Hurra, es hat geklappt! Über hundert Reviews, vielen Dank an die fleißigen Reviewer, die es mir erspart haben, mich wieder für langes Warten entschuldigen zu müssen!
Klasse Gefühl, wenn innerhalb der ersten zwei Tage schon fast zehn Reviews eintreffen - daran könnte ich mich glatt gewöhnen
;D
Da macht es auch Spaß, nach zwei Wochen das nächste Kapitel hochzubringen.

Nun wünsch ich euch viel Spaß mit Harry, Sirius und Remus und einem Kapitel, das hoffentlich ebenso viele Fragen aufwirft, wie es Probleme lösen soll!


Die Explosion


Das Wetter war über Nacht umgeschlagen, der strahlende Sonnenschein einer lückenlosen, undurchdringlichen Wolkendecke gewichen, die die orkanartigen Windböen schnell über den trüben Himmel trieben, und feuchte, kalte Luft schlug ihm ins Gesicht, als der Lehrer sich mühsam aus dem Loch unter der Peitschenden Weide zog; bestimmt das unangenehmste Wetter, das Remus sich vorstellen konnte – und aus irgendeinem Grund beschlich ihn das mulmige Gefühl, dass die Witterung an diesem winterlichen Sonntag haargenau die gegenwärtige Stimmungslage widerspiegelte.

Remus, der die vergangene Nacht in seiner Wolfsgestalt in ‚seiner' Hütte (in Mimas' Gesellschaft) zugebracht hatte, beeilte sich, die Reichweite der Peitschenden Weide zu verlassen; er wollte nicht in der Nähe sein, wenn sie wieder zum Leben erwachte. Erinnerungen an eine außergewöhnlich üble Vollmondnacht überkamen ihn, als der Mond besonders nah an der Erde gestanden und Krone und Tatze vollauf damit beschäftigt hatte, den Wolf in ihrer Mitte zu bändigen; Moony hatte erst den einen oder anderen Tritt von James einstecken müssen, bis er sich widerwillig kurz vor seiner Rückverwandlung in die Hütte zurückschlich.

Den resultierenden Kopfschmerzen war es – ebenso wie Sirius' Biss in einen von Moonys Hinterläufe, welchen auch immer – zu verdanken, dass Remus damals auf dem Rückweg zu lang getrödelt und die Weide ihm aus diesem Grund ziemlich unsanft nachgeholfen hatte. Merlin, er hatte es sich noch eine halbe Woche nach diesem Zwischenfall im Unterricht verkneifen müssen, eine Grimasse zu schneiden!

Ein weiterer Grund, den Vollmond zu hassen!

Als Remus schließlich den bis vor kurzem noch halb zugefrorenen See passierte, stutzte er und hielt inne. Dort vorne zwischen den abtauenden Schneehaufen, am Ufer, saß Harry; seine Gänsehaut, die Remus aufgrund seiner um die Zeit des Vollmonds geschärften Wahrnehmung bis hierher sehen konnte, schien der Junge gar nicht zu bemerken: Er starrte reglos auf das windgepeitschte Wasser, und sein Blick bestätigte die düstere Vorahnung des Werwolfs – das Wetter spiegelte wirklich die gegenwärtige Stimmung wider!

„Harry?" wandte der Lehrer sich freundlich an den Jungen, als er sich ihm bis auf wenige Meter genähert hatte, und achtete gar nicht auf seine nach der gestrigen Nacht hässlich aufgeschlitzten Roben, die im stürmischen Wind um seine Beine flatterten; er war zu verdutzt, denn überrascht und wütend fuhr der Junge herum und blaffte: „Verschwinde ..."

Dann hielt Harry erstaunt inne und blinzelte, als er Lupin erkannte. „Tut mir leid, Remus", knurrte er verärgert und blickte zu Boden, „Hab nicht gesehen, dass du's bist."

– „Wen hast du denn erwartet?" hakte Remus neugierig nach und ließ sich neben Harry auf den felsigen Boden sinken; er ignorierte geflissentlich die Feuchtigkeit auf den Steinen, die sofort seine Roben durchnässte, und musterte den Jungen eindringlich. Einen Augenblick sprachen weder Harry noch Lupin; der Junge schien vollkommen in Gedanken versunken, bis er schließlich wieder auf den See starrte und die Augen verdrehte. „Sirius ..."

Auf diese knappe Beantwortung seiner Frage fehlten Remus im ersten Moment die Worte, und er schluckte – dem Ärger des Jungen nach zu urteilen hätte er genauso gut auf Snape tippen können, und er überlegte einen Augenblick, wieso Harry so erpicht darauf sein konnte, Sirius aus dem Weg zu gehen.

Remus wusste, dass Harry zur Zeit überaus erschöpft, und müde und gereizt war, und er hatte sich diesbezüglich auch schon mit Sirius unterhalten; ihm nahegelegt den Jungen nicht zu überfordern ... Aber er hätte nicht damit gerechnet, dass es zwischen ihnen zu einem richtigen Streit kommen würde – wonach leider alles aussah. Die beiden waren sonst – vor diese Trainings-Geschichte – doch immer gute Freunde gewesen.

Die Erinnerung an das Quidditchspiel vom Vortag drängte sich dem Lehrer in den Kopf; Harrys düsterer Gesichtsausdruck nach Madam Hoochs Abpfiff – Remus hätte nicht sagen können, ob eiskalte Wut oder bittere Enttäuschung darin überwogen. Doch, unter diesen Umständen konnte er sich sehr gut vorstellen, dass Harry bei dem geringsten Anlass der Kragen geplatzt war – immerhin wusste er, wie ernst der Junge seinen Lieblingssport nahm, und wie persönlich Niederlagen; und Sirius war alles andere als der geborene Diplomat.

„Ihr habt euch gestritten?" hakte er also nach und beobachtete die Reaktionen des Jungen von der Seite gespannt und aufmerksam wie ein Habicht, als dieser sich wütend einen flachen Stein krallte, der zufällig am Ufer herumlag, und ihn übers Wasser schleuderte – er prallte einige Male ab, bevor er schließlich versank. „Ja", fauchte Harry knapp und warf seinem Lehrer in Duellieren einen giftigen Blick zu, „Ich hab keine Lust mehr, mich von ihm schikanieren zu lassen!"

Überrascht hob Remus eine Braue. Mit allem hatte er gerechnet, aber bei dieser Antwort musste er doch – wieder – schlucken; immerhin, das klang als würde Harry annehmen, Sirius würde ihn völlig unnötig und mit bösartiger, vermeidbarer Absicht fertig machen! Nach einigen Sekunden hatte der Werwolf sich dann wieder gefasst und konnte fragen: „Wie kommst du darauf, dass er das tun würde?"

– „War ja klar, dass du dich auf seine Seite stellst", stellte Harry schnaubend fest ohne auf Remus einzugehen, und er schlug ärgerlich mit der Faust auf den Boden – seine schmerzenden Finger ließen es ihn auf der Stelle bereuen, und er schnitt eine Grimasse, während er die Hand seines Lehrer wegschlug, die dieser ihm beruhigend auf die Schulter legen wollte.

„'tschuldigung", atmete Harry dann tief durch und schloss kurz die Augen, bevor er die Lider wieder hob und in den Himmel starrte, als wünschte er sich, einfach davonzufliegen, „Bin wohl ein klein wenig ... überanstrengt ... und total erschöpft", fügte er auf Remus' fragenden Blick hinzu und zuckte müde und entnervt mit den Schultern.

– „Das sehe ich. Aber was hat das mit dem Streit zu tun?" forschte Remus sanft nach und behielt Harrys Mimik genau im Auge: Ein wütender Schatten fiel auf sein Gesicht, und er holte tief Luft.

„Alles", stellte der Junge aufbrausend fest und es war offensichtlich, dass er sich irgendetwas herbeiwünschte, das er demolieren konnte, „Ich bin einfach nur geschafft und dauernd passiert mir ein Missgeschick, so müde bin ich – du weißt sicher noch, wie du gegen die Wand geflogen bist. Mir wird sogar schwindlig, weil er mich im Training so runtermacht! Deswegen haben wir gestern auch im Quidditch verloren, hab den Schnatz nicht fangen können. Heute haben wir uns gestritten."

Also doch das Quidditchspiel! „Meinst du nicht, Harry, dass ein Spiel es nicht wert ist, dadurch die Freundschaft zu dem Menschen zu riskieren, der für dich die Vaterrolle übernommen hat?" Diese eigentlich rhetorische Frage wurde von Harry mit einem zornigen Schnauben quittiert.

„Davon merke ich im Moment aber reichlich wenig; außerdem war das Spiel gar nicht die Ursache des Streits", räumte er mit blitzenden Augen ein und donnerte: „Ich hab einfach genug von seinen Trainingsmethoden! Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben, mir diesen Zauber beizubringen, als mich an den Rand eines Schwächeanfalls zu treiben! Und das für einen Zauber, der – wie er sagt – mir vielleicht noch nützlich sein kann!"

– „Wieso sagst du das nicht Sirius?" war Remus' schlichte Antwort auf Harrys Erklärungen, während sich der unangenehme Knoten in seinem Magen zu verdichten drohte – wo würde diese ganze, verzwickte Situation noch hinführen? Der Werwolf zuckte mit den Achseln und fügte hinzu: „Eigentlich solltest du mit ihm reden und nicht mit mir, immerhin ist er dein Pate, Harry!"

– „Dadurch wird es nur noch schwieriger mit dem klarzukommen, was er mir da antut ...", erwiderte der Junge träge; seine bislang nur zornige Stimme stolperte nun ein wenig. „Ich begreif es einfach nicht ..."

Remus nickte nur stumm und verstand, was Harry nicht ausgesprochen hatte, ja was er wahrscheinlich nicht einmal sich selbst gegenüber eingestehen wollte: Dass Sirius ihm viel bedeutete und er ihn brauchte; dass er nicht verstand, wieso sein Pate sich ihm gegenüber so hart gab.

Zusammen mit der durch die Erschöpfung verursachten Gereiztheit konnte er sogar verstehen, wieso der Junge sich so wütend verhielt und jeden anfauchte. Mrs. Xyrander hatte Lily, ihn und etliche andere ihres Jahrgangs in ihrem Muggelkundeunterricht sogar darauf hingewiesen, wie in Muggelstudien die Auswirkungen von körperlicher und geistiger Überanstrengung untersucht worden war; und Harry passte wirklich perfekt in dieses Bild!

„Deshalb solltest du mit ihm reden, Harry!" wiederholte er also, anders würden die beiden das wohl nicht regeln können; er atmete tief aus, um dieses unangenehme Gefühl aus seiner Magengegend zu vertreiben. Verfluchter Vollmond! Wobei er zumindest sich selbst gegenüber zugeben musste, dass er nicht allein die vergangene Nacht verantwortlich machen konnte.

„Kannst du das nicht machen?", fuhr der Junge unterdessen giftig auf und schüttelte energisch den Kopf, um zu unterstreichen, dass er nicht im Traum an ein derartiges Gespräch dachte, „Nie werd ich zu ihm hin marschieren und ihm auf die Nase binden, dass er mich fertig macht, die Genugtuung bekommt er nicht!"

– „Harry, hast du dir zugehört, was du da gesagt hast?" Perplex starrte Remus Harry an und überlegte, ob er seinen Ohren trauen wollte; es schien als hätte er die Gewichtigkeit dieses Streits gewaltig unterschätzt, und unbewusst strich er sich eine graudurchsetzte Strähne seines braunen Haares aus der Stirn, fragte: „Du meinst das nicht ernst, oder?"

Doch ein Nicken Harrys schien seine Befürchtungen zu bestätigen, und auf Lupins Züge trat blanke Fassungslosigkeit. „Rede mit Sirius!" presste er mühsam hervor und sah dem Jungen ebenso eindringlich wie entsetzt in die Augen, „Beim Barte Merlins, bitte rede mit Sirius!"

– „Kannst du mir einen Grund dafür nennen?" brüllte der Junge seinen Lehrer wütend an, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ins Leere.

– „Ihr müsst das klären", Lupins Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als er Harry anflehte, und diesmal ließ er sich nicht davon abhalten, seine Hand auf die Schulter des jüngeren Zauberers zu legen, „Ich sage nicht, dass er recht hat – ihr werdet nach einem Kompromiss suchen müssen, aber ... du hast schon einmal gedacht, dass du deinen Paten verloren hast, Harry. Dieser Streit wird eben das bewirken, wenn du nichts tust! Und es gibt wirklich kaum hässlichere Möglichkeiten, einen Freund zu verlieren!"


Für einen Sonntag war das Lehrerzimmer erstaunlich voll, als Remus eintrat und mit einem Schlenkern seines Zauberstabs leise die Tür hinter sich schloss. Er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen; McGonagall, die Verwandlungsaufsätze korrigierte; Flitwick, der eifrig die Stunden der nächsten Woche vorbereitete; Hagrid vertieft im Tagespropheten; Snape, über ein Zaubertrankbuch gebeugt, der sich wie immer abgrenzte; Trelawney (Was bitte macht unsere Wahrsagelehrerin hier?) und – Remus atmete erleichtert auf– Sirius, in einem der bequemen, etwas abgelegenen Sessel.

Nach dem Gespräch mit dessen Patenkind hatte sich der Duellierlehrer augenblicklich auf die Suche nach ihm und zuerst vor seinem Büro und dem Schlafzimmer Halt gemacht, bevor er einen Abstecher in die Küche unternommen hatte; dass Sirius an einem Sonntagnachmittag im Lehrerzimmer anzutreffen war, konnte man ohne schlechtes Gewissen als ‚ungewöhnlich' bezeichnen.

Unterwegs waren Remus einige Fünftklässler über den Weg gelaufen, die Peeves veralberten und damit seine Laune wieder ein wenig gehoben hatten, und so ging er ohne von Snapes verachtendem Kommentar („Lebt denn der Werwolf immer noch?") Notiz zu nehmen schnurstracks auf den langjährigen Freund zu, der seine Nase in ein Buch – es wurde immer ungewöhnlicher – gesteckt hatte.

Was?" blaffte Sirius mürrisch und sah missmutig auf, als Remus neben ihm stehen blieb, sich räusperte und den Eulen-Animagus damit aus seinen Gedanken riss.

– „Dir auch einen schönen Sonntag", entgegnete Lupin betont munter und setzte sich in einen der nebenstehenden, nicht weniger gemütlichen Sessel, „Du bist schon der zweite, der mich heute anfährt – bedenklich, wenn man mit einbezieht, dass ich heute erst mit zwei Leuten gesprochen habe."

– „Entschuldige, Remus." Sirius schnitt eine Grimasse, rieb sich flüchtig über die dunkel umrandeten Augen und lehnte sich in seinem hellen Sessel zurück; aus den Augenwinkeln sah er Hagrid müde grinsen, während er ergänzend zugab: „Der Tag heute war nur ein wenig ... unerfreulich."

– „Wegen deinem Streit mit Harry", fügte Remus mit gesenkter Stimme bestimmt hinzu und beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf seine Knie und musterte sein Gegenüber aufmerksam; mit etwas Glück würde diese Feststellung den Freund genug überfahren, um ihm ein paar Informationen zu entlocken.

Sirius unterdessen ließ sich seine Überraschung kaum anmerken – der Duellierlehrer bezweifelte, dass außer ihm selbst, und vielleicht Harry sobald es ihm wieder besser ging, jemand den Eulen-Animagus als ‚überrascht' bezeichnen würde; er fuhr nur nach vorne und erwiderte ebenso leise: „Woher weißt du davon?"

– „Ich hab Harry getroffen", flüsterte Remus ernst und forderte sein Gegenüber auf: „Erzählst du mir deine Version der Geschichte?"

– „Da gibt's nicht viel zu erzählen", meinte Sirius bitter und lümmelte sich wieder zurück in seinen Sessel, gestikulierte dann ein wenig und schlug die Beine übereinander, „Er ist wütend und geschafft, weil ich ihn so hart rannehmen muss. Außerdem denkt er wohl langsam, ich tu das um ihn zu ärgern."

Müde strich er sich eine Strähne seines schwarzen Haares aus der Stirn, stützte anschließend den Kopf auf die Faust, und Remus spürte, wie sich der eindringliche Blick silbergrauer Augen in ihn bohrte. „Glaub mir, Moony, wenn es einen anderen Weg gäbe, Harry den Zauber beizubringen, würde ich ihn nehmen! Aber den gibt es nicht."

– „Er ist nicht wütend, er ist stinksauer! Er ist nicht geschafft, er ist nahe am Zusammenbruch!" korrigierte der Werwolf seinen Kollegen und schüttelte den Kopf, bevor er die Hände ineinander schlug, „Warum ist es so wichtig, dass Harry den Zauber lernt, Sirius? Warum soll er das auf sich nehmen?"

– „Es ist wichtig!" war die ganze Antwort auf Remus' drängende Fragen; damit aber gab sich der Werwolf nicht zufrieden – die Situation verlangte nach Antworten. „Hör mal, wenn du Harry nichts sagen darfst, in Ordnung. Ich weiß nicht wieso, aber wenn du meinst, er lernt den Zauber dann nicht mehr, glaub ich dir das."

Immerhin vertraute er dem Freund; so wie der Wolf in ihm der silbergrauen Eule, die ihn einmal im Monat in die Hütte begleitete. Vielleicht war dies der Grund, überlegte Remus, wieso er Sirius' Verhalten gegenüber Harry nicht mehr kritisiert hatte; der Werwolf schien irgendetwas zu spüren, was dem Menschen verborgen blieb, schien zu fühlen, wie diese Art, das ‚Junge' zu behandeln, der Eule selbst nicht wirklich zusagte. Mimas hatte in der Hütte etwas verstört gewirkt; ähnlich wie Tatze, wenn Sirius damals zu wenig Schlaf erhalten hatte, gepaart mit Kopfschmerzen.

Mit diesen Überlegungen brachte er sogar ein entspanntes Lächeln zustande, während er weiter sprach. „Sirius, wieso sagst du sonst niemandem, weswegen der Junge den Zauber lernen muss? Wenn er wirklich wichtig genug ist, das alles auf sich zu nehmen, würden Dumbledore oder ich dir sicher helfen, Harry zu überzeugen!"

– „Ich kann es euch aber nicht sagen!" widersprach Sirius unwirsch, beinahe verzweifelt, und senkte die Stimme, als einige der Anwesenden aufblickten und McGonagall mahnend die Brauen hob, „Wieso glaubst du, konnte Bellatrix dieses Ritual durchführen, noch während Dumbledore den Schild aufbaute? Ihr habt doch nur am Vorabend im Lehrerzimmer darüber gesprochen, das Thema wurde nicht einmal im Hauptquartier angeschnitten. Irgendwie musste Voldemort herausgefunden haben, was geplant war – wäre Bellatrix gekommen, als der Schutzschild schon stand, wäre ihr Zauber sinnlos gewesen. Und solang wir nicht wissen, wie Voldemort davon Wind bekommen hat, darf ich es euch nicht sagen, wenn er nämlich herausfindet, was der Zauber bewirkt, wird er es Harry mitteilen, damit er ihn nicht lernt!"

Remus musterte den Freund, immer noch nicht ganz zufrieden mit der Antwort, während Flitwick aus seinem Sessel sprang und mit einem Bücherstapel fast größer als er selbst den Raum verließ. Sirius hatte unterdessen eine Hand an die Stirn gelegt und kniff die Augen zusammen.

„Kopfweh?" fragte Remus deshalb leise nach, sah seine Überlegungen bestätigt und fuhr nach Sirius' zögerndem Nicken fort: „Harry ist also nicht der einzige, den die Situation mitnimmt. Du hast auch schon mal besser ausgesehen ... Geh doch ein bisschen auf ihn zu, Sirius, zeig ihm, dass du mit ihm fühlst! Der Parcour wird sicherlich für euch beide leichter, wenn er nicht überlegt, ob du vielleicht irgendeine sadistische Freude daran hast, ihn zu, wie er sagt, schikanieren."

– „Hat er das gesagt?" Sirius fuhr hoch und starrte Remus an, bevor er ernüchtert die Schultern fallen und den Kopf in die Hände sinken ließ – doch er war nicht überrascht, und Remus stutzte; der Freund schien mit etwas derartigem gerechnet zu haben, dies nur zutiefst zu bedauern. Diese ganze Situation wurde immer undurchsichtiger, unbegreiflicher – nicht, dass er damit gerechnet hätte, dass Sirius Harrys Erschöpfung übersehen würde; aber wieso trainierten sie dann so hart?

Glaub mir, Moony, wenn es einen anderen Weg gäbe, Harry den Zauber beizubringen, würde ich ihn nehmen!

Remus seufzte tief. Was für ein Zauber kann das wert sein?

„Ich hab ihm bereits zu verstehen gegeben, dass ich seine Gefühle nachvollziehen kann", erwiderte Sirius gepresst und schüttelte langsam den Kopf, schloss kurz die Augen, „und das verärgert ihn immer. Wenn ich ihm auch noch sage, dass mir nicht gefällt, was er ‚schikanieren' nennt, dann kommt er sich veralbert vor und vor allem würde er fragen, wieso wir überhaupt trainieren – und wenn ich ihm zu oft sage, dass ich mich da ausschweigen muss, befürchte ich, dass es bald kracht!"

– „Es hat bereits gekracht", erinnerte Remus den Kollegen sanft und legte ihm eine Hand auf die Schulter, „Sirius, ihr müsst einen Kompromiss finden. Harry will mit dir reden. Er ist in ein paar Minuten in deinem Büro."

– „Ich meinte eigentlich, dass es dann richtig kracht ... ich mach mich wohl besser auf den Weg", seufzte Sirius, bevor er das Buch auf einen Tisch warf – die widerlich rosafarbene Decke hätte direkt ein Überbleibsel von Umbridge sein können; er zögerte kurz und schaute den Werwolf fragend an: „Würdest du nachkommen? Falls das Gespräch aus dem Ruder läuft, könnte ich eventuell einen Schiedsrichter brauchen."

– „Ich muss mal zu Hagrid. Vielleicht fährt wenigstens er mich nicht an, wenn ich ihn anspreche", Remus schmunzelte verhalten und griff neugierig nach dem Buch, warf einen kurzen Blick auf den Titel („Motivationshilfen für schwierige Aufgaben" – heulender Hippogreif, Sirius nahm die Situation wirklich mit, wenn er dafür sogar ein Buch las, wie man seine Schüler motivieren konnte!) und seufzte dann; das hatte ihn überzeugt, er würde Sirius' Bitte folgen.

„Ich komm gleich nach und warte vor der Tür", versprach er also und legte den dicken Schinken wieder auf der Dolores-Umbridge-Decke ab, „Wenn es so laut wird, dass ich euch draußen verstehe, naht die Verstärkung!"


Harry lehnte an der Wand und schnaubte – nachdem Peeves ihm über den Weg geflogen war, ihm einen Besen auf den Kopf geschlagen und ihn wegen dem Quidditchspiel verhöhnt hatte, war sein Ärger, soweit möglich, noch gewachsen. Laut und deutlich hallte noch immer der spöttische Singsang des Quälgeistes in seinem Kopf wieder.

Potty Sir,
fängt nicht mehr,
ist-ein unbegabter Such-er!

Zu schade, dass die wertvolle und alte Vase, die er nach Peeves geworfen hatte, glatt durch ihn hindurchgeflogen war ...

Jedenfalls waren das nicht gerade gute Bedingungen für ein klärendes Gespräch!

Das Büro des Verteidigungslehrers hatte Harry leer vorgefunden. Verdammt, wo steckte Sirius? Jetzt musste er auch noch warten, und da hatte er wirklich besseres zu tun! Wenn er nur an all die Bücher dachte, die während dieses blöden Trainings warten mussten; wobei es Harry weniger um die dicken Wälzer an sich ging, als darum, eine Möglichkeit zur Vernichtung Voldemorts zu finden – immerhin, Harry und Bücher! Ein weiterer Grund, warum ihn das Training so aufregte. Verflucht!

Harry wankte den Gang hinauf und hinunter, stützte sich dabei regelmäßig an der Wand ab, keine Spur von seinem Lehrer! Frustriert warf er die Faust gegen die Wand; es brannte wie Feuer, und Harry zuckte zusammen. Aber egal, er holte zum zweiten Schlag aus. Er wollte den Schmerz spüren, wollte spüren, dass er noch kein Wrack war; im Spiegel erblickte er nur noch ein Gesicht wie das eines Geistes, da war selbst Peeves noch farbiger als er – und Harry wollte wissen, ob das noch er war oder nur ein Schatten!

Mit festem doch sanftem Griff schlossen sich lange Finger wie aus dem Nichts um sein Handgelenk und hielten Harry davon ab, sich weiter zu verletzen. Der Junge sah erbost auf; sie gehörten Sirius, und seine Wut wuchs weiter. Nicht einmal diese Freiheit ließ er ihm!

„Remus sagte, du wolltest mit mir sprechen ..." begann Sirius leise und ließ schließlich Harrys erschlaffende Hand los, als keine Gefahr mehr bestand, dass er sie gleich gegen die Wand rammen würde. Dann öffnete er mit dem Zauberstab die Tür zu seinem Schlafzimmer und ließ Harry eintreten und in einem der gepolsterten Sessel Platz nehmen; er selbst blieb stehen und wartete, während die schwere Holztür mit einem leisen Klacken ins Schloss fiel.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", räumte der Junge schließlich nach einigen Augenblicken des Schweigens ein und blickte auf seine Fingerspitzen; verdammt sei Remus, dafür dass er ihn überredet hatte, herzukommen! Harry hätte sich zumindest überlegen sollen, wie er all die Vorwürfe vorbringen wollte, die ihm auf der Zunge lagen.

Andererseits, wenn er seinem Lehrer so wie gerade eben gegenüber saß, kam ihm sein Verhalten von vorhin, trotz seines Zorns, doch ein wenig unpassend vor – natürlich hatte er recht, mit dem was er sagte, aber er hätte es anders rüberbringen müssen –, und als Harry sich in dem gemütlich eingerichteten Zimmer umsah, musste er sich eingestehen, dass er so etwas eigentlich schon seit Wochen gewollt hatte: Zeit mit Sirius verbringen, in der sie nicht trainierten; Zeit bei seinem Paten, nicht seinem Lehrer.

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen vor Erschöpfung, ließ er die Schultern sinken und starrte auf seine Hände; seine Finger zitterten immer noch, er wusste gar nicht mehr, wie lange schon. Seine Gereiztheit, sein Ärger hatten ihn in den letzten Wochen selten allein gelassen. Und alles wegen dem Training, wegen der Tortur, die ihm Sirius aufzwang. Nach einiger Zeit sprudelten schließlich Vorwürfe wirr aus ihm heraus; Fragen, die sich beinahe von selbst formten ohne dass er dazu noch nachdenken müsste – er hatte sie sich selbst viel zu oft gestellt:

„Warum tust du mir das an, Sirius? Warum muss ich denn beim Training unbedingt das Gefühl haben, jeden Augenblick umzufallen?"

Ein Funkeln erschien in Sirius' Augen, wie er es lange nicht mehr gesehen hatte. Für einen Moment erkannte Harry wieder den Mann, den er vor seinem sechsten Schuljahr gekannt hatte, der ihn unterstützte wo es nur ging und ihm beistand, wo er nur konnte; seinen Paten, nicht seinen Lehrer, und ein Teil des Zorns wich aus seiner Stimme – nur ein Teil, aber er ebbte ein wenig ab.

„Warum ist es so wichtig, dass ich den Zauber lerne?" fuhr der Junge also verärgert und auch verzweifelt fort, aber auch ein wenig ermutigt durch die positive Reaktion, „Der entscheidende Kampf rückt näher – Trelawney hat es in ihrer Prophezeiung gesagt. Ron, Hermine und ich, wir ... wir suchen eine Möglichkeit, Voldemort zu vernichten, sodass ich – wenn Trelawneys Voraussage eintrifft, dann will ich wenigstens nicht, dass das umsonst ist, sondern ich will den Mistkerl mitnehmen!"

Harry war der Meinung, dass diese überhaupt nicht logisch vorgebrachte Argumentation seinen Lehrer trotz allem überzeugen müsste; dann stockte er, als ihm ein neuer Gedanke kam – für den er bisher wohl einfach zu müde gewesen war – und sah auf, blickte seinem Paten mit glühendem Blick in die Augen und hauchte: „Dieser Zauber ... kann man damit Voldemort töten?"

Ein kurzer Moment des Zögerns, dann verschränkte Sirius nur die Arme vor der Brust und schüttelte stumm den Kopf; Harry ließ entmutigt die Schultern hängen. Er versuchte die Wut zu unterdrücken, die ihn wie eine Welle aus heiterem Himmel zu überrollen und zu ertränken drohte; ein kurzer Augenblick der Hoffnung, die sein Lehrer so schnell wieder zerstört hatte – es wäre der einzige Grund für Harry gewesen, das Training fortzusetzen und den Zauber doch noch zu lernen, und enttäuscht schrie er seinen Lehrer an: „Verdammt, Sirius, dann ist der Zauber für mich sinnlos, WIESO VERDAMMT SOLL ICH DEN LERNEN?"

Ungeduldig wartete Harry auf eine Antwort; Sirius schien sehr genau zu überlegen, was er erwidern sollte, und Harry versuchte zu ergründen, was er dachte, was gerade in ihm vorging ... ohne Erfolg, sein Gesicht war so ausdruckslos, dass er ein Legilimens hätte sein müssen, um an Informationen zu kommen. Allmählich kehrte der Zorn des Jungen in seiner alten Wucht zurück, warum dauerte das solange?

Für ihn gab es nur eine vernünftige Antwort, und zwar, dass sie nicht weiter trainierten – denn unter diesen Trainingsbedingungen würde er keinen sinnlosen Zauber lernen! Was war so kompliziert an ‚Du hast recht, hören wir auf mit dem Training; tut mir leid, ich wusste nichts von euren Bemühungen'? Harrys Lippen zuckten, und er biss sich darauf im Versuch, sich seine Wut nicht anmerken zu lassen. Sag's endlich! hallte es in seinem Kopf wider, er wollte verflucht nochmal hören, dass sie den Zauber aufgaben.

Doch das sollte er nicht ...

„Harry, wir müssen weitermachen", drang Sirius' Stimme schließlich an sein Ohr und ließ seinen Wunsch zerplatzen, „Auch wenn eure Anstrengungen wirklich lobenswert sind, und auch wenn du das im Moment nicht verstehst – aber der Zauber ist nützlich!"

Harry biss sich auf die Zunge und würgte den Zwang hinunter, seinen Paten anzuspringen und zu schreien; er fühlte sich so unkontrolliert wie damals in Dumbledores Büro, als er den unbändigen Drang verspürt hatte, den Direktor zu verletzen und ihm diesen widerlich ruhigen Gesichtsausdruck herunterzureißen.

„Du hast eben gesagt, dass der Zauber Voldemort nicht töten kann", stellte er mit vor stummer Wut zitternder Stimme fest, klammerte sich an die Armlehnen des Sessels – wie gut es tat, sich festhalten zu können! – und sah seinem Lehrer mit wildem Blick in die Augen, „und ich denke deshalb überhaupt nicht daran, den Zauber zu lernen, damit musst du dich wohl oder übel abfinden!"

– „Es ist wichtig, Harry!" drängte Sirius, wurde nun auch lauter, aber sein Gegenüber schnitt ihm das Wort ab.

– „Warum?" zischte der Junge, schlug mit der Faust auf die Armlehne und sah ihn herausfordernd an.

– „Das kann ich dir nicht ..."

– „Ist ja unheimlich praktisch, oder?" schrie Harry seinen Lehrer an, bevor er den Satz beenden konnte, und sprang im Sessel nach vorne. Er hatte gerade eine Grenze überschritten, die sein Gewissen bisher mehr schlecht als recht aufrecht erhalten hatte und die noch ein wenig Ordnung in sein Wirrwarr aus Gedanken hatte bringen können, „Du kannst es mir nicht sagen? Lass dir mal was neues einfallen! Wirklich eine praktische Ausrede, da muss man nie Rede und Antwort stehen! Wenn du keine Begründung findest wenn du dich rechtfertigen sollst, dann kannst du es mir einfach nicht sagen!"

– „Nicht in diesem Ton!" forderte Sirius streng und versuchte, den aufkommenden Ärger aus seinen Augen zu blinzeln; eine widerspenstige Haarsträhne löste sich und fiel ihm ins Gesicht, doch Sirius kümmerte sich nicht darum, behauptete stattdessen ein weiteres Mal, was der junge Zauberer nicht mehr hören wollte: „Du lernst den Zauber nicht, wenn du weißt worum es geht!"

– „Blödsinn!" schrie Harry erbost – nicht schon wieder! – und sprang auf, fegte dabei die Kerzen vom Tisch und schrie: „Elendiger Lügner!"

– „Harry!" Sirius fiel es offensichtlich schwer, seinen Ohren zu trauen, er tat einen Schritt auf den Jungen zu bevor er sich stoppen konnte, doch Harry fuhr unbeirrt ärgerlich fort: „Ich glaub dir kein Wort! Das ist nur eine gemeine List, damit du mich quälen kannst!"

– „Das ist Blödsinn, Harry! Und das weißt du! Warum sollte ich dich quälen wollen?" fragte Sirius und schloss erneut resignierend die Augen, schüttelte den Kopf und starrte Harry dann wieder eindringlich, bittend an. „Glaub mir doch, wenn ich dir verspreche, dass du den Zauber noch nützlich finden wirst."

Harry wischte den letzten Satz mit einer knappen Geste weg, wich schnaubend der Hand aus, die sich auf seine Schulter legen wollte – wie Gift spuckte er die nächsten Worte aus: „Ich weiß, was ich durchmachen muss, Sirius. Und dein Versprechen reicht mir als Rechtfertigung nicht aus!"

Sirius schluckte hart und wurde kreidebleich; ein verräterisches Funkeln trat in seine Augen, müde und enttäuscht ließ er sich in einen Sessel sinken, als würden seine Beine nachgeben. Harry bekam davon in seinem Ärger nichts mit, er bemerkte nicht den unendlich traurigen Ausdruck im Gesicht seines Paten, nicht das Zittern seiner Hände, nicht den dunklen Schatten, der in seine Augen trat, nicht die flehende Nuance in der ansonsten tonlosen Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern darstellte.

„Ich hatte gehofft, wir könnten die erste Phase abschließen, bevor das passiert. Du hast mir mal vertraut, Harry", brachte Sirius wie in Trance heraus.

„Das ist jetzt vorbei, ich schmeiß das Training hin!" Harrys barsches Aufbrausen, der wutverzerrte Aufschrei ließen Sirius endgültig in sich zusammensacken; er sah aus als wäre gerade tief in ihm etwas zerbrochen. Sprechen kostete so viel Kraft. „Bitte Harry ..."

– „Hast du ein Problem mit den Ohren?" fauchte der Junge zornig. Auch er zitterte, allerdings durch die eiskalte Wut, die in seinen Adern floss – er erinnerte sich, wie gut es sich früh morgens angefühlt hatte, diesen Entschluss zu treffen; er würde sich davon nicht abbringen lassen, und wenn Sirius ihn auf Knien anflehen würde! „Ich höre auf, und das kannst du nicht verhindern!"

– „Du musst nachsitzen, und die Art wie du das tust lege ich fest. Du wirst weitermachen!" erwiderte Sirius bitter, als er sich endlich wieder gefasst hatte, und hakte die Finger ineinander; eine Geste um zu zeigen, dass es daran nichts zu rütteln gab, die Harry wie eine Ohrfeige mitten ins Gesicht traf. Er stand für einen Augenblick wie versteinert, unfähig sich zu rühren, keinen klaren Gedanken konnte er fassen; in seinem Kopf überschlug sich alles, wie tobende Wellen, die auf schneidend scharfe Riffe branden, und tosende Wut schnürte ihm die Kehle zu.

Sirius' kraftlos vorgetragene Drohung ließ den zitternden Jungen das Denken vergessen. Nie hätte er das erwartet! Hat er geradeweitermachen' ...? Harry wurde schwindlig, er hätte alles dafür gegeben, diesen Alptraum einfach verlassen zu können, wollte nur weg. Wie konnte Sirius nur immer noch Harrys Training fortsetzen wollen, wenn der Junge bereit war, ihm dann die Freundschaft zu kündigen! Harry fühlte sich verraten und im Stich gelassen – verletzt und ausgeliefert.

Beende das Training!" befahl er mit stolpernder Stimme, kurz davor in die Luft zu gehen, und ein Blick in seine funkelnden, smaragdgrünen Augen verriet, dass er das auch würde.

– „Nein!" kam die Antwort, fest und unnachgiebig; aber auch gequält.

Wie erwartet ließ die Explosion Harrys nicht lange auf sich warten.

WARUM!" schrie Harry, mit einem irrsinnigen Blitzen in den Augen, die den Schmerz spiegelten, der ihn am liebsten losheulen lassen würde; der Schmerz, sich von den engsten Freunden verraten zu fühlen. Er kannte diesen Mann nicht. Er wollte wissen weshalb er ihm das antat, wie er ihm einfach ins Gesicht sagen konnte, dass die Folter nicht aufhören würde – wie hatte Sirius sich so sehr verändern können! Scheiße, wie das schmerzte. „WARUM, SIRIUS?" Er musste das erfahren.

Und Bilder formten sich vor seinen Augen, Eindrücke einer saftig grünen Wiese mit zu hohem Gras, aus der hier und da Steinbrocken ragten; kein Wölkchen zeigte sich am azurblauen Himmel, und die Sonne brannte unangenehm, trieb Harry Schweißtropfen auf die Stirn und ließ ihn wütend blinzeln. Schatten suchend blickte er sich um, schaute hinter sich und wollte fluchen; diese steile und lange Felswand kam ihm bekannt vor, ähnelte der aus dem Raum der Wünsche – und an der Wand lehnte, den linken Arm um den Rippenbogen gepresst, Sirius.

Automatisch loderte der alte Zorn in Harry auf, und ihn überkam der Wunsch, den Lehrer anzufahren und zu fragen, warum verdammt er ihm dieses Training zumutete, ihn einfach nur durchzuschütteln; doch dann fiel sein Blick auf die langen, zusammengebundenen Haare, die Schweiß dem in zerschlitzte und schlammbeschmierte Roben gehüllten Mann an den Hals klebte, und er schloss den Mund wieder, fühlte Verwirrung, die sich unter seine Wut mischte. Sirius trug sein Haar kurz, auch wenn es in den Wochen seit Natashas Schwertschnitt wieder gewachsen war, und Harry stutzte, konnte sich nicht erklären, was sich hier abspielte.

„Sirius", wandte er sich mit dem seit einigen Wochen üblichen, aggressiven Unterton in der Stimme an seinen Lehrer, schüttelte ihn verärgert an der Schulter, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und wollte ein paar Fragen loswerden; die ihm jedoch im Hals stecken blieben, als Sirius nicht auf Harry reagierte – was soll das jetzt wieder, knurrte der Junge stumm – und sich an der Felswand hochschieben wollte, dabei leise ächzte.

Erst jetzt fiel Harry die Grimasse auf, die das Gesicht seines Lehrers verzerrte und auf Schmerz hindeutete, und als Sirius tief Luft holte und wieder abgehackt keuchte, wich ein Teil seiner Wut der aufkommenden Sorge; war Sirius den glatten Felsen hinuntergestürzt?

Gras raschelte sacht hinter Harry, und er wandte sich alarmiert um und blickte verärgert über die Schulter – er begann, auch Überraschungen zu hassen – auf eine in weitschwingende Roben gehüllte Gestalt mit langem grauen Bart, die die Schatten alter, krumm in Richtung Himmel wachsender Laubbäume verließ; der kleine, schlanke Zauberer, der kaum größer sein konnte als Pettigrew, dabei so viel weiser, und so ausgewogen und einnehmend wie Albus Dumbledore wirkte, trat rasch näher und strahlte dabei eine Freundlichkeit aus, die ein paar der vielen Quellen von Harrys Wut zum Versiegen brachte; er beachtete Harry fast weniger als zuvor Sirius.

Ähnlich wie bei seinen Besuchen im Denkarium, schoss es dem jungen Zauberer durch den Sinn, und er hob die Brauen als ihm schwante, wohin es ihn verschlagen hatte; die Frage, wie er eine der Erinnerungen von Sirius, die der Lehrer hinter dem Schleier gesammelt hatte, miterleben konnte, wurde von der sich in ihm breit machenden Neugierde mühelos beiseite gedrängt. Zu lange hatte Sirius sich ausgeschwiegen, und wenn es sich um eine Erinnerung handelte, musste er sich auch keine Sorge um mögliche Verletzungen des Lehrers machen.

Auch den Hauch leichter Schuldgefühle, der Harry kurz überkam, weil er in fremden Gedanken herumschnüffelte, knurrte er einfach nieder; er wich dem Drang, endlich mehr zu erfahren, sodass Harry sich dem unbekannten Zauberer zuwandte, von dem er wusste dass es Merlin war, und ihn aufmerksam beobachtete – wie oft erhielt man schon die Gelegenheit, Merlin zu sehen, von dem sich so viele Geschichten erzählt wurden!

Auch wenn Harry zugeben musste, dass er sich den so mächtig anmutenden Zauberer aus den Erzählungen gewaltiger vorgestellt hatte, eindrucksvoller.

Dieser hier wirkte wie ein alter Mann; ein mächtiger Zauberer, zweifelsohne, aber doch kein Vergleich mit dem Helden aus den Merlingeschichten – dies zu erwarten, wäre auch töricht gewesen, überlegte der Junge der lebte und runzelte die Stirn, ließ den Blick über grünblaue, weise Augen, markante Gesichtszüge und gealterte Hände schweifen, während ein fremdartig wirkender Zauberstab in den langgliedrigen Fingern eben jener geübten Hände Sirius' Brustkorb nachzeichnete.

Dann schlug der alte Zauberer den dicken, krummen Zauberstab, der zudem hätte kürzer sein müssen, sacht ein paar Mal gegen Sirius' Brust, und Harry hörte seinen Lehrer erstickt aufschreien. Merlin nickte mitfühlend, während Sirius sich anschickte, ihm allein mit seinen Blicken den frischgewaschenen Hals umzudrehen – Merlin wirkte allgemein zu sauber für das Zeitalter, das man ihm nachsagte.

„Gebrochene Rippen. Das schmerzt, nicht wahr?" stellte eine tiefe, melodische Stimme fest, deren Klang für sich schon dafür sorgte, dass Harry dem Zauberer vertrauen und einen weiteren Teil seiner Wut vom Rand der vor ihm aufragenden Felsen werfen wollte, und er verstand nicht, wie Sirius' Augen dem alten Mann diesen Zorn entgegenschleudern konnten; Harrys Lehrer keuchte, als er flach Luft holte, und Merlin legte in einer elegant anmutenden Geste den Zauberstab gegen die gebrochenen Knochen, nahm sanft Sirius' Arm von seinem Rippenbogen und drückte ihn hinunter – Sirius indessen kämpfte weiter darum, nicht auf den Boden zu sinken.

Harry erinnerte der Anblick an seine eigene Kraftlosigkeit – auch wenn er nicht wegen gebrochener Rippen umzufallen drohte, spürte er doch eine gewisse Genugtuung in sich aufsteigen, dass auch Sirius diese Schwierigkeiten kennen gelernt hatte; Zufriedenheit für die er sich dennoch ein wenig schuldig fühlte.

„Soll ich mich auch noch dafür bedanken, dass Ihr den Sturz teilweise abgefangen habt und ich mir nicht auch noch das Genick gebrochen habe?" fauchte Sirius bissig und funkelte Merlin wild an, suchte ihn ein weiteres Mal mit den Blitzen seiner Blicke zu erdolchen, „Was zum Henker sollte das werden!"

– „Ich hatte gehofft, wenn ich nicht die ganze Wucht deines Sturzes zurückhalte, würde der Abschluss der ersten Phase beschleunigt", entgegnete Merlin nur gelassen, doch Sirius explodierte nun und fegte dem alten Mann den Zauberstab mit solcher Wucht aus der Hand, dass der Holzstab einige Meter durch die Luft flog und klappernd vom kalten Stein der Felsmauer abprallte. Harry hatte sich versucht gefühlt, unter dem Holz hinwegzutauchen, ärgerte sich noch, dass es in keine andere Richtung raste, da war es schon durch ihn hindurchgeglitten, als bestünde er aus Luft.

Ihr dachtet, ein paar Knochenbrüche würden für das Training gut sein?" donnerte Sirius gerade und ließ den jungen Zauberer, der noch dem Zauberstab nachblickte, erschrocken herumfahren; mit einem Mal, bei einem Blick in das Gesicht seines Lehrers, nun verzerrt vor Zorn und nicht mehr Schmerz, begriff Harry, begriff, in welche Erinnerung er hier geplatzt war. Verstand, dass Sirius gerade dasselbe durchmachen musste wie Harry – die letzten Tage der ersten Trainingsphase –, und ohne es zu wollen überkam ihn ein zweiter Anflug grimmiger Genugtuung; auch wenn der Junge der lebte seinem Lehrer den Ärger, seine Enttäuschung über Merlin, der Sirius einfach so nicht aufgefangen hatte, sehr gut nachfühlen konnte, auch wenn er wusste wie es sich anfühlte, verraten zu werden, wenn man vertraute – als er in die viel zu grelle Sonne blinzelte, fühlte sich die Welt um ihn herum ein wenig besser an, erträglicher, und er schnaubte.

Geschieht ihm recht, auch einmal durchmachen zu müssen, wozu er mich zwingt.

Eine Erinnerung schoss Harry durch den Kopf. Ich kann mir vorstellen, dass dir das Training nicht leicht fällt! Wie oft hatte er diese Behauptung Sirius' gehört, und wie oft hatte er sie angezweifelt, sich einfach weggedreht, trotzig und empört; wie sollte Sirius wissen, wie er sich fühlte, wenn er diese Tortur nicht selbst durchmachen musste?

Aber nun merkte er, dass Sirius recht behalten, wirklich gewusst hatte, wie Harry sich fühlte, und er kam sich plötzlich so dumm vor; der Gedanke, dass Sirius das selbst alles ertragen hatte, hätte ihm viel früher kommen müssen. Als er seinen Paten vor dem Quidditchspiel um eine Milderung des Trainings bat ... er hätte weiterdenken müssen, dass Sirius tatsächlich wissen konnte, wovon er sprach. Wie sollte er Harry auch einen Zauber beibringen, den er nicht selbst beherrschte? Die Schuldgefühle angesichts seiner Genugtuung verdichteten sich.

„Das solltest du unterlassen."

Knochen knackten und ließen Harry zusammenzucken, rissen ihn aus seinen Gedanken, und der junge Zauberer ärgerte sich darüber, wandte sich Merlin zu, beobachtete, wie er sich von der Steinwand entfernte und auf Sirius zutrat – der in seiner Wut den mächtigen Zauberer einfach hatte stehen lassen wollen und sich von dem Felsen entfernt hatte; die gebrochenen Rippen hatten ihn jedoch rasch zu Boden gezwungen, und Merlin ging nun neben Harrys Lehrer in die Hocke und fuhr mit der Heilung fort.

„Ich werde dich beim nächsten Sturz wieder auffangen; du wirst nicht mehr befürchten müssen, dich zu verletzen", versprach er, entschuldigend, und führte sanft das Holz in seiner Hand über Sirius' Rücken.

Der davon jedoch nichts wissen wollte. „Ganz bestimmt nicht! JETZT IST NÄMLICH SCHLUSS!" schrie er und versuchte, sich den Händen Merlins zu entziehen; Harry indessen starrte auf die eigenen Fäuste hinab, wusste nicht, was er denken sollte.

Es fühlte sich seltsam an, zu sehen, wie Sirius selbst so verzweifelt gegen ein Training ankämpfte, dessen Zweck er nicht kannte; Harry hatte ihn nur in der anderen Position erlebt – der Lehrer, der ihn antrieb –, und sein Zorn setzte sich für einen Moment gegen seine Verwirrung durch. Wie konnte Sirius von Harry erwarten, zu kuschen, während er selbst sich wie Merlin gab, den er für eben jenes Verhalten so herunterputzte? Dieses Recht stand ihm nicht zu – woher nahm er nur diese Dreistigkeit?

Ich hatte gehofft, wir könnten die erste Phase abschließen, bevor das passiert. Du hast mir mal vertraut, Harry. Sirius' Worte, als Harry dem Lehrer das Vertrauen abgesprochen hatte – Worte, die einfach in seinen Kopf platzten, und er versuchte, sie beiseite zu schieben, wollte sich auf seinen Ärger konzentrieren.

Und mit einem Mal fand Harry die Antwort auf seine Frage, irgendwo in Sirius' Gedanken, glaubte sich beinahe daran zu erinnern, wie jemand, der ihm seltsam bekannt und doch so fremd vorkam, auf Sirius eingeredet hatte; erklärt hatte, Sirius dürfe nicht hoffen, dass Harry nicht an einen Punkt kommen würde, an dem er das Training abbrach.

Er sah Sirius, der fragte, was er dagegen unternehmen könne. Und ein verwischter Schatten, der behauptete: nichts. Er selbst würde nicht weiter trainieren wollen, egal was Sirius sagte, und Harry ließe sich deswegen auch nicht zum Fortlauf des Trainings bewegen; Sirius bliebe also nur die Möglichkeit, abzuwarten und zu hoffen, darauf, dass Harrys Vertrauen in den Paten groß genug war, ihn die erste Phase abschließen zu lassen, bevor er rebellierte – sein Vorteil gegenüber Merlin, denn Sirius hatte den alten Zauberer zuvor nie getroffen. Und er fühlte, wie Sirius sich gegen diese Option gesträubt, sich dem Urteil des anderen aber gebeugt hatte; schließlich konnte es niemand besser wissen.

Diese Erkenntnis, diese Bilder ließen den jungen Zauberer verwirrt zurück; der Fremde, Harry tippte auf Merlin, wollte es genauer erkennen, und er spürte deutlich, wie Sirius gegen den jungen Zauberer ankämpfte, ihn nicht sehen lassen wollte, was er sah; der Fremde verschwamm weiter, bis er kaum mehr war als Dunst, der sich schließlich verflüchtigte, doch Harry ließ es geschehen, focht nicht darum, weitere Erinnerungsfetzen zu erbeuten.

Zu präsent war die Frage, was er jetzt denken sollte, ob er dem heiß lodernden Zorn in sich den Vorrang geben sollte – Merlin hatte nicht sicher sein können, dass für Harry galt, was für ihn galt, und Sirius deshalb umso weniger – oder nicht minder warmer Erleichterung; immerhin hatte sein Lehrer sich Harry gegenüber nicht so hart gegeben, weil er ihn schikanieren wollte, nein, er hatte geglaubt, es tun zu müssen.

Das zu wissen – es nicht nur hoffen zu müssen – tat gut, auch wenn der Gedanke, dass Sirius hätte ausprobieren müssen, wie Harry reagierte, nicht nur auf Merlin hätte vertrauen dürfen, ihn schreien, ihn Sirius oder wahlweise Merlin anspringen lassen wollte.

Dieser war immer noch damit beschäftigt, seinen Schüler nicht davonkommen zu lassen; Merlin hielt ihn mühelos mit dem Zauberstab fest, ein Verhalten, das Sirius nur noch mehr ausrasten ließ.

Lasst – mich – los!" fauchte er gerade wild und kämpfte gegen Merlins Klammer an, wollte ihm den Zauberstab aus der Hand schlagen und den alten Mann von sich stoßen, doch je mehr er sich bemühte, desto aussichtloser muteten seine Versuche an, und Harry schnaubte; seine Erleichterung brannte weit zu schwach, um seinen Ärger zu verbannen, konnte die zuvor gefühlte Genugtuung nicht beiseite schieben.

Sie reichte aber zumindest aus, zusammen mit der Vorstellung, wie heiß brennender Zorn Sirius' Gedanken wirbeln ließ, ihn verzweifeln ließ, einen Funken Mitgefühl hervorzurufen, auch wenn sein Verhältnis zu Sirius in den letzten Wochen so gelitten hatte; Harry wusste zu gut, wie einnehmend der Hass auf das Training werden konnte, wusste, dass er selbst jene als Feinde erscheinen ließ, die eigentlich seine besten Freunde waren. Über diesem Gedanken runzelte Harry die Stirn, überlegte jedoch nicht, woher er kam, verdrängte ihn nur und wandte sich den beiden Männern vor ihm im beinahe hüfthohen Rasen zu.

Sirius musste endlich begriffen haben, dass es keinen Sinn hatte, sich Merlins Griff weiterhin zu widersetzen, sein Widerstand erlahmte; dafür funkelte er den mächtigen Zauberer umso zornentbrannter an, entschlossen nicht aufzugeben, und donnerte außer sich: „Ihr könnt mich nicht zwingen, weiter zu machen!"

– „In der Tat", bestätigte Merlin mit unverändert ruhiger Stimme und beendete die Heilung von Sirius' Rippen, entließ seinen Schüler jedoch nicht aus der Klammer des Zauberstabs; Harry spürte, wie Sirius die Zähne fletschte – und es fühlte sich so vertraut an –, doch Merlin fuhr fort, bevor er dem Drang zu schnauben nachgeben konnte.

„In der Tat, dies unterliegt deiner Entscheidung. Bedenke jedoch", ein mahnender Unterton schlich sich ein, und Merlin fixierte Sirius mit einem so eindringlichen Blick, dass selbst Harry schaudern musste, „dass du dein Patenkind im Stich lässt, solltest du dich gegen den Zauber entscheiden. Ich bin enttäuscht, Sirius!"


Nein ...
Tief Luft holen.
... das kann nicht sein!

Ausatmen.
Du hast dich eben verhört.

Für einen Augenblick schien alles um ihn herum einzufrieren, selbst die sich in einer leichten Brise bewegenden Grashalme, und die Laubkronen der Bäume.
Was hat das mit Harry zu tun?" schrie Sirius dann, als die Worte des alten Mannes bis in sein Bewusstsein durchgedrungen waren – er schien dies ebenso wenig begreifen zu können wie sein Patenkind –, und starrte Merlin aus großen Augen an; nicht mehr mit dem vorherigen Blick, von dem Harry angenommen hatte, er wäre einzig für Snape reserviert.

Nein, Harry erkannte Anspannung und Sorge, die sich unter den Zorn in Sirius' grauen Augen mischten, nahm sie jedoch nur am Rand wahr, denn der eben erlebte Schreck hielt ihn noch gefangen, er war noch immer damit beschäftigt zu begreifen, was Merlin eben behauptet hatte, hielt unbewusst den Atem an; Sirius sollte Harry im Stich lassen, wenn er das Training nicht fortführte? Ein merkwürdiges Gefühl der Taubheit machte sich in ihm breit, stark genug, selbst seine Wut für einen Augenblick verstummen zu lassen; er hatte sich bestimmt verhört.

„Du solltest wissen, Sirius, dass du diesen Zauber aus dem alleinigen Grund lernst, die Fähigkeit ihn auszuüben an den Patenkind weiterzugeben", sagte Merlin, flüsterte beinahe, doch die Worte waren eindringlich genug, hallten in Harrys Ohren nach wie Gekreische in dem leergefegten Korridor, als den Harry seinen Kopf im Augenblick wahrnahm; Sirius wirkte, als hätte man ihn geschlagen, und der junge Zauberer beobachtete nur wie in Trance, wie seine Gesichtszüge sich anspannten, Ärger einer grübelnden Miene wich, und nachdenklich ließ sein Lehrer sich auf einen nahen Felsen sinken, sah nicht auf, als Gras leise raschelte und Merlin würdevoll herantrat.

„Ich erwarte von dir heute keine Entscheidung bezüglich des Trainingsfortgangs", erklärte der alte Mann sanft und steckte seinen Zauberstab in den Gürtel, legte eine seiner schmalen Hände auf die Schulter seines Schülers, „aber wenn du bereit bist, werden wir morgen das Training fortsetzen."

Mit diesen Worten entfernte sich Merlin, verschwand im Wald, und ein Schleier legte sich über die Gegend und ließ die Konturen verschwimmen.

„Harry, hör auf!" ertönte wie aus weiter Ferne eine Stimme, die dem jungen Zauberer eigentlich bekannt vorkommen sollte und riss Harry aus seiner Starre; er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, konnte noch immer nicht begreifen, was er eben erfahren hatte.

Du solltest wissen, dass du diesen Zauber aus dem alleinigen Grund lernst, die Fähigkeit ihn auszuüben an den Patenkind weiterzugeben, hatte Merlin behauptet, und Harry atmete tief durch, konnte die Tragweite dieser absurd wirkenden Aussage nicht fassen; als die Umgebung scharfe Konturen zurückgewann wuchs vor ihm dieselbe Felswand wie eben noch in Richtung des wolkenfreien Himmels, doch Sirius saß nicht mehr auf dem Stein, und die Sonne erhob sich gerade über die Baumspitzen im Osten.

Merlin stand vor dem Felsen, die Hände hinter dem Rücken ineinander geschlungen, und starrte die steile Wand hinauf, und aus irgendeinem Grund war Harry sich sicher, dass dies eine Erinnerung des darauffolgenden Morgens darstellte, fühlte eine Anspannung in sich aufsteigen, dass er glaubte, es müsse ihn zerreißen; unwillkürlich hielt er den Atem an. Nun würde Sirius sich entscheiden ...

„Ich wusste, dass du kommst", grüßte Merlin den Stein, der vor ihm meterhoch aufragte, doch der Zauberer in seinem Rücken schien diese Anrede gewöhnt zu sein; Sirius zuckte nur mit den Achseln und stieß sich von dem fremdartig anmutenden Baustamm ab, gegen den er sich gelehnt hatte, trat näher an seinen Lehrer heran und senkte grüßend den Kopf. Harry ließ die angehaltene Luft entweichen, als sich eine angenehme Wärme in ihm breit machte.

„Die Entscheidung ist dir nicht leicht gefallen", stellte Merlin fest ohne Sirius anzusehen und lächelte wissend, verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein und fuhr fort: „Doch ich war überzeugt, dass du dein Patenkind nicht im Stich lassen wirst."

Im Licht der Morgensonne erkannte Harry die dunklen Ringe, die Sirius' weit in den Höhlen liegenden Augen umrandeten, und wenn man Sirius' Gesichtszüge ein wenig modifizierte, hätte er mit den eingefallenen Wangen ein Spiegelbild Harrys sein können.

Auswirkungen des Trainings, schoss es dem jungen Zauberer bitter in den Sinn und er dachte an seinen eigenen Hindernisparcour, doch als Sirius ohne ein Wort anfing, sich die steile Felswand hoch zu kämpfen, konnte er dem Paten nicht mehr böse sein für die Tortur im Raum der Wünsche; nicht, wenn Merlins Worte noch in seinen Gedanken widerhallten. Bedenke jedoch, dass du dein Patenkind im Stich lässt, solltest du dich gegen den Zauber entscheiden.

Harry schluckte überwältigt, spürte wie sich die angenehme Wärme irgendwo tief in seinem Innern verdichtete, ihn explodieren lassen wollte, verstand sogar, dass seinem Paten, wie Merlin sagte, die Entscheidung schwer gefallen sein musste; immerhin, er selbst hasste das Training.

Doch das war es nicht, was zählte; wichtig war, dass Sirius das gleiche durchgemacht hatte wie er, und zwar für ihn!

Der letzte Rest seines Ärgers verschwand, löste sich einfach in Luft auf und machte Platz für eine Welle aus dankbarer Freude und Schuldgefühlen, die Harry die Schamesröte ins Gesicht trieb; noch nie hatte Sirius ihn im Stich gelassen – wie hatte er nur annehmen können, er wolle ihn quälen, wie hatte er nur? Er hatte sich benommen wie ein Idiot! Nicht nur, aber vor allem Sirius gegenüber, und Harry atmete ein paar Mal tief durch, inhalierte die frische, kühle Luft – und die Sonne wirkte auf einmal nicht mehr grell, sondern freundlich – und seufzte tief.

Nun erkannte er auch, wie enttäuscht Sirius über Harrys mangelndes Vertrauen bei ihrem – Gespräch – gewesen war – hatte er ihn nicht zu Beginn des Trainings gebeten, ihm zu vertrauen? Und Harry hatte noch so schön mit ‚natürlich' geantwortet, hätte nie damit gerechnet, dass er das Versprechen nicht würde halten können; letztendlich hatte er seinen Paten enttäuscht. Und Harry fühlte sich schuldig, nahm sich vor, den Vertrauensentzug wieder gutzumachen – auch wenn er noch nicht wusste, wie. Vor seinen Augen verschwamm die Gegend zu einem Muster bunter Farbflecken.

„Gib ihn frei, Harry!" schnitt eine besorgte Stimme durch Harrys Gedanken, ebenjene Stimme, die ihn schon gebeten hatte, aufzuhören, mit was auch immer. Der junge Zauberer stutzte, fragte sich, was das bedeuten konnte, konzentrierte sich auf diese Stimme und wollte ihr folgen – ihre Sorge schien ihn, obwohl er an seiner überwältigenden Euphorie festhalten wollte, anzustecken; die Farbschlieren vor seinen Augen verdichteten sich, nahmen Konturen an und wurden schärfer, bis Harry schließlich in den eindringlichen Blick von Remus Lupin blinzelte.

Überrascht starrte er den Lehrer an, die Frage, was passiert sei, schon auf den Lippen, als sein Blick auf Sirius fiel; sein Pate lag am Boden seines Schlafzimmers, vor dem Sessel, in den er gesunken war, mit dem Kopf auf Remus' Beinen – die Frage, was der Werwolf hier suchte, zwängte er einfach beiseite.

Sirius schien bewusstlos zu sein, wenn man von einem gelegentlichen Zähnefletschen absah, und Harry erschrak, wurde endlich aus der Merlins Behauptung folgenden Trance gerissen und ließ sich neben ihm auf die Knie fallen, wollte ihn wach schütteln; die aufgekommene Sorge verdichtete sich, als Sirius nicht reagierte, und Harry blickte auf in Remus' unruhige Augen, presste ein rasches „Was ist mit ihm?" hervor.

„Er hat das Bewusstsein verloren. Als du in seine Erinnerungen eingedrungen bist, hast du seine mentale Verteidigung einfach überrollt", erklärte Remus, und mit der Erinnerung an Merlins Worte verschwamm das Bild vor Harrys Augen zu einem verwaschenen Gebilde hässlicher Grautöne, die ihn anklagten; nein! Harry wünschte sich fast, einen Vorwurf aus der Stimme des Duellierlehrers heraushören zu können; das hier war seine Schuld, so fühlte es sich nur noch schlechter an, und seine Gedanken wirbelten. Der Zorn über die Trainingsmethoden und das brennende Verlangen zu erfahren, warum verdammt Sirius ihm das antat, mussten ihn irgendwie in Sirius' Kopf katapultiert haben.

„Seitdem kämpft er seine Erinnerungen nieder", fügte Remus leise hinzu, versuchte weiter, den Freund mit sanften Ohrfeigen zu wecken, die er regelmäßig austeilte, seit alle magischen Weckmethoden versagt hatten. „Wir sollten ihn in den Krankensaal bringen."

Der Junge der lebte nickte betroffen und schluckte – sein Pate hatte das Bewusstsein verloren, weil er gegen Harrys gewaltsames Eindringen hatte ankämpfen wollen; sicher hatte er verhindern wollen, dass Harry sah, was der Zauber bewirkte, hatte sicherstellen wollen, dass er den Zauber noch lernen konnte. Wie hatte Harry ihn nur einen ‚Lügner' nennen können?

Der Gedanke ließ sein schlechtes Gewissen wachsen; wenn Sirius sogar die Freundschaft mit Harry riskierte, wenn er weiter trainieren wollte, auch wenn Harry ihm ins Gesicht spuckte ihm nicht mehr zu vertrauen – er verdiente es, würde Remus ihn sofort ohrfeigen; wenn sein Pate sogar diesen mentalen Kampf hinnahm, um Harry den Zauber beibringen zu können – dann musste der Zauber wirklich wichtig sein, nicht wahr? Scheiße Harry, du bist so ein Idiot!

Wach auf!" schrie Harry wie von Sinnen, griff nach den Robenkragen seines Paten ohne es überhaupt wahrzunehmen und schüttelte ihn wild durch; bis Remus seine Handgelenke packte, von Sirius zurückzog und in Harrys Schoß legte.

„Das hat doch keinen Sinn, Harry", beteuerte er und richtete behutsam Sirius' Kopf, bis dieser nicht mehr Gefahr lief, von Remus' Beinen auf den harten Boden zu rollen; er zückte seinen Zauberstab, um eine Trage zu beschwören, während Harry die Finger in den Umhang seines Paten krallte. „Das wollte ich nicht, Sirius, ich wollte das nicht!" stammelte er verzweifelt, starrte nur stur auf den Boden und umschloss Sirius' Finger so fest, dass es diesen sicher geschmerzt hätte, wäre er bei Bewusstsein. „Es tut mir so leid, Sirius ..."

„Harry ..." Im ersten Moment dachte der junge Mann, Remus würde ihn beruhigen wollen, und er schüttelte energisch und verzweifelt den Kopf, wollte sich von dem Lehrer nicht davon abhalten lassen, sich zu sorgen; doch dann konnte er spüren, wie sich unterkühlte Finger in seiner Hand bewegten, den Druck Harrys eigener Finger erwiderten, und er fühlte seinen Magen springen, fuhr hoch – und erwiderte den leicht benebelten Blick halb geöffneter, silbergrauer Augen, der sogar ein klägliches Lächeln aus ihm herausbrechen ließ.

„Sirius", seufzte Harry erleichtert und schloss bestürzt die Augen; nach diesem emotional geladenen Tag hätte es ihn keineswegs überrascht, wenn seine Gefühle mit ihm explodiert wären, hier und jetzt, und die Frage erhob sich, wieso er nicht losheulte, denn die Lage war zum heulen. Erst dieser bodenlose Zorn, herbe Enttäuschung gepaart mit dem Gefühl des Verrats, und nun diese verhassten Schuldgefühle – doch er wollte sich wieder fassen, seine zitternden Finger unter Kontrolle bringen.

Wollte sich entschuldigen, musste es vermutlich sogar – so viel Sirius ihm zugemutet hatte, so sehr Harry selbst hinterher kaum wusste, wie er anders hätte reagieren können, seinen mentalen Angriff entschuldigte das nicht.

Aus den Büchern von Lesespaß für Zauberer – wenn er sich nicht irrte, aus Mentale Kriegsführung, die eleganten Attacken, und er schüttelte den Kopf darüber, dass er sich darauf konzentrieren konnte – wusste er, welche Gefahren derartiges Eindringen bot; Leute hatten den Rest ihres Lebens im St. Mungo verbracht, ohne je wieder aufzuwachen.

Harry war noch nie gut darin gewesen, Entschuldigen vorzutragen, und ein Teil von ihm fragte sich, wieso eigentlich, denn Sirius hatte Harrys Ärger doch selbst provoziert; aber dann dachte er wieder an die miterlebte Erinnerung, wie Sirius das Training für sein Patenkind fortgesetzt hatte – und Harry wusste aus erster Hand, wie aufreibend dieses Training sein konnte.

Also seufzte Harry, hob die Lider wieder – zu sprechen fiel so verdammt schwer, und er atmete tief durch.

„Es tut mir leid, dass ich ausgerastet bin, Sirius!"

Daraufhin regte Sirius sich, machte Anstalten, sich zu erheben, und Remus nahm die Hand von seiner Stirn und half ihm, sich aufzusetzen; dann lächelte Remus Harry aufmunternd zu, und der Verteidigungslehrer zuckte müde mit den Achseln.

„Du bist nicht der einzige, der explodiert ist – Merlin zufolge passiert das allen, die es soweit schaffen", gab er heiser zur Antwort und rang sich ein gequältes Lächeln ab, schlang die Arme unter den Kniehöhlen hindurch und zog seine langen Beine näher zum Oberkörper. „Du hast gesehen, wie ich ihn heruntergeputzt hab!"

Oh ja, die Bilder wirbelten noch sehr lebendig durch Harrys Kopf, und wenn er genauer darüber nachdachte, sollten sie ihn nach Sirius' energiegeladenem Auftritt in Dumbledores Büro, als sein Pate Natasha Toleen verteidigt hatte, nicht überraschen; Sirius atmete tief durch, seufzte und zuckte dann nochmal mit den Schultern. „Ich war so wütend, ich hätte mal beinahe mein Bett ohne Zauberstab in die Luft gejagt!"

– „Das wäre dann aber sehr unbequem geworden, wenn du auf dem Boden schlafen müsstest", murmelte Harry trocken; nicht wirklich in der Stimmung für Plänkeleien – und es gab sicher gelegenere Situationen, das wusste Harry auch ohne dass ein amüsiert wirkender Remus Lupin mahnend eine Braue hob – war ihm dieser Gedanke trotzdem einfach herausgerutscht.

Er war zu erleichtert, um ihn zu unterdrücken; und außerdem fühlte es sich so viel besser an, um das eigentliche Thema herumzudrucksen, als sich damit auseinandersetzen zu müssen.

„Für das Bett hätte ich mir schon einen Ersatz beschafft", erwiderte Sirius munter, doch der Junge merkte wie genau sein Lehrer wusste, dass dies nur eine Ablenkung darstellen sollte; und ihm kam es vor, als müsse sein Pate sich wirklich um diesen fröhlichen Tonfall bemühen. Ein kurzer Seitenblick auf Sirius bestätigte ihm diese Vermutung: Wahrscheinlich redete er sich gerade ein, dass Harry schon nicht mehr richtig darüber nachdenken konnte, was er sagte, als er dem Paten das Vertrauen abgesprochen hatte.

Vermutlich stimmte das sogar, und vielleicht hatte Sirius auch damit gerechnet; aber dem Jungen tat es verdammt leid, diesen Satz je ausgesprochen zu haben – die Bestätigung der Vermutung musste seinen Paten nichtsdestotrotz arg getroffen haben –, und er suchte bereits nach einer Möglichkeit, ihn wieder gut zu machen.

Als Sirius schließlich den Arm hob und Harrys Schulter drückte, atmete er tief durch und seufzte; na schön, genug vom Thema abgelenkt.

„Können wir den Streit vergessen?" fragte er also und sah mit glühenden Wangen auf, verflocht die Finger ineinander. Ihm wäre das sowieso lieber; die Wochen, in denen er sich mit seinem Paten gestritten hatte, könnte er gern vergessen.

Was natürlich auch am Training lag, und Harry grauste es noch immer bei dem Gedanken, dass er es nicht würde abrechen können, dass er weiter rennen und klettern und durch matschige Höhlen kriechen musste – er konnte sich mit dem Training nicht anfreunden. Doch der Gedanke an Sirius, und Merlin, und wie Merlin Sirius die Knochen gebrochen hatte – dafür, dass ihm das erspart geblieben war, musste er Sirius fast dankbar sein – würde Harry helfen, das verhasste Training zu ertragen und durchzustehen; und Harry könnte sich zumindest darüber freuen, endlich seinen Paten wiederzuhaben – wenn dieser denn auf Harrys Friedensangebot einging.

Sirius' warmes Lächeln, als er aufstand, war Antwort genug; Harry fühlte trotzdem, dass ihn das abgesprochene Vertrauen Harrys noch belastete, aber im Moment mussten sie es wohl dabei belassen. Er griff nach Sirius' ausgestreckter Hand und ließ sich auf die Beine ziehen.

„Ich bring dich zurück in deinen Turm. Sonst verpasst du den Einschluss."

– „Und danach treffen wir beide uns auf der Krankenstation", ergänzte Remus, legte Harrys Paten mahnend eine Hand auf den Oberarm und war aus dem Zimmer verschwunden, bevor Sirius gegen den Befehl Protest erheben konnte.

Eine Weile gingen Sirius und Harry schweigend nebeneinander her; jeder in seine eigenen Gedanken versunken, und Harry war unbehaglich zumute.

Schließlich schaute er Sirius von der Seite an, und er hätte die Summe des Gewinns für mindestens ein Trimagisches Turnier dafür bezahlt, seine Gedanken lesen zu können, zu wissen, was er jetzt von seinem Patenkind dachte. Aber bei der Erinnerung an die letzte diesbezügliche Gelegenheit ließ Harry von solchen Überlegungen ab, und er lächelte verhalten, als er seit langem wieder dieses stumme Einverständnis mit seinem Paten erahnen konnte, das er regelrecht vermisst hatte.

In der Ferne hörte er das leise Schimpfen von Madam Pince, die die letzten Schüler aus der Bibliothek scheuchte.

„Dumbledore beschäftigt sich übrigens auch mit diesem Problem", brach Sirius plötzlich die Stille, die zwischen ihnen herrschte, während sie alte Porträts und blitzblank polierte Rüstungen passierten; er blieb abrupt stehen und zog die Stirn kraus. „Wieso Voldemort den zurückgeprallten Todesfluch überlebt hat, und wie man gegen ihn ankommen kann. Er hat seine Ergebnisse – wenn er schon etwas entdeckt hat, und davon gehe ich aus – noch nicht mit dem Orden besprochen, aber vielleicht willst du ihn ja trotzdem darauf ansprechen ..."

Harry zuckte daraufhin nur ausweichend mit den Schultern; schwer vorstellbar, dass der Direktor ihn, im Gegensatz zum Phönixorden, einweihen würde – wovon auch Sirius auszugehen schien –, aber er nahm sich vor, den Tipp trotzdem im Hinterkopf abzuspeichern, und die beiden setzten ihren Weg in unangenehmem Schweigen fort.

„Sirius?" kam dem Jungen dann ein Gedanke, als sie ihr Ziel fast erreicht hatten, und er blieb abrupt stehen. Eine Idee formte sich in ihm, Harry grübelte immer noch, wie er das ausgesprochene Misstrauen gegen Sirius wieder gutmachen könnte, und er wusste jetzt, wie er einen Schritt in diese Richtung unternehmen konnte.

Was nicht hieß, dass ihm der Vorschlag leicht fiel, im Gegenteil; Worte zu formen schien selten so schwer.

Sirius hob überrascht die Brauen, als er sah, wie Harry mit sich rang, was er vorschlagen wollte ging ihm sicher nicht leicht über die Lippen; seine Augen offenbarten jedoch eine Entschlossenheit, die er dort lange vermisst hatte – der Junge hatte offensichtlich gerade gründlich über etwas nachgedacht und einen Entschluss gefasst, der ihm sehr schwer gefallen sein musste.

„Wir sind heute mit dem Training nicht fertig geworden", begann er, und Sirius lächelte warm, als ihn eine Ahnung überkam, was der Junge damit andeuten wollte, „Machen wir noch einen Umweg?"


Mühsam schleppte Harry sich den Weg entlang. Nach der Meditation hatte er gerade mit dem zweiten Durchgang des Parcours begonnen und fühlte sich bereits wieder wie kurz vor dem Zusammenbruch, als er vor sich die Felswand erblickte; sie hochzuklettern würde ein hartes Stück Arbeit werden! Seine Füße fühlten sich an wie Blei, die Knie weich wie Pudding, und es grenzte an ein Wunder, dass seine Beine ihn noch trugen! Der Raum drehte sich unaufhaltsam um ihn herum, der Weg hob und senkte sich unter Harry, sprang auf ihn zu und wich wieder zurück.

Der Schwindelanfall machte ihm jedoch nicht wirklich zu schaffen, denn Harry spürte bereits wieder die Bewusstlosigkeit herannahen. Ihre schwarzen Schleier tasteten nach ihm, trachteten danach, ihn einzuhüllen; verzweifelt zwang er sich, dagegen anzukämpfen, er würde auf den Beinen bleiben, trotz der Hitze, die in ihm aufstieg und ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.

Er würde ihr nicht nachgeben, er würde nicht zusammenbrechen, er würde weiter laufen. Er musste weiter laufen. Er durfte nicht aufhören weiter zu laufen. Sirius musste ihm diesen Zauber beibringen. Aus diesem Grund würde Harry weiter laufen. Er wollte weiter laufen. Er schaffte es nicht, weiter zu laufen.

Er brach zusammen, fiel zu Boden, bewusstlos. Seine Kräfte waren verbraucht, er hatte keine Reserven mehr, um weiter zu laufen. Schwärze hüllte ihn ein, fing ihn auf. Öffnete seinen Geist. Der Geruch von feuchtem Holz stieg ihm in die Nase, vertrieb seine Gedanken. Zerfaserte seine Gedanken. Verlor sich in der Schwärze.

Licht explodierte. Helles Licht. Gleißendes Licht. Die Explosion vertrieb die Schwärze. Vertrieb das Dunkel. Verschwand. Ließ die Schwärze zurückkehren. Alles schwarz.

Außer ein Tier. Ein wunderschönes Tier. Ein sagenhaft schönes Tier. Ein Patronus. Nein, kein Patronus. Dies war kein Patronus.

Dies war ein Einhorn. Ein Einhorn, leuchtend wie ein Patronus.

Ein Einhorn, das ihn ansah.

Das ihn musterte und auf ihn zukam.

Scheu. Unsicher. Interessiert.

Das sich in sein Gedächtnis einbrannte.

Smaragd.


-Anmerkung der Autorin-


Ich hoffe, dass ihr froh seid, weder Sirius noch mich geschlagen zu haben und dass euch das Kapitel gefallen hat!

Und außerdem, dass ihr damit zufrieden seid, wie ich den Konflikt zwischen den beiden gelöst habe - würde mich freuen, wenn ihr mir wieder ein Review hinterlasst, was ich besser / genauso / anders hätte schreiben sollen :D