Die Sonne hatte gerade den Horizont berührt und die ersten Sterne zeigten sich bereits, als Gwaihir der Herr der Lüfte, auf Jagd war. Seine Gefährtin und er, hatten seit kurzem Nachwuchs, und dieser war nicht so leicht satt zu kriegen.
Gerade als er zum Sturzflug ansetzten wollte, landete etwas mit einem großem Platscher im nicht weit entfernten Fluss. Neugierig geworden, und voller Hoffnung auf Beute, stieg er wieder in die Lüfte.
Der Fluss markierte die Grenze zu einem Elbenheim, was Gwaihir zwar noch nie durchflogen hatte, aber doch mit seinen Bewohnern sehr vertraut war.
Der Bruinen zog rasch dahin, das Gwaihir, wäre er nicht ein Adler gewesen, große Probleme gehabt hätte überhaupt etwas, in den riesigen Wassermassen zu erkennen. Er brauchte nicht lange, um zu wissen, das in dem eiskalten Wasser ein kleiner Menschenkörper schwamm. Normalerweise wäre ein Adler wie er jetzt, enttäuscht wieder fortgeflogen. Aber da es einfach nicht seine Art war, setzte er erneut zum Sturzflug an, schwebte dann förmlich über dem Wasser und mit einer einzigen gezielten Bewegung seiner rechten Fußkralle fischte er den leblosen Körper aus dem Strom.
Vorsichtig setzte er ihn dann am Ufer ab, eigentlich hatte er vorgehabt, hier einfach auf einige Elben zu warten, der Mensch war durch den Aufschlag so schwer verletzt worden, das Gwaihir von vornherein angenommen einen Toten zu tragen. Doch kaum hatte er den Leib auf dem weichen Boden abgesetzt, krümmte sich der Körper und der kleine Mensch würgte schließlich einen großen Schwall an Wasser hervor.
Das Menschenkind öffnete die Augen und versuchte sich unter Stöhnen und Ächzen aufzurichten, was es aufgrund seiner Verletzungen aufgab. Verwundert schaute Gwaihir zu, wie es auf den Fluss zukroch, auch hier brauchte er nicht lange um zu verstehen, das dieser törichte Mensch gar nicht überleben wollte, doch er hatte nicht mit dem Herrn der Lüfte gerechnet.
Was auch immer sie aus dem Fluss gerettet hatte, Marlá hatte nicht vor es herauszufinden. Sie wollte ihr Vorhaben auch zuende bringen, auch wenn sie keine Ahnung hatte wo sie war, denn einen Fluss hatte sie beim Hinabsehen nicht bemerkt. Da sie kaum noch ein Gefühl in den Beinen und Armen hatte, versuchte sie zum Strom zu kriechen.
Allerdings kam sie nicht sehr weit, irgendetwas spitzes packte sie am Pullover und zerrte Marlá ein gutes Stück vom Ufer weg. Sie zwang sich auf die andere Seite, und hätte es im nächsten Moment wohl lieber nicht getan.
Neben ihr hockte ein riesiger Vogel, sein Gefieder war von brauner Farbe, seine Augen schienen die ihren zu durchbohren. Ein letztes Mal versuchte sie sich in Richtung Wasser zu schleppen, aber der Vogel schien etwas dagegen zu haben, abermals packte sein Schnabel ihren Pullover und zog sie energisch zurück. Sie schaute ihn an, sie wusste es war absurd, aber die Augen strahlten eine enorme Weisheit aus.
Mit einem lauten Schrei, erhob er sich in die Lüfte. Der Wind, den er dabei erzeugte, ließ Hunderte von Blättern aufwirbeln, die Marlá bis zum Kopf einhüllten. Nun hatte sie erst recht keine Chance mehr zu entkommen, selbst wenn sie es gewollt hätte.
Es würde wohl ein sehr heißer Tag werden. Elrond der Herr Bruchtals, war gerade auf dem Nachhauseweg. Er hatte einige Wochen in Lothlórien verweilt, der weiße Rat war dort zusammen gekommen. Das Thema der Versammlung, war das bedrohliche Wachstum der Macht Saurons, noch immer war es den Mitgliedern des Rates nicht gelungen den Einen Ring zu finden. Gandalf hatte einen Verdacht geäußert, wo der Ring verborgen sein könnte, und war schon eine Woche früher als Elrond aufgebrochen, gerne hätte dieser den Zauberer begleitet, aber er hatte Pflichten die kein anderer erfüllen konnte.
Ein Schatten, senkte sich auf das Pferd und seinen Reiter nieder. Herr Elrond brauchte nicht einmal nach oben zu schauen, um zu wissen um was es sich handelte. Der folgende Schrei sagte ihm alles, er wusste wenn er den Drachen jetzt herausforderte, hatte er nicht einmal den Bruchteil einer Chance zu Überleben. Mit unbändigen Hass, verfolgte er wie das Monstrum seinen Weg zurück nach Mordor fortsetzte. Nun erlaubte er sich wieder tief Luft zu holen. Im nächsten Moment bemerkte er die schwarzen Rauchschwaden. Kaum zwei Meilen entfernt stiegen sie in die Höhe, ein Dorf stand in Flammen. Wäre Elrond ein eingebildeter und selbstsüchtiger Elb gewesen, wäre er achtlos weiter geritten. Aber er konnte nicht einfach weiter ziehen, vielleicht gab es noch Überlebende.
Als sie aufwachte, hatte sich der Himmel verdunkelt. Die Finsternis schien sie erdrücken zu wollen, sie bekam kaum noch Luft. Erst nachdem sie den Kopf gehoben hatte, wurde ihr bewusst, das es nicht schwarze Wolken waren die ihr das Licht genommen hatten, sondern die restlichen Trümmer des Hauses.
Sie schloss die Augen und hörte in sich hinein, äußerlich verspürte sie keinen großen Schmerz. Unendlich langsam, um ja nicht noch mehr zum Einsturz zu bringen, versuchte sie sich aufzusetzen. Überraschenderweise waren die Bretter, die Awarî unter sich begraben hatten, nicht sonderlich schwer.
Nach einigen Minuten hatte sie sich freigekämpft. Wie war sie überhaupt hier her gekommen? Was war geschehen?
Durch die plötzliche Helligkeit brauchte sie einwenig, um klar sehen zu können. Sie brauchte sich nur umzusehen, und die Erinnerung traf sie wie ein Pfeil.
Ihr Heimatdorf war vollkommen nieder gebrannt. Wo einmal prächtige Hütten aus Holz gestanden hatten, gähnten jetzt pechschwarze Löcher. Der metallische Geruch von Blut lag in der Luft.
Als Awarîs Blick in Richtung Anbaufelder ging, krampfte sich ihr Herz zusammen. Sie wollte loslaufen, ihr Bein knickte unter ihr weg, und sie fiel der Länge nach hin. Awarî rappelte sich auf und humpelte so schnell es ihr Bein erlaubte zum Dorfrand.
Beim Anblick der verbrannten Menschen, wurde ihr so übel das sie sich übergeben musste. Sie stürzte auf die Knie, sie war so geschockt das sie nicht einmal weinen konnte. Vor ihren Füssen lagen die toten Körper ihrer Eltern und Geschwister, jedenfalls das was noch von ihnen übrig war. Awarî hatte sie nur an ihren Anhänger in der Form eines Lorienblattes erkannt, um ihren Hals trug sie auch einen. Nicht einmal 50 Meilen entfernt, lag der Wald von Lothloríen, warum waren ihnen die Elben nicht zu Hilfe geeilt. Awarîs Familie war entfernt mit den Eldar verwandt gewesen.
Wütend schlug sie immer wieder die Hände in den geschwärzten Boden, waren sie so feige gewesen das sie nicht einmal wehrlosen Dorfbewohnern hatten helfen können.
Awarî stand auf, und stellte sich dem Wind entgegen. Sie sah ein letztes Mal auf die Verstorbenen hinab.
„Ich werde euch rächen, das verspreche ich." Sagte sie laut.
Wie zur Antwort, sah sie in der Ferne einen Reiter auf das Dorf zukommen. Er war in einen dunklen Umhang gehüllt, für sie konnte das nur eins bedeuten. Ein Nazgúl, ihre Eltern hatten ihr von diesen ruhelosen Geistern, wenn man sie Geister nennen konnte, erzählt.
Nun, er sollte nur kommen. Sie würde ihrer Familie noch die letzte Ehre erweisen, selbst ein Nazgúl würde das nicht verhindern können. Sie würde ihn gebührend empfangen.
In ihrer Rachelust, tiefer Trauer und unbändiger Wut, wurde ihr nicht klar das die Diener des schwarzen Turmes keine weißen Pferde ritten.
Das Getrappel von Pferdehufen ließ Marlá die Augen aufschlagen. Im Abendlichem Zwielicht, konnte sie nur schwer die beiden Tiere ausmachen ganz zu schweigen von ihren Reitern. Im nächsten Moment kamen sie zwischen den Bäumen zum Vorschein. Marlá kniff die Augen ganz schnell wieder zu, und bewegte sich nicht. Vielleicht würden die Fremden sie für einen einfachen Blätterhaufen halten, und achtlos weiterreiten. Die Pferde kamen deutlich näher, nun erstarb das Geräusch ihrer Hufe. Marlá hielt den Atem an, Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie hoffte inständig auf ein Wunder. Einer der Männer hatte sich jetzt über sie gebeugt, sie sah deutlich seinen Körper durch das Blattwerk hindurch.
„Tirad le ben?" (Siehst du jemanden?)
„Baw! Gwaihir or cad mist!" (Nein! Gwaihir muss sich geirrt haben).
Sie verstand zwar nicht was sie miteinander besprachen, aber doch den Tonfall. Nun bestiegen sie wieder ihre Pferde. Marlá atmete innerlich auf. Doch ihre Freude war zu voreilig gewesen.
Auf einmal frischte der Wind auf, er wurde zu einer kräftigen Bö und sämtliche Blätter die Marlá bedeckt hatten, stoben in sämtliche Himmelsrichtungen davon.
Die Blätter hatten gewärmt, jetzt da sie fort waren, begann sie wieder zu zittern. Sie wand den Kopf und erkannte die Ursache des plötzlichen Windes. Der Adler war zurückgekehrt.
Die Zwillinge mussten sich im Sattel festkrallen um nicht hinunterzufallen, der Landeflug von Gwaihir fegte den ganzen Waldboden. Es war Elladan der das Mädchen zuerst entdeckte.
„Sieh doch, er hatte doch Recht. Da ist sie." Sein Bruder nickte zustimmend.
Jetzt war es aus, sie hatten sie aufgespürt. Dank der Hilfe des Adlers. Aber so leicht würde sie sich nicht gefangen nehmen lassen. Mit viel Anstrengung schaffte Marlá es aufzustehen. Sie bereute es sofort, ihr Körper war von dem Sturz noch so mitgenommen, das ihm die übereilte Kraftanstrengung gar nicht gefiel. Er antwortete mit heftigen Schmerzen in den Beinen, und im Kopf. Sie schwankte.
Das junge Mädchen litt große Qualen. Das erkannte Elrohir sofort, so wie sie zugerichtet war, überraschte ihn das nicht sonderlich. Er nickte seinem Bruder zu und stieg vom Pferd, er tat einen Schritt auf sie zu.
Marlá wich erschrocken zurück, was wollten sie von ihr. Sie hatte doch nichts bei sich.
„Du brauchst dich nicht zu fürchten. Wir möchten dir helfen. Vertrau uns!" Ertönte eine Stimme in ihren Gedanken. Das war nun wirklich unheimlich.
„Geht weg. Ich habe nichts. LASST MICH IN RUHE" schrie sie.
Ihre Erstarrung löste sich, sie rannte, besser gesagt humpelte, dem Fluss entgegen. Aber noch bevor sie ihn erreicht hatte, stellte sich ihr einer der Fremden in den Weg. Er packte sie unsanft am Arm, und zwang sie in seine blauen Augen zu blicken. Um Marlá wurde es dunkel.
Elrond war nur noch wenige Fuß vom Rande des Dorfes entfernt, aber auch schon diese Weite reichte aus um die ersten Opfer diesen Angriffes auszumachen. Der Elbenfürst sprach leise ein elbisches Gebet und wünschte den geschundenen Seelen eine friedliche Reise in die Hallen von Mandos.
Er wendete den Blick ab, auch wenn er diese Menschen nicht gekannt hatte, empfand er tiefe Traurigkeit. Und sein Hass auf Sauron und seine Diener loderte noch höher als er sich im Dorf umblickte.
Nicht ein Haus hatte die Katastrophe heil überstanden, für die Bewohner gab er die Hoffnung auf. Niemand konnte das überlebt haben.
Awarîs Herz raste, der „Nazgúl" hatte mit seinem Pferd das Dorf betreten, es explodierte beinahe als sie mit ansehen musste wie er vor ihrer Familie Halt machte. Was hatte er vor, wollte er noch mehr Unheil anstiften. Das würde sie nicht zulassen.
Gerade wollte er sein Pferd wenden, als er die Gestalt bemerkte. Ein Kind! Also hatte doch jemand überlebt. Er hielt nochmals an, und stieg ab. Er nahm Rhis (elb. Königin) bei den Zügeln. Das Mädchen war nun fast heran. Elrond wurde von ihren unkontrollierten Gefühlen überwältigt. Hass, Wut, Angst, Trauer, Schmerz.
„VERSCHWINDE VON HIER, siehst du nicht das deine Freunde schon genug angerichtet haben!"
Er verstand zunächst nicht, aber als sie eine halbverbrannte Holzlatte aufhob und auf ihn richtete, reagierte er. Er packte sie am Handgelenk, und zog seine Kapuze zurück.
Awarî ließ vor Schreck die Latte fallen. Ein Elb. Aber warum war er gekommen? Etwa um sie zu retten? Allerdings war es dafür schon relativ spät. Sie wich zurück. Tränen rannen ihr über das Gesicht.
Warum kommst du erst jetzt. Flüsterte sie
„WARUM KOMMST DU ERST JETZT, WO WART IHR ALS ES PASSIERT IST." Schrie sie.
Wir sind euch doch egal, warum sollte ich mich retten lassen wollen? Fragte sie mehr sich selbst.
Elrond packte entsetzt ihren Arm.
„Fass mich nicht an!" Er zog seine Hand zurück.
„Ihr seid uns nicht egal, ich verstehe deine Gefühle Kind. Wir hätten euch geholfen, hätten wir gewusst..."
„HÄTTET IHR GEWUSST, HÄTTET IHR GEWUSST. Das macht meine Familie auch nicht wieder lebendig." Das Gesicht des Elben wurde traurig.
Sie erhob sich, und rannte in die andere Richtung davon. Weit kam sie nicht, ihr Bein knickte erneut ein, und sie landete wieder auf dem schwarzem Boden.
Stöhnend setzte sie sich auf. Schritte verrieten ihr das der Elb ihr gefolgt war. Er kniete sich neben sie.
„Komm mit mir Mädchen, hier gibt es nichts mehr für dich." Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. Trauer und Schmerz hatten ihr erneut Tränen in die Augen getrieben.
„Und was ist mit meiner Familie, ich kann sie hier nicht einfach zurücklassen." Er sah sich suchend um.
„Und wo sind sie?" fragte Elrond, er kannte die Antwort allerdings schon. Awarî deutete zum Dorfrand. Elrond nickte im Verstehen.
„Ich verspreche dir, das sie ihre letzte Ehre bekommen werden." Sagte er sanft. Awarî fasste in bisschen Vertrauen. Auch sie nickte im Einverständnis.
Sie ließ es zu, das Elrond sie auf die Arme nahm, und von diesem Ort der Grausamkeit fortbrachte.
