Lothlórien
Am nächsten Morgen standen schon die Pferde für den Aufbruch bereit. Nora hatte in dieser neuen, fremden Umgebung kaum ein Auge zutun können. Kein Wunder das sie noch hundemüde war, als sie von Haldir geweckt wurde.
„Kommt Nora, es bleibt nur noch wenig Zeit bis zu unserer Abreise! Ihr solltet euch vorher stärken."
Schlaftrunken erhob sich Nora von ihrem Nachtlager und ließ von Haldir den Baum hinunterführen. Es ging wieder etliche Treppen und Stiegen auf und ab, bis sie schließlich wieder vor Frau Galadriels Palast standen. Und dort fand sich Nora wieder vor der reichlich verzierten Tür stehen. Doch diesmal begleitete sie Haldir hinein. Gandalf und Galadriel saßen, wie schon beim letzen Mal, beieinander. Heute aber war auch Herr Celeborn, Frau Galadriels Gemahl anwesend. Dieser erhob sich nun als erster, die rechte Hand auf dem Herzen und die linke wie zur Umarmung ausgestreckt verbeugte er sich vor ihr. Verwirrt schaute sie in Richtung Gandalf, welcher ihr bedeutete es Celeborn gleichzutun.
Celeborn lächelte als sie sich wieder aufrichtete, er strich ihr väterlich über die Wange.
Galadriel trat vor und schwang ihr einen grauen Mantel über die Schulter, der sich wunderbar weich auf ihrer Haut anfühlte. Die Herrin des Waldes schloss den Mantel, indem sie Nora eine Brosche in Form eines Blattes der riesigen Bäume ansteckte. Auch sie strich Nora liebevoll die Wange. Das Mädchen fühlte sich an ihre Eltern erinnert und ihre Augen begannen zu brennen. Aber noch bevor eine einzige Träne fallen konnte, ergriff Celeborn das Wort.
„Es ist meiner Frau und mir keine große Freude, dich nach kaum zwei Tagen wieder gehen zu lassen. Gerne hätten wir dich näher kennen gelernt Nora. Aber die Zukunft unseres Waldes ist unbestimmt und wir sehen schweren und gefährlichen Zeiten entgegen. Galadriel hat es dir ja schon erklärt, in der jetzigen Lage in der sich Mittelerde befindet ist es das Beste, wenn wir dich sicher bei Herrn Elrond in Bruchtal wissen. Gandalf und Haldir werden dich begleiten, möge eure Reise gefahrlos und ohne große Hindernisse vonstatten gehen." Noch einmal fuhr er ihr über die Wange, und ließ seine Frau vortreten.
„Mein Mann hat das meiste schon erwähnt. Aber lass dir noch einmal sagen mein Kind das du bei uns willkommen bist, sobald sich die Gefahr für Mittelerde gelegt hat. Wir werden dir nicht den Weg zu uns versperren. Möge dir die Sterne ein Licht in jeder dunklen Stunde sein."
Mit diesen Worten küsste Galadriel sie auf die Stirn. Nora verließ gemeinsam mit Gandalf und Haldir den Palast, bestiegen die Pferde, und traten ihre Reise nach Rivendell an.
Nora fragte sich um was für eine Gefahr es sich handelte, von dem die beiden Elbenfürsten gesprochen hatten. Aber es sollte gar nicht mehr so lange dauern, bis sie eine Antwort auf ihre Frage bekommen sollte.
Einige 100 Meilen entfernt
Nun waren sie schon fast eine Woche hier, Awarî ging es den Umständen entsprechenden gut. Manchmal unterhielt sie sich mit Fandor und Herrn Elrond, ja scherzte sogar mit ihnen. Es gab aber auch Momente, in denen Kummer und Schmerz schier unerträglich waren. In jenen Momenten zog sie sich zurück und trauerte für sich allein. Elrond und Fandor akzeptierten das, sie würden für Awarî da sein, wenn sie sie brauchte.
An diesem Morgen saßen Fandor und Elrond vor dem Haus und besprachen die Weiterreise Awarîs und Elronds. Gerade waren sie beim Thema „sicherste Reiseroute" angelangt, als Elrond in der Ferne einen Reiter erblickte. Dieser war noch etliche Meilen entfernt, dennoch konnten die Augen des Elbenfürsten gut erkennen dass es sich um einen Elben aus Lórien handeln musste. Auch Fandor war diese Tatsache nicht entgangen.
„Ob es Probleme in Lórien gibt?" fragte er. Wie zur Antwort seufzte Elrond.
„In dunklen Zeiten, wie sie gerade Mittelerde ertragen muss, gibt es wohl leider ständig Probleme. Aber warten wir erst einmal ab Mellon nin, der Reiter wird uns gewiss Bericht erstatten!
Kaum eine halbe Stunde später, war der Elb bis auf einige hundert Meter an Fandors Haus heran. Überrascht die beiden hier anzutreffen, zügelte er sein Pferd, wurde langsamer und stieg ab. Er begrüßte sie mit den Worten.
„Mae Govannen Hir Elrond ar Hir Fandor." Sein Gruß wurde erwidert. Elrond wusste das nur wenige Lórien Elben sich per Westron verständigen konnten.
„Pedo, togo gen sí mellon nin? Fragte der Herr Bruchtals (Sag was führt dich hierher, mein Freund?)
„Ennin tass ab na noro Imladris, ar le trenar Hir Galadriel pen iell na Imladris!" (Mir wurde aufgetragen nach Bruchtal zu reiten, und euch zu berichten dass Frau Galadriel ein Mädchen nach Bruchtal schickt) Elrond wurde nachdenklich und fragte den Lórien Elb was das für ein Mädchen sei. Er antwortete, dass das er nur wisse dass dieses Mädchen, sie hieß Nora, sich nach Lórien verirrt hatte und Frau Galadriel es lieber nach Bruchtal in Sicherheit schicke. Elrond nickte und wollte wissen ob Nora schon auf den Weg nach Bruchtal sei, und ob jemand zu ihrem Schutz mitreisen würde. Der fremde Elb bejahte und nannte Mithrandir und Haldir als Begleiter Noras. Elrond bedankte sich, und bat den Elben doch umzukehren und den Reisenden mitzuteilen, sie sollten sich bei Fandor einfinden man würde dann gemeinsam nach Bruchtal ziehen. Der Elb willigte ohne zu Zögern ein, machte kehrt und ritt den Weg zurück den er gekommen war.
Er musste nur wenige Stunden reiten, denn schon hinter der Schwertel traf er auf die Eskorte von Reisenden.
Haldir wechselte kurz ein paar Worte mit ihm, nachdem der Bote dem Marschall Lóriens alles berichtet hatte, entließ in dieser aus seinem Dienst und schickte ihn nach Lórien. Gandalf, der das Gespräch nicht mit angehört hatte, wandte sich Haldir zu:
„Warum ist der Bote umgekehrt Haldir? Gab es Schwierigkeiten bis nach Imladris durchzukommen?" Der Elb schüttelte den Kopf.
„Nein Mithrandir, Rúmil ist auf seinen Weg zufällig auf Herrn Elrond gestoßen. Dieser beauftragte ihn direkt zurück zu reiten, um uns mitzuteilen, dass sich der er sich bei einem Elben namens Fandor aufhielte. Und wir uns dort einfinden sollten, so das man gemeinsam nach Bruchtal reiten könne." Mithrandir nickte verstehend. Fandor war ihm wohl bekannt, nicht selten hatte er in seinem Haus eine Rast eingelegt.
„Dann sollten wir uns der Anordnung des Herrn von Imladris nicht widersetzen!"
„Dürfte ich auch einmal erfahren, worum es hier geht Gandalf?" fuhr Nora, ein wenig sauer darüber das man es anscheinend nicht für nötig hielt sie aufzuklären, dazwischen.
Haldir antwortete an Stelle des Zauberers.
„Wir werden jetzt weiter in Richtung des Nebelgebirges reiten, dort erwartet uns der Herr Bruchtals persönlich Nora! Von da aus reiten wir gemeinsam mit ihm weiter."
„Und wie lange werden wir noch unterwegs sein?" Vom vielen, ungewohnten Reiten, tat ihr langsam der Hintern weh.
„Ich schätze bis zur Dämmerung müssten wir unser Ziel erreicht haben." Antwortete Gandalf
Er sollte Recht behalten. Kaum das die Sonne hinter den Bergen verwunden war, tauchte vor ihnen ein Haus gut versteckt hinter einigen Bäumen auf. Gerade als sie von ihren Pferden stiegen öffnete sich die Tür, und ein hochgewachsener Mann, gekleidet in einen dunkeln Kapuzenmantel begrüßte sie in der fremden Elbensprache.
Haldir und Gandalf erwiderten seinen Gruß auf die gleiche Weise. Der fremde Elb wandte sich Nora zu.
„Und du musst Nora sein." Er reichte ihr die Hand. Nora starrte erst ein wenig schüchtern darauf, legte die ihre aber dann, wenn auch etwas zögerlich, hinein.
„Und ihr seid der Herr Bruchtals!" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Elrond verneigte sich, wie zuvor bei Gandalf und Haldir, und lächelte sie freundlich an.
„Ja, da hast du vollkommen recht, kleine Nora." Nora lächelte zurück. Dass er sie „kleine Nora" nannte, gefiel ihr zwar nicht besonders, aber trotzdem schien er ein sehr netter Elbenfürst zu sein.
Gandalf und die drei Elben begannen ein reges Gespräch in der fremden Elbensprache zu führen, und Nora kam sich ziemlich überflüssig vor.
Doch dann entdeckte sie das fremde Mädchen, welches sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Als es ihren Blick bemerkte, verschwand es schnell wieder im Haus. Da die Anderen sie sowieso längst vergessen zu haben schienen, betrat sie das Haus.
Das Mädchen saß vor dem Kamin, und starrte mit leerem Blick in die knisternden Flammen. Nora näherte sich ihr langsam, und blieb ein paar Schritte entfernt stehen.
„Du wohnst in einem sehr schönen Haus." Sagte sie um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen. Das Mädchen zuckte mit den Schultern.
„Sag das Fandor und nicht mir, ich bin nur auf Besuch hier!"
„Ziehst du gemeinsam mit Herrn Elrond nach Bruchtal, ist er ein Verwandter von dir?" Das Mädchen lachte so spöttisch, das Nora eine Augenbraue hochzog.
„Nein, verwandt sind wir wohl auf keinen Fall, und ja ich reise mit ihm nach Bruchtal. Gezwungener Maßen, denn sonst weiß ich nicht wo ich hin gehen könnte!" Nora setzte sich neben sie, doch diese starrte weiter in den Kamin.
„Was ist passiert, was meinst du mit gezwungenermaßen?" Jetzt drehte sich das Mädchen um und sah sie mit wütendem Gesicht an. Nora befürchtete schon etwas falsches gesagt zu haben, doch ihre Gesichtszüge würden im nächsten Augenblick schon wieder sanfter. Sie seufzte.
„Na eben nicht unbedingt freiwillig. Meine Familie und alle anderen Bewohner meines Dorfes, wurden von Saurons Schergen ermordet."
„Wer ist Sauron." Die Augen des Mädchens wurden groß.
„Jetzt sag mir bitte nicht, du hast noch nie etwas von dem Herrscher Mordors gehört. So nennt er sich jedenfalls selbst!" Nora schüttelte den Kopf.
„Und…ich meine…warum….warum hat er das getan?" Wieder zuckte das fremde Mädchen mit den Schultern.
„Wenn ich das nur wüsste. Wahrscheinlich aus purer Laune heraus. Ihn kümmert die Not Anderer nicht. Im Gegenteil er weidet sich lieber an ihrem Leid. Und freut sich das er Macht über sie hat. Verstehst du?"
Nora nickte. Sie verstand das nur zu gut. In den letzten Jahren hatte sie selbst miterlebt, was aus Menschen werden kann, wenn sie zuviel über zuviel Macht verfügten.
„Du musst von sehr weit her kommen, wenn du nicht mal etwas von Mordor gehört hast."
„Ja, von sehr weit her."
„Und warum bist du mit Gandalf dem Grauen und dem Heerführer aus Lothlórien unterwegs." Nora dachte nach, das Mädchen hatte ihr auch ein Teil ihrer Geschichte erzählt. War sie ihr da nicht auch schuldig ein wenig von sich zu erzählen?
„Ich wurde nach Lothlórien geschickt, weil in meinen Land eine lange Zeit Krieg herrschte…"
„Krieg? Wieso?" Unterbrach das Mädchen sie.
„Weil ein Mensch, der in meinen Land herrschte, größenwahnsinnig geworden war. Und am Ende wohl die ganze Welt erobern wollte. Er ist dafür über Leichen gegangen. Hat die Leute weggeschafft die ihm dafür im Weg standen!" Nora macht eine kurze Pause. Zu viele Bilder kamen in ihr hoch, das sie ein paar Mal schlucken musste, um nicht zu weinen.
„Er hat den meisten Menschen eingeredet, das diejenigen die nicht so dachten wie er, es nicht verdienen weiter zu leben. Er erfand fadenscheinige Gründe, um jene umzubringen die zur Gefahr für ihn werden könnten, oder um an Geld heranzukommen, um seinen nutzlosen Krieg zu finanzieren. Ließ ganze Lager errichten um diese Menschen, die für ihn nichts wert waren, arbeiten zu lassen, bis sie zu schwach waren und starben oder ermordet wurden." Nora stand auf, sie konnte dem Mädchen nicht länger in die Augen sehen.
„Die Menschen die gegen seine Politik waren, mussten dennoch Stillschweigen bewahren, ein falsches Wort und sie wurden ins Gefängnis geworfen. Manche, halfen sogar den Menschen die nur noch als wertlos angesehen wurden, und versteckten sie um sie vor dem sicheren Tod zu beschützen. Doch wenn man entdeckt wurde, bedeutete das Hochverrat und somit den eigenen Tod!" Nora konnte nichts dagegen tun, das nun doch die Tränen flossen.
Das Mädchen stand auf und legte eine Hand auf Noras rechte Schulter.
„Deine Eltern haben diesen armen Menschen auch geholfen. Nicht wahr?" Nora nickte und schniefte.
„Sie wurden…sie wurden ins Gefängnis geworfen, ich hab nie wieder etwas von ihnen gehört." Das fremde Mädchen umarmte sie.
„Dann teilen wir beide wohl das gleiche Schicksal." Sie gab Nora einen Kuss auf die Stirn.
„So haben wir in meinen Dorf neue Freundschaften besiegelt. Ich bin Awarî. Wirst du meine Freundschaft annehmen?" Noras Tränen ließen langsam nach und gab Awarî den Kuss zurück.
„Ich nehme deine Freundschaft gerne an. Ich bin Nora." Die beiden, neuen Freundinnen umarmten sich noch einmal.
Draußen lächelten Elrond, Gandalf, Fandor und Haldir sich gegenseitig an. Sie hatten zwar nicht gehört was die zwei Mädchen besprochen hatten, aber das was sie jetzt sahen, bedurfte auch keiner Worte!
