Kapitel 8

Tränen auf meinem Kissen

Ennis Del Mar drehte sich in seinem schmalen Bett, das erste Morgenlicht fiel durch das Fenster. Er hielt sein Glied in der Hand und masturbierte, bis er eine Erektion und dann einen schwachen Orgasmus bekam. Die Erinnerung an seinen toten Lover Jack Twist schwebte ihm vor Augen. Er seufzte, als er fertig war, es gab kein Vergnügen bei dieser Erleichterung, er wischte seine Hand an den Laken ab.

Er drehte sich und setzte sich auf, nahm eine Jeans und ein angegrautes Hemd vom Fußboden. Beides zog er über, während er aufstand. Er besah sich die Laken, die dreckig und unordentlich waren, dabei dachte er bei sich: „Ich sollte sie in die Waschmaschine tun." Dann: „Scheiße, nein, ich verdiene keine sauberen Laken. Ich schlafe in Dreckigen."

Er zog die Decke nach oben, schüttelte das Kissen auf, dann machte er zwei Schritte in die kleine Küche. Der Wohnwagen war nun einmal klein und eng. Ennis' Mobiliar bestand aus einem Bett, einem kaputten Sessel und einem Holzstuhl.

Er besah sich den Kaffeerest in der Maschine und dachte über eine frische Kanne nach, dann entschied er sich dagegen, goss den abgestandenen Kaffee in eine Pfanne und zündete den Herd an. „Scheiße, nein, ich verdiene keinen guten Kaffee.", dachte er und sah zu, wie die Bläschen in der Pfanne aufstiegen.

Er nahm eine Packung Zigaretten von der Ablage. Als er eine herauszog, wusste er, dass der fürchterliche Husten, der ihn sein über einem Jahr plagte, zurückkommen würde, sobald er sie anzündete. Junior hatte ihn angefleht, er solle zum Arzt gehen, aber er hatte sie stets abgewiesen. „Scheiße, nein, ich verdiene keinen Arztbesuch.", dachte er. „Ich werde einfach an Lungenkrebs sterben."

Mit der Zigarette und dem Kaffee in der Hand nahm Ennis eine kleine Papierpackung in die Hand und schüttelte zwei Metallnummern hinaus: „1" und „7". Er hatte sie am Tag zuvor im Eisenwarenladen gekauft. Er hatte eigentlich die Buchstaben seines Namens haben wollen, aber es gab keine „E's" mehr, deshalb konnte er weder ENNIS noch DEL MAR buchstabieren. Er hatte die Kontrolle über sich verloren und den Verkäufer hinter dem Tresen zur Schnecke gemacht – einen jungen Mann, wahrscheinlich noch auf der High School – der ganz entsetzt war, dass er über eine solche Trivialität wie einen fehlenden Buchstaben so in Rage geriet. „Es tut mir Leid, Sir.", hatte er gestammelt. „Ich bin sicher, die sind schon bestellt und in ein paar Tagen da."

„Verdammt, ich will sie nicht in ein paar Tagen, ich will sie jetzt!", hatte Ennis gebellt und seinem Ärger so laut Ausdruck verschafft, dass der Manager an den Tresen gekommen war.

„Ennis, beruhig dich, was ist denn in dich gefahren? Du bist doch sonst nicht so…"

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Ennis schreckte im Bett auf. „Ach Scheiße!", stöhnte er und rieb seine Augen.

Diese plötzliche Bewegung weckte Jack, der neben ihm lag. „Babe, was ist denn?", fragte er und drehte sich mit dem Gesicht zu Ennis.

Ennis schüttelte den Kopf. „Nur ein weiterer Albtraum." Er seufzte. „Ich hasse es, so aufzuwachen."

„Was war das für ein Traum?", fragte Jack. „Thanksgiving?"

„Nein, nicht Thanksgiving.", erwiderte Ennis. „Ich war im Wohnwagen, hustete und war gemein. Dieses Mal schlief ich in dreckigen Laken."

Jack kicherte in sich hinein, weil ihn die Vorstellung amüsierte. „Du schläfst nicht in dreckigen Laken. Ich hab sie erst gestern gewechselt."

Ennis rieb erneut seine Augen und ignorierte Jacks Kommentar. „Ich hasse diese Scheißträume.", sagte er eher zu sich selbst. „Wir hätten diesen gottverdammten Film nicht sehen dürfen."

„Hör schon auf, En, das war ein guter Film, das hast du selbst gesagt."

„Ja, aber wenn ich gewusst hätte, dass ich noch Monate später Albträume davon kriege, hätte ich zweimal über deinen Vorschlag nachgedacht." Er wandte sich zu Jack um. „Wieso bin ich eigentlich der Einzige, der schlechte Träume hat?", fragte er. „Dich stört das gar nicht."

Jack hob die Schultern. „Weiß nicht. Sieht aus, als hätte der Film dich mehr bewegt als mich."

„Naja, scheiße…", seufzte Ennis, legte sich ein Kissen in den Rücken und lehnte seinen Kopf an das Kopfteil des Bettes.

„Vielleicht hast du dieses Fieber.", sagte Jack und boxte Ennis in die Rippen, um ihn aufzumuntern.

Ennis sah ihn verwirrt an. „Fieber?", fragte er.

„Ja, weißt du, dieses Brokeback Fieber, worüber du im Internet gelesen hast. Echt eine witzige Sache."

„Ach das.", sagte Ennis und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ich dachte, dass das Hauptproblem dabei war, dass alle den Schauspielern schreiben wollten. Ich erinnere mich nicht an schlechte Träume."

„Vielleicht hast du eine abgeänderte Form des Fiebers.", erwiderte Jack. „Dir geht es etwas näher, denke ich."

Ennis nickte. „Das Problem ist, Jack, das sind diese Träume, die du nie mehr erleben willst. Hast du das schon mal erlebt, Jack? Du gehst wieder schlafen und der Traum kommt zurück?"

„Ein paar mal, aber nicht oft."

Ennis seufzte und atmete tief ein. „Naja, jetzt bin ich wach, ich kann nicht mehr schlafen." Er wandte sich der Uhr zu, die auf der anderen Seite des Bettes stand. „Wie viel Uhr ist es?"

„Fast sechs. Nicht mehr allzu früh, aber du musst noch nicht aufstehen."

Ennis lächelte seinem Lover zu. „Heißt das, du willst etwas Kaffee?"

Jack erwiderte das Lächeln. „Klar, der Topf ist schon aufgesetzt, ich hab das gestern Abend gemacht."

"Dann warte kurz. Ich komm gleich zurück." Ennis stand auf, besah sich noch einmal die Laken, die nicht dreckig waren, und ging dann zur Tür hinaus Richtung Badezimmer.

Jack hörte zu, wie Wasser lief und die Toilettenspülung betätigt wurde und er hörte sogar die Dusche. Jack grinste. In einem seiner Träume hatte Ennis sich ganz schmutzig erlebt, seine Fingernägel waren schwarz und abgeknabbert. Ennis war ohnehin eine Person, die lieber morgens duschte, aber nach diesem Albtraum schien er noch schneller hineinzuspringen als normal.

Eine Weile später kam Ennis ins Schlafzimmer zurück, sein Haar war zurückgekämmt und ein Handtuch hing um seine Hüfte. Er hielt zwei dampfende Tassen Kaffee in der Hand.

„Geht's dir besser?", fragte Jack.

Ennis nickte. „Ich weiß nicht, warum mir diese Träume so nahe gehen, aber so ist es. Vielleicht weil sie so realistisch sind. Wenn es ein Traum über Aliens gewesen wäre, wäre es mir bestimmt egal." Er hielt Jack eine Tasse Kaffee hin und stellte die andere auf den Nachtschrank. Dann ließ er das Handtuch auf den Boden fallen und legte sich ins Bett zurück.

Sie lagen nebeneinander, gegen die Kissen gelehnt und tranken ihren Kaffee. Jack lauschte den Vögeln draußen, während Ennis über seinen Traum nachdachte, um herauszufinden, warum er immer wieder kam. „Ich lebe seit dreißig Jahren mit Jack zusammen.", dachte er. „Wir haben das Ende doch umgeschrieben. Warum quält mich das so?"

Er wandte seinen Kopf um. „Jack, sag mir eins.", sagte er und unterbrach die Tagträume.

„Hmm?", fragte Jack. „Was?"

"Wenn es so gewesen wäre, wie in dem Film... wenn du gestorben wärst… was glaubst du, wäre aus mir geworden?"

„Was meinst du, En? Ich kann dir nicht folgen."

"Ich meine, wäre ich wirklich alleine in diesem Wohnwagen? Ohne jemanden zu treffen und ohne ein Leben?"

Jack sah ihn an. „Weiß ich nicht, En. Ich schätze, das hätte an dir gelegen. Ich wäre tot und hätte keinen Einfluss auf dich."

Ennis schwieg kurz und dachte nach. „Vielleicht drücke ich es falsch aus. So wie du mich kennst, glaubst du, ich wäre alleine geblieben?"

Jack sah nachdenklich aus. „Nun, En, das ist keine einfache Frage, die man mal eben so beantworten kann. Zuerst hättest du dir darüber klar werden müssen, dass du schwul bist." Ennis nickte.

„Dann", fuhr Jack fort, „hättest du jemanden treffen müssen. Wenn ich jetzt so an diesen Film denke, glaube ich, dass der Film-Ennis wusste, dass er schwul war."

Ennis sah ihn an. „Warum glaubst du das?"

"Naja, da gab es diese Szene, wo du diesen Kommentar darüber machtest, dass du auf die Straße gehst und die Leute es merken." Ennis nickte. „Und dann hast du – oder besser er – sich nicht für diese Kellnerin interessiert. Ich denke, dass du – oder er", Jack musste lachen, „oder über wen auch immer wir gerade reden – es gemerkt hat."

Jack schwieg kurz und ließ den Gedanken auf sich wirken. „Jetzt zu deiner nächsten Frage: hättest du jemanden getroffen? Du hättest dich mit jemandem verabreden müssen, was im konservativen Wyoming nicht einfach ist. Ich meine, sogar in großen Städten haben die Schwulen Probleme gehabt, sich zu treffen, und da gab es mehr als dort." Er hielt inne und sah Ennis genau an. „Ich glaube, die Frage, um die es hier geht ist: hättest du mit einem anderen Mann zusammen sein können?"

Ennis nickte. „Vielleicht meine ich das, Jack.", sagte er leise.

„Babe, wie sehr ich den Gedanken an einen anderen Mann hasse, der seine Hände auf deinem Körper hat, wenn es so gewesen wäre wie im Film… – ich finde, du bist zu liebevoll und fürsorglich, um den Rest deines Lebens allein zu verbringen, En. Ich hatte doch keinen Anspruch auf dich – also im Film zumindest. Vielleicht liebten wir uns, aber wir hatten kein gemeinsames Leben."

Ennis senkte den Kopf. „Ich wollte nie einen anderen Mann, das weißt du, Jack."

"Das weiß ich, En, aber du hast danach gefragt. Und die Situation im Film war komplett anders als unsere." Er hielt inne und fuhr mit seinem Finger Ennis' Arm hinab. „Was ich sagen will ist, dass du ein liebevoller Mann bist und ich finde, du bist ein noch besserer Mann, weil du dein Leben mit mir teilst. Wenn es mich nicht gäbe, ja, dann würde ich mir wohl wünschen, dass du jemand anderen findest. Ich denke, du brauchst jemanden, der dein Leben mit dir teilt. Das bringt deine guten Seiten hervor. Weil ich dich liebe, will ich, dass du glücklich bist."

Eine Weile saßen sie still da, dann sagte Ennis: "Echt verdammt ernste Themen am frühen Morgen."

Jack hob die Schultern. „Manchmal müssen wir eben über diese Dinge reden."

Ennis sah ihn an. "Okay, wenn wir schon beim Reden sind, was wenn die Situation anders wäre? Was wenn ich gestorben wär?"

„Du meinst, ermordet von den eisernen Kerlen?"

„Weiß nicht… vielleicht ein Unfall… ein Pferd hat mich an den Kopf getreten oder sowas, egal, ich bin tot, was hättest du getan?"

Jack dachte eine Weile nach. „Meinst du den Filmjack oder den echten Jack?"

„Weiß nicht, macht das einen Unterschied?"

„Naja, der Filmjack vögelte Randall, zumindest denke ich das.", sagte Jack. „Ich weiß nicht, ob ich das getan hätte. Vielleicht…" Er hielt inne. „Der echte Jack… ich denke ich hätte... naja, wenn ich mich nicht selbst umgebracht hätte, dann wäre ich wahrscheinlich bei Lureen geblieben. Du weißt, wie sie ist, kein schlechter Mensch, lustig, einfach im Umgang…ich hätte einfach so weitergelebt…" Er schüttelte sich plötzlich und sah Ennis an. „Und mir wär's verdammt dreckig gegangen, Ennis, warum reden wir überhaupt über solchen Mist? Ich habe ein Leben mit dir. Das ist das Leben, das ich will. Das ist das Leben, was ich habe. Ich will nichts ändern."

"Nichts?"

"Nein, gar nichts."

"Ich auch nicht, Babe." Ennis rollte sich herüber und nahm Jack in die Arme. "Und vielleicht regen mich deshalb diese Scheißträume so auf. Ich hab das Leben, das ich will, also warum denke ich an so einen Mist?"

„Weil es ein Unterbewusstsein tut? Weiß nicht, wir hatten nicht den leichtesten Start in unser Leben, vielleicht hat der Film das wieder hochgebracht."

„Ja, wahrscheinlich, aber ich bin bereit, das außen vor zu lassen. Ich muss nicht über diesen Mist nachdenken. Ich hab dich." Ennis nahm das als Anlass, um sich vorzubeugen und Jack einen Kuss zu geben. Er strich mit seinem Daumen an Jacks Augenbraue entlang und die Wange hinab. „Ich liebe dich, Babe.", sagte er sanft.

Jack lächelte ihm zu. „Ah, das war das erste Mal für heute. Wie viel mal krieg ich's noch zu hören?"

„Beschwerst du dich etwa?"

„Babe, du weißt, ich beschwere mich nie. Deine Liebe ist Musik in meinen Ohren."

Ennis küsste ihn noch einmal, lang und sinnlich, dann beugte er sich zurück. „Okay, ich glaube, der Traum ist aus meinen Gedanken verschwunden und ich kann mich dem Abkratzen widmen."

„Abkratzen?", fragte Jack

„Ja, den anderen blöden Albtraum mit dem wir uns auseinandersetzen müssen… wir müssen das Haus streichen. Wenn du das vor dem vierten Jul fertig haben willst, sollten wir uns ranhalten."

„Ach scheiße.", sagte Jack.

„Was beschwerst du dich? Ich mach doch die ganze Arbeit." Während er dies sagte, stand Ennis auf und ging zum Kleiderschrank. Er wühlte darin herum und nahm eine Paar Shorts und ein T-Shirt hinaus, die er rasch anzog.

Jack grinste ihn an. „Ich hab ganz vergessen, was das Beste daran ist, das Haus zu streichen.", sagte er sanft.

„Was denn?", fragte Ennis, der ihm nicht folgen konnte.

„Dich auf einer Leiter in Shorts stehen zu sehen.", sagte er. „In diesen Genuss komme ich in den nächsten drei Wochen."

Ennis sah ihn an. „Es gibt schon einen Grund, warum ich sage, dass ich das lieber alleine mache.", sagte er zwinkernd.