A.N. Vielen Dank für die Kommentare und auch für die berechtigte Kritik gg Vermutlich ist das so eine Autorensache, insofern man davon ausgeht, dass die Leser genauso denken wie der, der schreibt. Ich bin schlichtweg davon ausgegangen, dass Beiden nicht genug Zeit bleibt, sich eventuell rechtzeitig in Sicherheit zu bringen aufgrund der ganzen Schutzzauber – sorry an dieser Stelle und nochmal danke für den Hinweis!
Teil 7
Ein lautes Poltern ließ sie erschrocken auseinander fahren, doch es war kein explodierender Kessel, sondern Madame Pomfrey, die gegen die Tür des Kellers wummerte. Minuten später waren die Schutzzauber gelöst und die Krankenschwester kam hereingestürzt.
„Es wird wirklich dringend, die ersten Schüler haben schon Auflösungserscheinungen. Hat alles geklappt?"
„Dämliche Frage", murrte der Tränkemeister „Stünden wir hier sonst noch in einem Stück?"
„Sehen Sie, genau wie beim letzten Mal. Sie haben es geschafft, oder besser wir haben es geschafft!", jubelte Hermine, lachte befreit auf und umarmte den Zauberer vor den Augen der völlig konsternierten Madame Pomfrey.
„Ich hab nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen. Es war das erste Mal, dass ich diesen Trank herstellen musste und hoffentlich auch das letzte Mal."
Hermine stutze kurz und lachte erneut. Jetzt war ihr klar, warum das Gemälde sie auf das Denkarium aufmerksam gemacht hatte. Der verstorbene Schulleiter hatte vermutlich beabsichtigt, dass sie seine Erinnerungen sah. Das würde sie sofort klären.
„Severus?", fragte Poppy leise und sah zu dem Lehrer auf, der grimmig hinter Hermine her sah, die fröhlich davon eilte.
„Frag mich nicht. Du kennst dich viel besser mit diesen Hormonen aus", knurrte er und half ihr beim Abfüllen.
O0o°°°o0O
McGonagall war nicht da, als Hermine ihr Büro betrat, aber es war auch gar nicht ihre Absicht gewesen, sie zu sehen. Viel mehr wollte sie mit dem Bild Dumbledores reden, der sie lächelnd begrüßte.
„Oh, wie ich sehe sind Sie noch in einem Stück?"
„Allerdings. Es gab damals zu Ihrer Amtszeit gar keinen Ausbruch von KK-Pocken", stellte sie fest und tat so, als wäre sie ein wenig empört.
„Nein? Hm, ich kann mich nicht daran erinnern, das behauptet zu haben. Kieselschnupfen – hartnäckige Sache und sehr unangenehm. Die Dinger können einem ordentlich die Nase verstopfen."
„Sie wussten genau, was ich sehen würde, oder?" Hermine war klar, dass er sie hereingelegt hatte, doch sie war ihm nicht böse. Aber sie wollte zumindest noch erfahren, warum er das getan hatte.
„Wie ich schon einmal zu einem alten Freund sagte: Man sieht immer nur das, was man sehen will. Woher sollte ich also wissen, was Sie sehen würden, wenn ich nicht wusste, was Sie sehen wollten? Wenn Sie es nicht gewollt hätten, dann hätten Sie es ja nicht gesehen, oder?"
Sogar für Hermines ausgeprägten Verstand war es ein wenig schwer, hinter seine Worte zu kommen, aber sie wusste auch aus Erfahrung, dass vermutlich nicht mehr dabei herauskommen würde.
O0o°°°o0O
Im Gemeinschaftsraum wurde sie schon mit Spannung von ihren Freunden erwartet. Ihnen war die deutliche Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als sie wohlbehalten durch die Öffnung des Gemäldes spaziert war. Noch immer war es den Schülern verboten, die Räumlichkeiten zu verlassen, denn erst einmal mussten die Kranken und dann vorsorglich die noch nicht infizierten Schüler versorgt werden, aber es würde nicht mehr lange dauern.
Natürlich musste sie einige neugierige Fragen beantworten, aber wenigstens hatte sie nach einiger Zeit auch eine gute Ausrede, ein wenig Ruhe zu brauchen.
Erschöpft warf sie sich auf ihr Bett und verschränkte ihre Hände hinter dem Kopf, während sie zur Decke starrte.
Was war nur los mit ihr? Ein fast schmerzhaftes Ziehen durchzog ihren Bauch und immer wieder musste sie an die vergangenen Stunden denken. Natürlich war sie stolz, dass alles so gut funktioniert hatte, aber das erschien ihr völlig nebensächlich geworden zu sein.
Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem düsteren Zauberer und den Erinnerungen, die sie gesehen hatte. Harry hatte ihnen davon erzählt, aber nie, was genau er gesehen hatte. Nur durch seine Aussage war Snape später in den Prozessen freigesprochen worden, was nicht wenige gewundert hatte. Aber sie und Ron hatten nie an Harrys Worten gezweifelt und nun hatte sie den wahren Grund ja selbst gesehen.
Erneut fragte sie sich, wie es wohl sein würde, jemanden so leidenschaftlich zu lieben. Zu sehen wie der, den man mehr als alles andere begehrte, sich einem anderen zuwandte.
Hermines Herz zog sich zusammen und sie zwang sich an Ron zu denken. Wie wäre es für sie, wenn er plötzlich eine andere finden würde? Aufmerksam lauschte sie in sich hinein, aber da war nichts. Sie fühlte keine Eifersucht, keinen Schmerz. Nur einen Hauch von Sorge, ob sich dieser jemand auch gut um ihn kümmern würde und – das war eine erschreckende Erkenntnis – eine Spur von Erleichterung.
Entsetzt war sie aufgesprungen und ins Bad gerannt, wo sie sich mit kaltem Wasser die erhitzen Wangen kühlte. Mit beiden Händen stützte sie sich an dem Waschbecken ab und starrte nachdenklich ihr Spiegelbild an.
Nichts war mehr übrig von der Elfjährigen, die voller Tatendrang nach Hogwarts gekommen war. Sie war als Streberin verschrien. Viele mochten sie nicht aus Neid, weil sie so klug war. Andere, weil ihre Abstammung nicht rein war.
Aber dann hatte sie Harry und Ron gefunden. Sie akzeptierten sie, schätzten ihre Intelligenz und gemeinsam ergänzten sie sich hervorragend. Sie hatte das Gefühl genossen, gebraucht zu werden, ihre gemeinsamen, schrecklichen Erlebnisse hatten sie zusammengeschweißt und schneller erwachsen werden lassen, als ihnen lieb war.
Große, braune Augen starrten sie im Spiegel an. War es da nicht logisch gewesen, dass sie sich in Ron verliebt hatte? Dass sie sich nach all der Zeit gar kein Leben mehr ohne ihre Freunde, die ihre Familie geworden war, vorstellen konnte? Dass sie ihre eigenen Wünsche und Ziele hinter denen, die sie brauchten, zurück steckte?
Aber was wollte sie denn wirklich?
Was sie von ihrer Zukunft erwartete, war klar. Sie wollte ihr Wissen weitergeben, etwas Nützliches tun. Schon früh hatte sie darüber nachgedacht, wie es sein würde an einer Schule wie Hogwarts zu unterrichten. Und was ihre Beziehung anging...
Gebraucht zu werden war schön, es gab ein Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit. Doch einmal bedingungslos zu lieben, ohne Erwartungen, ohne dass man vorausplante, bis man an nichts anderes mehr denken konnte als an den, den man über alles liebte. Bis zur fast völligen Selbstaufgabe. So wie 'er' es getan hatte.
Auch Hermine hätte ihr Leben für ihre Freunde gegeben, aber aus anderen Gründen. Es war nicht nur um sie gegangen, sondern um die Zauberwelt von einem übermächtigen Feind zu befreien.
Snape hingegen hatte alles aus nur einem einzigen Grund getan und das machte ihn auf gewisse Weise sehr menschlich.
Ron und ihn miteinander zu vergleichen war unmöglich, und warum tat sie es dann?
Sie mochte den Tränkemeister nicht einmal. Gut, sie kannte nun einige Geheimnisse und es machte es für sie einfacher zu akzeptieren, dass er nicht so schlecht war, wie sie immer angenommen hatte.
Lange Zeit hatte sie Angst vor ihm gehabt und ihn gehasst. Seine sarkastische Art, wie er es genoss, wenn die Schüler vor ihm zitterten. In seiner Gegenwart hatte sie sich immer klein und schäbig gefühlt. Egal wie sehr sie sich angestrengt hatte, wie gut sie ihre Aufgabe auch erfüllte, es war nie genug gewesen. Sogar da unten im Keller, als sie nicht wussten, ob sie es überhaupt überleben würden, hatte er sich mit ihr gestritten. Nie konnte sie ihm etwas Recht machen, dabei wollte sie doch nur...was wollte sie?
Anerkennung? Das war Blödsinn, sie wusste, was sie konnte. Dankbarkeit? Noch größerer Schwachsinn. Akzeptanz? Ja, das kam der Sache schon näher. Sie wollte für ihn nicht das vorlaute, besserwisserische, kleine Mädchen sein. Er sollte sie nicht mit diesem Blick ansehen, als wäre sie eine Plage, sondern so wie in dem Moment, als sie ihn geküsst hatte.
Alle Farbe wich aus dem Gesicht im Spiegel und die Erkenntnis bohrte sich wie ein Speer in ihren Bauch.
„Hermine, alles in Ordnung?" Hinter ihr tauchte das Gesicht von Ginny auf, die sich wohl Sorgen um sie gemacht hatte. Hermine drehte sich um und versuchte ein Lächeln, aber es entgleiste ihr im Ansatz. „Ja, alles in Ordnung, es geht mir gut. Ich bin nur völlig erschöpft."
Hermine sah, dass Ginny skeptisch war, aber sie ignorierte es und folgte ihr in den Schlafsaal, wo sie sich wieder auf ihr Bett legte und die Augen schloss, damit man sie in Ruhe ließ.
Wie dumm konnte man nur sein? Sie, die sonst immer so vernünftig war, die auf alles eine Antwort parat hatte, die die Dinge bis ins Detail plante. Deshalb hatte sie immer um seine Achtung gekämpft und ihn gehasst, wenn er sie wieder zur Schnecke gemacht hatte. Deshalb hatte sie heimlich in der Zeit, als alle dachten, er wäre Voldemorts Verbündeter, darüber spekuliert, warum er so war.
Deshalb traf es sie so, dass er ihre Abmachung beinahe gebrochen hätte.
Nur deshalb war sie überhaupt zu ihm gegangen. Verleugnung war eine hervorragende Sache, solange man es sich selbst genug einredete und Erkenntnisse taten weh.
Die Erkenntnis, dass sie Ron nicht so lieben konnte, wie er es verdient hätte.
Die Erkenntnis, dass sie sich viel zu lange selbst betrogen hatte.
Die Erkenntnis, dass es Dinge gab, die sie nicht berechnen und planen konnte.
Die Erkenntnis, dass ab sofort alles nie wieder so sein würde, wie es war.
Die Erkenntnis, dass sie in Severus Snape verliebt war...
O0o°°°o0O
Egal wie erschöpft sie auch war, an Schlaf war nicht zu denken. Ihre neu gewonnene Einsicht, machte alles nur noch komplizierter, rückte die Prioritäten in ihrem Leben an andere Stellen.
Ihr war völlig klar, dass man es nicht verstehen würde. Sie tat es ja selbst nicht.
Severus Snape war ein ehemaliger Todesser. Ein Pedant, sarkastisch, humorlos und egoistisch. Doppelt so alt wie sie und nicht einmal außergewöhnlich attraktiv. Zumindest nicht für andere. Hermine jedoch bekam schon Herzklopfen, wenn sie an seine düstere Erscheinung und die fast schwarzen Augen dachte.
Große Hoffnungen machte sie sich nicht, dafür war sie zu realistisch. Auch wenn es da diesen besonderen Moment zwischen ihnen gegeben hatte, aber das war vermutlich aus dem Stress heraus gewesen. Immerhin hatten sie in Lebensgefahr geschwebt.
Bald war das Schuljahr um und sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen. Allein der Gedanke ließ ihr Inneres Achterbahn fahren.
Sie hatte ihn Feigling genannt, dabei war sie es, die zu feige gewesen war, den Tatsachen ins Auge zu sehen.
Ob er an Lily gedacht hatte, als er mit ihr diese Dinge getan hatte? Ein stechender Schmerz von Eifersucht durchfuhr sie, obwohl es albern und dumm war. Sie schämte sich für diese Gedanken, konnte sie aber nicht verhindern.
Wie sollte sie Harry, Ron und Ginny jemals wieder in die Augen sehen können? Auf Verständnis konnte sie kaum hoffen. Sie fühlte sich wie eine Verräterin und eigentlich war sie das ja auch.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass bald Mitternacht war. Ob sie es wirklich wagen sollte?
Ihr Herz klopfte vor Aufregung und sie lauschte ihren Mitschülern. Es war völlig ruhig im Schlafsaal.
Ein letztes Mal, ein allerletztes Mal würde sie zu ihm gehen. Es war falsch, dessen war sie sich bewusst, aber dieses eine Mal wollte sie etwas nur für sich.
Nur wenige Minuten später stand sie mit klopfenden Herzen vor seiner Bürotür. Konnte sie es überhaupt wagen ihm entgegen zu treten, nachdem ihr endlich bewusst geworden war, was sie empfand? Energisch sammelte sie all ihren Mut und klopfte leise. Um ihn nicht schon wieder zu verärgern wartete sie, aber von drinnen war kein Laut zu hören. Noch einmal klopfte sie, diesmal energischer.
Ob er schon schlief? Bestimmt hatte er gehofft, dass sie nicht kommen würde. Oder er ignorierte sie einfach.
Eine Weile stand sie ratlos in dem dunklen Flur und wiegte sich unentschlossen von einem Bein auf das andere. Aber dann öffnete sie einfach die Tür und schaute vorsichtig in das Büro.
Es war leer. Nur die Lampe auf dem Schreibtisch verbreitete ein gedämpftes Licht. So leise sie konnte, ging sie herein, verschloss hinter sich die Tür und schlich sich zu dem angrenzenden Raum.
Die meisten der Lehrer hatten ihre privaten Zimmer direkt an die Büros angeschlossen, doch nur selten bekamen die Schüler diese zu sehen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass diese persönlichen Territorien nur in den schlimmsten Notfällen betreten werden durften.
„Hallo?" Ihre zittrige Stimme schallte und sie stieß das Türblatt, welches nur leicht angelehnt war, mit leichtem Schwung auf.
Er war nicht da. Das war das erste, was sie erkennen konnte, erst dann erlaubte sie sich einen genaueren Blick. Das Zimmer wirkte so spartanisch und kühl, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es gab kaum persönliche Gegenstände, lediglich ein Bild von Hogwarts hing an der kahlen Wand, die aus den gleichen rohen Steinen bestand, wie der gesamte Keller. Ein großer Wandschrank, ein Stuhl und ein Bett. Hermine kam sich beinahe vor wie in einer Gefängniszelle.
Ein schmaler Lichtschacht war die einzige Verbindung nach draußen. Irgendwie passte es zu diesem Zauberer. Es war kalt, einsam und trostlos. Hermine wurde das Herz noch schwerer.
Ein paar Sachen waren achtlos über den Stuhl geworfen und sie erkannte seine übliche Aufmachung. Vermutlich hatte er sie für die Hauselfen heraus gelegt.
Seufzend setzte sie sich auf das Bett und spürte, wie die Matratze kaum nachgab. Auch das passte. Hart und unnachgiebig wie der, der darin schlief. Was sollte sie nun tun? Warten? Gehen?
Sie warf sich zurück und drückte ihren Kopf in sein Kissen. Das Leinen war kühl und irgendwie roch es ... nach ihm. Auf diese seltsam abstruse Weise nach dem Weihnachtsgebäck ihrer Großmutter.
Sie würde warten, entschloss sie sich. Irgendwann musste er ja wieder auftauchen.
Es war tief in der Nacht, als Severus Snape auf den Weg in seine Gemächer war. Aus einem Instinkt heraus hatte er es vorgezogen, einen ziemlich langen und ausgiebigen Spaziergang im verbotenen Wald zu machen. Natürlich war es nicht, weil er dachte, Hermine würde allen Geschehnissen zum Trotz doch noch auftauchen. Er gestand sich auch nicht ein, dass es deshalb war, weil er genau wusste, dass sie nicht kommen würde und er in Gefahr geriet, darüber enttäuscht zu sein.
Eigentlich hatte er nur seinen Kopf frei bekommen wollen, von all den verwirrenden Gedanken, die ihn seit nunmehr drei Tagen beherrschten. Keine Stunde hatte er seitdem geschlafen und es ärgerte ihn, dass es ihn so beschäftigte.
Wieder und wieder musste er an die Stunden denken, die sie gemeinsam im Keller verbracht hatten.
Es war lächerlich, dass sie eine derartige Begabung wegwarf und ins Ministerium gehen würde, als Fachkraft für die Muggelwelt. Natürlich kannte er die Unterlagen aller Abgangsschüler. Vermutlich tat sie das nur für diesen Weasley, der sich nicht einen Strunk dafür interessierte, was das Beste für sie war. Oder hatte sie noch andere Gründe?
Sie hatte so vehement abgestritten, an den Rotschopf zu denken – gab es da vielleicht noch jemanden? Ein kleines Geheimnis? Zu gerne hätte er Legilimentik angewandt, aber sie hätte es nie zugelassen. Im Gegenteil zu ihrem Freund Potter beherrschte sie Okklumentik perfekt.
Es gab andere Möglichkeiten. Veritaserum, verschiedene Eigenkreationen von Zaubertränken aus seiner Zeit als Todesser, die einem die Wahrheit von den Lippen lockten. Er war ein Meister darin.
Der Gedanke ließ seine Lippen kräuseln. Nein, was kümmerte es ihn überhaupt?
Er fing an weich zu werden. Ein süßes Lächeln der hübschen Larve und er wurde nachlässig.
Die Gefahr durch Voldemort war vorbei und Snape hatte seine Aufgabe erfüllt. Es hatte ihm nichts ausgemacht, sterben zu müssen. Es war ihm eigentlich auch immer klar gewesen, das er diesen Kampf irgendwann verloren hätte. Das Einzige, was er im Angesicht des Todes gewollt hatte, war, dass der Junge begriff warum. Sein Vater hatte ihm einst das genommen, was er geliebt hatte. Es war eine späte Genugtuung seinen Spross mit dem Gedanken zu verlassen, dass einer seiner angeblich größten Feinde mehrmals sein jämmerliches Leben gerettet hatte.
Doch dann war der blöde Vogel gekommen. Dumbledores Phoenix. Niemand wusste, wo sich Fawkes versteckt gehalten hatte, nachdem der Schulleiter gestorben war. Vermutlich war es ein später Plan des alten Mannes gewesen, dass der Vogel sich bereithalten sollte. Er selbst hätte ihn sicher nicht gerufen, nicht einmal wenn er gewusst hätte, dass er in der Nähe war.
Dankbarkeit empfand er nicht dafür. Er hatte ertragen müssen, dass James´ Sohn für ihn aussagte. Ihn von allen Verdächtigungen rein wusch und er somit dem Kuss des Dementors entkam. Doch was hätte ihm diese Kreatur auch schon noch stehlen können? Seine Seele war schon lange tot.
Doch nun lief er nachts durch das Gelände und musste über dieses Mädchen nachdenken. Sie hatte verdammt gut gearbeitet, dass musste er zugeben. Selbstverständlich niemals in ihrer Gegenwart, aber es war wirklich gut gewesen. Niemand anderem hätte er ein solches Geschick zugetraut.
Er konnte Mut erkennen, wenn er ihm begegnete, und sie war mutig. Vermutlich hätte niemand jemals gewagt ihm derartiges an den Kopf zu werfen, oder sich in eine derartige Gefahr zu stürzen, was die Herstellung des Trankes betraf.
Im St. Mungos gab es nur einen Zauberer, der sich darauf spezialisiert hatte und dem fehlten bereits einige Gliedmaßen.
Was ihn aber am meisten erschreckt hatte, war, wie sehr ihn ihre Tränen berührt hatten.
Obwohl er sich verbot daran zu denken, überkam ihn die Erinnerung daran. Dieser Ausdruck in den Augen. Und wie sie ihn ohne zu zögern geküsst hatte.
Wann hatte er sich das letzte Mal so lebendig gefühlt? Das letzte Mal gewollt, dass es für ihn noch etwas anderes geben würde als der Gedanke an eine späte Rache.
Schluss damit! Er fing an, sich lächerlich zu machen.
Vor der Tür seines Zimmers blieb er stehen und atmete durch. In ein paar Tagen würde alles vorbei sein. Dann würde es nur noch Hogwarts und seine Position als Lehrer geben. Alle, die ihn an eine schreckliche Vergangenheit erinnerten, würden dann fort sein und es würde nichts mehr übrig bleiben. Gar nichts.
O0o°°°o0O
Zunächst war es nur ein Gefühl gewesen, eine dunkle Ahnung, nicht allein zu sein, als er sein Büro betrat. Etwa stimmte hier nicht. Vorsichtig sah er sich um und zückte seinen Stab, bevor er sich weiter in sein Schlafzimmer schlich, wo er für Sekunden regungslos verharrte.
Erst glaubte er einer Einbildung erlegen zu sein, dann überkam ihn die pure Wut. Dieses kleine Biest lag schlafend auf seinem Bett. Ihre Nase war fest in das Kissen vergraben, unter das ihr Arm geschoben war, damit sie es noch fester an sich drücken konnte. Ihre Beine waren an ihren Körper herangezogen wie die eines Embryos und nur mit Mühe konnte er einen missmutigen Laut unterdrücken.
Wie konnte sie es wagen? Er wollte sie aus dem Bett zerren, sie an den Haaren heraus schleifen und vor die Tür setzten, aber als er direkt vor ihr stand, war er zu nichts anderem mehr fähig, als ihr eine der verirrten Strähnen aus dem Gesicht zu streichen.
Sie seufzt leise auf, schmiegte sich instinktiv näher an seine Hand und murmelte etwas im Schlaf.
Das Bild hatte etwas unheimlich Friedliches, etwas, was ihn mehr berührte als er jemals zuzugeben bereit war. Sie sah so verletzlich aus und unglaublich jung. Viel zu jung – für jemanden wie ihn.
Das hatte er nicht wirklich gedacht, oder? Allmählich fing er wirklich an zu glauben, dass er verrückt wurde.
Etwas schien sie zu stören, denn sie grummelte unverständlich, zog seine Hand fest unter ihren Kopf und drehte sich unruhig. Widerstandslos ließ er zu, wie sein Arm schier willenlos ihrer Bewegung folgte, ihre Atemzüge wieder ruhiger wurden und nun sogar ein leichtes Schnarchen zu hören war.
Um ein Haar hätte er gelacht. Vermutlich das erste Mal seit Jahren aus einem wirklichen Gefühl der Freude heraus. Nicht aus Hohn, Spott oder Schadenfreude.
Von wem sie wohl träumte? Und warum war sie überhaupt hier? Nach all dem war es ihm völlig unverständlich, dass sie sich bis in sein Schlafzimmer wagte.
Sie war mit Abstand das hartnäckigste und starrköpfigste Wesen, was ihm jemals untergekommen war. Verlangen keimte in ihm auf, sich einfach zu nehmen, was ihm derartig unbedarft angeboten wurde. Das war doch überhaupt der Grund, warum sie immer wieder kam.
Etwas ärgerte ihn an dem Gedanken, aber er konnte nicht sagen, ob es ein tot geglaubtes Gefühl von Verantwortung, oder Ärger über ihre Beweggründe waren.
Etwas dunkles, übermächtiges wuchs in ihm heran, dem er sich nicht entziehen konnte. Wie von selbst beugte er sich weiter zu ihr herab, bis seine Lippen ihre vom Schlaf warmen Wangen berührten...
O0o°°°o0O
