Kapitel 4

Sprechstunde

Bobby stand auf und rieb Dancers Vorderlauf. „So. Jetzt ist sie fertig. Wahrscheinlich wird sie in den nächsten Tagen nicht gut drauf sein, aber das legt sich bald wieder."

Ennis nickte. „Sie wird eben alt. Wir nutzen sie auch nicht mehr oft für Ausritte."

Bobby strich dem Pferd über den Hals. „Dancer war schon immer eine ganz zahme Stute. Nehmt sie für die Reitstunden."

„Das machen wir wahrscheinlich auch.", erwiderte Ennis. Sie verließen den Stall und schlossen die Tür hinter sich.

„Also, wie geht's sonst so?", fragte Bobby. „Was Neues?"

„Nicht viel.", sagte Ennis. „Das Leben nimmt seinen Lauf. Dein Vater drängt mich wieder mal dazu, zum Arzt zu gehen." Auch wenn Ennis mit Jack diesen Nippelpiercingdeal geschlossen hatte und wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb als zum Arzt zu gehen, war ihm immer noch nach Meckern zumute. Er wusste, dass Bobby ihm immer gerne zuhörte.

„Aus irgendeinem besonderen Grund?", fragte Bobby.

„Nein, nur für ein Check-up. Mir geht's gut.", erwiderte Ennis.

„Wann wurdest du das letzte Mal untersucht?"

„Vor fünf Jahren.", antwortete Ennis.

„Naja dann bist du aber fällig.", sagte Bobby. „Das ist eine gute Idee."

„Warum denn?", maulte Ennis. „Ich weiß, dass ich gesund bin. Kannst du mit deinem Stethoskop nicht einfach mein Herz abhören und Jack sagen, dass ich okay bin?"

Bobby lachte. „Ennis, ich bin Tierarzt, kein Hausarzt. Und du weißt, dass der Arzt mehr macht, als sich nur dein Herz und deine Lungen anzuhören."

„Ja.", sagte Ennis. „Er steckt mir seinen Finger in den Arsch."

Bobby musste wieder lachen. "Das macht er auch bei mir. Du wirst nicht anders behandelt, weil du schwul bist."

Ennis grinste Bobby an. „Um ehrlich zu sein, dachte ich beim ersten Mal, als er das gemacht hat, dass er es tat, weil ich schwul bin. Ich ging nie zum Arzt, bevor ich mit Jack zusammenlebte. Ich wusste nicht, was bei einem Check-up geschieht."

„Ehrlich nicht?", fragte Bobby überrascht.

„Warum hätte ich zum Arzt gehen sollen?", fragte Ennis sachlich. „Ich war gesund und ich war arm. Ich hatte kein Geld für den Arzt. Wenn ich Kopfschmerzen hatte, hab ich ein Aspirin genommen. Wenn ich mir ne Erkältung holte, kaufte ich eben eine Packung Taschentücher." Er hob die Schultern. „Ehe ich mit Jack zusammenlebte, hatte er diese komischen Ideen von Ärzten und Check-ups und dem ganzen Mist nicht."

Bobby sah ihn an. „Warst du auch als kleines Kind nicht beim Arzt? Hast du keine Impfungen oder so bekommen?"

Ennis lachte. "Du vergisst, wie alt ich bin, Bobby. Damals wurden die Kinder nicht geimpft. Mein Bruder, meine Schwester und ich, wir wurden eben einfach krank. Ich hatte Mumps, Masern, Windpocken – zwei Wochen lang blieben wir alle krank mit den Windpocken zuhause, kratzen und juckten uns. Gott sei Dank hatte ich niemals Kinderlähmung, aber ich erinnere mich an zwei Kinder aus der Schule, die wirklich krank waren. Sie kamen in eine Spezialklinik, wo man sie an eine Lungenmaschine anschloss."

„Nun ja.", sagte Bobby. „Deshalb sind Check-ups eine gute Idee. Die Ärzte wissen heute mehr als vor fünfzig Jahren. Du kannst einen Vorteil aus dem ziehen, was sie gelernt haben."

„Das hört sich für mich eher nach einem Plan an, wie ich mein Geld am besten loswerde, wenn sie mir sagen, was ich eh schon weiß." Er hielt inne und wies auf Dancer, die in ihrer Box stand. „Ich bin kerngesund wie das Pferd – im Moment wahrscheinlich sogar gesünder, denn sie hat ja das lahme Bein."

Bobby sah Ennis direkt an. „Tu es für meinen Vater. Ich weiß, er will, dass du hundert Jahre alt wirst. Geh hin und sieh zu, dass das auch so wird."

Ennis lächelte ihm zu. „Okay, okay.", sagte er. "Außerdem wusstest du ja, dass ich hingehe, ich wollte nur ein bisschen jammern."

Bobby lachte. „Glaubst du, in den dreißig Jahren, in denen ich dich kenne, ist mir das noch nicht aufgefallen? Jammer ruhig weiter, Ennis, dafür bin ich ja da."

Ennis grinste. Es stimmte, was Bobby sagte. Er hatte wenig Menschen, auf die er sich verlassen konnte und wenn er sich über Jack beschwerden wollte – auch nur aus Spaß – hatte er keine andere Wahl, als das bei Bobby zu tun. In den Jahren, in denen sie zusammen mit den Pferden gearbeitet hatten – zuerst, als Bobby noch ein Teenager war und auch jetzt als Erwachsener – hatte sich zwischen ihnen eine gute, verlässliche Freundschaft entwickelt. Ennis war froh, dass Bobby sich entschlossen hatte, in Childress zu bleiben. Er vermisste Junior und Jenny und wünschte sich oft, sie würden nicht so weit weg wohnen. Dass Bobby und seine drei Kinder in der Nähe wohnten, gab ihm wenigstens ein bisschen das Gefühl einer Familienverbindung.

Zwei Tage später saß Ennis im Wartezimmer der Arztpraxis und blätterte in einer alten Autozeitschrift, als ein junger Mann in einem weißen Kittel auf ihn zukam. „Mr. Del Mar?", fragte er und reichte ihm die Hand. „Ich bin Doktor Hillman. Josh Hillman."

Ennis sah überrrascht auf. "Sie sind der Doktor?" Josh nickte. „Seit wann rufen die Ärzte ihre Patienten ins Sprechzimmer? Ich dachte, das machen die Arzthelferinnen."

Josh grinste. „Das ist ja das erste Mal, dass ich Sie sehe, da dachte ich, ich komme her und stelle mich persönlich vor. Wir können noch kurz reden, ehe wir mit Ihrer Untersuchung anfangen."

Ennis zuckte die Achseln. „Okay. Was ist denn mit Doktor Fowler los? Ich hab mich grad an ihn gewöhnt."

„Doktor Fowler ist vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen.", sagte Josh. „Ich hab seine Praxis übernommen."

Ennis nickte. „Ich war eine Weile nicht hier. Ich bin eben gesund."

Josh führte ihn durch den Flur in einen Raum auf der Ecke, der groß und geräumig aber mit medizinischen Zeitschriften und Patientenkarteien zugestopft war. Ennis besah sich die gerahmten Diplome an der Wand und merkte sich, dass er auf dem Michigan Collage und der medizinischen Schule in Chicago gewesen war. „Sie sind aus dem Norden?", fragte Ennis.

Josh nickte zur Bestätigung.

„Wie sind Sie denn in Quanah gelandet?"

„Ich las eine Anzeige in einer medizinischen Fachzeitschrift – dass jemand gesucht wird, der Doktor Fowlers Praxis übernimmt. Das war eine gute Gelegenheit und ich bin so weit auch glücklich hier."

Ennis nickte. „Ich komme aus Wyoming.", sagte er. „Aber ich lebe jetzt seit dreißig Jahren in Quanah, deshalb kann ich wohl sagen, dass Texas mein Zuhause ist."

Josh lächelte ihm zu. „Also, Mr. Del Mar...", begann er.

Ennis unterbrach ihn. „Sagen Sie Ennis."

Josh nickte. "Okay, gut, Ennis... ich habe ihre Kartei gelesen und wollte nur ein paar Sachen mit Ihnen durchgehen."

Ennis nickte. Das hatte er schon gehört.

„Zuerst mal, gibt es in Ihrer Familie irgendwelche Krankheiten, von denen Sie wissen – Krebs, Diabetes, Herzkrankheiten?"

„Meine Eltern starben bei einem Autounfall als ich dreizehn war.", erwiderte Ennis. „Sie lebten nicht lange genug, um krank zu werden. Meine Schwester – ich denke, ihr geht's gut. Wir reden normalerweise nicht über solche Sachen wie unseren Blutdruck, aber wenn sie Krebs hätte, würde sie es mir sagen."

„Wie alt ist Ihre Schwester?", fragte Josh.

„68.", erwiderte Ennis. „Fünf Jahre älter als ich." Er schwieg eine Weile, dann sagte er: "Mein Bruder muss 66 sein, aber ich hab seit fünfundzwanzig Jahren nicht mit ihm gesprochen. Ich weiß nicht, was mit ihm ist."

„Ein Zerwürfnis?"

Ennis nickte. „Er mochte meinen Lebenswandel nicht."

Josh sah ihn erneut an. „Und gibt es noch jemanden? Großeltern, Tanten, Onkel?"

„Keiner.", sagte Ennis. „Meine Großeltern starben, als ich noch klein war, ich weiß nichts über sie. Der Bruder meines Vaters starb im Krieg, meine Mutter war ein Einzelkind."

„Haben Sie Kinder?", fragte Josh.

Ennis nickte. „Zwei Töchter, die sind…" Er dachte kurz nach. "Mal sehen, Junior wird im September 42 und Jenny wird dieses Jahr 40." Er hielt inne, als wäre er überrascht, dass Jenny schon ihren 40. Geburtstag feierte.

Josh nickte. „Sie sind gesund, nehme ich mal an?"

Ennis nickte. "Ja, denen geht's gut."

Josh warf einen Blick auf seine Kartei. „Sie sind geschieden, richtig?"

„Ich habe mich von Junior und Jennys Mutter scheiden lassen, ja. Vor 31 Jahren."

„Haben Sie wieder geheiratet?", fragte der Arzt.

„Ich denke, ich bin verheiratet.", sagte Ennis und sah Josh Hillman direkt ins Gesicht. Er sah, dass die Art, in der er geantwortet hatte, den Arzt verwirrte aber er beschloss, es Josh selbst herausfinden zu lassen. Schließlich war er derjenige mit den tollen Diplomen an der Wand.

Josh sah wieder auf seine Kartei. Ennis sah zwei kleine rote Punkte auf seinen Wangen. „Okay.", sagte Josh. „Haben Sie mal geraucht?"

Ennis nickte. "Ja, aber ich habe vor zweiundzwanzig Jahren aufgehört."

„Das ist großartig. Ehe Sie aufgehört haben, wie lang haben Sie geraucht?"

„Weiß ich nicht.", erwiderte Ennis. „Ich hab mit vierzehn oder so angefangen, das macht dann?" Er rechnete kurz mit dem Finger in seiner Handfläche. „Sechsundzwanzig Jahre. In vier Jahren werde ich genauso lange Nichtraucher sein, wie ich Raucher war. Das wird ein Meilenstein, denke ich."

Josh nickte. „Absolut. Wie viel haben Sie denn geraucht?"

Ennis hob die Schultern. „Meistens so zwei Päckchen am Tag. Ich hab es in den Jahren ehe ich aufhörte, immer reduziert – zuerst auf ein Päckchen, dann auf ein halbes am Tag. Das war auch zu der Zeit, als es immer teurer wurde – damit die Leute aufhören."

Josh sah ihn an. „Als Sie aufhörten, haben Sie da irgendwelche Hilfsmittel gebraucht? Pflaster oder Kaugummi?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Nein, nichts. Das war da noch nicht erfunden, Dok. Jack und ich setzten ein Datum fest, warfen alle Aschenbecher weg und hörten auf."

„Und Jack ist ein Freund?", fragte Josh.

„Er ist mein Partner, Dok. Der Mann, mit dem ich verheiratet bin."

„In Ordnung.", sagte Josh und sah auf sein Blatt hinunter. Ennis bemerkte, dass die roten Stellen auf seinen Wangen zurückgekehrt waren. Er räusperte sich, dann sagte er: „Gut, wo wir gerade beim Thema sind, denke ich, dass das heißt, dass Sie sexuell aktiv sind?"

Ennis nickte.

„Schützen Sie sich?"

Diesmal schüttelte Ennis den Kopf.

„Sollten Sie aber…", erwiderte Josh mit leiserer Stimme.

„Warum?", fragte Ennis. „Es gibt nur Jack und mich, seit 1963. Da war das AIDS Virus noch nicht aktiv."

„Sind Sie sicher, dass es da nur Sie gibt?"

Ennis schnaubte. Er sah Josh an. "Dok, ich sehe, Sie tragen einen Ehering, das heißt wohl, Sie sind verheiratet."

Josh nickte.

„Wie würden Sie es finden, wenn ich sie frage, ob Ihre Frau Sie betrügt, einfach so ins Blaue hinein?"

Josh sah beschämt aus. „Naja, äh…ähm.", stammelte er, unsicher, was er sagen sollte.

Ennis beobachtete Josh eine Weile, dann sagte er. „Hören Sie, Dok, ich beantworte Ihnen die Frage. Ich weiß, es gibt schwule Männer, die in der Gegend herumschlafen und Sex mit allem haben, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das machen sie wahrscheinlich in den großen Städten wie New York oder San Francisco aber so bin ich nicht. Jack ist der einzige Mann, mit dem ich je zusammen war. Ich weiß, dass er ein paar andere hatte, aber das ist lange her, lange vor AIDS und HIV. Wir brauchen keine Kondome, uns geht's bestens."

Josh grinste leicht, aber sah immer noch beschämt aus. „Danke.", sagte er sanft.

Ennis sah ihn an. „Mein Sohn, wie lange sind Sie Arzt?"

"Seit sechs Jahren, wenn man meine Probezeit einbezieht. Ich kam her, nachdem ich die fertig hatte, also praktiziere ich zwei Jahre."

Ennis lächelte Josh leicht zu. „Sie sind noch jung, mein Sohn. Aber Sie müssen lernen, wie man Fragen stellt, ohne rot zu werden. Es gibt hier nicht so viele schwule Männer in Hardeman County, aber noch mehr als Jack und mich. Wir haben sie getroffen, uns etwas mit ihnen angefreundet. Sie könnten hier auf Ihrem Stuhl landen.", sagte er und wies auf den Stuhl, auf dem er saß. „Und Sie müssen dafür sorgen, dass die sich wohl fühlen, nicht ganz beschämt und rot im Gesicht werden, wenn Sie reden."

Dieser Kommentar sorgte natürlich dafür, dass Josh wieder errötete, aber dann lächelte er Ennis zu und wusste seine Ehrlichkeit zu schätzen. „Sie sind da sehr offen, Mr. Del Mar."

„Ennis.", korrigierte er wieder und Josh nickte. „Nachdem man dreißig Jahre lang mit einem Mann zusammengelebt hat, wird man wohl offener, denke ich.", sagte er. „Als ich so alt war wie Sie, konnte ich nicht darüber reden, deshalb müssen Sie lernen, wie man danach fragt."

Josh nickte wieder. „Sie haben ja vollkommen Recht und ich danke Ihnen, dass Sie mich daran erinnert haben." Sie schwiegen eine Weile und sahen einander an. Josh nickte Ennis kurz zu, dann sah er wieder auf seine Kartei. „Alkohol, danach sollte ich Sie auch noch fragen. Trinken Sie?"

Ennis hob die Schultern. "Manchmal. Ein paar Bier, meistens zum Essen. Ein Glas Whiskey am Abend." Er zwinkerte Josh zu. „Oder Sekt zum feiern."

Josh grinste, als er das Zwinkern bemerkte. „Ich hätte Sie nie für den Sekttyp gehalten, Ennis.", sagte er.

Ennis lachte. „Jack hat mich drauf gebracht." Er kicherte. „Wir feierten oft in unserem ersten Sommer hier in Quanah."

„Sind Sie besorgt, weil Sie trinken?", fragte Josh. „Glauben Sie, Sie haben ein Problem?"

„Nein.", sagte Ennis und schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich nicht mal mehr, wann ich das letzte Mal wirklich betrunken war, um ehrlich zu sein. Früher, ja da war ich oft betrunken, vielleicht hatte ich sogar ein Problem, aber jetzt nicht mehr."

„Früher?", fragte Josh, um Klarheit zu bekommen.

„Früher, als ich noch mit Alma verheiratet war, ehe ich mit Jack zusammenkam.", erwiderte Ennis.

Josh nickte. „Okay." Er sah ein weiteres Mal auf seine Kartei. "Noch irgendwas? Schwere Krankheiten, Operationen oder gebrochene Knochen?"

Ennis schüttelte bei allem den Kopf. „Ich sag Ihnen was, Dok, ich bin ein gesunder Mann und habe vor, mindestens hundert zu werden."

„Nun, das ist toll.", sagte Josh. „Mal sehen, dass wir ein paar Laborproben nehmen. Nur zur Sicherheit. Cholesterin, Blutzucker… das Übliche."

Ennis nickte. „Das dachte ich mir."

Josh sah noch einmal auf die Kartei. „Vor fünf Jahren hatten Sie eine Kolonoskopie und die war in Ordnung, also brauchen Sie die nicht."

„Oh, diese Sache, als die in meinen Hintern geschaut haben?", fragte Ennis.

Der Arzt nickte.

Ennis lächelte schwach. "Der Test ist sicher nicht schlecht, aber die Durchführung ist widerlich."

Josh lachte. „Das sagt jeder, aber zum Glück muss man das nur alle zehn Jahre machen, wenn die Ergebnisse negativ waren, wie bei Ihnen." Josh stand auf und schloss seine Kartei. „Also.", sagte er. "Dann gehen wir jetzt den Flur hinunter in das Behandlungszimmer, ich höre Ihr Herz und Ihre Lungen ab und checke ein paar andere Sachen. Ich will prüfen, ob Sie mir die Wahrheit gesagt haben."

„Das wäre?", fragte Ennis.

„Dass Sie kerngesund sind, wie ein Pferd."