Mit leeren Händen


Albus Dumbledore sah alles andere als amüsiert aus, stellte der Junge fest, als die blauen Augen des Direktors ohne das übliche Funkeln im Augenwinkel vor Harry Gestalt annahmen. Ernst und ungewöhnlich blass stand er vor der Gruppe, und Harry fragte sich noch überrascht, wie denn der Schulleiter so schnell von dem Überfall auf den Grimmauldplatz erfahren haben konnte, weshalb er sowieso immer vor allen anderen Bescheid wusste, als Hermine und Luna neben ihm bereits einen Koffer und einen Rucksack auf dem Boden abstellten, erleichtert aufatmeten und stumm hilflose Blicke mit Ron und Ginny wechselten.

Harry blickte sich um, auch die Erwachsenen wirkten ratlos, wobei niemand hätte erwähnen müssen, was ihm gerade durch den Kopf ging, was es war, das alle Anwesenden gleichermaßen beschäftigte; ein Blick in die fassungslosen Gesichter genügte.

Die Frage brannte wohl jedem auf den Lippen, ließ selbst Tonks ihre gewöhnliche Tollpatschigkeit vergessen und Snapes scharfe, sarkastische Zunge verstummen, als George Weasley der zu Boden fallenden Tasche seines Zwillingsbruders auswich, dabei ungeschickt über seine eigene stolperte und rücklings hinfiel.

Wie in aller Welt ließ sich das Auftauchen der Todesser im Haus der Blacks am Grimmauldplatz erklären, welches eigentlich der Fideliuszauber schützte? Wo dieser doch jeden fernhielt, den der Geheimniswahrer nicht einweihte; und dass Dumbledore, von allen Zauberern, sie an die Todesser verraten hatte, war ausgeschlossen! Daran brauchte Harry gar keinen zweiten Gedanken zu verschwenden ... Wie also war es den Anhängern des Dunklen Lords gelungen, in die Villa einzudringen?

Noch einmal spulten sich die Ereignisse der vergangenen Minuten in Harrys Kopf ab, noch einmal blickte er ungläubig auf das splitternde Holz der Wandluke, hörte über das Rauschen des Blutes in seinen Ohren hinweg die einzelnen Eichenstücke nacheinander auf den Boden schlagen ... sah im Geist für einen kurzen Moment, wie die Todesser nicht nur den Fideliuszauber für Grimmauldplatz Nr. 12 überwanden, sondern in das neue Hauptquartier eindrangen und wollte sich schon nach der Eingangstür umdrehen, bis zwei Personen neben Dumbledore traten und Harry somit aus seinen Gedanken rissen.

Alastor Moody und Professor McGonagall flankierten den Direktor zu beiden Seiten, und während der ebenso berühmte wie berüchtigte Ex-Auror nur übelgelaunt und wachsam sein magisches Auge über die eben Angekommenen schweifen ließ, den Zauberstab dabei fest umklammert, nestelte die Verwandlungslehrerin nervös mit den Fingern an einem Stofftaschentuch herum, das sie aus ihrem schottisch gemusterten Umhang gezogen hatte, und scheuchte ihre Schüler streng in eines der Zelte, wo sie sich ausruhen sollten; sie übergab jedem von ihnen einen wohlschmeckenden Schlaftrank und rauschte hinaus, kaum dass sie die wie gewohnt knallroten Schlafsäcke beschworen hatte.


„Eigentlich hätten wir uns das denken können", brach Hermine irgendwann die einträchtige, betretene Stille zwischen den sechs Freunden, die nun schon seit einigen Minuten stumm durch das Hauptquartier streiften – keiner von ihnen hatte auch nur im Entferntesten daran gedacht, McGonagalls Schlaftrank auch tatsächlich zu schlucken –, doch Harry nahm die Worte des braunhaarigen Mädchens kaum wahr, blickte sich nur gedankenverloren um.

Die Höhlendecke wirkte an diesem Tag besonders tief, so als würde sie sich bemühen, die anwesenden Ordensmitglieder zu zerdrücken, und die Atmosphäre schien sowieso dunkel und ausgesprochen angespannt, sodass es Harry nicht wunderte, kaum jemanden zwischen den Zelten hin und her eilen zu sehen.

Zumindest nicht seit Albus Dumbledore direkt nach ihrer Rückkehr aus London mit Moody, McGonagall und Snape hinter einem der Zelteingänge verschwunden war – selbst Luna und Ginny, obwohl ein Jahr jünger als die Mitschüler und somit weit unerfahrener mit flächendeckenden Zaubern, war ein eisiger Schauer den Rücken hinuntergerannt, als der Direktor persönlich einen mächtigen Schweigezauber über das dunkelgrüne Zelt gesprochen hatte. Sirius und Remus hatten sich noch kurz mit Natasha, Tonks und Kingsley Shacklebolt unterhalten, dann schlossen sich auch Harrys Pate und Lupin der Gruppe im Zelt an, und ein kurz darauf von Dumbledore gesprochener Imperturbatio-Zauber, nicht weniger kraftvoll als der erste Fluch, hielt selbst die wendigsten Langziehohren fern.

Was den Jungen der lebte verdammt nochmal aufregte – wieso nur wurden sie immer ausgeschlossen? Hatte Dumbledore etwa so schnell vergessen, wie katastrophal das enden konnte?

„Was hätten wir uns denn denken können?" antwortete Neville mit einer Gegenfrage auf Hermines Aussage, und auch Harry musste sich verdrossen eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, worauf die Freundin anspielte und unterdrückte ein Schnauben. Ein Blickwechsel mit Ron, der ebenso ratlos schien, dann sprach auch schon wieder Hermine: „Dass es einen Spion im Orden gibt, natürlich!"

Geflissentlich überging sie das fünffache, scharfe Einatmen und strich sich ein paar widerspenstige Strähnen aus der in Falten gelegten Stirn. „Spätestens seit diesem Überfall, als Professor Lupin und Andromeda von der Bibliothek gekommen sind, hätten wir das sehen müssen – der Spion muss nicht nur die Todesser über den Zeitpunkt der Rückkehr der beiden informiert haben, sondern auch einen der Zettel von Dumbledore entwendet und ihnen zukommen lassen haben, auf denen der Professor den Standort des Hauptquartiers verrät ..."

Einige weitere Minuten verharrten die Schüler in unangenehmem Schweigen, während sie Hermines Worte auf sich wirken ließen – Worte, die viel zu erschreckend und doch leider auch viel zu real in Harrys Ohren widerhallten. Wir haben einen Spion im Orden.

Natürlich konnte Harry, durch den Schock der unangenehmen Neuigkeiten auf einmal überhaupt nicht mehr verärgert, sondern nur noch nachdenklich, sich an die Zeit nicht erinnern, als jemand – der nicht Alastor Moody hieß – diesen Verdacht zuletzt geäußert hatte – doch ihm war sehr genau bewusst, welche Auswirkungen dieser schlichte Satz damals nach sich zog, und Harry fröstelte, konnte sich nicht gegen die rasch auftretende Gänsehaut wehren ...

Er dachte daran, wie sein Dad und Sirius angefangen hatten, Remus zu misstrauen – nein, Sirius hatte es bisher tunlichst vermieden, Harry darauf hinzuweisen, aber wenn man ein wenig darüber nachdachte, konnte man gar nicht anders als zu dem Schluss kommen, dass auch James Potter seinen mageren Freund für den Verräter hielt, und nicht den pummeligen, unscheinbaren Pettigrew; Dumbledore indessen hatte Sirius verdächtigt ... und die Folgen dieser vorschnellen Verdächtigungen, das ganze, grausame Ausmaß ließ sich noch immer manchmal erkennen, wenn Harry durch die grauen Augen seines Paten in die farblose Leere Askabans blickte ... wenn ein Dementor in die Nähe kam und ihm die letzten Schreie seiner Eltern brachte ...

„Bleibt nur zu hoffen, dass die Erwachsenen aus ihren Fehlern gelernt haben", durchbrach Hermines Stimme irgendwann Harrys Gedanken, und der Junge runzelte verwirrt die Stirn; ihm lag schon die Frage auf der Zunge, ob das Mädchen Legilimentik geübt hatte, doch Hermine schüttelte nur ansatzweise den Kopf und zuckte mit den Achseln – und Harry spürte, wie seine Wangen warm wurden, als ihm Verlegenheitsröte ins Gesicht schoss ... Er mochte es gar nicht, wenn andere ihn lesen konnten wie ein offenes Buch, selbst wenn es seine besten Freunde waren!

„Und dass sie erst nach Hinweisen suchen, wer denn der Verräter sein muss, bevor sie wieder jemanden verdächtigen", fügte Hermine hinzu, als ein Seitenblick auf Ron ihr zeigte, dass dieser nicht begriff, wovon das Mädchen gesprochen hatte. Die Falten in dessen Stirn glätteten sich auch sofort, und die sechs Schüler setzten ihren Weg durch das so düster wirkende Hauptquartier schweigend fort.


Noch immer hatte keiner das Zelt verlassen, in dem sich Dumbledore mit Moody und einigen seiner Lehrer beratschlagte; gerade war Sean Unberew von dem verärgerten Ex-Auroren (dessen Miene Harry entnahm, dass keiner der verhörten Todesser bisher die Identität des Spions preisgegeben hatte) hinausgeführt worden, zurück in die Zelle, die er seit Halloween bewohnte – der Junge verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als er sich an das kurze Aufblitzen seines Piercings in der Dunkelheit erinnerte, kurz bevor der stämmige, schwarzhaarige Mann Harry mit einer seiner „Freundinnen" vor dem Eingang zum Hauptquartier in Fesseln gelegt hatte. Stattdessen wurde nun Zoe Hendrik vor das Oberhaupt des Phönixordens geführt.

Hermine hatte ausgerechnet, dass das Verhör aller fünf gefangenen Todesser einige Zeit in Anspruch nehmen würde und sie somit noch eine Weile auf das Ergebnis – wenn es denn eines geben sollte – warten müssten; doch die anderen Ordensmitglieder wurden langsam ungeduldig – Sturgis Podmore, dessen strohblonde Haare sein ausnahmsweise blasses Gesicht wie ein goldener, langer Vorhang umrahmten und die vor dem trüben Hintergrund der aschgrauen Felswand beinahe zu leuchten schienen, saß zusammen mit Elphias Doge und Dädalus Diggel am großen Holztisch in der Mitte der Höhle, und während der alte Ordenskämpfer mit dem langen, weißen Bart Podmore schilderte, wie er kürzlich bei einer Mission einen Arm verloren hatte, dabei regelmäßig den Blick zum Eingang des Beratungszelts schweifen ließ, fingerte der quirlige Diggel nervös an seinem violetten Zylinder herum.

Lee Jordan unterdessen wurde am anderen Ende des Hauptquartiers von Heiler Smethwyck und Hestia Jones in die Mangel genommen, deren moosgrüner Schal tief in ihr Gesicht gezogen war; sie wollten unbedingt jedes Detail vom Überfall auf die Villa der Blacks hören, und Jones nickte immer mal wieder bestätigend mit dem Kopf.

„So ein Nonsens!" ereiferte sich Smethwyck gerade, als Lee den Verdacht aussprach, dass es einen Spion im Orden geben müsse, holte sich eine dicke Zigarre aus dem Umhang und gestikulierte überladen, nachdem er sie sich angesteckt hatte, „Ein Spion im Orden, wer bitte sollte das denn sein! Dumbledore vertraut schließlich jedem hier, also haben wir auch keinen Spion! Wahrscheinlich war der Überfall der Todesser auf Mrs. Tonks und Mr. Lupin – den viele hier als Beweis für das Gegenteil betrachten – nur Zufall."

– „Ich kann mir mal offen gesagt auch nicht so recht vorstellen, wer das denn gewesen sein soll", stimmte Hestia Jones dem breitschultrigen, muskulösen Mann zögernd zu und wedelte mit der Hand vor ihrer gerümpften Nase herum, um den unangenehmen, schweren Zigarrenrauch zu vertreiben, „Vom Orden hätte uns doch sicher niemand verraten! Das traue ich keinem zu!"

Jones setzte dazu an, noch etwas hinzuzufügen, doch eine scharfe Stimme hinter Harry ließ die Anwesenden ohne Ausnahme herumfahren, etliche Köpfe aus halbgeöffneten Zeltzugängen hervorschnellen – Molly Weasley rauschte kalkweiß mit dem Kochlöffel in der Hand aus dem Küchenzelt und erwartete offenbar, Lucius Malfoy oder gar den Dunklen Lord vor sich stehen zu sehen – und selbst Bill sein Gespräch mit Fleur Delacour vergessen.

„Zutrauen hin oder her – wer sagt denn, dass Voldemort – reisst euch zusammen, verflucht nochmal!" donnerte Alastor Moody – verflucht, wie hatte der ehemalige Auror so plötzlich aus dem Nichts auftauchen können? – und schlug mit der freien Hand so fest die Tür eines der Vorratsschränke für Zaubertränke zu, dass dieser sichtlich erbebte, „wer sagt denn, dass Voldemort nicht ein Ordensmitglied gefoltert hat oder unter den Imperius gestellt hat oder es erpresst, he? Verdammt, Jones, du kannst nicht davon ausgehen, dass der dreimal verfluchte Mistkerl ehrlich spielt!"

Harry hatte nach diesem Ausbruch gerade noch Zeit, einen verblüfften Blick mit seinen Freunden zu tauschen, da war Moody, mit den eben aus dem Schrank genommenen Zaubertrankphiolen unter dem Arm, auch schon wieder so schnell wie er aufgetaucht war im Beratungszelt verschwunden, und die Verblüffung des Jungen verwandelte sich in Wut – verdammt, war er erschrocken!


„Ich begreife nicht wie Sie allen Ernstes annehmen können, dass wir keinen Spion haben und der Überfall auf Remus Lupin und mich nur Zufall war, Heiler!"

Die weiche Stimme von Andromeda Tonks durchschnitt die gefrorene Stille, die selbst dann noch anhielt, als das Echo von Moodys Worten schon längst verklungen war; praktisch sofort fuhr Harry herum, bemerkte im Augenwinkel, dass die Erwachsenen es ihm gleich taten und zum Teil noch ziemlich benommen von Moodys Standpauke schienen, und der Junge wunderte sich, dass eine so zierliche und nicht einmal besonders große Frau mit ihrer eher leisen Stimme sich dennoch so leicht Gehör verschaffen konnte.

So wie ihn auch ihre beeindruckenden Kombinationsfähigkeiten überrascht hatten, die sie bei ihrem Zusammentreffen nur Minuten zuvor hinter einem der schmutziggelben Zelte für taktische Beratungen demonstrierte; Tonks' Mutter hatte erzählt – und ein Blick in die sanften, grüngrauen Augen hatte Harry sofort bestätigt –, dass sie keinen Zweifel daran hätte, wieso Dumbledore neben Alastor Moody und Professor McGonagall gerade Remus, Sirius und Snape mit ins Zelt geholt hatte – was etlichen anderen Ordensmitgliedern überaus schleierhaft war, hatten sie doch noch nicht eingesehen, dass keiner von den drei Lehrern der Spion sein konnte.

Als Informationen von einer Monate zurückliegenden Versammlung zu Voldemort durchgedrungen waren – was Dumbledore, seiner Miene zufolge als er den Orden darüber informierte, zutiefst beunruhigt hatte – war, laut Andromeda, Sirius schließlich noch nicht zurückgekehrt, Remus gerade ein Werwolf und Snape noch bewusstlos.

„Nun, wir wissen immerhin, dass die Todesser das frühere Hauptquartier des Ordens lange Zeit beschattet hatten", erwiderte Smethwyck gönnerhaft, der endlich seine Sprache wiedergefunden hatte, und gestikulierte unterstützend, „und, da der Orden wieder in London gastierte, werden sie die Tätigkeit dieser Beschattung fortgesetzt haben – weswegen ich es durchaus für möglich halte, ja sogar für wahrscheinlich, dass die Todesser zufällig auf die Ankunft von Mr. Lupin und Ihnen aufmerksam wurden und diese für einen Überfall genutzt haben."

– „Zufällig?" entgegnete Tonks' Mutter mit höflicher Skepsis und hob eine elegant geschwungene Braue, bevor sie an eine Vase Narzissen herantrat – Hestia Jones, bisher von Moodys vulkanartigem Ausbruch eingeschüchtert und an Ort und Stelle festgefroren, beeilte sich, beiseite zu treten – und Andromeda sortierte die welken Blüten aus, ordnete die übrigen neu an und warf Smethwyck dann einen abschätzigen Blick zu.

„Diese Todesser haben Remus direkt nach seiner Ankunft fast in Stücke gerissen, Heiler, er verdankt es lediglich seinen schnellen Reaktionen und seinem sechsten Sinn für die dunklen Künste, dass er noch am Leben ist!" betonte sie, blickte zur Seite und schüttelte müde den Kopf.

„Selbst Sie hätten ihm nicht mehr helfen können", fuhr sie anschließend mit einer beinahe gefährlichen Ruhe fort, faltete die Hände vor dem Schoß und funkelte Smethwyck mit blitzenden Augen an, die ein noch nie zur Schau gestelltes Temperament erahnen ließen, „Und mich hätten sie auch fast erwischt! Die wussten, wann wir zurückkommen würden, und wenn Sie sich auf Ihren Kopf stellen und die Nationalhymne der Zauberer singen ändert sich daran auch nichts!"

– „Nun, Sie scheinen zu vergessen, Mrs. Tonks", gab Smethwyck mit leicht herablassendem Tonfall zurück, als er sich von der unerwarteten Abfuhr und vor allem dem aufkommenden, verhaltenen Gelächter der wenigen Kollegen erholt hatte, die in Anbetracht des Spions überhaupt noch lachen konnten, „dass Mr. Pettigrew aufgrund seiner Anwesenheit im Haus ihrer –", er verzog die Lippen zu einem angedeuteten, spöttischen Grinsen, sodass Harry sofort eine gewisse Ähnlichkeit mit Snape einräumen musste, „– geschätzten Verwandtschaft durchaus in der Lage war, zu lauschen und die Todesser darauf vorzubereiten –"

– „Und Sie, Heiler,scheinen zu vergessen, dass Peter Pettigrew aufgrund seiner Festnahme am ersten Morgen – bevor wir über den Ausflug zur Bibliothek sprachen – kaum die Todesser informiert und schon gar nicht vom Geheimgang erfahren haben konnte, von dem meine geschätzte Verwandtschaft uns erst am Tag darauf erzählt hat!" schnitt Andromeda Smethwyck ein zweites Mal ruhig das Wort ab; Ron warf Harry einen schadenfrohen Seitenblick zu, der auch sofort von dem Jungen erwidert wurde, während Tonks' Mutter betont fröhlich fortfuhr, „Womit wir wieder bei einem Spion im Orden wären – und genau genommen können wir auch fast kein Mitglied ausschließen, da Dumbledore allen von diesem Geheimgang erzählt hat!"

Als das Gelächter der Ordensmitglieder daraufhin lauter wurde, rauschte Smethwyck beleidigt davon. Einige andere taten es ihm gleich und verließen die Runde – die Show war offenbar vorbei –, während Andromeda nach einem auf dem nahen Tisch stehenden Tablett griff und sich auf den Weg in die Küche machte, um ein paar Schüsseln Bouillabaisse für sich, die Schüler und Fred und George zu holen, die an jenem Tisch saßen und wieder begeistert mit den Pulvern aus dem Grimmauldplatz spielten – die sie wahrscheinlich hatten mitgehen lassen. Nun, Sirius würde das bestimmt nicht stören!

„Potter!"

Die scharfe Stimme ließ Harry an den Befehl eines Einsatzleiters für seine Untergebenen denken und ihn instinktiv herumfahren, und er zog die Stirn kraus und beobachtete Natasha Toleen, die sich mit wehenden Ministeriumsroben und einem lässig über die linke Schulter geworfenen Rucksack näherte, bis sie schließlich vor ihm stehen blieb. Eine Erinnerung drängte sich in sein Gedächtnis, Sirius, dessen Finger in Natashas offenen Haaren die Spionin näher zu sich heranzogen.

Dann schüttelte Harry den Kopf und verdrängte das Bild, konzentrierte sich wieder auf die Frau mit der praktischen, hochgesteckten Frisur, ihrer Dienstfrisur – wie hatte Hermine die einmal genannt? Banane? –, und fragte sich, was Natasha denn von ihm wollen könnte – nicht, dass sie in den Ferien viel miteinander gesprochen hätten, entweder befand sich Natasha im Ministerium oder auf irgendeinem Ordenseinsatz, gemeinsam mit Sirius.

Ein Brief mit dem Siegel des Ministeriums, der ziemlich offiziell wirkte und den Natasha aus ihren Roben kramte und Harry reichte, beantwortete seine stumme Frage.

„Kannst du den bitte deinem Paten geben?" bat ihn Natasha, nun nicht mehr ganz so forsch wie sie es eben noch gewesen war, sondern beinahe freundlich. „Das ist die offizielle Vorladung zu seiner und Pettigrews Verhandlung, Anfang Februar", erklärte sie dann und musterte den Jungen, der knapp nickte, zum Zeichen dass er verstanden hatte.

„Wieso findet die Verhandlung denn nicht früher statt?" mischte sich Luna unvermittelt in das Gespräch ein, die neben Harry getreten war und aufmerksam zugehört hatte, und Harry, der bisher daran noch keinen Gedanken verschwendet hatte – obwohl er eigentlich auch davon ausgegangen war, dass das Ministerium sich nicht zu viel Zeit lassen würde; um Sirius zu verurteilen hatten sie immerhin nur Stunden gebraucht –, erinnerte sich auf einmal wieder, wie lang er selbst auf seine Verhandlung wegen Zauberei Minderjähriger hatte warten müssen.

„Der Zauberergamot ist in den letzten Monaten sehr beschäftigt gewesen", erklärte Toleen bereitwillig, obwohl ihr die Frage etwas naiv erscheinen musste, und zuckte mit den Schultern, „so wie der Rest des Ministeriums. Der Krieg", fügte sie dann erklärend hinzu – so als würde sie mit Kindern sprechen – und hielt Harry erneut den Brief hin, der diesen nun in die Hand nahm und eingehend musterte. Ein großes M aus feinen, schwarzen, verschnörkelten Linien zog sich über die Rückseite und fiel Harry auf der Stelle ins Auge, als er den Brief umgedreht hatte, noch bevor er den Geruch nach angesengtem Pergament bemerkte, und er sah wieder auf und hob fragend die Brauen.

„Ein Stempel", kam es erneut von Natasha, und sie schulterte den Rucksack um und legte nun ihrerseits die Stirn in Falten, „Lockhart hat den Gesetzesentwurf nun doch noch durchgepeitscht, die Posteulen kontrollieren zu lassen und –"

– „Die lesen unsere Briefe?" fiel Harry Toleen entsetzt ins Wort und starrte bestürzt in die eisblauen Augen der jungen Frau, die ihm gegenüberstand und, angesichts der Unterbrechung, abschätzig eine Braue hob, bevor sie auf seine Frage einging.

– „Nicht alle", versuchte sie zu erklären und gestikulierte dabei vage, als suche sie nach Worten, um die lange Prozedur die nötig wäre, um den Postverkehr der Zaubererwelt zu kontrollieren, in wenige Sätze und doch verständlich zusammenzufassen, „zuerst einmal werden die Eulen ins Ministerium gelockt, wo die Briefe in einem Postkasten sortiert werden. Ein Zauber sucht nach Schlüsselbegriffen wie ‚Todesser', oder weniger offensichtliche, wie ‚Anhänger', ‚Orden', sogar ‚Hilfe'; und die Namen bekannter Todesser. Diese Briefe werden dann gelesen und zensiert."

Natasha seufzte kurz und strich sich mit der freien Hand über die hellbraunen Haare, bevor sie sich schnell ein hintertriebenes Grinsen gestattete und anschließend fortfuhr, „Eigentlich hätte ich ja damit gerechnet, dass die Zauberer scharenweise protestieren – aber nichts; kaum ein Brief, der deswegen an Lockhart ging. Aber vielleicht hab ich auch nur Sirius als Maßstab genommen und all diese Beteuerung, die ihm am Tag nach dem Pettigrew-Artikel geschickt wurden, wie entsetzt die Leute doch seien über den Justizirrtum damals und fragten, wie das überhaupt hatte passieren können und so weiter."

– „Lass mich raten", ergänzte Harry, zuckte kurz mit den Achseln und steckte die Hände unter den Roben in seine Hosentaschen, „Ironischerweise waren das gerade die Leute, die am lautesten gegen Sirius' Lehrerposten in Hogwarts protestiert hatten."

Harry war keineswegs überrascht, als Toleen gleichmütig nickte; etwas anderes hatte er von der Zauberergemeinschaft auch nicht erwartet – er erinnerte sich noch deutlich daran, wie nach seinem fünften Schuljahr auch gerade die unverschämtesten Briefschreiber sofort wieder auf seiner Seite waren als feststand, dass er doch nicht verrückt war.

Natasha unterdessen schickte Ron, Hermine und Luna fort, trat einen Schritt näher an Harry heran und senkte die Stimme, und während sie ihm nachdrücklich in die Augen sah und dabei dem Brief in Harrys Hand zunickte, spitzte der Junge die Ohren, um sie überhaupt verstehen zu können. „Wenn du den Sirius gibst, sag ihm bitte auch, dass Kingsley sofort aufbrechen wollte – er meint, es kann nicht mehr warten, den Fidelius über meine neue Wohnung zu sprechen –, und dass er ihm und Remus dann sagen wird, wo sie Tonks und mich finden können. Nicht dass er es mir übel nimmt, dass ich mich nicht mehr verabschiedet habe", lächelte sie dann, und Harry blinzelte überrascht in ihrem Blick bei der Erkenntnis, dass diese Frau überhaupt lächeln konnte; und es stand ihr sogar!

Dann begriff er, was Toleen eben gesagt hatte, und ihm schoss ein Gedanke durch den Kopf, der ihn fast noch mehr überrumpelte. Somit verstellte er Natasha den Weg und fragte: „Du sagst mir einfach so, wer dein Geheimniswahrer ist?"

– „Ja", erwiderte die Frau ungerührt und schulterte ihren Rucksack ein weiteres Mal um ohne den Jungen aus ihrem Blick zu entlassen, den Harry so intensiv auf sich ruhen spürte, dass er ihm das unangenehme Gefühl gab, keine Geheimnisse mehr zu haben, „Tonks meint, du bist nicht dumm genug, das weiterzuplappern. Sagst du deinem Paten Bescheid?"

Harry hatte gerade noch Zeit, bestätigend zu nicken, bis ihm Natasha zum Dank die Hand auf die Schulter legte und dann hinter dem nächsten Zelt verschwunden war.


Harry saß zwischen Hermine und Luna (er hatte schon lange festgestellt, dass es ihm neben dem blonden Mädchen gefiel) und löffelte gerade den Rest seiner französischen Suppe aus – oder das wäre der unappetitliche Brei in seinem Teller zumindest, wenn der Orden nicht immer noch Schwierigkeiten damit hätte, das Hauptquartier ausreichend zu versorgen –, als diverse Posteulen durch das Eingangstor flatterten und sich auf die einzelnen Zelte verteilten.

Nur eine junge, fast schwarze Eule ließ sich munter am Tisch nieder, und während der Anblick des Ministeriumstempels auf der oberen Seite des Päckchens Harrys Gedanken zurück zu seiner Unterhaltung mit Natasha lenkten, Hermine indessen auch schon zu einer Erklärung für Ron und die anderen ansetzte, dass Lockhart nun tatsächlich alle Eulen kontrollieren ließ und das der magischen Gemeinschaft nicht einmal missfiel, knotete Andromeda den an sie adressierten Kasten vom ausgestreckten Bein der Eule.

Ein spitzer Aufschrei und das Rascheln des zu Boden fallenden Päckchens lenkten Harrys Aufmerksamkeit gerade noch rechtzeitig auf den Teddybären mit dem Fellumhang, der durch einen Wolfsschwanz als Gürtel zusammengehalten wurde, und er sah ihn auf den harten Felsen aufschlagen und den Kopf des Teddys davon kullern. Zeltplanen stoben überall auseinander und Ordensmitglieder steckten ihre Köpfe hinaus, einige hielten bereits den Zauberstab in der Hand, offensichtlich in Erwartung eines Angriffs, bis sie stutzten und den Kopf des Kuscheltiers bemerkten.

Mundungus Fletcher schließlich stellte die Kessel ab, die er gerade in sein Zelt bringen wollte – Harry beschlich der Verdacht, dass er wieder gestohlen hatte – und hob den weichen Plüschkopf auf, reichte ihn Andromeda, die ihn mit zitternden Fingern entgegennahm, und lächelte die bleiche Frau aufmunternd an.

„Is doch nix passiert", meinte er leichthin und grinste, griff dann wieder nach seinen Kesseln und brachte sie schnell außerhalb von Molly Weasleys Reichweite; ‚kein Wunder', dachte Harry und unterdrückte ein Grinsen bei dem Gedanken daran, was Dung über sich hatte ergehen lassen müssen, als Rons Mutter ihn das letzte Mal mit gestohlenen Kesseln erwischt hatte.

Andromeda unterdessen zuckte nur mit den Schultern. „Es ist zumindest ärgerlich", schnaubte sie dann und erklärte an Harry und seine Freunde gewandt, als sie ihre irritierten Mienen bemerkte, „Ich wollte den Teddybär dem Mädchen der Cousine des Vaters meines Mannes schenken."

Sie packte das Kuscheltier wieder zurück in die Schachtel, brachte diese in ihr Zelt und trat gerade wieder daraus hervor, als Fleur Delacour an den Tisch eilte und verkündete, die von Dumbledore einberufene Versammlung wäre nun beendet und die teilnehmenden Lehrer hätten gerade zusammen mit Moody das Beratungszelt verlassen, da sie noch immer zu keinem Ergebnis gekommen seien; beeindruckend, wie schnell sich Neuigkeiten auch hier verbreiten konnten, dachte Harry – er war das nur von Hogwarts gewöhnt.

Und verdammt, dass sie den Verräter noch nicht hatten identifizieren können!

Harry stutzte, als sein Blick zufällig auf Smethwyck fiel, der eben in sein Zelt zurückkehrte – hatte er sich das nur eingebildet, oder war da tatsächlich ein zufriedenes Lächeln um die Lippen des Heilers gehuscht?

Für einen Moment wusste der Junge nicht, was er denken sollte. Verdächtig, das. Aber er erinnerte sich auch an seine Gedanken über vorschnelle Schuldzuweisungen, die weniger als eine Stunde zurücklagen, und Harry war sich eigentlich überhaupt nicht sicher, ob er sich dieses Lächeln nicht nur eingebildet hatte.

Der grimmige Knoten in seiner Magengrube konnte immerhin auch davon stammen, dass er den Heiler nicht leiden konnte.

Aber wenn Smethwyck doch ...?

Andererseits hatte Ron vorhin Elphias Doge dabei beobachtet, wie er – fast schon auffällig darauf bedacht, keinen Verdacht auf sich zu ziehen – verstohlen einen Brief in seinen Roben hatte verschwinden lassen, kaum dass die Eule ihn überbracht hatte.

Gedankenverloren ließ Harry sich von seinem besten Freund auf die Beine ziehen, während er noch dem Heiler hinterher starrte; doch dann zuckte er mit den Achseln – er würde momentan sowieso nicht herausfinden, ob der Mann den Orden ausspionierte oder nicht – und beschloss, später Sirius und Remus von seiner Beobachtung zu berichten.


Harry und seine Freunde hatten den Tisch verlassen, um sich auf die Suche nach ihren Lehrern zu machen – sie würden wohl bald nach Hogwarts zurückkehren –, und Harry wäre beinahe mit Hagrid zusammengestoßen, als sie beide gleichzeitig von verschiedenen Seiten um eine Zeltecke stapfen wollten; der Halbriese hatte einen großen, grauen, blutverschmierten Sack über die Schulter geworfen und erschrak sich genauso sehr wie der Junge.

Schlagartig wurde Harry bewusst, dass er, Ron und Hermine ihren ‚größten Freund' schon seit einer Ewigkeit nicht mehr besucht hatten.

Durch ihren ohnehin schon übervollen Stundenplan, das zusätzliche Training bei Sirius und – wie Harry sich knurrend erinnerte – das eine oder andere langweilige und unangenehme Nachsitzen bei Snape, als dieser mal wieder schlechte Laune hatte und eine unglückliche Abfolge von Zufällen den Tränkemeister zur falschen Zeit an den – zumindest aus Harrys und Rons Sicht – falschen Ort gebracht hatte, blieb den drei Freunden kaum noch Zeit für Besuche in Hagrids kleiner und doch einladender Hütte. Trotzdem meldete sich Harrys schlechtes Gewissen, dass sie Hagrid zumindest ab und zu besuchen sollten, wenn er sie schon nicht mehr unterrichtete.

„Morgen, Harry!" grüßte der Halbriese und hob die freie Hand, um sie auf die Schulter des Jungen niedersausen zu lassen – ein freundschaftlicher Klaps, doch bestünde der Boden nicht aus solidem Fels, wäre Harry wohl einige Zentimeter tief hineingesunken. „Nett, dich auch mal wieder zu seh'n!" strahlte er dabei über das ganze Gesicht, und Harry bemühte sich, keine Grimasse angesichts des Hiebes zu schneiden und zurückzugrinsen.

– „Was ist in dem Beutel, Hagrid?" bohrte Ron neugierig nach und nahm Harry so die Gelegenheit für ein „gleichfalls", deutete mit dem Zeigefinger auf den grau-roten Sack und zog ein Gesicht, als zeigte ihm seine Fantasie die schlimmsten Horrorvorstellungen von möglichen Inhalten, die mit Hagrids Liebe für Monster zu tun hatte; wenn Harry nur an Aragogs Beerdigung im letzten Jahr zurückdachte ...

– „Na, da musste dir ma' keine Sorgen machen", beruhigte sie der Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe und winkte ab – was nach der einschlägigen Erfahrung der drei immer noch keinen Grund zur Entwarnung darstellen musste. Wieder dachte Harry an Aragog.

„Da sin' nur tote Ratten drin", erklärte Hagrid dann wie selbstverständlich, schulterte den Beutel ab und machte Anstalten, ihn für die drei zu öffnen, doch Hermine – gerade am Aufatmen – lehnte erschrocken ab, woraufhin der Halbriese nur mit den mächtigen Schultern zuckte und den Rattensack wieder auf seinen Rücken warf.

Harry fragte sich noch verwirrt, wofür Hagrid denn im Hauptquartier des Ordens tote Ratten brauchen würde, da rief hinter ihm schon Sirius seinem Kollegen zu: „Sind die für Seidenschnabel, Hagrid?"

– „Jupp", gab dieser zurück und trat neben Harrys Paten, der dem grauen Hippogreif den Hals tätschelte – Sirius' andere Hand strich sanft über den Schnabel des wunderschönen, stolzen Tieres, welches sich ganz offensichtlich darüber zu freuen schien; ein lautes Scheppern wies auf die Kommode hin, die Seidenschnabels Flügeln gerade zum Opfer gefallen war. Hagrid stellte den Sack mit den Ratten ab und grinste.

„Ziemlich froh, dich zu seh'n, nehm ich ma' an", stellte er fest, und er hätte wirklich nicht Wildhüter sein müssen, um das zu erkennen; Seidenschnabels ausgelassener Übermut war Hinweis genug. „Hat dich ganz schön vermisst, unser Seidenschnabel!"

– „Ja – das hat er bereits im Grimmauldplatz deutlich gezeigt", erwiderte der Verteidigungslehrer geistesabwesend und warf Hagrid einen flüchtigen, grinsenden Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Seidenschnabel schenkte. Dieser Blick verfinsterte sich unmerklich, als er die unauffällige Narbe streifte, die sich über den seidigen Rücken des schönen Tieres zog; Harry runzelte die Stirn – sie musste Kreacher zu verdanken sein! Doch dank Sirius' Pflege schien die Wunde gut verheilt.

„Wir sollten langsam aufbrechen", unterbrach Remus von hinten die Szene und näherte sich mit gehobenem, tanzendem Zauberstab, der das Gepäck hinter dem Duellierlehrer herschweben ließ. Dumbledore und McGonagall folgten und hielten einen Schokoriegel bereit – wohl ein weiterer Portschlüssel, und wieso immer nur Schokoriegel? –, während sich Snape grimmig neben die stellvertretende Schulleiterin stellte und stur einen Punkt an der Höhlendecke fixierte.

„Ich bleib noch 'n Weilchen und fütter Seidenschnabel", sagte Hagrid und nickte dem Direktor zu, während der Hippogreif an seiner Seite den Schnabel mit verspielter Zuneigung sanft gegen Sirius' Gesicht stubste. Dieser tätschelte zum Abschied noch einmal den weichen, fedrigen Hals, dann schloss er sich den anderen an und überließ das mit den Hufen scharrende Tier Hagrid.


Zum Glück war das Mittagessen längst beendet, und da alle Schüler den letzten Ferientag entweder vor den gemütlichen Kaminen in ihren Gemeinschaftsräumen oder auf den weniger gemütlichen, eingeschneiten Ländereien der Schule bei einer Schneeballschlacht genießen wollten, war die Große Halle in Hogwarts menschenleer.

Harry mochte wetten, dass einige seiner Mitschüler sogar das Frühstück verschlafen hatten, um noch ein letztes Mal vor dem ersten Schulbeginn in diesem Jahr die Möglichkeit zum Ausschlafen zu nutzen – eine Gelegenheit, die er (dank des um fünf Uhr beginnenden Trainings bei seinem Paten an diesem Morgen) nicht gehabt hatte, bedauerte er grummelnd und hätte beinahe lauthals geflucht.

Verdammt seien diese Launen, die in letzter Zeit immer schlimmer wurden!

Er würde Sirius nachher bitten müssen, das Niveau ihres Trainings etwas zurückzuschrauben; Harry wusste nicht, wie lange er das noch aushalten würde, ohne durchzudrehen und vor Erschöpfung jeden anzuschreien! Außerdem musste er sich in den nächsten Wochen vorrangig um die Bücher kümmern, die nacheinander und regelmäßig von Lesespaß für Zauberer per Eule angeliefert würden.

Da Hermine, Ron und Harry in der Bibliothek Hogwarts' noch immer keine Möglichkeit gefunden hatten, wie Voldemort den von Harry zurückgeprallten Avada Kedavra überleben konnte, in der Nacht als er versuchte, Harry zu töten – oder wie Harry den Schwarzmagier besiegen könnte – waren seine beiden Freunde nämlich (heimlich, sonst wäre der Junge doch mitgegangen!) durch den Geheimgang aus dem Grimmauldplatz entkommen und hatten bei der Bibliothek einen entsprechenden Antrag gestellt.

Er würde also bald alle Hände voll damit zu tun haben, sämtliche Bücher nach Hinweisen zum Sieg über Voldemort zu durchsuchen, und konnte sich darum nicht den halben Nachmittag in einen Raum setzen, meditieren und schwitzen! Ganz davon abgesehen, dass ihn dieses Training zu müde werden ließ, um sich danach noch auf irgendeinen Text zu konzentrieren ...

Eigentlich sollte seine Bitte an Sirius keine Schwierigkeiten bereiten. Ich möchte ja nicht, dass er das Training ausfallen lässt, sondern nur, dass er es reduziert!

‚Wieso eigentlich nicht jetzt?' dachte sich der Junge dann schulterzuckend und wollte sich schon mit seiner Bitte an Sirius wenden, doch ein von den hohen Wänden widerhallendes Donnern ließ ihn aufgeschreckt herumfahren; keine fünf Minuten waren vergangen, seit Harry und seine Freunde die Finger vom Portschlüssel genommen hatten, da flogen auch schon mit einem lauten Knall die schweren Holztüren auf und gaben den Blick frei auf – Harry glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, er hatte heute wirklich zu wenig Schlaf erhalten – den wie immer perfekt gestylten, goldenen Lockenkopf von Gilderoy Lockhart, dem Zaubereiminister höchstpersönlich.

Zusammen mit vier Auroren, unter denen sich ein ebenfalls aus der Zeitung bekanntes, hohes Tier befand – Rufus Scrimgeour, dessen schnelle, energische Schritte seine löwenähnliche Mähne wogen ließen, leitete das Aurorenbüro –, einem buckeligen, kleinen Mann und Rita Kimmkorn mit ihrer Flotte-Schreibe-Feder und einem Fotographen näherte er sich der kleinen Gruppe in der Mitte der Halle mit großen, selbstbewussten Schritten und maßgeschneiderten Roben, die ihn offensichtlich ein Vermögen gekostet hatten.

Hinter der Delegation rannten einige Schüler, die der Krach angezogen hatte, schnell durch die Eingangshalle, neugierig darauf, was es zu sehen gab. Harry erkannte unter ihnen noch den Hufflepuff Benjamin Lunderneath, einen Jäger im Quidditchteam seines Hauses (er spielte nie, ohne seine Frisur mit einem verzauberten Haarspray wetterfest zu machen) und Demelza Robbins, die ein verstauchtes Handgelenk leider davon abgehalten hatte, an den Qidditchauswahlspielen im Sommer teilzunehmen – Harry hatte sie schon fliegen sehen und wusste, wie gut sie war –, dann glitten auch schon wieder die großen Tore zu; Dumbledore hatte seinen Zauberstab zur Hand genommen.

„Albus!" begrüßte der uneingeladene Neuankömmling den Schulleiter von Hogwarts unterdessen mit weit geöffneten Armen – ganz so, als würde das Schloss ihm selbst gehören – und einem überschwänglichen Händedruck, kaum dass er schnittig vor dem Direktor zum Stehen gekommen war, „Was für eine Freude, Sie wiederzusehen! Auch ob der ... unangenehmen Pflichten, die mich nach Hogwarts führen; denn, sehen Sie, mein Leiter für die Abteilung für Magisches Transportwesen –",

Lockhart gestikulierte ausladend in Richtung des kleinen, buckeligen Herren mit verschrumpelter Nase aber auffallend wachen Augen, vor denen eine zentimeterdicke Brille thronte, ließ seine Stimme einen bedauernden Tonfall annehmen, „– Mr. Archibald Bustrain, musste mir mitteilen, dass er einen nicht genehmigten Portschlüsselsprung nach Hogwarts registriert hat. Uns obliegt nun die Aufgabe, den ‚Springer' –", er lachte über seinen eigenen Witz (oder was er dafür hielt), woraufhin seine Begleiter gekünstelt mit einstimmten, „– ausfindig zu machen und ihn zu bestrafen!"

„Oops", hörte Harry neben sich Ron die Luft anhalten und drehte den Kopf, um seinen mit einem Mal bleichen Freund zu mustern.

Das war's, dachte sich Harry nur; wenn sie den illegalen Portschlüssel fanden, war alles verloren, dann konnten sie sich den Rest an zwei Fingern abzählen (wenn ihnen die Todesser doch nur ein paar Hände mehr weggesprengt hätten, bedauerte der Junge mit einem Seitenblick auf Mr. Bustrain). Es war dann nur eine Frage der Zeit, bis sie auf die Mitgliedschaft einiger der Hogwartslehrer im Orden des Phönix schließen konnten, und dann ... hallo Askaban!

Harry und Ron blickten sich kurz an und schluckten, fuhren dann unisono herum, als ein unerwartetes, nicht zu verkennendes Geräusch an ihre Ohren drang und Harry sich fragen ließ, was gerade dieses Geräusch ausgerechnet hier und jetzt zu suchen hatte ... Entgeistert starrte er Remus an, der den Schokoriegel alias Portschlüssel auf die Kante vom Haustisch der Ravenclaws geschlagen und ihn somit in zwei Teile zerbrochen hatte.

Ruhig und gelassen riss er die Verpackung auf und reichte eines der beiden Stücke einem grinsenden Sirius, das andere verspeiste er selbst, ließ das Papier mit dem Zauberstab verschwinden und verschränkte die Hände hinter dem Rücken ...

... und Harry begriff mit einem Schlag, was so genial an der Verwendung von Schokoriegeln war!

Zerbrach man sie, war die Portschlüsselwirkung verloren und man konnte sie gefahrlos aufessen, ohne befürchten zu müssen, sich dadurch wegzutransportieren; und beseitigte zugleich alle Beweise!

Nur mit Mühe und Not konnte er an sich halten, um nicht lauthals loszulachen; das war einfach einmalig!

Sirius' Worte fielen ihm wieder ein, als Remus dem Freund zum ersten Mal von seiner Idee mit den Schokoriegeln erzählte. Wer sonst als einer der Rumtreiber könnte sich das denn ausdenken! Grinsend musste er feststellen, dass sein Paten recht behalten hatte.

Und das Beste war, dass Lockhart, nachdem er den beiden ahnungslos noch „guten Appetit!" gewünscht hatte, nun das ganze Schloss auf den Kopf stellen würde auf der – vergeblichen – Suche nach einem nicht mehr vorhandenen Portschlüssel – oh, wie gern würde er dessen Gesicht sehen, wenn er feststellte, dass sie ihre Zeit vergeudet, nichts gefunden hatten und mit leeren Händen wieder abziehen mussten!


-Anmerkung der Autorin-


Hah! Sieben Reviews - das freut mich!
Aus dem Dreieck ist zwar ein Zweieck geworden, aber vielleicht lässt sich da ja noch etwas machen?

Ich bedanke mich hiermit bei allen Reviewern und entschuldige mich, dass es wieder gedauert hat, bis ich das nächste Kapitel hochladen konnte.

Hier möchte ich auch auf meine Fanfiction "Nur ein Spiel" hinweisen, die ich hochgeladen habe und die während des vierzehnten Kapitels von "Die Eule Merlins" spielt. Sie geht näher darauf ein, was zwischen Sirius und Natasha passiert ist, und ich würde mich freuen, wenn ihr mal reinschaut - einfach in mein Profil klicken ;)

Hab wieder einiges überarbeitet, nicht zuletzt die Szene mit Sirius, Hagrid und Seidenschnabel, die mir beim Lesen von HBP in den Sinn geflattert ist.
Ich hoffe, sie und der Rest des Kapitels haben euch gefallen, und ich würde mich freuen, wenn ich wieder viele Reviews lesen könnte - vergesst bitte nicht das Einloggen oder eine Emailadresse.