3. Govaded Laew (Viele Treffen)

Nach ihren Gesichtern zu urteilen erschien ich ihnen wie ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten. Ein Überbleibsel aus einer Zeit, die schon seit vielen Jahrtausenden vorbei war. In meine Augen spiegelte sich Weisheit und die Erfahrung von vielen tausenden von Jahren, sowie die Erinnerung an das Licht der Zwei Bäume. Mein Gesicht war zeitlos, weder jung noch alt.

Die Fremden blieben erstaunt stehen. Ich lächelte innerlich. Sie mochten ja viel erwartet haben, nur keine silberhaarige Elbin mit grünen Augen, von deren Farbe man an das leuchtende Grün Amans erinnert wurde.

Zuvorderst stand ein alter, weißhaariger Mann, der in weiße Roben gehüllt war und sich auf einen weißen Stab stützte. Er erschien mir bekannt, doch ich konnte ihn nicht einordnen. Ich ließ meine Blick schweifen: Ein kleines Heer von Menschen, Reitern, um genauer zu sein. Ihre Rüstung und ihre Waffen waren mir gänzlich unbekannt, es waren jedenfalls keine Dúnedain.

Ein Mensch jedoch fiel mir auf: Er war groß mit dunkelbraunen, schulterlangen Haaren, in dunkles Leder und ein Kettenhemd gekleidet. Und er ähnelte Elendil so sehr, dass er sein Zwillingsbruder hätte sein können; er war definitiv ein Dúnadan vom Blute Elros'.

Doch dann fiel mein Blick auf einen großen, blonden Elben: Thranduil.

‚Nein,' dachte ich nach genauerem Hinsehen. ‚Nicht Thranduil. Sein Sohn vielleicht.'

Und neben ihm stand ein Zwerg. Ich lächelte in Gedanken. Dazu gab es bestimmt eine interessante Geschichte.

Ich wandte mich wieder dem weißen Alten zu und als ich ihm in seine Augen sah, wusste ich, wer er war.

Mae govannen, Olórin [Seid gegrüßt, Olórin." sagte ich mit weicher Stimme.

Das schien ihn zu überraschen, als ob er diesen Namen seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte.

„Ithiliel?" fragte er erstaunt.

Ich nickte.

Ú-iston ned Endor darthannach. [Ich wusste nicht, dass Ihr in Mittelerde geblieben seid."

Telin Gorthaur ortheri. [Ich komme um Sauron zu besiegen." antwortete ich.

„Wer ist sie?" wollte der Zwerg in Westron wissen. „Und warum sprecht ihr nicht in einer Sprache, die alle verstehen?"

„Sie heißt Ithiliёl Cuiviéniёn und ist auf unserer Seite," sagte Olórin und stellte mir die anderen vor:

„Dies ist Gimli, Sohn des Glóins, und das ist Legolas Thranduilion aus Düsterwald."

„Düsterwald?" fragte ich. „Ich dachte, Thranduil weilt noch immer in Eryn Lasgalen?"

„Das stimmt. Doch nun ist ein Schatten auf den Wald gefallen und wir nennen ihn Taur-nu-Fuin, oder Düsterwald in der Sprache der Menschen," sagte Legolas mit der melodischen Stimme, die den Sindar eigen ist.

„Und das ist Aragorn, Arathorns Sohn," fuhr Olórin mit seiner Vorstellung fort.

„Ein Dúnadan aus der Line Elros'," sagte ich an den Menschen gewandt.

Aragorn nickte überrascht.

„Ihr seht Eurem Vorfahren Elendil verblüffend ähnlich," klärte ich ihn auf.

„Woher wisst Ihr das?" fragte er noch immer verblüfft. „Kanntet Ihr ihn?"

Ich nickte.

„Und das ist Théoden, König von Rohan," fuhr der Maia fort.

„Rohan?" fragte ich.

„Ja," antwortete er. „Rohan ist die ehemalige Provinz Gondors, die einst Calenardhon genannt wurde."

Währenddessen sahen viele immer wieder unruhig zu den dunklen Bäumen die am Rand des Taleingangs standen. Die wenigen Orks die geflohen waren, waren in diesem Wald verschwunden und es sah nicht so aus, als ob sie je wieder herauskommen würden. Ich sah mir diese ‚Bäume' genauer an. Das waren ja gar keine Bäume, das waren Onodrim und Huorns, die dort standen.

Ich hörte wie Olórin, nein er hieß hier ja Gandalf, lächelte.

„Die Bäume? Nein, ich sehe den Wald genauso wie ihr. Aber das ist keine meiner Taten. Es ist besser als ich es je machen hätte können, und die Wahrheit erwies sich sogar besser als meine größten Hoffnungen."

„Wenn das nicht von Euch ist, wessen Zauberei ist das dann?" fragte Théoden. „Nicht die Sarumans, das ist offensichtlich."

„Das ist keine Zauberei, sondern eine weitaus ältere Macht," antwortete Gandalf.

„Es sind Onodrim, die Hüter der Bäume," warf ich leise ein.

„Davon habe ich noch nie etwas gehört, was sind das für Kreaturen?" fragte mich der König von Rohan.

„Wenn Ihr das wissen wollte, solltet Ihr mit mir nach Isengard kommen," erwiederte der Maia.

„Nach Isengard?" riefen alle in einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen.

Nur Legolas und Aragorn sagten nichts.

„Ja," sagte Gandalf. „Ich werde nach Isengard zurückkehren und diejenigen die wollen, mögen mit mir kommen. Dort werden wir vielleicht seltsame Dinge sehen. Alle die mit mir kommen werden, sollten jetzt ruhen. Wir werden im Schutz der Dunkelheit reisen. Aber nehmt nicht zu viele Männer mit Euch, Théoden. Wir gehen zu einer Verhandlung, nicht zu einem Kampf."

Ich blieb nicht um zu sehen, wie der König an seine Männern Befehle verteilte oder wie sie beginnen würden, die Leichen der Gefallenen zusammen zu tragen. Zu oft hatte ich bereits bei so etwas zugesehen.

Lautlos ging ich zwischen den Orkleichen zum Rand des Tales hindurch.

So weit entfernt von den Überresten der Schlacht wie möglich, blieb ich stehen und sah in Richtung Nordwesten. Unbeweglich stand ich dort, eingehüllt in den schwarzen Mantel, meine silbernen Haare wehten im Wind. Ich blickte zwar über das Schlachtfeld hinweg, aber ich nahm nichts wahr, denn in mir stiegen Erinnerungen an eine andere Schlacht auf, eine Schlacht, die schon lange zurück lag. Sieben lange Jahre hatten wir damals am Ende des Zweiten Zeitalters Barad-dûr belagert.

Sieben Jahre! So viele starben dort in der Trostlosigkeit Mordors. Und dann, endlich kam Gorthaur hervor zu dieser endgültigen Schlacht. Ich sah das Schlachtfeld vor mir. So viele Tote! Und das alles sollte sich wiederholen, nur weil Isildur zu schwach gewesen war, um der Versuchung dieses Verfluchten Ringes standzuhalten? Wo war nur die einstige Stärke der Edain geblieben?

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Legolas näher kam.

Mae govannen, [Seid gegrüßt." begrüßte er mich.

Ich erwiederte den Gruß.

Mae govannen, Legolas. Van matha adar lîn? [Seid gegrüßt, Legolas. Wie geht es Eurem Vater?"

Maer. Gandalf gonathrannen le ceni. [Gut. Gandalf war überrascht Euch zu sehen."

Ich nickte.

Navedui cennin hon meth en amrand nim. [Zuletzt sah ich ihn am Ende des Ersten Zeitalters."

Nâ aten ethuiannen. [Das ist lange her."

Ú-iston sui taen. Ú-iston sui lin în ethuiannen ner gurth Elendil. [Wie lange weiß ich nicht. Ich weiß nicht wie viele Jahre vergangen sind seit Elendils Tod." sagte ich leise.

Nâ în neled menig a caer neder en amrand neled. [Es ist das Jahr 3019 des Dritten Zeitalters."

Vor Schock konnte ich gar nichts mehr sagen. Über 3000 Jahre hatte ich dort in dem Grab gesessen? So lange? Wie konnte das nur sein? Doch er sagte die Wahrheit. 3000 Jahre. Kein Wunder dass sich so viel verändert hatte.

În neled menig ne dae en-nirnaeth nuithannen, [3000 Jahre hielt ich mich im Schatten der Trauer auf." sagte ich leise mit trauriger Stimme und ging langsam zurück zur Mitte des Tales.

Es war bereits Nachmittag. Viele der Menschen waren bereits verschwunden. Nur Gandalf, Théoden, Aragorn, Gimli, Legolas und eine kleine Eskorte aus Reiter befanden sich noch hier. Elendils Nachfahre kam auf mich zu und überreichte mir die Zügel eines braunen Pferdes.

Pulich or Felaróf rocha, brennil. [Ihr könnt auf Felaróf reiten, Herrin." sagte er respektvoll.

Ich dankte ihm.

Hannon le.[Ich danke dir."

Zu meiner Freunde sah ich, dass man den Sattel bereits entfernt hatte. Ich saß auf und wartete.

„Auf nach Isengard!" rief Gandalf nach kurzer Zeit und ritt auf den ‚Wald' zu.

Dieser schien sich geteilt zu haben, so dass nun ein schmaler Weg hindurchführte. Es sah so aus, als ob die Onodrim uns erlauben würden, zu passieren. Zwischen den Bäumen war es dunkel und beengend. Die Sonne ging gerade unter und die Schatten wurden länger. Unser Weg führte immer tiefer durch den Wald.

Als wir die Bäume hinter uns ließen, war es bereits dunkel. Wir ritten stetig in Richtung Angrenost. Isengard nennen es die Menschen. Felaróf, das Pferd auf dem ich ritt, war ein prachtvolles Tier. Wer auch immer diese Menschen waren, die jetzt in Calenardhon, in Rohan, lebten, von Pferden verstanden sie etwas. Vielleicht nannte man dieses Land deswegen nun Rohan, ‚Pferde-Land'.

Um Mitternacht hielten wir an um zu rasten. Ich schlief jedoch nicht, schließlich hatte ich lange genug ‚geschlafen'. Da ich sowieso nicht schlief, bot ich Gandalf an, Wache zu halten. Dankbar nahm er mein Angebot an und legte sich hin. Doch auch Legolas schlief nicht. Seite an Seite saßen wir am Rande des Lagers.

Mit leiser Stimme erzählte er mir auf meine Nachfrage hin, was in den letzten 3000 Jahren passiert war. Zumindestens die wichtigsten Ereignisse. Nun war mir einiges klarer. Arnor gab es nicht mehr und Gondor hatte keinen König mehr. Es hatte sich viel verändert.

Im Morgengrauen machten wir uns zum Aufbruch bereit. Gerade als wir losreiten wollten, hörte ich Hufgetrappel. Ein Reiter, nein ein Pferd, näherte sich. Die anderen hörten es auch. Alamiert sah sich Gandalf um.

Sedho. [Seid ruhig." beruhigte ich ihn, denn ich wusste bereits, wer da kam.

Es war Ithildin, meine treue Gefährtin, die mit mir von Aman nach Beleriand gekommen war. Sie musste all die Zeit, die ich an Gil-galads Grab verbracht hatte, gewartet haben. Erfreut saß ich ab.

Ich konnte Ithildin schon anmutig herangaloppieren sehen. Ihre silbrig-weiße Mähne wehte im Wind und die aufgehende Sonne spiegelte sich in ihrem weißen Fell. Glücklich schnaubend hielt die helle Stute vor mir an. Ich hob meine Hand und fuhr ihr über die Nase.

Mae govannen, mellon nîn," flüsterte ich ihr zu.

„Was hat das zu bedeuten?" fragte Théoden erstaunt.

„Dies ist mein Pferd Ithildin," antwortete ich ihm. „Sie ist ein Pferd Valinors und hat mir schon oft beigestanden."

„Sie ist wunderschön," meinte der König bewundernd. „Ich habe noch nie ein so herrliches Pferd gesehen. Und das will etwas heißen, denn ich kenne die Mearas."

Ich übergab Felaróf mit Dank an einen der Reiter und saß nun auf Ithildin auf. Sattel oder Zaumzeug brauchte ich ja sowieso nicht. Ein Wort genügte und Ithildin tat um was ich sie bat.

Den ganzen Vormittag über ritten wir nach Norden. Als wir in das Tal kamen, in dem einst der stolze Turm der Númenoreans stand, erkannte ich Angrenost fast nicht wieder. Nur der hohe, schwarze Turm stand noch wie eh und je. Das Tal das einst grün, fruchtbar und bewaldet gewesen war, war jetzt verwildert und mit Dornenbüschen und braunen, verdorrtem Gras bedeckt. Bäume wuchsen hier keine mehr.

Wir waren noch weit von der einstigen Festung entfernt, doch ich konnte sehen, dass dort etwas nicht in Ordnung war. Rauch hing über Angrenost. Wir ritten schweigend das Tal entlang.

Als wir näher kamen, konnte ich Details erkennen. Der schwarze Turm stand inmitten eines riesigen Steinwalls, der an mehreren Stellen beschädigt war. Innerhalb der Mauer war der Boden mit trüben Wasser bedeckt, auf dem viele seltsame Dinge trieben. Das einst mächtige Tor hing schief in den Angeln und war zerstört. Was für eine böse Maht auch immer hier geweilt hatte, jetzt war sie gebrochen. Sie war zwar noch immer da, doch bedeutete sie keine Gefahr mehr für uns.

In der Ferne konnte ich viele der Onodrim, Ents, erkennen.