Kapitel 5

Der Zustand von Ennis' Brustkorb

Ennis stand am Zaun und sah den Pferden beim Grasen zu. Er griff nicht mehr oft zur Zigarette aber dies war einer der Momente, die das alte Verlangen zurückbrachten. Abwesend langte er in seine Tasche und nahm eine Rolle Lifesavers heraus. Eine steckte er in seinen Mund, rollte sie über seine Zunge und schmeckte den Minzgeschmack. Eigentlich mochte er Butter-Rum lieber, aber Jack vergaß ständig, diese Sorte zu kaufen. Ennis hatte es längst aufgegeben, ihn danach zu fragen. Er hatte sich an die Minze gewöhnt.

Seine Augen schweiften über das Feld, suchten nach nichts Bestimmten, bis er Twister am Rande seiner Koppel stehen sah. Twister, jetzt 34, dessen schwarzes Fell von der Texassonne ausgeblichen und dessen Rücken gebeugt war, war noch immer der beste Hengst im Stall. Schon lange wurde er nicht mehr zur Züchtung und für Reitstunden verwendet. Ennis gab sich damit zufrieden, ihn seinen Lebensabend in Ruhe verbringen zu lassen.

„Hey."

Ennis erschrak. Er hatte Jack nicht hinter sich kommen hören und nicht bemerkt, dass er da war, ehe Jack sanft seine Schulter berührte.

Ennis drehte sich um. „Hey, Kumpel.", grinste er.

"Ich wüsste gern, woran du gedacht hast, Cowboy", sagte Jack, „du schienst meilenweit weg zu sein"

Ennis schüttelte den Kopf. „Ach, an nichts Bestimmtes. Ich hab nur Twister beobachtet und über alte Zeiten nachgedacht."

Jack kam näher neben Ennis und dieser legte seinen Arm um Jacks Schulter. Diese Geste war flüssig und mühelos, sie zeugte von dreißig Jahren einer lockeren Beziehung und geteilter Liebe. Sie lächelten einander zu, dann schaute Ennis wieder zu den Pferden hinüber.

„Weißt du, Jack", sagte er, „Twister, du und ich, das ist alles, was von vor dreißig Jahren noch da ist."

„Wie meinst du das?", fragte Jack. „Wir haben haufenweise Zeug von vor dreißig Jahren… das Haus, die Farm, die Kinder…"

Ennis lächelte. „Ich glaub, ich hab mich falsch ausgedrückt. Ich meinte von unseren Trips… von unserem alten Leben. Sioux ist tot, unsere alten Trucks sind lange weg… aber du, ich und Twister… wir sind die letzten Überbleibsel der alten Tage." Ennis hielt inne und wies auf das Pferd auf der Wiese. „Und er, der alte Knabe… ich glaube nicht, dass ihm noch viel Zeit bleibt."

Jack nickte. „Ich werde traurig sein, wenn er gehen muss.", sagte er. „Aber Bobby tut alles, um ihn am Leben zu erhalten."

Ennis nahm seinen Arm von Jacks Schulter und lehnte sich wieder gegen den Zaun. „Jap.", sagte er. „Ich werde auch traurig sein. Dieses Pferd war wohl das einzige, was mich in jenem Winter davor bewahrt hat, verrückt zu werden.", fügte er leise hinzu.

„Wie meinst du das?", fragte Jack. „Das hast du noch nie so gesagt."

Ennis sah Jack mit einem ernsten Ausdruck an. „Du warst nicht der Einzige, der in jenem Jahr einen verdammten Nervenzusammenbruch hatte. Ich war auch so ziemlich am Ende der Fahnenstange."

„Ehrlich?", fragte Jack. „Was war denn los?"

Ennis atmete tief ein und sah dann eine Weile gedankenverloren über die Weide. „Weiß nicht, Jack. Meine Scheidung traf mich echt hart – härter als erwartet. Nicht wegen Alma, ich liebte sie nicht. Aber wegen den Mädchen, ich hatte das Gefühl, als ihr Vater versagt zu haben. In diesem Jahr…", er hielt inne und fuhr dann fort, „war ich an Thanksgiving ganz alleine, keiner lud mich ein und ich sah nicht einmal Junior und Jenny. An Weihnachten war's genauso, auch wenn ich sie Heiligabend gesehen habe." Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und sah Jack an. „An Silvester hab ich mich sinnlos betrunken, zwei Tage kam ich nicht aus dem Bett und lag nur herum mit der Whiskey Flasche neben mir. Es war… ich kann das jetzt sagen… richtig ekelhaft."

Jack sah Ennis an und man konnte Besorgnis aus seinem Blick lesen. Nach dreißig Jahren mit Ennis hatte er davon noch nie gehört.

Ennis sah wieder aufs Feld hinaus. „Irgendwann hab ich mich dann aufgerafft und ging zur Ranch zurück. Dort fand ich dann Banshee mit einem verdrehten Darm vor. Wir mussten sie töten. Ich glaubte, Jack, „ er wandte seine Augen wieder Jack zu, „dass ich alles auf der Welt verlieren würde, was mir wichtig war."

„Du hattest mich.", erwiderte Jack sanft.

„Hatte ich das?", fragte Ennis. „Nun, ja das hatte ich.", beantwortete er seine eigene Frage. „Aber das wusste ich da noch nicht. Jack, ich dachte, dass auch du mir entgleiten würdest."

Ennis war eine Weile still und Jack schwieg. Er überließ Ennis seinen Gedanken. Ennis seufzte, atmete tief ein und fuhr fort. „Don Wroe... weißt du Jack, Don war ein echter Freund. Ich glaube, bis zu diesem Moment habe ich das nie wirklich zu schätzen gewusst."

„Das war er wohl.", sagte Jack. „Ich hab ihn zwar nie wirklich gekannt, aber in den wenigen Momenten, wo ich ihn traf, schien er ein Freund zu sein."

Ennis fuhr fort, als habe er Jacks Unterbrechung nicht mitbekommen. „Ich denke, dass Don wusste, wie schlecht es mir ging, er wollte mich aufmuntern. Er war es, der mir von Twister erzählt hat. Er sagte, er habe einen Freund auf einer Ranch, die zwanzig Meilen weit weg war und der verkaufe einen Hengst." Er sah Jack wieder an. „Er sagte, er würde ihn verkaufen, aber er hat ihn mir praktisch geschenkt, Jack. Ein vier Jahre alter Hengst, eingeritten, wirklich hübsch, genauso wie der große Kerl es war… für achthundert Tacken." Er hielt inne. „Klar, waren achthundert Tacken eine Menge Geld für mich, aber er hat es mich abbezahlen lassen und ich hab die eine oder andere Arbeit erledigt."

„Und dann?", fragte Jack, der mehr hören wollte.

„Dann ging's mir besser.", sagte Ennis. „Ich hörte auf mit dem Selbstmitleid und begann, über die Zukunft nachzudenken. Über die Pflege der Pferde, darüber wie ich ein guter Vater für Junior und Jenny werden könnte… über dich."

Jetzt drehte Jack sich um und sah Ennis an. „Über mich?", fragte er.

„Natürlich hab ich an dich gedacht… ich hab dich vermisst."

„Du hast mich vermisst?"

Ennis nickte. „Überrascht dich das?", fragte er sanft. „Dachtest du nicht, dass ich dich vermisse?"

Jack hob die Schultern. „Weiß nicht, En, manchmal glaubte ich, dass ich nie wirklich wusste, was du dachtest. Du hast nicht viel geredet, das weißt du."

Sie standen eine Weile da und schauten über die Weide. Sie beobachteten, wie zwei Stuten langsam ans andere Ende der Koppel trabten. Jack wandte seinen Kopf. „En, kann ich dich was fragen?"

"Klar, was denn?"

"Warum hast du diese Postkarte geschrieben, auf der stand, dass du geschieden bist? Wann war das? März? April? Warum gerade dann?"

Ennis sah Jack an. "Weil ich dich vermisst hab, Cowboy. Ich dachte an dich und wollte, dass du's weißt…"

„Ja, aber du wurdest schon im November geschieden. Warum hast du fünf Monate gewartet?"

„Was hätte ich denn sonst schreiben sollen?", fragte Ennis sachlich. „Ich dachte, dass Lureen die Karte lesen könnte – es war ja nur ne Postkarte." Er musste lachen und stieß Jack in die Rippen. „Hätte ich denn schreiben sollen: Lieber Jack, ich vermisse dich so unglaublich, ich kann es nicht erwarten, dich das nächste Mal nackt am Lagerfeuer zu sehen, in Liebe, Ennis."

Jack lachte laut über diese Absurdität und Sentimentalität, dann fuhr Ennis fort. „Alles was mir einfiel, waren Neuigkeiten, und das einzige was es Neues gab, war meine Scheidung."

„Du hättest mir von Twister erzählen können." Jack nickte zur Weide hinüber.

Ennis lachte wieder. „Also so: Lieber Jack, ich hab ein neues Pferd, das ich nach dir benannt habe, weil du meine einzige wahre Liebe bist. Ennis."

Jack sah verletzt aus. „Na gut, Ennis. Hör auf mich zu verarschen. Du weißt, das mag ich nicht."

Ennis grinste aber sein Blick war Ernst. „Tschuldige Jack, du weißt, ich meine es nicht so. Und außerdem", sagte er, „tut es mir Leid, dass ich die Karte geschrieben habe. Ich dachte nie, dass du in den Truck springen und nach Wyoming rasen würdest."

Jack fuhr mit seinem Finger an Ennis' Kiefer entlang. „Schon gut, Cowboy. Ich hätte wohl anrufen und nicht gleich so impulsiv reagieren sollen." Er hielt inne. „Außerdem ist das lange her, du musst dich nicht dafür entschuldigen."

Er grinste, dann schüttelte er den Kopf, als wolle er die Konversation beenden. „Ach übrigens. Wie war's denn beim Arzt?"

Ennis hob die Achseln. "Ich denke, es war okay. Hab nen neuen Kerl getroffen." Er sah Jack leicht vorwurfsvoll an. „Du hast mir gar nicht erzählt, dass Doc Fowler aufgehört hat."

"Hab ich bestimmt, aber das war vor zwei Jahren.", sagte Jack. „Außerdem war ich immer bei diesem anderen, Doc Parker."

„Naja, egal, dieser neue Kerl ist nett, aber etwas jung. Ich musste ihm einen Vortrag halten."

Jack hob seine Brauen. „Du hast dem Arzt einen Vortrag gehalten?", fragte er. „Worüber?"

„Über dich und mich. Warum wir keine Kondome benutzen.", sagte Ennis.

Jack lachte laut. „Oh Ennis.", brachte er hervor. Er hatte mehr sagen wollen, aber ihm fiel nichts ein. „Denk mal nach. Vor zwei Minuten hast du mir erzählt, dass du mir keine Postkarte schreiben konntest, in der stand, dass du mich vermisst. Jetzt hältst du Ärzten Vorträge über das Sexleben von Schwulen. Wenn du es mir nicht selbst gesagt hättest, ich hätt's nicht geglaubt."

Ennis sah ernst aus. „Das ist wegen dir, Jack. Das hab ich dir zu verdanken – du hast mir geholfen, ich selbst zu sein."

Jack lächelte und antwortete mit sanfter Stimme: „Danke, Kumpel." Sie sahen sich eine Weile an, ehe Jack fragte: „Aber du hast meine ursprüngliche Frage nicht beantwortet. Ist alles in Ordnung? Bist du okay?"

"Hab ich doch gesagt.", erwiderte Ennis. „Außer einer Sache…" Er wurde leiser.

Jack sah besorgt aus. „Eine Sache? Welche Sache?"

Ennis biss auf seine Lippe. „Naja er sagte, ich hätte da eine Stauung in der Brust."

„Eine Stauung? Was heißt das?"

„Wie gesagt. Ich hab eine Stauung, eine Verengung."

Jack sah zunehmend besorgt aus. „Was redest du da?", fragte er. „Ist es was Ernstes? Brauchst du Tests, Röntgenaufnahmen oder so?"

"Er hat nichts vom Röntgen gesagt, mich nur mit seinem Stethoskop abgehört und gesagt, ich hätte eine Stauung."

„Und jetzt? Was machst du jetzt?", Jack ließ nicht locker, er hörte sich etwas panisch an.

Ennis sah ihn an und hob leicht die Schultern. „Er sagt, ich müsste den Druck von der Verengung wegnehmen."

Jack sah ihn an, ehrlich verwirrt über diese Aussage. „ Ennis, du redest nur wirres Zeug. Wie nimmt man Druck von einer Stauung in der Brust? Worüber zur Hölle redest du eigentlich?"

Er schwieg und sah Ennis zu, der langsam sein Shirt aufknöpfte. „Was machst du denn da, En?", fragte er. „Warum…" Jack wurde leiser, während er zusah, wie Ennis sein Hemd öffnete. Er sah auf Ennis' Brust hinab.

Zuerst registrierten seine Augen nicht, was er sah, dann sah er genauer hin. Da, in Ennis' linker Brustwarze war ein kleiner Ring, mit etwa anderthalb Zentimeter Durchmesser und bläulicher Farbe. „Was zur Hölle?", fragte er langsam.

„Der Arzt sagte, ich müsste den Druck wegnehmen.", sagte Ennis und versuchte, sein Lachen zu unterdrücken.

Jack sah auf zu Ennis und wurde plötzlich ärgerlich. „Du Scheißkerl!", sagte er scharf, drehte sich auf dem Absatz um und begann davonzugehen, mit steifem Schritt. Ennis knöpfte sein Hemd wieder zu, doch er war noch nicht fertig, ehe Jack sich schon wieder umgedreht hatte und zurückkam. „Du weißt genau, ich hasse es, wenn du mich verarschst!", sagte er immer noch wütend.

„Sorry, Jack.", sagte Ennis. „Ich wollte dich nicht ärgern. Ich konnte einfach nicht widerstehen."

Jack murmelte in sich hinein: „Verdammte Stauung, den blöden Druck wegnehmen…" Er wandte sein Gesicht zu Ennis' Hemd. „Lass mich nochmal sehen.", sagte er und fügte hinzu: „Ich dachte, dass wir das zusammen machen."

Ennis öffnete erneut sein Shirt, ließ es offen stehen und legte die Hände an die Hüften. „Ich war einfach soweit, Jack. Und ich wusste, dass du es nicht bist. Also hab ich's einfach gemacht."

Jack drückte leise sein Missfallen aus. „Du hast mich nur einmal gefragt. Ich hätte mich doch mit der Idee anfreunden können."

„Wenn du dich dafür entscheidest, wäre es schön. Ich geh auch mit dir.", erwiderte Ennis. „Wenn nicht, ist es auch okay, ich wollte es einfach machen lassen und nicht mehr warten."

Jack zeigte mit dem Finger auf den Ring und sah Ennis an. „Darf ich es anfassen?", fragte er.

„Klar.", sagte Ennis. „es ist noch etwas empfindlich aber nicht schlimm."

"Warum denn in blau?", fragte Jack. „Ich dachte an gold."

„Er hatte verschiedene Metallarten und klar gab es auch goldene. Aber ich wollte blau, weil, naja, wie du weißt, mag ich blau."

Jack fuhr mit seinem Finger über den Ring, dann von einem Einstich zum anderen über die Brustwarze. „Tut das weh?", fragte er. „Das Piercen meine ich."

Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, nicht wirklich. Hat sich wie ein Stich oder ein Zwicken angefühlt, nur eine Sekunde lang. Er hatte so eine Kanüle, um den Ring einzuführen, alles in einem. Echt keine große Sache."

„Ich denke schon, dass es eine große Sache ist.", sagte Jack. Er trat zurück und betrachtete Ennis' Brust, die jetzt ein Nippelring zierte, dann schaute er wieder auf. „Irgendwie ist es heiß, weißt du.", sagte er sanft.

„Denkst du?", fragte Ennis. „Weil ich es rausnehmen würde, wenn du es nicht magst. Es ist nicht wie bei einem Tattoo. Nicht dauerhaft."

Jack schüttelte den Kopf. "Nein, nimm es nicht heraus. Ich mag es irgendwie, aber ich muss mich dran gewöhnen." Er hielt inne. „Trotzdem weiß ich nicht, ob ich meins machen lasse."

"Schon okay.", sagte Ennis. "Ich zwing dich doch nicht." Er knöpfte sein Hemd wieder zu, dann zog er Jack in seine Arme. „Ich denke immer noch, dass ich es für unser dreißigjähriges Jubiläum mache. Auch wenn nur ich es habe, steht es doch für uns beide."

Jack lächelte ihm zu, legte seine Arme um Ennis' Hals und berührte seinen Nacken. „Wie lang dauert es denn, bis das verheilt ist, Cowboy?"

Ennis zwinkerte ihm zu. „Ein paar Wochen, warum?"

Jack lehnte sich an Ennis' Hals und seine Stimme war nur ein Murmeln, als er darüber leckte. „Weil ich es nicht erwarten kann, es zu berühren.", sagte er. „Ich will dir helfen, den Druck wegzunehmen."