... Duuuuu.....
Fellfie: o.O
Yami: -grr-
Fellfie: Iieek!! -rennt weg-
Yami: -rennt hinterher- Wenn ich dich erwische... ich schwöre dir, ich verbanne dich ins Reich der Schatten und wir sind dich und deine Fantasie ein für alle Mal los -zetert weiter, ist aber inzwischen zu weit entfernt, um verstanden zu werden-
Yuugi: -alleine- Wenn ich tot bin.... wie geht denn dann die Geschichte weiter? o.O -trottet Überlegungen nachhängend von dannen- -im Hintergrund jagt Yami immer noch Fellfie-
