5. I Nimrychyn (Die Weißen Reiter)

Wir waren nun schon seit einigen Stunden wieder in Helms Klamm und ich wurde immer unruhiger. Ich spürte einen Ruf, der mich antrieb, aufzubrechen. Was auch immer Aragorn oder Théoden nun vorhatten, mein Weg war ein anderer. Ich machte mich auf die Suche nach Aragorn und fand ihn in der Eingangshalle der Festung. Er unterhielt sich mit Elladan, Elrohir und Legolas. Als ich näher kam blickte er auf und begrüßte mich.

Suilad, Ithiliel. Neritham ned thinnas. [Grüße, Ithiliel. Wir werden in Kürze (los)reiten."

Le suilon, Aragorn. Ú-nerithon na cen. Bedithon na rhûn, na Mordor. [Ich grüße Euch, Aragorn. Ich werde nicht mit Euch reiten. Ich werde nach Osten, nach Mordor gehen."

Be iest lîn, brennil. [Wie ihr es wünscht, Lady.", antwortete er mit einem leichten Nicken.

Ich warf den drei Elben einen fragenden Blick zu.

Govadatham Aragorn. [Wir werden Aragorn begleiten.", antwortete Legolas und die Zwillinge nickten zustimmend.

Ná Elbereth veria cen. [Möge Elbereth euch beschützen.",sagte ich mit weicher Stimme.

No galu govad gen, brennil. [Segen sei mit Euch, Lady.", sagte Aragorn.

Belain na le. [Die Valar mögen mit Euch sein.", sagte Legolas und auch Elladan und Elrohir verabschiedeten sich von mir.

Mit einem letzten Gruß verließ ich die Halle.

Namárie! Na adertham. [Auf Wiedersehen! Mögen wir uns wiedersehen."

Draußen wartete Ithildin bereits auf mich. Ich saß mit einer geschmeidigen Bewegung auf und auf ein kaum merkliches Zeichen von mir, galoppierten wir das Tal entlang Richtung Osten.

Ithildin war schneller als jedes andere Pferd und so war die Festung Helms Klamm schon bald aus meiner Sicht verschwunden. Zu meiner rechten ragten die Ered Nimrais empor und vor mir breitete sich das leicht hügelige Grasland der Westfold aus.

Die Sonne war bereits untergegangen, doch wir ritten weiter. Es war hell genug, so dass Ithildin erkennen konnte, wo sie hintrat. Es war bereits lange nach Mitternacht als wir den Lossonnen durchquerten. Danach hielten wir an und rasteten bis zum Sonnenaufgang.

Bevor wir erneut losritten, tranken wir noch von dem klaren, kühlen Wasser des Flusses.

Die nächsten zwei Tage ritt ich nach Osten. Als die Sonne am vierten Tage nach meinem Aufbruch aus Helms Klamm den höchsten Stand erreicht hatte, hielt ich an. Ich drehte mich nach Norden und suchte den Horizont ab. Da! Eine Staubwolke!

Es musste sich um eine Gruppe von Reitern handeln. Ich beobachtete den Horizont weiter, bis ich genaueres erkennen konnte: Die ca. 50 Reiter trugen weiß-graue Mäntel und einer der vorderen trug ein Banner mit sich.

Ich beschattete meine Augen. Ich kannte das Banner... es war das Banner der Nimrychyn – ein weißes Pferd auf schwarzem Hintergrund.

Ich lächelte erfreut. Also waren doch noch nicht alle von meiner einstigen Reitergruppe nach Aman gesegelt. Ich strich Ithildin über den Hals.

Tiro, i Nimrychyn telir. Nerim na gevedi, gûr nín. [Schau, die Nimrychyn kommen. Reiten wir um sie zu treffen, mein Herz."

Langsam setzte sich Ithildin in Bewegung und wir ritten den Weißen Reitern entgegen.

Als ich näher kam, konnte ich die beiden vordersten Reiter erkennen: Nimloth o Nimbrethil trug das Banner und an ihrer Seite ritt Elenion o Doriath.

Aiya!", rief dieser nun und hielt sein Pferd an, sobald er sich einige Meter vor mir befand.

Suilaid! [Seid gegrüßt!", antwortete ich, schlug meine Kapuze zurück und legte die letzten paar Meter zurück.

„Ithiliel?", fragte Nimbrethil erstaunt. „Sen tîr? [Ist es wahr? (Seid Ihr es wirklich?)"

Ich nickte.

Mae. Nâ im. [Ja. Ich bin es."

Im gelir ceni ad lín. [Ich bin froh, Euch wiederzusehen.", sagte Elenion erfreut und hob die Hand zu Gruß, was ich erwiderte. „Ú-iston le sí darthannech. [Ich wusste nicht, dass Ihr hier geblieben seid."

Anann ne dae nuithannen. [Ich wanderte lange in Schatten.", sagte ich leise und hob dann entschlossen den Kopf.

Ú-sí. Le hannon a tholed. [Jetzt nicht mehr. Ich danke Euch dass Ihr gekommen seid."

Ui. Me gilir tulu le teli. [Immer. Es ist uns eine Freude Euch zu Hilfe zu kommen.", versicherte mir Nimloth und legte ihre Hand leicht auf meinen Arm.

Hannon le. [Ich danke dir."

Ich dankte ihr und schenkte ihr ein kurzes Lächeln.

Mas nerim? [Wohin reiten wir?", fragte Elenion mich nun.

Na Vordor. [Nach Mordor." Als ob es gestern gewesen wäre, übernahm ich nun wieder meine alte Rolle als Anführerin der Weißen Reiter.

Am athent i bâd. [Auf dem kürzesten Weg", fügte ich hinzu.

Elenion nickte und auf sein Zeichen hin setzten sich die Reiter wieder in Bewegung.

Noro! [Reitet!"

Gemeinsam preschten wir nun über die Ebenen Calenardhons nach Osten.

Ich ritt zwischen Nimloth und Elenion und erzählte ihnen, was alles passiert war, nachdem ich wieder erwacht war.

Im Gegenzug informierten mich die beiden über alles wichtige, dass sich in den letzten 3000 Jahren ereignet hatte. Die Kurzversion hatte ich ja schon von Legolas gehört, aber nun erfuhr ich weitere Details.

Die zwei Elben hatten einige Jahrhunderte in Imladris gelebt und waren dann nach Mithlond gezogen, wo sie bis zum heutigen Tage geweilt hatten.

Von der einst so stolzen Truppe der Nimrychyn befanden sich nun nur noch diese 50 in Endor. Die anderen waren entweder in den Westen gesegelt oder im Kampf gegen Angmar oder verstreute Orkgruppen gefallen.

Aber diese 50, die noch hier waren, hatten meinen stillen Ruf vernommen und waren alle gekommen. Nun ritten wir nördlich der Ered Nimrais entlang, gen Mordor.

Wir ritten die ganze Nacht durch und passierten am frühen Morgen des nächsten Tages den Firienwald. Im Osten war der ganze Himmel verdunkelt, graue Wolken breiteten sich von Mordor her aus und hüllten das Land in Schatten. Es war still, zu still. Kaum ein Tier war zu hören oder zu sehen. Hier, im südlichen Calenardhon, wo sonst eine Vielzahl an Tieren vorhanden war. Doch sogar die Tiere spürten die drohende Gefahr die von Osten ausging.

Als die Sonne unterging und den westlichen Himmel in goldenes Licht tauchte, gab ich das Zeichen zum Anhalten.

Derim sí an i fuin. [Wir bleiben hier für die Nacht.", beschloss ich und wir saßen ab.

Schnell war ein behelfsmäßiges Lager errichtet und Wachen aufgestellt. Jeweils zwei Wachen in jeder der vier Himmelsrichtungen, neben einem kleinen Feuer, dass im Notfall etwas Schutz gegen Warge und andere Kreaturen bieten würde.

In der Mitte des Lagers brannte ein größeres Feuer, um das Elenion, Nimloth und ich uns setzten. Einige der anderen gesellten sich ebenfalls zu uns.

Wir berieten, wie wir nun am besten vorgehen sollten. Wir waren uns einig, dass wir das Morannon auf dem schnellsten Weg erreichen wollten, doch zuerst galt es den Anduin u überqueren.

Schließlich entschieden wir uns den Fluss drei Wegstunden nördlich von Cair Andros u überqueren, da sich dort eine Furt befand. Es würde zwar keine leichte Überquerung werden, doch es war der direkteste Weg.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir ein wenig zu ruhen beschlossen. Der schmale Mond tauchte unser Lager in bleiches Licht.

Ich zog meinen Mantel enger um mich und starrte in die sterbenden Flammen des Feuers. Meine Gedanken wanderten. So viel war in den letzten Tagen geschehen... und nun kam ich meinem Ziel immer näher.

Wenn alles gut ginge, würden wir in vier Tagen vor den Toren Mordors stehen.

Diesmal würde ich nichts unversucht lassen, um Gorthaur endgültig zu vernichten.

Während das Feuer langsam hernieder brannte, stieg vor meinen Augen ein Bild auf: Gil-galad.

Er stand auf dem Balkon vor unseren Gemächern in Lindon. Er trug eine lange, dunkelblaue Robe und der Wind spielte in seinen dunklen Haaren. Mein Herz schmerzte, als ich ihn so vor mir sah. Nein, an diesen Moment wollte ich nicht denken...

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Ich ergriff eine weiße Robe und hüllte mich in ihren weichen Stoff. Barfuss schritt ich nach draußen und gesellte mich zu meinem Mann.

„Mae aur, melethril[Guten Morgen, Geliebte", begrüßte er mich leise und legte seinen Arm um mich.

Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und blickte in Richtung des fernen Meeres.

Dunkle Zeiten liegen vor uns... ich fürchte dass der Preis den wir für einen Sieg bezahlen müssen, zu hoch sein wird."

Ich wandte mich ihm zu und blickte in seine Augen.

„Lemelon.[Ich liebe dich Mein Herz schmerzt bei dem Gedanken, dass dir etwas zustoßen könnte."

Sanft liebkoste Gil-galad meine Wange.

Ich liebe dich auch, mehr als alles andere. Aber wir haben keine Wahl, wir müssen kämpfen."

Es gibt immer eine Wahl", sagte ich mit tonloser Stimme und lies meinen Blick nach Westen wandern. „Noch ist Zeit... wir könnten nach Aman segeln und Manwë um Hilfe ersuchen..."

Nein." Er drehte meinen Kopf wieder zu sich. „Und das weißt du auch. Du willst nur die Wahrheit nicht sehen. Das Heer der Valar kam damals nur zu unserer Hilfe, weil wir Morgoth nie alleine besiegen hätten können. Aber Sauron können wir alleine besiegen. Und das werden wir auch."

Du hast Recht... die Herren des Westens werden nicht kommen", flüsterte ich mit trauriger Stimme und löste mich aus seiner Umarmung. Unruhig ging ich ein paar Schritte von ihm weg und drehte mich dann wieder zu ihm um.

Aber ich habe die Zukunft gesehen und ich fürchte sie..."

Die Zukunft kann geändert werden", versuchte mich Gil-galad zu beruhigen.

Diesmal nicht.", antwortete ich leise. „Ich habe deinen Tod gesehen..."

Meine Stimme brach.

Mit wenigen Schritten war er bei mir und schloss mich in seine Arme. Verzweifelt vergrub ich mein Gesicht an seiner Schulter.

Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren..."

Zärtlich strich er mir über die Haare.

Das wirst du nicht. Ich werde dich nie verlassen, das verspreche ich dir. Selbst wenn ich in der Schlacht fallen sollte, wird mein Geist immer an deiner Seite sein. Ich werde dich nie alleine lassen."

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Langsam verblasste die Szene wieder vor meinen Augen.

„Ithiliel?", fragte Nimloth neben mir. „Die Sonne geht bereits auf."

Tatsächlich. Ich stand langsam auf, in Gedanken noch in der Vergangenheit, und half beim Abbrechen des Lagers. Innerhalb kürzester Zeit waren wir wieder unterwegs und ritten weiter in Richtung Mordor, die Ered Nimrais zu unserer Rechten.

Ich musste immer wieder an die Bilder denken, die ich vor meinem inneren Auge gesehen hatte. Hätte ich verhindern können, was geschah? Wenn ich es nur ein bisschen stärker versucht hätte... doch in meinem Herzen wusste ich, wie auch damals schon, dass es nichts gab, das ich hätte tun können. Rein gar nichts. Und das machte alles irgendwie noch schlimmer. Diese Hilflosigkeit...

Doch dann dachte ich an die letzten Worte Gil-galads: ‚Ich werde dich nie alleine lassen.'

Aber er hatte mich alleine gelassen... oder doch nicht? Er würde immer in meinem Herzen weiterleben, das wusste ich, aber konnte da noch mehr sein?