Allmählich wird es wohl zur Routine, dass ich mit einer Entschuldigung für das lange Warten anfange ;D
Auch vor diesem Kapitel: Tut mir leid, dass ich nicht schneller hochladen konnte!

Ich möchte mich auch wieder bei denen bedanken, die mir ein Review hinterlassen haben - ich hoffe, meine Antworten mit den Dankesworten sind angekommen, möchte mich natürlich auch bei Slay Coral bedanken, dem ich aufgrund des Fehlens seiner Emailadresse leider nicht persönlich antworten konnte.

In den Reviews haben sich einige über Sirius' Training aufgeregt, sich gefragt, ob Harry irgendwann ausrastet und wohin das noch führt. Nun, ich hoffe doch, dass zumindest einige Fragen beantwortet werden, wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


Eiskalte Wut


‚Verdammt, verdammt, verdammt!' fluchte Harry in Gedanken, als er ausgelaugt und schweißnass aus dem Raum der Wünsche wankte, sich an der Wand abstützte und den Korridor hinunter schlich, sich mit jeder Zelle seines Gehirns darauf konzentrierte, einfach nur auf den verfluchten Beinen zu bleiben. Er war zu spät; das Quidditchtraining hatte bereits seit über zwanzig Minuten begonnen, doch Sirius – Harry war fast an die Decke gegangen, als er die Bitte vorgetragen hatte und die ablehnende Antwort gekommen war – hatte trotzdem darauf bestanden, dass sie den zweiten Durchgang im Trainingsparcour zu Ende brachten.

Müde und kraftlos lehnte der Junge sich hinter der Ecke gegen den kühlen Stein, ließ sich auf den Boden sinken und versuchte, seinen beschleunigten Atem zu beruhigen – ihm war immer noch viel zu warm, und die gegenüberliegende Steinwand verschwamm vor seinen Augen, verzog sich zu einem grotesken Muster aus verschiedenen Grautönen; Harry hatte das Gefühl, seine letzten Kraftreserven aufbrauchen zu müssen, um das kleine Fläschchen mit zitternden Fingern aus seinem Umhang zu kramen, zu entkorken und an die Lippen zu setzen.

Einen kräftigen Schluck später spürte Harry, wie es ihm zunehmend besser ging; zwar fühlte er sich noch immer vollkommen erschöpft, doch wenigstens war die drohende Bewusstlosigkeit von ihm abgefallen.

Gleich heute Nachmittag würde er sich bei Hermine für den Stärkungstrank bedanken, den sie ihm ohne zu zögern gebraut hatte – heimlich natürlich, er wollte nicht herausfinden, wie sein Verteidigungslehrer auf die Neuigkeit reagieren würde. Es war ein Glück, dass die junge Hexe in Zaubertränke so gut abschnitt, nach Snapes Rückkehr als Lehrer für dieses Fach waren Harrys Leistungen gewaltig abgesackt. Der Junge würde sich enorm anstrengen müssen, um die erforderlichen Leistungen in den Abschlussprüfungen zu bringen; er wollte doch Auror werden!

Harry schluckte, um den scharfen Nachgeschmack des Tranks zu verscheuchen. Mit der lauernden Bewusstlosigkeit verschwand auch die Gleichgültigkeit, wie jedes Mal nach dem Training, wenn die körperliche Überbelastung seinen Ärger ausbrannte, und die Gereiztheit kehrte zurück; wütend stemmte der Junge, als der Trank nach einer weiteren Minute seine volle Wirkung entfaltet hatte, sich nach oben und zückte den Zauberstab. Nur keine Kraft auf einen Umweg in den Gryffindorturm verschwenden, also ließ er seinen Tarnumhang und seinen Feuerblitz mit dem Aufrufezauber erscheinen, schwang sich darüber und flog unsichtbar durch das Schloss in Richtung Quidditchfeld.

Unterwegs holte er einen Zettel aus seinen Roben, um sich die Zauberformeln darauf und deren Anwendung einzuprägen, die er sich aus den Büchern von Lesespaß für Zauberer herausschrieb. Im Kampf gegen Voldemort würde er jede Duellformel brauchen, die er finden konnte ...


„Hat nicht viel genützt, oder?" begrüßte Ron seinen besten Freund und blies in eine Pfeife, um das Training zu unterbrechen; er wendete seinen Sauberwisch und setzte zur Landung an.

– „Was meinst du?" hakte Harry seufzend nach und landete neben seinem besten Freund, stieg vom Besen und strich seine Trainingsroben glatt. ‚Praezy'... nein ‚Praecipitare', der ... ‚Kopf über'-Zauber. Hochziehen und stoßen. Lässt Gegner ... lässt fallende Gegner auf dem Kopf landen, ging er in Gedanken die einzelnen Flüche noch einmal durch, wobei es ihm zunehmend schwerer fiel, sich zu konzentrieren, ‚Con' ... ‚Concidere' ... und dann das Objekt, das ... umfallen oder ... oder herabstürzen soll ... Schlenkern und ... und ziehen? Mist, das muss ich nochmal nachlesen ...

„Den Stärkungstrank von Hermine, was sonst?" holte Rons Stimme ihn auf das Quidditchfeld zurück, und der schlacksige Rotschopf grinste, wurde jedoch sofort wieder ernst, als er Harrys Gesicht sah – das sich, wie so oft in letzter Zeit, in einem mehr als nur schlechten Zustand zeigte.

Fahl wie ein Geist mit eingefallenen Wangen bemerkte Harry, dass er gemustert wurde und drehte das Gesicht zur Seite im Versuch, Ron nicht sehen zu lassen, wie tief seine von dunklen Ringen umrandeten Augen mittlerweile in den Höhlen lagen; er presste die farblosen Lippen fest zu einem schmalen Strich zusammen in der Hoffnung, Ron würde sich wieder seiner Mannschaft zuwenden und das Thema abhaken. Doch der Quidditchkapitän schien nicht vorzuhaben, seine Frage fallen zu lassen; vielleicht war ihm aufgefallen, wie sehr Harrys Blitznarbe durch dessen gegenwärtige Blässe hervorstach, das gelegentliche Zittern seiner Finger oder die Schweißtropfen, die seinem Sucher noch immer auf der Stirn standen.

„Doch, eigentlich schon", lenkte Harry schließlich träge ein, als er begriff, dass er vor Ron nicht verbergen konnte, wie erschöpft er tatsächlich war, und der Junge straffte die Schultern. Was er auch sogleich bereute; es kostete viel zu viel Kraft, und wütend darüber nahm er einen weiteren, großen Schluck von Hermines Stärkungstrank, wodurch er sich nun endlich in der Lage fühlte, das kommende Quidditchtraining durchzustehen.

Ron unterdessen musterte ihn fassungslos, als könne er seinen Ohren nicht trauen: „Wie bitte? Willst du mir allen ernstes weiß machen, dass du vorhin noch schlimmer ausgesehen hast?"

– „Na herzlichen Dank aber auch!" fauchte Harry seinen Freund an und schnaubte verärgert, verstaute die bruchsicher gezauberte Flasche wieder tief in seinem Umhang und gähnte herzhaft.

„Haben das Training heute vorgezogen", presste er danach ärgerlich hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, „Bin deswegen auch zu spät. Muss aber nachher nicht weg."

– „Gut!" freute sich Ron beschwingt, in der Hoffnung, den Freund dadurch etwas aufzuheitern; doch Harry brütete schon wieder griesgrämig vor sich hin und starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen in den bedeckten Himmel.

Erst als er sich auf seinen Feuerblitz schwang entspannte sich sein Gesichtsausdruck, und als er in der Luft seine Augen schloss und den Wind um seine Nase streicheln ließ, glaubte Ron fast, ein kurzes, verhaltenes Lächeln über die Lippen seines Suchers huschen zu sehen; Harry hatte fast vergessen, was für erstaunliche Wirkungen Quidditch haben konnte, während er seine ersten Runden auf dem Feuerblitz drehte, um warm zu werden, sich dabei absolut frei und ungebunden zu fühlen – oder weniger vergessen als unter einem großen Berg Wut vergraben.

„Alle bereit für ein Übungsspiel?" wandte der Kapitän sich laut an seine Mannschaft und atmete auf. Apple hatte sich in der Zwischenzeit einen neuen Besen besorgt – hatte ja auch lange genug gedauert.

Auch die anderen waren voll einsatzfähig, die frei gewordene Stelle als Jägerin nahm mittlerweile Ellens Schwester Nellie Volgonttomb ein; eigentlich hatte Ron sie nicht ins Team aufnehmen wollen, aber von allen Bewerbern war sie mit Abstand die beste – beinahe so gut wie ihre Schwester –, und sie hatte versprochen, keinen Ärger zu machen.

Was der Kapitän nicht einmal erahnen konnte, waren ihre persönlichen Gründe für die überraschende Quidditchkarriere, denn Nellie hatte nie auch nur das geringste Interesse an dieser Sportart gezeigt. Wie sollte er auch auf den Gedanken kommen, dass Nellie das Spiel als eine Art Training betrachtete, das die Sinne schärfte, ihre Reflexe schneller werden ließ und sich so hervorragend auf ihre Bemühungen auswirken würde, an Malfoy Rache zu nehmen?

„Dann mal los!" gab Ron die Klatscher und den Schnatz frei und brachte den Quaffel aufs Feld, musterte sein Team und stieß sich dann vom Boden ab, um den gewohnten Platz vor den Ringen einzunehmen. Das Spiel hatte begonnen ...


Na endlich, der Schnatz! Harry atmete tief durch, er hatte schon daran gezweifelt, die kleine, goldene Kugel heute noch zu finden. Seit über zwanzig Minuten zog er mittlerweile seine Kreise über das Feld, blinzelte regelmäßig, damit ihm die Augen nicht zu fielen, und er seufzte.

Erpicht darauf, das Spiel schnell zu beenden, schnappte er nach dem Schnatz, griff jedoch in leere, kalte Luft und hätte sich nur zu gern über die Augen gewischt, um den Dunst davor zu vertreiben; doch mit einer Hand am Feuerblitz konnte er die Brille nicht abnehmen.

Verdammt!

Ein zweiter Versuch, Harry streckte erneut den Arm aus, nur noch wenige Zentimeter ... Etwas Hartes rammte den Rücken des Suchers und warf ihn fast von seinem Feuerblitz; Harry schrie vor Wut und Schmerz, riss den Besen herum und brüllte: „Was soll der Unsinn, du –" Abrupt hielt der Junge inne, als seine Teamkameraden herumfuhren und ihn erstaunt musterten.

Totenstille, dann: „Immer mit der Ruhe, Harry, das war nur ein Klatscher!" Rons Stimme klang, als würde er jeden Moment mit einer Explosion des Freundes rechnen, und Harry blinzelte, ignorierte Dean, der peinlich berührt mit den Achseln zuckte; er fühlte sich wohl mitschuldig, weil er den Klatscher mit seiner Keule verfehlt hatte.

„Oh", machte Harry dann, als er begriff; noch immer verärgert, aber doch auch etwas verlegen, murmelte er ein rasches „'tschuldigung ..." und ging mit einem grimmigen Schnauben wieder auf die Suche nach dem Schnatz, der im ganzen Aufruhr das Weite gesucht hatte. Er musste sich wirklich mehr zusammenreißen! Darauf bedacht, nicht den anderen in die Augen zu schauen, entgingen ihm die besorgten und beunruhigten Blicke seiner Kameraden.


„Versuch, dich besser unter Kontrolle zu halten!"

Harrys Antwort bestand aus einem wilden Schnauben, und der Junge verschränkte mit einem freudlosen Lächeln die Arme vor der Brust, bemühte sich um einen möglichst gleichgültigen Blick; natürlich war ihm klar, dass er seinen Verteidigungslehrer dadurch provozieren würde, aber im Moment war ihm das so was von verdammt egal!

Der Baumstamm im Hindernisparcour war mittlerweile sehr viel schmaler und glatter als vor einigen Wochen, und Harrys Herz raste noch immer wie wild; auch durch die Intensität des Trainings, aber im Moment vor allem durch den Sturz von dem dünnen Balken, als seine Gedanken – nur eine verfluchte Sekunde lang – abgeschweift waren. Zwar hatte Sirius den Jungen aufgefangen und ihn so vor einem meterhohen Sturz bewahrt – deswegen war Harry ja auch nicht sauer, nur hätte sein Lehrer ihn nicht dorthin stellen können, wo er abgerutscht war, und nicht an den Anfang des verdammten Stammes?

„Entschuldige bitte, aber es kann ja mal passieren, dass man bei deinem Monstertraining müde wird und unkonzentriert und sich dann nicht besser unter Kontrolle hat!" platzte es sarkastisch aus ihm heraus, und Harry schluckte, kaum dass die Worte seine Lippen verlassen hatten; ihm wurde erst jetzt bewusst, dass er eben zum ersten Mal seinen Paten angeschrieen hatte.

Aber eigentlich hatte der Wutausbruch doch seinem Verteidigungslehrer gegolten, und auch wenn Harry wusste, dass es trotz allem falsch war, reckte er herausfordernd das Kinn vor. Auch wenn das mulmige Gefühl in seiner Magengegend nicht ganz verschwinden wollte, stemmte er trotzig die Hände in die Hüften; eigentlich war er im Recht!

Für den Bruchteil einer Sekunde funkelte etwas in Sirius' Blick auf; doch er straffte nur die Schultern, hob eine Braue und erteilte Harry mit monotoner Stimme weitere Anweisungen: „Noch ein Versuch!"


„Mr. Potter, wachen Sie auf!"

Abrupt fuhr Harry hoch und blinzelte, nahm die Brille ab und rieb über seine Augen, bevor er die Sehhilfe wieder auf die Nase setzte; vor ihm hatte sich Professor McGonagall aufgebaut, die Hände in die Hüften gestützt funkelte sie ihn zornig an.

„Wenn Sie weiterhin in meinem Unterricht schlafen wollen, bekommen wir beide ganz große Probleme miteinander!" prophezeite sie dem Jungen und hielt drohend ihren Zeigefinger vor Harrys Nase, ließ ihre Worte ein wenig nachwirken und drehte sich dann jäh um; sie schlug die Hände vor dem Bauch ineinander und schritt energischen Schrittes zurück zum Pult, um mit dem Unterricht fortzufahren.

„Mrs. Granger, wenn Sie bitte – wieder einmal – den Inhalt unserer bisherigen Stunde für Mr. Potter zusammenfassen würden", forderte sie Rons Banknachbarin auf, und zwei Plätze neben Harry begann das Mädchen wie aus dem Zauberstab geschossen mit ihren Erläuterungen: „Wir haben –"

Gewartet.

Überrascht zuckte Harry zusammen und schaute sich – noch leicht benebelt vom groben Wecken McGonagalls – um, stellte alarmiert die Ohren auf. Was in aller Welt war das gewesen?

Seine Mitschüler schienen die geisterhafte Stimme jedenfalls ebenso wenig gehört zu haben wie die Lehrerin, denn Hermine fuhr unbeeindruckt mit ihrem Vortrag fort. Harry stutzte; ihm kam die Stimme vage vertraut vor, aber er konnte sich im Moment nicht daran erinnern, woher.

„... anschließend waren wir dabei", dozierte Hermine in diesem Moment und holte Harry damit wieder ins Klassenzimmer zurück; er wandte sich der Freundin zu und täuschte ungeteilte Aufmerksamkeit vor, während sich immer wieder die Formeln in seinen Kopf schlichen, die er gestern noch im Bett gelernt hatte und über denen ihm die Augen zugefallen waren. ‚Neba', nein ... ‚Nebula Densus!', der ... Nebelfluch, von links nach rechts wischen, ... wieder zurück und wutschen ... nein, stoßen ... erzeugt dichten Nebel ... ‚Supra subluo', der Anti-Gravitationsfluch … von oben nach unten ... wutschen, hebt die ... Gravitation für den Gegner auf ...

Genervt schüttelte Harry den Kopf, versuchte angestrengt, die Zauberformeln aus seinem Kopf zu verdrängen und sich wieder auf Hermines Ausführungen zu konzentrieren.

Somnifer' ... hebt den Folterfluch ‚Insomnis' auf ...

„... und nun wollen wir versuchen, den eben beschriebenen Zauber anzuwenden", drang Hermines Stimme zu ihm durch, und Harry schreckte hoch, „Hierfür werden wir –"

Warten. Warten dass die Dementoren ihre Arbeit erledigen.

Eine grimmige Zufriedenheit erfüllte ihn, bald würde er seinem Ziel einen gewaltigen Schritt näher sein. Harry erhob sich aus seinem bequemen, schweren Sessel und legte die Hände auf den Rücken, ließ den Blick über die Anwesenden schweifen und schritt die Stufen hinab.

Die Rückschläge, die er bisher hatte einstecken müssen, waren unbedeutend, und die Verantwortlichen, die Versager, würde er bald zur Rechenschaft ziehen. Ebenso jene, die es wagten, sich ihm in den Weg zu stellen! Die Dunkelheit drang unaufhaltsam näher, und jähe Vorfreude durchfuhr ihn, während er sich in dem düsteren, kalten, gemütlichen Kellerraum umsah.

Vor Harry kniete eine schwarzvermummte Gestalt, und er blieb stehen, ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er sich mit einer hohen, eiskalten Stimme, die er nicht als seine eigene erkannte und die doch seine war, dem Zauberer zuwandte und eine lange, weiße Hand mit langen, dürren Fingern hob, in der er einen Zauberstab entdeckte. Er konnte die Phönixfeder in seinem Innern pulsieren spüren, und das angenehme Prickeln übertrug sich auf ihn selbst als er zischte: „Crucio!"

Die Frau am Boden konnte sich nur einige Sekunden zurückhalten, dann schrie sie aus Leibeskräften, und je schriller ihr Kreischen wurde, desto mehr amüsierte dies Harry, und er lachte laut und so kalt, dass es jedem anderen das Blut in den Adern gefrieren lassen musste. Schließlich hob er widerwillig den Fluch auf und ging neben der Todesserin in die Knie, streckte die linke Hand aus und fuhr ihr beinahe sanft mit eisigen Fingern über die Wange. Er konnte regelrecht spüren, wie sie nur eiserne Disziplin daran hinderte, unter dem Schmerz der Berührung zusammenzuzucken, weil sie genau wusste, wie fatal dieser Fehler wäre.

Seine Hand schob sich unter ihr Kinn, hob den Kopf an, und unter der Kapuze erkannte Harry die schweren Augenlider von Bellatrix Lestrange. „Du weiß, warum ich dich bestrafen musste", säuselte der Junge kühl und kniff die Augen zusammen, musterte die Frau, die neben ihm am Boden lag und wartete. Auf die Antwort.

– „Ja ... mein Meister", kam es schwach von Bellatrix, die alle Selbstkontrolle die sie hatte dafür brauchen musste, ihre Stimme am Zittern zu hindern.

– „Ich höre?" verlangte Harry zu wissen, obwohl der Junge die Gründe bereits kannte. Doch darauf kam es nicht an. Er wollte sie von ihr gestammelt hören, wollte, dass sie begriff. Und sich die Fehler nicht wiederholten. Er würde sie nicht noch einmal akzeptieren.

„Ihr habt nach dem Vorfall im Park mit der Bombe versprochen, ... mich zu bestrafen, wenn mir abermals ... ein Fehler unterlaufen sollte", fuhr sie schwach fort und schluckte, „Und Ihr seid wütend, weil die Dementoren noch nicht –"

Harry horchte auf und unterbrach Bellatrix' Erklärungen, indem er ihr einen der langen, eiskalten Finger auf die Lippen legte, dann erhob er sich elegant aus der Hocke, und ein eisiger Feuerstoß schoss durch seinen Zauberstab und seinen Körper.

Hallo, Harry Potter! drang eine Stimme in seinen Kopf, und der Junge zuckte zusammen, presste sich verzweifelt die Hände gegen die Blitznarbe auf der Stirn und versuchte so, die drohende Explosion dahinter aufzuhalten, um überleben zu können. Der Raum – der Kerker – war verschwunden, und in der Schwärze leuchtete ein Punkt, der noch dunkler war als die undurchdringliche Finsternis, der ihn anzog und doch gleichzeitig abstieß, und Harry wehrte sich mit aller Macht dagegen.

Er hatte begriffen, was hier vor sich ging, hatte es endlich erkannt, obwohl er über ein Jahr von diesen Alpträumen verschont geblieben war, seit er Okklumentik beherrschte. Wieso in aller Welt war er wieder in Lord Voldemorts Gedanken eingedrungen?

Rote, bedrohliche Schlangenaugen öffneten sich und glommen in der Dunkelheit, und Harry spürte, wie sein Geist gewaltsam geöffnet wurde, sah wie in seinen Okklumentikstunden mit Snape Bilder vor seinem inneren Auge vorbeirasen, und der Schwarze Lord lachte; dieses schauerliche Lachen, das einem Alpträume bereitete. Harry wusste, dass er diese Bilder ebenfalls wahrnahm.

Der Eine Kampf, der das Schicksal besiegeln soll, rückt näher ... ausgefochten zwischen dem Dunklen Lord und dem Einen, den er sich ebenbürtig zeichnete ... in einer Schlacht in der sich Licht und Dunkel gegenüberstehen ..."

Harry spürte einen luftigen Windhauch, der diese Erinnerung beiseite fegte, wusste, dass dies keine neuen Informationen für Voldemort waren; er glaubte sich regelrecht daran zu erinnern, wie Malfoy vor ihm kniete, unterwürfig, und weitergab, was sein Sohn Draco ihm erzählt hatte ...

Doch noch während er sich einredete, dass das alles Einbildung wäre, das Geräusch nicht existierte und seine Befürchtungen grundlos seien, spürte er gleichzeitig, wie sich die Kälte vertiefte, beinahe schon vertraut – und dennoch konnte man sich nie daran gewöhnen – nach seinen Eingeweiden tastete und alles in ihm gefrieren ließ. Ein schwarzer Schatten, den er nur aus dem Augenwinkel hatte vorbeihuschen sehen, war verschwunden, kaum dass er den Kopf herumgeworfen hatte.

Erneut wurden die Erinnerungen von Voldemort beiseite gewischt. Von den Dementoren wusste er bereits, und Voldemort wollte etwas neues erfahren, drang gierig weiter in Harrys Geist ein, der verzweifelt versuchte, den ungebetenen Gast auszusperren, sich zu wehren ...

Zu schwach, Harry Potter? zischte der Schwarze Lord zwischen seinen Schläfen, und Harrys Kopf explodierte fast unter dem leisen Hohn in der säuselnden Stimme, Seit wann bist du zu schwach, um mich fernzuhalten? Wieder dieses hohe, eisige Lachen, und Harrys sich schüttelnder Körper erbebte, während er unwillkürlich an den Grund für seine derzeitige Schwäche denken musste ...

Das Training, welches du durchführen musst, wird sehr anstrengend, enorm schwierig ... Anschließend – wenn die erste Phase abgeschlossen ist – musst du eine Art Ritual durchführen, was noch mehr Konzentration und Ausdauer erfordert, und danach kommt eine weitere Phase, die vom Schwierigkeitsgrad noch eine Steigerung der ersten beiden darstellt ... Wozu dieser Zauber gut ist, darf ich dir leider nicht sagen –", mit einer raschen Handbewegung brachte er Harry zum Schweigen und sah ihm direkt in seine enttäuscht und perplex drein blickenden smaragd-grünen Augen, „– Du darfst erst erfahren, worum es im großen und ganzen geht, wenn wir mit Phase drei beginnen, das ist wichtig, sonst wirst du den Zauber nicht ausführen können!"

Harry spürte, dass Voldemort endlich auf etwas neues gestoßen war, was ihn wirklich zu interessieren schien, erkannte es nicht nur an der Tatsache, dass der Schwarzmagier die Erinnerung diesmal nicht gleich wieder fort wischte; er fühlte die wachsende Erregung des Schwarzen Lords, als dieser sich anschickte, weiter in seinen Geist einzudringen, noch tiefer, um mehr über diesen Zauber zu erfahren. Die Neugier des Dunklen Lords war geweckt, griff über auf Harry, und der Junge wusste genau, dass sein Erzfeind versuchen würde, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Dieser Versuch ließ ihn unkontrolliert zittern, und Harry verbrannte beinahe in der Enttäuschung, als Voldemort einsehen musste, dass der Junge selbst nicht mehr wusste als das.

Mit letzter Kraft gelang es Harry, den Schwarzen Lord Stück für Stück zurückzudrängen; ihm war endlich bewusst geworden, dass er dies tun musste, ein Verlangen, dass ihm bis eben unter dem Einfluss Voldemorts überhaupt nicht in den Sinn gekommen war.

Er hatte außerdem gemerkt, dass er diesen aus seinem Kopf verbannen musste, wenn er an dem Feuer nicht zerbrechen wollte, und er nahm all seine Reserven zusammen, kämpfte gegen den Widerstand Voldemorts an und fletschte dabei die Zähne, löste sich langsam aber weiter und immer weiter von dem fremden Geist und riss schließlich mühevoll die Augen auf, womit die Verbindung letztendlich abbrach.

„Mr. Potter, sind Sie etwa schon wieder eingeschlafen?" schnauzte Professor McGonagall ihn an, als Harry vom Stuhl hochfuhr. Der Junge blickte ihr nur verwirrt in die strengen Augen und blinzelte, bis er schwankte, mit bebenden Händen nach dem Tisch griff und schließlich zur Seite kippte; er blieb auf dem Boden liegen und nahm neben dem schmerzenden Brennen seiner Narbe nur verschwommen wahr, dass um ihn herum das Chaos ausbrach ...


„Und da kommen unsere Helden!" hallte die quirlige Stimme von Fabienne Jordan magisch verstärkt über das in helle Sonnenstrahlen getauchte Quidditchfeld. Das Mädchen hatte heute so gute Laune, dass Harry ihr am liebsten das magische Megaphon aus den Händen gerissen hätte, damit es Hyre anstelle ihrer Keule benutzen konnte; er würde sowieso am liebsten in sein Bett zurückkehren, wo Ron ihn vor etwa einer Stunde geweckt hatte – immerhin wollte der Kapitän nicht ohne Sucher spielen.

Harry fluchte innerlich; kaum hatte er sich aufgesetzt, begannen die Bettpfosten sich um ihn zu drehen, und der Boden hob und senkte sich so schnell, dass der Junge angenommen hatte, das Bett stürzte auf ihn zu. Dieser Schwindelanfall hatte seine Laune noch weiter getrübt, und die Sonne tat ihr Übriges; wenn heute noch irgendetwas schief ging, würde er ausrasten, da war Harry sich absolut sicher.

„Für Gryffindor spielen: Hüter und Kapitän Weasley, unser King, dahinter latschen die Jäger Weasley; hui Apple hat einen neuen Besen – was für ein Modell; und da ist die neue alte Jägerin Volgonttomb, grimmig und angriffsbereit wie immer – pünktlich zum Spielbeginn hab ich auch den Namen raus; hoffentlich ist ihr Zauberstab konfisziert worden, ich hab keine Lust auf ein Duell. Ihr folgen die Treiber Thomas und Hyre und zuletzt Gryffindors Sucher, Harry Potter, der aussieht, als solle ihm heute niemand in die Quere kommen", zählte Lees Schwester munter auf und fuhr dabei so ausladend mit der freien Hand durch die Luft, dass sie bald mehr als genug Platz hatte, weil alle Umgebenden vorsichtshalber so weit wie möglich zurückwichen.

„Für Hufflepuff kommen auf das Feld: Hüter und Kapitän Yelawe, hinter ihm dackeln die Jäger Lase und Lappaul – fliegt bloß nicht zu schnell, sonst hat Lappaul wieder Angst um ihre Frisur! Und da schleicht sich Lunderneath auf das Feld, hinter ihm watscheln die Treiber Sommileath und Charlitte, die wie immer schon aus Angst vor dem ersten Klatscher nicht mehr weiß, wie sie sich hinter ihrem Besen verstecken soll; was ist denn das, ein Nimbus? Zuletzt kommt Sucher ... ach du Schreck, Moment! ... The-reve-ryl-ong. Thereverylong, ach du gute Güte, immer schlimmer die Namen, das ist ja selbst gegen Volgonttomb eine Zumutung!"

Harry hörte dem munteren Geplapper ihrer Spielkommentatorin überhaupt nicht zu; als die beiden Teams in Position gingen warf er sicherheitshalber einen flüchtigen Blick hoch zur Lehrertribüne, um sich zu vergewissern, dass sie noch da war, und ärgerte sich über den Reflex.

Rechts und links neben Dumbledore saßen Professor McGonagall und Madam Pomfrey, die ihn – nachdem er in Verwandlung vorgestern umgekippt war – am liebsten noch in der Krankenstation pflegen würde, aber Harry hatte sich noch am gleichen Tag selbst für gesund erklärt und ausgecheckt, weil eine ganze Woche im Krankenbett das letzte war, was er brauchen konnte.

Nachdem er noch kurz Sirius und Remus gemustert hatte – die Blässe des Werwolfs wies deutlich auf den Vollmond der nächsten Nacht hin –, wandte Harry sich wieder der Fluglehrerin zu und seufzte ärgerlich. Eigentlich hatte er fest damit gerechnet, dass sein Verteidigungslehrer spätestens nach dem Vorfall mit Voldemort einsah, dass das Training doch zu hart war, und das Niveau zurückschrauben würde; immerhin war es vor allem Harrys Erschöpfung zu verdanken, dass er sich nicht gegen dessen geistige Attacke hatte wehren können.

Tsk, von wegen! Natürlich hatte Sirius aufgehorcht, als Harry davon erzählte; er hatte ihn auch mitfühlend angesehen und dem Jungen eine Hand auf die Schulter gelegt, und dann überlegt, wie sie derartige Vorkommnisse in Zukunft würden vermeiden können. Aber Harrys Vorschlag, weniger zu trainieren? Der war bei Sirius auf taube Ohren gestoßen, und der Junge hätte am liebsten ein Loch in die Wand getreten.

„Wie immer beginnt das Spiel mit dem Anpfiff von Madam Hooch", riss Fabiennes Stimme ihn aus seinen Gedanken, und Harry stieß sich vom Rasen ab und sah sich nach der Ravenclaw um. Apropos Ravenclaw, oben auf der Zuschauertribüne erspähte er Luna mit ihrem riesigen Löwenhut und einem viel zu großen Gryffindor-Schal, die in der ersten Reihe stand und verträumt ihren Blick über das Spielfeld wandern ließ. Harry bemühte sich um ein freundliches Lächeln, als ihre Augen sich trafen, und fluchte innerlich, weil ihm das aufgrund seiner schlechten Laune nicht so recht gelingen mochte; Jordan unterdessen ging weiter im Text: „Hoffentlich endet diese Partie nicht wie die letzte!"

Hier und da wurden ihr schiefe Blicke zugeworfen, aber Fabienne ließ sich – ganz der Bruder – nicht beirren und quasselte munter weiter.

„Es kann ja nicht jedes mal eine Schlägerei geben, bei der ein ganzes Haus verschwindet, so viele haben wir nicht mehr! Aber seien wir mal ehrlich, schade ist es niemals nicht um die schleimigen, arroganten Sly–"

– „Jordan, lassen Sie –"

– „Schon gut, Professor Flitwick, zurück zum Spiel.

Lappaul jagt mit dem Quaffel auf Weasleys Ringe zu, gibt ab an Lunderneath, ein wirklich hervorragender Pass, zumindest für eine Hufflepuff! So was dummes, wo die Slytherins weg sind und Ravenclaw auch nicht spielt, für wen bin ich denn dann eigentlich?"

– „Jordan, ..."

– „Stimmt Professor Flitwick, Sie haben ja so recht, ich sollte eigentlich unparteiisch sein, eigentlich halt, ist so eine Sache mit ... Schon gut, Filius, zum Spielverlauf."

Geflissentlich ignorierte sie den wütend hochspringenden Flitwick, dem es augenscheinlich nicht passte, dass eine Schülerin ihn beim Vornamen genannt hatte und etliche weitere darüber lachten; sie fuhr munter fort, dabei ganz die Ruhe selbst: „Gryffindor fängt den Pass ab, Weasley auf dem Weg ... ähm, sorry Leute, auf dem Flug ins gegnerische Terrain, sie holt aus zum Wurf auf die Ringe und ... gibt an Apple weiter, der den Quaffel gekonnt mit seinem neuen Besen am ausgetricksten Hüter Hufflepuffs vorbeischleust, zehn zu null für Gryffindor!"

Der ausgelassene Jubel bei den Gryffindors und den Ravenclaws wurde nur von den Buhrufen der Hufflepuffs unterbrochen, die lange Gesichter zogen, während Jordan fröhlich drauf los kommentierte: „Lase am Quaffel, mit dem Quaffel ab zum Hüter der Gryffindors – hups, da sind alle drei gegnerischen Jäger allein vor Weasley und versuchen ihn auszuspielen; Lunderneath wirft und – Ring! Ring für Hufflepuff, zehn zu zehn!"

Diesmal jubelten Hufflepuff und Ravenclaw, während Jordan sich auch daran überhaupt nicht zu stören schien, sie plapperte schon wieder wie eine Quasselstrippe:

„Und da, Gryffindor in Quaffelbesitz, Volgonttomb fliegt damit auf Yelawe zu wie besessen, gibt ab an Weasley, Weasley zurück zu Volgonttomb – Hufflepuff ausgespielt – Volgonttomb zurück an Weasley und Weasley ... durch den Ring, zwanzig zu zehn, Gryffindor in Führung!

Hufflepuff verliert den Ball schon beim ersten Wurf an Gryffindor, Volgonttomb ohne Gegenspieler zu Yelawe, trickst Yelawe aus, und dreißig zu zehn!"

Während der Rest des Stadions gar nicht mehr aus dem Jubel herausfand, achtete Harry weder auf die bunten Fahnen, die am Spielfeldrand geschwungen wurden, noch auf Fabienne Jordans energiegeladene Spielschilderungen; wo – war – der – verdammte – Schnatz?

Der Junge rieb sich die Augen und unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen, wenn er den goldenen Ball nicht bald fand und fing, würde er vor Mattheit noch vom Besen fallen! Wieso nur hatte er morgens schon trainieren müssen? Und dann noch das ganze Programm? ZWEIMAL den Hindernisparcour konnte er vor einem Quidditchspiel definitiv nicht gebrauchen! Sicher, Sirius hatte gewusst, dass er Harry, der dafür so was von sauer auf seinen Lehrer war, nach dem Spiel drohen konnte mit was er wollte, er hätte ihn nicht mehr zum Üben gebracht; deswegen hatte er ihr Training nach vorne verlegt – er kannte Harry mittlerweile viel zu gut!

Durchhalten, Junge, nur noch dieses Spiel dann kannst du auf der Stelle in dein verfluchtes Bett! redete er sich immer wieder ein. Die Feier nach dem Quidditch, mit den jubelnden Schulkollegen in ihren bunten Schals und ihren nach einer Weile nervenden Tröten, reizte ihn momentan nicht im Geringsten, obwohl wahrscheinlich höchstens noch ein Spiel in diesem Jahr folgen würde – und dieses wäre dann das letzte in seiner gesamten Quidditchkarriere!

Um ihn herum drehte sich alles, und der Rasen des Stadions hob und senkte sich, als der Junge in eine Kurve flog. Mit aller Kraft klammerte er sich an seinen Feuerblitz, um nicht zu stürzen; Harry hoffte inständig, dass seine Schwindelanfälle Gryffindor nicht den Sieg kosten würden! Wo – ist – der – verdammte – Schnatz?

Unter den aufgeregten Spielschilderungen Fabienne Jordans hatte Gryffindor in der Zwischenzeit Hufflepuff nach allen Regeln der Kunst ausgespielt und vorgeführt, sie lagen mit neunzig zu zehn vorne, und Harry atmete auf, als die Welt um ihn wieder zum Stillstand kam, registrierte zum ersten Mal seit Minuten wieder die anderen Spieler. Ron hielt gerade mit einer weiteren Glanzparade den Quaffel von seinen Ringen fern, Lase verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und das Stadion jubelte ausgelassen – allerdings nichts verglichen mit Jordan.

„Gryffindor führt, meilenweit, Hufflepuff kann nur den Staub schlucken, den die Löwen mit ihren Besen aufwühlen, wann hat diese Schule zuletzt so ein einseitiges Spiel gesehen? Unfassbar! Professor Flitwick, wann war das denn jetzt?"

– „Das kann ich doch nicht wissen", gab der kleine Lehrer piepsig an Lees Schwester zurück und hüpfte ein paar mal hoch: „Ich unterrichte Zauberkunst und nicht Zaubereigeschichte!"

– „Verzeihung Professor, ich dachte nur, sie wollten auch mal einen qualifizierten Beitrag abgeben und nicht –"

– „JORDAN!"

– „Nicht aufregen, das ist nicht gut für Ihren Blutdruck! Zurück zum Spiel.

Während unserer kleinen Diskussion haben die Rot-goldenen die Führung weiter ausgebaut, hundertvierzig zu zehn, ich glaub mich lausen Hirsch, Hund und Merlins Eule! Sagt mal Hufflepuffs, Madam Hooch hat bereits angepfiffen, aufwachen! Lappaul, steck deinen verdammten Kamm in den Umhang, und Charlitte, was hälst du davon keinen weiten Bogen um die Klatscher zu machen und mal deinen Schläger zu verwenden?"

Harry blinzelte ohne auf die Buhrufe der Hufflepuffs für ihre Spieler zu achten; hatte er dort drüben wirklich den Schnatz gesehen? Ja, das musste er sein, und Harry atmete tief durch, riss auf der Stelle herum und brauste davon – noch besser, Thereverylong hatte den Schnatz noch nicht bemerkt und schaute begeistert dem Spiel – oder wohl eher Lappaul – zu, bis ihm ein Treiber seines Teams mit der Keule drohte. „Du Maulwurf, Potter jagt den Schnatz!"

„Potter dicht hinter dem Schnatz, er bleibt dran, Thereverylong schon längst abgehängt, solche Manöver fliegt nicht jeder Flieger! Was red ich denn jetzt für einen Unsinn? Ach egal, seid das von mir schon gewöhnt, mach ich ständig!"

Hier und da drehte sich eine Lehrkraft nach Jordan um und nickte bestätigend, doch die kümmerte sich nicht darum und quasselte munter drauf los: „Wo war ich? Potter, Schnatz, achso ... Potter fliegt mit rasantestem Tempo hinter dem Schnatz her – ihr wisst schon, das ist das goldene, fliegende, kleine Ding da vor Potters Feuerblitz, im Übrigen ein wirklich ausgezeichneter Besen ... Potter streckt schon die Hand aus ... da, der Schnatz ändert die Richtung, ja was treibt Potter denn jetzt? Er trudelt und landet in einem der Türme, prallt zurück ... Kann sich grad noch auf seinem Feuerblitz halten, der Potter."

Harry rang nach Luft und versuchte, den Dunst vor seinen Augen wegzublinzeln; dabei knurrte er Jordan an und schwor sich, ihr vor dem nächsten Spiel einen Knoten in die Zunge oder ihren langen Hals zu machen.

Wieder drehte sich alles, und der Turm, in den er eben geflogen war, fiel auf ihn zu. Verdammt, er musste den Schnatz erwischen! Das Spiel zehrte an seiner Kraft, und Harry bezweifelte nicht, dass er bald seine ganzen Reserven aufgebraucht haben würde. Wir werden nicht verlieren, wollte er sich Mut zureden und wiederholte in Gedanken immer wieder den selben Satz.

Harry zwang sich weiterzumachen; er musste einfach!

„Spielstand, hundertfünfzig zu zehn für die Löwen, Hufflepuff scheint die Lust zu verlieren – Überraschung! Kann man ihnen nicht verdenken. Hey, da ist der Schnatz wieder, Potter und Thereverylong wieder auf Schnatzverfolgung, feuern wir den armen, kleinen Schnatz an, auf dass er entwischen und seine Freiheit behalten kann – oops, dabei hätte ich doch beinahe übersehen, dass beide Sucher etwa auf gleicher Höhe fliegen, beide strecken die Arme aus, beide greifen nach dem Schnatz, beide trennen nur noch wenige Mykrometer von der goldenen Kugel ..."

Harry konnte regelrecht spüren, wie sich die Blicke aller Schüler und Lehrer auf ihn und seinen Gegenspieler richteten; das ganze Stadion hielt kollektiv den Atem an – alle außer Fabienne Jordan, der selbst diese Situation nicht die Sprache verschlagen konnte – und sogar seine Mitspieler hatten aufgehört, sich den Quaffel zuzuwerfen.

Alles konzentrierte sich auf Thereverylong und ihn, Harry Potter.

Und auf den Schnatz natürlich.

Harry zwang sich, die Hand weiter zu schieben ... und noch weiter ... Er versuchte, die bleierne Müdigkeit beiseite zu drängen, schnaufte vor Anstrengung, und vor seinen Augen verschwamm alles ...

Kurze Zeit später prallte er unter seinem Besen in den weichen Rasen.

Der Schnatz in Thereverylongs Händen.

Rückstand.

Spiel verloren.


Auch am folgenden Tag – einem Sonntag – hatte Harry keine Ahnung, wie er nach diesem Spiel in den Schlafsaal zurückgelangt war.

Vage hatte er in Erinnerung, wie er das Feld verlassen und die Blicke der anderen gemieden hatte, selbst Fabienne Jordans Geplapper und die jubelnden Umarmungen der Hufflepuffs missachtet hatte, von denen niemand erwartet hätte, dieses Spiel zu gewinnen – Gryffindor war klarer Favorit. Seine Miene wirkte so finster, dass keiner es auch nur gewagt hatte ihn schief anzusehen. Keiner außer Neville; gutmütig hatte der Junge Harry auf die Schulter geklopft und ihm geraten, es nicht zu tragisch zu nehmen, es sei doch nur ein Spiel – ein großer Fehler, wütend, müde und überreizt und einfach nur wütend, wie Harry war, hatte er Nevilles Hand weggeschlagen und ihn angebrüllt, bis der arme Junge keinen Ton mehr herausbrachte.

Dann hatte Harry sich in seinen Schlafsaal verkrochen und sich aufs Bett geworfen, von oben bis unten noch im Quidditch-Trikot. Trotz seiner Müdigkeit und der bleiernen Erschöpfung dauerte es bis tief in die Nacht hinein, bis ihn seine wirren und kochenden Gedanken Ruhe finden ließen.

Ja, er war wütend, genauer gesagt raste er vor Wut! Seine Lippen zitterten, bis er schließlich darauf biss, und seine Finger krallten sich tief in die Bettdecke. In seiner ganzen Quidditch-Karriere, in sieben Jahren, hatte er nur zwei Spiele verloren und den Schnatz nicht gefangen.

Zwei Spiele!

Beim ersten Mal lag die Schuld bei den Dementoren, sie hatten ihn schlicht und einfach vom Besen und aus dem Spiel geworfen – und dafür konnte er nichts.

Auch heute weigerte Harry sich, den Grund des Versagens bei sich suchen, denn darüber würde er sich nur noch mehr aufregen. Er war Schuld, weil er so überanstrengt gewesen war; aber wieso hatte er sich so ausgelaugt gefühlt? Wegen Sirius' Training! schoss es ihm immer und immer wieder durch den Sinn, wie ein Film, den man in eine Endlosschleife versetzt hatte; bis er schließlich einschlief ...


Nun, eigentlich hatte Harry nicht vorgehabt, an diesem Tag zum Training zu erscheinen. Immerhin war er stocksauer – Neville hatte heute morgen sogar extra den Schlafsaal verlassen, als sein Schulkollege aufwachte; der Junge lernte dazu.

Weil Harry aber offiziell nachsitzen musste – Nellie verursachte immer die eine oder andere Gelegenheit für seinen Verteidigungslehrer, ihn zu sich zu zitieren (Sprachen die sich ab?) – konnte er nicht schwänzen ohne Punkte oder gar den Rauswurf zu riskieren.

Also stürmte Harry in den Raum der Wünsche, ignorierte die laut gegen die Wand schlagende Doppeltür und machte sich ohne auch nur die Andeutung einer Begrüßung an das Training. Wenn Blicke töten könnten! Unter diesen Bedingungen wäre Harry dann sogar auf die Suche nach Voldemort gegangen!

Und Sirius hatte bei seinem Anblick nichts getan außer die Brauen zu heben. Nichts! Als könne er sich genau denken, wie sauer und erschöpft Harry war und wie sehr das Training den Jungen aufregte; toll, dann konnte Harry endlich aufhören, sich das Gegenteil einzureden und das Verhalten seines Lehrers damit zu entschuldigen, und sein Ärger wuchs weiter.

In seinen wütenden Gedanken versunken rutschte Harry von der Kletterwand ab, keuchte vor Schreck auf und konnte den Blick nicht von der grünen Wiese am Fuß der steilen Felsformation wenden, die sich mit atemberaubendem Tempo näherte und ihm in wenigen Sekunden das Genick brechen würde.

Harry kniff die Lider fest zusammen und ärgerte sich noch über den Gedanken, dass er wenigstens bald alles überstanden hätte, dann fühlte er feuchtes Gras seine Unterarme kitzeln und schlug die Augen auf; jemand – sein Lehrer – hatte wohl den Sturz gebremst, und Harry starrte missmutig die lange Felswand hoch. Nur noch ein Stück, ein kleiner Meter hätte gefehlt, und er wäre die steile Wand oben gewesen.

Der Junge atmete zitternd aus, während er sich auf die Beine schob; er schwankte, stieß wütend gegen den grauen, kalten Stein und ließ sich auf den Boden sinken, als seine Beine unter ihm nachgaben. Es wurde zuviel, er konnte einfach nicht mehr, selbst wenn er gewollt hätte!

Pfeif auf den Zauber! dachte er sich resigniert und versuchte verzweifelt, wieder genug Luft zu bekommen und die sich drehende Welt zum Stillstand zu bringen. Das ist's gewesen, Harry Potter wirft den Tarnumhang!

Nach diesem Beschluss ging es ihm mit einem Schlag viel besser – keine Erschöpfung mehr, Schluss mit der Gereiztheit, keine Beinahe-Zusammenbrüche mehr, einfach nur schlafen ... und dann wieder genug Kraft, um Voldemort aus seinen Gedanken fernzuhalten und Zeit, um die Studien in der Bibliothek fortzusetzen.

„Steh auf, Harry", forderte Sirius den Jungen freundlich auf; Mimas hatte sich einige Meter entfernt weich ins kühle Gras sinken lassen und verwandelt, „Und fang wieder an zu klettern!"

– „Von vorn?" schrie der Junge entgeistert und erbost, schlug die angebotene Hand, die ihm aufhelfen wollte, einfach beiseite und fauchte: „Hast du sie noch alle!"

Dann erschrak Harry und schluckte; die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht, und auch wenn er im Moment wütend über das nervenaufreibende Training war, er hatte nicht das Recht ... Doch, hast du! Du hast recht! erklang eine leise, trotzige Stimme in seinem Hinterkopf und verdrängte das schlechte Gewissen dorthin, von wo es gekommen war, während Harry verbittert den Kopf schüttelte, um wieder klar denken zu können.

„Harry, klettere bitte da hinauf!" redete Sirius auf sein Patenkind ein; noch immer freundlich, aber doch auch angespannt und fest. Der Tonfall erinnerte Harry an jenen, der zwischen Überzeugen und Befehl lag. Als befehle man einem Zauberer, Voldemort ins Gesicht zu schlagen, und versuche gleichzeitig, ihn zu überzeugen, dass die Reaktion des schwarzen Lords das Beste für ihn sei, dachte der Junge zynisch und stellte die Ohren auf Durchzug.

„Harry, bitte!" Auch Sirius wurde nun ein wenig lauter und stemmte die Hände in die Hüften, um der Anordnung Nachdruck zu verleihen; er atmete tief durch und wollte noch etwas hinzufügen, doch dazu wollte Harry ihn nicht kommen lassen.

Lass mich in Ruhe!" entfuhr es dem Jungen, und zum zweiten Mal innerhalb von weniger als einer Minute verlor er die Kontrolle über seine Zunge und erschrak. So heftige Worte hatte er nicht gegen seinen Paten – nein Harry, das ist dein Verteidigungslehrer – gegen seinen Lehrer richten wollen; aber er kam gar nicht auf die Idee, sich zu entschuldigen, denn ein neuer Schwindelanfall suchte ihn heim, und Harrys brodelnde Wut kehrte zurück, als sich das Gras am Boden in schwindelerregendem Tempo um ihn drehte.

Sein Zorn, sein Ärger, seine ganze, eiskalte Wut breiteten sich in ihm aus und hinderten ihn daran, zu denken; verstärkt durch die Erschöpfung und die Müdigkeit, die Harry jeden Moment von den Beinen reißen wollten.

Ich hab genug!" tobte Harry und versuchte sich von Sirius loszureißen, der mittlerweile die Oberarme des Jungen fest umklammerte; doch verflucht, Harry wollte zu Boden fallen, und sich ausruhen, und überhaupt nichts mehr fühlen und tun müssen!

Lass mich endlich in Ruhe!" wiederholte er also in einem weiteren Versuch, sich von seinem Lehrer wegzuschieben und wollte klarstellen: „Ich lege keinen Wert auf den dummen Zauber!"

– „Harry, bitte. Du weißt doch gar nicht ..."

Doch der Junge hatte Sirius schon aus dem Weg gestoßen und stürmte heulend vor Wut aus dem Zimmer.


- Anmerkung der Autorin-


Ich wiederhole meine Bitte, weder mich noch Sirius zu schlagen, und bitte außerdem wieder um viele Reviews
- wenn die auf über hundert hochklettern, kommt in spätestens zwei Wochen das nächste Kapitel
;D