Kapitel 6
Pläne
Weißt du, wir sollten wirklich mit den Plänen für unsere Party am vierten Juli anfangen."
„Hmmm.", war Ennis' einsilbige Antwort.
Jack wandte sich vom Computer ab und betrachtete Ennis, der sich auf der braunen Ledercouch räkelte und ein Blatt Papier in der Hand hielt. „Was liest du da?", fragte er.
„Etwas, was ich im Internet gefunden habe.", erwiderte Ennis.
„Diesen Artikel über Piercings?"
Ennis schüttelte seinen Kopf. „Der ist oben, wenn du ihn sehen willst." Er knisterte mit dem Papier. „Der hier ist über die Geschichte von schwulen Cowboys."
Jack hob seine Augenbrauen. „Schwule Cowboys?", fragte er belustigt. „Wo findest du bloß immer sowas, En?"
Ennis hob die Schultern. „ Weiß nicht, durch Suchen." Er wandte sich wieder dem Artikel zu und begann zu lesen. Jack sah ihn unverwandt an, seine Arbeit am Computer hatte er vergessen.
„Und was ist mit dem vierten Juli?", versuchte er wiederum, Ennis' Aufmerksamkeit zu bekommen.
Ennis sah erneut auf. „Wie sieht der Plan aus?", fragte er. „Das haben wir doch schon gemacht. Wir laden alle Freunde ein, braten ein paar Burger auf dem Grill und nennen es Party. Fertig."
Jack sah ein wenig wütend aus. „Hör mal, En, du weißt genau, dass es eine größere Sache ist."
Ennis setzte sich gerade hin und sah Jack ins Gesicht. „Nein, Jack, du machst es zu einer großen Sache. So muss es nicht sein."
Jack bis sich auf die Lippen. Er wusste, dass er sozialer war als Ennis und die Gesellschaft anderer Menschen genoss. Sie luden nicht oft Leute ein und für Jack war diese Party eine große Sache. Sie gaben dieses Fest nur alle fünf Jahre und Jack wollte etwas Besonderes daraus machen. „Ennis…", sagte er leise.
„Was denn?", fragte Ennis, der merkte, dass Jack etwas beleidigt war.
Jack sagte nichts. Ennis nahm sein Blatt Papier wieder in die Hand, dann aber legte er es wieder weg. Er sah Jack an und grinste. „Sorry, Cowboy, wenn du über die Partypläne reden willst, machen wir das. Was zuerst? Gäste? Essen?"
"Fangen wir mit dem Essen an.", sagte Jack und nahm sich einen Zettel und einen Stift. Ennis grinste in sich hinein. Jack und seine Listen. "Was gabs denn letztes Mal?"
"Spanferkel.", erwiderte Ennis ohne Nachzudenken. „Das war vielleicht ne Arbeit."
Jack nickte und erinnerte sich. „Und so gut war es nicht bei all dem Aufwand."
Ennis schüttelte den Kopf. „Nein, das war's nicht."
"Und davor?"
Ennis zögerte keine Sekunde, obwohl die Party schon zehn Jahre her war. „Hähnchen. Und davor gabs Rippchen."
Jack nickte wieder. "Und beim ersten Mal hat Jenny Sandwiches bestellt."
„Siehst du, Jack. Hamburger hatten wir noch nicht. Die können wir diesmal machen."
„Weiß nicht, En, Hamburger sind nichts Besonderes."
„Warum muss es was Besonderes sein? Jeder mag Burger."
Jack tippte mit dem Stift gegen den Block in seiner Hand, während er nachdachte.
„Du könntest doch Chili machen, Jack.", sagte Ennis. „Dein Chili schmeckt echt lecker."
„Hmmm.", machte Jack. „Das ist ne Idee." Er überlegte kurz, dann sagte er: "Und wie wäre es mit einem Kochwettbewerb?"
„Was meinst du?"
„Du weißt schon, ein Chili Kochwettbewerb. Ein kleiner Wettkampf."
Ennis lachte. „Was denkst du dir, Jack? Willst du die Gäste die ganze Arbeit machen lassen?"
„Nein ernsthaft. So wie es der Rotary immer macht. Wir könnten es für einen guten Zweck machen, um unser Jubiläum zu ehren. Geld für eine gute Sache spenden."
„Wie macht man denn einen Chili Kochwettbewerb?", fragte Ennis.
Jack hob die Achseln. „Weiß nicht, aber das kriegen wir schon raus. Sollte nicht allzu schwer sein. Wir laden Leute ein und lassen sie Chili kochen."
Ennis zeigte auf den Computer. „Du brauchst doch nicht warten. Schau nach, gib's mal ein."
„Jetzt?", fragte Jack.
Ennis rollte mit den Augen. „Warum denn nicht? Du wolltest doch Partypläne machen."
Jack sah ihn an. "Was soll ich eingeben? Du bist doch hier der Suchexperte."
Ennis stand auf und ging zum Computer herüber. Er wies auf die kleine Box am rechten oberen Rand des Browser Bildschirms. „Versuch's mal mit „Chili Kochwettbewerb Anleitung" und guck, was du kriegst."
Jack tat, was Ennis ihm vorschlug. Der Bildschirm füllte sich mit Suchresultaten und Ennis zeigte auf das Erste. „Klick das mal an. Die Internationale Chili Vereinigung. Da könnte was sein." Seine Augen schweiften nach unten und er zeigte auf ein anderes Ergebnis. „Oder das da. Die Chilibewertungs-Gesellschaft International. Probier mal und guck, was du findest."
Jack schaute erst auf den Bildschirm und dann zu Ennis. Er sah ehrlich beeindruckt aus. „So machst du das also, ja?", sagte er.
Ennis nickte und ging zum Sofa zurück, legte sich hin und nahm seinen Artikel wieder auf. „Häng lange genug mit mir rum, Twist, und du erfährst alle meine Geheimnisse." Er grinste Jack schelmisch an und las weiter.
Jack klickte sich fünfzehn Minuten lang durch verschiedene Seiten und druckte sogar ein paar Informationen aus, ehe er sich wieder zur Couch umwandte. „Mist, Ennis, das ist etwas zu kompliziert. Es gibt haufenweise Regeln und Bestrafungen, wenn man sie bricht."
„Wann wird man bestraft?", fragte Ennis.
„Man muss bei Gott schwören, dass man ein vernünftiges Chili ohne Bohnen macht, sagt eine dieser Vereinigungen."
„Ich mag Bohnen in meinem Chili.", war Ennis' Kommentar.
„Weiß ich.", sagte Jack resigniert. „Vielleicht sollten wir uns doch was anderes für die Party überlegen."
„Wir müssen uns nicht bestrafen lassen.", erwiderte Ennis. „Wir müssen nur wissen, wie man's richtig macht. Was machen die Gäste? Bringen sie Chilitöpfe mit?"
"Nein.", antwortete Jack. "Sie kochen sie beim Wettbewerb. Jeder muss sein eigenes Zeug mitbringen, darunter einen Gaskocher."
„Wir haben doch ein paar Gaskocher, oder?", fragte Ennis.
Jack nickte. „Aber ich weiß nicht, in welchem Zustand die sind. Wir waren seit Jahren nicht Zelten."
Ennis lachte. „Nachdem ich ein richtiges Bett und dich neben mir liegen hatte, wurde das Zelten mir schnell langweilig."
"Weiß nicht, En, ich hab auch ein paar gute Erinnerungen an die Angelausflüge..."
Ennis kicherte. „Dann hast du wohl Alzheimer, Cowboy. Ich erinnere mich daran, dass ich auf kaltem, hartem Boden geschlafen und mir die ganze Nacht den Arsch abgefroren hab."
Jack grinste in sich hinein. Das stimmte. Als sie erst einmal zusammen waren, hatte Ennis das Zelten aufgegeben. Für ihre Jagdausflüge im Herbst hatten sie eine Hütte gemietet. Und, wenn Jack ehrlich war, hatte er nach all den Jahren absolut keine Lust mehr darauf, auf dem Boden zu schlafen. Ihre alte Campingausrüstung – die Zelte, die Schlafsäcke, die Gaskocher- waren im Keller und setzten Staub an.
Jack wandte sich wieder dem Computer zu. „Jetzt müssen wir die Gästeliste zusammenstellen."
„Das muss ja nicht heute Abend sein.", sagte Ennis. „Das können wir morgen machen. Ich sag dir was. Schick Jenny und Kelly eine E-Mail. Frag Jenny, ob sie uns eine Einladung entwirft und frag Kelly, was sie über Chili Kochwettbewerbe weiß. Das hilft uns sicher weiter."
Jack sah Ennis zweifelnd an. „Kelly ist Food-Stylistin. Ich bezweifele, dass sie etwas von Kochwettbewerben weiß."
"Mit Essen verdient sie ihren Lebensunterhalt.", konterte Ennis. „Ich wette, sie weiß mehr, als du glaubst. Schick die Nachricht, dann lass uns ins Bett gehen. Ich bin müde." Er stand auf und ging in die Küche, um sein leeres Glas wegzubringen. Dann löschte er das Licht und schloss für die Nacht ab. Er kam ins Wohnzimmer zurück und schaute Jack zu, der eine Mail an Jenny und Kelly in Massachusetts schrieb. „Bist du gleich fertig, Cowboy?"
Jack nickte und sah auf. „Bist du in Stimmung für etwas Action?"
Ennis zwinkerte ihm zu und nickte. „Blöde Frage, nächste Frage, Cowboy.", sagte er und ging die Treppe hinauf."
