Author's Note:
Sämtliche Figuren dieser Geschichte gehören J.K. Rowling, ich habe mir lediglich erlaubt, den Canon-fast-Unbekannten Evan Rosier, Wilkes, Avery und Rodolphus Lestrange ein wenig Leben einzuhauchen :) Das Lied gehört Emilie Autumn.
Diese Geschichte ist vor allem für Leute geeignet, die „Abendröte" gelesen haben und sich vielleicht dafür interessieren, wie es mit Evan weiterging. Grundsätzlich muss man „Abendröte" aber nicht gelesen haben, um sie zu verstehen ;)

Charaktere: Evan Rosier, Severus Snape, Adrienne Wilkes, Rodolphus und Bellatrix Lestrange


Letztendlich allein

„It's a sunny day in heaven
And no one is around
To open the gates
And I'm waiting for you
My fairweather friend
Absent in the end
My fairweather friend."
-
Emilie Autumn



London, 13. September 1981 – Evan Rosier

„Evan?"

Adrienne Wilkes' Stimme drang durch die schattige Gasse.

„Pssst!", machte ich ungehalten. Diese Frau hatte schon mein Leben ruiniert, ich würde nicht zulassen, dass sie mir auf dem Weg in den Tod Steine in den Weg legte. Nicht schon wieder ein Hindernisrennen auf meinem Weg ins Jenseits.

Makaber eigentlich. Severus hätte gelacht. Naja. Er hätte gelacht, wenn er mich nicht vor drei Wochen selbst mittels Heilmagie von den Toten zurückgeholt hätte. Danach war er… nicht amüsiert.

Aber davor haben wir, wie immer, unseren rabenschwarzen Galgenhumor geteilt.

Nun ja. Davor hatte ich auch noch einen Grund für Witze. Bevor Adrienne- aber nein, damit hat ja alles angefangen. Bloß nicht vertiefen.

Severus ist nicht hier, um mir eine Standpauke über mein körperliches und seelisches Wohlbefinden zu halten. Und er wird diesmal auch nicht da sein, um die Dinge rückgängig zu machen. Genauso wie die dunkelblonde Frau neben mir diesmal nicht davonkommen wird…

„Ist ja gut", faucht Adrienne und tastet sich zu mir vor. Ich kann ihre Umrisse nur schemenhaft erkennen – die trügerisch harmlos wirkende kleine, zierliche Figur, die leicht krausen Haare, die angespannte Haltung, den zum Angriff bereit gehaltenen Zauberstab.

Nicht mehr lange, Herzchen, denke ich bitter und lausche.

Eigentlich ist es lächerlich. Die letzten fünf Jahre habe ich damit verbracht, vor Moody wegzulaufen und mich zu verstecken. Jetzt warte ich auf ihn.

Nicht, dass ich einen Plan hätte. Nein, für einen zweiten Selbstmordversuch bin ich erschreckend planlos. Das schnippische „Typisch!", das ich in meinem Kopf vernehme, klingt irgendwie nach Bellatrix…

Obwohl auch sie wahrscheinlich alles andere als begeistert wäre, wenn sie wüsste, was ich hier treibe. Wahrscheinlich würde sie persönlich den Zauberstab gegen mich ziehen.

Aber sie ist ja nicht hier.

„Hörst du das?", keucht Adrienne auf, und ihre Haltung versteift sich noch mehr.

Natürlich höre ich. Immerhin habe ich persönlich den kleinen Hinweis an die Longbottoms geschickt.

Tja, tut mir leid, Alice. Aber gib's zu – du bist im Herzen so sehr Aurorin geworden, dass du es genießen wirst, uns zu erledigen.

„Sie kommen näher", wispert Adrienne.

„Ich weiß", antworte ich mit dem ersten Grinsen seit langem.

Wann zur Hölle bist du so kalt geworden?, schießt mir Rodolphus' Stimme durch den Kopf. Nun, das wüsste ich auch gerne.

Aber auch Rod ist nicht hier, um mir das zu erklären.

„Hier ist es also, Longbottom?", knurrt eine männliche Stimme. Moody.

„Ja, Alastor", antwortet leicht genervt Alice' Stimme. Mein Grinsen wird breiter. Paranoid wie immer, der gute Moody. Gut für ihn.

„Bleibt in eurer Deckung", meldet sich ein zweiter Mann zu Wort – Frank. „Wenn Wilkes hier wirklich auftaucht, wird sie kurzen Prozess machen."

Adrienne neben mir zuckt zusammen. „Woher wissen sie, dass wir hier sind?"

„Dass du hier bist, mon coer." Du und deine Spitzfindigkeiten, meckert ein virtueller Avery in meinem Ohr und schweigt sich darüber aus, ob er mich oder Adrienne meint.

Erst jetzt dreht sie sich vollständig um und schaut mich direkt an. Ihre Augen funkeln im fernen Licht der Straßenlaterne.

„Was zum-"

„Pst!" Ich lege einen Finger auf ihre Lippen. So weich… zu weich für eine so böse Person… und so warm… Wärme, wie ich sie seit einem Dreivierteljahr nicht mehr gespürt habe. Nicht mehr spüren konnte. Dank dir, mon coer… aber auch du wirst bald kalt sein…

Das Lächeln auf meinen Lippen muss teuflische Züge angenommen haben; Adrienne reißt die Augen auf. Ich ziehe sie noch ein Stück näher zu mir (und ignoriere den Drang, die Hände an ihren Hals zu legen und zuzudrücken).

Meine Hand tastet zu meinem Zauberstab.

„Was auch immer passiert-" Langsam lasse ich sie los und Ziele mit dem Stab in die Richtung, aus der die Auroren kommen.

„Ich möchte, dass du etwas weißt…"

Sie atmet scharf ein. „Was?"

„Lumos!"

Gleißendes Licht aus meinem Zauberstab erfüllt mit einem Mal die Gasse und die Auroreneinheit stürzt, angeführt von Moody und den Longbottoms in unsere Richtung.

Adrienne registriert es aus dem Augenwinkel, richtet ihre Aufmerksamkeit jedoch weiter auf mich.

Manchmal bist du so ein vermaledeiter Dreckskerl, schimpft eine virtuelle Bellatrix in meinem Kopf.

„Lassen Sie den Zauberstab fallen oder sterben Sie", donnert Moody, und seine Stimme hallt von den Häuserwänden wieder.

Adrienne feuert einen Schockzauber auf ihn ab.

So sanft heute, würde Severus grimmig spotten – kein Wunder, nachdem diese Irre um ein Haar seine Mutter getötet hätte. Damals.

Jetzt ist er nicht hier, um seinen Onkel zweiten Grades zu beschützen. Oder Adrienne. Oder mich. Zum Glück.

„Was, Evan?", zischt sie ungeduldig, bevor ich einen Schildzauber vor uns werfe, der Moodys Revanche abwehrt. Sie ist nicht Moodys Fall…

„Frank!", dröhnt Moodys Stimme zu uns durch, und Frank arbeitet gegen das Schild.

Mit einem ungesagten Zauber entwaffne ich Adrienne, die mich entgeistert anstarrt. „Evan-"

Ich lächle dämonisch. „Fahr zur Hölle!"

Der Schildzauber bricht, Adriennes Augen weiten sich entsetzt, als ich meinen Zauberstab erneut auf sie richte und grünes Licht die Gasse erhellt.

Das war nicht nett, meldet sich die Stimme von Rodolphus vorwurfsvoll in meinem Kopf.

„Evan, lass einfach den Zauberstab fallen", dringt Alice' Stimme zu mir durch. Sie klingt geschockt.

Mühsam wende ich den Blick von Adriennes Körper am Boden ab – endlich! Doch, es kann auch positiv sein, wenn man ‚Hass' und ‚keine Gewissensbisse' mischt… - und suche den Blick der Aurorin. Sie steht reglos neben Moody, der den Stab angriffsbereit gehoben hat, aber auf ihre gehobene Hand hin innehält.

Warum tut sie nichts? Meine Güte, sie hat den halben Phönixorden sterben sehen, dass ich ihr Jahrgangskollege war, kann sie doch nicht davon abhalten, auf mich loszugehen… sie hat gerade zugesehen, wie ich eine unbewaffnete Frau getötet habe!

„Evan, wenn du jetzt einfach mitkommst, kann dir das in einem Prozess helfen", vernehme ich Frank.

Bei Merlin, Prozess? Unter Crouchs Regime gibt es kaum noch Prozesse wie Leute wie mich – warum macht ihr es nicht wie bei allen anderen und greift verdammt noch mal an?! Nur weil es eine Todesserin war, die gerade vor ihren Augen gefallen ist? Muss ich erst die Initiative ergreifen?

„Rosier, lassen Sie den Stab fallen", knurrt Moody. Er hat seinen eigenen Zauberstab auf mich gerichtet, doch ich kenne ihn – er attackiert nicht, wenn er nicht muss.

Ich hebe meinen Stab und halte seinen Blick. Nun mach schon, alter Mann, sonst muss ich es tun!

„Kommen Sie schon…"

Merlin, das gibt's doch nicht! Sonst verfahren sie doch nicht so sanft mit Todessern! Die Longbottoms gehören einfach nicht auf Einsätze gegen alte Freunde geschickt…

„Ich zähle bis drei!"

Jetzt reicht's!

Secrumsempra!"

Na bravo, schnarrt ein imaginärer Severus in meinem Geist. Adrienne flucht meine Mutter ins Krankenhaus und du bläst meinem Onkel die Nase aus dem Gesicht.

Sorry, Sev, aberMoody wird schon ohne seine Nase zurecht kommen. Und wenn's hilft…

Ich nehme nur in Zeitlupe die entsetzten Gesichter von Frank und Alice wahr, als das Blut aus Moodys Gesicht spritzt.

Den ganzen Abend schon höre ich die Stimmen meiner Freunde in meinem Kopf.

In Slytherin wirst du wahre Freunde finden, hat der Hut damals gesungen. Und er hat recht gehabt.

Aber letztendlich bin ich allein. Zum Glück.

Wie hätte ich tun können, was ich musste, wenn Severus, Bellatrix, Rodolphus oder Avery versucht hätten, mich mit ihrem Leben zu beschützen?

Letztendlich ist es so, wie ich schon seit Wochen sage: Die Welt ist besser dran ohne mich… und ohne sie. Zwei Todesser weniger, die das Ende des Kriegs verzögern. Ach ja, und eine Irre weniger, die anderer Leute Seelen stiehlt. Ein letzter Seitenblick auf Adrienne, meinen nun ebenfalls abwesende Freundin.

Mit Genugtuung sehe ich den grünen Lichtstrahl auf mich zufliegen.

Endlich…


The one thing I can count on
Is nothing much at all
The one thing that I'm sure about
Is that you won't be anywhere around me when I fall
I'd like to think I wouldn't die for you, but you know I would
'Cause that's the fool I am
And that's the rule you bend
Absent in the end
Love you only bend
Wounds you'll never mend
My fairweather friend
F i n i s .