Fliegende Eiszapfen
Das Feuer im Kamin prasselte munter vor sich hin, warf seine tanzenden Schatten in die Wirtsstube und erhellte auf geradezu groteske Weise die beiden künstlichen Hirschköpfe, deren unechte Geweihe über der verstaubten Theke und der klapprigen Tür aus der unbequemen und hektischen Atmosphäre direkt herausstachen, die von den hin- und herhetzenden Bedienungen noch unterstrichen wurde; definitiv hielten die vielen Gäste sie so sehr auf Trab, dass sich sogar schon ihr künstliches Lächeln nicht mehr aufrecht erhalten ließ, das sie, lange bevor Harry und die anderen einen Fuß über die Türschwelle gesetzt hatten, in ihr Gesicht geklebt haben mussten.
Die sechs Freunde hatten sich vor den Flammen niedergelassen und wärmten nun ihre Hände; keiner von ihnen hatte beim hastigen Aufbruch daran gedacht, dass tiefster Winter war und sie vielleicht Handschuhe, Mütze und Schal gebrauchen könnten. Demnach hatte es auch nicht lange gedauert, bis sie quasi an den Besen festgefroren waren und Halt machen mussten.
Für ihren Stopp hatten sie sich ein überfülltes Gasthaus ausgesucht – nachdem sie vor zwei Jahren im Eberkopf belauscht worden waren, hielten sie es für sinnvoll, keine leere Kneipe zu wählen.
Harry rieb sich die Hände und seufzte. Eine angenehme Wärme stieg in ihnen auf.
Neben ihm legte Luna ihre Finger an die Ohren, um ihre Ohrläppchen zu wärmen. Ihre verträumten Augen reflektierten den hellen Schein der Flammen, ihre blonden, hüftlangen Haare, die sie seit dem letzten Jahr viel ordentlicher und gepflegter trug, umrahmten das Gesicht und Harry musste automatisch an den vorgestrigen Ball denken, den er mit ihr besucht hatte, sah sie vor sich in ihren paillettenbestickten, silbernen Roben, die nicht wenige der Ballbesucher zum Kichern gebracht hatten.
Ihre Butterbierkorkenkette hatte sie glücklicherweise nicht angelegt, und auch auf die Radieschen- oder Korkohrringe hatte sie verzichtet, dafür allerdings kleine Muscheln an ihre Ohren gehängt und ein cremefarbenes, in mühevoller Handarbeit aus vielen kleinen Perlen und angemalten Zahnstochern zusammengesetztes Krönchen auf den Kopf gesetzt. Insgesamt hatte sie sogar ziemlich gut ausgesehen, und Harry war froh, dass sie ihn zum Ball begleitet hatte.
Beinahe den ganzen Abend hatten sie sich unterhalten – oder besser gesagt, er hatte ihr zugehört, wie sie ‚Fakten' aus dem Klitterer zitierte oder auch mal über sich selbst sprach; dennoch hatte er gelegentlich eine Frage stellen oder eine persönliche Frage über sich beantworten müssen –, während Hermine dem alles andere als begeisterten und ziemlich unelegant herumhüpfenden und -stolpernden Ron ein paar Tanzschritte beibringen wollte, die – im Gegensatz zu seinem bisherigen Getanze – nicht an King Kongs neuesten Urwald-Stil erinnerten.
Ginny unterdessen hatte mit Neville keine derartigen Probleme bewältigen müssen, offensichtlich hatte dessen konservative und strenge Großmutter auf Tanzunterricht bestanden, sodass die beiden problemlos übers Parkett fegten – ganz anders als Professor McGonagall, die Snape (andauernder Wettstreit Gryffindor gegen Slytherin) eigentlich mit einem anderen Lehrer aus Gryffindor an die Wand hatte tanzen wollen.
Der pünktliche und völlig unpassende Vollmond hatte ihr durch die folgliche Abwesenheit der Professoren Lupin und Black (die die Nacht in der Heulenden Hütte verbracht hatten) jedoch die Auswahl erheblich eingeschränkt, sodass Snape mit Professor Raue-Pritsche beinahe den Sieg für Slytherin errungen hätte, wäre ihm nicht ein rein zufälliger Stolperfluch der sich unbeobachtet fühlenden Ginny in die Quere gekommen.
Grinsend, schadenfroh und zutiefst erleichtert (weshalb Harry sich doch tatsächlich gefragt hatte, ob das noch ihre Verwandlungslehrerin sein konnte) hatte McGonagall dem fluchenden Zaubertränkelehrer also eine Wiederholung zum Ball am Jahresende (eine Tradition, die vor vielen Jahren unterbrochen und im letzten Schuljahr wieder aufgenommen worden war) angeboten – und gleich den Mondkalender überprüft.
Neben ihm streckte sich Ron und riss Harry dadurch aus seinen Gedanken an den Ball, rutschte auf seinem harten und unbequemen Stuhl vor, der einen so viel ungemütlicheren Eindruck machte als die abgenutzten, gepolsterten Eckbänke – denen das wild zuckende Feuer jedoch bei weitem zu wenig Wärme schenkte, als dass sie bei ihrem Eintritt auch nur einen Gedanken an sie verschwendet hätten.
„Wollen wir weiter?" schlug der Junge vor, „Ist noch ein langer Weg bis London!"
Also erhoben sich die Schüler von ihren Stühlen, stellten sie an die Tische zurück und traten vor die Tür.
Von dem gewaltigen Schneesturm – der die Sicht der Sechst- und Siebtklässler auf etwa zehn Meter beschränkt hatte, dessen eiskalter, orkanartiger Wind ihre Besen hatte trudeln lassen und dicke Schneeflocken genau in Harrys Gesicht gepeitscht hatte, sodass der Junge die Augen zusammenkneifen musste, bis sie kaum mehr waren als Schlitze, und Luna gebeten hatte, seine Brille mit dem Impervius-Zauber zu belegen – war nichts mehr zu sehen, als die Gruppe aufbrach, es dämmerte bereits, bald würde die Sonne untergehen und die weiße Winterlandschaft in strahlendes Rot tauchen.
„Wir müssen jetzt aufpassen", gab Harry zu bedenken, als er das veränderte Wetter einschätzte, und wandte sich an Hermine: „Da es nicht mehr stürmt und tobt, werden wir wohl oder übel durch Wälder fliegen und in Deckung bleiben müssen, oder? Uns dürfen keine Muggel sehen!" Auf eine Anhörung vor dem Zaubergamot – der zwar im Moment viel zu viel zu tun hatte, sich aber dafür, dachte Harry mit einem für ihn völlig untypischen Anflug von Galgenhumor, sicherlich Zeit nehmen und lieber die Todesser warten lassen würde – konnte er nämlich gut und gerne verzichten!
Das Mädchen hob daraufhin nur die Brauen und zückte ihren Zauberstab, trat dann hinter Harry und winkte ab: „Lass das mal meine Sorge sein!"
Der Junge hatte keine Zeit zu überlegen, was sie damit sagen wollte, da ließ ihn schon ein kaltes Tröpfeln zusammenzucken, und als er an sich hinunterblickte, sah er die weiße Schneedecke durch seinen Körper hindurchschimmern.
„Seit wann beherrschst du den Desillusionierungszauber?" platzte er verdutzt heraus und begutachtete seine Handflächen, die wirklich perfekt getarnt waren. Er konnte sogar das Muster in den Fußstapfen vor ihm auf dem Boden erkennen.
„Ich hab ihn neulich ausprobiert", erzählte Hermine stolz und wandte sich Luna zu, „Aber genaugenommen warst du jetzt mein Versuchskaninchen."
Kaum hatte das Mädchen auch die anderen vier und sich selbst desillusioniert und ihren Platz hinter Ron eingenommen, um den Flug fortsetzen zu können, machte Neville seine fünf Mitschüler auf ein riesiges Plakat aufmerksam, aus dem ihnen Lockhart vertrauensvoll, selbstverliebt und energisch entgegenstrahlte, und seine neuesten Erlasse im Kampf gegen den Dunklen Lord verkündete:
„Das Ministerium unter der Leitung meiner Wenigkeit, dem Zaubereiminister Gilderoy Thomas Lockhart, Träger des Merlinordens erster Klasse für die Verteidigung des Ministeriums gegen den Dunklen Lord, hat mit sofortiger Wirkung und in der vorgestrigen Versammlung einstimmig entschieden, den Auroren den Einsatz unverzeihlicher Flüche gegen Verdächtige zu untersagen!"
– „Laut Professor McGonagall ist einstimmig in diesem Fall die eine Stimme Lockharts", warf Hermine unbehaglich ein und wandte sich an Harry, „und Kingsley meint, die Auroren wären dadurch erheblich im Nachteil ..."
Lockhart unterdessen fuhr enthusiastisch und propaganda-artig fort:
„Anders als im letzten, brutalen und angsteinflößenden Krieg wollen wir diesmal unsere überzeugenden Werte, unsere bewundernswerten Ideale und vor allem unsere moralischen Überzeugungen nicht auf- und uns auf Schwarzmagier-Niveau begeben, dafür trete ich ein und dafür stehe ich heute hier vor Ihnen, meine werten Damen und Herren!"
Im Hintergrund des Plakats ertönte tosender Applaus, und der Zaubereiminister deutete eine Verbeugung an.
„Zudem, liebe Damen und Herren, werden wir Apparationen, Kamine und Portschlüssel verstärkt überwachen, um Bedrohungen rechtzeitig erkennen und ihnen entschlossen entgegentreten zu können!
Nächsten Mittwoch wird im Ministerium außerdem über eine Abschaffung des Briefgeheimnisses und folgende Eulenkontrollen debattiert, was zwar – mehr noch als die Beobachtung der Kamingespräche und –reisen – die Privatsphäre und Rechte der magischen Gemeinschaft einschränken wird, dafür jedoch deren Sicherheit enorm erhöhen kann, wodurch jeder einzelne weniger Angst haben wird!"
Die Plakatunterschrift beschrieb die Publikumsreaktionen nach der Pressekonferenz – Standing Ovations – und vermittelte dadurch einen recht treffenden Eindruck, wie verzweifelt die Hexen und Zauberer durch die Bedrohung Voldemorts sein mussten, wenn sie derartiges Eindringen in die Privatsphäre bejubelten.
Luna jedenfalls schüttelte nur verträumt den Kopf, und auch Harry und den anderen gefiel die Vorstellung nicht, dass in Zukunft nicht einmal ihre Briefe geheim sein würden.
Keine verborgenen Apparationen, Kaminreisen – das brachte auch dem Phönixorden große Probleme, kam es Harry in den Sinn. Und was, wenn sein Pate, Remus und die anderen mit einem Portschlüssel erwischt würden? Fehlte nur noch, dass auch Besenflüge auf der Beobachtungsliste standen ...
Mit einem unguten Gefühl im Magen erhoben sich die Schüler wieder und setzten den Besenritt nach London fort.
„Von hier oben sieht der Sonnenuntergang einfach atemberaubend aus!" stellte Neville fest, wohl um sich von den unangenehmen Nachrichten abzulenken, und Harry musste ihm nach einem kurzen Blick Recht geben. Links sank die Sonne hinter den entfernten Horizont und färbte die schneebedeckte Landschaft und vor allem den eingeschneiten Wald im Westen, der durch einen breiten, halb zugefrorenen Fluss geteilt wurde, in leuchtendes Orange-Rot. Am Boden würde diese Schönheit schon die Sprache verschlagen, doch aus der Luft war es unbeschreiblich.
„Erstick bloß nicht", prustete Ron und wandte sich an seinen Klassenkameraden, „Wir brauchen dich noch, um Nellie zurückzuschleppen!"
Nellie.
Harry hatte vor Kälte und Staunen für einen Augenblick fast vergessen, weshalb sie ursprünglich aufgebrochen waren.
„Wann landet denn Malfoys Flugzeug?" erkundigte er sich und warf einen besorgten Blick auf seine Armbanduhr, wenn sie zu spät kämen ... Daran wollte er gar nicht denken!
„In zwei Stunden", informierte ihn Luna geistesabwesend, „Bis dahin müssen wir in Stansted sein."
Die Temperatur nahm rapide ab, Harry fluchte innerlich, dass sie sich nicht winterfest angezogen hatten. Hinter ihm zitterte Luna, ihre Zähne klapperten und sie klammerte sich fester an Harry, damit sie sich gegenseitig wärmen konnten.
„Da unten ist es!" brüllte Hermine durch die Dunkelheit und deutete auf eine gewaltige Ansammlung von Lichtern verschiedenster Farben, „Wir sind da, das ist der Flughafen London–Stansted."
– „Perfekt!" erklärte Ginny, während Hermine den Besenkompass wieder an den Sauberwisch hängte und die Karte im Rucksack verstaute, und riss ihren Besen in den Sturzflug.
„PASS AAAUUFF!" kreischte Ron so laut, dass seine Stimme sich überschlug und Harrys Ohren schmerzten. Luna zuckte zusammen und rammte dem Jungen versehentlich einen Ellbogen in den Rücken.
Mit seinem Schrei übertönte Ron bei weitem nicht den herannahenden Lärm, dennoch fuhr Ginny erschrocken herum und riss die Augen auf vor Entsetzen, hinter ihr schoss ein Flugzeug mit beachtlicher Geschwindigkeit auf ihren Nimbus 2000 zu!
Nevilles Gesicht wurde von einem Moment auf den anderen kreidebleich, der letzte Tropfen Blut schien daraus zu verschwinden, während Ginny ungläubig und unfähig, zu reagieren, mit zitternden Händen auf das riesige Eisengebilde starrte, welches sie gleich zerschmettern sollte ...
Ron und Harry reagierten gleichzeitig und ohne nachzudenken – sie rissen ihre Besen herum, rasten wie zwei geölte Blitze auf Ginny und Neville zu und schlossen ihre Hände fest wie ein Schraubstock um den Nimbus. Unterdessen krallten Hermine und Luna ihre Fingernägel in die Umhänge von den Reitern des Besens um zu verhindern, dass sie in die Tiefe stürzten. Ron und Harry zwangen den Sauberwisch und den Feuerblitz rasend schnell in eine steile Kurve, die die Wendigkeit ihrer Besen bis an die Grenzen ausreizte und Ron fast schlingern ließ, und machten sich schnellstmöglich aus dem Staub.
Um Haaresbreite entgingen sie einer fatalen Kollision mit dem Flugzeug.
Eine Weile brachte keiner von ihnen einen Ton hervor. Sie zitterten und starrten der Maschine hinterher, den Schock noch in den Knochen, die sich – wohl aufgrund der Kälte – anfühlten wie gefroren.
Erst als die Landebahnen zur Seite sprangen, einer weiteren Platz machten und das Flugzeug bereits das Fahrwerk ausfuhr, erlaubte sich Harry, aufzuatmen und sich die Schweißtropfen von der Stirn zu wischen, die sich trotz der gefährlichen, bedrohlichen Kälte dort angesammelt hatten.
Ein Rasseln ließ Harry herumfahren, fassungslos starrte er in die Dunkelheit und hielt seinen Zauberstab schon in der Hand, kaum dass das Geräusch verklungen war.
Das konnte nicht sein, ausgerechnet ... nicht hier!
Doch noch während er sich einredete, dass das alles Einbildung wäre, das Geräusch nicht existierte und seine Befürchtungen grundlos seien, spürte er gleichzeitig, wie sich die Kälte vertiefte, beinahe schon vertraut – und dennoch konnte man sich nie daran gewöhnen – nach seinen Eingeweiden tastete und alles in ihm gefrieren ließ. Ein schwarzer Schatten, den er nur aus dem Augenwinkel hatte vorbeihuschen sehen, war verschwunden, kaum dass er den Kopf herumgeworfen hatte.
„Lumos!" schrie er in die Dunkelheit, ignorierte dabei den angespannten Unterton in seiner Stimme ebenso wie das Japsen Lunas oder Ginnys schrillen Aufschrei, die allmählich auch bemerkten, das etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Angestrengt starrte Harry in die Finsternis, die noch schwärzer und undurchdringlicher als die Nacht schien, konnte nichts erkennen, keinen Schatten, keine verräterische Bewegung.
Doch der Junge wusste, dass es da war, und die Gestalt nicht zu sehen, nicht zu wissen, von wo sie angreifen würde, wohin er die Verteidigung wenden musste, machte die Situation fast unerträglich.
Wie aus dem Nichts tauchte es auf, im einen Augenblick hörte Harry nur ein Rasseln hinter sich, dann schoss es heran, und die Farben weit unten verschwammen, als die vertrauten Stimmen in Harrys Kopf erklangen, ihm Übelkeit bescherten und die Kälte nicht mehr auszuhalten war.
„Nicht Harry, bitte nicht Harry!"
Ein riesiger Dementor schwebte vor Harrys Besen, den unter der Kapuze versteckten Kopf weniger als einen Meter von dem des Jungen entfernt, und hob die grauen, schleimigen Hände. Ein glücklicher Gedanke ...
„Jetzt tritt mir entgegen wie ein Mann ... aufrecht und stolz, wie dein Vater starb ..."
Er zog seine Kapuze vom Kopf, gerade als Harry den Zauberstab auf ihn richtete, sog begierig alle Hoffnung aus Harry.
Ein glücklicher Gedanke, mach schon, einen glücklichen Gedanken ...
„Komm schon, du kannst es doch besser!" Sirius' Sturz durch den Schleier!
Und da war er, sein glücklicher Gedanke.
Harry rief sie sich ins Gedächtnis, die Erinnerung wie sein Pate zurückgekehrt war, starrte erneut in diese silbergrauen Augen, in die er nicht mehr zu blicken gehofft hatte, die noch immer manchmal diesen Askabanblick nicht verstecken konnten, verspürte erneut den Drang, sich ihm vor Erleichterung in die Arme zu werfen, und lächelte zuversichtlich, wandte sich dem Dementor zu, dessen Schlund sich deutlich in dessen ledrigen Gesicht abzeichnete.
„Expecto Patronum!"
Sein silberner Hirsch brach sofort aus der Spitze des Zauberstabs hervor, hell und willkommen warm stürzte er sich auf den Dementor, rammte das silberne Geweih in sein Gesicht, und geschlagen ergriff der Feind die Flucht.
Aus den Augenwinkeln konnte Harry beobachten, dass er nicht allein gewesen war, und hetzte Krone ohne zu zögern auch in die entsprechende Richtung, was jedoch unnötig war. Die Dementoren verschwanden, nahmen einen Teil der Kälte mit sich, die Hoffnungslosigkeit und den Nebel, und Harry schaute hinunter.
Die Landebahn war mit dem Flugzeug verschwunden.
Sie fanden Nellie bewusstlos außerhalb des Flughafens, neben den Bahngleisen. Die Haare zerzaust, der Umhang an mehreren Stellen aufgerissen, das Gesicht vor Wut und Zorn verzerrt. Blutverschmiert aufgrund der Platzwunde an der Stirn und des Blutes, welches aus ihrem Mundwinkel rann. Harry schauderte verhalten beim Anblick des bleichen Mädchens und schüttelte traurig den Kopf.
„Wir sind zu spät", brachte er hinter zusammengebissenen Zähnen resigniert hervor und ging neben Nellie in die Hocke.
Ron brummte zustimmend und seufzte: „Das war sicher nicht nur Malfoy alleine. Sie hat weit in der Unterzahl gekämpft."
– „Und sie hat den kürzeren gezogen", ergänzte Luna geistesabwesend und strich dem Mädchen einige Strähnen aus dem Gesicht, das durch die Kälte schon blau angelaufen war, „Könnt ihr sie aufwecken? Wir müssen sie nach Hogwarts in den Krankenflügel bringen."
Hermine tastete nach Nellies Hand und fühlte erst ihren Puls, dann nickte sie, zückte den Zauberstab und murmelte konzentriert: „Enervate!"
Langsam kam das blonde Mädchen wieder zu sich, erst ziemlich verwirrt, dann zunehmend wütend schaute sie sich um und fluchte farbenfroh und hingebungsvoll, als sie nicht fand, was sie suchte.
„Malfoy, du Wurm, na warte!" Erzürnt knirschte sie mit den Zähnen, „Noch einmal entkommst du mir nicht!"
Stöhnend kniff sie die Augen zusammen und massierte sich die Schläfen, dann erst nahm sie ihre Begleiter wahr und stöhnte sofort noch einmal auf, meinte nur gelangweilt: „Was, bei Merlins Bart, macht ihr denn hier? Solltet ihr nicht schön brav in der Schule eure Hintern breit sitzen?"
Überrascht musste Harry blinzeln, wie hatte sich das Mädchen nur so rasch so sehr verändern können? Bevor Malfoy ihre Schwester verhext hatte, wäre es ihr nie auch nur in den Sinn gekommen, das Wort ‚Hintern' in den Mund zu nehmen, das hätte überhaupt nicht zu ihrer sanften Art gepasst.
„Wir bringen dich nach Hogwarts zurück", beantwortete Hermine die Frage bestimmt und entgegnete Nellies musterndem, anteilslosem Blick mit ebensoviel Gleichgültigkeit, bevor das Mädchen schließlich achselzuckend nachgab und sich dem Schnee zuwandte, der an ihrer Kleidung klebte, ihn abklopfte, schief schmunzelte und zuckersüß widersprach: „Das tut mir jetzt aber sehr leid, Hermine, aber im Moment glaube ich nicht, dass ich irgendwohin fliegen kann!"
Wortlos schulterte Hermine ihren Rucksack ab, kramte einen Verbandskasten daraus hervor und holte eine Phiole mit einer klaren, fliederfarbenen Flüssigkeit aus dem Kasten, die sie Nellie reichte: „Bitte, das wird deinen Zustand für etwa zwei Stunden verbessern. Luna und Neville können dir dann auch ihre Phiolen überlassen."
Harry fluchte in sich hinein, als er mit Luna, Ginny mit Neville und Ron mit Hermine im Eiltempo Nellie auf ihrem Besen folgten, sie hätten daran denken müssen! Wieso waren sie nicht – rechtzeitig – auf die Idee gekommen, dass Nellie – wieder flugtauglich – sofort die Verfolgung Malfoys wieder aufnehmen würde? Obwohl sie schon eine ganze Weile flogen, hörte er immer noch ihren hysterischen Lachanfall, als sie ihren Pfeilfeger 450 plötzlich gewendet und sich mit einem schrillen ‚Auf bald!' verabschiedet hatte.
„Hinterher!" hatte Hermine schnell entschieden, „Wenn sie Malfoy in King's Cross überfällt, braucht sie jede Hilfe die sie kriegen kann!"
In der Zwischenzeit hatte Nellie den Zug fast eingeholt, sich an ihn gehängt, nur wenige Meter hinter ihm, und würde sich nicht mehr abschütteln lassen. Mit einigem Abstand folgten Harry, Luna und die anderen ihrer Mitschülerin, die vor Zorn und Wut schrie.
„Wann sind wir denn endlich da?" wollte Ginny ungeduldig und verärgert wissen. Harry konnte sie verstehen; sie verfolgten seit einer halben Stunde den Zug mit Malfoy und den früheren Slytherins. Der Wind trieb ihnen den Rauch der Lokomotive entgegen, Harrys Augen brannten wie Feuer und er musste blinzeln, um die Tränen zu vertreiben. Zudem war es noch kälter geworden, der Junge fror jämmerlich. Auch die anderen fühlten sich wie fliegende Eiszapfen.
„Dort vorn ist King's Cross!" brach Hermine nach einigen weiteren Minuten das Schweigen und nieste kräftig, „Der Zug fährt zum Bahnsteig 9 ¾!"
– „Hinterher!"
Nellie allerdings schien ihre Absichten geändert zu haben, sie machte einen weiten Bogen um den Bahnhof und landete in einem großen Park davor versteckt in den Büschen. Der riesige, eingeschneite Platz war von hohen, schneebedeckten Bäumen umgeben, die nach allen Seiten die Sicht versperrten. Eine etwa fünf Meter breite Lücke bildete die einzige Verbindung zur Außenwelt.
Harry setzte nicht weit hinter Nellie den Fuß auf den Boden und verstellte dem Mädchen wütend den Fluchtweg, den sie nach seinem Erscheinen schleunigst ergreifen wollte.
„Sag mal, kannst du mir mal sagen, was der Unsinn soll?" fauchte er sie an und erkannte zufrieden, dass auch Ron neben und Neville hinter Nellie getreten waren und diese somit am weglaufen hinderten, sodass sie nun nicht mehr entkommen konnte.
Hermine, Ginny und Luna hielten sich zwar im Hintergrund, hatten aber (ebenso wie die Jungen und Nellie Volgonttomb) ihre Zauberstäbe gezückt und warteten angespannt, bereit, notfalls zuzuschlagen.
Stimmen erklangen, und durch die Lücke zwischen den Bäumen konnte man immer mehr Schüler sehen; Harrys Kopf zuckte herum und er erkannte Pansy Parkinson, dicht dahinter Malfoy und Goyle, Crabbe folgte. Sie stellten ihr Gepäck ab und unterhielten sich.
Schnell packte Nellie Harry und Ron am Kragen und riss sie unbemerkt ins Gebüsch, Hermine folgte ihrem Beispiel und zog die anderen mit sich.
„Die früheren Slytherins sollten uns lieber nicht bemerken", zischte sie den anderen zu und drückte Nevilles Kopf hinunter, sodass er nun vom Parkeingang aus nicht mehr zu sehen war, „also seid leise! Wir sind hoffnungslos in der Unterzahl!"
Nellie unterdessen blickte mit funkelnden Augen zu den vielen Leuten hinüber und ärgerte sich offensichtlich, dass Malfoy nahezu in ihrer Mitte stand und für sie somit unerreichbar war.
Läge der Fall anders, hätte sie sich wohl rücksichtslos gerächt und dann eben die Konsequenzen gezogen, ohne einen Gedanken an die zahlenmäßige Überlegenheit der vielen Schüler dort draußen zu verschwenden! Fest umklammerte sie ihren Zauberstab und knirschte ungeduldig mit den Zähnen, sie würde warten müssen, bis jemand die Slytherins abholte.
Vielleicht erhielt sie da die passende Gelegenheit!
Harry jedoch würde alles erdenkliche tun, um sie an einem entsprechenden Versuch zu hindern, schwor er sich. Das Mädchen war nicht in der Verfassung für einen zweiten Kampf. Wenn er sie doch gleich betäuben könnte! Der Zauber würde im Dunkel des Parks jedoch alles und jedem auffallen ...
Mit der Zeit wurden Harrys Lider immer schwerer, er musste sich sehr beherrschen, dass ihm nicht die Augen zu fielen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, warum. Sie sollten längst im Bett liegen.
Der Schnee sog langsam die Wärme aus seinen Fingern und ließ sie blau anlaufen, und Harry musste seine Zähne fest zusammenbeißen, damit sie vor Kälte nicht zu klappern anfingen. Eine Gänsehaut jagte ihm über den Rücken, und mit einem Schlag wurde er sich bewusst, wie erschöpfend und nervenaufreibend dieser Tag doch gewesen war, vor allem der Kampf gegen den Sturm und die Aufregungen um Nellie – ganz zu schweigen davon, dass er durch das anstrengende Zusatztraining bei seinem Paten in letzter Zeit sowieso mehr und mehr ausgelaugt und übermüdet wurde. Und es war noch nicht vorbei!
Ein überlautes Donnern, ein helles Aufblitzen und erschrockene Schreie holten den Jungen abrupt ins Hier und Jetzt zurück.
Durch die Lücke in den Bäumen erblickte er eine riesige, leuchtend rote Feuerwolke, die eine Dachgeschosswohnung einhüllte und sich weiter ausbreitete. Solche Szenen hatte er bereits in Dudleys Fernseher gesehen, und ihm war auf der Stelle klar, dass jemand das Stockwerk mit einer Bombe in die Luft gejagt hatte!
Was in aller Welt soll das denn werden!
Kreischende Slytherins rannten hin und her und versperrten Harry die Sicht, jedoch glaubte er, einen Schatten aus dem Haus rennen zu sehen, in dem Moment, als ihm ein warmer Luftzug ins Gesicht bließ – die kaum beachtenswerten Überreste der Druckwelle der Explosion.
Er näherte sich, und schließlich erkannte Harry eine Frau, hustend und wankend, mit hellbraunen, glatten Haaren, die beinahe bis zu ihren Oberschenkeln reichten und sogar Lunas Frisur längenmäßig übertrumpften. Harry schätzte, dass sie etwa einen halben Kopf kleiner war als Sirius – was für eine ‚sie' immer noch ziemlich groß war – und Ron stieß einen leisen Pfiff aus, der zum Glück im allgemeinen Lärm unterging.
Harry erkannte auch, weshalb, immerhin stand dort eine vollschlanke Frau mit mäßigen, wohlproportionierten Rundungen – aber an den richtigen Stellen –, die ihr sehr gut standen und ihre Weiblichkeit betonten; einzig ihr schönes, regelmäßiges Gesicht war kantig, ein spitzes Kinn und hohe Wangenknochen traten hervor, und ihre eisblauen Augen unterstrichen die kühle und unnahbare Aura, die sie umgab.
Nicht einmal das schneeweiße, beinahe auf den Boden reichende Nachthemd, welches unter ihrem schwarzen Umhang deutlich zu erkennen war, konnten ihre überlegene und würdevolle Ausstrahlung mindern.
Diese Frau hatte eindeutig Stil.
Mit einer raschen Bewegung wich sie einem heransausenden Funkenstrahl aus, der hinter ihr einschlug, und rannte auf Harry und die anderen zu in den Park.
In ihren Hausschuhen stolperte sie einige Male, sprang jedoch sofort wieder auf und wollte gerade ihren Zauberstab zücken, der in ihrem straff um die Wespentaille gewickelten Gürtel klemmte, als ein schwarzer Umhang hinter ihr aus dem Nichts erschien und ein Zauberstab fest gegen ihren Brustkorb gepresst wurde; Ginny neben ihm sog überrascht die eiskalte Luft ein, wohingegen Hermine, auf seiner anderen Seite, verblüfft den Atem anhielt.
„Vergiss es!" höhnte die Stimme von Bellatrix Lestrange; die Eltern von Pansy Parkinson und der Vater von Goyle – der Junge kannte sie vom Tag der offenen Tür beim Trimagischen Turnier – stellten sich neben die Todesserin und lachten schallend.
Abschließend erschien Lucius Malfoy im Park, hob überheblich die Brauen und lächelte süffisant: „Erledige Sie endlich! Ich will meinen Sohn abholen, und dann in meine Villa zurückkehren. Hier draußen ist es so unangenehm kalt!"
– „Zu dumm, dass sie die Bombe bemerkt und ihre Wohnung verlassen hat!" beschwerte sich Goyles Vater und zog einen dümmlichen Gesichtsausdruck, der instantan an seinen Sohn denken ließ.
Jetzt geschah alles gleichzeitig, Harry konnte gar nicht realisieren, was sich ereignete.
Während Lucius Malfoy noch seine Handschuhe zurechtrückte, wurde Bellatrix überraschend von einem roten Blitz getroffen und landete hinter den Büschen, sieben Gestalten sprangen so schnell zwischen den Bäumen hervor, dass Harry geschworen hätte, sie wären einfach appariert, und schossen Flüche auf die Todesser, die sich einen Moment nicht rühren konnten und dann hektisch Deckung suchten.
Die Slytherins schrieen panisch auf und stoben auseinander, raus aus dem Park; ihr Gepäck blieb wie vergessen einfach stehen.
In diesem Augenblick sah Nellie wohl ihre Chance gekommen und verließ ihr Versteck, hob den Zauberstab und setzte Dracos Umhang in Brand, bevor dieser sie auch nur gesehen hatte oder Harry und seine Freunde reagieren konnten.
Pansy Parkinson warf den Blondschopf geistesgegenwärtig sofort in den Schnee und die Flammen erloschen, als er auch schon von einem weiteren Fluch Nellies erwischt wurde, der ihn zwei Meter in die Höhe hob und ebenso wie die Zauber der schwarzvermummten Gestalten in der Dunkelheit des Parks grell leuchtete und Harry blendete, dass er die Augen zusammenkniff.
Bevor sie jedoch zum dritten Mal auf ihn anlegen konnte, war sich Lucius der Lage seines Sohnes bewusst geworden und stellte sich Nellie in den Weg, lächelte überheblich und hob den Zauberstab: „Avada –"
– „Pedem Offendere!"
Harrys Stolperfluch riss den Todesser von den Beinen, bevor dieser den Zauberspruch beenden konnte, und er lag noch am Boden, als auch schon einer der schwarzgekleideten Neuankömmlinge sich auf ihn stürzte. Überrascht fragte sich Harry, was die halbe Brille darstellen sollte, die er vor dem rechten Auge trug, schüttelte sich und versuchte, die Kälte zu vertreiben, die wieder aus allen Ritzen auf ihn zukroch und ihn erbarmungslos einzuhüllen drohte.
Neben ihm schrie Nellie, hielt sich die Ohren zu und brüllte nach Ellen, alarmiert wirbelte Harry herum ...
... und sah sich ohne Vorwarnung einem Dementor gegenüber, der sich dem Mädchen zuwandte und die Kapuze vom Kopf zog!
„Expecto Patronum!"
Sein silberner Hirsch galoppierte der Gestalt schon entgegen, kaum dass er sich die Erinnerung ins Gedächtnis gerufen hatte, eben jenen Gedanken, der Krone heute schon einmal hatte auftreten lassen.
Widerwillig wich der Dementor zurück, ließ sich erst schnell, dann immer langsamer von dem Hirsch, den Harry instinktiv gerufen hatte, rückwärts treiben, bis er schließlich stehen blieb und sich wehren konnte!
Erschrocken bemerkte Harry das Flackern des Hirsches, spürte die altvertraute, eisige Kälte nach seinem Innern tasten, fühlte sich immer hoffnungsloser, je länger er Krone anstarrte.
‚Wieso funktioniert es nicht?'
Im Hintergrund konnte er schon wieder das Murmeln von Stimmen wahrnehmen, Worte, die nur in seinem Kopf erklangen ...
Harry schrie vor Schreck auf, als sich etwas feuchtes, kaltes auf seine rechte Schulter legte, ihm sein Zauberstab entrissen wurde und der silberne Hirsch sich in Luft auflöste. Augenblicklich wurde er herumgerissen und starrte zum zweiten Mal an einem Tag in den monströsen Schlund eines Dementors, musste zum zweiten Mal den stinkenden, fauligen Atem dieser Bestien ertragen und konnte sich diesmal nicht wehren.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Hermine ihm zu Hilfe kommen wollte, hörte sie ihren silbernen Otter beschwören, doch das kleine, muntere Tierchen konnte sich nicht gegen den riesigen Dementor durchsetzen, da auch seine Freundin nun unangenehme Gesellschaft bekam, der ihr die Hoffnung aussaugte, sie langsam verzweifeln und ihren Patronus erlöschen ließ.
Einen für jeden von uns! dachte Harry bitter, während er sich nach Ron und den anderen umsah, und schluckte. Auch seine Freunde waren diesen Monstern hilflos ausgeliefert, spürten wohl wie er selbst die Kälte, die ihn mittlerweile sicher eingefroren hatte, die gleiche Übelkeit, die Harry jedes Mal befiel, wenn ihm ein Dementor zu nahe kam; hatte er ihnen nicht selbst eingeschärft, wie viel schwieriger ein Patronus gerufen werden konnte, wenn man einem echten Dementor gegenüberstand?
Nun, Harry hätte auf diese Art von Bestätigung seiner Worte gerne verzichtet ...
Sein Dementor schwebte nun langsam näher, streckte seine grauen, schleimigen Hände nach Harrys Gesicht aus, und angeekelt und entsetzt stolperte der Junge einen Schritt rückwärts, fiel zu Boden und landete sanft im weichen Schnee.
Oh nein, er würde sich hier nicht küssen lassen!
Entschlossen und hektisch durchsuchte Harry die Schneedecke nach seinem Zauberstab, wich fort von dem Dementor, der – sollte er zu so etwas überhaupt fähig sein – die aussichtslose Lage des Jungen regelrecht zu genießen schien.
Irgendwann reichte es ihm dann doch, bedrohlich beugte er sich über den Jungen und packte ihn an den Schultern, warf ihn auf den Rücken und presste ihn unsanft in den Boden, beugte sich über ihn und kam immer näher und noch näher ...
Wie aus weiter Ferne hörte Harry über die Stimmen seiner Eltern und Sirius' die Formel zur Beschwörung eines Patronus, fühlte, wie die Kälte und der Nebel langsam von silberner Wärme vertrieben wurden und atmete erleichtert auf.
Er wusste nicht, wessen Patronus dies war, aber er spürte die Kraft, die von ihm ausging, die die Dementoren vertrieb, und rappelte sich hoch. Gerade noch sah er ein flinkes Eichhörnchen und einen anmutigen Adler, dann verschwamm alles um ihn herum und wich finsterer Schwärze.
Da war etwas nasses und kaltes auf seiner Haut, das Harry aufweckte und wie von einem Riesenkraken geschlagen hochfahren ließ. Entsetzt öffnete er die Augen, in Erwartung eines Dementors, der versuchte ihn zu küssen ...
... und sah sich Sirius gegenüber, mit einem Waschlappen in der Hand, den er gegen Harrys schmerzende Stirn presste. Sanft aber bestimmt drückte sein Pate ihn zurück in das weiche Kissen, auf dem sein Kopf bisher gelegen hatte.
„Du solltest dich noch ausruhen", riet er ihm und tauchte den Waschlappen in einen Eimer, bevor er ihn auswand und erneut auf Harrys Stirn legte, „Lucius Malfoy hat dich da mit einem ziemlich üblen, schwarzen Fluch erwischt!"
Harry stöhnte, wie um Sirius' Worte zu bestätigen, diese Kopfschmerzen waren fast nicht auszuhalten! Und dieses dumpfe Gefühl in seiner Magengegend, die verhaltene Kälte und Distanziertheit – Nachwirkungen der Begegnung mit den Dementoren – machten die Situation auch nicht besser, sodass er leise seufzte und dankbar die Schokolade entgegennahm, die sein Pate ihm reichte; Sirius schmunzelte flüchtig.
„Nun ja, du musst zugeben, dass du an deiner Lage gewissermaßen selbst Schuld bist! Immerhin hat dich keiner gezwungen, Hogwarts zu verlassen, oder?"
Auf den bitterbösen Blick Harrys hin hob er nur herausfordernd eine Braue und befeuchtete den Lappen erneut: „Remus versucht gerade, etwas gegen deine Schmerzen aufzutreiben ..."
– „Was ist passiert?" brachte Harry heraus, drehte den Kopf nach links – wo er Ron und Neville in je einem weiteren Bett entdeckte – und setzte sich wieder erschrocken auf, starrte Sirius entsetzt an: „Wie geht es –"
– „Den beiden geht's gut", beruhigte der Eulen-Animagus den Jungen, während er ihn abermals zurück auf das Kissen drückte, „Und den anderen auch. Ihr hattet wahnsinniges Glück, dass keiner von einem Dementor geküsst worden ist!"
Bei dem Gedanken daran, wie knapp sie der Katastrophe entkommen waren, musste nicht nur Harry schaudern, auch Sirius fuhr es eiskalt den Rücken hinunter, wie der Junge an seinem flüchtigen Zittern erkennen konnte.
Kein Wunder, wenn man bedachte, dass er selbst seit etlichen Jahren zu deren Kuss verurteilt war, und die Dementoren nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, dieses Urteil auch zu vollstrecken. Für den Bruchteil einer Sekunde schlich sich ein Schatten in Sirius' Blick, ließ die unheimliche Einsamkeit Askabans in seinen Augen spiegeln und machte Harry wieder bewusst, dass er nicht einmal ahnen konnte, was Askaban wirklich bedeutete und wie wenig Wert er darauf legte, diesen Ort persönlich kennen zu lernen. Allein die Dementoren ...
Der Park!
„Da war ein Patronus", erinnerte sich Harry verschwommen; die Kopfschmerzen verhüllten seine Erinnerung wie ein schwarzer Schleier, und er stammelte schwach: „Wer hat ihn beschworen?"
– „Genaugenommen waren da zwei Patroni", korrigierte Sirius, erhob sich aus seinem Sessel und sah kurz vor die Tür, um zu prüfen, was Remus so lange trieb, „Ein Eichhörnchen – das stammte von Natasha – und ein Adler, das war meiner ..."
– „Natasha?" hakte der Junge neugierig nach und drehte den Kopf zur Seite, blickte seinen Paten fragend an.
– „Natasha Toleen", erklärte Sirius bereitwillig, ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen und fuhr sich mit der linken Hand durch die Haare, „Diese braunhaarige Frau, die die Todesser erledigen wollten."
Seine Fingernägel gruben sich unbewusst noch tiefer in die weichen Polsterlehnen, die mit einem ächzenden Knarzen protestierten, während Sirius' Blick missmutig die gegenüberliegende Wand durchbohrte.
„Sie wissen jetzt, dass sie unsere Informantin im Ministerium ist und wollten sie ausschalten."
Die Tür öffnete sich beinahe lautlos, und zum Vorschein kam (Harry war sich nicht sicher, ob er seinen Augen trauen sollte) ... „Dobby?" brachte er überrascht hervor, senkte jedoch gleich wieder die Stimme, um Ron und Neville nicht aufzuwecken. Hinter dem Hauself erkannte er Winky.
„Was macht ihr denn hier?" wollte er im Flüsterton wissen.
– „Dobby und Winky sind hier auf Wunsch von Professor Dumbledore", erläuterte der Hauself vergnügt, offenbar froh, Harry zu sehen,
„Professor Dumbledore bat Dobby und Winky, hierher zu kommen, Harry Potter, Sir! Dobby und Winky sollen ein Auge auf den Hauselfen Kreacher haben, damit er keine Geheimnisse des Ordens an die Feinde verrät! Außerdem passen Dobby und Winky auf den Hippogreif Seidenschnabel auf, Harry Potter, Sir!" Winky nickte energisch mit dem Kopf, wie um Dobbys Worte zu bestätigen.
„Ist Kreacher denn noch hier?" mischte sich Sirius in das Gespräch ein und sein Blick verfinsterte sich.
– „Ja, Sir", piepste Dobby, „Aber Dobby weiß nicht, wo er genau steckt. Er könnte im ganzen Haus sein, Sir! Kreacher hilft Dobby und Winky nicht beim Putzen, Sir, er passt nur auf, dass wir nichts entfernen. Dabei dürfen Dobby und Winky das gar nicht!"
Der Hauself schnippte mit zwei Fingern, und ein Eisbeutel erschien in seinen Händen, den er sofort Sirius überreichte.
„Professor Lupin bat Dobby, Harry Potter, Sir, einen Eisbeutel zu bringen, gegen die Kopfschmerzen, während er Professor Snape weiter um ein Medikament bittet, Sir!"
– „Danke", gab Sirius zurück und legte Harry vorsichtig den Beutel auf die Stirn, woraufhin die Schmerzen praktisch sofort nachließen. Kaum öffnete der Junge wieder die Augen, waren die Elfen schon verschwunden.
„Sind wir etwa am Grimmauldplatz?" fragte er erstaunt und sah sich im düsteren Zimmer um, es erschien ihm, bei näherem Hinsehen, tatsächlich vertraut. Sirius nickte nur mindestens ebenso finster, ließ den Eimer mit seinem Zauberstab verschwinden und schüttelte verdrossen den Kopf.
„Der Orden muss in London etwas erledigen, die Weihnachtsferien verbringen wir also hier", grummelte er und hielt kurz inne, bevor er fortfuhr, „Hier bist du durch den Fidelius-Zauber genauso sicher wie in Hogwarts. Ich war sowieso überrascht, dich außerhalb der Schule zu treffen, nachdem du neulich so geschockt über die Nachricht von Voldemorts neuem Zauberstab warst!"
– „Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen", gestand Harry und ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter, als ihm bewusst wurde, was hätte passieren können, „Wir haben nur daran gedacht, dass Nellie in Gefahr ist!"
– „Ich weiß. Die anderen waren bei unserem Eintreffen hier wach und haben bereits gestanden", beendete Sirius Harrys Erklärung, bevor er damit anfangen konnte, und schmunzelte über die Reaktion des sich ertappt fühlenden Jungen,
„Wobei ich in mancher Hinsicht sogar froh darüber bin, dass du jetzt auch hier bist – sonst müsste ich jeden Tag zwischen Hogwarts und hier pendeln", gestand sein Pate mit einem verschmitzten Grinsen, „Unser Training dürfen wir nämlich trotz der Ferien nicht unterbrechen!"
Sein Grinsen wuchs in die Breite, als er Harrys betrübten Gesichtsausdruck wahrnahm.
„Du hast mir einiges erleichtert, wäre ziemlich schwierig gewesen, täglich so ein weites Stück zu reisen, ohne entdeckt zu werden! Abgesehen davon, dass ich mich außerhalb von Hogwarts noch immer vor den Auroren verstecken muss, weil Fudges Regelung nur für die Schule gültig ist – dir sind vielleicht schon Lockharts neueste Anweisungen zu Ohren gekommen?"
– „Und ob!" schnaubte Harry, „Wir haben ein Plakat gesehen, bei dem ich mich gefragt habe, ob er nun eigentlich gegen Todesser oder die magische Gemeinschaft kämpft ... Wundert mich, dass er Besenflüge noch nicht kontrollieren lässt!"
– „Aber das tut er doch", entgegnete Sirius und unterstrich seine Worte mit einer eindeutigen Geste, „Hast du dich nicht gewundert, woher plötzlich die Dementoren kamen?"
Konfus zog Harry die Stirn kraus, wo war da der Zusammenhang?
Sein Pate seufzte tief, während er sich im Stuhl zurücklehnte und erläuterte: „Wir wissen schon länger, dass nicht nur wir, sondern auch Voldemort mindestens einen Spion im Ministerium haben muss. McGonagall vermutet, dass dieser euren Besenritt bemerkt hat, ihn aus dem offiziellen Logbuch gelöscht und Voldemort informiert hat, der euch dann die Dementoren auf die Versen setzte, mit dem Auftrag, dich bei ihm abzuliefern ..."
Hier brach Sirius ab, als er sah, wie bleich Harry wurde. Anscheinend war die Gefahr noch größer gewesen, als er es vermutet hatte. Um nicht länger darüber nachdenken zu müssen, wechselte er das Thema: „McGonagall? Ist sie auch hier?"
Unwillkürlich schoss ihm das Bild seiner tanzenden Verwandlungslehrerin in den Sinn, die aus Mangel an anderen, ehemalig Gryffindor'schen Lehrkörpern mit einem tänzerisch wenig begabten Hagrid über das Parkett fegte – ‚fegte' im wahrsten Sinne des Wortes, Hagrids große Schritte und ihr regelmäßiger Beinahe-Spagat, um mit ihm mithalten zu können, hatten den Hauselfen sehr viel Arbeit beim Putzen gespart – die dafür bei der eleganten, rot-goldenen Robe wieder hinzukam.
Sirius, der diese Taktik offenbar erwartet hatte, zuckte nur knapp mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
„Sie hat Nellie zurück nach Hogwarts gebracht", informierte er sein Patenkind, „wir hielten es für sinnvoll, wenn sie nicht erfährt, welche ihrer Lehrer im Phönixorden sind. Im Übrigen hat sie euch eine saftige Strafe nach den Ferien versprochen –"
– „Nicht schon wieder", stöhnte Harry verzweifelt und vergrub sein Gesicht unter der Bettdecke, was Sirius jedoch nicht im geringsten störte, da er ungerührt fortfuhr, „– Hier sind außer euch sechs und mir noch Moony, Tonks, Andromeda, die Weasley-Zwillinge, Lee, Natasha und –"
– „Ich hab Severus endlich überreden können, Harry etwas gegen die Kopfschmerzen zu brauen", platzte Remus ins Zimmer und unterbrach Sirius' Aufzählung, reichte ihm eine kleine Phiole mit einer dickflüssigen, matschbraunen Flüssigkeit und hob die Brauen, als er sah dass der Junge wach war.
– „– und Severus", endete der Verteidigungslehrer sarkastisch und schnaubte abfällig, bevor er die Phiole entgegennahm und sie an Harry weitergab.
- Anmerkung der Autorin -
So, zu diesem Kapitel muss ich sagen, dass es mich wirklich einige Nerven gekostet hat, bis ich damit soweit zufrieden war, dass ich es hochladen konnte, und ich würde nun gern wissen, ob und wie es euch gefällt.
Also, bitte Reviews nicht vergessen!
Ich hatte mir eigentlich gewünscht, vor dem Hochladen meines (bisherigen) Lieblingskapitels (Nr. 13) mindestens 60 Reviews zu bekommen, das macht noch 13 -
wenn das allerdings überraschend bis nächsten Samstag klappt, werd ich in einer Woche die Fortsetzung hochladen!
;D
Ihr dürft das gerne als Ansporn sehen ...
eiswirbel jennifer5000rau (an dieser Stelle dank dir für's Review) hat mich gefragt, ob ich nicht HBP mehr in die Geschichte einbringen könnte, aber das ist leider nur begrenzt möglich ...
Ich versuche trotzdem, einige Details - sofern sie meiner Planung nicht widersprechen - zu übernehmen.
Derzeit liebäugle ich mit einem kurzen Auftritt von Horace Slughorn - wie sieht's aus, besteht da Interesse? Wenn ja, lasst es mich per Review wissen!
Hier einen herzlichen Dank natürlich auch an die anderen Leute, die schon bei Kapitel 11 gereviewt haben
(und über deren Kommentare ich mich nicht weniger freue):
Baghira: Nun, wie es weiter geht, ist ja jetzt klar, danke für das Review!
Trovia: Harry und die anderen sind durch den Geheimgang zum Honigtopf aus dem Schutzschild gekommen - zu Nellies Weg darf ich leider noch nichts sagen ... Und zum Thema Harry, ich hab das in HBP so aufgefasst, dass Harry nach Sirius' Verlust ein gutes Stück erwachsener geworden ist - bei mir hat er allerdings komplett anders reagiert (getrauert und dann verdrängt), weshalb ich diese Gedanken schon für gut möglich halte.
Ela3: Bitte sehr, und an dieser Stelle einmal danke für's geduldige Beta-lesen!
