Für alle, die schon länger auf das nächste Kapitel dieser Geschichte gewartet haben (ich hoffe doch, dass es da ein paar gibt ;)): Es tut mir wirklich leid, dass ich euch wieder mehrere Monate hab warten lassen.
Das muss aufhören, schon allein, weil ich nicht mehr weiß, wie ich mich noch entschuldigen soll - diesmal hatte ich eine sehr wichtige Prüfung an der Universität, und kam einige Wochen fast nur zum Lernen. Klar, dass da die Geschichte, leider, auf der Strecke bleibt.
Ich bin jetzt schon mehrere Male darauf hingewiesen worden, dass Lestranges Ritual in Kapitel 5, mit dem sie durch den Schutzschild der Schule kommt, eine Schwachstelle hätte, und zwar, dass der Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste durch eine "lebendige Mauer" geschützt werden könnte. Die Idee kam mir, aber ich hab sie nicht aufgegriffen, weil es mir unlogisch erscheint, dass die Lehrer ihre Verantwortung gegenüber den Schülern so sehr missbrauchen. Immerhin sind ihre Kollegen nicht immer zur Stelle. Diese Mauer bestünde also aus Schülern, von denen vor allem die unteren Jahrgänge irgendwann nervös genug würden und Lestrange dann verzaubern wollten, womit sie sich zum Ziel machten.
Ich hoffe natürlich, ihr habt DEM nicht vergessen und bedanke mich ganz herzlich für die Reviews auf das Kapitel "Smaragd".
Dann wünsch euch viel Spaß mit dem Kapitel, drückt die Daumen, dass ich nicht mehr so lang brauche. Wie schon erwähnt, Reviews sind stets sehr motivierend -g- und sei es nur dass es euch gefällt, oder auch nicht.
Wer andern eine Grube gräbt ...
Graue Wolken hingen trostlos über Schloss Hogwarts und gossen ihren Regen, der unaufhaltsam die ohnehin schon mickrigen Überreste der Schneehaufen schmelzen ließ, gleichmäßig über die Zaubererschule und ihre unter dichten, sich über den Boden schlängelnden Nebelschwaden verborgenen Ländereien. Absolut windstill hingen sie bereits seit dem frühen Morgengrauen am Himmel, und Harry starrte mit einem flauen Gefühl im Magen durch die trübe Regenwand in die lückenlose Wolkendecke.
Für einen Augenblick bildete er sich ein, Bilder darin zu erkennen; ein Vogel, der von einer großen Schlange hinuntergewürgt wurde, und dann einen sich krümmenden Wolf – doch der Eindruck verschwand so schnell, wie er gekommen war, und missmutig wandte er sich der Tafel zu, wo McGonagall über die Beschwörung von Kleiderkommoden dozierte; wie auch immer sie dies praktisch nachvollziehen wollten, in diesem kleinen Klassenzimmer.
Tief seufzend bedauerte Harry, an diesem Freitag dem dreizehnten nicht im Bett geblieben zu sein. Die warme Decke wirkte auf einmal sehr verlockend, vor allem durch die unaufhaltsam herannahende Doppelstunde Zaubertränke.
Auch viele Kilometer südlich peitschte kalter Regen aus den tief hängenden, düsteren Wolken, doch hier verschleierten keine Nebelschwaden die dank der trüben Witterung beinahe schwarz wirkenden Steilklippen, durch die nur eine schmale, kaum gangbare Steintreppe nach oben führte. Dafür heulte der Wind umso mehr und ließ Mimas ein weiteres Mal trudeln, während er auf seine Teamkameraden wartete, die sich noch die nassen Felsen empor kämpften, mehr und mehr darum bemüht, nicht auszurutschen und abzustürzen, und außerdem unentdeckt zu bleiben; derweilen suchte die Weißgesichtseule mit scharfen Augen die Umgebung ab, ließ ihren aufmerksamen Blick über das Dach und die Ländereien des düsteren, vornehmen Landhauses schweifen auf der Suche nach der kleinsten Bewegung, die einen Hinweis auf Todesser bieten konnte.
Ihre Informationen besagten zwar, dass das alte, dem Sturm kaum trotzende Haus leer stand ...
Ein Ast krachte gegen einen der schwarzen Fensterläden, ließ Mimas' Kopf herumfahren – falscher Alarm! –, und im Hintergrund peitschte der Wind den Ärmelkanal in hohen Wellen gegen die Felsen, als sich endlich die erste der getarnten, schwarzvermummten Gestalten über den Rand der Klippen schob; sie starrte zum Himmel, doch die silberne Eule, die im Sturm nicht halb so anmutig wie gewohnt ihre Kreise zog, blieb stumm, und so winkte der Zauberer, dessen verhaltenes Hinken den Mann als Moody enttarnte, seine Nachhut die restlichen Stufen hinauf, führte sie dann rasch in die Schatten der Bäume.
Immer noch kein Ruf von der Weißgesichtseule, und das Team schlich langsam an die nächstgelegene, schmutzige Wand des Landhauses heran, verschmolz mit den Schatten, und Mimas setzte zur Landung an.
Angegrauter Putz knirschte, als schwarze Roben wuchsen und darüber streiften, und Sirius spürte bereits Moodys wachsamem Blick auf sich ruhen, noch bevor er die Schultern straffen und so das vertraute Gefühl vager Irritation abschütteln konnte, die die Rückverwandlung in einen Menschen stets mit sich brachte – eigentlich sollten da Flügel sein, durch die Moodys Blick sich bohren konnte. Neben ihm zuckte Diggel nervös zusammen, als Smethwyck gegen ihn stieß – Amateure! würde Moody innerlich schimpfen, und Sirius unterdrückte den Drang zu schnauben, während sich die letzten Reste der nach der Transformation üblichen, stechenden Kopfschmerzen verflüchtigten; das menschliche Gehirn war einfach nicht dafür vorbereitet, all die Informationen der viel schärferen Eulenaugen zu verarbeiten.
Mit einem knappen Kopfschütteln beantwortete er die stumme Frage des Auroren, nicht einmal ein Rascheln hatte auf die Anwesenheit von Todessern hingedeutet, und der alte Mann nickte, winkte, und einer der Weasley-Zwillinge löste sich von der Wand und trat leise neben Sirius.
Noch ein Winken Moodys, und die beiden entfernten sich, schlichen gebeugt um das Haus herum. Sirius warf einen knappen Blick über die Schulter und erlaubte sich ein flüchtiges Schmunzeln, als er Fred bedeutete, nicht über den schlammigen Boden zu robben, im Augenwinkel Moody eine Grimasse schneiden sah – die Fenster fingen hoch genug an, ducken reichte also vollkommen aus. Je schmutziger die Roben, desto mehr Spuren konnten sie hinterlassen.
Nichts wies auf die Anwesenheit von Zauberern hin, als Sirius in Gestalt von Mimas auf eine Terrasse flog und einen vorsichtigen Blick in das nächste Zimmer warf, und so verwandelte er sich zurück und half Fred, sich auf das Vordach zu ziehen, während der Rest des Teams sich um die Villa verteilte. Ihren Informationen zufolge befand sich das Ziel – ein kleiner Kupferschlüssel, von dem Dumbledore annahm, dass es sich um eben jenen Schlüssel handelte, nachdem sie schon Monate suchten – in einem der Zimmer des obersten Stockwerks, und die beiden schoben sich durch eines der Fenster in den angrenzenden Raum, überprüften auch hier erst, ob sich Spuren von Zauberern zeigten.
Fred lag vermutlich nicht mehr daran als ihm selbst, in eine Falle zu tappen.
Außer dem durch das geöffnete Fenster fauchenden Wind und dem wilden Flattern altmodischer, verdreckter Vorhänge ließ sich kein Geräusch vernehmen, und die Räume machten tatsächlich einen absolut verlassenen Eindruck – zu verlassen, für Sirius' Geschmack; die zentimeterhohe Staubschicht am Boden wirkte viel zu perfekt, und Sirius überlegte, was ihn an diesem Zimmer störte, das für ihn immer mehr nach einer Falle roch, während er nach Freds Schulter fasste und ihn davon abhielt, weiter in die Villa vorzustoßen.
Ihn hatte schon vor ihrem Aufbruch stutzig gemacht, dass das Haus mit Zauberdetektoren geschützt war, und Moody hatte ihm voll und ganz zugestimmt – wieso wollte jemand ein unbewohntes Landhaus mit Zauberdetektoren schützen?
Aus einem anderen Grund würde Moody jedenfalls nicht die steile Treppe in den Felsen hochklettern anstatt direkt vor das Haus – in die Sicherheit der durch den Wald versprochenen Deckung – zu portschlüsseln, und der Jugson, mit vor allem er selbst aber auch James immer in der Schule aneinander geraten waren, hätte seine wertvolle Einrichtung bei seinem Auszug ohnehin mitgenommen – wieso also Zauberdetektoren?
Sirius ließ seinen Blick wachsam über die Wände streifen, während Fred neben ihm langsam ungeduldig wurde und vorsichtig in die Zimmerecken spähte – der Junge mochte Spinnen nicht mehr leiden als sein Bruder Ron, und der Gedanke, dass hier bestimmt –
Sirius erstarrte, packte dann Fred am Kragen und verpasste ihm einen Stoß, der ihn zurück über die Fensterbank segeln ließ – es war unmöglich, dass in einem über Jahre leerstehenden Haus keine Spinnweben an der Decke hingen.
Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen, meldete sich wieder und ließ ihn vom Fenster wegtauchen.
Heiße Funken, dort wo sich eben noch sein Nacken befunden hatte, übertönten fast den Lärm Freds, der lautstark im Terrassengeländer landete. Schwarze Magie, geballt genug um ihn frösteln zu lassen. Holzsplitter des Fensterrahmens fegten durch die Luft, schnitten in seine Haut, doch Sirius ignorierte sie geübt, bemühte sich noch am Boden um einen möglichst fiesen Explosionszauber, den er den Angreifern entgegenschleuderte, erzwang sich die Zeit, die er brauchte, um seinen Körper hoch und durch das Fenster zu werfen.
Kaum hart aufgeschlagen zerrte Fred ihn im Schatten der Hauswand grob auf die Beine, aus dem Zimmer schollen noch die Rufe der nach Sirius' Zauber verzweifelt einer Stichflamme ausweichenden Todesser – plötzlich schien ein gewaltiges Erdbeben das Vordach zu erfassen, ein tobender Orkan aus Holzsplittern und Rauch und ohrenbetäubendem Donnern, und dann nur noch Schwärze.
Harry senkte den Kopf über sein Buch und unterdrückte ein Gähnen, während er auf dem harten Holzstuhl herumrutschte, um sich eine bequemere Position zu suchen – Snape hatte sich ganz bestimmt etwas bei diesen Stühlen gedacht! Auf jedem anderen wäre er wohl zu Stundenbeginn eingeschlafen, wäre er doch am liebsten schon nach dem morgendlichen Training mit seinem Paten wieder ins Bett gefallen.
Was eigentlich nicht an Sirius lag – nein, seit Harrys Zusammenbruch waren seine Methoden sehr viel humaner geworden; vielmehr hatte der junge Zauberer die halbe Nacht damit verbracht, die Bücher von Lesespaß für Zauberer zu durchforsten, nachdem er abends bei einem vielversprechenden Text angelangt war, der sich kurz nach ein Uhr als wertlos herausgestellt hatte. Zumindest wertlos aus der Perspektive eines Jungen der lebte und Voldemort würde töten müssen.
Davon abgesehen war Snapes Unterricht schlicht und einfach langweilig. Immer derselbe monotone Vortrag, immer derselbe, einschläfernde Redeschwall – und Harry hatte längst wieder vergessen, was der Nixentrank eigentlich bewirken sollte. Hatte spätestens zu dem Zeitpunkt abschalten müssen, als Snape erklärte, dass dieser Trank so anspruchsvoll war, dass er noch nie hatte gelingen können, dass außerdem zwei Zauberer, beide exzellent ausgebildet in der Kunst des Zaubertrankbrauens, nötig seien, um sich überhaupt an den Nixentrank zu wagen.
Kurz, niemand in der Klasse würde den Trank korrekt brauen können, und das resultierende Gebräu dann zu testen, würde ziemlich bald den – ohne Frage schmerzhaften – Tod des Konsumenten herbeiführen.
Tu nicht so, als würde dir etwas an Nevilles Kröte liegen!
Vielmehr befürchtete Snape, einer der Schüler könne sein Klassenzimmer vorzeitig in die Luft jagen.
„Potter!" Der scharfe Aufruf ließ Harry aufschrecken, er fuhr hoch – und was er sah, wollte ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen; mit einem Mal wirkte der Kerker so kalt, dass es Harry wunderte, keine Eiskristalle am nackten Stein der Wand wachsen zu sehen.
„Harry Potter", wiederholte die Stimme kühl, und schon war Harrys Hand oben, richtete den Zauberstab – der junge Zauberer hätte nicht sagen können, wann er ihn gezogen hatte – auf sein Gegenüber, das den eigenen Zauberstab noch immer locker in der linken Hand hielt, das Pulsieren der darin eingeschlossenen Phönixfeder und die damit einhergehende Kraft zu genießen schien; der wohl keinen Grund sah, den Zauberstab seinerseits auf Harry zu richten, sich deutlich überlegen wähnte, und Harry wollte fluchen bei dem Gedanken, dass er damit wohl recht behalten würde.
„Raus hier!" wandte Harry sich an seine Klassenkameraden, die links und rechts von ihm saßen, immer noch an ihren Tischen, und ihn entgeistert anstarrten – wieso zum Henker brachten diese Narren sich nicht in Sicherheit? Er wollte sie anschreien, endlich das Zimmer zu verlassen, sie notfalls mit Gewalt dazu bringen, sich endlich in Bewegung zu setzen, doch er wusste, dass er sich wieder auf sein Gegenüber konzentrieren musste; Harry spürte, wie diese eisigen Augen sich direkt in ihn hinein bohrten, Schmerz zwischen seinen Schläfen hin und her schickten, der jedoch nichts war im Vergleich zum Brennen seiner Narbe, oder diesen Stichen am ganzen Körper verursacht durch den leisen Hohn in der Stimme des Dunklen Lords.
„Du lässt mich ungewöhnlich oft in deine Gedanken eindringen, junger Freund", stellte Voldemort fest und lachte leise und beherrscht, fixierte Harry noch immer mit seinen roten Augen, die von diesem Lächeln nicht einmal ansatzweise erreicht wurden. „Irgendetwas, das deine Okklumentik stört?"
Harry schnaubte trocken auf, diese Frage musste darauf abzielen, ihn zu verhöhnen – natürlich wurde seine Okklumentik gestört! Flüchtig dachte Harry an Sirius' Trank, der, um ihn mit dem Einhorn vertraut zu machen, seinen Geist öffnete; er hätte zu Boden gestarrt, wollte den Augenkontakt abbrechen und dem Schwarzmagier so das geistige Eindringen schwerstmöglich machen, doch dann würde er den Gegner aus den Augen verlieren – das Dümmste was man in einem Duell machen konnte, worauf Remus sie erst kürzlich wieder hingewiesen hatte.
Also musste er sich damit begnügen, eine geistige Mauer hinter seiner Stirn zu errichten, und die Anstrengung, den Dunklen Lord fern zu halten, trieb ihm schnell Schweißperlen auf die Stirn.
Ich bin nicht dein Freund!
Voldemort lachte noch einmal leise auf, dann trat er vor – wischte ohne Mühe Harrys instantan beschworenen Bindehautzauber aus der Luft – und hob den Zauberstab, setzte ihn zwischen Harrys Augenbrauen, und der Kerker explodierte.
Schwarzvermummte Diener, unter seinem Tarnzauber versteckt, die warteten, bis der Köder die Opfer weiter ins Haus trieb, improvisierten, auf die beiden zustürzten als sich abzeichnete, dass sie die Falle hatten riechen können und ins Freie flohen.
Schwere Wolken, die beinahe das Dach eines Landhauses streiften, alt und heruntergekommen, fast schwarz stand es an einer Klippe und trotzte mehr schlecht als recht einem lautlosen Sturm, durch den sich mehrere Gestalten darauf zu kämpften.
Ein Flammenzauber, und Holz fing Feuer, brachte einen Feind zu Fall.
Ein leeres Zimmer, eine dicke, unberührte Staubschicht, und Harry wusste genau, dass in der Mitte ein Schlüssel liegen sollte, der nur offiziell dort war weil er ihn selbst noch nicht hatte finden können, klein und kupfern, und er lachte, nahe am Ziel, und hörte sich doch selbst nicht.
Ein Balkon, den er zum Einsturz brachte – Harry erkannte das Landhaus –, und eine schwarzvermummte Gestalt, über deren Umhang rote Haare wirbelten, riss mit weit aufgerissenen Augen ihren Zauberstab hoch, als er ihn erkannte, nun völlig überfordert mit der Aufgabe, sich in Sicherheit zu bringen, geschweige denn seinen Kameraden zu schützen.
Stumme Schreie, und Schmerzen in grauen Augen, und Harry hielt sich die Ohren zu obwohl er nichts hören konnte, während er wieder lachen wollte und den Zauberstab hob, um eine weitere Welle von Krämpfen zu schicken.
Schwarze Augen, umrahmt von fettigem Haar in einem Gesicht, dass sich über ihn beugte mit sich lautlos bewegenden Lippen. Das schmerzhafte Brennen einer Ohrfeige ...
Nur Minuten später saß Harry zwischen Hermine und Ron im Hauptquartier des Phönixordens und rutschte nervös in einem bequemen, von Dumbledore beschworenen Ohrensessel hin und her; Snape hatte das Trio mit einem Portschlüssel in die Höhle gebracht und an den großen Tisch gesetzt, kaum dass Harry im Zaubertrankunterricht auf dem kalten Boden zu sich gekommen war, und er stöhnte, rieb sich die Stirn und versuchte, das schmerzende Pochen zwischen seinen Schläfen zu vertreiben, ignorierte Hermines Hand, die sacht auf seiner Schulter landete.
Direkt nach der Vision von Voldemort hatte es dem zitternden Jungen natürlich nicht gelingen können, die Bilder vor dem verhassten Lehrer abzuschirmen, und im Nachhinein war er fast froh darüber – immerhin hätte der Orden dann nicht so schnell von der Falle für ‚Team Holzbein' erfahren, die Harry zusammen mit etlichen anderen Eindrücken überflutet hatte, und er wechselte einen ungeduldigen Blick mit Ron; weswegen dauerte es so lange, den Orden zum Gegenschlag zu rüsten, und wo, heulender Hippogreif, steckten eigentlich Tonks und die anderen Mitglieder mit Kampferfahrung?
Dumbledore hatte wenigstens sofort alle verfügbaren Phönixe zusammengerufen und Shacklebolt sich längst in die Planung einer überstürzten Rettungsaktion vergraben – Snape unterdessen legte seine blitzenden Augen immer wieder auf Harry, hatte ihm den Bindehautfluch noch nicht verziehen, der Snape knapp verfehlt und ein Stück Tafel herausgesprengt hatte –, als ein Aufschrei von Elphias Doge alle Anwesenden herumfahren ließ.
Remus und Amos Diggory, hinter denen gerade die schwere Eingangstür zum Hauptquartier mit einem lauten Krachen ins Schloss fiel, stürzten bereits auf vier auf dem Boden kauernden, sich an einen Schokoriegel klammernden Zauberer zu, und Bill erhob sich zusammen mit seinem Vater und seiner Verlobten Fleur (eine große Überraschung für Harry, als Ron ihm den Brief unter die Nase gehalten hatte, doch er schob den Gedanken rasch beiseite), um den beiden beim Transport in das Krankenzelt zu helfen.
Auch Harry war aufgesprungen, versuchte auszumachen, welche der an dem Einsatz beteiligten Ordensmitglieder es zurück ins Hauptquartier geschafft hatten, suchte unter den zerfetzten Umhängen angestrengt nach der schwarzen Mähne seines Paten. Dumbledore hatte bereits zugegeben, dass er Mimas für das Team eingeteilt hatte, und Harry schauderte bei der Erinnerung an den schreienden Zauberer in den Bildern Voldemorts; kein Zweifel, wem diese grauen Augen gehörten.
Außer Moodys qualmendem Holzbein erkannte er jedoch lediglich Heiler Smethwyck, der sich als einziger noch aufrecht halten konnte und nun nach seiner medizinischen Ausrüstung schickte. Für einen Augenblick stutzte Harry, fand es, zusammen mit dem zufriedenen Lächeln Smethwycks, als Wochen zuvor herauskam, dass Dumbledore den Spion im Orden nicht hatte enttarnen können, überaus verdächtig, dass der Heiler so viel weniger verletzt zu sein schien als seine Kollegen – und außerdem stand er auf der Liste der Verdächtigen –, doch er schob auch diesen Gedanken beiseite, als Smethwyck hinter den Zeltplanen verschwand.
Im Moment hatte er wirklich andere Sorgen, und seine Gedanken kehrten zurück zu Sirius und dem dumpfen Gefühl in seiner Magengegend, dieser dunklen Vorahnung; so wie in der Krankenstation vor einigen Wochen – war es tatsächlich schon so lange her? –, und Harry erinnerte sich noch gut an das eigene Unbehagen, als er seinem Paten von der Neugierde Voldemorts bezüglich des geheimnisvollen Zaubers berichtete, beim Einhornsuchen im verbotenen Wald.
Die Besorgnis, der Dunkle Lord könne sein Augenmerk auf Sirius richten, nachdem er bei Harry gescheitert war – der junge Zauberer hatte schließlich immer noch nicht erfahren, wozu dieser Zauber gut sein würde –, kehrte zurück und zog Harry von seinem Platz, ließ ihn neben Dumbledore treten.
„Eine ... Falle", keuchte Moody als der Schulleiter neben ihm auf die Knie sank, hustete – und spuckte Blut –, und Harry schloss die zitternden Finger um eine der nahen Zeltstreben, wollte sich irgendwo festhalten, als er die anderen beiden Verletzten erkannt hatte; Mundungus Fletcher und George Weasley.
Beide übel zugerichtet, Fletchers heftig blutender Unterarm stand in einem seltsamen Winkel ab, George war nicht einmal bei Bewusstsein – und keine Spur von Sirius. Verdammt!
„... wussten, dass wir kommen ... haben Sirius und Weasley den Rückweg – hat irgendwie geahnt, dass es eine Falle war", berichtete Moody weiter, und Harry musste die Ohren spitzen, um überhaupt ein Wort zu verstehen. Dem alten Mann fiel das Sprechen so schwer, dass Heiler Smethwyck ihm eine Hand auf die Brust legte und Moody zu Boden drückte mit der Aufforderung, sich zu schonen; Andromeda Tonks wischte dem ehemaligen Auroren das gehustete Blut mit einem bestickten Taschentuch vom Kinn und half ihm, sich eine bequemere Position zu suchen, während Smethwyck Dumbledores Blick suchte, eindringlich in dessen blaue Augen starrte – der Sturkopf muss sofort medizinisch versorgt werden!
„Diggel ist tot ...", brachte Moody dann krächzend und mit reiner Willenskraft heraus, ohne auf Smethwycks Anweisung oder seinen Protest zu achten – als Anführer der Mission hielt er es für seine verdammte Pflicht, dem Orden mitzuteilen, was sich ereignet hatte, und erst danach zusammenzubrechen, und er blinzelte, darum bemüht, die Augen offen zu halten. „Haben ihn ... mit dem Splitterfluch ..."
Nicht nur Harry schauderte bei dieser Vorstellung verhalten; von dem quirligen Ordensmitglied mit dem violetten Zylinder, der dem nervösen Mann immer wieder vom Kopf gerutscht war, konnten nichts als Fetzen übriggeblieben sein, und er schluckte, konzentrierte sich stur auf den Bericht des Einsatzleiters, um von diesem Bild abzulenken; außerdem musste er wissen, was mit seinem Paten geschehen war.
Wieder schob sich diese Erinnerung an graue Augen in seinen Blick; wieder hörte er stumme Schreie.
„Wir ... haben gekämpft – aber zu viele. Haben Sirius und Weasley von uns ... abgeschnitten", fügte der alte Mann hinzu und holte rasselnd Luft, hustete dann, als er Blut verschluckte, „Sirius ... bewusstlos, und die Todesser – noch Verstärkung. Einer hat auf ... Fletcher angelegt – mussten ... Rückzug."
Mit diesen Worten verlor Moody das Bewusstsein, und Smethwyck atmete erleichtert auf und verschaffte sich einen ersten Eindruck von der Verfassung des Patienten, während Andromeda leise in einem benachbarten Zelt verschwand.
Harry unterdessen schloss die zitternden Hände noch fester um den schmalen Eisenstab und starrte ins Leere, versuchte kaum, die ohnmächtige Wut zu unterdrücken, die plötzlich in ihm aufkeimte – Wut darüber, dass das Team ohne seinen Paten und Fred zurückgekehrt war.
Er nahm das rege Treiben der Ordensmitglieder um sich herum kaum wahr, erkannte den über George Weasley gebeugten, ergrauenden Rotschopf nicht einmal als dessen Mutter; ignorierte flüchtig das Apparationsknallen eines von Kingsley Shacklebolt angeführten Teams. Ordensmitglieder, unterwegs um Jugsons Ruine, vor Minuten noch ein stattliches Haus, nach Spuren zu durchsuchen, nach Hinweisen, die sie zu Sirius und Fred führen konnten – so zahlreich, dass sie nicht in die gleiche Falle wie ihre Kameraden zu tappen drohten.
Einfach zurückgelassen.
Der Gedanke schürte die Wut in ihm weiter an, und in Harrys Kopf wirbelte alles, wild und durcheinander.
Sirius, verdammt, das darf nicht –
Ton zersprang, als zornige Magie darin einschlug – sein Zorn, und seine Magie. Merkwürdig distanziert blickte Harry auf, beobachtete, wie Andromeda Tonks schimpfte und die Scherben einer filigranen Schüssel fallen ließ, um deren Inhalt mit einem Schlenkern ihres Zauberstabs zu retten, wie hinter ihr die Planen eines olivgrünen Zeltes vor den Eingang zurückfielen – doch eigentlich sah er gar nicht zu.
‚Einer hat auf Fletcher angelegt, mussten uns zurückziehen.'
„Dafür wirst du bezahlen!" entfuhr es ihm leise; selbst Harry war überrascht, wie fest seine Stimme klang, obwohl heißer Zorn seine Finger nach wie vor zittern ließ. Eine Hand legte sich sacht auf seine Schulter – es fiel Harry schwer, dem Drang zu widerstehen, sie aggressiv wegzuschlagen.
Doch er sah nur auf und bemühte sich darum, seine Fassung zu wahren.
„Es gibt Situationen, in denen man nicht jeden retten kann, Harry – in denen man Opfer akzeptieren muss, wenn nicht alle fallen sollen", erwiderte Remus, in einem so abscheulich sanften Ton, dass Harry am liebsten blind vor Zorn losgeschrieen hätte; doch ein Blick in diese bernsteinfarbenen Augen hielt ihn davon ab – so mitfühlend sie ihn auch ansahen, ihn beruhigen wollten, Remus konnte ihn damit nicht täuschen. Dieses unterdrückte Zittern in seiner Stimme, die Sorge in den Augen des Werwolfs verrieten ihn – Moony will Tatze zurück.
„Gib Moody nicht die Schuld dafür, Harry!" bat Remus dann leise, und der junge Zauberer merkte erst jetzt, dass der Einsatzleiter noch immer vor seinen Füßen lag – auf einer eilig beschworenen Bahre mittlerweile, und Andromeda Tonks bestrich seine äußeren Wunden mit einer Salbe, während Smethwyck sich um die anderen Verletzungen kümmerte. Aber vermutlich war in einer medizinisch unterversorgten Höhle ein Behandlungsplatz so gut alle anderen.
Zudem erkannte er, dass er diese Drohung eben an Moody gerichtet hatte, obwohl Harry wohl besser als jedes andere, nicht bewusstlose, anwesende Ordensmitglied längst wusste, dass den ehemaligen Auroren keine Schuld traf – keiner von ihnen hatte miterlebt, wie der Dunkle Lord Sirius und Fred persönlich von den anderen abschirmte.
„Nicht Moody", korrigierte er also grimmig, „Voldemort", und er straffte die Schultern, spürte beinahe Remus' Zögern, doch die Finger seines Freundes verweilten an Ort und Stelle.
Der junge Zauberer widerstand dem Drang, den versichernden Griff einfach abzuschütteln – wie in aller Welt konnte es sein, dass er Sirius schon wieder in Gefahr gebracht hatte!
Als hätte er es die ganze Zeit geahnt begriff er doch erst jetzt die Zusammenhänge. Wie konnte der Schwarze Lord nur die Dreistigkeit besitzen, eben jenen Schlüssel, nach dem der Orden so angestrengt suchte – und der ihm demzufolge gefährlich werden konnte – als Köder zu benutzen! Als Köder, um Sirius in sein Netz zu locken – Voldemorts Verlangen, hinter das Geheimnis um Harrys Training zu kommen, war stärker denn je. Sein Spion musste die Information irgendwie – anonym – dem Orden überbracht haben, und Harry schluckte, doch das nervöse Kribbeln in seinem Magen wollte nicht verschwinden.
Der Plan des Dunklen Lords hatte sich als voller Erfolg herausgestellt.
Es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, was Voldemort unternehmen würde, um an das Geheimnis des Zaubers zu kommen – freiwillig würde Sirius dem Schwarzmagier die Information nicht überlassen, wenn er schon Harry gegenüber so entschlossen schwieg, und der junge Zauberer krallte sich wieder um die Zeltstange, die ihm bereits zuvor als Halt gedient hatte, hatte immer wieder dieses grässliche Bild eines sich unter Schmerzen windenden Mannes vor Augen, das Voldemort ihm aufgedrängt hatte.
Das ist deine Schuld! ließ sich eine grausame Stimme in seinem Kopf vernehmen, und Harry schwankte, fühlte Angst und Schuldgefühle in sich aufsteigen, die ihn wie riesige Wellen zu ertränken drohten und ihn an die Wochen nach dem fünften Schuljahr erinnerten. Und das schmerzte; scheiße, und wie! Wieder war er dafür verantwortlich, dass sein Pate in Gefahr geraten war – und Harry versuchte den quälenden Gedanken an den drohenden Verlust zu verdrängen, an die Erinnerung, wie er sich nach dem letzten Mal gefühlt hatte; würgte die Angst hinunter, dass sich dies wiederholen könnte, endgültig diesmal.
„Bist du dir absolut sicher, Harry?" hakte Dumbledore nach, sah dem jungen Zauberer fest und viel zu ernst in betrübte Augen, während Remus die Tischplatte anstarrte, die ihn von Harry trennte, betroffen die Hände vor dem bleichen Gesicht verschränkte. Harry fragte sich, wie der Schulleiter immer diese weise Voraussicht beweisen konnte, so wie er auch diesmal niemanden sonst in das kleine Zelt mitgebracht hatte.
Doch er erkannte, dass der Gedanke ihn nur ablenken sollte, und so nickte er betreten und schwieg – die Bilder wirbelten noch viel zu lebendig durch seinen Kopf, als dass er mehr herausgebracht hätte – er fühlte sich, als hätte man ihn geschlagen.
Das konnte doch nicht alles passieren!
Wenn er an die langweilige, gerade zurückliegende Zaubertrankstunde dachte, in der er sich noch ein ablenkendes Ereignis herbeigewünscht hatte – wie gern würde er sich jetzt wieder langweilen! Einfach nur auf diesem unbequemen Stuhl sitzen und gegen das Einschlafen ankämpfen – und sich keine Sorgen um Sirius machen, sich nicht Zweifel und Zorn ausliefern zu müssen, die wie gefräßige Ratten an ihm nagten. Hätte er die Gefangenschaft von Sirius und Fred irgendwie verhindern können?
Wütend krallte Harry seine Finger in die weichen Lehnen – vielleicht hätte Dumbledore seinen Paten nie für die Mission eingeteilt, hätte er von Voldemorts Gier nach dem Wissen um den Zauber gewusst.
‚Unsere Informationen besagten, dass die Treppe zum zweiten Stockwerk eingestürzt war – für Mimas hätte das kein Problem dargestellt', hatte der Ordensleiter gesagt.Voldemort hatte viel zu gut gewusst, wie er seinen Paten in diese Falle locken konnte! Womit klar war, dass der Spion von Sirius' neuer Animagusform wusste – tsk, als ob das nicht auf neun von zehn Ordensmitgliedern zuträfe.
„Das ändert natürlich vieles", seufzte Dumbledore leise, sank in einen weichen, mit dunkelblauem, fast schwarzem Samt ausgeschlagenen Sessel und hob den Zauberstab. Kurz darauf zischte etwas Silbriges zwischen den Eingangsplanen ihres Zeltes hindurch – das verhaltene Summen schreckte Remus auf, und der Direktor antwortete auf seinen fragenden Blick: „Severus soll der Spurensicherung Bescheid geben – es wird sie sicher interessieren. Und Kingsley außerdem seine Unterstützung anbieten. Ich bezweifle, dass sich ein anderes Ordensmitglied findet, das sich besser bei Mr. Jugson auskennt."
Seine Hand war oben, unterband den Protest, kaum dass Harry den Mund geöffnet hatte, und der junge Zauberer wollte fluchen – Snape hasst Sirius! Aber das hat Dumbledore ja noch nie gestört, und er verdrehte die Augen, als er Remus' düsterem Blick begegnete.
„Vor diesem Hintergrund wird natürlich noch wichtiger, dass wir endlich Voldemorts Spion enttarnen – vielleicht können wir ihm einen Hinweis auf den gegenwärtigen Aufenthaltsort unserer vermissten Ordensmitglieder entnehmen", fuhr Dumbledore fort, als wäre er nie unterbrochen worden, und Harry hob die Brauen.
Im Orden wurde bereits wild spekuliert, ob sie sich einen zweiten Spion eingefangen oder sich doch in Natasha geirrt hatten. Snape, der Toleen schon aus Prinzip für schuldig hielt – immerhin stimmte er damit gegen Sirius – hatte betont, dass ihre Ausreden, wie er es nannte, doch äußerst fadenscheinig waren, und Andromeda hatte mit ihrer hellen Stimme dagegengehalten. „In der Tat", hatte sie gesagt, „Zu fadenscheinig, meinen Sie nicht? Würde sie damit rechnen müssen, auf einer Todesserversammlung als Überläufer enttarnt zu werden, hätte sie sich dann nicht plausiblere Gründe für ihre Anwesenheit überlegt?"
Doch das schien Dumbledore nicht zu meinen; das gewohnte Funkeln kehrte in seine Augenwinkel zurück, und Harry begann zu ahnen, was seine Aussage andeuten sollte. Er riss die Augen auf und wechselte einen verblüfften Blick mit Remus.
„Sie wussten von Anfang an, dass sie unschuldig ist?" brachte er dann heraus, verwirrt, überrumpelt – und tief entsetzt, als er die Zustimmung in den blauen Augen des Schulleiters sah. Enttäuschter Vorwurf schlich sich in seine Stimme. „Wie konnten sie dann zulassen, dass die Auroren sie nach Askaban überführen!"
Natürlich war Harry klar, dass Dumbledore Toleen schlecht mit Gewalt aus einer der Zellen im Aurorenbüro entführen konnte – speziell in der gegenwärtigen Lage, wo doch jeder dahinter eine Mission des Phönixordens vermutet hätte; erst letzte Woche hatte so ein neunmalkluger Redakteur vom Vollmondmagazin die Vermutung, Dumbledore würde den Orden leiten, wieder aufgegriffen, und einen recht kompromittierenden Artikel in die Welt gesetzt.
„Mich für sie einzusetzen konnte die Entscheidung des Zauberergamots leider nicht beeinflussen", erwiderte der Leiter des Phönixordens, und das Funkeln schwand aus seinem Blick, machte leisem Bedauern Platz; Harry schluckte.
Er konnte, mochte sich kaum vorstellen, wie es der braunhaarigen Frau in Askaban ergehen würde, in einer Hochsicherheitszelle noch dazu – hatte viel zu oft die Auswirkungen der Dementoren durch die grauen Augen seines Paten schimmern sehen. Sicher, der Großteil dieser Horrorgestalten hatte sich Voldemort angeschlossen, hatte das Gefängnis aufgegeben, doch da waren Gerüchte, dass sie zu lange in den Gängen verweilt hatten – lange genug, um die Festung mit Alpträumen und kalter Trostlosigkeit zu verseuchen.
Unter diesen Umständen hätte Harry, wäre dies hier sein Orden, wohl doch einen Versuch gewagt, Natasha zu befreien – und wenn die Erfolgsaussichten noch so schlecht waren, und die Zauberergemeinschaft noch so sehr auf den Orden schimpfte.
Stumme Schreie, und Schmerzen in grauen Augen, und die Erinnerung brachte Harrys Gedanken zurück zu ihrer momentan größten Sorge, und ihm war diesmal überhaupt nicht danach, zu lachen. Doch Dumbledore hatte recht – den Spion zu enttarnen war nun wichtiger denn je. Nur, dass sie nicht wussten, wo sie überhaupt suchen sollten, dass der Spion sich über Monate keinen für ihn fatalen Fehler geleistet hatte – und selbst Sirius, obwohl sehr motiviert durch Toleens Gefangennahme, hatte Remus' Blick zufolge noch keine Spur gefunden. Dies brachte Harry auf einen neuen Gedanken, und er hob abermals die Brauen, musterte den weißhaarigen Zauberer am Kopf des Tisches aufmerksam.
„Ich war in der Tat der Ansicht, dass es Sirius viel schneller gelingen könnte als mir, den Spion zu überführen – bei mir wäre dieser viel zu vorsichtig", gab Dumbledore daraufhin zu und strich sich durch seinen langen, weißen Bart, bevor er seinen Hut zurechtrutschte und hinzufügte: „Und so emotional Sirius auch reagieren kann – in diesem Fall wäre das, vor allem mit dem richtigen Anreiz, sicherlich von Vorteil gewesen."
Deswegen dieses leidenschaftliche Plädoyer gegen Natasha, begriff Harry mit einem Mal und unterdrückte eine Grimasse; ihm in seinem fünften Schuljahr so viele Informationen vorzuenthalten hatte ihm oft das Gefühl gegeben, nur als Spielball gebraucht zu werden – mit Sphinxen und Wassermenschen und Voldemort durfte er sich gern von Zeit zu Zeit anlegen –, und der Gedanke, dass es nicht nur ihm so gehen konnte, war wider Erwarten alles andere als tröstlich.
Doch obgleich des Ärgers, den er in sich aufsteigen fühlte, verspürte der junge Zauberer den Drang zu schmunzeln bei der Vorstellung, wie sein Pate wohl auf diese Aussage des Ordensleiters reagieren würde – wie auch immer, Dumbledore hätte es verdient.
Nun schnitt er seine Grimasse – Sirius war verschleppt worden, kein guter Gedanke!
Papier klatschte schwer auf den Tisch und lenkte ihn glücklicherweise davon ab; Harry erkannte es als eine Ausgabe des Klitterers, die Remus eben auf die Holzplatte hatte fallen lassen.
Ein Glisdeg lachte ihm entgegen, bleckte seine fleischfarbene, feuchte Zunge und hopste nur zur Seite, um einem Fluch auszuweichen, den eine kürbisköpfige Frau in Ministeriumsroben nach ihm warf, und mit einem Mal erkannte er das Magazin.
„Da ist der Artikel über Natasha drin, oder?" Harry schaute überrascht hoch, blickte in aufleuchtende, bernsteinfarbene Augen; ein Leuchten, wie er es von Remus überhaupt nicht kannte – es hätte vielleicht zu dem Rumtreiber gepasst, den er in Snapes Erinnerung aus dem Denkarium gesehen hatte.
„Du meinst den Artikel, den Nymphadora geschrieben hat?" entgegnete er nur, strich sich eine seiner graudurchsetzten, in die Stirn fallenden Strähnen hinter das linke Ohr und ließ sich in seinen Sessel zurückfallen; auf Harrys fragenden Blick hin – und wirklich, Harry sah hier einigen Erklärungsbedarf – seufzte er nur tief, und der jugendliche Unruhestifter verschwand aus seinen Augen, wich der viel dominanteren Sorge um sein Rudelmitglied. Remus wirkte nun wieder mehr wie – eben wie Remus. Ergebenes Schulterzucken unterstrich sein Geseufze – komplizierte Angelegenheit, schien es zu sagen. Harry beugte sich automatisch nach vorne.
„Wir hatten geplant, Voldemorts Spion auf Sirius anzusetzen", gab Remus schließlich zu, und während sein Gegenüber noch wie vor den Kopf gestoßen blinzelte, setzte sich Dumbledore am Tischende interessiert auf; nachdem Voldemort sowieso schon hinter Sirius her ist, war das eine Schnapsidee. Der Gedanke ließ Harry den Kopf schütteln, und Dumbledore hakte nach.
„Nachdem selbst im Klitterer von Zeit zu Zeit etwas ernstzunehmendes steht – und wir haben diese Gerüchte geschürt ... Es war nur eine Frage der Zeit, bis Voldemort seinen Spion auf das Versteck des erwähnten Gegenstands ansetzt", führte Remus also weiter aus, zögerlich, als wäre er selbst nicht sonderlich begeistert gewesen von der Idee eines lebendigen Lockvogels, den ausgerechnet sein bester Freund stellen sollte – Harry mochte wetten, mit sich selbst als Alternative wäre er wohl weniger zimperlich. Aber der Lehrer hatte recht – auch ihm gefiel die Idee ganz und gar nicht. Doch Remus fuhr fort, bevor er sich darüber Gedanken machen konnte.
„Kingsley, Pepples oder Nymphadora haben Sirius und mich dann – rein zufällig versteht sich – darauf angesprochen, und einer von uns hat den drein gesagt, wo sich der Gegenstand befindet." Ein verhaltenes Schmunzeln huschte nun über die Lippen des Werwolfs – bei Sirius wäre es wohl zu einem verschmitzten Grinsen gewachsen, und Harry musste wieder eine Grimasse unterdrücken; nicht nötig, ihn an den speziellen Grund ihres Gesprächs über den Spion zu erinnern.
„Allerdings hat jeder der Verdächtigen von einem anderen Versteck gehört, und der Spion wird auch nicht befürchten müssen, sich zu verraten, wenn er das leere Pergament aus seinem Versteck holt – offiziell wissen wir gar nicht, dass er gelauscht hat", beendete Remus seinen Vortrag, und Schweigen senkte sich über die Runde, überließ Harry seinen wirbelnden Gedanken; wirklich, der Plan zur Überführung des Spions war so was von clever – doch der anfängliche Drang zu grinsen hatte sich bereits wieder verflüchtigt, machte der vorherigen Sorge um seinen Paten Platz – würde sich der Plan überhaupt noch durchführen lassen?
Immerhin hatte der Dunkle Lord inzwischen Sirius in seiner Gewalt – Harry überkam schon wieder der Drang, zu würgen – und konnte sich, wenn er auch hinter dieses Geheimnis gelangte, den entsprechenden Gegenstand selbst beschaffen.
„Lord Voldemort wird nicht versuchen, Sirius das Versteck zu entlocken, wenn er auch über den Spion an den Gegenstand kommen kann", behauptete Dumbledore, riss Harry somit aus seinen Überlegungen; er schien davon sehr überzeugt zu sein, und Harry wünschte verzweifelt, dass ihn diese Sicherheit anstecken würde – aber was sollte Voldemort abhalten?
Sie hatten bereits gesehen, zu was er fähig war, und früher oder später brach jeder; hörte man zumindest immer, und das klang alles andere als weit hergeholt.
„Du verstehst nicht Harry – er will Sirius nicht schonen", ergänzte Dumbledore, und die väterliche Anteilnahme in seiner Stimme hinterließ einen dicken Knoten in Harrys Magen. Seufzend stand das Ordensoberhaupt auf und trat hinter den Sessel seines Schülers, und Harry wollte selbst resigniert seufzen, als sich Dumbledores rechte Hand versichernd auf seine Schulter legte.
„Mach dir deswegen keine Sorgen, Harry. Voldemort weiß, dass er Sirius nur daran erinnern würde, was der Orden alles zu verlieren hat, wenn er bricht – kann er sich die Information andernorts besorgen, umso besser für ihn. Deinen Schilderungen zufolge ist er zu erpicht hinter dem Geheimnis um dein Training her."
Ein letzter Schulterdruck mit der Absicht, seine innere Unruhe zum Schweigen zu bringen, dann wandte sich der alte Zauberer an Remus, lächelte seinem Angestellten verhalten zu. „Ich denke es wäre eine gute Idee ... Verbreite doch bitte das Gerücht, dass du jetzt, nach Sirius' Gefangennahme, diesen Gegenstand in ein sicheres Versteck bringen willst. Dann wird der Spion gezwungen sein, bald zu handeln."
Remus' Schultern strafften sich bei diesem Vorschlag, und mit neuem Eifer verließ er das Zelt; Harry wünschte sich plötzlich nichts sehnlicher, als dem Freund folgen zu können, selbst etwas zu tun zu haben – dabei mitzuhelfen, Sirius und Fred sicher nach Hause zu bringen.
Fred ... Müde rieb der junge Zauberer über seine Augen, verdrängte die Erinnerung an den tragbaren Sumpf, den die Zwillinge vor Umbridges Füße gelegt hatten – auch für Freds Gefangenschaft war er verantwortlich, fühlte sich für die Gefährdung eines weiteren Freundes schuldig. Im Gegensatz zu Sirius nützte der Rotschopf Voldemort nicht einmal – was sollte ihn davon abhalten, Fred zu behandeln, wie es ihm beliebte? Was jetzt wohl in Ron vorging?
Mittlerweile hatte Dumbledores Hand seine Schulter freigegeben, und Harry suchte den Blick des berühmten Zauberers, doch dieser wich ihm aus.
Enttäuscht schloss er die Augen, wollte doch nur irgendeine Aufgabe, die ihn ablenken konnte – sollte er einfach hier herumsitzen und nichts tun, während Sirius da draußen irgendwo ... Und alles, weil er Harry diesen Zauber beibringen wollte; und der Junge noch nicht erfahren durfte, was der Spruch bewirken würde.
Alte Schuldgefühle kehrten in voller Wucht zurück, und Harrys Magen zog sich schmerzend zusammen, als ihn ein neuer Gedanke quälte; wenn sie Sirius nicht bald zurückbringen konnten, würde dieser Voldemorts Wut auch noch umsonst ertragen müssen – denn Harrys Pate hatte dem Jungen unmissverständlich klar gemacht, dass sie täglich meditieren und regelmäßig den Parcour absolvieren mussten, sonst wäre alles vergebens, und sie dürften wieder von vorne beginnen!
Alleine würde er das Training aber nicht absolvieren können.
Eine Idee schoss ihm durch den Kopf, und Harry sprang entschlossen aus dem Sessel und baute sich vor Dumbledore auf, der schon im Begriff war, das Zelt zu verlassen.
„Sir", begann er und ballte die Hände zu Fäusten; nach Weihnachten hätte er sich nie träumen lassen, diesen Vorschlag je aussprechen zu können, ihn je so zu meinen – doch Harry hatte nicht vergessen, dass er noch etwas gutzumachen hatte. Da war das abgesprochene Vertrauen zu seinem Paten, das es wieder zu beweisen galt; und es war wirklich das einzige, was er im Moment tun konnte.
„Würden Sie mir bitte einen Lehrer zuteilen, der mit mir Sirius' Zaubertraining fortführen kann, bis er zurückkommt?"
Es ging im Augenblick nicht darum, Fortschritte zu machen; wie sie meditieren und den Parcour absolvieren würden, konnte Harry dem Ersatztrainer erklären. Außerdem hoffte er inständig, dass sich sein Satz nicht als Lüge erweisen würde; dass sie Sirius und Fred befreien konnten. Und bis das geschah, würde Harry nicht zulassen, dass sein Pate diese Folter für nichts und wieder nichts ertrug. „Wenn ich schon sonst nichts unternehmen kann."
Nachdenklich neigte der alte Zauberer den Kopf. „Nun, ich denke doch, dass du etwas tun kannst ..."
Da zogen Rüstungen und silberne Rahmen an ihm vorbei, und er hielt sich immer wieder den Rücken, wo er getroffen wurde, während er einen dunklen Gang hinab stolperte – obwohl er erst vor Minuten im Gryffindorturm eingeschlafen sein konnte, obwohl er spüren konnte, wie die kuschelige, warme Bettdecke jeder seiner Bewegungen nachgab. „Schneller, Weasley!" zischte es in seinem Kopf, und Harry murrte und rollte sich auf den Rücken.
Gerade fiel er auf den tiefroten Teppichboden, rappelte sich schnell wieder auf – sie sollten keine Gelegenheit erhalten, ihn noch einmal zu schlagen; es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte eine der Rüstungen umgestoßen, die mit den erhobenen Schwertern, und Harry war verwirrt. Solche Rüstungen hatte er in Hogwarts noch nie gesehen, und überhaupt, was machte er in diesem Gang und zugleich im Bett?
Und dann hatte jemand ihn Weasley genannt, zu stürzen tat überhaupt nicht weh – und die Erkenntnis traf ihn wie aus heiterem Himmel. Augenblicklich war Harry hellwach – Freds Fernsehlinse! Die er noch immer nicht herausgenommen hatte. Er wollte die Augen öffnen, wollte sofort zu Dumbledore. Vielleicht würden sie nun endlich einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Sirius und Fred bekommen – die schnell zusammengestellte „Spurensicherung" des Ordens hatte diesem verwünschten Landhaus keinen entnehmen können, und auch Remus war mit seinem Spion nicht wirklich weitergekommen.
Doch er wusste, dass er dann Fred nicht mehr sehen würde, und so blieb er an Ort und Stelle und prägte sich möglichst jedes Detail ein. Zu Dumbledore könnte er auch noch gehen, wenn er die Augen wieder öffnen durfte – ihm durfte nichts entgehen!
„Für heute genug Zielscheibe gespielt, Weasley?" höhnte eine tiefe Stimme in seinem Ohr, und plötzlich baute sich vor ihm – nein, vor Fred – ein riesenhafter Todesser auf. Ohne Vorwarnung trafen Fred abgenutzte Stiefel in den Magen, und noch bevor Harry das überhaupt realisieren konnte, sank der Freund stöhnend zu Boden. Harry wollte fluchen.
Heiseres Lachen hallte von den Wänden wider, ein Berg aus schwarzen Roben begrub ihn wie eine Lawine unter sich, und der Aufprall des massigen Körpers presste Fred die Luft aus den Lungen. Bis sich lange, schmutzige Fingernägel in seine Arme bohrten – Gekicher – spitze Zähne blitzten in der Dunkelheit auf.
Dann schickten sich diese gelben Zähne an, sich in seinen Hals zu bohren – und Harry konnte verdammt nochmal nichts tun, sah nichts mehr außer dem weit aufgerissenen Rachen des Werwolfs.
Fred schlug in wilder Panik um sich – vergeblich – stinkender, stoßender Atem, viel zu nah an seiner Haut –
Nun hob der Werwolf, der doch eigentlich kein Wolf war, den Kopf wieder, starrte Fred direkt in die Augen, und Harry erschauerte unter diesem Blick, der so kalt war, dass ihm trotz der warmen, bequemen Bettdecke fröstelte. Eine nie gekannte Gier stand in diesen Blick geschrieben, gepaart mit vorfreudiger Erregung, und der Todesser lächelte eisig.
„Nur ein kleiner Vorgeschmack, Weasley", raunte er mit kehliger Stimme, leckte sich genüsslich über die Lippen und stieß eine weitere seiner Lachsalven aus, mit denen er Voldemort beinahe Konkurrenz machen könnte. „An Vollmond gehörst du mir!"
Wie aus weiter Ferne sah Harry zu, wie der Werwolf seinen schlaksigen Körper von Fred herunterschob, ihn grob am Arm packte und hinter sich herschleifte – der Rotschopf hatte Mühe, nicht zu fallen, während er dem Todesser folgte. An Vollmond! Schande, wann ist der nächste Vollmond? Harry spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat, hinter der es mittlerweile so fieberhaft arbeitete, dass der junge Zauberer sich wunderte, nichts als ein großes, schwarzes Loch vorzufinden – wann auch immer, sie mussten Fred und Sirius vorher finden! Was hatte er dem Freund da nur angetan?
Seine Gedanken zu klären war schwer, wurde fast unmöglich, als er sich mit Fred einer schweren Tür näherte, die viel zu dick dazu schien und hinter der doch Schreie hervordrangen. Harry schauderte einmal mehr, kannte diese Art, zu schreien – sie erinnerte ihn sofort an Remus unter Lestranges Cruciatus-Fluch.
„Dann wollen wir mal anklopfen", lächelte der Werwolf gehässig und packte Fred im Nacken.
Harry lag für eine Weile in seinem Bett im Schlafsaal wie festgefroren, hielt die Lider fest geschlossen, doch da war nur diese undurchdringliche Schwärze, und er wollte sich gar nicht vorstellen, was dieses Monster gerade mit Fred anstellen würde. Zu seiner Sorge gesellte sich Bedauern, denn er hatte den bisherigen Geschehnissen nicht den kleinsten Hinweis entnehmen können, wo der Rotschopf gefangengehalten wurde – und es würde auf jeden Fall die Weasleys aufregen, die immer noch über Percys Verlust nicht hinwegkamen – aber er durfte nicht länger warten, musste zu Dumbledore – auch wenn Fred keine Gelegenheit erhalten hatte, seine Linse auszuschalten.
Doch dann blinzelte Harry in helles Licht, fand sich auf einem anderen Bett wieder – endlich, Fred wachte auf –, und während müde Arme ziellos über die weiche Decke glitten, dachte Harry erstaunt, dass der Freund nicht wirklich eine weiche Decke zerwühlen konnte; eine Gefängnispritsche hatte er sich sehr anders vorgestellt, kaltes Holz, hart und viel zu schmal, das aus einer unförmigen Steinwand ragte.
Von wegen dunkle Steinwand – die Mauer war hell und ebenmäßig, und der Raum wirkte insgesamt sehr warm und freundlich, auch wenn das grelle, aus alten Kronleuchtern stammende Licht die Atmosphäre ein wenig verzerrte.
Die aufkommende Erleichterung über Freds schnelle Genesung blieb ihm jedoch im Hals stecken, und er verschluckte sich fast vor Schreck, als Fred seinen Blick fokussierte und da nichts mehr war außer einem Paar roter Schlangenaugen, die Fred nieder starrten – und damit ihn, und die Temperatur im Raum sank sofort um etliche Grad ab.
Schwarze Todesserroben wogten in sanftem Wind und enthüllten ein Lächeln, das noch bösartiger als das des Werwolfs wirkte, von dem nun jede Spur fehlte. Voldemort hatte sich vor Freds Bett aufgebaut – was will er nur von ihm? –, die Sicht auf ein weiteres dieser hellen Himmelbetten und eine geschlossene, alte Tür halb versperrt. Dahinter erklangen Würgegeräusche, und Harry wollte selbst würgen – lass deine dreckigen Finger von Fred! Und auch von Sirius, wo auch immer der eingesperrt war.
Leises Gelächter, so beherrscht und so kalt, und der Dunkle Lord verschränkte die Arme vor der schmalen Brust und lehnte sich an einen der Bettpfosten; ohne den Blick auch nur ansatzweise von Fred zu nehmen, und Harry fragte sich, wie verdammt er es schaffte, selbst dabei so überlegen zu wirken, und das ohne Zauberstab.
„Das werde ich nicht", stellte eine eisige Stimme amüsiert fest, doch so leise sie auch sprach, ließ sich die Bestimmtheit darin nicht überhören, und Harry hatte nun keine Augen mehr dafür, dass der weiche Teppichboden so überhaupt nicht zu einer Gefängniszelle passte – wie hatte Voldemort nur so schnell von Freds Fernsehlinse erfahren?
„Oder besser, Fenrir Greyback wird das nicht", ergänzte Voldemort spöttisch, hob herausfordernd eine Braue in seinem brauenlosen, bleichen Gesicht, sprach nun wieder zu Fred, „und denke nicht, dass du rechtzeitig herausfinden wirst, wo ich dich gefangen halte."
Mit diesen Worten stieß er sich elegant vom Bettpfosten ab und wandte sich der gegenüberliegenden Tür zu, hinter der sich nun niemand mehr übergab. Stattdessen wurde sie aufgerissen, doch Harry hatte kaum Zeit, sich über den schmucken, separaten Toilettenbereich zu wundern, der zu einem Gefängnis gehören sollte – Sirius wurde in den Raum gestoßen, schlitterte einige Meter über den weichen Teppich, bevor er vor Voldemort liegen blieb, und bloß durch einen einzigen Blick über sein farbloses Gesicht, eingefallene Wangen und Augen, in denen fast vergessene, gehetzte Schatten wieder aufheulten krampfte sich Harrys Inneres zusammen.
Zwei Todesser folgten seinem Paten in den Raum, doch Harry schenkte ihnen keine Beachtung, starrte nur entsetzt dorthin, wo Voldemort neben seinem Gefangenen in die Hocke sank – er würde so gern etwas unternehmen, als sich dürre Finger wie ein Schraubstock um Sirius' Kinn schlossen, seinen Kopf herum zwangen, und dem Animagus blieb keine Wahl, als dem eisigen Brennen roter Schlangenaugen zu begegnen.
„Du willst also nicht reden." Säuselnde Worte, die sich so falsch anhörten, und Harry glaubte, das Schaudern direkt fühlen zu können, das sich bei diesem Blickkontakt über die Arme seines Paten zog, konnte regelrecht den Aufbau einer geistigen Mauer hinter grauen Augen beobachten, um die Legilimentik des Dunklen Lords auf inneren Felsen branden und dort brechen zu lassen. Harry kämpfte gegen die aufkommende Wut an, die ihm bereits die Kehle zuschnüren wollte, beobachtete besorgt den erbitterten, kurzen Kampf, als sich rotes Verlangen in grauen Trotz, unter all den Schatten kaum zu erkennen, bohrte.
Dann lächelte Voldemort wieder, und schien diesmal überhaupt nicht belustigt.
Roben raschelten, als einer der Todesser sich verbeugte, sowohl Freds als auch Voldemorts Blick auf sich zog. „Sir, lassen Sie ihn mich bitte länger unter den Cruciatus stellen", mischte er sich ein, und Harry wollte die Galle hochkommen beim Klang dieser Stimme; weit weniger babyähnlich als er sie gewohnt war, doch mit deutlich mehr Eifer redete Bellatrix Lestrange weiter, „Oder vielleicht gemeinsam mit meinem Gatten ..."
– „Närrin!" fauchte der Dunkle Lord daraufhin nur, ohne den Blick von Sirius zu wenden, und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich benötige Informationen, nicht den nächsten Verrückten, der den Longbottoms Gesellschaft leistet! Nein, ich habe eine bessere Idee", fuhr er leise fort und verzog das Gesicht zu einem unheilvollen Lächeln.
„Wurmschwanz!" rief er dann scharf, und Harry fühlte sich fast, als hätte man ihn geschlagen; erst jetzt bemerkte er den zusammengekauerten, kleinen Todesser, der mit eingefallenem Gesicht und gehetztem Blick nahe der Tür kauerte, zitterte, und nun auf seinen Meister zutrat. Zumindest ist er nicht dämlich genug, zu zögern.
Beim Anblick des aus Askaban befreiten Verräters wollte Harry aufstoßen, und auch Sirius fletschte sichtlich mit den Zähnen; inzwischen hob Voldemort seinen Zauberstab und setzte ihn ohne zu zögern oder auch nur zu blinzeln an Pettigrews Stirn.
„Halt still!" herrschte der Schwarzmagier seinen nun am ganzen Körper zitternden Anhänger an und fixierte ihn mit seinen eisigen, roten Augen, deren Blick allein dafür sorgte, dass Wurmschwanz zur Salzsäule gefror; Harry hielt die Luft an, fragte sich, aus welchem Grund Voldemort Pettigrew liquidieren wollte.
Doch kaum Sekunden später hatte er den Zauberstab, um den nun eine silberne Gaswolke waberte, gegen seine eigene, viel zu weiße Stirn gepresst, und wieder Sekunden danach gegen Sirius'.
Dieser schrie laut auf, als der eben noch wachsende Nebel in sich zusammen fiel, versuchte hektisch, Voldemort von sich zu schieben; der Dunkle Lord lachte daraufhin nur beherrscht, und Harry schauderte über den beunruhigenden, verzweifelnden Unterton in der heiseren Stimme seines Paten, verfluchte sich für seine eigene Hilflosigkeit, für seine Unfähigkeit, irgendetwas zu unternehmen, während er schluckte und fieberhaft überlegte, was diese Bestie jetzt wieder angestellt hatte, dabei von einer inneren Anspannung erfüllt wurde, die an Panik grenzte und ihn zu zerreißen drohte.
Lass deine dreckigen Finger von ihm!
Als hätte der Dunkle Lord diesen Gedanken gehört, erhob er sich aus der Hocke und stieß Sirius mit einem Schlenkern seines Zauberstabs auf sein Bett zurück. Einer der Todesser aus dem Bad, ein Dementor, wie Harry jetzt erst wahrnahm, glitt auf Harrys Paten zu, streckte seine Hand nach Sirius' nackter Schulter aus. Der Bastard ging eindeutig zu weit; auch Fred trug lediglich noch seine Boxershorts.
Doch gerade war Harry das verdammt nochmal scheißegal – ihm war, als würde sich die Hand des Dementors um seinen Magen schließen – zudrücken – Sirius wand sich auf dem Bett, fort von dem Dementor – und Voldemort stand in der Tür und lachte.
Dann bedeutete er seinen Todessern, ihm aus dem Raum zu folgen, und, „Wenn wir ohnehin dabei sind", richtete den Zauberstab mit einem beängstigend zufriedenen Gesichtsausdruck auf Sirius. „Insomnis!"
