2. Na Harad-Rhûn (Nach Südosten)
Ich stand vor der Grabkammer auf einem Felsvorsprung, überblickte das sternenbeleuchtete Eriador und genoss es, den Wind auf meinem Gesicht zu fühlen. Der Mond war nirgends zu sehen, doch nach der Dunkelheit der Höhle kam mir das silberne Licht der Sterne sehr hell vor. Außerdem erinnerte es mich an glückliche Zeiten in Beleriand, als ich, lange vor dem Kommen von Mond und Sonne, unter den hellen Sternen in den Birkenwäldern von Nimbrethil weilte.
Mein Blick wanderte nach Süden, wo einst Mithlond lag. Ja, es war immer noch da. Círdan war noch nicht nach Aman gesegelt, er weilte noch in Mittelerde. Es verlangte mich sehr danach, ihn wiederzusehen, doch ich hatte nicht genug Zeit dafür. Gorthaurs Macht wuchs schnell, ich musste mich beeilen.
Doch da ich wusste, dass ich jede Hilfe brauchen konnte, schließlich konnte ich mich ja nicht komplett alleine sämtlichen Heeren des Dunklen Herrschers stellen, sandte ich einen lautlosen, weithin zu vernehmenden Ruf aus. Ich rief alle zu mir, die von den Nimrychyn, den Weißen Reitern, an deren Spitze ich oft in die Schlacht geritten war, noch in Mittelerde waren. Ich forderte sie auf, mit mir in den Kampf gegen Mordor zu ziehen. Wenn noch irgendjemand von ihnen hier war, würde er kommen, dass wusste ich. Gemeinsam würden wir, wie schon damals, das Böse besiegen.
Ein plötzlicher Windstoß wehte den frischen, leicht salzigen Duft des Meeres zu mir herüber. Ich seufzte. Ach, wenn ich doch einfach auf ein Schiff steigen könnte, um nach Eldamar, wo mein Herz liegt, zu segeln und bei meiner Tochter zu sein. Wie gerne würde ich die weißen Schiffe in den Häfen von Alqualonde wiedersehen. Oder in den schimmernden Straßen von Tirion wandern. Ach, wieder in den wunderschönen Gärten Lóriens zu weilen! Ich könnte in den sanften Armen Niennas liegen und meine Qualen und meine Schmerzen vergessen.
Ich glaubte in der Ferne das Rauschen der Brandung und verwoben darin die Hörner Ulmos zu hören und eine große Sehnsucht nach den Meeren und den von Wogen umspülten Tol Eressea ergriff mich. Ich war drauf und dran, an die Küste zu laufen und nach Westen zu segeln.
Nein. Das würde ich nicht tun. Noch war mein Platz hier. Und mein Herz lag nicht in Eldamar, sondern hinter mir in dem Grabmal begraben. Ich konnte nicht einfach davonlaufen. Ich musste hier bleiben und zuende bringen, wofür bereits doch viele gestorben waren. Menschen, Zwerge, Elben. Wofür Gil-galad gestorben war.
‚Ich werde nicht aufgeben!'
Entschlossen begann ich, ins Tal hinunter zu steigen. Unterwegs zog ich mir die Kapuze meiner Robe über den Kopf, so dass ich jetzt ganz in Schwarz gekleidet war. Mein Weg führte mich stetig nach Südosten, in Richtung Mordor.
Ich überquerte den Fluss Lhûn einige Tagesreisen oberhalb von Mithlond. Nun konnte mich nichts mehr von meinem Ziel abhalten. Nichts und niemand.
Ungesehen ging ich, eingehüllt in Schatten, im Dämmerlicht. In dieser Gegend lebte kaum jemand, und die wenigen Menschen die in den sanften Hügeln östlich der Ered Luin ein karges Dasein führten, sahen mich nicht. Denn ich ging unbemerkt an ihnen vorbei, da ich mich in einen Mantel aus Dunkelheit und Vergessen gehüllt hatte. Wenn jemand in meine Richtung sah, fiel ihm plötzlich ein, dass er etwas vergessen hatte und er wandte sich ab, ohne mich registriert zu haben. Ich wusste nicht, ob dieser Schutz notwendig war, doch ich wollte sicher gehen.
Dies waren dunkle Zeiten, soviel wusste ich: Ich konnte das Böse spüren, das darum kämpfte die Oberhand in dem Kampf um Mittelerde zu bekommen. Doch das Böse herrschte noch nicht überall. Hinter mir konnte ich die beruhigende Anwesenheit Círdans spüren, der immer noch hier weilte, um es denen, die danach verlangten, zu ermöglichen 'gen Westen nach Valinor zu segeln. Und im Osten konnte ich ebenfalls die Anwesenheit von Hochelben spüren, jedoch viel schwächer, sie mussten weiter entfernt sein. Ich überlegte, um wen es sich handeln konnte. Imladris lag im Osten, an den westlichen Ausläufern der Hithaeglir. Dort lebte einst Elrond, der Sohn Eärendils. Ich wandte mein von der Kapuze bedecktes Gesicht dem weitentfernten Gebirge zu.
‚Ja,' dachte ich nach einiger Zeit. ‚Elrond ist noch immer in Imladris.'
Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit etwas weiter nach Süden. Lórinand. Galadriel und Celeborn waren auch noch in Endor, doch von Amroth, König von Lórinand, fand ich kein Zeichen. Vielleicht ist er in den Westen gegangen. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ich war zu sehr darüber erfreut, die Anwesenheit von Galadriel zu fühlen.
Galadriel! Meine Freundin, die ich schon so lange kannte. Seit meiner Rückkehr nach Aman, im Zeitalter der Zwei Bäume. So viel hatten wir gemeinsam erlebt und durchgemacht. Die Überquerung der Helcaraxe, die Schlachten gegen Morgoth, den ersten Kampf gegen Gorthaur. Ich seufzte. Wie gerne würde ich wieder in den goldenen Wäldern Lórinands weilen! Wie gerne würde ich wieder mit Galadriel unter den Sternen erleuchteten Baumkronen wandern und mich mit ihr unterhalten.
Auch weit im Osten war noch jemand. Weiter im Osten, dort lag Eryn Lasgalen. Also ist auch Thranduil noch hier geblieben.
Doch Eregion ist verlassen. Aber mit Círdan, Elrond, Thranduil, Galadriel und Celeborn waren einige der mächtigsten Elben des späten Zweiten Zeitalters noch in Mittelerde. Als ich dies wusste, war mir wohler. Noch hatte Gorthaur nicht gesiegt, und er würde auch nie siegen, solange sie und ich hier waren und ihm entgegen traten.
Mittlerweile war es wieder dunkel und im Osten war ein blass schimmernder Sichelmond zu sehen. Ich wusste nicht genau, wie viele Tage oder Wochen ich jetzt schon unterwegs war, und es war mir auch egal. Es war mir egal, wie lange ich brauchen würde, wichtig war nur, dass ich ankommen würde.
Ich hatte mittlerweile die Hälfte der südlichen Ered Luin hinter mir gelassen, aber es lag noch ein weiter Weg quer durch Eriador vor mir. Was mich jedoch wunderte, war dass ich bis jetzt keine Befestigungen oder größere Straßen und Dörfer gesehen hatte. Schließlich durchquerte ich das Königreich von Arnor, das nördliche der Beiden Reiche im Exil. Hier gab es einst blühende Städte, gut ausgebaute Straßen und befestigte Hügelforts wie Amon Sûl im Osten. Wo waren diese?
Wie lange hatte ich dort in dem Grab gesessen? Wie viele Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte, oder vielleicht sogar Jahrtausende waren vergangen seit jener verhängnisvollen Schlacht? Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Nachdem ich einige weitere Tage in Schatten gehüllt nach Südosten gewandert war, kam ich zu den Ufern des Baranduin. In den sanften Wellen des bereits ziemlich breiten Flusses spiegelte sich die untergehende Sonne. Ein Stückchen flussabwärts von der Stelle an der ich stand, befand sich Sarn Ford, die Furt durch den Baranduin. Langsam ging ich darauf zu, während in mir die Erinnerungen an eine lange zurückliegende Schlacht aufstiegen.
Am Ende des Krieges gegen Gorthaur, der mit der Zerstörung Eregions begann, hatte hier ein großes Gemetzel stattgefunden. Gil-galad hatte das Heer von Lindon gegen Gorthaur in den Kampf geführt, unterstützt von mir und den Nimrychyn sowie den Númenoreans. Hier hatte Gorthaur starke Verluste erlitten und war nach Südosten geflohen. Doch so viele waren an diesem Ort gestorben. Als ich meinen Blick schweifen lies, konnte ich beinahe sehen, wie alles von Blut durchtränkt gewesen war. Vor meinen Augen tauchten alte Bilder auf: Leichen die im Fluss schwammen; das vom Blut rot gefärbte Wasser; weitere Leichen die an den Ufern lagen; das Gras, das vom vielen Blut ganz rot war. In dieser Schlacht hatte ich viele Freunde verlassen, so viele gute Menschen und Elben waren hier niedergemetzelt worden. Ich schloss die Augen und vertrieb die grausamen Bilder. Jetzt war mein Hass auf Gorthaur nur noch größer geworden.
Entschlossen überquerte ich den Baranduin und setzte meinen Weg fort. Ich wusste nicht, wie lange ich schon unterwegs war, doch ich ging unbeirrt weiter, ohne Rast zu machen, ohne zu schlafen, ohne zu Essen. Ich hatte Arnor als ein blühendes Königreich in Erinnerung, doch Minhiriath, das ich jetzt durchquerte, hatte mit meinen Erinnerungen nicht das Geringste zu tun. Ein unfruchtbares, trostloses und verlassenes Ödland. Kaum etwas grünes war zu sehen, nur eine halbverdorrte Graslandschaft. Was war hier nur passiert? Was ist aus den Wäldern die hier einst wuchsen, geworden?
Schon von weitem sah ich den Hügel Amon Tirith, der sich einige Tagesreisen flussaufwärts von Lond Daer an dem Nordufer Gwathlós befand. Doch je weiter ich der einstigen Befestigungsanlage Arnors kam, desto beunruhigter war ich. Einst stand auf diesem Hügel ein Fort das als Wachturm und Zuflucht diente. Jetzt jedoch waren auf dem Hügel nur noch stark verwitterte Ruinen zu sehen.
Regelrechtes Entsetzen packte mich. Wie lange hatte ich an Gil-galads Grab gesessen? Wie viel Zeit war vergangen? War das Königreich von Arnor komplett verlassen und zerstört? Wie viele von den Edain und Eldar befanden sich überhaupt noch in Endor? Wie viele waren bereits von Gorthaur besiegt worden?
Eine starke Hoffnungslosigkeit befiel mich. Doch so schwer mein Herz auch wurde, so groß mein Wunsch nach Aman zu segeln auch wurde, ich ging langsam und mit gesenktem Kopf weiter.
Als der Sichelmond bereits hoch am Himmel stand, kam ich zu dem glitzernden Gwathló. Hier war der Fluss flacher und breiter als sonst. Langsam setzte ich einen Fuß in das seichte Wasser. Kühle Wellen umspülten meinen Knöchel. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und watete in das dunkle Wasser hinein. An der tiefsten Stelle ging es mir nur bis zur Hüfte. Es war eiskalt, doch ich registrierte es gar nicht. Ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Als ich am südlichen Ufer in Enedwaith angekommen war, hielt ich nicht einmal an, um das Wasser aus meiner Kleidung zu drücken. Ich hielt fast gerade auf die Pforte von Calenardhon [Rohan zu, denn dort befand sich eine große böse Macht. Es war zwar nicht Gorthaur, aber dort schien sich ein großes Orkheer zu befinden und da ich Orks nicht ausstehen konnte, beschloss ich, nördlich der Ered Nimrais in Richtung Mordor weiter zu gehen, nicht südlich wie ich es zuerst vorgehabt hatte.
Es tat mir weh, dort wo einst die grünen Wälder Enedwaiths standen, nur noch eine unfruchtbare Grasssteppe vorzufinden. Dieses Land wurde jetzt von barbarischen Wilden Menschen bewohnt, die mich ein wenig an die Menschen erinnerten, die im Ersten Zeitalter unter Morgoths Einfluss fielen.
Ich zog die Schatten fester um mich herum und mied ihre Siedlungen, da ich nicht vorhatte diesen zu nahe zu kommen. Gab es denn keine Edain mehr in Endor? War nichts mehr vom Blute Atalantes [Numenors übrig? Die Zeiten schienen sehr dunkle zu sein. Aber vielleicht gab es ja noch Hoffnung.
Ich erinnerte mich an etwas, was mir Gil-galad vor langer Zeit gesagt hatte, als Morgoth beinahe gesiegt hätte und alle Hoffnung verloren schien.
‚Es gibt immer Hoffnung. So lange auch nur ein Elb, Mensch, Zwerg oder auch nur ein Tier lebt und sich dem Dunklen Herrscher widersetzt, gibt es noch Hoffnung. Wir dürfen nicht aufgeben, wir müssen weiter gegen ihn kämpfen, wie hoch der Preis auch sein mag.'
Ein geisterhaftes Lächeln huschte über mein Gesicht.
‚Du hast recht,' dachte ich wehmütig. ‚Du hattest damals recht und heute auch. Wir dürfen nicht aufgeben.'
Je näher ich der Ethraid Engrin kam, desto stärker wurde das Gefühl, dass sich dort, wo einst Angrenost, die große Festung der Dúnedain gestanden hatte, etwas Böses befand. Doch ich konnte es nicht einordnen, es handelte sich nicht um Gorthaur, soviel war sicher. Doch wer oder was war es? Es schien eine seltsame Ähnlichkeit mit Gorthaur zu haben. Vielleicht ein Maia, der von Morgoth in die Dunkelheit gezogen wurde; der sich vielleicht all' die Zeit versteckt hatte und jetzt wieder hervorgekommen war, als er den Anstieg von Gorthaurs Macht spürte. Doch warum hatte er sich dann im Zweiten Zeitalter nicht bereits zu erkennen gegeben?
Ich schob all' diese Gedanken zur Seite und konzentrierte mich darauf, so schnell wie möglich Calenardhon zu erreichen. Ich wusste, dass die Zeit drängte und ich war nun schon einige Wochen unterwegs. So schnell ich konnte, durchquerte ich den restlichen Teil Enedwaiths, der mich noch von der Ethraid Engrin trennte.
Schon sah ich ihn vor mir, den mächtigen Fluss Angren. Seine Wasser schienen jedoch seltsam verschmutzt zu sein und ein leicht fauliger Geruch lag in der Luft. Doch die Furt war noch passierbar, also überquerte ich den Fluss, gerade als im Westen die Sonne unterging. Ich hielt auf die nördlichen Ausläufer der Ered Nimrais zu.
Ich konnte bereits die drei zerklüfteten Gipfel des Thrihyrne erkennen, deren Spitzen noch im Licht der sinkenden Sonne leuchteten. Ich ging schneller, da ich aus der Ferne schwachen Schlachtenlärm hörte. Immer schneller schritt ich im Licht des silbernen Mondes aus, diesmal wollte ich nicht zu spät kommen.
Ich konnte aus dem Kampfgeschrei eindeutig Orkstimmen heraushören. Niemals würde ich zulassen, dass Orks diese Schlacht gewinne würden, egal welche es auch sein mochte. Die ganze Nacht hindurch eilte ich auf Thrihyrne zu, den Speer Gil-galads fest in meiner rechten Hand.
Als der Morgen langsam graute, kam ich zu einem langen, relativ schmalen Tal mit hohen Klippen auf beiden Seiten, dass an der Nordseite in die Wand des Berges hineinschnitt. Am Ende des Tales kannte ich eine Befestigungsanlage sehen, die von einem riesigen, mindestens 10 000 Mann starken Orkheer belagert wurde. Das Heer füllte fast das ganze Tal aus und die wenigen Verteidiger waren bereits fast besiegt.
Als man über die Berggipfel die aufgehende Sonne sah, brachen einige wenige Reiter aus der Festung aus und griffen die Orks an. Über das Tal hinweg konnte ich ihre Kriegsschreie hören.
„Forth Eorlingas!"
„Elendil!"
Also gab es doch noch einige Dúnedain. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung für die Menschen. Was mich jedoch etwas überraschte, war eine helle Stimme die „Elbereth!" schrie. Es mussten also auch Elben hier mitkämpfen. Im Osten sah ich einen weißgekleideten Mann, der eine ungefähr 500 Mann starke Reitergruppe die Berge hinunterführte. Trotzdem erschien die Lage noch ziemlich schlecht.
Ich fasste Aiglos fester und hielt ihn mit ausgestrecktem Arm vor mich hin. Leise begann ich zu singen, fast mehr ein beschwörendes Flüstern, und ging direkt auf die Orks zu, in ihr Heer hinein. Diesmal war ich jedoch nicht in Schatten gehüllt, sondern in ein seltsames, glanzloses, todbringendes Licht, das jeden der mir zu nahe kam, tötete. Die Orks, die weiter entfernt waren, flohen entsetzt, stolperten oder töteten sich in blinder Panik gegenseitig.
So trieb ich einen riesigen Keil in die Masse der Orks.
Als ich keinen Widerstand mehr spürte, hörte ich auf zu singen und blieb stehen: Eine schwarz gekleidete Figur, das Gesicht von einer Kapuze verborgen, die still dastand, umgeben von Orkleichen. In meiner rechten Hand schimmerte Aiglos hell im Licht der aufgehenden Sonne, die silbernen eingravierten Zeichen und die elegante Spitze glänzten hell im reflektierenden Licht.
Aus dem Dunkel meiner Kapuze heraus sah ich, wie sich mehrere Leute näherten. Als sie bis auf wenige Meer herangekommen waren, hob ich langsam meine linke Hand und zog meine nachtschwarze Kapuze nach hinten, wobei eine Flut leichtgewellter, samtiger, silberner Haare frei wurde, die mir auf den Rücken hinabfielen.
