Familiengeschichte

Die drei Männer saßen im Schatten einer großen Eiche und aßen ihr Mittagessen in dieser netten Gesellschaft. „Das ist ein echt leckeres Chili.", sagte Billy. „Darf ich noch einen Nachschlag haben?"

"Sicher doch.", antwortete Jack und schob ihm die Schüssel hin.

„Ich glaube, Sie brauchen gar keine anderen Rezepte mehr ausprobieren. Mit diesem hier könnten Sie vielleicht auch gewinnen."

Ennis grunzte. „Also für mich schmeckt das wie dasselbe Chili, das er seit dreißig Jahren macht. Wo hat er bloß diese Scheiße von wegen „neuen Rezepten" her?"

Jack stieß Ennis in die Rippen. „Sag bloß nichts gegen mein Chili!"

Ennis zwinkerte ihm zu. „Wenigstens machst du keine Spaghetti mehr dazu."

Jack hatte schon einen bösen Kommentar auf der Zunge, als sie hörten, wie drinnen das Telefon klingelte. „Entschuldigt mich.", sagte er und stand auf. „Das führen wir gleich zu Ende."

Ennis gluckste, während er zusah, wie Jack ins Haus ging und wandte sich an Billy. „Ich liebe es so, diesen Mann aufzuziehen und er hasst es wie die Pest. Aber er stellt immer das perfekte Opfer dar, dann kann ich nicht widerstehen."

„Er hat keine Geschwister, oder?"

Ennis nickte.

„Deswegen hasst er es so – er ist nicht daran gewöhnt. Als Kind wurde er nie geärgert."

„Sicher nicht. Ich war immer arm dran. Ich hatte eine ältere Schwester und einen Bruder, die auf mir rumhackten."

„Und ich hatte Glück. Ich bin der Älteste und weiß wie man austeilt.", sagte Billy.

Ennis lachte. „Und du hast?"

"Zwei Schwestern und einen kleinen Bruder. Er ist noch auf der Highschool und macht nächstes Jahr seinen Abschluss."

„Ach ja. Dein Bruder arbeitet auf dem Agway, oder?"

Billy nickte. "Ja, das ist er." Er hielt kurz inne und fuhr dann fort. „Ennis, Sie haben eben über Ihren Bruder und seinen Krebs gesprochen… das tut mir ehrlich Leid, aber ich bin doch auch überrascht. Sie haben Ihren Bruder nie erwähnt, ich wusste gar nicht, dass Sie einen haben."

„Wahrscheinlich deshalb, weil ich nicht das Gefühl habe, ich hätte einen, Billy. Wir haben seit 25… nein 26 Jahren nicht miteinander geredet. Lass mich kurz nachdenken… November 1980 haben wir uns zerstritten."

"Sorry Ennis, ich wollte nicht von solch blöden Themen anfangen."

„Schon gut, Billy, du wusstest es ja nicht." Er hielt kurz inne. „Ich werde dir nicht alles genau erzählen, denn ich möchte an diese Erinnerung lieber nicht denken. Aber lass es mich so sagen, es war bei einem Familienfest und mein Bruder hat mich und Jack übel beleidigt. Er ist gegangen und wir haben nie mehr miteinander gesprochen."

„Gegangen?"

„Ja, er ist aus dem Haus gegangen. Er ist vom Fest und aus meinem Leben verschwunden."

Billy musterte Ennis. „Es ist schwer in der Familie, nicht wahr? Ich meine, schwul zu sein. Meine Mama weiß es, aber mein Daddy nicht."

„Wenn es deine Mama weiß, dann weiß es dein Daddy sicher auch. Aber du hast Recht, es ist schwer in der Familie. Wie sagt man noch so schön? Du kannst dir deine Freunde aussuchen aber die Familie nicht. Ist doch wahr oder?"

Die Vordertür schlug zu und beide wandten sich um. Sie sahen zu, wie Jack wieder zum Picknicktisch kam.

„Also.", begann Jack. „Das war Bobby am Telefon. Seine Mutter lässt nicht locker, sie versucht eine Einladung für die Party zu kriegen."

„Lureen?"

Jack nickte. „Jap."

"Jesus Christus.", sagte Ennis. "Wer kommt als nächstes? Alma?"

Jack kicherte. "Vielleicht. Hast du ihre E-Mail Adresse? Ich könnte ihr eine Einladung schicken."

Ennis stand auf und sammelte das dreckige Geschirr vom Tisch. „Das ist nicht mal als Scherz lustig, Jack. Auch ohne sie gibt es genug Unruhe."

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Ennis lag im Dunkeln und zwang sich dazu, nicht schon wieder auf die Uhr zu sehen. Seit einer Stunde schon waren die digitalen Zahlen vorwärts gerückt: 1.33. 1.37, 1.39…

„Verdammt, Cecilia…", dachte er bei sich. „warum fängst du nur von KE an? Warum willst du, dass wir uns aussprechen? Das ist doch lange vorbei…"

Seine Gedanken reisten zurück in den Herbst 1980, zum verhängnisvollen Familienfest. Wie sehr er auch über die Jahre hinweg versucht hatte, diese Erinnerung auszublenden, war sie noch immer da, so lebendig und frisch, als sei es gerade mal zwei Wochen her.

Er und Jack waren Jagen gewesen. Sie hatten sich eine Hütte in den Owl Creek Mountains gemietet – eigentlich gar nicht weit weg von Don Wroes Hütte. Es war eine gute Woche für die Jagd gewesen, jeden Morgen lag eine Spur frischen Schnees, der es leicht machte, die Rehfährten zu verfolgen. Dennoch hatten sie nichts gefangen, wenn Ennis auch ein paar gute Schüsse abgegeben hatte. Tatsächlich war das Erlegen eines Rehs oder Hirsches zur Nebensache geworden – wichtiger war, dass sie zusammen eine ruhige Woche verbrachten, in der sie etwas tun konnten, was beide gerne taten und in der sie dem Stress des Farmalltags entflohen.

Freitagmorgen hatten sie die Hütte abgeschlossen und waren nach Riverton gefahren. An diesem Abend hatten sie Junior und Jenny zu einer Pizza ausgeführt und waren Bowlen gegangen, dann hatten sie die Nacht im Holiday Inn verbracht. Sie hatten darüber nachgedacht, der guten alten Zeiten wegen im Siesta zu schlafen, doch dann waren sie darüber eingekommen, dass sie das lieber als Erinnerung behalten und nicht wieder erleben wollten – zusammen mit der furchtbaren schäbigen Matratze.

Samstagmorgen hatten sie Junior und Jenny früh abgeholt und waren in einer beachtlichen Zeit die 125 Meilen Strecke nach Casper gefahren. Cecilia hatte ihnen ein verfrühtes Thanksgiving Essen angeboten und die ganze Familie eingeladen. Für Jack war das das erste Mal, dass er alle kennen lernte. Ennis seufzte, als er sich daran erinnerte. Cecilia hatte ihn beruhigt. "Alles wird gut werden. Du bist schon seit vier Jahren mit Jack zusammen. Die Familie weiß das und niemanden interessiert es. Oder wenn doch, dann sagen sie es nicht." Wie naiv sie doch gewesen war, wenn man es aus heutiger Sicht betrachtete.

Ennis erinnerte sich an den Tisch, die Platte mit Truthahn und die Schüsseln mit Gemüse. Cecilia hatte Zwiebelcremesuppe gemacht nach dem alten Rezept ihrer Mutter und Ennis erkannte, dass er sie seit wahrscheinlich dreißig Jahren so nicht mehr gegessen hatte. Er stellte sich vor, wie sie alle am Tisch gesessen hatten, seine Nichten und Neffen, KE und seine Frau, und Cecilia und ihr Mann Lewis ganz am Ende der langen Tafel. „Da hatten wir noch keine Enkel.", erinnerte sich Ennis, obwohl er sich entsann, dass seine Nichte Judith mit ihrem Verlobten dort gewesen war.

Das Essen war serviert worden. Ennis erinnerte sich, dass er gerade seine Gabel in die Hand nehmen wollte, als Lewis sagte: „Lasst uns ein kurzes Gebet sprechen und Gott danken, dass wir heute hier alle versammelt sind." Sie hatten alle ihre Köpfe geneigt und beim „Amen" hatte Ennis aufgesehen. Sein Bruder hatte ihn direkt angestarrt. Er wusste, dass er diesen Ausdruck voller Hass nie vergessen würde.

KE sprach mit leiser, bösartiger Stimme. „Es gibt etwas, für dass ich nicht dankbar bin. Ich bin nicht dankbar, dass Gott meinen Bruder zu einer verdammten Schwuchtel gemacht hat." Ennis erinnerte sich daran, dass alle in geschocktem Schweigen gesessen hatten und ehe jemand etwas erwidern konnte, war KE fortgefahren: „Du bist eine Schwuchtel und du hast vielleicht Nerven, dass du deinen blöden Schwanzlutscher-Freund mit zu einer Familienfeier bringst."

Selbst in dem dunklen Zimmer, warm und sicher in seinem eigenen Bett, hunderte Meilen und dutzende Jahre von dieser Konfrontation am Tisch seiner Schwester entfernt, spürte Ennis noch immer die Scham und Schmach, die er gefühlt hatte, als diese Worte aus dem Mund seines Bruders gekommen und in die Luft entwischen waren, die die gesamte Del Mar Familie umgab.

Ennis erinnerte sich auch an seine Reaktion: instinktiv und durch jahrelange Übung hatte sich seine Faust geballt. Er war bereit, aufzuspringen und seinen Bruder am Kragen zu packen, was das Ende vom Essen und vom Tisch gewesen wäre, doch Jenny, die neben ihrem Vater saß, hatte ihm leicht eine Hand auf die Schulter gelegt. „Hör nicht auf ihn, Daddy, er ist dumm." Ennis bekam einen dicken Kloß im Hals, als er daran dachte. „Meine schlaue, kleine Jenny, mein kleiner Engel, sie hatte schon immer einige Überraschungen für mich parat."

Während Jenny nur versucht hatte, Ennis von einer Konfrontation abzubringen, war genau das ein rotes Tuch für KE. „Seht ihr!", hatte er gerufen. „Er steckt auch seine Kinder mit seinem tuntigen Verhalten an!"

Ennis rollte sich auf die Seite und fuhr mit seiner Hand Jacks Arm und seine Hüfte hinab. In dem starken Mann, der neben ihm lag, fand er ebenfalls Stärke und Trost. In Gedanken ging er den Rest des Festes durch. Lewis war aufgestanden und hatte KE aus dem Haus beordert, KEs Frau hatte sich geweigert zu gehen, Cecilia hatte sein Geschirr abgeräumt und die Familie war zusammengerückt, als sei er nie da gewesen. Der Rest des Essens war angenehm verlaufen, Jack hatte seine beschwichtigende Seite gezeigt und alle nach dem furchtbaren Anfang wieder beruhigt.

Ennis seufzte wieder und legte sich auf den Rücken. Jack schmiegte sich an ihn. „Willst du dich weiter herumwälzen oder willst du drüber reden?"

„Sorry, Jack, hab ich dich geweckt?"

„Ennis, so wie du hier herumzappelst, hättest du den Tod persönlich wecken können. Komm schon, du grübelst doch über deinen Bruder nach, lass uns reden." Er griff über Ennis hinweg nach dem Lichtschalter auf dem Nachttisch und schaltete das Licht ein. Dann stützte er sich auf einen Ellenbogen und sah Ennis ins Gesicht. „Also… rede."

„Was soll ich denn sagen, Jack? Er ist hier nicht willkommen."

„Warum nicht?"

„Weil er mich beleidigt hat. Weil er dich beleidigt hat. Und er hat es vor der ganzen Familie getan."

„Ennis, ich möchte dich etwas fragen. Dein Bruder hat uns zwar beleidigt, aber wer hat am Ende verloren?"

Ennis sah verwirrt aus. „Wie meinst du das?"

"Ich meine diesen Tag. Wer hat am Ende nicht mit der Familie gegessen? Wer wurde von seiner Frau geschieden? Wer lebt nun ein unglückliches und einsames Leben?"

Ennis antwortete nicht, da die Antwort sowieso eindeutig war.

Jack sah ihn an. „Dies ist unser Zuhause. Wir haben ein gemeinsames Leben, ein Geschäft, wir haben Familie und Kinder, Enkel und Freunde. Und was hat dein Bruder? Nichts, wenn man dem Brief deiner Schwester Glauben schenkt. Und jetzt kommt er auch noch in den zweifelhaften Genuss, an einer schrecklichen Krankheit zu sterben. Wenn du mich fragst, Ennis, hat er seine Beleidigungen zu Genüge wieder bekommen."

„Also willst du sagen…?"

„Ich will sagen, dass es sich anhört, als hätte er nur noch ein paar Monate zu leben und als hätte er verstanden, wie sehr er sein Leben versaut hat. Ennis, wir haben so viel Freude hier, ich finde, wir könnten einen Teil davon mit deinem Bruder teilen."

„Aber ich will nicht, dass er herkommt und uns beleidigt."

„Und das werden wir ihm auch sagen. Ich denke, dass es nur fair ist, wenn wir sagen: wenn du herkommst und unsere Gastfreundlichkeit in Anspruch nimmst, dann behandle uns mit dem nötigen Respekt! Wenn du immer noch ein Problem damit hast, dass wir schwul sind, dann bleib, wo du bist! Aber wenn du unser Leben, unsere Familie und unser Zuhause akzeptieren kannst, bist du herzlich eingeladen, uns zu besuchen und mit uns unser gemeinsames Leben zu feiern."

„Glaubst du, er kann sich zusammenreißen?"

„Ennis, das weiß ich nicht. Ich habe deinen Bruder nur einmal für fünf Minuten getroffen und seither nie mehr, ich weiß weder wer er ist, noch wie er sich verhalten wird. Aber ich mag den Gedanken, dass er ein paar Familieneigenschaften mit dir teilt und kein komplettes Arschloch ist."

Ennis lachte leise. „Nein, vielleicht ist er kein Arschloch, er hat nur die Rich und Earl Lektion mit mir gemeinsam gelernt."

„Es ist verdammt schwer, diese Lektion zu lernen, aber noch schwerer, sie wieder zu vergessen, Ennis. Sieh mal, was du durchmachen musstest. Aber ich glaube nun mal, dass die Leute nicht von Grund auf schlecht sind und würde deinem Bruder gern eine zweite Chance geben."

„Warum denn, Jack? Du hast schon Recht gehabt, du kennst ihn nicht mal."

"Aber Ennis, es ist so, wie ich schon heute Mittag sagte. Ich habe diesen Fehler mit meinem Vater gemacht, vielleicht ist dies meine Chance, diesen Fehler nicht zu wiederholen."

Ennis seufzte. „Dann ruf ich meine Schwester Morgen an. Aber Jack, ich sage nicht einfach so zu. Sie muss verstehen, dass ich nichts von seiner Scheiße ertragen werde, und wenn er denkt, dass er mit uns die Sau machen kann, hat er sich vertan!"

„Das ist nur fair, Ennis. Jetzt komm, lass uns schlafen, lass es mal sacken, aber ja, ruf deine Schwester an. Du kannst es ihr sagen, mach ihr klar, was du denkst."

„Sie hat sich schon mal vertan…"

„Ennis, ich weiß, wie du dich fühlst, ich verstehe das. Ich will nur sagen, dass wir vielleicht einfach in dieser blöden Situation die guten Jungs sein können… das sind wir nämlich."

Ennis musterte Jack. „Seit wann bist du so clever?", fragte er.

„Ich bin nicht clever, Ennis, ich bin nur reifer geworden."

„Und wann wurdest du reifer?"

„Wann? An dem Tag, an dem ich mich entschloss, mich nicht selber zu töten, sondern ein Leben mit dir zu führen."

Ennis sah Jack an und fühlte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Dieses Gefühlschaos – der Brief und seine Gedanken – hatte sich den ganzen Tag über aufgestaut. Jack fuhr mit einem Finger Ennis' Wange hinab, dann zog er ihn nahe an sich. „Lass mich dich heute in den Schlaf wiegen.", sagte er sanft. „Heute bin ich mal der, der umarmt." Er griff zum Nachttisch hinüber und löschte das Licht, dann legte er sich hin und zog mit seiner Hand Kreise auf Ennis' Rücken. „Schlaf jetzt.", sagte er leise. „Es wird genauso gehen, wie du dir das denkst."

Ennis bettete seinen Kopf in die Kuhle an Jacks Schulter und entspannte sich. Er lauschte Jacks Herzschlag und seiner Atmung, ehe er, endlich, selbst einschlief.