Kapitel 9

Billy Jarrett

Ennis stieg die Leiter hinab und zog gleichzeitig sein T-Shirt aus. Damit wischte er sich den Schweiß von Stirn und Nacken. „Ich habe vergessen, was für ein Scheißjob das Abkratzen alter Farbe ist.", sagte er zu Jack, der neben der Leiter stand.

„Ja, aber ich mag die Aussicht.", erwiderte Jack und betrachtete Ennis in seinen Shorts.

Ennis schlug Jack mit seinem dreckigen T-Shirt auf den Hintern und lachte. „Eine verdammt bessere Aussicht als alles, was du mir in Shorts zeigst."

„Ich helf' dir, wenn ich aus der Stadt zurückkomme."

„Oh, was du nicht sagst. Und so wie ich dich kenne, wirst du am Boden arbeiten, oder?"

„Du weißt doch, dass ich Höhenangst habe.", antwortete Jack mit unschuldiger Stimme. Er grinste Ennis an und dann besah er sich seine Liste. „Ich muss in den Eisenwarenladen, um die Farbe zu bestellen. Dann geh ich noch einkaufen. Brauchst du was?"

Ennis hielt eine Staubmaske hoch. „Hol ein paar davon. Und vielleicht auch einige Schutzbrillen. Ich hasse es, Staub in die Augen zu bekommen."

Jack nickte und notierte es auf seiner Liste. „Noch was?"

„Das sollte reichen. Weißt du den Namen der Farbe?"

Jack nickte wieder. "Da stand noch eine Dose im Keller. Ich hab mir die Nummer aufgeschrieben – die für das Haus und die für das Geländer. Was ist mit Pinseln?", fragte er.

Ennis überlegte kurz. „Nein, lass das mal. Ich guck, was wir noch dahaben. Außerdem fangen wir noch nicht mit streichen an, wir haben noch einiges an Farbe abzukratzen."

„Na gut.", sagte Jack und wandte sich zu seinem Truck um. „Ich bin bald zurück. Wenn du mich brauchst, kannst du mich auf dem Handy erreichen."

Ennis kicherte. "Du und dein Scheißhandy. Ich wird' in den sechzig Minuten, in denen du weg bist, wohl keinen Notfall haben."

„Vielleicht hast du ja das Bedürfnis mir zu sagen, dass du mich liebst.", grinste Jack diabolisch. „Ich kenn dich doch." Er stieg in den Truck und kurbelte das Fenster herunter. „In der Küche steht eine frische Kanne Kaffee." Er startete den Truck und fuhr los.

Ennis grinste in sich hinein. „Da beschwert er sich wieder über das „Ich liebe dich.", dachte er bei sich. „Jack, der sich ja nie beschwert." Er befolgte Jacks Rat, ging in die Küche und nahm sich etwas Kaffee. Damit setzte er sich auf die Veranda, gerade als Billy Jarrett, ihre Aushilfe, die Straße hinauf kam. „Morgen, Billy.", rief er.

„Morgen, Ennis. Ich hab Sie heute im Stall vermisst."

"Ja, ich hab mit dem Haus angefangen.", Er nickte mit dem Kopf. „Drinnen ist Kaffee. Bedien dich."

"Danke.", sagte Billy der nach drinnen ging und einen Moment später mit einer Tasse in der Hand hinaus kam. Als er sich setzte, schaute er Ennis an, der sich zurückgelehnt hatte und mit geschlossenen Augen die Frühsommer Sonne genoss. Er musste zweimal hinsehen, als ihm der Ring in Ennis' linker Brustwarze auffiel. „Ennis!", rief Billy überrascht aus.

Ennis öffnete schlagartig die Augen und setzte sich auf. „Ist was passiert?"

„Nein, nein, tut mir Leid.", sagte Billy und sah beschämt aus. „Ich wollte Sie nicht erschrecken, ähm…" Er hielt inne, schluckte und nickte in Ennis' Richtung. „Ist das da ein Piercing?"

Ennis errötete und sah Billy peinlich berührt an. „Ach Mist, ich hab vergessen, dass ich mein Shirt ausgezogen hab." Er nahm sein T-Shirt vom Boden neben sich und wollte es gerade anziehen, dann aber merkte er, was für ein verschwitzter Haufen es war und ließ es wieder fallen. Er grinste Billy erneut leicht an. „Ja, das ist ein Piercing. Was denkst du, sieht es bei einem alten Kerl wie mir albern aus?"

Billy betrachtete sich Ennis' Brust genauer und schüttelte den Kopf. „Nein, ich finde, es sieht gut aus, eigentlich sogar sehr gut."

„Denkst du wirklich?"

Billy nickte. „Ja, Ennis. Es gibt sicher nicht viele Männer in Ihrem Alter, bei denen ein Nippelpiercing gut aussehen würde, aber bei Ihnen tut es das. Ich meine, Sie haben ja auch keine Rettungsringe oder so."

„Rettungsringe?", fragte Ennis leicht befremdet.

„Ja, Sie wissen schon, diese Fettringe, die Männer kriegen, wenn sie dick sind.", sagte Billy und gestikulierte auf seiner Brust. „Bei einem Mann mit Rettungsringen würde ein Nippelpiercing saudumm aussehen aber bei Ihnen… bei Ihnen sieht es richtig heiß aus."

Ennis grinste Billy an, offensichtlich geschmeichelt, aber unsicher, was er sagen sollte, deshalb schwieg er. Sie nippten an ihrem Kaffee, dann brach Billy die Stille. „Wann haben Sie das denn machen lassen?"

„Vor ein paar Wochen. An dem Tag, wo ich beim Arzt war."

"Aus einem besonderen Grund? Oder mehr aus einem Impuls heraus?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Nein, ich hatte schon eine Weile darüber nachgedacht. Ich las ein paar Artikel, um mich schlau zu machen."

„Und kein besonderer Grund?"

„Was meinst du?"

"Naja, viele Leute lassen sich aus einem speziellen Anlass piercen, um einen Geburtstag oder einen anderen besonderen Tag zu kennzeichnen. Das hab ich zumindest gehört."

„Naja… eigentlich habe ich es gemacht, weil Jack und ich dreißig Jahre lang zusammen sind. Das ist doch ein Grund."

Billy lächelte. „Es ist ein Grund – ein besonderes Jubiläum. Ich hoffe ich hab so eins auch irgendwann." Er hielt inne. „Hat Jack auch eins?"

Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, ich hab ihn gefragt, aber er konnte sich nicht damit anfreunden, da hab ich ihn in Ruhe gelassen. Aber er mag meins trotzdem." Er warf Billy einen eindeutigen Blick zu. „Mehr sag ich dazu nicht."

Billy lachte. „Okay, ich hab verstanden. Trotzdem muss ich sagen, dass ich sowas nicht von Ihnen erwartet hätte."

„Warum?", fragte Ennis. „Weil ich ein alter Knacker bin?"

"Sorry, Ennis, ich wollte Sie nicht beleidigen."

„Schon gut, ich frag ja nur."

„Wahrscheinlich…", Billy hielt inne und dachte nach, „denke ich einfach nicht über ältere Leute und Piercings nach."

„Vielleicht hab ich es gerade deshalb gemacht.", sagte Ennis. „Um mich selbst zu überraschen. Um Jack zu überraschen. Außerdem hab ich ja keine Rettungsringe." Er zwinkerte Billy zu.

Billy lachte wieder. „Sie sollten Ihre Geschichte aufschreiben und an eine dieser Websites schicken."

„Welche Websites?"

„Waren Sie denn nicht auf dieser Homepage, Ennis? Die, auf der die Leute ihre Geschichten über Piercings oder Fotos und so aufschreiben?"

Ennis schaute dumm aus der Wäsche. „Naja, ja, vielleicht hab ich ein paar gesehen… aber woher weißt du das, Billy, du hast doch kein Piercing, zumindest keins, von dem ich weiß. Dabei rennst du doch ohne Shirt und mit wenig Bekleidung hier herum."

„Nein, ich hab keins, aber ich denke vielleicht über eins nach… Sie haben selbst gesagt, dass Sie auch lange überlegt haben."

„Ja, hab ich.", erwiderte Ennis. „Seit Weihnachten oder wann auch immer Jack damit angefangen hat, über diesen Jubiläumsmist zu reden."

Billy grinste in sich hinein. Er arbeitete lange genug auf der Lazy L, um zu wissen, dass es nicht ausschließlich Jack war, der über den „Jubiläumsmist" redete.

„Sagen Sie mal, Ennis, hat das Piercen wehgetan?"

Ennis sah Billy an. „Hat dir schon mal ein Pferd auf den Fuß getreten?", fragte er.

„Ja, schon oft.", erwiderte Billy. „Das wissen Sie doch, Sie waren ein paar Mal dabei, als das passierte."

Ennis lachte. „Wenn du das aushältst, dann hältst du auch ein Piercing aus."

„Es hat nicht wehgetan?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Vielleicht eine Sekunde lang. Aber nicht sehr. Sogar der Heilungsprozess ist nicht schlimm… man muss es nur sauber halten."

„Vielleicht sind Sie meine Inspiration, Ennis.", sagte Billy.

Ennis sah ihn an und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Das wär lustig…"

Billy sah in seine Kaffeetasse. „Möchten Sie noch etwas, Ennis?"

„Nein, aber wenn du ins Haus gehst, stell das auf die Spüle.", sagte er und gab Billy seine Tasse. „Ich muss wohl mit dem Abkratzen weitermachen."

„Wenn Sie wollen, helf' ich Ihnen.", sagte Billy und nahm die leere Tasse.

Ennis sah Billy an, der eine Jeans und ein T-Shirt trug. „Oben auf der Leiter ist es aber sehr heiß.", sagte er zweifelnd.

„Ich hab andere Klamotten in meinem Truck. Wenn Sie das bis zum vierten Juli fertig haben wollen, müssen wir uns ranhalten."

„Jap.", erwiderte Ennis. „Es muss für die Party ja schön aussehen."

"Was planen Sie denn?", fragte Billy. „Letztes Mal gab's ja Spanferkel."

„Oje, dieses blöde Schwein.", lachte Ennis. „Dieses Mal will Jack einen Chili Kochwettbewerb machen."

„Das hört sich lustig an. Ich hab da ein gutes Chilirezept." Er grinste Ennis an. „Ich bin doch eingeladen?", Er hob die Stimme, um seine Frage zu unterstreichen.

„Klar, bist du. Wir haben aber noch keine Einladungen. Jenny entwirft sie."

Billy nickte. „Ich kann nicht fassen, dass es schon das dritte Mal ist, wo ich auf Ihre Party komme."

Ennis sah ihn an. „So lange arbeitest du schon hier? Zehn Jahre?"

"Zwölf, wenn du die zwei Jahre Teilzeitarbeit mitrechnest, als ich noch auf der High School war."

„Scheiße.", sagte Ennis. „Wo ist die Zeit nur geblieben?" Er verfiel in Schweigen.

"Ähm, Ennis.", sagte Billy zögernd. „Könnte ich auf die Party jemanden mitbringen?"

Ennis sah ihn überrascht an. „Ein Date? Hast du jemanden kennen gelernt?"

Billy nickte. "Ja, ich denke schon."

„Du hast ja kein Wort gesagt, Bill. Wie lang geht das schon?"

„Ein paar Monate. Ich wollte nichts überstürzen, deshalb hab ich nichts gesagt."

"Und...?", bohrte Ennis nach.

"Also, es ist ein junger Mann, sein Name ist Scott und er lebt in Lubbock."

„Lubbock… das ist etwas weit weg für eine Beziehung."

„Ja, er geht da zur Schule. Wir telefonieren und chatten. So haben wir uns getroffen."

"Wie meinst du das?"

"Wir trafen uns am Computer... online. Durch Chatten. Hat lange gedauert, ehe wir uns persönlich kennen gelernt haben."

Ennis kicherte. „Oh, diese moderne Welt. Man trifft Leute im Internet. Ich weiß nicht, ob ich das könnte, aber ich hoffe, für dich ist es okay."

Sie schwiegen eine Weile, dann ergriff Ennis wieder das Wort- „Also, du sagst, er geht zur Schule? Was studiert er denn?"

„Bauingenieur. Er ist auf einer Schule für Fortgeschrittene."

"Sind das nicht die, die Straßen und solchen Mist bauen?"

Billy nickte. „Ja, und Tunnel und Brücken. Hey, Scott hat mir einen Ingenieurswitz erzählt, wollen Sie mal hören?"

„Klar.", sagte Ennis.

Billy atmete tief ein. „Also gut, da sind diese drei Studenten, die im Wohnheim zusammen sitzen. Und einer von ihnen sagt: „Wisst ihr, Gott muss Ingenieur gewesen sein – wie sonst hätte er den menschlichen Körper machen können? Und ich glaube er war Mechaniker." Einer seiner Freunde fragt: „Warum das denn?" und der erste antwortet: „Naja, schaut mal, wie der Körper funktioniert, all die Muskeln und Sehnen und Knochen und der ganze Mist. Nur ein Mechaniker hätte das zusammensetzen können." Da sagt der zweite: „Vielleicht, aber wenn Gott Ingenieur war, muss er Elektriker gewesen sein. Denk nur mal darüber nach, wie das Herz funktioniert und auch die Nerven – ohne Elektrizität könnten sich die Muskeln nicht zusammenziehen. Also muss er was mit Elektrik zu tun haben." Das schaut der dritte seine Freunde an. „Wirklich interessante Theorien.", sagt er. "Aber ich weiß mit Sicherheit, dass ihr falsch liegt." „Ja, gut, aber was für ein Ingenieur war Gott denn dann?", fragen seine Freunde. „Er muss ein ziviler Bauingenieur gewesen sein.", sagte der dritte. „Ich meine, wer sonst würde ein Abwasserrohr mitten in den Vergnügungspark legen?"

Billy beendete seinen Witz mit einem Grinsen und Ennis brach in schallendes Gelächter aus. „Der ist gut. Aber hast du nicht gesagt, dass dein Freund ein Bauingenieur ist?"

"Ist er. Aber er weiß, wie man über sich selbst lacht."

Ennis nickte. „Also denkst du wirklich, dass er zu einem Familientreffen kommen und mit einem Haufen Fremder herum hängen will?"

„Ich frag ihn… vielleicht nicht. Aber ich will ihm vor allem zeigen, was Sie und Jack hier haben."

„Was meinst du?"

„Sie wissen schon. Eine liebe Familie. Sie beide. Ihre Kinder. Ich sag Ihnen was, Ennis, ich bin bereit dafür, jemanden zu finden, mit dem ich mich niederlassen kann. Ich bin 28. Ich bin bereit, mein Leben voranzutreiben."

"Vielleicht musst du Texas verlassen, Bill.", sagte Ennis. „Vielleicht musst du in eine Stadt ziehen und mal andere Leute kennen lernen."

„Warum?", fragte Billy. „Ich bin nicht anders als Sie. Ein Junge vom Land. Ich hab nicht viel Interesse an Städten. Haben Sie denn viele Leute kennen gelernt?"

Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, aber ich heiratete mit 20. Und das war 1963. Das waren noch ganz andere Zeiten."

„Vielleicht waren es andere Zeiten, aber ich glaube nicht, dass sich die Leute verändert haben. Außerdem weiß ich, dass ich schwul bin. Ich werde nicht den Fehler machen zu heiraten." Er hielt inne und errötete. „Oh, sorry, ich hab heut echt ne große Klappe."

Ennis schüttelte den Kopf. „Du musst dich nicht entschuldigen, Bill. Mein Leben und Jacks Leben... das ist allgemein bekannt. Warum ich heiratete... nun, ich glaube, ich hatte keine Wahl. Wenigstens hast du die."

„Ja, die hab ich Ennis. Ich bin ein Kerl, der sehr traditionsbewusst ist und ich will ein traditionelles Leben. Ich will es bloß… mit einem Mann."

„Daran ist nichts Schlimmes.", sagte Ennis. „Das kann ich jetzt getrost sagen. Als ich in deinem Alter war, konnte ich das nicht, also sind wohl einige Dinge auf der Welt besser geworden." Er grinste Billy an. „Wenn die Sache mit Scott in einem Monat noch aktuell ist und er den vierten Juli auf einer Familienfeier verbringen möchte, bist du herzlich eingeladen, ihn mitzubringen." Er stand auf. „Gott sei Dank trage ich keine Uhr. Ich will nicht wissen, wie lange ich mit dir das Blaue vom Himmel geschwatzt habe."

Billy lachte. „Ich zieh mich rasch um. Dann helf' ich Ihnen. Jack wird erstaunt ein, wie viel wir geschafft haben."

Ennis grinste. „Jap. Ich hol dir eine Staubmaske, dann können wir anfangen. Oh – und ich muss ein sauberes Shirt holen." Er zwinkerte Billy zu. „Ich muss mein Piercing ja sauber halten, während es abheilt. Denk daran, wenn du deins machen lässt."

„Keine Sorge, Ennis.", sagte Billy und zwinkerte lächelnd. „Das mach ich."