Kapitel 11
Ein Brief aus Wyoming
Jack kam mit leisen Schritten ins Schlafzimmer, um Ennis nicht zu wecken, der auf der Seite schlief. Ein Arm hing schlaff herab, der andere lag unter dessen Ellenbogen. Jack legte sich vorsichtig ins Bett. Er wollte ihn nicht stören, doch ein Stoß seines Armes weckte ihn und ließ ihn die Augen öffnen.
„Sorry, ich wollte dich nicht wecken.", flüsterte Jack.
„Hast du nicht, ich hab nicht geschlafen."
Jack grinste in sich hinein. „Hast du nicht?"
„Hab nur meine Augen ausgeruht.", erwiderte Ennis mit schwerer Stimme.
Jack legte sich auf die Seite und platzierte sich richtig. Ennis nahm ihn in die Arme. „Du bist aber spät noch auf."
„Ich hab die Einladungen fertig gemacht. Als ich angefangen hatte, wollte ich es auch beenden."
„Wenn du willst, schick ich sie morgen für dich ab."
„Ach, du musst nur ein paar zur Post bringen, die meisten schicke ich per E-Mail."
„Per E-Mail? Für eine Party?"
"Warum nicht?", fragte Jack. "Ist ja keine Hochzeit. Jeder schickt heutzutage sein Zeug per E-Mail."
Ennis lachte leise. „Vor all den Jahren hatten wir unsere kleinen Portkarten. Nie hätten wir gedacht, dass es mal sowas wie E-Mails gibt."
Jack fuhr mit seinem Finger Ennis' Kiefer entlang, dann zu seiner Brust hinunter und rieb vorsichtig über den Nippelring. „Ich mag es.", sagte er leise.
Ennis sah ihn an. "Billy hat es heute gesehen. Er hat mich ohne Shirt erwischt."
Jack kicherte. „War's dir peinlich?"
"Nee.", erwiderte Ennis. "Ich hab mich daran gewöhnt, es ist schon ein Teil von mir." Er hielt eine Weile inne. "Billy sagt, dass es gut aussieht. Er machte einen lustigen Kommentar über Rettungsringe."
"Die hast du jedenfalls nicht, En, das ist mal sicher." Jack nahm das als Anlass, um Ennis' Brust etwas intensiver zu streicheln und rieb mit seiner Handfläche über die Haut. „Nichts außer Muskeln…"
„Umm…", machte Ennis und genoss die Berührung. „Das fühlt sich gut an." Er lehnte sich zurück und genoss die improvisierte Massage. „Apropos Billy… er trifft sich mit jemandem."
"Ach ja?", fragte Jack und hob eine Augenbraue.
Ennis nickte. „Einem Collegekerl. Hat ihn im Internet getroffen. Er fragte mich, ob er ihn zur Party mitbringen kann."
„Ist es was Ernstes?"
„Weiß nicht. Er will, dass es so ist. Er sagt, er wäre bereit sich niederzulassen." Ennis lehnte sich zurück und genoss noch einige Streicheleinheiten, während er Jack zulächelte. „Das fühlt sich echt gut an."
Jack erwiderte sein Lächeln. „Also was hast du Billy wegen der Party gesagt?"
"Ich sagte ihm, dass sein Freund, wenn der den vierten Juli auf einer Familienfeier verbringen möchte, herzlich willkommen ist." Ennis legte sich auf die Seite und zog Jack an sich. „Ich hab ihn gefragt, ob er ein gutes Chilirezept hat…" Ennis' Stimme war schwer und weich, als er dies sagte. Jack merkte, dass er wieder einschlief. Er küsste ihn sanft.
„Nacht, Babe.", flüsterte er.
Ennis antwortete nicht. Jack legte seinen Kopf an Ennis' Schulter und innerhalb weniger Minuten hatte sich seine Atmung an die seines Liebhabers angepasst. Kurze Zeit später schliefen beide tief und fest.
Ein paar Tage später kam Jack die Einfahrt hoch und hielt Post in der Hand. Ennis, noch immer auf der Leiter, hatte das Abkratzen beendet und trug gerade die erste Schickt Farbe auf. Billy saß auf der Veranda und strich sorgfältig ein Geländerteil.
„So will ich das haben.", sagte Jack. „Zwei Männer, die hart arbeiten."
Ennis schaute über seine Schulter. „Du fauler Hund, dauernd hast du eine andere Ausrede, um nicht streichen zu müssen. Was ist es diesmal? Bist du gegen den Geruch allergisch?"
Jack lachte. "Nein, ich musste die Post holen. Und jetzt drängt ihr Jungs mich sicher dazu, Essen zu kochen."
Ennis stieg die Leiter hinab und hielt Jack einen Pinsel hin. „Du kannst streichen, soviel du willst. Ich kann heut das Essen machen."
Jack schob den Pinsel zu ihm zurück. „Deinen Fraß ess' ich nicht, Del Mar.", sagte er. „Außerdem wird Billy denken, dass du ihn vergiften willst."
Billy sah von seinem Platz auf der Veranda auf. „Zieht mich da nicht mit rein." Er grinste. „Ich hab ein Lunch Paket im Truck, mein Bologna Sandwich kann ich noch alleine essen."
Jack lächelte ihm zu. „Das musst du nicht, Billy. Ich hab noch Chili übrig. Ich teste Rezepte… schließlich steht ein großer Wettkampf an."
Ennis sah ihn mit einem schwachen Grinsen an. „Du kannst nicht am Wettbewerb teilnehmen.", sagte er. „Es ist nicht richtig, wenn der Gastgeber auf seiner eigenen Party gewinnt."
„Sagt wer?", fragte Jack.
„Sage ich. Bin ich nicht in der Jury?"
„Wer hat das denn gesagt?"
„Ich. Ich werd' wohl nicht kochen, aber ich muss doch auch was auf der Party machen."
Jack sah ihn an und hatte einen beleidigten Ausdruck im Gesicht. „Wenn du in der Jury bist, bin ich entweder begünstigt oder ich hab nicht die geringste Chance."
Ennis hob die Schultern. „Deine Entscheidung, Cowboy. Ich sag dir aber, dass ich das Chili fair beurteilen werde."
„Gerade hast du aber gesagt, dass ich keine Chance habe."
Ennis schüttelte den Kopf und zwinkerte Jack zu. „Nein, Babe, das hast du gesagt. Ich sagte nur, dass der Gastgeber nicht auf seiner eigenen Party gewinnen sollte."
Jack lachte und hob die Hände. „Ennis, du redest völlig sinnloses Zeug… und ich geh jetzt Essen machen." Er wollte gerade zum Haus gehen, doch dann blieb er stehen. „Oh, ach ja, ich hab hier einen Brief für dich."
„Einen Brief?"
Jack hielt den Umschlag in Ennis' Richtung. „Ich glaub, der ist von deiner Schwester."
Ennis besah sich den Umschlag. Er erkannte die präzise Handschrift seiner Schwester und bemerkte den Stempel aus Wyoming. Er drehte ihn herum und fuhr mit dem Finger unter den Rand, während er sich die Adresse durchlas. „161 Quarry Rock Road, Casper, WY, 82615"
Ennis nahm ein einziges liniertes Blatt Papier heraus. Er ging zur Veranda herüber und setzte sich, während er das Papier entfaltete. Dann begann er zu lesen.
05. Juni, 2006
Lieber Ennis,
ich musste an dich denken und wollte dir schreiben oder dich anrufen, als eure Einladung kam. Das veranlasste mich, einen Stift zu nehmen und dir ein paar Zeilen zu schicken.
Danke für die Einladung. 30 Jahre! Wirklich kaum zu glauben. Wenn du dich noch an meine Hochzeit erinnern kannst... Lew und ich werden 2010 unseren 50sten Hochzeitstag feiern. Er redet schon über eine besondere Art zu feiern, vielleicht einen Trip nach Alaska. Ich würde ja lieber neue Aushilfen in der Küche dafür anschaffen.
Ich weiß, dass ihr uns schon vorher zu euren Partys eingeladen habt, aber wir sind nie gekommen. Ob du's glaubst oder nicht, dieses Jahr werden wir es wohl schaffen. Wir haben den RV und jetzt wo Lew Rentner ist, haben wir die Zeit, also dachten wir uns: warum eigentlich nicht? Wir haben Alma Jr.s Kinder schon getroffen aber noch nie deinen kleinen Enkel aus Massachusetts – wie ist sein Name? Evan? Wird Jenny da sein? Ich hoffe doch, für dich scheint das immerhin ein großes Familientreffen zu sein.
Wo ich gerade von Familie rede, ich möchte dir von deinem Bruder erzählen. Bei KE wurde vor ein paar Monaten Lungenkrebs diagnostiziert. Er war immer Raucher und hat nie aufgehört. Jetzt hat es ihn erwischt. Der Arzt sagt, dass man ihn nicht operieren kann, deswegen versuchen sie eine Chemotherapie und schauen, ob das hilft. Wie du dir bestimmt vorstellen kannst, sind seine Aussichten ziemlich schlecht. Die Ärzte gaben ihm weniger als ein Jahr zu leben. KE ist ein Kämpfer, das war er schon immer. Er sagt, er wird „das Ding besiegen", aber um ehrlich zu sein, habe ich keine so großen Hoffnungen. Er sieht furchtbar aus und hat einen schrecklichen Husten. Wegen dem Husten ist er auch zum Arzt gegangen – als er anfing Blut zu husten, war's das. Tut mir Leid, wenn ich so ausschweife, ich wollte nur, dass du weißt, was los ist.
Ich weiß, dass du mit deinem Bruder seit vielen Jahren kein Wort mehr gewechselt hast. Ich frage mich, ob eure Party nicht eine Chance wäre, dass ihr euch versöhnt. Was ich sagen will ist, dass er ja mit uns kommen und im RV nach Texas fahren könnte. Ich bringe ihn immer zur Chemo. Bei den Terminen, die er bekommt, sollte er in der Woche des vierten Juli frei haben. Er könnte bestimmt reisen – wenn er nicht allzu schwach ist oder Schmerzen hat. Eigentlich findet er sich aber ganz gut damit ab.
Ich weiß, dass ich wahrscheinlich mit der Tür ins Haus falle, deshalb hab ich auch einen Brief geschrieben und nicht angerufen. Vielleicht kannst du darüber nachdenken, Ennis, und wir reden dann in ein paar Tagen. Ich weiß, dass es böses Blut zwischen dir und KE gibt, aber ich möchte dir die Wahrheit sagen. Ich glaube, er möchte mit allem ins Reine kommen, jetzt, wo er merkt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Er will die Dinge mit seinen Kindern und seiner Exfrau klären. Jetzt wo ich das schreibe, bemerke ich erst, wie er sein Leben verpfuscht hat! Ich glaube, dass er auch mit dir ins Reine kommen möchte, aber er ist zu stolz, um dich selbst anzurufen. Deswegen mische ich mich ein. Vielleicht werde ich es bereuen aber ich war schon immer deine große Schwester und ich habe das Gefühl, dass es das ist, was ich tun muss.
Egal, denk darüber nach und vielleicht können wir mal telefonieren. Auch wenn du sagst, dass KE nicht willkommen ist, werden Lew und ich bestimmt im RV runter kommen, wenn das okay für dich ist.
Mit vielen, freundlichen Grüßen,
Cecilia
Ennis legte die Hände in den Schoß und lehnte sich seufzend im Stuhl zurück. Er merkte, dass Jack auf der Veranda stand und ihn ansah. Ennis hielt den Brief hoch. „Schlechte Neuigkeiten. Mein Bruder ist krank – er hat Lungenkrebs. Keine große Überraschung, wie ich finde."
Jack nickte. „Trotzdem schlechte Neuigkeiten."
Ennis hielt ihm den Brief hin. „Wenn du willst, kannst du ihn lesen."
Jack ergriff den Brief und setzte sich in den anderen Stuhl, während er rasch las. Als er fertig war, sah er zu Ennis auf. „Und?"
"Und... ich werde meine Schwester anrufen.", sagte Ennis und wollte sich erheben.
Jack legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ennis, warte. Ich denke, du solltest eine Weile darüber nachdenken… und wir sollten reden."
Ennis sah ihn an. „Worüber denn reden? Er ist hier nicht willkommen."
„Und das war's?" Jack hob die Augenbrauen.
„Komm schon, Jack. Er hat mich eine verdammte Schwuchtel genannt und zu dir noch Schlimmeres gesagt. Ich habe wirklich nicht das Bedürfnis dazu, mit ihm ins Reine zu kommen."
„Aber können wir nicht warten? Reden und später deine Schwester anrufen?"
„Warum denn, Jack? Willst du etwa, dass er zur Party kommt?"
Jack nickte.
"Warum zur Hölle interessiert dich mein Bruder?", fragte Ennis mit teils überraschter, teils wütender Stimme.
„Weil er zur Familie gehört, En. Es ist wichtig für dich – für uns. Und er stirbt bald."
Ennis sah ihn an. „Dein Vater gehörte auch zur Familie und mit ihm bist du nie ins Reine gekommen."
„Weiß ich. Und manchmal bereue ich das. Vielleicht sollten wir nicht zweimal denselben Fehler machen."
Ennis atmete tief ein und ließ die Luft dann langsam entweichen. Der Seufzer war in der Stille gut hörbar. „Okay, wir werden reden. Aber nicht mit Billy – alleine." Er nickte zu Billy hinüber, der gerade vom Stall zurückkam. Er war dort hingegangen, um zum Mittag aufzuräumen.
„Jap. Ich werde schnell das Chili aufwärmen.", sagte er und winkte Billy herbei. „Hast du Lust, am Picknicktisch zu essen? Es ist nicht so heiß, wir können draußen sitzen."
„Klar.", sagte Billy. „Kein Problem." Er schaute Ennis an, der noch immer auf seinem Stuhl hockte. "Alles klar, Ennis?"
"Ja, mir geht's gut. Ich hab bloß schlechte Neuigkeiten von Zuhause gehört. Mein Bruder hat Lungenkrebs."
"Oh, tut mir Leid, das zu hören."
„Naja, das passiert, wenn man 50 Jahre lang raucht. Deshalb habe ich aufgehört und du hast nie angefangen." Er stand auf. „Los, helfen wir Jack. Ich verhungere." Er hielt die Vordertür auf und wies Billy ins Haus. Dann besah er sich noch einmal den Umschlag, schob ihn in die Potasche seiner Shorts und ließ die Tür hinter sich zuschlagen.
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Ich hatte Langeweile, da hab ich direkt noch ein Kapitel übersetzt. Viel Spaß damit und danke für die Kommentare.
