Kapitel 3

Überredungsversuche am frühen Morgen

Ein paar Stunden später wurde Jack dann von liebevoller Fürsorge geweckt, als er spürte, wie Ennis' Finger kleine Kreise über seine Wirbelsäule zogen. Er drehte den Kopf und sah über seine Schulter, um seinen Lover anlächeln zu können.

Ennis grinste zurück. „Wach?", fragte er sanft.

"Jetzt ja.", erwiderte Jack und wandte sich um, sodass er Ennis ansehen konnte, ohne sich den Hals zu verrenken.

.„Ich hab den Kopf gedrückt.", sagte Ennis.

„Willst du reden?", fragte Jack und Ennis nickte zustimmend. „Gut, dann gib mir ein paar Sekunden." Jack setzte sich auf und schwang seine Beine über die Bettkante. „Bin gleich zurück."

Er stand auf und ging den Flur hinab zum Bad. Er pinkelte, putzte seine Zähne und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht, um wach zu werden. Später würde er sich duschen und rasieren.

Im Badezimmer stand eine Kaffeemaschine – das war Ennis' Idee gewesen, inspiriert von einem Hotel – aber hauptsächlich deshalb, weil sie morgens im Bett gerne eine Tasse Kaffee tranken und eine ruhige Unterhaltung führten, ehe der Tag begann. Sie taten dies nicht jeden Tag aber „den Kopf drücken" wurde zum Stichwort für diese Art der Gespräche.

Jack goss zwei Tassen ein und ging ins Schlafzimmer zurück. Ennis hatte die Laken geglättet und die Kissen aufgeschüttelt. Jetzt saß er gegen das Kopfende gelehnt. Er nahm die ihm angebotene Tasse von Jack. „Danke, Kumpel.", lächelte er.

Jack kletterte zurück auf seinen Platz und richtete das Kissen hinter sich. „Also, was hast du auf dem Herzen, Cowboy?", fragte er. „Warum musstest du heute Morgen den Knopf drücken?"

„Ach, nichts Schlimmes.", sagte Ennis. „Nur ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind, Dinge über die ich nachgedacht habe."

Jack wartete. Wenn er in den dreißig Jahren, die er jetzt schon mit Ennis zusammen lebte, eines gelernt hatte, dann war das, ihn nicht zu drängeln bei Dingen über die er „nachgedacht" hatte. Er nippte an seinem Kaffee und übte sich in Geduld.

„Ich hab mir gestern Dancer angesehen.", sagte Ennis. „Ich glaube, er hat ein lahmes Bein."

Jack nickte. „Hab ich auch gemerkt. Sollen wir Bobby anrufen?"

"Ja, ich mache das. Vielleicht kann er heute mal vorbei kommen."

Jack grinste. „Ennis, du weißt doch, dass Bobby in derselben Minute losfahren wird, in der du anrufst. Er würde für uns alles verschieben."

Ennis kicherte leise. „Du hast Recht. Gut, einen Tierarzt in der Familie zu haben." Er nippte wieder an seinem Kaffee und saß eine Weile schweigend da, dann sagte er. „Ich hab auch bemerkt, dass die Farbe abblättert. Glaubst du, wir sollten das Haus neu streichen?"

„Wahrscheinlich.", erwiderte Jack. „Ist jetzt zehn Jahre her. Das fällt regelmäßig an, wie bei einem Uhrwerk." Er sah Ennis an. „Sollen wir mal ne andere Farbe nehmen?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Das ist Hals Farbe, was ganz besonderes."

„Ja, schätze du hast Recht.", sagte Jack. „Trotzdem denke ich immer noch, dass die Leute blöde Bemerkungen machen über uns schwule Jungs, die in einem pinken Haus wohnen."

„Es ist nicht pink, Jack.", verbesserte Ennis. „Es ist rosenfarbig."

Jack lachte. „Klar, verdammt großer Unterschied, pink, rosenfarbig."

"Es ist historisch.", versuchte es Ennis auf anderem Wege. „Ich bin nicht mal sicher, ob wir die Farbe ändern dürfen, wegen der Bestimmungen."

„Die Bestimmungen" bezogen sich auf die Tatsache, dass die Lazy L Farm im Texaischen Landwirtschafts-Departement als eine bedeutende Farm des Jahrhunderts festgesetzt worden war. Hinzu kam, dass das Farmhaus unter Denkmalschutz gestellt worden war.

In den Jahren um 1996 begannen Jack und Ennis sich für die Geschichte des Hauses und der Farm zu interessieren, hauptsächlich deshalb, weil sie wussten, dass der Komplex dieses Jahr einhundert Jahre alt wurde. Sie hatten das Ranching Heritage Museum in Lubbock besucht und den Kurator getroffen. Es war ein Freilichtmuseum, draußen, mit einer Sammlung an Häusern und Wohnungen, die die Veränderungen in der Geschichte der Ranchs zeigen sollten. Als sie durch das Museum gingen, waren Jack und Ennis überrascht, dass das „jüngste" der Häuser in der Sammlung der Lazy L fast genau glich.

Als sie etwas mehr in der Geschichte forschten, fanden sie heraus, dass es in dieser Gegend bei den neuen Siedlern üblich war, sich ein Heim im Katalog zu bestellen, wie etwa im Sears. Die Teile wurden dann per Eisenbahn hergeschafft und der Besitzer baute es entsprechend einer Anleitung selber nach. Eine Sache, die die Lazy L einzigartig machte und sie damit zu einem Kandidaten für den Denkmalschutz erhob, war, dass sie seitdem nur sehr wenig verändert worden war. Wo andere Farmer Anbauten oder größere Renovierungen vorgenommen hatten, war dieses Haus abgesehen vom Badezimmer (das ursprünglich ein viertes Schlafzimmer gewesen war) bemerkenswert unverändert, seit Hals Vater es 1896 gebaut hatte. Die Fenster, das Erscheinungsbild und andere typische Epochenmerkmale waren noch vorhanden und machten es zu einem besonderen Stück der texanischen Geschichte.

Die andere Auszeichnung war die für eine Farm des Jahrhunderts. Jack hatte Jahre zuvor eine Broschüre darüber gelesen und sie hatten den Antrag und den Bewerbungsprozess zur selben Zeit begonnen, als sie sich um den Denkmalschutz kümmerten. Während der Denkmalschutz mehr eine historische Auszeichnung war und eine Sache der Ehre, war das Programm zur Farm des Jahrhunderts dafür gedacht, um Farmbesitzer zu ermutigen, ihre Häuser – die die hundert Jahre oder älter waren- als Farmen zu belassen. Die Auszeichnung brachte Steuervergünstigungen und andere Vorzüge mit sich, welche Ennis und Jack sehr begrüßten. Was sie nicht erwartet hatten war, dass dies auch gut für das Geschäft war. Das Landwirtschafts-Department brachte eine Broschüre heraus, die alle Jahrhundertfarmen auflistete und die Leute reisten durch den ganzen Staat, um sie zu besichtigen. Da das meiste, was sie taten, durch mündliche Überlieferungen und Empfehlungen vonstatten ging, war der Besuch von fremden Leuten eine gute, freie Werbemöglichkeit.

Jack lächelte ihm zu. „Keine Sorge, Cowboy, ich streite mich nicht mit dir über die Farbe. Rosenfarbig ist schon okay." Er schwieg kurz, dann fuhr er fort. „Streichen wir selbst oder stellen wir jemanden ein?"

Ennis sah ihn ungläubig an. „Jemanden einstellen? Verarschst du mich?"

"Nein, warum denn nicht?", sagte Jack. „Wir haben das Geld und es würde uns einen halben Sommer sparen, in dem wir auf Leitern stehen."

Ennis schüttelte den Kopf. „Das hört sich für mich nach ner verdammten Geldverschwendung an.", sagte er. „Außerdem glaube ich, dass wir den Job eh besser machen."

Jack grinste in sich hinein, als er Ennis zuhörte. Dies war schon immer seine Antwort gewesen: Ich kann das besser alleine. Eigentlich stimmte das sogar die meiste Zeit. Es schien, als könne Ennis alles tun, was anfiel. Jack wünschte sich oft, er wäre wenigstens halb so geschickt.

„Nun", sagte Jack, „wenn wir es selber machen, sollten wir anfangen. Ich wäre gern vor der Party am 4. Juli fertig."

"Ach ja.", erwiderte Ennis mit einem schwachen Stöhnen. „Darüber müssen wir sowieso noch reden, denke ich."

„Willst du jetzt reden?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Nein aber ich dachte über unser dreißigstes Jubiläum nach."

Wieder musste Jack lächeln. Er hatte das Gefühl, dass Dancers lahmes Bein und das Streichen des Hauses nicht wirklich die Dinge waren, die Ennis' im Kopf herum spukten. Endlich schienen sie zum Punkt zu kommen.

„Also, was denkst du, Cowboy?", fragte er.

Ennis atmete tief ein. „Ich denke", er hielt inne, „wir sollten was Besonderes machen… für dreißig Jahre..."

„Was meinst du mit „was Besonderem"?", fragte Jack verwirrt.

„Naja, wir haben Ringe, wir haben Tattoos, ich dachte da an etwas, naja, was zeigt, dass wir zusammen sind."

Jack schwieg und wartete darauf, dass Ennis fortfuhr.

Ennis lächelte ihm zu. Er sah etwas beschämt aus und seine Stimme wurde etwas leiser. „Ich dachte, wir könnten uns ein Piercing machen lassen – deinen Nippel. Und meinen auch."

Jack sah ihn an und zog seine Augenbrauen hoch. „Ein Nippelpiercing.", wiederholte er und Ennis nickte. „Ich muss sagen, das hatte ich nicht erwartet."

Keiner sagte etwas in den nächsten Minuten, dann sah Jack Ennis erneut an. „Also, wie bist du denn auf die Idee gekommen?"

„Ich hab da diesen Artikel gelesen.", sagte Ennis. „Im Internet. Über Intimpiercings. Da hab ich nachgedacht."

„Ich dachte, du magst das Internet nicht.", erwiderte Jack. „Ich dachte, ich wäre der Einzige, der surft."

Ennis hob die Schultern. „Ich bin nur drüber gestolpert."

Jack musste wieder in sich hineingrinsen. Dies war eine der Dinge, die er an seinem Lover liebte. Ennis spielte immer den Unschuldigen, wenn er in Wirklichkeit die Dinge schon längst vollkommen durchschaut hatte und genau wusste, was er wollte. „Also, dann erzähl mir mal von diesem Artikel.", sagte Jack. „Warum nennen sie sie Intimpiercings?"

„Sie nennen sie intim", begann Ennis langsam, „weil die da nicht nur über Brustwarzen redeten. Es ging um Nippel und…" Er langte hinüber und strich über Jacks Glied.

Jacks Augen wurden weit. „Schwanzpiercings??", fragte er und Ennis nickte. „Ich lass mir meinen Schwanz nicht piercen, Ennis.", sagte er.

„Darum bitte ich dich auch gar nicht.", sagte Ennis. „Ich hab dir nur erklärt, was ein Intimpiercing ist. Frauen können die auch haben."

„Das muss ja sauweh tun.", murmelte Jack eher zu sich selbst.

„Wahrscheinlich.", antwortete Ennis. „Aber irgendwer hat sie ja und die haben's überlebt."

Jack sah ihn sarkastisch an. „Also bist du jetzt ein verdammter Experte?"

Ennis lachte. „Ich sag ja nur. Willst du wissen, wie sie das machen?"

„Nicht wirklich.", sagte Jack, aber Ennis ignorierte ihn und hob seinen Penis an.

„Es ist ein Ring.", begann er und fuhr mit seinen Fingern über die Spitze. „Hier kommt er rein.", erklärte er und zeigte auf die Harnröhrenöffnung. „Und da wieder raus.", beendete er und fuhr mit dem Finger am Rand entlang bis zur Vorhaut.

Jack sah ihn an und merkte, dass sein Glied in Ennis' Händen steif wurde, trotz des eingebildeten Schmerzes, den er durch Ennis' Erklärung verspürte. „Ich lass mir meinen Schwanz nicht piercen.", sagte er sanft. „Es interessiert mich nicht, wie verdammt sexy du es findest."

Ennis sah ihn leicht grinsend an. „Hab ich was von sexy gesagt?"

„Das brauchtest du nicht.", sagte Jack. „Ich leb lange genug mit dir zusammen, um deine Gedanken lesen zu können."

Ennis ließ Jacks Glied los und fuhr mit seinem Finger über die Brustwarze. „Okay, nicht den Schwanz. Aber was ist mit dem Nippel?"

Jack schwieg eine Weile. "Wie wärs denn mit was Einfachen? Einem Ohr zum Beispiel?", sagte er.

Ennis schnaubte. „Ohren sind nichts Besonderes. Jeder hat das. Außerdem glaub ich, dass es an uns alten Kerlen ziemlich albern aussehen würde."

„Wir sind nicht alt.", konterte Jack.

„Du weißt schon, was ich meine.", sagte Ennis. „Das ist wie, als der Typ aus Star Wars sich zu seinem sechzigsten Geburtstag das Ohr hat piercen lassen und ein Riesentheater darüber gemacht hat. Danach stand er irgendwie blöd da."

Jack sah Ennis an und konnte ihm nur schwer folgen. „Wovon redest du eigentlich, Ennis? Welcher Typ aus Star Wars?"

„Du weißt doch, dieser Gutaussehende. Der, der mit dem Wookie das Raumschiff in die Luft gejagt hat."

„Ah.", machte Jack, als bei ihm der Groschen fiel. „Han Solo. Harrison Ford."

"Ja, der.", erwiderte Ennis. Er schaute auf seine Tasse und merkte, dass sie leer war. „Willst du noch was?", fragte er und wies auf Jacks. Jack nickte und Ennis nahm die Tassen. Nach einer Minute brachte er sie gefüllt wieder.

Jack nickte zum Dankeschön, als er die Tasse von Ennis entgegen nahm. „Also, dann erzähl mir mehr von diesem Artikel.", sagte er. „Glaubst du, das sind verlässliche Informationen?"

Ennis nickte. „Wurde von einer Krankenschwester geschrieben. Sie bildet andere Krankenschwestern in Lubbock aus."

„Krankenschwestern schreiben über Piercings?", fragte Jack ungläubig.

Ennis hob die Schultern. „So stand's da. Ich denke, wenn die Leute mit Infektionen oder so auftauchen, müssen die Krankenschwestern wissen, wie sie sie versorgen."

„Das infiziert sich?", fragte Jack. „Stand das im Artikel?"

Ennis nickte. „Ja aber das ist kein großes Problem. Sie schrieb mehr darüber, wie glücklich die Leute mit ihren Piercings sind."

„Wie meinst du das, sie sind glücklich?"

„Sie hat sie gefragt: „Mögen Sie ihr Piercing?" und die meisten Leute haben ja gesagt."

Jack nickte langsam, um diese Information zu verdauen. „Was waren das für Leute?", fragte er.

„Männer und Frauen.", sagte Ennis. „Halb halb."

Sie saßen eine Weile schweigend da und tranken ihren Kaffee, während Jack darüber nachdachte, was Ennis gesagt hatte. „En.", sagte er. „Wäre es dir nicht peinlich, wenn die Leute wüssten, dass du ein Nippelpiercing hast?"

„Wer würde das wissen?", fragte Ennis. „Wir rennen normalerweise nicht ohne unsere Shirts herum, außer wenn wir alleine sind."

Jack nickte. Das stimmte. Er erkannte, dass er sich in Zukunft wohl mit einem Nippelpiercing konfrontiert sehen würde, denn wenn Ennis sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man es ihm nicht wieder ausreden. Dennoch versuchte Jack, etwas Zeit zu schinden. „Weißt du, En.", sagte er. „Ich hab dich schon oft gebeten, dass du wegen eines Check-ups zum Arzt gehst. Wäre es dir nicht peinlich, wenn er sieht, dass dein Nippel gepierct ist, während er mit seinem Stethoskop dein Herz abhört?"

Ennis sah Jack nachdenklich an, dann sagte er: „Weißt du was? Ich geh zum Arzt und danach lassen wir uns piercen. Wenn ich dann das nächste Mal zum Arzt gehe, ist es mir nicht mehr peinlich."

Jack stimmte dem zu. Wenn man bedachte, dass Ennis bloß etwa alle fünf Jahre zum Arzt ging, war es sehr wahrscheinlich, dass er über alle Scham hinweggekommen war, wenn er wieder hinging. „Du wirst mir keine Bedenkzeit geben, oder?", fragte er. „Du willst einfach, dass ich direkt ja sage."

Ennis stellte seine Tasse ab, dann nahm er Jack seine Tasse aus der Hand und stellte sie auf den Nachttisch. Er rollte sich auf die Seite, nahm Jacks linke Brustwarze zwischen seine Finger und massierte sie sanft. Er merkte, dass sie auf seine Berührungen reagierte. Er sah Jack an und seine Stimme war heiser. „Denk darüber nach, Babe.", sagte er. "So lange du willst. Ich dachte nur, es wäre ein guter Weg, um ein dreißigjähriges Zusammenleben zu besiegeln."

Jack lachte sanft. „Du bist so hundsgemein, Ennis.", erwiderte er. „Mach hier nicht einen auf romantisch."

Ennis sah ihn beleidigt an aber Jack konnte noch immer das Grinsen sehen, das seine Mundwinkel umspielte. „Es ist nicht gespielt.", sagte er. „Ich liebe dich." Er massierte wieder Jacks Brustwarze. "Findest du es nicht gut? Hier auf der linken Seite... über deinem Herzen... wo es dich immer an mich erinnert...?" Als er geendet hatte, beugte er sich nach vorne und küsste Jack, wobei er seine Zunge tief in seinem Mund versenkte.

Sie lösten sich voneinander und Jack konnte Ennis' heißen Atem auf seinem Gesicht spüren. Er sah seinem Lover in die Augen. „Du kannst so verdammt überzeugend sein.", sagte er mit schwacher Stimme. „Du weißt genau, dass ich nie nein zu dir sagen kann."

Ennis lächelte ihn an. „Und ich geh zum Arzt.", sagte er. „Versprochen."