Nein, ihr habt euch nicht versehen – das neue Kapitel ist endlich online, und ich entschuldige mich mehrmals dafür, dass ich euch so lange warten lassen musste.
Zuerst hatte ich sehr viel Stress an der Uni, und danach ist es mir nicht wirklich gut gegangen.
Eigentlich geht es mir immer noch nicht gut, deswegen kann ich euch leider nicht versprechen, dass ich in den nächsten Wochen wieder hochladen kann – aber ich werde es sicher versuchen!
Und nun wünsche ich euch viel Spaß, und hoffe dass noch einige Leser geblieben sind!
Weil ihr so lange warten musstet, hier noch ein Hinweis:
Die verschlüsselte Botschaft, von der ihr unten lesen werdet, lässt sich mit dem Vorwissen der vorausgegangenen Kapitel und ein bisschen Gehirnjogging herausfinden, und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir den einen oder anderen Lösungsvorschlag unterbreiten könnt! Ich bitte euch jedoch, diese nicht in Reviews zu schreiben; über private Nachrichten freue ich mich jedoch sehr!
Enttarnung
Die Welt um sie herum war noch nicht richtig zum Stillstand gekommen, und die Sonne drehte sich noch über den Horizont, da ließ die weißhaarige Frau auch schon den Portschlüssel los und stürmte über stoppeligen Rasen an Bäumen vorbei in Richtung des Rauschen eines nahen Flusses. Nur Sekunden, dann wies das leise Rascheln eines in seine ursprüngliche Position zurückspringenden Astes hinter ihr darauf hin, dass auch ihr Begleiter angekommen war – sie konnte sich genau vorstellen, wie Remus den Schokoriegel schnell vorschriftsmäßig zerbrochen hatte, damit er ihn nicht im ungünstigsten Moment zurück transportieren würde – und ihr durch den kahlen Wald folgte; nur Minuten war es her, dass sie ihn von einer Schale Getreidehonig fortgezogen hatte mit der Nachricht, der Spion wäre ihnen endlich in die Falle gegangen, und vielleicht befand er sich sogar noch auf der von vielen Tarnzaubern versteckten Plattform, unter der der reißende Fluss vorbeiführte, und die man unmöglich finden konnte, wenn man nicht wusste, wo man suchen sollte.
Vielleicht hätte sie aber eine andere Tarnung wählen sollen, überlegte sie dann, während sie keuchte, konzentrierte sich auf ihr vorheriges Erscheinungsbild; vertrautes Kribbeln überzog ihre Haut, und das bekannte Prickeln im Magen, von dem sie wusste, dass es noch Minuten andauernd würde, hätte ebenso von zischenden Wissbies stammen können. Ihr Haar verfärbte sich, und nun flogen ihr im Laufen immer wieder pinke, kurze Strähnen in das herzförmige Gesicht, aber dies kümmerte Tonks kein bisschen; so ließ sich immer noch besser laufen als in einer übergewichtigen, ungelenkigen alten Frau.
Remus hatte sie mittlerweile eingeholt und verharrte mit ihr im Schatten der Bäume, einige Sekunden, in denen sie sich gestatteten, wieder zu Atem zu kommen. Es war wahrscheinlich, dass sie gleich ein Kampf erwartete – wer auch immer den Orden verraten hatte, würde sich nicht widerstandslos abführen lassen. Tonks schnitt eine Grimasse.
Diesen Satz hatten ihre Vorgesetzten im Aurorenbüro den Frischlingen vor jedem einzelnen Einsatz runtergeleiert, und sie schob die Erinnerung an die Zeit vor ihrer Suspendierung rasch beiseite, hatte sich noch immer nicht an den unangenehmen Nachgeschmack gewöhnt, der ähnliche Gedanken stets begleitete. Den verdammten Job verloren und – schlimmer – Minuten, die sie damals davor bewahrt hatten, Sirius' Schicksal zu folgen und vom Dienst im Ministerium direkt in eine Zelle in Askaban zu wandern.
Der Gedanke an den Cousin ihrer Mutter ließ Tonks eine weitere Grimasse schneiden, und sie nickte Remus zu, sah, wie sich ihre eigene Entschlossenheit in den bernsteinfarbenen Augen ihres – Freundes? – spiegelte und winkte ihm, ihr zu folgen. Dieser nickte bestätigend, was einige sandbraune Haare in sein Gesicht trieb, sodass er sie wieder hinters Ohr klemmen musste; mit einem Mal stellte Tonks fest, wie viele graue Strähnen in den letzten Tagen hinzugekommen waren, wie tief diese Augen in ihren Höhlen lagen, und Mitleid regte sich in ihr, ließ sie eine Hand auf seinen Arm legen. Mit etwas Glück würde er – würden sie alle – sich bald keine Sorgen mehr um ihre vermissten Ordensmitglieder machen müssen.
Zuerst aber wurde es an der Zeit herauszufinden, wem sie diese ganze Misere verdankten. Und wer Natasha zu Askaban verdammt hat, fügte sie stumm hinzu und fletschte die Zähne beim Gedanken an die Freundin, wechselte angespannt einen Blick mit Remus; er würde wissen, wer sie erwartete, erinnerte sich sicher daran, wer Kingsley und Pepples belauscht hatte – eigentlich belauschen musste –, als die beiden sich im Hauptquartier über die Plattform über dem Fluss unterhalten hatten. Wusste sicher auch, welchen Verdächtigen sie auf die Höhle im Verbotenen Wald oder die Kammer in der Heulenden Hütte, das Haus in der Bretagne oder den Dachboden des Muggelministeriums angesetzt hatten; verschiedene Verstecke, mit denen sie die unterschiedlichen Verdächtigen hatten ködern wollen.
Tonks hätte auch nachgefragt, wäre da nicht diese Betretenheit in Remus' Blick, die sie innehalten, stutzen ließ – und die Ungewissheit, ob eine Frage die Aufmerksamkeit des Spions auf sie ziehen könnte.
Gemeinsam mit Remus setzte sie sich in Bewegung, mit gehobenen Zauberstäben verließen sie die von den kahlen Bäumen gebotene Deckung – Tonks schluckte, hoffte, dass wer auch immer dort auf sie wartete den knackenden Ast nicht beachten würde, auf den sie eben getreten war. Dann rief die suspendierte Aurorin: „Keine Bewegung!"
Schwarze Roben wirbelten schwungvoll, und grüngraue, weit aufgerissene Augen fixierten die beiden Ordensmitglieder. Das leere Pergament in der mit einem Mal zitternden Hand des ... Spions knisterte leise, und Tonks starrte ebenso fassungslos zurück, fühlte sich versucht, den Zauberstab fallen zu lassen, während an den Wänden der Schlucht, die der sich zu ihren Füßen dahinschlängelnde Strom vor Jahrhunderten in den zu beiden Seiten aufragenden Stein gefressen hatte, das Echo ihres Befehls verklang.
Es war früh am Morgen, und geschäftiges Treiben zwischen den drei verbleibenden der eigentlich vier langen, hölzernen Tische erinnerte Harry daran, dass wohl bald Essenszeit sein würde, doch auf was auch immer es geben würde verspürte er gerade eben keinen Appetit. Sie hatten Hagrid besuchen wollen, Hermine und er, weil es einige Zeit her war, und weil Harry seit einigen Tagen die Decke auf den Kopf fiel. Nur gut, dass die Slytherins Durmstrang unsicher machten, Malfoys Mutter würde ihren Sohn dort nach allen Regeln der Kunst verhätscheln, und das war gut so, denn dann ließ der blonde Reinblüter Harry wenigstens in Ruhe – auf seine boshaften Bemerkungen konnte er im Moment mehr denn je verzichten.
„Zehn Tage, und wir haben keine noch so kleine Spur." Eine Feststellung, die Harry fluchen lassen wollte, doch er legte nur seine Finger um die dampfende Porzellantasse und seufzte.
Sie hatten Hagrid getroffen, noch bevor sie das Schloss verlassen hatten, und weil ihrem Missmut eine heiße Schokolade nur gut tun konnte, es zudem regnete wie aus Eimern, hatten sich die Freunde auf den Weg in die riesige Küche unter der Großen Halle gemacht. Hagrids Saurüde Fang schnupperte überall erfreut herum, dann und wann geriet einer der aufgestapelten Kupfertopftürme gefährlich ins Wanken, und auch ohne Dobby und Winky, die sich um das Hauptquartier kümmerten, war es eine gute Entscheidung gewesen, sich an das Pendant zum Tisch der Gryffindors ein Stockwerk weiter oben zu setzen.
Hier störte sie niemand, und Harry wollte auch von niemandem gestört werden.
„Trotzdem danke, Hagrid", würgte er lustlos hervor und ließ die Schultern hängen, den Kopf in seine Hände fallen. Offiziell hätte der Halbriese ihnen nichts sagen dürfen, und Harry hoffte, Dumbledore würde seine Geheimnistuerei irgendwann bedauern. Grimmig biss er die Zähne zusammen.
Ein Rest Schokolade schwappte über den Rand des großen Bechers, als Hagrid ihn abstellte und nur mit den Schultern zuckte, nicht wusste, wessen Blick er mehr meiden wollte. „Is' gut", erklärte er gedehnt und sah besorgt zu seinem Hund, als der die Hauselfen zunehmend interessiert musterte wie Kaninchen, welche es zu jagen galt. „Kann mir denken, dass euch das interessiert."
Dann scheuchte er Fang mit einer wirschen Geste von einem bleichen Elfen weg, und Harry war froh, dass Hermine wenigstens nicht mit B.Elfe.R anfing und gegen diese Art von Folter protestierte – Harry verstand sehr gut, wenn die kleinen Köche Angst vor dem großen, schwarzen Hund hatten.
Die Erinnerung an einen anderen großen, schwarzen Hund drängte sich in den Vordergrund – er sollte zur Zeit nicht gerade an Folter denken, und Harry seufzte einmal mehr, setzte den schon gehobenen Becher wieder ab; der würzige Duft kitzelte angenehm in seiner Nase, doch das Aroma wirkte bei weitem nicht so verlockend wie gewohnt. „Ich wünschte nur, wir hätten irgend etwas."
Und ich kann nicht einmal mithelfen, sie zu finden, setzte er resigniert hinzu, verärgert über seine beklagenswerten Fähigkeiten als Legilimens, die er gemeinsam mit Dumbledore zu verbessern suchte. Damit die geistige Verbindung gleichberechtigter wurde, Harry dem Dunklen Lord womöglich sogar den einen oder anderen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Sirius und Fred entnehmen konnte ... aber verdammt, er musste endlich Fortschritte erzielen!
Es nützte nichts, wenn Dumbledore immer nur behauptete, die Verbindung zu Lord Voldemort würde in dieser Hinsicht ein Vorteil sein, ebenso wie Harrys bereits erworbene Okklumentikfähigkeiten oder der Trank von Sirius, der den Geist des jungen Zauberers öffnete und von dem zum Glück noch ein erheblicher Vorrat in Sirius' Büro lagerte; er wollte Erfolge sehen! Voldemort würde nicht damit warten, Sirius die gewünschten Geheimnisse entlocken zu wollen, bis Harry in seinen Geist eindringen konnte!
„Na, ich nehm ma' an, keine Nachrichten sin' in dies'm Fall gute Nachrichten", wurde die unangenehme Stille ein weiteres Mal unterbrochen, wieder von Hagrid – und Harry hätte ihm in diesem Moment am liebsten die Augen ausgekratzt für das, was er nicht sagte. Es hörte sich an, als rechnete der Wildhüter damit, dass Harry irgendwann ein Paket Voldemorts erhielt, der ihm Sirius' Kopf schickte, und er schauderte bei diesem Gedanken. Moralische Kriegsführung, hätte Snape sarkastisch kommentiert.
Resigniert schloss er die Augen, wenn der Orden doch nur endlich eine Spur finden würde, und wäre sie noch so klein – so trieben ihn seine Selbstvorwürfe langsam aber sicher in den Wahnsinn! Wenn er nur O'Livia McCoys Flüche von Alpha bis Zentauri ignoriert hätte, das ihm Lesespaß für Zauberer vor zwei Wochen geschickt hatte! Insomnis, verflucht, das bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen.
„Wir ... wir haben dir dein Versteck eigentlich nur als Alibi gegeben", stammelte Tonks wie in Trance und schluckte; im Augenwinkel merkte sie, wie Remus ihr einen vorsichtigen Blick zuwarf, mit den Augen flüchtig die Spitze ihres zitternden Zauberstabs streifte und dann wieder ihr Gegenüber fixierte. „Damit wir uns keine Gedanken machen müssen, wenn niemand in die Falle tappt."
Graugrüne Augen, die Tonks erst mit unverhohlenem Schrecken angestarrt hatten, nun aber mit merkwürdig ehrlichem Bedauern, das ihren Magen verknotete. Was für eine Schauspielerin, dachte sie stumm und wollte am liebsten schreien; so schmerzhaft fühlte sich Verrat an?
Der Spion – sie wollte es nicht glauben, konnte es nicht, doch er hatte das Pergament in der Hand ... hatte das Versteck finden können, nicht wahr? Also musste das der Spion sein, so unangenehm der Beigeschmack dieser Worte nachhallte. Der Spion musterte sie nun, mit ausdruckslosen Augen, hatte sich wieder unter Kontrolle; er trat einen Schritt auf Tonks zu, versteckte den rechten Arm hinter dem Rücken, machte einen weiteren Schritt in Richtung der Aurorin – bis Remus schnell hinter den Metamorphmagus trat und seinen Zauberstab streng auf die sich nähernde Frau im schwarzen Umhang richtete.
„Lass das, Andromeda!" forderte er mit ernster Stimme – mit zu ernster Stimme – und nickte dem biegsamen Zauberstab der Frau zu, von der Tonks gehofft hatte, Remus würde sie einmal als seine Schwiegermutter sehen. Dankbar nahm sie die stützende Hand im Rücken wahr, ließ sich dagegen sinken.
„Nimmst du etwa an, dass ich mich nicht wehren werde?" konterte die schwarzhaarige Frau gefasst, und Tonks schloss die Finger fester um ihren Zauberstab, wollte ihn am Zittern hindern, als jedes der Worte ihrer Mutter schnitt wie Eisen; ihrer ‚närrischen Mutter', wie sie einst Harry gegenüber behauptet hatte – immerhin, ‚Nymphadora'!
Aber dies war doch nur gutmütiger Spott gewesen, sie war mit ihrer Mutter gut ausgekommen, und sie hier in einer Falle für den Spion im Phönixorden zu sehen, schmerzte; und wie es sie schmerzte! Selbst Remus' Hand in ihrem Rücken konnte nur wenig Trost spenden.
„Interessante Falle", stellte Andromeda ruhig fest, breitete die schlanken Arme in einer umfassenden Geste aus, und Tonks schluckte, als sie den anerkennenden Unterton in der Stimme ihrer Mutter wahrnahm; versteifte sich, als sie in ihren Augen las – wieso schien Andromeda nicht mehr zu bedauern, dass ihre Tarnung aufgeflogen war?
Gedämpftes Trappeln hinter sich, mehrere schwere Schuhe, die schnell über Stein streiften ließen Tonks herumfahren und sich auch schon den Zauberstäben von vier um die Ecke stampfenden Todessern gegenüber finden; ein Blick über die Schulter, auch ihre Mutter hatte den Zauberstab fest auf Remus gerichtet.
‚Sieht übel aus!', pochte es zwischen ihren Schläfen, während ihr eigener Zauberstab einen der Neuankömmlinge ins Visier nahm und aufhörte zu zittern. Adrenalin pumpte durch ihre Adern, verdrängte alles übrige. Verdrängte die Bitterkeit des Verrats ...
Auch die Todesser konzentrierten sich auf Remus, erkannte Tonks mit einem Mal, während sie noch aufmerksam die feindliche Übermacht musterte, darauf wartete, dass irgend etwas passierte – was auch immer –, und bevor sie überhaupt realisierte, was sie tat, hatte sie sich vor ihren – Freund – geworfen und schirmte ihn vor den fremden Zauberstäben ab.
SHOWDOWN IM MINISTERIUM?
WARUM DU-WEISST-SCHON-WER LOCKHART FÜR EINE BEDROHUNG HÄLT
- ein Bericht von Barnabas Cuffe -
Minister spricht Lockhart das Vertrauen ab.
Meine Damen und Herren, wir haben eine neue Ebene der Kriegsführung erreicht. Charles N. Maddison, Minister für magische Spiele und Sportarten, hat am gestrigen Samstag beantragt, Zaubereiminister Lockhart absetzen zu lassen aufgrund der zahlreichen Beschneidungen der Privatsphäre der magischen Bevölkerung. „Wir nähern uns immer weiter einer Diktatur, und sollte es mit Lockharts Neuerungen möglich sein, Du-weißt-schon-wem Paroli zu bieten, werden wir den einen Tyrannen nur durch einen Diktator ersetzen!"
Die Überraschung im Ministerium war natürlich groß, als sich vier Minister fanden, die dieses Gesuch unterstützten, womit der Antrag zu prüfen wäre.
„Natürlich, es gibt so viele Einschränkungen – ich hab fast keine Privatsphäre mehr", erklärte selbst Gwenog Jones, die Kapitänin der Harpies (als ob das vorher anders gewesen wäre), „doch was kann man machen? Trotz allem fühle ich mich sicherer."
Auch Rufus Scrimgeour winkt ab, wenn man ihn auf die Unterstellung des Ministers anspricht. „Unvermeidlich, und Lockhart erledigt seinen Job sehr zufriedenstellend. Wir dürfen froh sein, dass er der Zaubererminister ist – Du-weißt-schon-wer kann nicht mehr so oft angreifen wie unter Fudge."
Doch die Unterstützung aus der Bevölkerung und den eigenen Reihen hatte Zaubereiminister Lockhart in diesem Fall nicht nötig – noch bevor die Prüfung des Antrags durch war, konnte nachgewiesen werden, dass Maddison unter Imperius stand.
Interessant – Voldemort scheint in Lockhart eine Art Dorn im Auge zu sehen, den es zu beseitigen gilt.
„Ich befürchte wirklich, dass (Du-weißt-schon-wer) weiterhin versucht, Lockhart absetzen zu lassen", kommentierte Gawain Robards, der stellvertretende Leiter des Aurorenbüros, „und ich bin froh, dass Rufus (Scrimgeour) einen Antrag stellen will, dass sie Lockhart nicht mehr absetzen können. Ich habe gehört – aber das ist vertraulich –, dass die Minister selbst zustimmen wollen. Die Minister natürlich, die keinen Misstrauensantrag gestellt haben. Es wäre für sie auch sicherer.
„Einzig der Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung könnte Lockhart dann noch absetzen, allerdings nur, wenn er unter Imperius stünde – und das einwandfrei bewiesen wäre."
Harry seufzte und legte die Zeitung beiseite, mit der er sich hatte ablenken wollen; Bellatrix hatte einmal mehr die Auslieferung des Tagespropheten um einen Tag verzögern können mit ihrem Hokuspokus, doch in diesem Fall war Harry sich nicht sicher, ob er ihn überhaupt lesen wollte! Wie immer gab es kaum genug gute Nachrichten, als dass die von Lestrange gelöschten auffielen, und dass Lockhart bald nicht mehr absetzbar sein sollte, hätte er lieber überlesen.
Die fehlende Kritik in den dazu gedruckten Kommentaren der Bevölkerung erschreckte Harry – natürlich gab es Leute, denen das nicht passte, aber leider viel zu wenige! Es ist immer wieder erstaunlich, wohin Verzweiflung die Gesellschaft treiben kann, dachte er sich und zuckte mit den Achseln; eigentlich hatte er im Moment andere Sorgen.
Neben ihm band Hermine ein Pergamentstück vom Bein einer wild aussehenden Waldeule, öffnete und überflog den Brief rasch, als sie auch schon ihre Stirn in Falten legte. Harry folgte der Aufforderung verwirrter, nach Antworten suchender Augen und begann zu lesen.
Hallo Hermine,
Bin auf dem Weg, Schnuffel und seinen Zwilling zu besuchen, geht Schnuffel im Moment nicht so gut. Schick ihm doch einen Strauß, er mag diese schwarzen Blumen nicht, die im Büro des Bosses stehen – wie heißen die, die ihr zwischen die Zelte gestellt habt?
Wir werden uns auf den Weg in die Hauptstadt Arizonas machen, vielleicht bekommen wir dort Unterstützung, und es geht ihm bald besser.
Bis hoffentlich bald,
Argentée Écureuil
P.S.: Grüße an Fleur. Sag ihr, ich hab's niemandem gesagt.
„Das ist gegen die Abmachung!" herrschte ihre Mutter die Todesser an, und Tonks brauchte sich nicht umzudrehen, um sich eine genaue Vorstellung darüber machen zu können, wie Andromeda die in schwarze Umhänge gehüllten Zauberer anfunkelte; sie selbst war oft genug mit einem solchen Blick bedacht worden. In der Pubertät, vor allem, oder bei der Entscheidung, sich um eine Stelle für die Aurorenausbildung zu bewerben; herrje, Tonks hatte nie auch nur ansatzweise vermutet, dass nicht die Angst um die Tochter Andromeda eine solche Laufbahn kritisieren ließ – ihr Händeringen hatte überzeugend genug gewirkt!
„Reg dich ab, Tonks!" erwiderte eine ölige Stimme, und sie wünschte sich, länger im Dienst tätig gewesen zu sein; dann würde sie vielleicht auch erkennen, welcher Todesser hinter dieser schmierigen Maske steckte und sich auf ihn einstellen können; verflucht, und sie hatte selbst dafür gesorgt, dass sie nicht einfach durch Apparieren fliehen konnten – viel zu gut dafür gesorgt!
„Deinem Mädel wird nichts passieren", fuhr der Kerl fort, grinste unheilvoll und ließ einen amüsierten Unterton in seiner Stimme mitschwingen; einer arroganter als der andere, verwünschtes Todesserpack! „Du weißt, dass der Dunkle Lord nur an dem Werwolf interessiert ist", erklärte er dann, und seine Worte jagten Tonks kalte Schauer den Rücken hinunter, obwohl ihr mit einem Mal viel zu heiß war.
Über die Hand im Rücken, die sie eigentlich beruhigen wollte, merkte sie, wie Remus sich versteifte, als ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf zuckte; selbstverständlich konzentrierte sich der Dunkle Lord nur deswegen auf Remus, weil dieser das Geheimnis des neuen Hauptquartiers wahrte, und er würde sich sicher nicht zimperlich geben, wenn er den Aufenthaltsort aus dem Werwolf herauspressen wollte.
Dass Remus den Geheimniswahrer stellte, wusste der berüchtigte Schwarzmagier sicher von Drew, oder Hendrik oder Chokoloye, die hiermit alle drei verdammt seien; und ihm musste ebenso wie Tonks klar sein, was die Drohung, Remus an Vollmond auf eine bewohnte Muggelsiedlung mit Kindern loszulassen, bei diesem auslösen würde!
Dann schoss ihr dieser eine Satz des Todessers wieder in den Sinn – deinem Mädel wird nichts passieren – und die Anweisung ihrer Mutter, denkt an die Abmachung; natürlich, Andromeda musste als Gegenleistung für die Spionage im Orden die Sicherheit der Tochter gefordert haben.
Eine andere Erklärung fiel Tonks nicht ein, und sie fühlte sich gleich noch schlechter; es wäre viel einfacher gewesen, Andromeda zu verdammen, wenn sie sich wie ein rücksichtsloses Ekel benehmen würde. Das Rauschen des Flusses drang an ihre Ohren – Adrenalin hatte es bis eben vollkommen ausgeblendet –, und eine Idee formte sich in ihrem Kopf zu einem Plan heran.
Waghalsig, zugegeben. Aber immerhin ein Plan.
„Viel Glück!" murmelte sie Remus noch ins Ohr, bevor sie den verdutzten Mann am Kragen packte und ihn von der Steinplatte stieß; der Fluss schien tief genug, seinen Sturz zu bremsen, und auf diese Weise hätte er zumindest eine Chance.
Besser, als Voldemort in die Hände zu fallen, überlegte Tonks, und Erleichterung darüber, dass wenigstens Remus nicht den Todessern in die Hände gefallen war, schwächte die bittere Enttäuschung des Verrats ein wenig ab; der Fluss war gefährlich, aber es bestand die Möglichkeit, dass Remus ihm entkommen würde.
„Animo Relictus!"
Harry fluchte verhalten, als ein blendender Blitz seinen Gegner nur streifte, ihn taumeln ließ, obwohl er ihn eigentlich in die Schatten der Bewusstlosigkeit hätte katapultieren sollen, und schickte sofort einen stummen ‚Kopf über'-Zauber hinterher.
Er beobachtete, wie Nellie Volgonttomb sich im Fallen drehte, ihre blonden Haare um den gestählten Körper wirbelten, bevor sie mit dem Kopf auf den harten Korridorboden aufschlug; irgendwie hatte er sich bereits gefragt, wann sie wieder zuschlagen würde, wieso sie die Angriffe auf Harry überhaupt unterbrochen hatte. Vermutlich stellte es keine Herausforderung, kein ausreichendes Training dar, den jungen Zauberer anzugreifen, wenn er sich von einem Zusammenbruch erholen musste.
„Lacanum Inflamare!"
Überrascht zuckte Harry zurück, als Funken auf ihn zustoben, den Saum seines Umhangs in Brand setzten und heiße Flammen nach seinen Beinen tasteten. Nellie verbesserte sich zweifelsohne von Kampf zu Kampf; erstaunlich, wie schnell der Konter ihn getroffen hatte. Zuletzt hatte er dies bei seinem Paten gesehen, als Bellatrix Lestrange ihn ersticken wollte und Sirius' Antwort kam, noch bevor er nach Luft geschnappt hatte.
Wieder wollte er eine Grimasse schneiden – Sirius wurde gerade vom Insomnis beherrscht –, doch diesmal fiel es ihm leichter, sie zu unterdrücken; während er hier seine Roben löschte und Nellie beschäftigte, befand sich Hermine vermutlich schon in der Eulerei und schickte Hedwig los mit einem Brief an Fleur. Grüßte sie von Argentée Écur-, von dieser Frau, die Hermine diesen verwirrenden Brief geschickt hatte.
Nach reiflichen Überlegungen war die braunhaarige Hexe zu dem Schluss gekommen, dass er eine verschlüsselte Botschaft enthielt, eine Nachricht bezüglich Schnuffel, und dass Bills Verlobte ihnen etwas mehr Klarheit verschaffen konnte – immerhin, Hermine kannte niemanden, der auf den seltsamen, französisch anmutenden Namen Argentée hörte, konnte sich aber auch nicht erklären, wieso die osteuropäisch wirkende Eule nicht direkt an Fleur adressiert wurde, wenn die beiden Französinnen sich kannten. Also wollte sie von Delacour wissen, wer denn diese Fremde war, was sie tat – und hoffte, mit mehr Informationen die geheime Botschaft im Brief entschlüsseln zu können, vielleicht sogar einen Weg zu Sirius und Fred zu finden.
Deswegen hatte Harry darauf bestanden, in der Pause zwischen Zaubertränke und Hermines alten Runen sofort in den Eulenturm zu eilen – nicht, dass er auf eine Pause warten musste, er beschäftigte sich zur Zeit ausschließlich mit Legilimentik und Sirius' Training –, und deswegen lenkte er nun Nellie ab, die ihnen den Weg versperrt hatte und sich eben ein wenig benommen aufsetzte.
Beeindruckt hob der junge Zauberer die Brauen, ein so starker Flammenzauber in diesem Zustand – seinen Umhang konnte er wegwerfen! Dann tastete sie mit der linken Hand ihren Hinterkopf ab, und Harry atmete auf, als Nellie den Arm zurückzog; kein Blut an ihren Fingern, aber die Beule würde nicht lange auf sich warten lassen.
Ebenso wie die betäubenden Kopfschmerzen, dachte der Junge der lebte und zuckte in einem Anflug von Mitgefühl mit den Achseln, als er sich auch schon einer Salve Flüche ausgeliefert sah und gegen die nächste Wand flog.
Der Schwarzhaarige keuchte auf, als die Wucht eines hervorragend ausgeführten Stoßfluchs ihn auf harten Stein treffen ließ, der Aufprall schonungslos die Luft aus seinen Lungen presste und ein herabstürzender Granitkopf nur knapp seine Schulter verfehlte; ‚Vertiginosa' rief einen Schwindelanfall hervor, und Harry tastete orientierungslos um sich, fand kalten Steinboden und hartgetretenen, alten Teppich.
Zufrieden stellte er fest, dass er seinen Zauberstab trotz allem noch immer fest umklammert hielt und riss ihn herum, als er Nellie wie durch einen Schleier mit ‚Flagellum' eine Peitsche beschwören hörte, schätzte die Richtung einfach ab; er schickte eine eigene Peitsche los, und die beiden Lederbänder verfingen sich, Nellie zerrte am anderen Ende und wollte ihre Waffe befreien – da gab Harry seine eigene auf und schickte dem verdutzten Gegner einen Knochenbrecherfluch entgegen. Dorthin, wo er Volgonttombs Zauberstabhand vermutete.
Das erwartete Knacken, das Nellie außer Gefecht hätte setzen können, blieb jedoch aus, und Harry fühlte, wie die Wirkung des Schwindelfluchs allmählich nachließ – endlich –, doch Nellie ließ ihm keine Zeit, sich zu erholen.
„Formidilo!"
Eisige Finger tasteten nach Harrys Eingeweiden, und er erschrak, als Stimmen in seinem Ohr erklangen, weiter anschwollen, bis er einzelne Worte heraushören konnte – Worte voller Verzweiflung, als seine Mutter Voldemort anflehte, ihren Sohn zu verschonen und stattdessen sie, Lily Potter zu töten. Das Grau des Korridors verzog sich mit dem blutigen Rot des Teppichs zu einer gruseligen Kulisse, und Harry spürte kalte Verzweiflung, die alle Hoffnung aus ihm ziehen wollte und diesmal nicht in die schwarzen, langen Umhänge der Dementoren gewickelt war.
Diesmal glitten keine der beunruhigenden Horrorgestalten durch die düsteren Gänge des Stockwerks, doch die Kälte fühlte sich deswegen kaum weniger grausam an. Stimmen schrieen lauter, beängstigender – Lily, nimm Harry und lauf, er ist es! und Das kannst du doch besser. –, und Harry hielt sich die Ohren zu, wollte vergessen, und hörte sie doch weiterhin.
Haben auf Fletcher angelegt, mussten uns zurückziehen – der sabotierte Ordenseinsatz, der Harry wie ein Fluch in den Kopf schoss, sich dort festsetzte; es war bestimmt schon zu spät, nie würden sie Sirius und Fred noch retten können! Verdammt, und er war schuld, hatte die beiden auf dem Gewissen – musste, wieder einmal, das würgende Gefühl ertragen, seinen Paten umgebracht zu haben.
„Sirius!" presste er hervor – hörte er sich da wimmern? Er hatte ihn ermordet, wie zuvor seine Mutter, und seinen Vater; beide wegen ihm gestorben, und wofür? ... und Er, der für das Licht kämpft, wird nicht fähig sein auszuweichen oder etwas vor Sich zu stellen zum Schutz gegen den Fluch des Todes ... und der triumphierende Schrei des Dunklen Lords wird erschallen ... Für nichts, für absolut gar nichts, immerhin würde der Dunkle Lord –
Von einem Augenblick zum anderen nahm die graue Umgebung wieder Formen an, und Harry erblickte Ron, der in sein Gesichtsfeld eilte und sich zu ihm hinunterbeugte; er blinzelte befremdlich, bevor er dem benommenen Jungen half, sich aufzusetzen.
Die eben gefühlte, abgrundtiefe Verzweiflung hatte sich ins Nichts verflüchtigt, war in die hinteren, verwinkelten Gänge Hogwarts' zurückgewichen, und Harry atmete tief durch, wagte es jedoch nicht, erleichtert die Augen zu schließen – immerhin könnten die Stimmen wiederkehren.
„Was ist passiert?" stammelte er stattdessen und schüttelte den Kopf, darum bemüht die letzten Nebel zu vertreiben; keine Spur von Nellie, und Ron steckte nervös den Zauberstab weg und seufzte.
„Ich bin grad aus der Großen Halle gekommen, als Nellie dich unter den Dementor-Effekt gesetzt hat", erklärte er dann vorsichtig und schüttelte kaum merklich den Kopf, schien das alles nicht glauben zu wollen; Harry musterte den Freund nachdenklich, stutzte dann – Dementor-Effekt? Vage glaubte er sich daran zu erinnern, in Verteidigung schon davon gehört zu haben, aber – der junge Zauberer riss bestürzt die Augen auf, als die Erinnerung ihn mit einem Mal überrollte – zählte der nicht zu den Dunklen Künsten?
„Nein", erklärte Ron auf eine entsprechende Frage hin, und Harry wollte gerade erleichtert aufatmen, als er hinzufügte: „Aber so gut wie!"
Die betretene Stille, die sich daraufhin über den Gang senkte, hätte man beinahe mit Händen greifen können, und Harry schluckte, wechselte einen alarmierten Blick mit Ron; er wollte kaum glauben, in welche Richtung der Rachegedanke an Malfoy das einst so sanfte Mädchen so unbarmherzig trieb, mochte nicht darüber nachdenken, wie weit Nellie noch gehen würde, um Draco in die Hände zu bekommen. Viel fehlte nicht mehr zu den Dunklen Künsten; und Ellen wäre damit nicht geholfen!
So ungern Harry Lehrer einschaltete – um seine Angelegenheiten kümmerte er sich verdammt nochmal selber, und Hermine hatte nicht nur einmal behauptet, er schien vor allem seit Beginn der sechsten Klasse regelrecht besessen von dem Wunsch, sich zu beweisen –, so würde ihm diesmal vielleicht keine andere Wahl bleiben; Nellie musste geholfen werden, und auf ihn würde sie wohl nicht hören. Wenn er Remus traf, sollte er mit ihm vielleicht darüber reden.
„Ich habe den Brief an Fleur abgeschickt", riss eine keuchende Stimme Harry aus seinen Gedanken; Ron versteifte sich, als er Hermine heranhetzen sah, erinnerte sich offenbar daran, dass er seinen beiden Freunden zur Zeit eigentlich aus dem Weg gehen wollte.
Mit einem letzten Blick vergewisserte er sich, dass mit Harry alles ok war, dann war er verschwunden, bevor Harry ihn daran hindern konnte; Hermine unterdrückte ihre bedauernde Grimasse und wandte ihre Aufmerksamkeit Harry zu. „Ich hab sie darum gebeten, schnell zu antworten. Vielleicht gibt ihr Brief uns einen Anhaltspunkt."
