Wieder vielen Dank für die Reviews! Sechs Stück, es werden wieder mehr!
Lenina: Bitte sehr. Ich bin auch großer Sirius-Fan ... Adsartha: Oh, das tut mir leid. Welche Sendung meinst du denn? Nun, Voldemort wird es Bellatrix sicher übel nehmen, dass der 'Animagus Black' noch lebt. Wird natürlich noch wichtig, dass Voldemort jetzt einen neuen Zauberstab hat ... Ela3: Bin wieder ganz gerührt und nicht geschüttelt durch soviel Lob ... Trovia: Wow, das Review ist wieder das längste, danke! Luna ist denk ich schon IC (vgl. Zugfahrt), und dass Harry zumindest unbewusst mit Priori Incantatem spekuliert, würde ich schon annehmen ... Cati: Freut mich, dass du nun hier auch schreiben kannst ... Sanny: Hier ist der nächste Teil.
Hab diesmal leider länger gebraucht, tut mir leid. Dafür konnte ich aber einigen Nebencharakteren - die sicher nicht wichtig werden - HBP-Namen geben -g-
Nun viel Spaß mit Kapitel 11, Moody, Neuigkeiten zu Remus und Sirius - du wolltest doch wissen, wie er Multimagus wurde, Trovia? - und zu Nellie Volgonttomb! Und meint ihr, wir können die Zahl der Reviews mit diesem Kapitel überbieten? Das wäre klasse von euch!
Auf nach London!
Dicke Schneeflocken wirbelten durch die Luft und rieselten sanft zu Boden. Es war einfach ein märchenhaft schöner Anblick, wie in den Filmen, die Dudley sich so oft angesehen hatte.
Während der junge Zauberer seinen Blick über die malerische Landschaft schweifen ließ – das eingeschneite Hogwarts und seine unter ebenso viel Schnee begrabenen Ländereien raubten einem fast den Atem durch ihre makellose Schönheit – schlief neben ihm Alastor Moody in einem der Krankenbetten.
Harry fiel es schwer zu glauben, wie doch die Zeit verging. Es kam ihm vor wie gestern, als Hermine vom Einbruch bei Mr. Ollivander erzählt und ihm damit einen riesigen Schock versetzt hatte!
... Er, der für das Licht kämpft, wird nicht fähig sein auszuweichen oder etwas vor Sich zu stellen zum Schutz gegen den Fluch des Todes ...
Harry lagen Trelawneys Worte im Ohr, Worte, deren sie sich nicht einmal bewusst war, die ihn jedoch seit diesem einen Mittwoch nachts nicht selten am Einschlafen hinderten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er doch immer angenommen, dass er eine Chance hätte, dem Todesfluch Voldemorts wieder zu entkommen. Harry schluckte.
Du musst dich nicht schämen, wenn du in so einem Fall Angst hast!
Remus' Worte. Der Duellierlehrer hatte voll ins Schwarze getroffen, Harry hatte Angst. Vor der fünften Klasse, in den Ferien, die dem Trimagischen Turnier folgten ... Wie oft war er aufgewacht und hatte Voldemorts Gesicht in der Holztür seines Zimmers bei den Dursleys gesehen, diese roten Augen, die ihn so grausam und kaltblütig durchbohrt und ihn bis ins Mark getroffen hatten ...
Nicht jede Voraussage muss unbedingt eintreffen. Wer weiß schon, was noch alles passiert. Kopf hoch, Harry!
Der Schulleiter hatte ihm Sirius' Worte schließlich bestätigt, es gab Prophezeiungen, die sich nie erfüllten, doch Hermines Nachforschungen hatten ergeben, dass der Prozentsatz nicht überdurchschnittlich hoch war. Und früher oder später würde er Voldemort gegenübertreten müssen! Der Schwarze Lord würde nach all diesen Jahren sicherlich nicht klein beigeben und in einen Staat in der Südsee auswandern, um sich in der Sonne zu grillen! Wir sind heut mal wieder so richtig schön sarkastisch, oder?
Ein weiteres Mal schluckte Harry.
Diese Situation, dieses ekelhafte Warten mit der Gewissheit, was sich ereignen würde, war fast noch schlimmer als bereits mitten im Todeskampf zu stecken. Bei seinem Duell mit Voldemort hatte er kaum Zeit gehabt, sich Gedanken über seine abstrus aussichtslose Lage zu machen, er hatte einfach nur gehandelt, getan, was ihm instinktiv in den Sinn gekommen war.
Harry seufzte, wandte den Blick nach vorne und musterte den schlafenden Moody. Beinahe friedlich lag er im Krankenflügel Hogwarts', zitterte nur gelegentlich.
Laut Smethwyck würde er noch einige Zeit bleiben müssen – Moody konnten sie diesmal nicht im Hauptquartier behandeln. Dort fehlten, trotz der Priorität, die Dumbledore der Aufrüstung der medizinischen Vorräte einräumte, noch immer die benötigten Mittel, um Verletzungen dieses Kalibers richtig zu versorgen. Welche Begründung sie wohl Madam Pomfrey für Alastors Anwesenheit geliefert hatten?
In Gedanken versunken strich Harry über seinen Tarnumhang, den er fein säuberlich neben sich gefaltet hatte – es war mitten in der Nacht, und wenn plötzlich jemand auftauchte, musste er ihn schnell griffbereit haben und durfte nicht erst nach Außen- und Innenseite suchen!
Ihm lag nichts daran, Filch einen Grund für Strafarbeiten zu geben (sein Stundenplan war diesbezüglich sowieso schon überfüllt), und auf Snapes genüssliches Grinsen, weil Harrys trübe Gedanken ihn wieder wachgehalten hatten (immer öfter gingen ihm diese Vorhersage und der Zeitungsausschnitt über Mr. Ollivander durch den Kopf, wenn er doch eigentlich einschlafen wollte), konnte er ebenfalls sehr gut verzichten!
Am Fenster flog ein Thestral vorbei, im steilen Sturzflug, war außer Sichtweite kaum dass Harry den Kopf gedreht hatte.
„Angst, Potter?"
Das leise Knurren ließ Harry zusammenzucken und herumfahren, nagelte seinen Blick automatisch am zernarbten Gesicht Moodys fest und machte ihm auf unangenehme Weise bewusst, dass sein ehemaliger Professor (der ihn eigentlich kein einziges Mal unterrichtet hatte) aufgewacht war, schlimmer noch, dass er ihn sorgfältig musterte.
Ob er ihn wohl schon länger beobachtete? Immerhin hätte er mit seinem magischen Auge problemlos durch sein Augenlid sehen können ...
Harry schüttelte den Kopf, bemühte sich, nicht rot zu werden und überzeugend zu wirken (er wollte vor dem Ordensmitglied keine Schwäche zeigen), und fühlte sich gleichzeitig ertappt. Zum einen war es ihm peinlich, dass der Ex-Auror seine Angst bemerkt hatte, zum anderen war er sich durchaus darüber im Klaren, dass er die Lüge sofort als solche erkannte.
„War lang genug im Kampf, Potter, um Angst zu erkennen, wenn ich sie sehe!" erklärte er und schnaubte.
Harry grinste flüchtig – eigentlich hatte er nie erwartet, den paranoiden Mann täuschen zu können – und schlang sich die Arme um die Schultern, langsam wurde es kalt. Wobei er nicht sagen konnte, ob seine Gänsehaut an der Temperatur oder daran lag, dass Moody ihn so glatt durchschaut hatte.
„Haben ... hatten viele Todesser Angst, gegen die Sie gekämpft haben?" brach er schließlich vorsichtig das Schweigen, in das der Junge und der alte Mann gefallen waren, und erinnerte sich an Sirius' Worte.
Moody war immerhin der beste Auror, den das Ministerium je hatte.
Wenn die Todesser also bei jemandem Angst gehabt haben mussten – mal abgesehen von Dumbledore – war das sicherlich Mad-Eye Moody.
„Todesser auch, ja", knirschte der Angesprochene mit den Zähnen – von denen er erst kürzlich ein paar verloren hatte – und ließ nun sein magisches Auge nicht mehr rotieren, das die Umgebung wie gewöhnlich nach Feinden abgesucht hatte, sondern richtete beide Augen aufmerksam auf Harry, „Sobald wir sie im Kasten hatten!"
Ein zufriedenes Grinsen verzog das vernarbte Gesicht zu einer Grimasse, verschwand aber sogleich wieder, als Harry unsicher zurücklächelte. Ernst sah er den Jungen an: „Aber auch Auroren."
Harrys Kopf fuhr überrascht hoch. Bisher hatte er nie darüber nachgedacht, war von vorn herein davon ausgegangen, dass Auroren keine Angst hätten, dass sie viel zu tapfer wären ...
Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass etwas wichtiger ist, als die Angst!
Dumbledore – im letzten Schuljahr, als Harry sich wegen seiner vermeintlichen Zukunft als Opfer oder Mörder Sorgen gemacht hatte. Der Junge hatte seine Worte damals für eine Übertreibung gehalten, hatte angenommen, der Schulleiter würde ihn trösten und wirklich tapfere Menschen hätten keine Angst.
Auch heute war er dem Direktor begegnet.
Alastor wurde bei einem Todesserüberfall schwer verletzt. Sie mussten zu zweit Muggel gegen vier Gefolgsleute Voldemorts verteidigen.
Vielleicht war das der Grund, weshalb Harry das Bedürfnis gehabt hatte, zum Krankenflügel zu kommen. Moody und sein Kamerad waren eindeutig in der Unterzahl und benachteiligt gewesen – unter anderem durch Moodys Holzbein – und hatten mit dem Tod rechnen müssen.
Und trotzdem hatten sie gekämpft, und würden weiterkämpfen, obwohl sie dann wieder und immer wieder ihr Leben riskierten. Und jetzt erzählte ihm Mad-Eye ...
„Ich dachte immer, Auroren hätten keine Angst", gestand der Junge schließlich peinlich berührt, er fühlte sich unwohl, als ob er kein Recht hätte, sich zu fürchten und hier zu verzweifeln, im sicheren Hogwarts, während Moody und die anderen sich freiwillig der Gefahr stellten, jeden Tag einen dunklen, tödlichen Fluch in den Rücken riskierten.
‚Sirius hat zwölf Jahre in Askaban verbracht und trotzdem nie den Kampf aufgegeben!' dachte er im Stillen und ihm wurde noch unwohler, während gleichzeitig der stille Respekt gegenüber seinem Paten wuchs. ‚Er ist rausgekommen und hat sich wieder dem Orden des Phönix angeschlossen – obwohl jeder verstanden hätte, wenn er sich für den Rückzug entschieden hätte – und beim ersten Kampf beinahe sein Leben gelassen. Für mich. Und ich mach mir Sorgen, wegen einer Prophezeiung, von der ich nicht einmal weiß, wann sie eintritt.'
Moody schnaubte, gab ihm damit die Antwort auf seine unausgesprochene Frage. Harry kam sich vor wie ein dummer Schuljunge, der von seinem Lehrer zusammengestaucht wird.
Natürlich verspürten die Ordensmitglieder, und auch die Auroren, Angst, wenn sie sich den Todessern Voldemorts stellten, sie waren immerhin Menschen. Doch ihr bedingungsloser Wunsch ihn zu besiegen, die Ideale für die sie standen und kämpften, überwogen und besiegten diese Angst.
Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass etwas wichtiger ist, als die Angst!
Der Direktor hatte völlig recht. Harry beschloss, sich von nun an weniger Gedanken um diese Prophezeiung zu machen, oder es zumindest auf jeden Fall zu versuchen – auch wenn er bezweifelte, dass ihm das so leicht gelingen würde. Aber andernfalls wäre das sehr beschämend für ihn, er würde sich nicht mehr trauen, den anderen in die Augen zu sehen ...
„Tapfersein heißt nicht, dumm in den gehobenen Zauberstab zu rennen!" bellte Moody ihn vom Bett aus an, und Harry zuckte zusammen, fragte sich nun wirklich, ob der alte Mann Legilimenthik beherrschte. Das alles konnte der Ex-Auror doch unmöglich aus seinem Gesicht ablesen?
„Du musst trainieren, vorausplanen."
Langsam aber sicher ließen Mad-Eyes Belehrungen in Harry das unangenehme Gefühl aufkommen, dass dieser einen ziemlich guten Überblick über die Lage hatte und genau wusste, wovon er sprach; was es war, das Harry auf den Magen schlug. Hatte Dumbledore etwa ... ? Im Moment kam ihm dieser Gedanke gar nicht so abwegig vor.
„McGonagall will dir die Portschlüsselverwandlung beibringen, he? Wird dir vielleicht helfen, deine Haut zu retten."
Diesmal rann es dem Jungen eiskalt den Rücken hinunter bei Moodys gequältem Husten; das hörte sich alles andere als gut an. Bis eben hatte Harry überhaupt nicht bemerkt, wie schwer dem Auroren das Sprechen fiel.
„Ist es in so einer Lage wirklich ... feige, die Flucht zu ergreifen?" brachte er besorgt hervor – für ihn hatte sich diese Feststellung Moodys angehört wie ein Vorwurf, und er musterte seinen Gesprächspartner sorgfältig, erntete ein abfälliges Schnauben für seine Frage (die Mad-Eye demzufolge wohl reichlich dumm vorkommen musste).
„Feige? Ein taktischer Rückzug kann clever sein, manchmal sogar notwendig. Ein verlorener Kampf", Moody schüttelte müde den Kopf, „was wäre daran mutig, die Soldaten zu opfern, he?"
Ein neuer Hustenanfall schüttelte und unterbrach den alten Mann, „Die sollen sich wieder erholen und weiterkämpfen, da haben wir noch was von ihnen!"
Beeindruckt von Moodys Erfahrung und taktischem Geschick – und sogleich abgeschreckt von der nüchternen Abgebrühtheit, wie der Ex-Auror Kämpfer nach ihrem praktischen Nutzen bewertete – bemerkte Harry nicht, wie spät es mit der Zeit wurde.
Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster schienen und ihn an der Nase kitzelten, sah der Junge erschrocken auf die Uhr und verließ mit einem schnellen Dankeschön an Mad-Eye – der davon nichts mitbekam, da er wieder eingeschlafen war – fluchtartig das Zimmer.
„Guten Morgen", begrüßte Lupin die Schüler angespannt, als sie Platz genommen hatten, und ließ die Tür hinter sich mit einem Schlenkern des Zauberstabs ins Schloss fallen.
Neben Harry gähnte Ron, es war gestern doch ziemlich spät gewesen, als die drei Sirius und Remus belauscht und danach ausgequetscht hatten, und dementsprechend war er, wie Harry, hundemüde. Der Junge mochte sich gar nicht vorstellen, wie es Remus und seinem Paten gehen mochte. Sie hatten sich – nachdem Harry, Hermine und Ron abgezogen waren – noch auf eine Mission für den Phönixorden begeben müssen und dementsprechend überhaupt nicht geschlafen.
„Nachdem wir jetzt schon länger geübt haben, verschiedene Zaubersprüche abzulenken – und das auch ganz gut funktioniert, bei den meisten – kommen wir heute zu einer etwas schwierigeren Aufgabe: Wir werden versuchen, diese Zauber nicht einfach nur abzulenken, sondern sie umzulenken, und zwar so, dass ihr damit gleich einen anderen fiktiven Feind trefft", eröffnete Lupin den Unterricht und lächelte die Schüler aufmunternd an, darum bemüht, sich nichts von dem Schlafmangel anmerken zu lassen,
„Das wird viel Konzentration und Geschicklichkeit erfordern und auch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis ihr es größtenteils beherrscht, ist jedoch sehr nützlich!"
Das glaubte ihm Harry aufs Wort.
Neben ihm saß Hermine kerzengerade auf ihrem Stuhl und lauschte fasziniert den Ausführungen des Lehrers, schrieb dessen Worte mit, ohne dabei auf ihr Pergament zu blicken. Lupins Duellierstunden waren auf alle Fälle ebenso interessant wie sein Verteidigungsunterricht es gewesen war.
Ron und Harry hörten ebenfalls aufmerksam zu, auch wenn sie sich dabei eher bequem auf ihren Stühlen lümmelten – das Quidditchtraining gestern war aber auch anstrengend gewesen.
Nachdem Remus seine Erklärungen beendet und auch eine Vorführung gegeben hatte, ging die Klasse zum praktischen Teil über, immer zu zweit stellten sie sich auf und übten. Harry und Neville hierbei bildeten ein Team, stellten sich direkt neben Ron und Hermine.
Gerade lenkte Harry ein „Relaschio!" von Neville in Richtung einer Zielscheibe um (die nach einigen ‚Verschönerungen' erstaunliche Ähnlichkeiten mit Snape hatte), als ihn ein heißer Strahl in den Rücken traf und wie Feuer brannte!
Dean war es gelungen, ein „Relaschio!" von Parvati umzulenken, hatte aber anstelle seiner Umbridge-Scheibe Harry getroffen. „Tut mir leid", entschuldigte sich der Junge dümmlich lachend, „tut es sehr weh?"
Die Schulglocke schnitt Harry das Wort ab, und so schüttelte er nur knapp den Kopf und ging, ohne weiter auf Dean zu achten, mit seinen beiden besten Freunden zu Remus.
„Hallo ihr drei", lächelte der Lehrer und verstaute seine Bücher in der überfüllten, durch zu viele Bücher ausgebeulten Tasche, „Alles in Ordnung, oder gibt es ein Problem?"
Ron sah sich verstohlen nach rechts und links um, aber ihre Mitschüler hatten bereits den Raum verlassen, also platzte er gleich mit seiner Frage heraus: „Wir ... wollten mal nachfragen, was in diesem Brief vom Spion des Ordens stand. Den Mimas geholt hat!"
– „Mimas hat eine ganze Menge Briefe von ihr geholt", erwiderte Lupin und hob missbilligend eine Braue – ihm schien es, als hätten sie diesen Punkt gestern und auch viele Male davor deutlich genug betont, „deren Inhalt ihr nicht erfahren solltet!"
Harry verdrehte die Augen; Hermine, Ron und er hatten bereits mit allen ihnen bekannten Tipps und Tricks versucht, etwas über diesen Brief rauszufinden, waren aber nicht weitergekommen.
Allerdings hatten sie dabei, heimlich natürlich, ein recht interessantes Gespräch zwischen Remus und Sirius belauscht. Harrys Pate hatte den Werwolf gefragt, wieso er nicht endlich mal mit Tonks ausgehe – wobei der Junge bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal realisiert hatte, dass Lupin in den Metamorphmagus verliebt war.
„Das eine Mädchen, mit dem ich nach der Schule zusammen war – und das auch nur, weil du und James mich zwangsverkuppelt habt – hat mich ohne ein einziges Wort sitzen lassen, als sie erfahren hat, dass ich ein Werwolf bin. Nicht jeder hält so zu einem Werwolf wie du und James und, naja, auch Peter ... Und du weißt auch, wie sehr ich damals gelitten habe, wie sehr sie mich verletzt hatte – wie sehr ich mich selbst gehasst habe, für das, was ich bin ... Ich hab mir geschworen, so was nie wieder zuzulassen."
Harry erinnerte sich an Remus' gestrige Begründung – die ihm schwer genug über die Lippen gekommen war, jeder andere Gesprächspartner hätte ihn wohl nicht zu diesem Geständnis gebracht, aber Harry bezweifelte, dass Sirius ihm die Wahl gelassen hatte –, als hätte er sie zig-mal in dessen Tagebuch gelesen (wobei er nicht einmal wusste, ob der Duellierlehrer eines hatte), und ihm lagen ebenso die Sätze im Ohr, mit denen Sirius Lupin schließlich umgestimmt hatte, es doch zumindest einmal zu versuchen.
„Du sagst selbst, dass dich die Einsamkeit schwer belastet hat ... Wäre dieses Risiko denn noch schlimmer?"
Wobei der Duellierlehrer selbst da noch einige Schwierigkeiten gesehen hatte ... und als Sirius ihn endlich überzeugt hatte, dass sein Werwolfstatus Tonks nicht kümmern würde, hatte er noch immer weiter debattieren wollen.
„Aber selbst wenn ich den Mut aufbringen würde, sie zu fragen, wie soll ich mit ihr ausgehen, wenn ich in Hogwarts bin?" – „Da fällt uns schon was ein", versprach Sirius und grinste breit, „Führ sie doch in die Heulende Hütte aus!"
BAMM! Keine zweieinhalb Sekunden nach diesem Scherz klebte Sirius schon ein Kissen im Gesicht. „Oder in Snapes Kerker!" KLATSCH! Nächstes Kissen. „Oder zum ..." – „Moment, wart mal eine Sekunde, mir gehen die Kissen aus."
Spätestens da waren Remus nicht nur die Kissen, sondern auch die Argumente ausgegangen, und er hatte Sirius versprochen, Tonks vor dem nächsten Ordenstreffen um ein Date zu bitten – andernfalls hätte dieser sowieso keine Ruhe gegeben.
„Damit wissen wir schon mal, dass der Spion eine Spionin ist", folgerte Ron (wenn er wollte, konnte er manchmal sehr spitzfindig sein), brachte Harry aus seiner Gedankenwelt zurück in die Realität und erntete einen mahnenden Blick Hermines, die immer noch der Meinung war, dass, wenn sie etwas erfahren sollten, die Erwachsenen es ihnen schon mitteilen würden, und sie deshalb nicht rumschnüffeln sollten.
Harry sah das allerdings anders.
Seit dem fünften Schuljahr war er geradezu besessen dahinter her, sämtliche Geheimnisse herauszubekommen, die die Erwachsenen vor ihnen versteckten. Immerhin hatte dieses Fiasko, dem er Sirius' Verlust zu verdanken hatte, nur deshalb stattfinden können, weil Dumbledore ihm nicht alle Fakten verraten hatte, und Harry wollte nie wieder zulassen, dass er jemanden in Gefahr brachte, eben weil er nicht Bescheid wusste!
Außerdem interessierte ihn sehr, was in diesem Brief gestanden hatte, vielleicht half es sogar, mit Voldemort fertig zu werden? So geheimnisvoll, wie der Orden tat, hielt Harry das für gut möglich.
Seit seinem Gespräch mit Mad-Eye Moody hatte der Junge sich regelrecht verbissen in Nachforschungen gestürzt, über magische Objekte, Zaubertränke und –sprüche, ...
Du musst trainieren, vorausplanen.
Genau das hatte er vor, er suchte einen Weg, Voldemort zu vernichten, bevor der Dunkle Lord Harry vernichten konnte; und sollte sich die Prophezeiung Trelawneys doch erfüllen, wollte er feststellen, dass er ihn wenigstens mitnahm! Wobei ihm Hermine und Ron maßgeblich halfen. Sie hatten jedoch noch nicht einmal herausfinden können, wieso Voldemort den von Harry zurückgeprallten Todesfluch überlebt hatte.
Trotzdem, das nächtliche Gespräch hatte ihm neuen Auftrieb gegeben.
Peinlich berührt schüttelte Remus den Kopf, er konnte sich ja denken, wieso die drei – oder besser Harry und Ron – seit der Phönixorden ihn erhalten hatte so erpicht dahinter her waren, den Inhalt des Briefes herauszufinden. Aber die Anweisungen waren eindeutig!
„Solltet ihr euch nicht eigentlich langsam auf den Weg ins nächste Klassenzimmer machen? Die Pause ist bald um", wechselte er also das Thema und schulterte seine Tasche, verließ mit den drein das Klassenzimmer und blickte Harry fragend an.
– „Unser Lehrer würde es bestimmt verstehen, wenn wir uns damit entschuldigen, wir hätten noch mit dir reden müssen!" entgegnete dieser überzeugt und grinste breit, „Mal davon abgesehen, dass er wohl selbst fünf Minuten zu spät kommen wird ..."
– „Wieso –"
Den Rest der Frage konnte sich Remus sparen, weil in diesem Moment Sirius an ihm vorbei- und gegen eine Wand flog.
Resigniert hob er die Brauen und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf, konnte sich ein Schmunzeln allerdings nicht verkneifen, als sein flüchtiger Blick den seines Freundes und Kollegen traf, der mühsam und rücksichtslos fluchend auf die Beine und seine Cousine ansprang.
„Ich sehe, was du meinst ... Wie sind seine Stunden denn eigentlich so? Kommt er mit der Klasse zurecht?"
– „In der Tat, die Schüler versuchen nicht einmal, ihm auf der Nase herumzutanzen. Vielleicht haben sie doch ein bisschen Angst vor ihm, oder es liegt an seiner ersten Stunde, da die wirklich interessant war!" beantwortete Hermine die Frage des Duellierlehrers und stellte die Schultasche ab, „Was mich, offen gestanden, ein wenig überrascht hat, immerhin ist Sirius doch eigentlich kein Lehrertyp ..."
Harry und Ron konnten bei dieser Behauptung nicht anders als grinsen, und auch Remus musste erneut schmunzeln, während Bellatrix hinter ihnen ein weiteres Mal abgetreten war – sie sollte langsam wirklich einsehen, dass Sirius sich nicht ungestraft gegen Wände stoßen ließ, wenn er nicht ausgeschlafen hatte.
Harry bedauerte, dass er Sirius nicht helfen konnte. Doch er erinnerte sich noch gut daran, wie er Lupin einmal Bellatrix' Cruciatus-Fluch ausgeliefert hatte und der Lehrer daraufhin entlassen werden musste. Diesen Fehler würde er kein zweites Mal begehen, und damit er gar nicht erst dazu verleitet wurde, Sirius gegen Lestrange zu Hilfe zu eilen, blieb er meistens an Ort und Stelle und hielt sich vom Kampfplatz fern.
„Ich muss zugeben, Moony hat mir ein paar ... nützliche Tipps gegeben", mischte sich Sirius nun ins Gespräch mit ein und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ron schien daraufhin regelrecht ein bisschen enttäuscht: „War dann die dreifach-Sirius-Idee gar nicht von dir? Die fand ich so gut!"
– „Von was auch immer du sprichst, das ist alles auf seinem Mist gewachsen", erklärte Remus verwirrt und zuckte mit den Achseln, „Ich hab eher allgemeine Tipps gegeben, von wegen wie man eine Stunde aufbaut, oder wie man sich ausdrückt. Beispielsweise, dass man die Klasse nicht mit Hi, ihr Rasselbande! begrüßt und solche Sachen ... Oh nein, Sirius, du hast doch nicht etwa ...!"
Harrys und Rons Gelächter war Antwort genug, und vorwurfsvoll sah der Werwolf seinen Freund an. Schulterzuckend blickte Harrys Pate unschuldig zurück. „Also, weißt du, Remus ... nachdem du das so schön vorgeschlagen hast, konnte ich einfach nicht widerstehen ..."
Ausgelaugt lehnte Harry Stunden später an einem Baum und rang nach Luft, er fühlte sich wie kurz vor einem Zusammenbruch. Nachdem Sirius ihm verschiedene Duftstoffe unter die Nase gehalten und Harry raten lassen hatte, um was es sich wohl handelte – er wollte Harrys Sinne schärfen – stand ein Dauerlauf auf dem Programm.
Der Raum der Wünsche hatte sich auch sofort entsprechend eingerichtet, an die Stelle des Meditationszimmers war ein Hindernisparcour getreten:
Ein schmaler, viel zu langer Trampelpfad führte durch einen dichten Wald und endete vor einer hohen, steilen Felswand, die Harry gleich hinauf klettern musste. Anschließend würde er einen steinigen und holprigen Weg hinunterstolpern, erst auf dem Bauch, danach auf allen vieren durch eine unangenehm warme und feuchte Höhle kriechen, auf schmalen Plattformen über einen Abgrund springen und das Ausdauertraining beenden, indem er auf einem dünnen Baumstamm über eine Schlucht balancierte.
Als Sirius ihn vor einigen Wochen zum ersten Mal diesen Weg entlanggejagt hatte, war Harry fassungslos gewesen, und wäre sein Pate nicht mitgelaufen, dann wäre Harry sicherlich stocksauer auf ihn und hätte sich strikt geweigert, das Training fortzusetzen!
Immerhin fiel er jeden Abend (wenn ihn die Gedanken an diese dritte Prophezeiung nicht gerade wieder wach hielten und grübeln ließen) hundemüde ins Bett und schlief praktisch noch ein, bevor er die Bettdecke hochgezogen hatte; auch tagsüber machte sich die Müdigkeit schon bemerkbar.
„Ich denke, wir haben uns genug ausgeruht", entschied Sirius und stieß sich von der Felswand ab, an der er bis eben lehnte.
Bemerkenswerterweise schwitzte er nicht annähernd so sehr wie Harry, dem der Schweiß in Strömen den Rücken hinunterfloss, und aus der Puste war er auch weit weniger. Dennoch zeigten sich auf seinem T-Shirt einige Schweißflecken; beide hatten ihre Umhänge abgelegt und sich Trainingskleidung übergezogen, die auch Muggel trugen.
Harry musterte seinen Paten kurz. Während die Haare des Jungen klitschnass waren und an seinem Kopf klebten, war die lange, schwarze Mähne von Sirius zwar auch sichtlich verschwitzt, aber nicht ganz so strähnig wie Harrys. Ein Stirnband bändigte Sirius' Haare und verhinderte, dass ihm Schweißtropfen in die Augen liefen.
„Wie schaffst du das nur?" japste der Junge zwischen zwei Atemzügen und stemmte sich mühevoll auf die Beine.
– „Monatelanges Training", gab sein Pate zurück und winkte lächelnd ab, suchte bereits mit den Augen einen geeigneten Weg den grauen Felsen hinauf und überprüfte, ob sein Zauberstab sicher und doch leicht zu zücken im Gürtel klemmte, „Du weißt genau, dass ich dir dazu nicht mehr sagen darf, als du bereits gehört hast."
Harry seufzte tief – er hatte oft genug gefragt, allerdings nie eine einigermaßen befriedigende Antwort erhalten – und näherte sich der Felswand.
Er zögerte noch kurz, griff dann nach einem Felsvorsprung und zog sich Stück für Stück hinauf. Was alles andere als leicht war, immer aufs Neue suchte er mühsam nach Halt – da sich die Form des Steins täglich veränderte, machte es keinen Sinn, sich den einfachsten Weg zu suchen und einzuprägen.
Nicht selten drohte er abzurutschen, konnte sich jedoch gerade noch festkrallen. Ihm lag nichts daran, wieder unten anzufangen, weil er sich nicht festhalten konnte!
Auf halber Höhe warf Harry einen kurzen Blick über die Schulter, es ging ganz schön tief hinunter! Angst hatte er jedoch keine. Erst vor drei Tagen war er wieder einmal abgerutscht, und er wusste, würde sich dieser Vorfall wiederholen, dann fing Sirius – der einige Meter unter ihm kletterte und immer wieder wachsam einen Blick auf sein Patenkind warf – Harry ohne große Mühe auf.
Immerhin hatte Sirius – anders als Harry – seinen Zauberstab dabei. Harry rechnete ihm allerdings hoch an, dass er den Parcour ohne Magie mit dem Jungen lief, er hätte genauso gut zaubern – oder einen Besen benutzen – und Harry nur zusehen können.
Na schön, dadurch hätte er eine Meuterei riskiert!
Endlich! Zum letzten Mal zog sich Harry mit zusammengebissenen Zähnen hinauf und lag nun auf einer mit Steinen und Felsbrocken übersäten Wiese. Nicht bequem, aber das störte ihn nicht im geringsten!
Wichtig war nur, dass er die anstrengende und endlos erscheinende Kletterpartie hinter sich hatte. Die letzten Meter hatten sich seine Beine und Arme wie Blei angefühlt, erstaunt fragte er sich, wieso er nicht allein durch ihr Gewicht in die Tiefe gerissen worden war.
„Kurze Pause?" bat er Sirius hechelnd, der sich eben in diesem Augenblick elegant über die Kante schob, und strich mit der Zunge den Schweiß von den Lippen, ignorierte geflissentlich den salzigen Nachgeschmack.
– „Von mir aus", gab er zurück und setzte sich neben sein Patenkind, das auf dem Boden lag und alle Viere von sich streckte, die Augen fest geschlossen. Als er sich einigermaßen erholt hatte, hob Harry die Lider wieder und starrte in die undurchdringliche obwohl künstliche Wolkendecke über ihnen.
„Beginnen wir bald mit Phase zwei?" wandte er sich auffordernd an Sirius und legte den Kopf in den Nacken, um ihn ansehen zu können.
– „Ich fürchte, dass da noch ein gutes Stück Arbeit auf uns wartet", erhielt er als Antwort, während Sirius mit einem Wedeln seines Zauberstabs die Ärmel seines T-Shirts entfernte, „Phase eins ist noch lange nicht abgeschlossen! Da hätte ich schon früher zurückkommen müssen ..."
– „Das wäre schön gewesen", lächelte Harry und bat seinen Paten mit einer flüchtigen Geste, auch die eigenen Ärmel verschwinden zu lassen, „Da hätte nicht nur ich mich gefreut, sondern auch Remus. Und Dumbledore. Er war gar nicht froh, dass wir zwei Wochen Verteidigung gegen die dunklen Künste ausfallen lassen mussten!"
– „Kann ich mir vorstellen", grinste Sirius breit und kam der Aufforderung nach, steckte den Zauberstab dann wieder in den Gürtel, „Es ging aber nicht früher. Selbst Merlin schafft es nicht von heute auf morgen, aus einem Hund eine Eule zu machen!"
– „Was hat dir Merlin eigentlich im Jenseits alles erzählt, und wieso wollte er aus dir eine Eule machen?" Diese und andere Fragen brannten Harry schon seit langem auf der Zunge, und er wollte endlich zumindest ein paar Antworten erhalten.
Sirius blickte stirnrunzelnd in die trüben Regenwolken und schien, diesen Eindruck machte es zumindest auf Harry, wieder abzuwägen, wie viel er verraten durfte.
„Merlin hat mir eine Menge erzählt – allerdings nicht im Jenseits", begann er irgendwann, und wischte sich mit dem Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn, „Der Bogen führt nicht direkt dorthin. Wie Dumbledore schon oft betont hat, existiert kein Zauber, der Tote wieder erwecken kann."
– „Aber Dumbledore sagte, du wärst –"
– „Nein, war ich nicht. Wenn man mich getötet hätte, wäre ich in diesem Moment nicht hier, um dich zu trainieren."
Sirius überlegte kurz und fuhr dann fort: „Zum Thema Eule, Merlin ist der Meinung, dass ein Eulen-Animagus noch sehr nützlich sein wird. Er hat mir nicht gesagt, wieso, aber das werden wir noch sehen. Vorausgesetzt, diese bestimmte Animagusform ist wirklich nützlich ..." Harry begriff, dass Sirius seine erste Frage geschickt umgangen hatte, „Bei den Briefen bisher, von unserem Spion, hatte sie allerdings schon Vorteile ..."
Der Verteidigungslehrer warf einen kurzen Blick in die Wolken und schnaubte, als die ersten Regentropfen niederfielen, doch Harry kümmerte sich nicht darum, sondern lauschte begierig den Antworten, die sein Pate gab.
„Ich hätte außerdem nie Mimas werden können ohne Merlins Hilfe. Selbst damit war es sehr schwierig. Ich kann dir versichern, es hat Merlin erhebliche Mühe gekostet, aus Tatze Mimas zu machen."
– „Und ... Tatze?" hakte der Junge neugierig nach, und gleichzeitig etwas unsicher, als hätte er das Gefühl, die Antwort schon zu kennen.
– „Nun", Sirius grinste schief, bei genauem Hinsehen bemerkte Harry jedoch einen traurigen Schatten auf seinen Augen, „In dieser Hinsicht hatte Dumbledore Recht. Tatze ist durch diesen Bogen tatsächlich gestorben ."
Harry beobachtete noch eine Weile, wie sein Pate geistesabwesend in den trüben Regen starrte, dann sprang Sirius plötzlich vom Boden hoch und forderte Harry auf, weiter zu trainieren.
Vor dem prasselnden Kaminfeuer hatten sich Erstklässler breit gemacht, sie grinsten und bleckten Harry und Ron die Zunge, offenbar schadenfroh, selbst viel weniger Hausaufgaben erledigen zu müssen.
In einem überaus bequemen Ecksessel, dessen Stoff schon an mehreren Stellen das Futter herausschauen ließ, saß eine Fünftklässlerin, Romilda Vane, die eben ihr Verwandlungsbuch zuklappte, Harry einen strahlenden Sonnenscheinblick zuwarf und in ihren Schlafsaal davonhopste, als hätte sie vorher nur noch auf einen Auftritt vor Harry gewartet, und der Junge verdrehte genervt die Augen; langsam aber sicher ging ihm Romilda wirklich auf den Keks!
Hermine unterdessen saß an einem Ecktisch im Gryffindorturm und wartete bereits auf die beiden, hastig einen dicken Wälzer überfliegend, den Harry nicht einmal hochheben wollte, so schwer wie der aussah!
Neville hatte sich mit hoffnungsvoller Miene zu ihr gesetzt, er hatte einen unfertigen Aufsatz vor sich und machte den Eindruck, dass er dringend Hilfe benötigte, wenn er ihn nicht vollkommen in den Sand setzen wollte!
„So was Dummes!" beschwerte er sich und legte seine Feder beiseite, „Jetzt haben wir endlich Ferien – ich hab mich so gefreut, als gestern die letzte Stunde zu Ende war – und trotzdem haben wir einen Berg an Hausaufgaben, der höher ist als der Mount Ewebreak!"
– „Everest", korrigierte Hermine sofort automatisch, ohne aufzusehen, „Der höchste Berg der Erde ist der Mount Everest mit 8846 Metern über Normalnull. Erstmals bestiegen am 29. Mai 1953 von einem Muggel. Zwar gibt es einen Berg, der noch höher ist", dozierte sie und blätterte eine Seite in ihrem Buch um, „aber da er unter dem Meeresspiegel beginnt und man erst ab Meereshöhe zählt, von wo ab er niedriger ist als der Mount Everest, gilt er nicht."
Neville schluckte und kam sich offenbar reichlich dumm vor, verglichen mit Hermine. Allerdings ... Im Vergleich mit Hermine war wohl der Großteil der Hogwartsschüler reichlich dumm.
„Woher weißt du das denn schon wieder?" wunderte sich Ron und hob verzweifelnd die Hände, „Gibt es etwas, das du nicht weißt?"
– „Kann ich mir nicht vorstellen, wahrscheinlich kennt Hermine sogar den höchsten Berg auf dem Mars!" brachte Neville beeindruckt hervor und griff wieder nach seiner Schreibfeder.
– „Olympus Mons", warf Hermine in die Runde und blickte immer noch nicht auf, las nebenher konzentriert in ihrem Buch, „Über dreimal so hoch wie der Mount Everest."
– „Fallen wir über Flitwicks tollen Aufsatz her?" wechselte Harry rasch das Thema, bevor Ron die Sprache wieder fand, er hatte keine Lust auf einen Streit. Harry hatte eigentlich angenommen, die beiden würde in diesem Schuljahr ein Paar werden, aber vielleicht brauchten sie doch noch etwas Zeit um zu begreifen, wieviel sie sich gegenseitig bedeuteten. ‚Vielleicht', überlegte der Junge, ‚ginge es endlich voran, wenn Ron einen Grund hätte, eifersüchtig zu sein? Beispielsweise ... auf McLaggen?' Aber das – oder besser den – wollte er Hermine doch nicht zumuten!
„Gute Idee", jubelte Neville, unterbrach Harrys geistigen Ausflug und legte wieder seine Feder beiseite – irgendwie konnte er sich wohl nicht recht entscheiden, was er mit ihr tun sollte, „Ich darf doch bitte mitmachen, oder?"
– „Klar", erklärte Ron und sprang wieder aus dem Sessel, machte sich mit Harry und den anderen auf den Weg in die Bibliothek zu Madam Pince (mit einem für Harry und Ron unangenehmen und für Neville und Hermine amüsanten Zwischenstop verursacht durch Peeves), und gemeinsam schlugen sie etwas für ihren Aufsatz nach.
Als sie letztendlich zurückkehrten war niemand mehr anwesend, und so machten sie es sich an ihrem Lieblingstisch gemütlich – nahe am Kamin, das Prasseln des Feuers vertrieb auf der Stelle kühle Gedanken, die entstanden, wenn man den kalten Wind um das Schloss pfeifen hörte.
„Wenn ich doch wüsste, was es heute Abend zu essen gibt", jammerte Ron gelangweilt. Harry, Hermine und Neville lachten.
„Du würdest doch wirklich an alles denken, wenn es dich von den Hausaufgaben ablenkt, oder, Ron?" scherzte Harry, während Neville kicherte: „Hast du solchen Hunger? Stell dir einfach vor, es gibt Grindeloh-Suppe mit Hippogreifkrallen und Eulenfedern."
– „Wage es nicht, Sirius zu rupfen!" drohte Harry und tat entrüstet, prustete aber zeitgleich mit Neville los.
– „Warum nicht? Dazu gibt's dann Flubberwurmpudding mit Zitronenbonbons, Butterbier und Haaren von Snape!" ergänzte Hermine schmunzelnd, wobei sie ihr Buch aufschlug und sich augenblicklich wieder darin vertiefte.
– „BBRRR! IGITT!" schrie Ron und schüttelte sich, verzog das Gesicht zu einer angeekelten Grimasse, „Danke, mir ist der Appetit vergangen! Glücklicherweise würden sich Snapes Haare weigern, in - irgendetwas - zu springen, in dem Federn von Sirius kochen!"
Schallendes Gelächter schüttelte die Siebtklässler, sodass sie gar nicht die beiden Mädchen bemerkten, die sich ihnen näherten.
„Wir haben euch schon überall gesucht!" riss Ginny die vier aus ihrem Lachkrampf und setzte sich in einen der beiden freien Sessel am Rundtisch, Luna nickte verträumt mit dem Kopf und nahm im gegenüberliegenden Platz, „Wir waren sogar in euren Schlafsälen."
– „Hättet ihr uns überall gesucht, hättet ihr uns in der Bibliothek gefunden", widersprach Hermine neunmalklug, immer noch erheitert über die Vorstellung an das schauerliche Abendessen, wurde aber sofort ernst, als sie merkte, dass die beiden sich offensichtlich über etwas den Kopf zerbrachen, „Ist was passiert?"
– „Welcher Schrumpfkacklige Hornschnarcher ist euch denn über die Leber gelaufen?" wollte Ron überrascht wissen, der von allen am meisten gelacht hatte und nicht verstand, wieso die beiden so ein besorgtes Gesicht machen konnten.
– „Schrumpfhörniger Schnarchkackler", berichtigte ihn Luna, „Es geht um Nellie Volgonttomb!"
– „Wir haben sie vorhin im Gemeinschaftsraum sitzen sehen, als ich Luna wieder mal zu uns hereingelassen habe und wir ‚Pflege magischer Geschöpfe' lernen wollten", erläuterte Ginny und suchte offensichtlich etwas in ihrer Manteltasche,
„Sie hat einen Brief geschrieben, mit Ellens Besen neben sich. Das kam mir komisch vor, was will sie denn mit dem im Gemeinschaftsraum –" endlich hatte sie diese Etwas gefunden und kramte ein verknittertes Pergament hervor, das sehr nach einem Brief aussah: „– deswegen haben wir sie beobachtet ..."
– „Schämt ihr euch nicht, einfach gewaltsam in die Privatsphäre anderer Leute einzudringen?" rügte Ron seine Schwester scherzhaft und deutete mit dem Kopf auf das Blatt in ihrer Hand, Ginny fuhr jedoch ungerührt fort,
„Sie wird uns schon keinen Heliopathen auf den Hals hetzen! Jedenfalls hat sie den Brief, als sie fertig war, ein halbes Jahrhundert und länger angestarrt und furchtbar deprimiert ausgesehen. Bevor sie ihn versiegelt hat, murmelte sie noch irgendwas von ‚Selber Schuld'", sie warf Luna einen besorgten Blick zu,
„dann ist sie in die Eulerei, wir beide natürlich auf der Stelle hinterher. Sie hat den Brief einer Schuleule gegeben, ein personengroßes Loch in die Wand gesprengt und ist dann auf Ellens Besen davon geflogen –"
– „Donnerwetter!" unterbrach Neville die Ausführungen verblüfft und ließ vor Schreck seine Schreibfeder fallen.
„– Luna und ich haben jedenfalls diese Eule geschockt, weil wir wissen mussten, was Nellie vorhat. Haltet euch fest!" Harry und die anderen blickten (an)gespannt auf, während Rons Schwester tief Luft holte und der Quidditchkapitän der Gryffindormannschaft sich tatsächlich an den Tischrand klammerte.
„Sie will nach London und Ellen rächen! Malfoy kommt in den Weihnachtsferien aus Durmstrang zurück –"
– „WAAAS! Mach keine Witze!"
– „Welches Rudel Hippogreife hat die denn über den Haufen getrampelt!" platzten Hermine und Ron gleichzeitig los, sodass man kaum ein Wort verstehen konnte und Ginny ihre Erläuterungen unterbrechen musste.
– „Ginny macht keine Witze", warf Luna verträumt ein und blinzelte, „Aber ihr habt Recht, die ist verrückt."
– „Wir müssen etwas tun!" erklärte Harry entschlossen und schüttelte den Kopf, „Selbst wenn sie in einem Stück nach London kommt, wird Malfoy Senior sie in der Luft zerfetzen."
– „Ich denk nicht, dass er da pingelig ist", stimmte Ron dem Jungen zu und schluckte.
– „Wir können aber weder Professor Dumbledore noch einen der anderen Lehrer unterrichten", gab Hermine zu bedenken und sah sehr besorgt aus, kaute nervös an ihrem rechten Zeigefinger, „Wegen einer Versammlung vom Orden. Was können wir also tun?"
Ron blickte sie verwirrt an und schien nicht zu begreifen, wo das Problem lag: „Es sind doch nicht alle Lehrer im Orden?"
– „Aber wenn wir die anderen informieren und die den Direktor suchen, werden sie vielleicht auf den Orden aufmerksam", entgegnete Hermine genervt mit ihrem Muss-ich-denn-hier-an-alles-denken-Tonfall, „Also, was machen wir?"
– „Selber hinterherfliegen", schlug Luna begeistert vor und klatschte vergnügt in die Hände – womit Hermine jedoch ganz und gar nicht einverstanden war. „Bist du wahnsinnig?" herrschte sie das Mädchen scharf an, „Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist?"
– „Denk doch an ihr letztes Treffen", erinnerte Neville Hermine und deutete auf seine Armbanduhr, „Da waren sie stundenlang weg, soviel Zeit bleibt Nellie vielleicht nicht!"
– „Es ist – aber – zu – gefährlich!"
– „Reg dich ab, Hermine, immerhin sind wir zu sechst, und Nellie ist allein, sie braucht Hilf–"
– „Aha, und zu sechst schaffen wir es also, alle ehemaligen Slytherins auf einmal zu besiegen, wenn die Malfoy verteidigen? Von den dazugehörigen Todessereltern ganz zu schweigen?"
– „Sei doch nicht so zynisch", meinte Luna verträumt und stand auf, ebenso wie Ginny, die sich besorgt und doch entschieden an Hermine wandte: „Du sagst selbst, dass wir die Lehrer nicht informieren können, aber warten dürfen wir erst recht nicht! Du kannst aber hier bleiben, wenn du nicht mit willst ..."
– „Was soll das jetzt wieder?" fuhr Hermine auf, fühlte sich wohl versucht, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen (Harry konnte ihre Verzweiflung ja verstehen – ihm war selbst nicht wohl bei dem Gedanken an ihr Unterfangen – sah jedoch nicht, was sie alternativ tun konnten), „Verdammt, ich versuche hier, euch zur Vernunft zu bringen, was ihr da vorschlagt ist Wahnsinn!"
– „Bist du fertig?" fragte Harry und erhob sich nun ebenfalls, suchte schnell seine Schulsachen zusammen und klemmte sie sich unter den Arm, „Wenn ja, dann könntest du dich entscheiden, ob du mit uns kommst oder hier bleiben willst!"
Hermine – feuerrot im Gesicht – blickte von einem zum andern. Sie hatten sich offenbar alle entschieden, unvernünftig zu sein, also fügte sie sich widerwillig und verschränkte die Arme vor dem Bauch.
„Schön", freute sich Ron, „Nachdem das geklärt ist ... Wie kommen wir nach London? Wohin will Nellie eigentlich genau?"
– „Zu einem der Londoner Flughäfen", unterrichtete Ginny die anderen und schlug mit dem Handrücken auf den Brief zwischen ihren Fingern, „London–Stansted, etwas außerhalb von London. Dort landet ein verzaubertes Flugzeug auf Landebahn 2 4/5 – das Malfoy und die anderen Slytherins, die mittlerweile alle nach Durmstrang gehen, zurück nach England bringt. Vom Flughafen aus fahren sie mit dem Zug nach Kings Cross. Wenn Nellie Malfoy nicht am Flughafen erwischt, fliegt sie weiter zum Bahnhof."
– „Gut zu wissen", lobte Ron seine Schwester und warf sich seine Schultasche auf den Rücken, „Und wie kommen wir jetzt dahin?"
– „Mit Besen. Wie Nellie", schlug Harry vor und machte sich bereits auf den Weg, um seinen Feuerblitz zu holen, offensichtlich hatte er es ziemlich eilig, „Du, Ginny und ich nehmen unsere Besen und setzen Luna, Hermine und Neville hinter uns. So kommen wir nach London." Zwar wäre es ihm lieber gewesen, allein zu fliegen – die anderen sollten sich nicht in Gefahr bringen – aber er würde sie jetzt nicht mehr abschütteln können.
Die drei Quidditch-Spieler holten also ihre Besen und Winterjacken, während die anderen drei Rucksäcke hervorkramten und Verpflegung einpackten. Schließlich trafen sie sich vor der einäugigen Hexe.
„Moment mal", schoss es Hermine alarmiert durch den Kopf und sie hielt die anderen an, „Wie ist Nellie eigentlich durch den Schutzschild gekommen? Bis auf diesen Geheimgang sind doch alle Ausgänge abgesichert – selbst durch die Heulende Hütte und den entsprechenden Geheimgang gelangt man nicht ins Schloss!"
– „Frag sie, wenn wir sie gefunden haben", schlug Ginny knapp vor und öffnete ungerührt den Buckel der einäugigen Hexe. Kurz darauf zwängten sich alle sechs nacheinander durch die Tür zum Honigtopf ins Freie.
Das Dorf Hogsmeade lag unberührt da, eingeschneit und total friedlich.
Kaum zu glauben, dass Krieg herrschte, wenn man diese Idylle vor Augen hatte. Harry blickte sich um, zu lange hatten sie nicht mehr hierher gedurft!
Er erblickte den Eberkopf, wo sie vor zwei Jahren die DA gegründet hatten. Zu Beginn des sechsten Schuljahrs hatte er sie allerdings aufgelöst. Der Schmerz, den er damals spürte hatte ihn zurückgehalten sie fortzuführen, ebenso der Gedanke, dass er – wäre er allein ins Ministerium – vielleicht entkommen wäre ohne die Hilfe des Phönixordens (mit der Prophezeiung als Schild). Dann hätte dieser Vorhang nicht seinen Paten verschlucken können ...
Energisch schüttelte Harry den Kopf – Sirius war wieder da und sie hatten eine Aufgabe. Dies war nicht die Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen, und schon gar nicht in grausamen!
„Bereit?" wandte er sich auffordernd an seine Begleiter. Keine sechzig Sekunden später befanden sie sich in der Luft.
Ron führte mit Hermine die Truppe an, das Mädchen hatte eine Landkarte dabei und zeigte den anderen mit Hilfe von Rons Besenkompass die Richtung. Harry folgte mit Luna, hinter ihnen Ginny und Neville.
Harry ließ seinen Blick über die Mitschüler schweifen und lächelte, sie wurden langsam zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, wenn etwas zu erledigen war. Enthusiastisch warf er die rechte Faust in die Luft und rief den anderen zu:
„Auf nach London!"
