Hallo ihr Lieben! Ich will hoffen, dass ihr Weihnachten gut überstanden habt. Alles ausgepackt? Aufgegessen? Ausgetrunken?

Ich danke euch für euer freundliches Feedback. Leider hab ich kaum Zeit im Einzelnen drauf einzugehen, denn ich hab besonders lieben Besuch hier. Fühlt euch einfach umärmelt.

Teil 5

Der nächste Morgen kam und stand ganz im Zeichen des großen Abschiedsspiels. Es war ein Wettbewerb außerhalb des schulischen Turniers, bei dem alle vier Quidditch-Mannschaften gegeneinander spielten, bis ein Sieger feststand. Zu diesem Zweck hatten die Schüler der Klassen eins bis sechs nur am Vormittag Unterricht, außerdem war es neu eingeführt worden und nicht wenige vermuteten, dass man es für Harry tat, im Gedenken an das, was er für die Zaubererwelt getan hatte.

Hermine hatte sich an Snapes Anweisung gehalten und vermieden ihn während der Mahlzeiten auch nur einmal anzusehen, was ihr überraschend schwer gefallen war. Noch immer brannte das schlechte Gewissen in ihr und die Anwesenheit ihres Freundes machte es nur noch schlimmer. Am liebsten hätte sich Hermine an diesem Tag irgendwo verkrochen. Noch immer fragte sie sich, wie er es geschafft hatte zu bemerken, dass sie ihn angestarrt hatte, wo er doch nicht einmal zu ihr hingesehen hatte. Durch diese Gedanken bekam sie schon eine Art Verfolgungswahn und sie wähnte sich ständig beobachtet.

Ginny und Hermine hatten sich auf der Tribüne der Gryffindors einen guten Platz gesucht und warteten nun wie alle anderen gespannt auf das erste Spiel. Alle trugen die Farben ihrer Häuser und kleine Fähnchen wurden geschwenkt. Es war ein Raunen von unzähligen Stimmen in der Luft und sogar das Wetter hatte es diesmal gut gemeint und die Sonne stahl sich zwischen den Wolken hervor.

Es hatte tagelang geregnet und kleine Pfützen glitzerten reflektierend im Licht der aufkommenden Strahlen. Hermine tat die frische Luft gut und sie hatte das Gefühl hier draußen ein wenig freier denken zu können. So langsam verblasste ihr schlechtes Gewissen wieder und die wissenschaftliche Seite ihres seltsamen Nachhilfeunterrichts kam wieder in ihr hoch. Mit dem gehörigen Abstand wirkte es auch nicht mehr so verwirrend auf sie. Vielleicht hatte ihr ehemaliger Lehrer völlig Recht und sie sollte versuchen, weniger perfekt zu sein, indem sie alles der Natur überließ.

Das Raunen im Stadion schwoll an und die ersten Mannschaften betraten das Spielfeld. Im ersten Match spielten Hufflepuff und Slytherin gegeneinander, doch die Chancen standen schlecht für die Gelb-Schwarzen.

Hermine hatte das Spiel nicht weiter verfolgt, die Gefahr war einfach zu groß, dass sie aus Versehen auf die gegenüberliegende Tribüne blicken könnte. Dass Severus Snape dort saß und das Spiel seiner Hausmannschaft beobachtete stand völlig außer Frage für sie.

„Hermine?" Ginny hatte an ihrem Ärmel gezupft und sich ein wenig zu ihr herüber gebeugt. Es war so laut im Stadion, dass sie Mühe hatte, ihre Freundin zu verstehen, aber so bekamen wenigstens die Sitznachbarn nichts mit.

„Wo warst du gestern Nacht?"

Schlagartig erstarrte Hermine und Ginny sah genau, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Sie hatte sich doch nicht getäuscht.

„Im Bad", log Hermine und versuchte Ginny dabei nicht anzusehen. Sie hatte noch nie gut lügen können.

„Da war ich nachsehen."

Hektisch kramte Hermine in ihrem Kopf nach einer guten Ausrede. Sie hätte sagen können, dass ihr schlecht gewesen war, aber warum trieb sie sich dann außerhalb der Gemeinschaftsräume herum? Es war schon schlimm genug beim Lügen erwischt zu werden, doch auf die schnelle noch eine andere Lüge zu erfinden war fast unmöglich.

„In Myrthes Bad. Ich habe mich von Myrthe verabschiedet."

Sie war verdammt und gehörte in die tiefste Hölle, ihre Freundin so schamlos anzulügen. Am liebsten hätte sie ihr die Wahrheit gesagt und alles gebeichtet, aber vermutlich würde Ginny sie nie verstehen. Sie musste ja für ihren Freund nicht perfekt sein. Harry liebte sie mit all ihren Schwächen und Fehlern.

„Von Myrthe? Du gehst mitten in der Nacht ins Badezimmer der maul..." Ginny wiederholte ungläubig Hermines Worte, aber der Rest des Satzes ging in einem tosenden Applaus unter, denn Slytherin hatte Hufflepuff mit vierzig Punkten Vorsprung besiegt.

Das nächste Spiel begann und für kurze Zeit war Ginnys Aufmerksamkeit auf die einlaufenden Mannschaften gelenkt. Ron winkte ihnen einmal hinauf und grinste breit. Sie waren der eindeutige Favorit und Ravenclaw nicht gerade berühmt für ihre sportlichen Erfolge. Der Quaffell, die Klatscher und der Schnatz waren in der Luft und das Spiel begann gleich mit zehn Punkten für die Roten.

Noch immer war es so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte und Hermine war froh darum. So musste sie wenigstens Ginny keine peinlichen Fragen beantworten, denn sie hoffte inständig, dass sie ihr die Lüge abgekauft hatte. Wenn nicht, so ließ sich die schlanke Rothaarige nichts anmerken. Aufmerksam verfolgte sie Harry mit ihren Blicken, der etwas abseits in der Luft schwebte und nach dem Schnatz suchte.

Ein Klatscher verfehlte ihn nur knapp und Hermine hörte Ginny besorgt aufschreien, doch Harry war erfahren genug, dem gefährlichen Geschoss geschickt auszuweichen.

Sich auf das Spiel konzentrierend, jubelten die beiden jungen Frauen bei jedem neuen Punktgewinn und am Ende stand fest, dass Hufflepuff nicht ein einziges Mal ihren Ball ins Ziel bringen konnte.

Es entstand eine kurze Pause, in der sich die Spieler erholen konnten. Das Endspiel stand fest und man erwartete nun praktisch ein Wiederholungsspiel des Schulturniers. Den Pokal hatten dieses Jahr mal wieder die Gryffindors geholt, aber Slytherin war nicht gewillt, ihre Niederlage zu wiederholen.

Ginny hatte für sich und Hermine etwas zu Trinken besorgt und verlor kein Wort mehr über den nächtlichen Ausflug, was die Jahrgangsbeste sichtlich erleichterte.

Gegenüber feuerten die Grün-Silbernen ihre Mannschaft lauthals an und siegessicher streckten die Spieler ihre Fäuste in die Luft, bevor sie ihre Besen bestiegen.

Das Spiel begann spannend wie man es erwartet hatte. Die Mannschaften schenkten sich nichts in ihrem Schlagabtausch. Ron machte einen guten Job als Hüter, auch wenn ihn die angreifenden Slytherin mehr als nur einmal in arge Bedrängnis brachten. Es stand immer noch unentschieden, als das Unglück passierte. Einer der Grünen war gerade im Begriff, seinen Ball durch eines der Tore zu werfen, als Ron an seine Seite glitt und ihn abdrängen wollte. Beide sahen nicht den Klatscher, der in atemberaubender Geschwindigkeit auf sie zuraste und den rothaarigen Hüter voll erwischte. Unglücklicherweise kollidierte er dabei mit seinen Gegenspieler so unglücklich, dass dieser ins Taumeln kam und mit seinem Besen ungebremst auf das Spielfeld rammte. Ron hielt sich noch für Sekunden auf seinem Besen, verlor aber dann offensichtlich das Bewusstsein und fiel wie ein Stein herunter.

Ginny und Hermine waren erschrocken aufgestanden und versuchten irgendwie von der Tribüne zu gelangen. Sofort wurde das Spiel unterbrochen und Helfer rannten auf den grünen Platz, um die Verletzen zu bergen. Alles war in Aufruhr, jeder wollte sehen, was da unten passierte und so brauchten die beiden eine ganze Weile, bis sie endlich am Spielfeldrand ankamen, wo sich Madame Pomfrey gerade um den verletzten Slytherin kümmerte. Ron lag ein Stück weiter auf einer magischen Bahre, die frei in der Luft schwebte. Sein Gesicht war bleich und eine klaffende Platzwunde, aus der dickflüssiges Blut sickerte, zierte die fast weiße Stirn. Hermine schlug sich ihre Hand vor den Mund und eilte dann zu ihm. Er war nicht ansprechbar und sie rief nach Poppy, doch die winkte nur ab und schüttelte ihren Kopf, während sie mit ihren Zauberstab über die regungslose Gestalt des Slytherinspielers glitt.

„Sie muss sich um Damian kümmern, er ist schwerer verletzt als Mr. Weasley", hörte sie die dunkle Stimme des Hauslehrers der Slytherin hinter sich und Hermine strich mit ihren Fingerkuppen über die verletzte Stirn ihres bewusstlosen Freundes.

„Was ist mit ihm?", frage sie leise, ohne sich umzudrehen. „Eine heftige Gehirnerschütterung, sonst nichts. Er wird ein paar Tage Kopfschmerzen haben. Nichts, was einen Hohlkopf wie ihn länger beeinträchtigen könnte."

„Können Sie ihm helfen?" Hermine hatte sich umgedreht und blickte nun direkt in die dunklen Augen des Zaubertränkelehrers. Für Sekunden war es ihr, als würden ihre Blicke eine Art Gefecht austragen, bei dem keiner als erstes nachgeben wollte, bis sie sich schließlich ergab und ihre Lider senkte. Snape holte Luft, als wollte er irgendetwas Abfälliges sagen, aber dann schnaubte er nur auf und holte aus einer Tasche seines Umhangs eine kleine Phiole.

„Geben Sie ihm das", herrschte er Hermine an und ging wieder hinüber zu dem anderen Schüler und Poppy, die hektisch einige Zaubersprüche über dem verletzen Jungen aussprach.

„Was war das denn?" Ginny hatte die ganze Zeit nur dabei gestanden und kleine Szene beobachtet. Dabei bemerkte sie nicht einmal Harry, der mit dem Besen noch in der Hand zu seinen Freunden geeilt war.

„Was war was? Wie geht's Ron?" Besorgt legt er einen Arm um Ginny, drückte sie kurz an sich und sah dann auf seinen Freund herunter.

„Er wird wieder", flüsterte Hermine, entkorkte die kleine Phiole und goss den dickflüssigen Inhalt auf die leicht geöffneten Lippen des Verletzen. Sofort regte dieser sich und schlug die Augen auf.

„Was ist los? Haben wir gewonnen?", war seine erste Frage und Harry musste lachen.

„Nein, es wird bei einem Unentschieden bleiben, da das kleine Turnier abgebrochen wurde. Damian Devenport hat es schwer erwischt. Bleib du erst einmal liegen, bis Madame Pomfrey dich angesehen hat, dein Kopf sieht schlimm aus."

„Wieso, was ist mit meinem Kopf?" Rons Finger fuhren hinauf zu seinen Schläfen und betasteten vorsichtig die Ränder seiner Platzwunde. „Ich fühl gar nichts. Sollte das nicht wehtun?"

„Das liegt an dem Zeug, was Snape dir gegeben hat."

Erschrocken zuckte Ron zusammen und starrte seine Schwester an.

„Genau genommen war es Hermine, nachdem sie es von ihm bekommen hat."

„D...Du gibst mir etwas aus den Händen dieses...dieses...Und was, wenn er mich vergiften will?"

„Sei nicht albern Ron, immerhin hast du keine Schmerzen, oder?" Hermine ärgerte sich ein wenig, dass er so dachte. Aber sie musste zugeben, dass sie vor ein paar Monaten vermutlich noch das Gleiche angenommen hätte.

„Hermine hat Recht, Ron. Er ist eine widerliche, alte Fledermaus, aber wir sollten uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass er uns nie wirklich schaden wollte."

Erleichtert seufzte Hermine auf, als Harry ihr zur Seite stand, allerdings kränkten sie auch die bösen Worte über Snape. Sie war beinahe versucht gewesen, ihn zu verteidigen, als ihr einfiel, dass es besser war, den Mund zu halten.

Immerhin konnten sie schon wieder miteinander scherzen und nachdem Pomfrey das Okay gegeben hatte, durften sie Ron sogar mitnehmen.

Hermine bemerkte nicht einmal, wie Ginny sie dabei die ganze Zeit misstrauisch beobachtete.

O0o°°°o0O

Es war schon später Nachmittag, als Harry mit Ginny eine kleine Runde vor den Toren Hogwarts spazieren ging, um ein wenig allein zu sein. Hand in Hand waren sie eine Weile einfach herum geschlendert, als Ginny anhielt und tief Luft holte. Sie hatte eine Ahnung, wie sie Harry ihren Verdacht genau erklären konnte, denn eigentlich war es auch völlig konfus.

„Was ist los? Du hast doch etwas? Fängst du jetzt schon an wie Hermine?"

Ginny schüttelte ihren Kopf und lächelte, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihrem Freund einen kleinen Kuss auf die Lippen gab. Immerhin hatte er ihr nun mit seinen Worten den Anfang leicht gemacht.

„Nein, ganz sicher nicht. Eher ist sie es, um die ich mir Sorgen mache."

Harry hatte Ginny auf eine der steinernen Bänke gezogen und seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Es gab nicht viele Momente für sie, in denen sie wirklich allein sein konnten.

„Du hast etwas herausgefunden?"

„Ja und nein. Letzte Nacht ist sie wieder verschwunden und lange weggeblieben. Im Bad war sie nicht, da hab ich nachgesehen. Sie muss irgendwo im Schloss gewesen sein."

Aufmerksam hörte Harry zu. Sein Verdacht hatte sich also bestätigt. Hermine verheimlichte etwas vor ihren Freunden. Nur was?

„Als ich sie beim Spiel darauf ansprach, hat sie mich angelogen. Sie hat behauptet bei Myrthe gewesen zu sein."

„Bei Myrthe?" Harry runzelte die Stirn, was sollte sie da wollen? „Bist du sicher, dass sie gelogen hat?"

„Ganz sicher. Hermine hat mir nicht einmal in die Augen sehen können. Harry, da stimmt etwas nicht mit ihr. Und dann diese Sache mit Snape."

„Was für eine Sache mit Snape?"

„Nach dem Spiel sind wir sofort herunter, um zu sehen was los ist. Da hat Hermine ihn gefragt, ob er Ron nicht helfen kann."

Was daran besorgniserregend war, entging Harry ein wenig. Sie hatte sich eben Sorgen gemacht und den nächstbesten kompetenten Lehrer angesprochen, daran war ja eigentlich nichts verwerfliches, nicht einmal, wenn es sich dabei um Severus Snape handelte.

„Da war dieser Moment."

„Was für ein Moment?" Harry verstand Ginny wirklich nicht, egal wieviel Mühe er sich auch gab.

„Als sie sich ansahen. Da war etwas – als würden Funken sprühen. Ich kann das nicht beschreiben. Und dann hat er ihr einfach so diese Phiole gegeben. Ron war nicht so schwer verletzt, dass es dringend war. Überleg doch mal: Er hat nie auch nur die kleinste Gelegenheit ausgelassen, uns zu schikanieren und zu quälen, doch plötzlich gibt er ihr dieses Mittel, damit er keine Schmerzen hat. Das ist doch unlogisch."

So gesehen, klang es schon ein wenig nicht nach dem Lehrer, den er kannte. Trotzdem wollte Harry die Meinung seiner Freundin noch nicht teilen.

„Das hast du dir vielleicht auch nur eingebildet."

„Ja, vielleicht. Aber trotzdem hat Hermine mich angelogen, da bin ich mir ganz sicher."

Harry dachte einen Moment lang nach. Es fiel ihm schwer Hermine zu misstrauen, aber Ginny war fest überzeugt und auch er begann, sich ernsthaftere Sorgen zu machen.

„Gut, es gibt nur einen Weg, um das festzustellen."

Keine zehn Minuten später befanden sie sich im Bad der maulenden Myrthe. Harry bekam auch nach all den Jahren immer noch ein ungutes Gefühl. Hier hatten sie ihren ersten Vielsafttrank getrunken und den Weg in die Kammer des Schreckens entdeckt. Es waren keine besonders guten Erinnerungen.

„Ohhhhhhhhhh. Harry Potter?" Myrthes weinerliche Stimme schallte durch die Rohre und nur Sekunden später tauchte sie aus einer der Toiletten auf. Ihr durchsichtiger Körper schwebte vor ihnen auf und ab, aber der Geist ignorierte Ginny völlig. Myrthes Augen waren nur auf den jungen Mann mit der Narbe gerichtet.

„Du warst ja schon ewig nicht mehr hier. Du siehst gut aus, Harry." Ginny konnte nicht anders als eifersüchtig zu schnauben, aber Myrthe schien sie nicht einmal zu sehen.

„Hallo Myrthe, war Hermine gestern bei dir?"

„Hermine? Nein. Warum sollte mich auch jemand besuchen? Niemand besucht mich hier. Nicht einmal du." Ihr Geheul steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Stakkato und Harry zuckte unweigerlich zusammen.

„Ist ja nur die maulende Myrthe in ihrem Abflussrohr. Wer nimmt schon Notiz von ihr!"

Harry hatte Ginny hinter sich hergezogen und hörte nicht einmal mehr zu, wie der Geist vor sich hin jammerte.

„Also gut, du hattest Recht. Hermine hat gelogen. Und wenn das stimmt, was du beobachtet hast, dann hat vielleicht doch Snape etwas mit der Sache zu tun. Ist dir sonst noch etwas aufgefallen? Hat sie vor irgendetwas Angst, oder versteckt etwas?"

Sie waren ein Stück weit den Flur herunter gegangen, bis sie das laute Heulen nicht mehr hören konnten.

Ginny schüttelte ihren Kopf, aber dann stockte sie. „Nein, sie wirkte zwar nervös vor einigen Tagen, aber nicht ängstlich. Allerdings hat sie gestern unentwegt zum Lehrertisch geschaut. Ich hab gedacht, sie ist vielleicht traurig, weil es doch ihr Wunsch war, ebenfalls Lehrerin zu werden, aber dann ... oh."

Harry rüttelte an ihren Schultern und starrte sie fragend an. „Was denn, was hast du?"

„Wenn ich genau darüber nachdenke, hat sie genau genommen eigentlich nur auf eine Stelle gestarrt. Auf Snape."

„Dieser Mistkerl", schnaubte Harry. Bei allem Respekt was er für ihn und Dumbledore getan hatte, jetzt ging es um seine Freundin Hermine. „Ich verstehe nur nicht, warum sie sich nicht an uns wendet. Er muss sie mit irgendetwas in der Hand haben. Fakt ist, dass Hermine ganz offensichtlich Angst hat, uns da mit hineinzuziehen.

Also gut", meinte Harry nachdem er kurz nachgedacht hatte. „Wir sagen Ron nichts davon. Vorerst. Sonst stellt er noch etwas Dummes an. Aber ich möchte, dass du in nächster Zeit genau aufpasst. Ich werde dir meinen Tarnumhang geben, notfalls verfolgst du sie allein, falls nicht genug Zeit sein sollte, mich zu wecken. Allerdings unternimmst du nichts auf eigene Faust. Wenn sie in Schwierigkeiten ist, holen wir sie gemeinsam da heraus."

Ginny nickte zustimmend und umarmte ihren Freund. Dass sie noch eine andere, völlig unmögliche Erklärung hatte, verriet sie ihm nicht. Es war auch völlig absurd...

O0o°°°o0O

Ginny hatte an diesem Abend den Umhang vorsichtshalber direkt unter ihre Bettdecke gesteckt, ohne dass Hermine es bemerkt hatte. Sie hatte sich schlafend gestellt und eine ganze Weile wach gelegen, aufmerksam gelauscht und abgewartet, doch immer, wenn sie gedacht hatte, etwas gehört zu haben, hatte sie sich getäuscht. Hermine lag schlafend in ihrem Bett und rührte sich nicht. Genau genommen rührte sie sich ÜBERHAUPT nicht.

Erschrocken war Ginny aufgesprungen und an ihre scheinbar schlafende Freundin heran getreten. Viel konnte man im Dunkel des Schlafsaals nicht erkennen. Nur ihren Schopf und die geschlossenen Augen. Es regte sich nichts, nicht einmal die Bettdecke hob und senkte sich. Ginny wollte sie nur kurz berühren, nicht wecken, falls sie schlafen sollte, aber kaum hatte sie sie an der Schulter angefasst, gab die Decke nach, als wäre aus einem Ballon die Luft herausgelassen worden.

Erneut griff Ginny zu und ihre Hand fuhr einfach durch Hermines Kopf, als wäre sie ein Geist.

Verdammt, sie war schlauer gewesen und hatte eine Illusion von sich hergestellt. Hastig wickelte sich Ginny in einen Morgenmantel und eilte hinüber in den Schlafsaal der Jungen, wo sie Harry leise weckte, damit Ron nichts mitbekam, doch der schnarchte selig vor sich hin und sah nicht aus, als könnte ihn überhaupt etwas wecken.

Ohne ein Wort folgte dieser ihr bis in den Gemeinschaftsraum, wo er von ihr erfuhr, dass Hermine bereits weg war und einen Zauber angewandt hatte, damit es so aussah, als würde sie schlafen.

„Accio Karte des Rumtreibers." Harry hatte seinen Zauberstab gezückt uns sofort segelte die Karte aus dem Schlafsaal direkt in seine Hände.

Er tippte dreimal drauf und sprach „Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut", und schon gab sich die Karte zu erkennen und die beiden steckten ihre Köpfe zusammen.

Synchron stöhnten sie auf, als sich ihnen offenbarte, wo Hermine steckte. Ihr Verdacht hatte sich also bestätigte.

„Dieses Schwein", flüsterte Harry und faltete die Karte wieder zusammen.

„Wir sollten nicht voreilig sein." Ginny sah, wie ihr Freund vor Zorn zitterte, aber sie mussten die Ruhe bewahren. „Vielleicht gibt es für da eine völlig einfache, logische Erklärung."

„Ach ja? Die da wäre?"

„Nun, sie könnten... Vielleicht ... Oder sie... Eventuell...", stotterte Ginny und gab auf. Er hatte Recht. Eine vernünftige Erklärung gab es nicht, egal wie sie es drehte und wendete. Niemand ging mitten in der Nacht freiwillig in das Büro des Zaubertränkelehrers.

O0o°°°o0O

Es war ein leichtes für Hermine gewesen, den Illusionszauber zu kreieren und sich dann davon zu schleichen.

Sie hatte sich seit dem Nachmittag um Ron gekümmert und ihm gegen Abend erschöpft einen Schlaftrunk gebraut, damit er endlich Ruhe gab. Das Mittel aus der Phiole hatte irgendwann nachgelassen und seine Kopfschmerzen waren auch nach der Versorgung seiner Wunde von Pomfrey wohl so stark gewesen, dass er die ganze Zeit nur gejammert hatte.

Es war ja nicht so, dass sie kein Mitleid mit ihm hatte. Sie hatte nur immer noch dieses furchtbar schlechte Gewissen und es verstärkte sich mit jedem schmerzhaften Stöhnen.

Dazu kam, dass sie ständig an andere Dinge denken musste. Ein weiterer Umstand, der Schuld daran war, dass sie sich noch elender fühlte.

Immer wieder waren ihr die Worte Snapes durch den Kopf gegangen. Vielleicht war es wirklich besser, ihrem Freund die Wahrheit, was ihre Unerfahrenheit betraf, zu sagen und alles auf sich zukommen zu lassen.

Es war nicht so, dass sie die Vorstellung erschreckte, was sie bei dem Zauberer erwartete, sondern dass es sie eben nicht erschreckte. Ärgerlich rollte sie mit den Augen und schimpfte sich innerlich, dass sie nicht einmal mehr in der Lage war, logisch zu bleiben. Sie hatte das alles gründlich recherchiert, durchgeplant und wissenschaftlich angehen wollen, wie alles andere in ihrem Leben auch. Doch je perfekter sie das alles anging, desto konfuser wurde es.

Das schlimmste aller Gefühle aber war, dass sie sich eben nicht mehr in allem sicher war. Sie konnte die schwersten Berechnungen durchführen, die kompliziertesten Zauber und Verwandlungen, die schwierigsten Tränke herstellen und die geheimnisvollsten Runen entschlüsseln. Sie hatte gegen übermächtige Gegner gekämpft, schwerwiegende Entscheidungen getroffen und die schlimmsten Schicksalsschläge ertragen. Und jetzt brachte sie so etwas Einfaches wie das aus dem Konzept?

Erneut stöhnte sie leise auf. Jedwede Rationalität ging ihr allmählich verloren und diese Art des Kontrollverlustes über ihren Verstand ärgerte sie. Verzweifelt hatte sie die beiden Nächte vor ihrem geistigen Auge noch einmal durchgespielt - mit Ron in der Hauptrolle. Doch mehr als ein seltsames Gefühlsgemisch aus Belustigung und Schaudern war nicht dabei herausgekommen.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit war sie bis vor die Tür seines Büros gelangt. Allmählich war es ihr, als würden ihre Beine sie automatisch dahin bringen. Am Nachmittag war es ihr sogar passiert, dass sie beinahe die falsche Treppe genommen hätte.

Sie musste es beenden. Sollte er doch denken, sie sei feige. Die Vorstellung, wie er sagte, einem im Zölibat lebenden Hexenzirkel beizutreten hatte plötzlich etwas sehr Verlockendes bekommen. Gab es sowas überhaupt? Zumindest war es ihr in der Fachliteratur noch nicht begegnet.

Die Schande zuzugeben, dass es etwas gab, was Hermine Granger weder berechnen, noch erklären, noch kontrollieren konnte, war beängstigend.

Hermine wartete gar nicht erst die Aufforderung ab, nachdem sie fest und vernehmlich geklopft hatte. Vermutlich hätte sie sonst auf dem Absatz kehrt gemacht.

Der Professor sah nicht so aus, als hätte er sie erwartet. Das war das erste, was ihr einfiel, als sie sah, wie er sich zu ihr umdrehte. Offensichtlich räumte er irgendetwas in eines der Regale an der Wand und sie hatte ihn überrascht. Es war wirklich faszinierend festzustellen, wieviel Gefühlsregungen sich in seinem Gesicht abzeichnen konnten, wo sie doch früher nie mehr als zwei gekannt hatte: Grimmig und noch grimmiger.

Zunächst schien er überrascht, dann kurz erfreut und - oh - das fiel jetzt definitiv unter die Kategorie 'am grimmigsten', um nicht zu sagen wütend.

„Wie können Sie es wagen?", herrschte er sie mit zusammengepressten Zähnen an. Erstaunlich, dass sie ihn überhaupt verstand.

„Entschuldigung, aber ich dachte, Sie erwarten mich?"

Mit wenigen, langen Schritten hatte er sie erreicht und imponierend vor ihr aufgebaut, so dass Hermine ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Seine Hände schlossen sich kurz an den Übergang zwischen Schlüsselbein und Hals und für einen winzigen Moment glaubte sie, er wollte sie erwürgen. Doch er strich nur kurz mit den Daumen über ihre Kehle und ließ sie dann los, als hätte er sich verbrannt.

„Und ich hatte angenommen, Sie kümmern sich um Ihren schwer verletzten, zukünftigen Liebhaber."

Hermine verstand nicht was genau an seinen Worten ihr einen Stich gab, aber sie schüttelte nur kurz ihren Kopf.

„Er schläft." Dass sie ihn praktisch betäubt hatte, nur damit er endlich Ruhe gab, erzählte sie besser nicht.

Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen, doch bevor es ihr wieder einfiel, kam ihr ehemaliger Lehrer ihr zuvor.

„Miss Granger. Ich muss Sie leider davon in Kenntnis setzen, dass ich mich nicht mehr an unsere Abmachung halten kann."

Die Stelle an ihrem Hals, wo er sie vor Sekunden noch berührt hatte, brannte wie Feuer und wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte Hermine nach Luft. War das nicht eigentlich ihr Text gewesen? Und warum freute sie sich jetzt nicht darüber?

„Warum?", flüsterte sie kaum hörbar und beobachtete, wie sich der Professor von ihr entfernte, als könnte er ihre alleinige Anwesenheit kaum ertragen. War das der Grund?

„Ich hätte dem niemals zustimmen dürfen. Zugegeben, es war sehr ... interessant, aber ich fühle mich einfach außerstande, Sie weiterhin in solchen Dingen zu unterrichten."

Es klang, als hätte er sich die Worte gut zurechtgelegt und die betont ruhige Art, wie er sprach, verletzte sie mehr, als sie zuzugeben bereit war. Sie konnte damit fertig werden, wenn er sie anschrie, oder zynische Bemerkungen machte, aber ihr auf diese Weise zu verstehen zu geben, wie abstoßend sie für ihn war, konnte sie nicht ertragen.

Eisern kämpfte sie gegen ihre Tränen an und musste auch noch mit ansehen, wie er sich von ihr abwandte.

Ihr Pflichtbewusstsein trotz ihrer offensichtlichen Abneigung gegen ihn war wirklich ausgeprägt, das musste er ihr lassen, aber diese Gryffindors hatten immer schon einen Hang, es mit ihrem Mut zu übertreiben.

Er war mehr als überrascht gewesen, als sie hereingeplatzt war und es ärgerte ihn immer noch, dass sie es wieder geschafft hatte, ihn aus der Fassung zu bringen. Für eine Sekunde hatte er wirklich den Wunsch gehabt, ihr den Hals umzudrehen. Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen?

Er musste Abstand zwischen sich und sie bringen, da er sich selbst nicht traute, und jetzt sah sie ihn auch noch mit wässrigen Augen an, so dass er sich abwenden musste, um nicht in Gefahr zu laufen, gleich etwas völlig Dummes zu tun.

„Ich hatte immer angenommen, Sie stehen zu Ihrem Wort, aber ich muss mich getäuscht haben."

Ein sarkastisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, aber er drehte sich nicht um. Sie hatte gar nicht mal so Unrecht, selbst wenn es ihn kränkte, so etwas von einer kaum den Kinderschuhen entwachsenen, ehemaligen Schülerin zu hören.

„Sie sind ein Feigling, Severus Snape."

Treib es nicht zu weit, kleine Närrin, dachte er und ballte seine Hände zu Fäusten. Er bewies schon weitaus mehr Geduld als üblich.

„Sie schaffen es nicht einmal, mir den wahren Grund direkt ins Gesicht zu sagen."

Das war zuviel. Mit einem Satz war er bei ihr und sah zu, wie sie ängstlich immer weiter zurück wich, bis die Bürowand ihrem Rückzug Grenzen setzte. Zornig packte er sie an den Schultern und presste sie dermaßen gegen die Steine, dass sie glaubte, diese würden gleich nachgeben.

„Glauben Sie mir. Sie wollen den wahren Grund nicht wissen", warnte er sie leise und ließ sie so abrupt los, dass sie kurz an der Wand zusammensackte.

Mit soviel Selbstachtung wie es ihr noch möglich war, richtete sich Hermine wieder auf und starrte ihren ehemaligen Lehrer an. Er musste wirklich nichts mehr sagen, denn den Grund kannte sie ja schon längst.

„Mir ist völlig klar, wie abstoßend Sie mich finden, Professor Snape, aber ich hätte Ihnen zumindest zugetraut, dass Sie es mir ins Gesicht sagen und nicht feige unsere Abmachung brechen."

Hermine raffte sich und streckte trotzig ihr Kinn in die Höhe, damit sie ihm wenigstens dabei in die Augen sehen konnte. Sie hatte völlig vergessen, dass sie vor wenigen Minuten noch selbst daran gedacht hatte. Sein Blick machte ihr Angst und erinnerte sie an ein verwundetes Tier, doch sie kam nicht mehr dazu, weiter zu spekulieren, was in ihm vorging. Mit einem unartikulierten Laut hatte er sie erneut gepackt und seine Lippen auf ihre gepresst...

O0o°°°o0O

Vermutlich entschädigt euch die Länge dieses Teils nicht dafür, dass unsere beiden Lieblinge ein bisschen zu kurz kamen. Aber im nächsten Teil wird es schon wieder ein 'wenig' kuscheliger.