So, was lange währt, wird endlich gut. Hoffe ich zumindest :-) Viel Spaß mit dem letzten Kapitel. Es tut mir ehrlich leid, dass ich so ewig dafür gebraucht habe, aber dafür ist es auch extra lang :-)

Teil 11/11

Mein ist die Macht – Mein ist der Tod

Kapitel 11- Das Ende

Das Heerlager selbst war ganz anders als Yuugi es sich vorgestellt hatte. Es war zwar sehr hektisch und der unangenehme Geruch von Alkohol und ungewaschenen Männern hing in der Luft, aber ansonsten war es wenig spektakulär. Viel weniger aufregend, als Yuugi es sich ausgemalt hatte.

Eigentlich hatte er keine Vorstellung davon gehabt, wie ein Krieg geführt wurde, doch ganz offensichtlich kämpfte man nicht pausenlos. Krieg schien ganz im Gegenteil sogar vorrangig aus der Planung der Schlachten zu bestehen. Obwohl Yuugi den Krieg verabscheute, so übte das Austüfteln von Strategien dennoch einen unbestreitbaren Reiz auf ihn aus.

Atemu wäre es am liebsten gewesen, wenn sein Kätzchen den ganzen Tag in seinem Zelt gesessen hätte, doch er wusste natürlich, dass er den bewegungsfreudigen Jungen nicht einsperren konnte. Stattdessen sorgte er dafür, dass Yuugi immer an seiner Seite war. Auf die Leine verzichtete er inzwischen, weil Yuugi ihm eines Abends schüchtern im Dunkeln gestanden hatte, dass er es demütigend fand, vor all den Soldaten an der Leine herum geführt zu werden. Er wollte den Jungen in seiner Nähe wissen, doch seinen Stolz verletzen, das wollte Atemu nicht.

Und obwohl er stets wachsam sein musste, fand Atemu, dass es eine gute Idee gewesen war, Yuugi mitzunehmen. Denn er beruhigte Atemu nicht nur, wenn ihn die Inkompetenz mancher seiner Leute zur Weißglut trieb, er war auch noch in anderer Hinsicht nützlich.

Strategien schienen ihn zu interessieren und nachdem er seine Zurückhaltung erst einmal überwunden hatte, wurden die Generäle des Pharaos, die für die Planung zuständig waren, geradezu mit Fragen überschwemmt. Zunächst hatten sie sie nur widerwillig beantwortet, doch diese Haltung hatten sie schnell abgelegt, nachdem sich aus mancher Frage ein interessanter Ansatz für neue Taktiken ergeben hatte. Yuugi war nun ein gern gesehener Gast am Strategietisch und Atemu machte es Freude, die Augen seines Kätzchens leuchten zu sehen, wenn sich der Junge mit den viel älteren Männern über die Karte des Areals beugte, um das Atemu zu kämpfen gedachte.

Abgesehen von dem üblen Geruch in der Luft und den ungenügenden hygienischen Bedingungen fühlte sich Yuugi im Heereslager beinahe wie zu Hause. Dass alles so ruhig blieb, schuf den trügerischen Eindruck, dass es sich hier eher um einen Ausflug in die Wildnis als um einen Krieg handelte. Doch als Yuugi an diesem Morgen die Zeltbahn beiseite schob und ins Freie trat, war irgendetwas anders. Die Luft war geradezu Unheil geschwängert.

Wie jeden Tag saßen die Männer in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich, tranken Bier und erzählten sich unanständige Witze, doch heute schienen wesentlich mehr mit ihren Waffen und Rüstungen beschäftigt zu sein. Sie prüften sie auf ihre Tauglichkeit, auf eventuelle Fehler, die ausgebessert werden mussten und sie polierten ihre Schwerter und Speere, bis sich das Licht der Sonne blendend darin spiegelte.

Alle schienen nervös und Yuugi sah, dass die kleinen Altäre im Heerlager wesentlich mehr Zulauf hatten als üblich.

Beunruhigt lief der Junge hinüber zum Zelt der Strategen, um Atemu zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte. Doch kaum hatte er das Zelt betreten, wusste er, dass ihn sein erster Eindruck nicht getäuscht hatte. Die Männer waren gereizt und unruhig und Atemus Blick, der ihn beim Eintreffen musterte, war stahlhart.

Yuugi schluckte und fragte: „Wann?"

„Heute Mittag, nachdem die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hat", antwortete Atemu und musterte ihn immer noch.

„Was? Aber das ist doch furchtbar heiß! Warum wartet Ihr nicht bis zum Abend?"

„Um den Überraschungsmoment zu nutzen, Kätzchen."

Yuugi atmete einmal tief durch. „In Ordnung."

Atemus Blick wurde scharf. „Was ist in Ordnung? Nicht, dass wir uns falsch verstehen- ich will nicht die kleinste Haarspitze von dir auf dem Schlachtfeld sehen. Du bleibst hier."

Yuugi klappte die Kinnlade herunter. „Was?" Der Gedanke, dass er von seinem Pharao getrennt werden würde- und dann noch in so einem wichtigen Moment- war ihm nie gekommen. Für ihn hatte nie der geringste Zweifel daran bestanden, dass er Atemu überall hin begleiten würde- auch auf das Schlachtfeld.

Sein Blick schweifte über die anwesenden Männer, doch in ihren Gesichtern las er nur Zustimmung zu der Entscheidung des Pharao. Von ihnen konnte er also keine Hilfe erwarten. Er öffnete den Mund, doch Atemu fuhr ihm scharf dazwischen: „Nein, Yuugi. In diesem Punkt lasse ich nicht mit mir verhandeln. Du wirst nicht widersprechen und auch nicht diskutieren. Akzeptiere meine Entscheidung… bitte", setzte er nach einen Moment des Zögerns hinzu und allen Anwesenden verschlug es den Atem.

Yuugi ballte die Hände zu Fäusten und ein großer Kloß bildete sich in seiner Kehle. Er wollte um alles in der Welt an Atemus Seite bleiben… aber der Pharao hatte ihn darum gebeten- gebeten!- im Lager zu bleiben. Wie konnte er Atemu diese Bitte abschlagen? Die vielleicht erste Bitte seines ganzen Lebens?

Als er daran dachte, wie viel diese Geste von seiner Zuneigung zu ihm, Yuugi, offenbarte, wurde dem Jungen ganz eng im Brustkorb. Schließlich biss er sich auf die Unterlippe und senkte er einfach nur den Kopf, um sein Einverständnis zu signalisieren. Ein Einverständnis gegen das sich sein Herz mit jeder Faser sträubte.

„Geh zurück in unser Zelt, Kätzchen. Ich komme gleich nach." Stumm tat Yuugi, wie ihm geheißen.

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Der kalte Nachtwind fuhr unter die Kapuze des Jungen und wehte sie von seinem Kopf. Er drehte sein Gesicht vom Wind und dem mitgebrachten Sand fort und seufzte leise. Obwohl er versprochen hatte, im Lager zu bleiben, war er nun doch hinaus geschlichen.

Atemu war vor dem Aufbruch noch in ihrem Zelt gewesen, doch er hatte es nicht vermocht, Yuugis Bedenken zu beruhigen. Was natürlich war, fand der Junge. Niemanden würde es kalt lassen, wenn sich der Geliebte in eine lebensbedrohliche Situation begab. Und er war immer noch nicht zurück.

Yuugi hatte keine Vorstellung davon, wie lange eine Schlacht dauerte, doch inzwischen waren viele Stunden vergangen und dass er immer noch nicht das Licht der Fackeln der Heimkehrenden sah, bereitete ihm Sorge. War das Unvorstellbare passiert? War Atemu besiegt worden? War niemand übrig, der heimkehren konnte? War der Pharao selbst vielleicht in Gefangenschaft geraten oder getötet worden? Yuugi hasste es, dass er sich dieselben Gedanken machen musste, wie schon bei Atemus erstem Besuch an der Front, obwohl er dieses Mal so viel näher am Ort des Geschehens war. Obwohl er eigentlich an Atemus Seite sein sollte.

Dass er Atemu so viel bedeutete, dass er ihn sogar darum bat, sich vom Schlachtgetümmel fern zu halten, machte den Jungen unglaublich glücklich, doch es machte die Trennung zugleich auch noch schwerer. Er hasste es, hilflos zu sein und den Menschen, die ihm am Herzen lagen, nicht helfen zu können. Er hatte es nicht gekonnt, als seine Familie damals von diesen Fremden zerrissen worden war und auch jetzt war er wieder nicht in der Lage, seinen Liebsten zu beschützen. Die Geschichte wiederholte sich.

Aufgewühlt fuhr sich der Junge durch das Haar. Er war zum Umfallen müde, doch er konnte seinen Wachposten nicht aufgeben, bevor er Atemu nicht in Sicherheit wusste. Also harrte er weiter auf seinem einsamen Hügel aus und starrte hinüber zum Horizont, während seine Finger langsam steif vor Kälte wurden.

Doch dann endlich, als die Nacht schon weit fortgeschritten war, nahm er einen schwachen Lichtschein am Horizont wahr. Hoffnungsvoll erhob sich der Junge, streckte die steifen Glieder und beobachtete wie sich viele Fackeln in einem unsteten Tanz auf das Lager zu bewegten. Zwischen den Lichtern schwankte eine unheimliche, schwarze Masse- Soldaten. Aber war es das richtige- Atemus- Heer, das sich dort auf sie zu bewegte?

Rasch lief Yuugi wieder nach unten und schlug gegen den Gong, der zum Alarm geben diente. In Windeseile hatten sich die im Heer verbliebenen Männer um ihn gesammelt und alle beobachteten angespannt die Prozession, die sich auf sie zu bewegte.

Dann endlich waren sie nahe genug, dass Yuugi den weißen Hengst von Atemu und die aufrechte Gestalt des Pharaos im Sattel erkennen konnte. Das Millenniumspuzzle auf seiner leuchtete matt im Schein der Fackeln.

Yuugi fühlte wie ihm buchstäblich ein Stein vom Herzen fiel. Ohne lange zu überlegen lief er seinem Pharao entgegen und Atemu hatte ihn offensichtlich auch vermisst, denn kaum war der Junge neben dem Pferd zum Stehen gekommen, fühlte er sich angehoben, als wäre er nicht schwerer als ein dreijähriges Kind, und wurde von Atemu vor sich auf dem Pferderücken platziert.

Yuugis Augen wanderten von Atemus Gesicht über seinen Körper und dann drückte er sich erleichtert an den kalten Brustpanzer des Älteren, als er keine Spuren von Verletzungen fand. Vor den gespannt wartenden Männern im Lager parierte Atemu sein Pferd durch und verkündete laut und mit Triumph in der Stimme: „Wir waren siegreich. Diese Schlacht haben wir für uns entschieden und dem Gegner gezeigt, was es bedeutet, sich mit Ägypten anzulegen."

Hinter ihm stießen die Männer seines Heeres zur Bestätigung ein wildes Triumphgeheul aus, in das auch die Männer aus dem Lager mit einfielen.

„Entzündet mehr Licht und kümmert euch um die Verwundeten", befahl Atemu seinen Soldaten und saß ab. Dann hob er Yuugi aus dem Sattel und legte den Arm um die Taille des Jungen, um ihn in sein Zelt zu führen. Doch der Kleinere rührte sich nicht vom Fleck, denn so eben war der erste Verwundete an ihnen vorbei getragen worden.

Er sah furchtbar aus. Das Gesicht eine schmerzverzerrte Fratze, der ganze Körper von Blut verklebt und der Atem ging schwer. Er sah nicht aus, als würde er den Sonnenaufgang noch erleben.

„Kätzchen?"

Dem ersten Verwundeten folgten viele andere. Stumm und entsetzt beobachtete Yuugi die Männer, die an ihm vorbei getragen wurden oder sich alleine zu den Heilern schleppten. Das medizinische Personal war vollkommen überfordert mit der Anzahl der Verwundeten und so mussten viele, die weniger schwer verletzt waren, erst einmal warten. Yuugi sah einen Mann neben dem Zelt der Heiler hocken, dem der gebrochene Armknochen aus dem Unterarm ragte und einen anderen, der sich ein blutiges Tuch gegen die Seite presste und apathisch in den schwarzen Nachthimmel starrte.

Als der Junge einen Schritt auf die Zelte zumachte, in denen die Verletzten behandelt wurden, hielt Atemu ihn am Arm fest. „Wo willst du hin?"

„Ich möchte helfen", antwortete der Junge tonlos und war froh, dass die letzte Mahlzeit etliche Stunden her war. Wie hatten diese Männer so voller Triumph sein können, wenn diese Schlacht so viel Leid über sie gebracht hatte?

Der Pharao zögerte einen Moment, dann ließ er Yuugis Arm los. „Komm in mein Zelt, wenn du fertig bist… und übernimm dich nicht, Kätzchen."

Dankbar, dass er gehen und helfen durfte, lächelte Yuugi Atemu an und machte sich dann auf den Weg. Er hatte keine medizinische Ausbildung wie die Heiler, aber trotzdem wurde jede helfende Hand dringend benötigt. Yuugi stellte Tragen auf, die den Verwundeten als Betten dienten, er wusch ihnen das Blut ab, verband die weniger schweren Verletzungen, sprach den Männern gut zu und hörte sich ihre Geschichten an, wenn sie von ihren Frauen und Kindern erzählten.

Einer der Männer verstarb, während er ihm von seinem kleinen Haus und seinem neugeborenen Sohn erzählte, doch entgegen aller Erwartungen erschütterte das Yuugi nicht. Er fühlte sich der Welt seltsam entrückt. Als würde sein Körper von alleine handeln und sein Geist wäre ein unbeteiligter Beobachter. Er tat, was getan werden musste und war emotional nicht beteiligt.

Und wenn er die ausdruckslosen Gesichter der anderen Helfer ansah, dann wusste er, dass es ihnen genauso ging. Diese mentale Barrikade war das einzige, was sie vor dem Grauen in diesen Zelten schützte.

Die Sonne nährte sich bereits ihrem höchsten Stand als ein erschöpft aussehender Heiler zu ihm trat. „Ruht Euch aus. Ihr habt genug geholfen."

Yuugi schüttelte jedoch entschieden den Kopf. „Nein, ich bin noch nicht müde. Ich kann noch weiter helfen."

Doch der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Versteht mich nicht falsch. Das war keine Bitte, sondern ein ärztliche Anweisung. Kommt wieder, wenn Ihr geschlafen habt."

Der Junge wollte erneut protestieren, doch der unnachgiebige Blick des Arztes belehrte ihn eines Besseren. Und so trat er hinaus in das gleißende Sonnenlicht und die Hitze schlug ihm entgegen. Für einen Moment konnte er nicht atmen, er schwankte und ging in die Knie, weil er nichts zum Abstützen fand.

Doch nach einem Moment ging der Schwindelanfall vorüber und er taumelte zum Zelt des Pharaos. Der Heiler hatte Recht gehabt. Er musste sich ausruhen, sonst lag er bald neben den anderen Patienten und damit half er niemandem. Der Pharao war nicht da, als er ihr vergleichsweise kühles Zelt betrat- die inzwischen vertraute Umgebung- und den Geruch seines Pharaos einatmete, der in jedem Winkel ihrer Unterkunft zu haften schien, und mit einem plötzlichen Ruck brach die Barriere, die ihn bis eben geschützt hatte.

Die Gesichter der Verletzten zogen vor seinem inneren Auge vorbei. Die Gesichter derjenigen, die ihre Verletzungen nicht überleben würde und sich dennoch an das Leben klammerten, weil sie jemanden hatten, den sie beschützen mussten. Die eine Familie zu versorgen hatten. Er dachte an all die namenlosen Toten auf dem Schlachtfeld, die man einfach hatte liegen lassen und heiße Tränen rollten über seine Wangen.

Seine Beine gaben unter ihm nach und seine Hand krallte sich in der vergebliche Suche nach Trost und Selbstbeherrschung in den Boden. Wie konnte Atemu zulassen, dass seinem Volk so etwas Schreckliches widerfuhr? Wieso beendete er den Krieg nicht? Warum verhandelte er nicht? War ihm sein Stolz wirklich so wichtig?

Voller Traurigkeit, hilflos und vollkommen erschöpft weinte sich der Junge in den Schlaf.

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Als er wieder zu sich kam, lag er in dem großen Bett, das er mit Atemu teilte und war sorgsam zugedeckt. Der Zelt war nur von dem schwachen Licht einer Öllampe erhellt, die auf dem kleinen Sekretär stand, an dem Atemu saß und etwas auf Pergament schrieb.

Verschlafen rieb sich Yuugi mit dem Handrücken über die Augen und setzte sich auf. Das leise Rascheln der Decke ließ Atemu den Kopf wenden. Als er sah, dass der Junge endlich aufgewacht war, stand er auf und ging zu ihm hinüber.

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich nicht übernehmen, Kätzchen", sagte Atemu mit leisem Tadel in der Stimme.

Yuugi starrte auf die Decke in seinem Schoß: „Ich weiß. Aber es gab so viel zu tun, dass ich gar nicht bemerkt habe, wie erschöpft ich selbst war." Für einen Moment schwieg er und setzte dann erneut zum Sprechen an: „Ist das wirklich nötig? All der Schmerz und das Leid der Männer und ihrer Familien? Warum verhandelt Ihr nicht mit der Gegenseite?"

„Ich mag kein guter Herrscher sein, Yuugi, doch ich verschwende keine Ressourcen. Hätte sich die andere Seite Verhandlungen und unseren Forderungen gegenüber zugänglich gezeigt, so gäbe es keinen Krieg."

„Welche Forderungen?"

„Sofortiger Rückzug. Herausgabe der Gefangenen. Sie weigern sich allerdings hartnäckig, dieses Land aufzugeben."

„Und warum gebt Ihr nicht nach? Was ist so wichtig an diesen Stück Wüste?"

Atemu schüttelte den Kopf. „Was so wichtig an diesem Stück Wüste ist? Wichtig daran ist, dass es zu Ägypten gehört. Und Ägypten war von jeher eine große Kriegsmacht. Das hat uns die meisten Feinde vom Hals gehalten. Wenn wir nachgiebig sind und diesen feindseligen Eroberern ein Stück unseres Landes überlassen, werden sie damit nicht zufrieden sein. Sie werden mehr wollen. Und andere werden ihnen folgen, bis ganz Ägypten im Krieg und im Chaos versinkt. Wir können es uns nicht leisten, Schwäche zu zeigen."

Yuugi schwieg und ließ sich Atemus Worte durch den Kopf gehen. Nein, sie konnte wirklich nicht mehr Feinde gebrauchen. Der Krieg war furchtbar, aber die hier geführten Schlachten verhinderten, dass der Feind ins fruchtbare Herzland vordrang und dort Verwüstungen anrichtete, die für eine schreckliche Hungersnot sorgen würde. Diese Männer wussten, wofür sie kämpften… und dennoch… dennoch erschien es Yuugi so unglaublich sinnlos, dass so viele ihr Leben lassen mussten wegen nichts anderem als territorialen Ansprüchen. „Wie lange soll das noch so weiter gehen?", flüsterte er.

Atemu fuhr ihm zärtlich mit der Hand durch das Haar. „Wir haben heute einen großen Sieg errungen. Noch sind nicht alle Schlachten geschlagen, doch ich bin zuversichtlich, dass der Krieg in absehbarer Zeit beendet sein wird."

Dann zog er Yuugi ein Stück näher, lehnte sich zu ihm herüber und drückte seine Lippen liebevoll auf Yuugis. Der Kuss war langsam, sinnlich und Yuugis Augen flatterten zu. Er wollte sich fallen lassen, den Kuss einfach genießen, doch die Bilder der Schwerstverwundeten flackerten immer wieder auf und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Atemu beendete den Kuss und hauchte Yuugi ins Ohr: „Erlaube mir, dich für eine Weile aus dieser Wirklichkeit zu entführen und dich vergessen zu lassen, was du gesehen hast."

Vergessen… oh ja, das klang gut. Gerne wollte der Junge die Bilder für einige Momente vergessen, doch er zweifelte daran, dass es ihm gelingen würde. Traurig seufzte er und Atemu erriet genau, was in seinem Kätzchen vorging.

„Sieh mir in die Augen, Kätzchen."

Yuugi folgte der Aufforderung augenblicklich, denn wie er hätte er sich auch gegen diese sanfte Aufforderung zur Wehr setzen sollen? Atemus Augen schimmerten im Halbdunkeln dunkelrot und die Intensität seines Blickes bannte Yuugi sofort. Langsam hob der junge Pharao eine Hand und strich Yuugi mit dem Daumen über die Wange. „Diese Nacht gehört uns, Yuugi. Niemandem sonst. All die Soldaten da draußen haben tapfer gekämpft und haben viel dabei verloren. Dennoch haben sie nicht das Recht, dich bis in dieses Zelt, in dieses Bett und in meine Arme zu begleiten."

Der Junge schluckte, schloss die Augen und nickte. Das wusste er alles. Das wusste er, aber es fiel ihm so schwer, loszulassen…

Atemus heißer Atem an seinem Ohr war die einzige Vorwarnung, die er bekam, bevor er die nasse Zungenspitze spürte, die die Konturen seines Ohrs nachzeichnete, und die Lippen, die sich anschließend um sein Ohrläppchen legten, um daran zu saugen.

Yuugi riss die Augen auf und sog scharf die Luft ein. Dann waren die Lippen verschwunden, um sofort an seinem Hals wieder aufzutauchen. Genießerisch legte Yuugi den Kopf und den Nacken und spürte, wie Atemus Haare sein Kinn kitzelten, während der junge Herrscher gleichzeitig seinen Hals liebkoste.

Oh, er liebte es, wenn sein Pharao ihm so viel Aufmerksamkeit schenkte. Da Atemu kaum jemals an jemand anderen außer sich selbst dachte, fühlte sich Yuugi umso mehr geliebt, wenn der Ältere ihn verwöhnte. Und weil er den Gefallen erwidern und Atemu ebenfalls Freude schenken wollte, konnte er nicht länger passiv unter ihm liegen.

Langsam nahm er eine von Atemus Händen, um seinem Partner Zeit zu geben, sein Gewicht neu auszubalancieren, liebkoste die empfindsame Handinnenfläche dann mit seinen Lippen und fuhr mit seiner eigenen Zunge dann genüsslich den Zeigefinger hinauf, um an der Fingerkuppe zu saugen. Er wusste, dass das seine Wirkung nicht verfehlen würde.

Atemu stöhnte leise auf, entzog Yuugi seine Hand, entkleidete sie beide rasch mit effektiven Bewegungen und versiegelte den Mund des Kleineren mit einem Kuss, der heißer brannte als der Wüstensand und in dem all sein Verlangen lag. Keuchend bog sich Yuugi ihm entgegen und wand sich gegen den größeren Körper. Atemus Antwort bestand darin, sich enger an ihn schmiegen, so dass zwischen ihren Unterkörpern eine wundervolle Reibung entstand.

Hilflos warf Yuugi den Kopf in den Nacken, gefangen in dem wundervoll erregenden Gefühl. Atemu starrte ihn an, die hingebungsvoll geschlossenen Augen, deren Wimpern auf geröteten Wangen ruhten, die feucht glänzenden Lippen, der schmale, sich rasch hebende und senkende Brustkorb… Er spürte, wie er vollkommen hart wurde und in dem Moment wurde ihm klar, dass sie heute weiter gehen würden als bisher. Und dass Yuugi ebenso bereit dafür war, wie er selbst.

Er biss sich auf die Unterlippe, um seine Lust noch ein wenig länger zu zügeln und begann Yuugi zu streicheln. Erst fuhr er mit nur einem Finger die hohen Wangenknochen entlang, während er Yuugis Unterleib mit seinem eigenen so eng gegen das Bett drückte, dass nur noch kleine Bewegungen möglich waren, die keinem von ihnen die ersehnte Erlösung bringen würden, sondern sie nur noch mehr aufheizten. Dann glitt sein Finger tiefer, den empfindsamen Hals entlang, zeichnete die Kurve des Schlüsselbeins nach und umkreiste die Brustwarzen. Erwartungsvoll hielt Yuugi die Luft an, doch der junge Pharao wollte ihn noch ein wenig länger auf die Folter spannen.

Seine Hand glitt hinunter zu dem weißen, flachen Bauch, kitzelten das Sonnengeflecht und entlockten der Kehle des Jüngeren ein Stöhnen: „Yami…"

Wie jedes Mal lief eine Gänsehaut über Atemus Körper als er diesen Namen aus Yuugis Mund hörte, in dieser sinnlichen Betonung. Sogleich wanderten seine Finger zurück zu Yuugis Brustwarzen, um sie so lange zu liebkosen, bis sich der Kleinere erregt unter ihm wand und sich seine zarten Hände hilflos in seinen Rücken krallten. „Yuugi…"

Violette Augen öffneten sich, sahen ihn dunkel und verschleiert vor Lust an. Sacht nickte der Junge, als er verstand, wonach Atemu fragte. „Ja, bitte. Ich möchte dich spüren."

Es war das erste Mal, dass Yuugi ihn duzte. Einen Moment saß Atemu völlig unbeweglich da, als eine Welle heißer Zuneigung über ihn hinweg spülte, dann lehnte er sich beinahe hektisch hinüber zu seinem Nachttisch, auf dem das Massageöl stand, um das Zittern seiner Hände zu verbergen. Anschließend dirigierte er Yuugi rittlings auf seinen Schoß.

Bereitwillig folgte der Junge seinen Anweisungen, drückte sich an ihn und presste damit ihre Erektionen zusammen. Atemu stöhnte kehlig auf und unwillkürlich bewegte sich seine Hüfte Erlösung suchend gegen Yuugi.

Atemlos tat der Kleinere es ihm nach und das Öl plumpste- vergessen für einige Momente- auf die Bettdecke. Ein wundervoll erregtes Kribbeln breitete sich bis in die Fingerspitzen in seinem Körper aus und Atemu spürte, dass Yuugi ebenso unter Strom stand, wie er selbst.

Mit zitternden Händen angelte er nach dem Massageöl und ließ ein wenig davon über seine Hände laufen, bevor seine Finger liebkosend zwischen Yuugis Pobacken glitten und der erste sein Ziel fand.

Der Junge keuchte auf, ganz nahe an Atemus Ohr, und der junge Pharao erschauerte wohlig, als der heiße Atem geisterhaft darüber strich. Seine andere Hand bewegte hinunter zu Yuugis Erektion, umfasste den harten Schaft und strich in geübten Zügen hinauf zur Eichel und wieder hinab.

Das reduzierte den Kleineren endgültig auf ein laut stöhnendes, unkontrolliert zitterndes Bündel Mensch, das sich willig und bereit an ihn presste und den zweiten Finger, der ihn zusammen mit dem ersten langsam dehnte, gar nicht zu bemerken schien. Auch Atemu spürte, wie sein Körper bebte- vor Erregung und weil es ihn so viel Willenskraft kostete, Yuugi nicht einfach auf das Bett zu werfen und sich seine Erlösung zu holen. Er ahnte, dass diese Nacht umso viel erfüllender sein würde, wenn beide aktiv daran teilnahmen.

„Ahhh… Yaahh… mi…", stöhnte Yuugi ihm heiser ins Ohr. Kleine, schlanke Hände griffen nach dem Öl und rieben die Erektion des Pharaos damit ein. Das brachte diesen nahe an die Grenze. Atemu biss sich heftig auf die Lippe, als er spürte, wie sich sein gesamter Körper diesen Berührungen entgegenstreckte, wie sein Penis noch ein wenig anzuschwellen schien…

Hastig entfernte er Yuugis Hände, legte seine eigenen um Yuugis runde Pobacken und positionierte ihn über seiner Erregung. Die großen violetten Augen seines Gefährten musterten ihn erwartungsvoll, dunkel vor Lust und verhangen mit Leidenschaft. „Bitte…", hauchte der Junge und mehr konnte der junge Herrscher Ägyptens wirklich nicht vertragen.

Er wusste, er war nicht vorsichtig beim Eindringen, er sollte behutsamer vorgehen, doch er konnte sich nicht länger beherrschen. Die Dämme waren gebrochen und seine kalte Selbstkontrolle wurde von seinem so heftigen Verlangen hinfort gespült, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte.

Er wollte diesen Jungen. Er wollte diesen Körper. Er brauchte ihn. Musste ihn fühlen, in ihm versinken. Und sein Kätzchen zeigte nicht das geringste Anzeichen von Gegenwehr. Im Gegenteil. Der Kopf fiel in den Nacken, bot den empfindsamen Hals schutzlos dar und ein genießerisches Seufzen entkam den feucht glänzenden Lippen.

An das, was danach kam, erinnerte sich keiner der beiden hinterher mehr genau. Alles verschwamm in einem Strudel der Lust, der alles mitriss, alle Zweifel, alle Erlebnisse des Tages und alle zusammenhängenden Gedanken. Alles, das nicht sie beide war, nicht dieses Gefühl, endlich eins zu sein. Den Geliebten tief in sich zu spüren und heiße pulsierende Enge um sich zu fühlen.

Als sie schließlich mit einem heiseren Stöhnen kamen, lehnten sie für eine Weile schwer atmend und überwältigt von der Intensität des Erlebten aneinander und die Welt kam nur langsam zum Stillstand.

„Yuugi", wisperte Atemu, strich über die gerötete, erhitzte Wange des Kleineren und wusste nicht, wie er all das, was er fühlte, in Worte fassen sollte.

Doch der Junge schüttelte lächelnd den Kopf, bedeutete ihm, dass Worte unnötig waren und küsste ihn. Der Kuss war sanft, süß und Atemu wusste, er war dem Jungen in seinem Arm hoffnungslos verfallen.

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Es brannte. Der Wüstensand unter seinen Füßen war nachtkalt, doch sein gesamter Körper schien in Flammen zu stehen. Der Schmerz loderte heiß und das Blut in seinen Adern hatte sich in flüssiges Feuer verwandelt. Benommen hob er den Blick und sah sich um. Er befand sich nicht weit entfernt von der Stelle, an der wenige Stunden zuvor noch die Schlacht getobt hatte. Er stolperte über einen Speer, dessen unglücklicher Besitzer nur wenige Meter weiter reglos im Sand lag, doch er hielt nicht inne.

Sein Ziel lag weiter vor ihm. Dort, wo er die kleine Flamme eines Lagerfeuers erkennen konnte, um die herum sich etwa zwei Dutzend vermummte Gestalten versammelt hatte. Wer waren diese Narren, dass sie mitten in der Nacht ein Feuer entzündeten, wo man es kilometerweit sehen konnte?

Dann fühlte er das tiefe Pulsieren, das aus der Erde selbst zu kommen schien und für einen Moment gefroren alle seine Bewegungen. Er wusste, was das bedeutete. Schattenmagie. Und mächtige dazu. Ein erneutes Pulsieren, stärker, tiefer dieses Mal.

Blind vor Schmerz stolperte er vorwärts. Er musste diese törichten Dummköpfe davon abhalten. Sie wussten nicht, worauf sie sich einließen. Was sie beschworen war zu mächtig. Atemu spürte es im tiefsten Innern seiner selbst. Das Monster… nein… ihm wurde kalt. Nicht das Monster. Die Monster. Eins… zwei... drei… drei Monster mächtiger als alle, die Atemu jemals selbst beschworen hatte. Wie konnten sie glauben, als Laien so viel Macht zu haben?

Entsetzt lief er schneller, doch die Wüste selbst schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Er sank tief in den Sand ein, der sich um seine Knöchel legte und ihn wie kleine, starke Hände zurückhielt, seine Schritte zu setzen.

Angestrengt keuchte Atemu und verdoppelte seine Anstrengungen. Wenn er zu spät kam, war alles vorbei. Diese Monster würden die Welt verschlingen. -- Yuugi…--

Ein tiefes Brüllen zerriss die Nacht, das sein Echo in einem vielstimmigen, entsetzten Schrei fand, als die vermummten Gestalten endlich erkannten, dass sie sich übernommen hatten. Doch es war zu spät… zu spät…

Schweißgebadet schreckte Atemu hoch und fand sich aufrecht sitzend in dem Bett in seinem Zelt wieder. Die Nacht um ihn herum war leise. Ab und zu hörte man das leise Murmeln der Männer, die Wache hatten oder das leise Klirren der Waffen, aber ansonsten wirkte alles friedlich. Yuugi lag neben ihm und schlief tief und fest, die Lippen leicht geöffnet und zu einem Lächeln verzogen.

Doch das Brennen an seiner Hüfte war immer noch da. Der Schmerz war nicht mehr so stark, dass ihm die Knie weich wurden, doch er war da, warnend, drohend. Ein Blick unter die Decke zeigte ihm, dass das Mal an seiner Hüfte eigentümlich leuchtete. Das hatte es noch nie getan. Auch bei größerem Schmerz nicht.

Leise stand Atemu auf und kleidete sich an. Das war kein Traum, sondern eine Vision gewesen. Da war er sich sicher. Er musste handeln. In eben diesem Moment versammelte sich eine kleine Schar Magier auf dem Schlachtfeld um diese Welt dem Untergang zu weihen.

Lautlos trat Atemu an das Bett und seine Hand strich zärtlich durch das Haar des Jungen. Ein wohliger Laut war seine Belohnung, bevor Yuugi ruhig weiterschlief. Atemu lächelte.

Sein Land war in Gefahr, die ganze Welt war in Gefahr und ihm war es egal. Doch da das zugleich hieß, dass auch Yuugis Leben auf dem Spiel stand, würde er etwas unternehmen. Selbst wenn eine Rückkehr ungewiss war. Er selbst hatte bisher immer an erster Stelle gestanden und er hätte sich nie träumen lassen, dass er sein Leben einmal für jemand anderen riskieren würde.

Doch er konnte nicht anders. Yuugi war nicht der Grund, dass die Sonne jeden Morgen aufging, dass die Vögel sangen oder die Blumen blühten. Aber ohne ihn waren all diese Dinge bedeutungslos. Dieser Junge, willensstark und zugleich so zart, gab dem eintönigen Leben des Pharaos einen Sinn und Atemu war nicht bereit, das Leben dieses kostbaren Menschen in Gefahr zu bringen.

Schon gar nicht durch ein paar dumme Amateure, die glaubten, Schattenmagie wäre ein Spielzeug.

Mit wehendem Umhang verließ er ohne jegliches Geräusch das Zelt, sattelte in aller Stille und ohne bemerkt zu werden sein Pferd und verließ das Lager. Er trieb seinen Hengst so hart an, wie es ihm möglich war, doch der weiche Sand behinderte das Tier und Atemu spürte, wie die Zeit ablief. Nicht mehr lange und seine Gegner würden kaum noch aufzuhalten sein.

Gerade als er die Sanddünen, die sein Heereslager und das Schlachtfeld trennten, hinter sich gelassen hatte und sein Pferd in einem halsbrecherischen Tempo über das dunkle Schlachtfeld mit den verstreuten toten Körpern und Waffen jagte, spürte er es. Das langsame, dunkle Pulsieren. Wie ein finsterer, bedrohlicher Herzschlag. Badamm.

Sein eigenes Herz setzte in dem Moment beinahe aus. Er musste sich beeilen. Schneller… schneller… in der Ferne am Horizont sah er schon das kleine Feuer.

Badamm.

Die klare Wüstenluft trug das undeutliche Raunen vieler Stimmen zu ihm herüber und am ekstatischen Tonfall hörte er, dass sich der Ritus seinen Höhepunkt und Ende zuneigte.

Badamm.

Nein, er durfte nicht zulassen, dass das Ritual vollzogen wurde.

Badamm.

Zu viele unschuldige Seelen würden von den gierigen Schatten verschlungen werden.

Badamm.

Nur noch wenige 100 Meter trennten Atemu von seinem Ziel.

Badamm.

Es war zu schaffen.

Badamm.

Es war…

Badamm

Badamm

Badamm

… zu spät. Ein gewaltiges Brüllen zerriss die Stille der Nacht und die Schemen von 3 gewaltigen Monstern zeichneten gegen den dunklen Nachthimmel ab, als das kleine Lagerfeuer hoch aufloderte und sie beleuchtete.

Atemus Hengst scheute, warf seinen Reiter ab und stürmte in blinder Panik davon. Der harte Aufprall trieb dem jungen Pharo die Luft aus den Lungen und der gleißende Schmerz, der in seiner Hüfte aufloderte und sich rasend schnell auf seinen gesamten Körper verteilte, machte ihn bewegungsunfähig.

Mit aufgerissenen Augen blickte er hinüber zu den Schattenmonstern. Ganz instinktiv kannte er ihre Namen. Der gewaltige, rote Götterdrache Slifer. Obelisk, mit unglaublicher Kraft und Zerstörungswut gesegnet. Und der Goldene Drache des Ra, ein tödlicher goldener Schimmer.

Von den vermummten Gestalten war keine Spur mehr zu sehen. Sie waren mit Leib und Seele Teil der Schatten geworden, um diesen mächtigen Bestien in diese Dimension zu helfen. Ganz ohne Zweifel, um sie gegen Ägypten ins Feld zu führen und die Kriegsnation zu zermalmen.

Doch ohne jemanden, der sie kontrollierte und ihnen Befehle gab, waren sie eine Gefahr für alle, und sie zögerten nicht lange, das zu beweisen.

Atemu fiel auf, dass ihre Gestalt noch nicht so kompakt war, wie er es von Schattenmonstern gewohnt war. Sie sahen eher aus wie geisterhafte Erscheinungen. Ihre Körper waberten und waren manchmal völlig durchsichtig.

Geschlossen wandten sie sich in die Richtung, in der Atemu schon lange das Lager seiner Feinde vermutet hatte und dem jungen Herrscher wurde schlagartig klar, was sie dort wollten. Sie hatten nicht genügend Energie bekommen, um sich wirklich manifestieren zu können. Sie brauchten mehr Seelen. Mehr Opfer.

Atemu biss die Zähne zusammen, richtete sich zittrig auf und lief ihnen nach. Es war ihm egal, was mit den Menschen im Feindeslager passierte. Sollten sie doch für ihr Dummheit bezahlen. Doch er konnte nicht zulassen, dass die Göttermonster ihre vollständige Stärke erlangten. So hatte er vielleicht eine Chance, sie zu besiegen. Waren sie erst einmal vollständig erstarkt, war das das Ende.

Es war nicht weit, das erkannte er an den Flammen, die unweit vom Schlachtfeld aufloderten und an den Schreien, die laut in der stillen Wüstennacht verhallten.

Schneller. Seine Lungen brannten und seine Beine schmerzten vor Anstrengung. Er hatte ein behütetes Leben geführt und hatte sich niemals viel bewegen müssen. Das rächte sich jetzt. Zornig ballte er die Hände zu Fäusten. Verriet ihn am Ende sein eigener Körper?

Dann musste er es anders machen. Das Millenniumspuzzle leuchtete hell, als er seine besten Monster zu sich rief und sie vorausschickte, um die Menschen davor zu schützen, von den Schatten verschlungen zu werden und den Bestien somit ihre Energiegrundlage zu nehmen. Doch er musste schnell feststellen, dass selbst sein Schwarzer Magier keine Chance hatte. Seine Monster gaben sich alle Mühe, schoben die vor Entsetzen gelähmten Menschen aus dem Weg, verbargen sie mit dem eigenen Körper und wichen den wütenden Attacken der Göttermonster, die tiefe Furchen in den harten Sandboden gruben, behände aus. Doch eins nach dem anderen wurde besiegt und verschwand wieder in der Schattenwelt.

Und dann war Atemu plötzlich der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Slifer, Obelisk und dem Goldenen Drachen des Ra. Sie bildeten einen Kreis um ihn und er konnte ihren Zorn darüber, dass er sich einmischte, in der Luft vibrieren fühlen. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als ihm bewusst wurde, womit er sich hier eingelassen hatte und dass er ganz alleine war. Seine eigenen Monster waren alle besiegt und vor Ablauf einer gewissen Frist konnte er sie nicht erneut rufen. Sollte das das Ende sein?

Badamm.

Wieder dieses tiefe Pulsieren, dieses Mal aber heller, leichter. Und es kam nicht aus dem Erdinneren, sondern von seinem Millenniumspuzzle.

Yuugi. Yuugi war auf dem Weg hierher. Erschrocken sog Atemu die Luft ein. Er spürte sein Kätzchen genau über die Verbindung seines Puzzles mit dessen Stirnschmuck. Und er spürte, wie aufgewühlt der Junge war, dass er Angst hatte und sich dennoch nicht von seinem Weg abbringen lassen würde. Er wollte bei ihm sein.

-- Nein… bleib fern… komm nicht!

Hier gab es nichts außer den Tod. Keinesfalls durfte Yuugi hier mit reingezogen werden. Ein Blick über die Schulter machte ihm mit Entsetzen klar, wie wenig Zeit er noch hatte. Er konnte Yuugis schmale Gestalt bereits erkennen, wie sie über die Ebene auf ihn zueilte.

Und er war nicht der Einzige, der es bemerkte. Slifer drehte seinen großen, roten Kopf, die weißen Zähne in einem drohenden Grinsen entblößt.

Das war alles an Motivation, das Atemu brauchte. Der Schmerz, der von seiner Hüfte ausstrahlte, schien ihn zerreißen zu wollen, als er nach der Tür tief in seinem Inneren griff, die er sich nie getraut hatte zu öffnen. Er spürte, dass dahinter pure Macht lag und er hatte immer Zweifel gehabt, ob sein Körper dem gewachsen war. Doch nun hatte er keine Zeit mehr für Zweifel. Yuugis Leben stand auf dem Spiel.

Mit einem tiefen Knurren, aus tödlicher Entschlossenheit und Agonie geboren, stieß er die Tür auf und alles wurde heiß. Und dann… nichts mehr. Keine Schmerzen mehr, nur gleißendes Licht. Atemu schloss die Augen.

o

Ein ungutes Gefühl ließ Yuugi aus seinen Träumen hochschrecken und er bemerkte sofort, dass Atemu nicht mehr bei ihm war. Nicht in diesem Bett, nicht in diesem Zelt, nicht in diesem Lager. Yuugi wusste nicht, woher er die Gewissheit nahm, aber Atemu fühlte sich furchtbar weit entfernt an.

Verwirrt stand der Junge auf, zog sich etwas über und trat in die Nacht hinaus. Einige wenige Fackeln im Lager brannten, doch sie vermochten die Dunkelheit nicht zu vertreiben. Schwärze lag über dem Land wie ein klebriger, erstickender Teppich. Etwas stimmte nicht.

Der kalte, nächtliche Wüstenwind fuhr durch Yuugis Haare und er blickte in Richtung des Schlachtfeldes. Atemu war in Gefahr. Das spürte er mit jeder Faser seines Körpers.

So rasch es seine unerfahrenen Hände vermochten, machte er sich sein Pferd fertig und schwang sich auf dessen Rücken.

„Hey du!", erklang eine herrische Männerstimme in seiner Nähe. „Was glaubst du, machst du da?" Einer der Wachmänner nährte sich rasch, eine Fackel in der Hand. Er hob sie so, dass er Yuugis Gesicht sehen konnte und stockte, als er erkannte, wen er vor sich hatte.

„Aus dem Weg", sagte Yuugi, die Stimme klar und von drängender Autorität. Verblüfft über diesen Ton trat der Mann augenblicklich zur Seite und Yuugi trieb seine Stute an. Er wusste, wohin er musste, auch wenn er diese Gewissheit nicht erklären konnte.

Ihm war klar, dass es für einen schlechten Reiter wie ihn nahezu selbstmörderisch war, sein Pferd in diesem Tempo durch die stockfinstere Nacht zu jagen, doch die Angst um Atemu hatte sich wie die kalte Hand des Todes auf sein Herz gelegt und ließ ihn nicht einen Moment daran denken, das Tempo zu drosseln.

Und dann passierte es. Die Stille der Nacht wurde zerrissen von einem lauten Brüllen und die Schemen dreier gewaltiger Monster erschienen am Himmel. Yuugis Stute scheute, doch wie durch ein Wunder gelang es dem Jungen nicht nur auf dem Pferd zu bleiben, er schaffte es das Tier daran zu hindern, in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen.

Bebend vor Angst standen sie da, Pferd und Reiter beide gleichermaßen entsetzt. Yuugi hatte schon einige Male zumindest indirekt Kontakt mit Wesen aus dem Reich der Schatten gehabt. Damals, als Junias verschlungen worden war und vor kurzem, als Atemu ihn in seinem Heimatdorf in der kleinen Gasse vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Die Monster damals waren eingesetzt worden, um ihn zu schützen und trotzdem hatte er sich zu Tode gefürchtet.

Diese Monster gehorchten niemandem und waren nur sich selbst verpflichtet. Kein Herr kontrollierte sie und jede Pore ihrer ätherischen Körper schien pure Bosheit und den Willen, zu vernichten, auszustrahlen. Die unaussprechliche Panik, die ihn bei diesem Anblick ergriff, machte den Jungen starr und unbeweglich.

Erst die Flammen am Horizont rissen ihn wieder zurück in die Wirklichkeit. Dort wurde gekämpft und er konnte sich nur eine Person vorstellen, die versuchen würde, es mit diesen Monstern aufzunehmen. Mit zitternden Händen trieb er sein sich sträubendes Pferd an. Er musste Atemu erreichen, bevor ihm etwas passierte.

Er glaube an Atemu, an seine Stärke, doch war er diesen gewaltigen Biestern gewachsen, die von den Göttern selbst geschaffen worden waren?

Behände sprang Yuugi von seiner Stute, als sich diese partout nicht weiter treiben ließ, und sichtlich erleichtert machte das Tier kehrt und jagte davon. Yuugi hingegen rannte so schnell er es vermochte auf die Göttermonster zu, die sich in einem Kreis versammelt hatten. Sein Herz blieb beinahe stehen, als er Atemu im Zentrum dieses Kreises sah. Allein, ohne ein Monster, das ihn beschützen konnte, und verletzlich.

Auch der Pharao hatte ihn bemerkt. Für den Moment, als sich ihre Augen trafen, schien die Zeit still zu stehen und mit wachsender Angst erkannte Yuugi, das Atemu im Begriff war, etwas unglaublich Heroisches zu tun. Etwas, das sie vielleicht für immer auseinander reißen würde.

„Yami, nein!", rief er verzweifelt, doch seine Stimme ging im Lärm der Flammen und im Grollen des großen, roten Drachen unter. Dann wurde es hell. Geblendet musste Yuugi die Augen schließen, stolperte und machte unsanfte Bekanntschaft mit dem Boden. Bewegungslos blieb er liegen und wagte es nicht, den Kopf zu heben, als eine Hitzewelle über ihn hinweg fuhr. Dann war der Spuk vorüber und das Einzige, was noch zu hören war, waren die Flammen, die im feindlichen Lager wüteten.

Alarmiert hob Yuugi den Kopf, sprang auf die Füße und schüttelte den Wüstensand ab. Von Atemu oder den Göttermonstern war nichts mehr zu sehen.

„Nein…", hauchte Yuugi und lief mit aufgerissenen Augen zu der Stelle, an der der junge Pharao gerade noch gestanden hatte. Außer Atem blieb er stehen, ein heftiges Stechen in der Seite und blickte sich um. Aber nichts ließ auf den Kampf schließen, der hier gerade noch getobt hatte.

„Nein!"

Yuugi setzte einige Schritte zurück und stolperte dabei über etwas, das halb im Sand hinter ihm verborgen war. Er fiel daneben und als er danach griff und es aus der feinen Sandschicht zog, füllten sich seine Augen mit Tränen.

Es war das Millenniumspuzzle, das Atemu immer getragen hatte. Kalt und leblos glänzte es im Schein der Flammen und Yuugi wurde mit Bestimmtheit klar, dass er Atemu hier nicht mehr finden würde. Nicht an diesem Ort, nicht in diesem Land, nicht in dieser Welt. Der Pharao hatte sich geopfert, um den Göttermonstern Einhalt zu gebieten. Um Ägypten… um ihn zu retten.

Heiße Tränen rannen seine Wangen hinab. „Yami, nein…" Seine Finger verkrampften sich um das Puzzle und er flüsterte erstickt: „Du Lügner. Du hast versprochen, bei mir zu bleiben. Du hast es versprochen!"

Ein Schrei entrang sich seiner Kehle, der den blanken, schieren Schmerz des Verlustes weit über die Ebene trug. „Yami!!!"

o

Jemand rief ihn. Nein, das konnte nicht sein. Wer sollte ihn rufen? Yami… wer war Yami? Er? Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als er versuchte, sich nicht zu erinnern. Er wollte hier bleiben. Hier, wo es warm war, wo er sich sicher und geborgen fühlte. Hier, wo er Frieden spürte und mit sich selbst im Reinen war. Wenn er sich erinnerte, würde all das wie eine Seifenblase zerplatzen, er wüsste wieder, wie viele Sünden er begangen hatte, die er nie wieder gut machen könnte… er wüsste wieder… Yuugi…

Atemu schlug die Augen auf und das erste, was er sah, war Licht. Geblendet blinzelte er und nach einigen Momenten wurde ihm klar, dass es nicht einfach Licht war. Es war eine Gestalt, in Sonnenlicht gehüllt, so hell, dass man sie kaum ansehen konnte. Aber es war warm und gütig. Nicht so brennend und gnadenlos wie die Wüstensonne.

Er schwebte auch nicht länger im Nichts, nun stand er auf seinen Füßen, dieser Gestalt gegenüber. „Allmächtiger…", flüsterte er hingerissen.

Atemu spürte die Gestalt lächeln. „Eben jener. Ich freue mich, dass du zu mir zurückgefunden hast, mein verlorenen Sohn." Die Stimme androgyn und sanftmütig.

„Allmächtiger Ra…", wisperte Atemu und spürte Panik aufkeimen. Nein, er konnte seinen Göttern nicht gegenüber treten. Er hatte noch für so viele Sünden zu büßen, so viele Schulden zu begleichen…

„Beruhige dich, Atemu, Sohn des Ra. Ich bin nicht hier, um dich zu richten."

Der junge Pharao blinzelte. „Nicht? Warum dann? Bin ich nicht tot?"

„Warum bist du hier?", antwortete Ra mit einer Gegenfrage. „Warum hast du dich dagegen entschieden, für die Ewigkeit zu schlafen, ohne Schmerz, ohne Qualen, sicher eingehüllt in den Kokon des Vergessens?"

„Weil ich…" Ja, warum gleich? Ach ja… jemand hatte ihn gerufen…. Yuugi hatte ihn gerufen. „Weil ich nicht vergessen möchte. Ihn nicht vergessen möchte."

Ra machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm und plötzlich schien das Licht um ihn herum ein kleines Loch zu bekommen und er konnte Yuugi erkennen. Sein Kätzchen, das bitterlich weinend im kalten Sand der Wüste kniete, das Puzzle fest umschlungen.

„Ich muss zurück."

Ein sanfter, mitfühlender Blick traf ihn. „Das geht nicht. Du bist nicht tot, aber ohne eine physische Hülle ist es dir nicht möglich, diese Welt, in der dein Gefährte lebt, zu betreten."

„Was-?", wollte Atemu zornig wissen, erinnerte sich jedoch im letzten Moment, mit wem er sprach. Verlegen räusperte er sich. „Gibt es keine Möglichkeit?"

„Doch, es gibt in der Tat eine Möglichkeit", sagte Ra nach langer Pause. „Wenn du es wünscht, könnte ich deine Seele an das Millenniumspuzzle binden. Puzzle und Puzzleträger sind verbunden. So wärt ihr zusammen, solange er das Puzzle hat."

„Wo ist der Haken?"

„Du hast immer noch keine physische Gestalt. In seiner Welt kannst du nur handeln, indem du seinen Körper übernimmst."

„Aber ich wäre bei ihm und könnte ihn schützen."

Ra nickte. „Ja, in der Tat. Allerdings nur solange, wie das Puzzle in einem Stück ist. Sollte es aus irgendeinem Grund in seine Einzelteile zerlegt werden, so wird das auch dein Geist und du wirst mit ihm ruhen, bis die Teile wieder zusammengesetzt werden."

Atemu schwieg lange nachdenklich, Dann schluckte er seinen Stolz herunter und neigte demütig sein Haupt vor dem Gott. Um bei Yuugi sein zu können, würde er seine Seele verkaufen. „Bitte."

„So sei es dann", sagte Ra, das Lächeln in seiner Stimme hörbar.

Atemu warf einen letzten Blick auf Yuugi und murmelte. „Ich habe ihm nie gesagt, wie sehr ich ihn liebe."

„Dazu wirst du in seinem nächsten Leben genug Gelegenheit haben."

„In seinen nächsten-?", echote Atemu überrascht und beäugte Ra misstrauisch. „Was ist mit seinem jetzigen?"

Der Gott schwieg und als Atemu sein Blick wieder auf den Spiegel der Außenwelt richtete, sah er, dass Yuugi nicht länger alleine war. Eine hochgewachsene Gestalt nährte sich dem Jungen von hinten. Yuugi, dem immer noch heiße Tränen die Wangen herabflossen und der seine Hände im Wüstensand vergraben hatte, als könnte das den Schmerz lindern, bemerkte nichts.

Aus reiner Gewohnheit versuchte Atemu, das Puzzle zu aktivieren, um die Schatten zu beschwören, doch als nach einem Moment nichts geschah, wurde ihm bewusst, dass er es nicht mehr trug. Ungeduldig ruckte sein Kopf zu dem Sonnengott herum, um ihn anzufahren, schneller zu machen, doch nur einen Augenblick später schloss sich sein Mund verblüfft, als sein Blick auf seine eigene Hand fiel. Oder besser auf die Stelle, an der seine Hand gewesen war.

Fasziniert beobachtete er, wie nun auch seine andere Hand, bei den Fingerspitzen angefangen, und seine Füße verschwanden ohne dass er auch nur das Geringste empfand. Kein Schmerz, kein Kribbeln, schlichtweg nichts. Er löste sich einfach in Luft auf.

Der Prozess hatte gerade seine Ellenbogen und Knie erreicht, als die Gestalt hinter Yuugi stehen blieb.

„Yuugi", sagte eine kalte Stimme, die Atemu nur zu gut kannte. Seth. Was machte sein Hohepriester dort, wo er doch eigentlich im Palast sein sollte? Atemu hatte kein gutes Gefühl dabei. Ganz und gar nicht.

-- Schneller! –

Beim Klang der Stimme sprang Yuugi erschrocken auf und wirbelte herum, das Milleniumspuzzle fest an seine Brust gedrückt.

„Was für eine Überraschung. Was macht des Pharaos persönlicher Lustsklave so weit ab vom sicheren Lager, so fern von seinem Herren und noch dazu mit einem so wertvollen Gegenstand in der Hand?" Seths Augen fielen auf das Puzzle und weder Yuugi noch Atemu entging das kalte Glitzern darin.

Automatisch machte der Junge einen Schritt zurück, um das Einzige, was ihm von seinem Pharao geblieben war, zu beschützen.

Seth lachte freudlos. „Na, na. Wo willst du denn damit hin? Was der Pharao wohl sagen wird, wenn er herausfindet, dass du es gestohlen hast?"

„Ich habe es nicht gestohlen", entgegnete Yuugi wütend, die Stimme zitternd, als seine Gefühle erneut drohten, ihn zu überwältigen. Doch er schluckte sie tapfer herunter und hielt Seths Blick stand.

„Mach dich nicht lächerlich. Der Pharao würde sein Puzzle niemals aus der Hand geben", entgegnete der Größere verächtlich. Wem die Verachtung galt, war allerdings nicht klar. Dann wurde der Blick der eisigen, blauen Augen berechnend. „Es sei denn, er wäre tot."

Yuugi zuckte heftig zusammen. „Nein! Er ist nicht tot!"

Überrascht merkte Atemu, dass er genau fühlen konnte, was Yuugi empfand. Sein Verstand sagte ihm, dass Seth Recht hatte. Dass der junge Pharao tot war. Aber sein blutendes Herz weigerte sich, das zu glauben. In tiefer Verzweiflung klammerte es sich an die wilde Hoffnung, dass Atemu doch noch am Leben war. Irgendwo. Und dass er zu Yuugi zurückfinden würde. Irgendwie.

Eine Welle unerwartet starker Liebe schwappte über Atemu hinweg und gerade als er den Sonnengott wider besseres Wissen anfahren wollte, er solle sich gefälligst beeilen, da wurde es für einen Moment schwarz um ihn. Als er wieder sehen konnte, stand er inmitten eines riesen Labyrinthes aus Treppen und Türen, so surreal, dass er im ersten Moment glaubte, er halluzinierte.

Dann wurde ihm klar, dass er sich jetzt im Inneren des Puzzles befand. Befremdet blickte sich Atemu einen Moment um und fragte sich, was er jetzt tun sollte.

„Finde den Raum deines Herzens. Gegenüber wirst du den Raum seines Herzens finden. Von dort aus kannst du Kontakt zu ihm aufnehmen", erklang die melodische, körperlose Stimme von Ra.

Atemu runzelte die Stirn. Wie zum Teufel sollte er bei all den Türen einen einzelnen Raum finden? Noch dazu, wo im nicht viel Zeit blieb? Wütend über den nahezu nutzlosen Ratschlag stapfte Atemu auf die nächste Tür zu.

„Zeit hat hier nicht dieselbe Bedeutung wie draußen. Die Zeit hier drin ist etwas, das du selbst beeinflussen kannst."

„Blödsinn", fauchte Atemu, nachdem er durch eine Tür getreten und beinahe in den Abgrund dahinter gestürzt wäre. Ungehalten schlug er die Tür zu und wählte eine andere. „Zeit ist Zeit."

„Zeit ist nicht in allen Dimensionen dieselbe. Eine Stunde vergeht in deiner Welt beispielsweise viel schneller als in der Welt der Schatten. Und die Milleniumsgegenstände gehören zu beiden Welten. Sie sind Tore und Vermittler. Du kannst die Zeit hier verlaufen lassen, wie in deiner Welt, wie in der Schattenwelt oder wie etwas, das zwischen beiden liegt. Zeit spielt hier also nicht so eine große Rolle, wie du es gewohnt bist."

„Okay, also soll die Zeit hier so langsam wie möglich laufen, damit ich Zeit habe, diesen verflixten Raum zu finden, von dem ich nicht einmal weiß, wie er aussieht."

Dieses Mal lachte der Sonnengott leise und wäre es nicht unmöglich gewesen, hätte Atemu ihn dafür umgehend ins Reich der Schatten geschickt. „Mein Sohn, den Raum deines Herzens kannst du nicht mit dem Kopf finden."

„Oh, na gut, also schön. Dann werde ich noch willkürlicher vorgehen", fauchte Atemu. Er hielt nichts davon, sich ausschließlich nach seinen Gefühlen zu richten, aber wenn es der einzige Weg war, dann würde er es versuchen. Für Yuugi.

Als ihm die Beine bereits von vielen Laufen und Treppensteigen weh taten, hielt er plötzlich inne und dreht sich zu der Tür in seinem Rücken herum. Er hätte schwören können, dass sie noch nicht da gewesen war, als er gerade daran vorbei gelaufen war. Mit gerunzelter Stirn ging er ein Stück zurück und schob die Tür vorsichtig ein Stück auf, um hineinzusehen.

Absolute Dunkelheit begrüßte ihn. Obwohl ihm sein Verstand sagte, dass es furchtbar unvorsichtig war, einen Raum in diesem Puzzle zu betreten, bei dem er nicht abschätzen konnte, ob es eine Falle war, trat er schließlich doch ein. Nach einigen wenigen, tastenden Schritten in der Finsternis schlug die Tür hinter ihm zu und als der junge Pharao erschrocken zurückeilte, konnte er sie nicht mehr finden.

„Na großartig", murmelte er. „Vermutlich bin ich jetzt für immer hier drin gefangen." Entnervt legte er Daumen und Zeigefinger an seine Nasenwurzel. „Wenn es wenigstens nicht so dunkel wäre."

Und als wäre das das Zauberwort gewesen entflammten an den Wänden Fackeln, die den Raum in ein unstet flackerndes Dämmerlicht tauchten.

Überrascht sah Atemu auf. Das Puzzle gehorchte seinen Wünschen? Nun, dass war eine Erkenntnis, mit der er sicher noch viel anfangen konnte. Er nutzte die Gelegenheit, um sich umzusehen und verzog abfällig das Gesicht. Dieser Raum bedurfte eindeutig einer Renovierung. Er war staubig und schmutzig, in den Ecken türmten sich undefinierbare Häufchen und die Wände hatten unter den Pflanzenranken kaum übersehbare Risse. Dass sie noch nicht kollabiert waren, grenzte an ein Wunder.

Stutzig machte ihn jedoch der Thron, der in der Mitte des Raumes stand. Für wen der wohl gedacht war?

Doch er kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, denn hinter einigen Ranken hatte er eine Tür entdeckt. Er war also doch nicht eingeschlossen hier. Zufrieden schritt er sofort zur Tür und hindurch und fand sich auf einem langen Gang wieder, auf dem es nur zwei Türen gab. Die, aus der er gerade hinausgetreten war und eine gegenüber. Und als er beide musterte, fielen ihm sofort die Ähnlichkeiten auf. Beide trugen- im Gegensatz zu allen anderen Türen- unverkennbar das Auge des Ra. Die Ranken, die die Wände in dem Raum, aus dem er gerade gekommen war, scheinbar stabilisierten und zusammenhielten, gingen anscheinend von der Tür gegenüber aus, die auch viel sauberer erschien.

Stirnrunzelnd marschierte Atemu in den Raum hinter der anderen Tür und sofort fiel ihm auf, dass dieser nicht unbedingt ordentlicher, aber viel heller und sauberer war. Und er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er ihn nicht ohne zu fragen hätte betreten sollen. Was natürlich Blödsinn war, denn wen hätte er hier im Puzzle schon fragen können?

„Ah, er ist also tatsächlich tot", ertönte Seths körperlose Stimme, die seltsam zufrieden klang. Atemu hatte nicht oft erlebt, dass Seth Gefühle zeigte. Und wenn, dann war er gelangweilt oder zornig. Der junge Pharao hätte seine rechte Hand verwettet, dass sein Hohepriester Zufriedenheit gar nicht kannte.

„Nein!", widersprach Yuugi und Atemu war, als würde eine kalte Hand sein Herz umgreifen und so fest zusammendrücken, dass es jeden Moment aufhören musste zu schlagen. Gleichzeitig schnürte ihm der Schmerz die Luft ab. Doch das waren nicht seine Gefühle. Es waren Yuugis und er spürte sie deutlicher als je zuvor. In dem Moment wusste Atemu, dass er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Yuugis Raum des Herzens.

„Du dummer Junge. Gib mir das Millenniumspuzzle."

Heißer Zorn erfüllte Atemu, als Seth so unverblümt verlangte, was ihm nicht zustand und er vermochte nicht zu sagen, ob das allein seine Wut war. In diesem Raum war er so eng mit Yuugi verbunden, dass sie nahezu eins waren.

Doch eines war gewiss. Seth hatte ihn verraten. Er hatte den Feind gezeigt, wie man Schattenmonster beschwor. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, da diese Fähigkeiten selbst in Ägypten nur an Ausgewählte weitergegeben wurden. Fremde hatten normalerweise keinen Zugang zu dieser Kunst.

Und Seth hatte diese Tradition gebrochen. Um an das Millenniumspuzzle zu kommen, hatte er Unwürdige Schattenmagie gelehrt und Atemu so gezwungen zu handeln und erneut an die Frontlinie zurückzukehren, wo sein Leben in ständiger Gefahr war. Verräter!

„Nein, er hat mir diese Verantwortung übertragen."

Seth lachte. Ehrlich amüsiert, aber Yuugi- Atemu- lief es dabei kalt den Rücken herunter. „Hat er das? Dann ist er noch dümmer als ich dachte. Du bist hilflos ohne seinen Schutz, Junge. Was sollte mich daran hindern, mir mit Gewalt zu nehmen, was ich will?"

Hatte Atemu bis jetzt reglos im Raum gestanden und dem Gespräch gelauscht, so wurde sein Beschützerinstinkt in diesem Moment so übermächtig, dass er unwillkürlich einen Schritt nach vorn tat, um sich zwischen sein Kätzchen und die Gefahr zu bringen.

Und plötzlich sah er nicht mehr den Raum, sondern Seth. Eiskalte Augen und ein herablassendes Lächeln. Die scharfe Spitze des Millenniumsstabes funkelte bedrohlich, aber Yuugi wich nicht zurück.

„Ich werde es verhindern", sagte er mit eiserner Entschlossenheit. „Vielleicht bin ich dir nicht gewachsen, vermutlich wirst du mich töten, wenn ich es tatsächlich darauf ankommen lasse, aber das Millenniumspuzzle bekommst du nicht. Ich habe es ihm versprochen."

Sollte mir etwas zustoßen, nimm das Puzzle an dich. Es darf nicht in die falschen Hände geraten, hörst du? Nimm es und wenn es sein muss, zerstöre es. Aber niemand außer dir und mir darf es berühren. Hast du mich verstanden?"

Ja, das waren seine eigenen Worte gewesen. Und Yuugi hatte ihm sein Wortgegeben. Sein tapferes, treues Kätzchen.

Ra hatte ihm gesagt, er wäre in der Lage, Yuugis Körper zu übernehmen, um ihn zu schützen. Das wäre der Moment, um genau das zu tun. Aber wie? Wie nur? Nur durch seine Augen sehen reichte nicht. Er musste auch handeln können! Verzweifelt versuchte Atemu mit purer Willenskraft einen Arm von Yuugi zu bewegen, doch er traf auf einen unüberwindbaren Widerstand. Yuugis eigener Wille.

Verblüfft hielt Atemu inne. Er hatte schon immer gewusst, dass der Junge willensstark war und das hatte ihn so fasziniert, aber nie hätte er gedacht, dass das einmal zum Problem werden könnte. Der Sonnengott hatte natürlich auch zufällig vergessen, diese Kleinigkeit zu erwähnen.

Wütend knirschte Atemu mit den Zähnen und versuchte Yuugi über eine geistige Verbindung, von der er nicht wusste, ob sie tatsächlich bestand, klar zu machen, dass er helfen wollte. Doch er erhielt keine Antwort.

Seth verengte indes wütend die Augen. „Hast du das? Dann wird es wohl Zeit, das zu testen, du Narr."

Ein kurzes Aufleuchten des Millenniumsstabes und einen Moment später fegte ein kleiner Wirbelsturm über Yuugi hinweg und er befand sich in der Klaue eines eisblauen Drachens. Ein Schattenmonster. Vergeblich versuchte Yuugi die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Er hatte Atemu oft Schattenmagie anwenden sehen und nun würde er selbst Opfer eines dieser Monster werden.

„Nicht doch, Yuugi. Du bist kein so großer Dorn in meinem Auge, dass ich dich den Schatten überlassen würde. Dazu bist du zu unwichtig." Die scharfe Klinge am Ende des Millenniumsstabes strich über seine Wange und hinterließ einen blutenden Schnitt. „Sag auf Wiedersehen, Yuugi."

Versprich mir, auf das Millenniumspuzzle Acht zu geben. In den falschen Händen kann es eine furchtbare Waffe sein." – „Ich verspreche es."

Sein Versprechen… er musste sein Versprechen halten, egal wie.

-- Nein, Yuugi!

Seine schmalen Finger umklammerten das Millenniumspuzzle fest… das Letzte, was ihm von Atemu geblieben war…

-- Yuugi!

Ah, er konnte die Stimme seines Pharaos hören. Den Kopf in den Nacken gelegt, dankte er dem Gott, der ihm diesen gnädigen Abschied gewährte, eine letzte Träne rollte über seine Wange und mit einer einzigen Handbewegung zerlegte er das Puzzle in all seine Einzelteile…

Ich liebe dich, war der letzte klare Gedanke des Pharaos und er wusste nicht, ob er von ihm oder von Yuugi stammte. Dann wurde alles in tiefes Schwarz getaucht.

ooo

Ra lächelte und kraulte der Katze neben sich den Kopf.

„Weißt du", sagte Bastet. „Manchmal bist du ziemlich grausam. Er hat sich so bemüht, obwohl er von Anfang an keine Chance hatte, das Leben des Jungen zu retten. Die nötige geistige Verbindung zum Puzzleträger kann nur dann entstehen, wenn derjenige das Puzzle selbst zusammensetzt."

„Nein, er hatte keine Chance", sagte Ra. „Aber darauf kommt es an. In seinem ganzen Leben war er der Mittelpunkt seiner Welt. Nichts war ihm wichtiger als er selbst und das Leiden anderer hat ihn nie gestört. Das Leid und die Hilflosigkeit selbst zu erleben, war eine wichtige Erfahrung für ihn, die ihn prägen wird, auch wenn er sich nicht mehr bewusst daran erinnert."

Leuchtende Katzenaugen musterten ihn argwöhnisch. „Das hast du ihm auch nicht gesagt, oder? Dass er sich an nichts erinnern wird, wenn das Puzzle auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird."

Das Lächeln des Sonnengottes vertiefte sich. „Nein. Aber das war nicht nötig. Es hätte an seiner Entscheidung nichts geändert. Und egal, wie viel er vergisst, diesen Jungen wird er überall wiedererkennen. Ich habe in sein Herz geschaut und seine Liebe ist so aufrichtig und rein, dass sie alles überstehen wird." Er seufzte. „Ich hatte schon befürchtet, sein Nichtsnutz von Pflegevater hätte ihn durch die Schattenspiele für immer verdorben. Und dann kam dieser Junge daher. Sag Bastet… kam es dir nicht auch so vor, als wäre auch er göttlicher Abstammung?"

Die Göttin wandte den Blick ab und räkelte sich auf ihrem Kissen. „Ich weiß nicht, was du meinst."

Er lachte und zog an einem ihrer Ohren. „Vergiss nicht, mir zu sagen, wann der Junge wiedergeboren wird."

Überrascht hob sie den Kopf. „Das Schicksal dieser Menschen interessiert dich?"

„Ungewöhnlich nicht wahr? Aber diese beiden haben mich wirklich berührt… ich würde gerne weiterhin über sie wachen."

Bastet sprang auf seine Schulter. „Du bist nicht weniger seltsam als dein Sohn."

Der Sonnengott lachte. „Das nehme ich als Kompliment." Einen Moment hielt er inne. „Er wird glücklich werden im nächsten Leben, das spüre ich. Er muss nur noch lernen, dass man den Dingen Zeit geben muss, sich zu entwickeln. Aber wenn er das nächste Mal erwacht, ohne all diese schrecklichen Erinnerungen, kann er noch einmal von vorne anfangen. Und dieses Mal wird er es schaffen."

Bastet schnaubte. „Ja, und wenn nicht, wirst du dich wieder einmischen."

Ra antwortete nicht darauf. „Und? Was hältst du davon, Anubis einen Besuch abzustatten und ihm einen Streich zu spielen?"

Bastets Augen funkelte schelmisch.

Ende

Yami: -ärgerlich mit dem Fuß auftapp- Ich hatte dich gewarnt. Wenn Yuugi stirbt…

Fellfie: Wie soll er denn bitte in einem Leben ohne dich glücklich sein, hm?

Yami: …

Yuugi: Irgendwie… stört es mich nicht, dass ich gestorben bin. Fellfie hat nämlich Recht, Yami. Ohne dich hätte ich ohnehin nicht leben wollen -lächelt ihn an-

Yami: -grml- Aber Seth! Seth hat uns verraten!

Fellfie: -nickt- Ja, einer musste der Böse sein. Armer Seth tätschelt ihm den Kopf

Seth: -glare- -piekt mit dem Millenniumsstab nach Fellfie-

Fellfie: Iiieks! Auuu!

Yuugi: Seths Motive sind völlig offen.

Fellfie: -nickt- Gut erkannt Yuugi. Dass Seth das Puzzle will, um mehr Macht zu erlangen, ist wohl eindeutig. Aber warum ist völlig offen und ich möchte es auch so lassen :-)

Yami: -schaut Seth und Fellfie böse an und zieht Yuugi zu sich-

Fellfie: Och, schau nicht so böse. Hier: O-Saft für alle -gibt den Charakteren und den Lesern einen O-Saft aus- Zur Feier des Tages. Die Geschichte ist beendet und es wird keine Fortsetzung geben, auch wenn das Ende offen ist. Hiermit möchte ich mich aus dem YGO-Fandom verabschieden und mich recht herzlich bei allen Lesern und Reviewern für die jahrelange Unterstützung bedanken. Cheers!