Ein Haus, wenige Meilen vom Hohen Pass entfernt:
Feuer, überall Feuer. Die Hitze war so unerträglich, das selbst das Luftholen zur reinsten Tortur wurde. Schreie, Schreie aus der Ferne drangen an ihr Ohr, nur mit größter Anstrengung schaffte sie es den Kopf zu heben. Nur um im selben Augenblick ein zweites Mal mit ansehen zu müssen, wie ihre Familie qualvoll unter dem Flammenmeer starb. In rasanter Geschwindigkeit zog noch einmal das Gesicht jedes einzelnen vor ihrem geistigen Auge vorbei, angefangen von ihrer jüngsten Schwester, ihrem Bruder bis hin zu ihren geliebten Eltern, ausnahmslos waren alle Gesichter zu einer Fratze voller Höllenqualen und Leid erstarrt..
Schweißgebadet erwachte Awarî aus ihrem Alptraum. Sie atmete tief durch, und setzte sich auf. Erleichtert dass sie dieses entsetzliche Schauspiel nur geträumt hatte, wollte sie aufstehen und sich bei ihrer Mutter in der Küche Trost suchen.
Die grausame Wahrheit, traf sie erbarmungslos in der nächsten Sekunde. Sie konnte nicht hinunter gehen, denn die Küche, das Wohnzimmer, der Kamin, der Stall, ihr ganzes Heimatdorf existierte nicht mehr. All das hatte sie verloren. Erneut huschten die Bilder der Verstorbenen durch ihr Gedächtnis. Sie wollte schreien, einfach den ganzen Schmerz und ihre Wut hinausschreien, aber es ging nicht. Ihre Wangen waren tränennass, aber es kamen keine neuen hinzu. Die Erleichterung über ihr Entkommen vor den Ungeheuren Saurons, fehlte gänzlich. Stattdessen lungerte jetzt wieder diese Leere in ihrem Herzen. Eine dumpfe Taubheit legte sich über ihre Glieder.
Ihr Blick wanderte zum gegenüberliegenden Bett, niemand lag darin. Die zerwühlten Decken allerdings, zeugten davon dass Herr Elrond dort geschlafen haben musste. Draußen dämmerte es bereits, die ersten Vögel begrüßten den neuen Tag. Hatte sie wirklich geglaubt, innerhalb weniger Stunden über die ganze Sache hinweg zukommen?
Die Tür ging auf, und Herr Elrond trat ein. Ihm folgte ein fremder Elb, Awarî war gestern Abend so müde gewesen, das sie nur am Rande mitbekommen hatte wer ihr Gastgeber war. Sie konnte sich schwach erinnern dass er Fandor hieß und seit vielen Jahren hier am Fuße des Nebelgebirges lebte. Einst lebte er in Bruchtal, hatte es aber verlassen um „das große Abenteuer" zu suchen wie er formuliert habe. Deswegen zeigte er wohl nun ein strahlendes Lächeln, man sah ihm an wie sehr er sich freute seinen ehemaligen Herrn wieder zu sehen.
Auch Elrond schien guter Dinge zu sein, er setzte sich auf Awarîs Bettkante und lächelte sie an.
„Guten Morgen, hast du gut geschlafen mein Kind?" Fragte er, unwissend ihres Alptraumes.
In diesem Moment begann sich etwas in Awarî zu regen ja regelrecht hochzuschrauben. Ihrer Taubheit wich unsägliche Wut. Wut auf Saurons Schergen, sie hatten ihr ohne Skrupel das Liebste auf Arda genommen und ihr damit die Seele aus dem Leib gerissen. Wut auf die Elben, warum waren sie ihnen nicht zu Hilfe geeilt, sie konnten doch so gut sehen und hatte ein übersinnliches Empfinden gegenüber allem Bösen. Wieso hatte man ihr Dorf nicht vorgewarnt? Und schließlich Wut auf sich selbst, wieso war sie dumm gewesen und blieb Zuhause, wäre sie mit hinaus aufs Feld gegangen wäre sie zwar auch umgekommen aber müsste jetzt nicht diese Hölle der Trauer und Hilflosigkeit durchleben. Böse funkelte sie Elrond an. Wie konnte er es wagen so fröhlich zu sein, und so tun als ob nichts geschehen wäre?
Imladris:
Später konnte sie nicht mehr einschätzen, wie lange sie vor dem Kamin gekauert hatte, weinend und ohne jegliche Hoffnung. Als die Tränen schließlich versiegt waren, atmete sie einmal tief durch, erhob sich und streifte sich das Kleid über. Unsicher musterte sie sich selbst im Spiegel, der direkt neben dem Kamin an der Wand hing. Man durfte schon behaupten dass sie ein hübsches Mädchen war, Márla hingegen hatte sich bisher nie darum gekümmert wenn ihr die Jungs auf der Straße nach pfiffen, sie machte sich nichts aus pubertierenden Möchtegernmachos. Wieder wollten ihr die Tränen in die Augen steigen, als sie in ihrem eigenen Gesichtszügen ihre Eltern wieder erkannte, sie meinte die lachenden Augen ihres Vaters und liebevolle Lächeln ihrer Mutter zu sehen. Erneut fragte sie sich warum es gerade ihre Eltern hatte treffen müssen. Die Erinnerungen an diesen furchtbaren Abend, holten sie brutal ein:
Wütend war sie aus dem Haus gerannt. Wieder einmal hatten ihre Eltern sie nicht verstehen können. Was um Himmels willen war so schlimm daran, wenn sie einmal ein Wochenende mit ihren Freunden verbringen wollte. Gut, sie wenig verstand sie ihre Eltern schon, es hätte sie auch nicht gewundert wären sie sofort einverstanden gewesen, schließlich sollte das Wochenende auf einem Zeltplatz, einige Kilometer entfernt stattfinden. Aber warum ließen sie ihr nicht einmal den Hauch einer Chance die Sache ein wenig näher erklären zu können. Sie kochte innerlich. Und als ob nicht schon alles schlimm genug gewesen wäre, durchnässte sie ein plötzlicher Regenschauer bis auf die Knochen. Immer noch brummig kehrte sie Nachhause zurück, das Bild was sich ihr nun bot, brannte sich für alle Zeit in ihr Gedächtnis.
Schon von weitem konnte sie das Blaulicht sehen. Zuerst dachte sie sich nichts dabei, bis sie erkannte dassdie Feuerwehr vor ihrem Haus stand. Ihr Herzschlag setzte für Sekunden aus. Ihr erster Gedanke galt ihren Eltern, hoffentlich war ihnen nichts zugestoßen. Das kalte, grausame Gefühl der Angst spannte sich krampfhaft, wie ein Seil, um ihre Brust. Es schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Sie nahm die Beine in die Hand, fiel ein paar Mal, rappelte sich gleich wieder auf, um dann kurz vor ihrem Ziel fing sie ein Feuerwehrmann ab.
„Halt junge Dame, hier ist gesperrt. Wir haben keine Zeit und Nerven für Schaulustige." Márla hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt.
„SCHAULUSTIGE VERDAMMT DAS IST MEIN ZUHAUSE WAS IST MIT MEINEN ELTERN PASSIERT WO SIND SIE." Zunächst verschreckt von ihrem plötzlichen Ausbruch, ließ der Feuerwehrmann sie los und schaffte es nicht ganz ein bedauerndes Gesicht zu verbergen. Márla spürte wie sich das Seil immer enger schnürte. Aus dem Haus drang ein widerlicher Geruch in ihre Nase, den sie nicht einordnen konnte.
In diesem Moment trat ein anderer Feuerwehrmann in die Eingangstüre. Auf seinen Armen trug er eine leblose Gestalt. Márla brauchte einige Sekunden um zu realisieren, wer diese Person war. Ihre Mutter! Durch all den Ruß und Dreck, von dem sie wörtlich übersäht war, konnte man sie nur schwer erkennen. Márla wollte zu ihr eilen, der Feuerwehrmann allerdings hielt sie zurück.
„Sie ist in guten Händen Mädchen, lass die Männer ihre Arbeit tun." Wieder wollte Márla ihn anfahren, hatte aber keine Kraft mehr dazu.
Tatenlos musste sie zusehen, wie ihre Mutter mit dem Krankenwagen abtransportiert wurde. Der Feuerwehrmann begleitete sie zu zwei Polizisten, die sie ins städtischen Krankenhaus fuhren sollten. Im Auto, warf sie noch einmal einen Blick zurück auf ihr Elternhaus. Der Dachstuhl war vollkommen ausgebrannt, als ob er Bekanntschaft mit einer Riesengranate gemacht hätte.
Ein paar Tage später starb ihre Mutter an den Folgen einer schweren Rauchvergiftung. Ihr Vater schaffte es einige Tage länger durchzuhalten. Viele Wochen lief Márla, blind und taub für alles andere nur tief in ihrer Trauer versunken, durch die Welt. Freunde, die das nicht verstanden, wendeten sich von ihr ab, ihre Leistungen in der Schule sackten ins Negative. Und ihre Großeltern, unterdrückten ihren eigenen Schmerz und taten das Ganze mit einer pompösen Bestattungsfeier ab und dann schien alles vergessen zu sein. Márla durfte weder über ihre Gefühle sprechen noch um ihre Eltern weinen, denn das wäre Schwäche gewesen, wie ihre Großmutter es ausgedrückt hatte.
Márla wurde es irgendwann zuviel, und sah dann später nur noch einen Ausweg . . .
Fandors Haus:
Awarîs unmissverständlicher Blick, ließ eine Art Alarmglocke in Elronds Kopf ertönen.
Im allerersten Augenblick geschah erst einmal gar nichts, aber man konnte deutlich spüren das es innerlich in Awarî kochte, selbst Fandor entging das nicht.
„Wie könnt ihr nur so fröhlich sein" flüsterte sie. Kaum merklich begann sie zu zittern, Elrond befürchtete das Schlimmste und legte ihr tröstend seine Hand auf die Ihre. Wütend riss sie sich los, schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Ihr Zittern steigerte sich mit jeder Sekunde. Dann brach es endlich aus ihr heraus.
„WIE KÖNNT IHR NUR SO FRÖHLICH SEIN. WIE KÖNNT IHR MIR VERDAMMT NOCHMAL DIE FRAGE STELLEN OB ICH GUT GESCHLAFEN HABE. WOLLT IHR ES WIRKLICH WISSEN JA? NEIN HABE ICH NICHT, WIEDER DURFTE ICH IM TRAUM TATENLOS ZUSEHEN WIE SIE ERMORDET WURDEN UND KONNTE NICHTS TUN. WARUM WAR ICH NICHT UNTER IHNEN ALS ES PASSIERT IST; WIESO BIN NICHT AUCH ICH VERBRANNT UND WIESO HABT IHR UNS VERDAMMT NOCH MAL NICHT GEHOLFEN WISST IHR WAS EUREN SCHEISS ANHÄNGER KÖNNT IHR WIEDER HABEN…" Mit diesen Worten, riss sie sich das Lorienblatt von ihrem Hals und warf es Elrond vor die Füße, und rannte, floh beinah aus dem Haus.
Elrond hob den Anhänger auf und lief Awarî hinterher, er fand sie weinend zusammengekauert mitten im Regen, die Fäuste immer wieder auf die Nasse Erde schlagend. Elrond kniete sich vor sie.
„Ich weiß es gibt keine Entschuldigung für unsere Blindheit. Aber bitte glaube mir Awarî, wir hätten euch geholfen hätten wir die Möglichkeit dazu gehabt…" Weiter kam er nicht, Awarî unterbrach schluchzend:
„Wir….wir sind….euch Elben doch egal. Selbst….selbst als meine kleine Schwester krank wurde….und wir euch um Hilfe baten ist niemand gekommen. Es wäre wohl das Beste gewesen….wenn…wenn ich auch jetzt tot wäre…dann wäre ich euch nicht so eine Last…und….und könnte bei meinen Eltern sein."
Elrond sah sie entsetzt an, hatten seine Verwandten in Lorien wirklich den Hilferuf der Menschen ignoriert? Er zog seine Robe aus und hüllte Awarî darin ein, sie ließ es mit sich geschehen:
„Bitte sag nicht solchen Unsinn Awarî, du bist mir keine Last und ich hätte es auch nicht zugelassen dass du deinen Eltern folgst und sie hätten es auch nicht gewollt dass du mit ihnen gehst!"
„Warum tut es dann so schrecklich weh, warum hat man sie mir weggenommen." Elrond nahm sie väterlich in die Arme, sie drückte sich an ihn wie ein kleines Kind.
„Es ist in Ordnung dass du jetzt trauerst und weinst" Gemeinsam gingen sie ins Haus zurück, Elrond beauftragte Fandor das Feuer im Kamin zu entfachen.
Awarî drückte sich noch immer an ihn und weinte sich aus, Elrond hielt fest sie in seinen Armen und war einfach nur für sie da. Das war das mindeste was er tun konnte, er atmete innerlich auf. Auf diesen Zeitpunkt hatte er nur gewartet, und war froh Awarî ein kleiner Trost sein zu können.
Imladris:
Nachdem sie aus ihren Erinnerungen wieder in die Realität zurückgekehrt war, atmete sie einmal durch und fasste vor dem Spiegel den Entschluss, dem Leben noch eine letzte Chance zu geben, auch wenn es zur Zeit keinen wirklichen Sinn zu haben schien. Vielleicht konnte sie hier in diesem Tal von vorne beginnen und ihr altes Leben hinter sich lassen. Der Schmerz des Verlustes saß zwar tief und würde nie ganz verschwinden aber sie verstand langsam das sie nicht umsonst hier her geführt worden war und die Neugierde auf dieses fremde Tal, wo es Adler gab die sich mit „Menschen" verständigen konnten, gewann schließlich die Oberhand.
So trat sie aus ihrem Zimmer. Die Aussicht die ihr der Fensterlose Flur bot, war so wunderschön das es ihr beinahe den Atem raubte. Unzählige kleine Bauten, sie einfach als Häuser zu bezeichnen wäre schon fast eine Beleidigung gewesen, zogen sich um die Bleibe, in welcher ihr Zimmer lag. Diese Bauten waren jeweils mit einer Art überdachten Brücke gegenseitig und mit ihrer Unterkunft verbunden.
Um sich selber noch ein wenig Mut zu machen atmete sie noch tief durch und ging ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen den Flur hinunter. Als sie eine Treppe hinunter gehen wollte, kamen ihr zwei Personen entgegen, welche, als sie sich ihrer Gegenwart bewusst wurden, sie mit hochgezogenen Augenbraunen musterten. Beide trugen bodenlange Gewänder und hatten das helle, blonde Haar zu einem Zopf zusammengebunden. Schnell kamen sie die Treppe hinaufgeeilt und bauten sich vor Márla auf.
„Schau Gweria was wir hier haben. Ein Menschenmädchen!"
„Ja Gwario. Ich fasse es selbst kaum. Wer bist du denn Kind? Márla gefiel die arrogante Art, die die beiden an den Tag legten, überhaupt nicht. Dennoch antwortete sie:
„Ich heiße Márla und mit wem habe ich das Vergnügen"
„Hört, hört. Du bist ganz schön vorlaut Márla. Hier solltest du lieber aufpassen was du sagst. Ich meine es nur gut mit dir." Sagte Gweria. Márlas Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Wollt ihr mir etwa drohen?"
„Bei Eru, nein Kindchen. Wir meinen es wirklich nur gut mit dir, du kannst von Glück reden das du uns getroffen hast…" Márla verstand kein einziges Wort.
„Denn Menschen sind hier in Bruchtal nicht so gern gesehen weißt du. Einige Elben haben eine gewisse Abneigung gegen euch." Setzte Gwario fort.
„Elben?" fragte Márla verdattert, aber ihre Gesprächspartner brauchten schon gar nicht mehr zu antworten, jetzt erst bemerkte sie die spitzen Ohren der Beiden und verstand allmählich.
„Aber Elladan und Elrohir waren sehr freundlich und höflich mir gegenüber." Entgegnete sie. Gwario und Gweria winkten ab.
„Ach, lass dich davon nicht beirren. Das gehört nun mal zum guten Umgangston. Warte nur wenn erst Herr Elrond wieder da ist. Dann wirst du erst recht nichts zu lachen haben."
„W…was meint ihr damit?" Langsam schmolz ihre Selbstsicherheit dahin.
„Nun, seine Tochter, unsere Herrin Arwen hat sich in einen Menschen verguckt. Noch dazu in einen Waldläufer, der entspricht ja nun überhaupt nicht ihrem Stand. Jetzt erklärte sie sich auch noch dazu bereit ihrer Unsterblichkeit zu entsagen nur um mit ihm zusammen sein zu können. Da kannst du dir ja sicherlich vorstellen wie erbost ihr Vater war." Wie zur Bestätigung nickte Márla.
„…Und … und was soll ich jetzt tun." Ihre Stimme klang hilflos. Gweria legte ihr einen Arm um die Schulter.
„Na, na lass nicht gleich den Kopf hängen. Halt dich nur immer schön zurück und überlege vorher, bevor du etwas sagst, dann wird dir nichts passieren. Wenn dir ein Elb etwas aufträgt dann tust du es auch, verstanden?" Wieder nickte Márla, eine andere Wahl hatte sie wohl nicht, wo sollte sie denn auch hingehen. Und aus war ihr Traum vom neuen Leben, jetzt war sie gezwungen sich hier unterzuordnen.
„So nun müssen wir weiter Kind. Leb wohl und beherzige unsere Ratschläge." Mit diesen Worten ließen sie Márla alleine stehen.
Und wieder fiel ihre Welt zusammen, warum musste sie immer nur so ein Pech haben. Aber ganz aufgeben wollte sie nicht, vielleicht fand sich doch ein Weg, von hier weg zu kommen. Schließlich setzte sie ihren Weg, die Treppen hinunter, fort. Nein so leicht würde sie nicht klein bei geben. Auf der anderen Seite des Flurs, lachten sich zwei eingebildete Elben ins Fäustchen. Oh Menschen konnte man so leicht Angst einjagen.
