Kapitel 13

Eine Unterhaltung im Auto

Cecilia Del Mar Underwood parkte ihren Ford Escort in der Einfahrt neben dem kleinen Bungalow ihres Bruders. Sie betrachtete den Rasen und das schmale Blumenbeet, beides sah schäbig und vernachlässigt aus. „Vielleicht können Jason oder Andrew mal rüberkommen.", dachte sie bei sich und zog ihre beiden Enkel im Teenageralter in Betracht. KEs Kinder lebten nicht in Casper, also konnte sie von diesen keine Hilfe erwarten.

Sie nahm einen Teller, der mit Frischhaltefolie umwickelt war vom Beifahrersitz, stieg aus dem Wagen und ging den Pfad zum Haus hinauf. „KE, hier ist Cecilia!", rief sie, als sie die Vordertür aufdrückte.

KE schlief auf dem Sessel im Wohnzimmer, ein offenes Magazin lag quer über seinen Knien. Seine Augenlider flatterten, als er sah, wie seine Schwester ins Haus trat. „Oh… hi… ich hab wohl gedöst. Ich bin heute so müde…"

Cecilia musterte ihn. "Hast du zu Mittag gegessen?"

„Ich hatte einen Teller Suppe."

„Das ist alles? Du verlierst an Gewicht, KE, du musst was essen."

"Ich hatte keinen großen Appetit, Suppe war das Einzige was ich runter bekommen hab. Außerdem hab ich dazu einen Kraftdrink getrunken."

Sie nickte und wies auf den Teller in ihrer Hand. „Gut. Dann ist das hier für dein Abendessen, du kannst es in der Mikrowelle aufwärmen." Sie ging in die Küche und stellte den Teller in den Kühlschrank, als ihr die restliche Suppe in einem Topf auf dem Herd auffiel. Sie seufzte und suchte nach einem Plastikbehälter im Schrank. Die Suppe füllte sie dort hinein, dann wusch sie rasch den Topf und den Suppenteller ab, die in der Spüle standen. Zurück im Wohnzimmer, musterte sie KE, der nun aufgestanden war, „Bist du fertig?"

„Jap, ich hol nur noch meinen Sweater."

„Ich glaube nicht, dass du den brauchst, heute ist es warm draußen."

KE schüttelte den Kopf. „Nein, mir ist immer kalt, ich brauche ihn."

Cecilia sah zu, wie ihr Bruder den Sweater aus einem Schrank im Flur nahm. Seine Haut war grau und seine Schultern eingefallen. Sie erinnerte sich daran, wie er ausgesehen hatte, als er noch jünger war – so hübsch, genauso wie Ennis, wenn nicht noch hübscher. Sein Haar war dicht und braun gewesen, er war groß und schlank, wie alle Del Mar Männer. Jetzt schien er geschrumpft zu sein und sein Haar war grau – graue Haare, graue Haut. Nur seine dunklen Augen erinnerten noch an den Mann, der er einst gewesen war.

Sie gingen gemeinsam zum Auto, KE setzte sich auf den Beifahrersitz. Er starrte aus dem Fenster und sah zu, wie sie an den Häusern vorbeifuhren. Er sagte kein Wort und schien in seiner eigenen Welt zu sein.

„Ich hab heute mit Ennis gesprochen.", brach Cecilia das Schweigen.

KE wandte sich um. „Was?"

"Ich sagte, ich hab heute mit Ennis gesprochen. Er hat gegen Mittag angerufen."

„Warum? Stimmt was nicht? Ist er auch krank?"

"Nein, ihm geht's gut.", sagte sie. „Er sagte sogar, dass er vor ein paar Wochen beim Arzt war und dass ihm nicht das Geringste fehlt. Sogar sein Blutdruck ist in Ordnung."

„Achso, du willst mir mein Pech unter die Nase reiben, ja?"

Cecilia sah KE scharf an. „Nein, du hast gefragt und ich habe geantwortet, reg dich nicht so auf."

„Sorry, also warum hat er angerufen, wenn er nicht krank ist?"

„Naja, du weißt doch von der Party, die er und Jack alle fünf Jahre feiern – die findet in ein paar Wochen statt. Und sie haben Lewis und mich eingeladen."

„Geht ihr hin?"

„Wir denken darüber nach. Wir könnten den RV nehmen."

KE gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Grunzen und einem "Hmmmphf" lag.

„Ennis rief an, weil ich ihm einen Brief geschrieben habe… ich fragte, ob du auch zur Party mitkommen kannst."

KE wandte sich zu ihr um. „Ich glaube nicht, dass er mich sehen will."

„Nun, KE, ich dachte mir, vielleicht ist das anders, jetzt wo du krank bist. Ich weiß, dass du mit deinen Kindern ins Reine kommen willst, da dachte dich, dass das vielleicht auch für deinen Bruder gilt."

Er hob die Schultern aber antwortete nicht. Eine Weile fuhren sie schweigend, dann erhob Cecilia wieder das Wort. „Ennis sagt, wenn du willst, kannst du mitkommen."

„Was ist mit meiner Chemo?", fragte KE.

„Du wirst Anfang Juli mit deinem Rhythmus pausieren. Ich denke, du könntest fahren, wenn du dich gut fühlst."

KE sah aus dem Fenster. „Ich bin nicht sicher, ob ich den vierten Juli bei meinem Bruder und seinem Schwuchtel-Freund verbringen will.", sagte er leise.

Cecilia hielt an einer roten Ampel, wandte sich um und sah ihren Bruder böse an. „Bitte, rede mit mir nicht in dieser Sprache. Du kannst sagen, dass er schwul ist. Und nach dreißig Jahren, denke ich, dass Jack mehr als sein "Freund" ist."

KE gab einen weiteren grunzenden Laut von sich. „Wie nennt Ennis ihn denn?"

„Seinen Partner, wenn du's wissen willst. Den Ausdruck gebraucht er, wenn er mit mir redet."

Die Ampel sprang auf grün und Cecilia gab sanft Gas.

„Warum gibt er überhaupt am vierten Juli seine Party? Es ist nicht sein Geburtstag, was ist so besonderes an dem Tag?"

„Er und Jack feiern ihr Jubiläum."

„Jubiläum von was?"

„Von ihrer Partnerschaft. Eigentlich sagte Ennis sogar, dass sie an dem Tag heirateten."

Ein drittes Mal grunzte KE. „Kerle können nicht heiraten. Das ist unnatürlich, mehr nicht. Wenn ich dran denke, wird mir schlecht."

Cecilia fuhr in eine Parklücke vor der Krebsklinik, stoppte den Wagen und drehte den Schlüssel. Dann sah sie ihren Bruder an. „Vielleicht hatte ich Unrecht. Vielleicht hätte ich Ennis nicht fragen sollen, ob du mit zur Party kommen kannst."

„Vielleicht nicht… oder du hättest mich erst fragen sollen."

„Nun.", sagte sie. „Ich dachte, du wärst an dem Punkt deines Lebens angelangt, wo du bereit bist, zu vergeben und vergessen."

„Ich weiß nicht, ob ich vergessen kann, dass mein Bruder eine Schwuch…" KE hielt inne. „Ich meine, dass er schwul ist."

"Und wo genau liegt das Problem dabei?", fragte sie und ihre Stimme klang erregt.

„Er hat Sex mit einem anderen Mann. Das ist nicht natürlich."

Cecilia schüttelte den Kopf. „Ich denke, du verhältst dich vollkommen lächerlich. Ich vermute, dass 99 Prozent seines Lebens genauso sind wie deines – oder meines wenigstens. Er steht morgens auf, arbeitet den ganzen Tag und isst drei Mahlzeiten. Er telefoniert mit seinen Kindern und Enkeln, schaut Fernsehen, trifft sich mit Freunden, vielleicht spielt er ja auch Karten. Und am Ende des Tages, ja, dann geht er zu Bett mit einem Mann an seiner Seite, aber was macht das für einen Unterschied? Was die beiden im Bett machen, geht uns nichts an. Außerdem ist es schon eine sehr lange Zeit lang ein und derselbe Mann. Du kannst nicht sagen, dass Ennis ein unrühmliches Leben führt." Sie hielt kurz inne und fuhr dann fort. „Wenn er einer dieser Männer wäre, die sich Kleider anziehen und Perücken… naja, dann hättest du vielleicht etwas, worüber du meckern kannst. Aber KE, Fakt ist, dass Ennis derselbe Mann ist, den ich mein Leben lang gekannt habe. Dass er schwul ist, hat ihn nicht verändert, wenn du die Wahrheit hören willst. Wenigstens sehe ich das so."

„Also hast du echt kein Problem damit?", fragte KE.

„Nein."

„Und du willst echt, dass ich mich mit ihm versöhne?"

„Es ist mir egal, ob du dich mit ihm versöhnst oder nicht. Ich wollte dir nur die Möglichkeit dazu geben. Und weil man sowas nicht am Telefon klären kann, dachte ich, die Party wäre eine gute Gelegenheit, dass ihr euch persönlich trefft. Und vielleicht triffst du dann auch deine Nichten und ihre Familien. Die hast du noch nie gesehen."

KE sah aus dem Fenster, dann auf die Uhr am Armaturenbrett. „Wann hab ich den Termin? Werden wir zu spät kommen?"

Cecilia schüttelte den Kopf. „Nein, wir sind früh dran, du hast noch 15 Minuten."

KE atmete tief ein. "Was hat Ennis gesagt? Hat er ehrlich gesagt, dass ich willkommen bin?"

„Er sagte, du bist willkommen, wenn du ihn und Jack mit dem Respekt behandelst, der ihnen in ihrem Zuhause zusteht. Um es in seinen Worten auszudrücken, er wird nicht zulassen, dass du „die Sau" mit ihnen machst. Wenn du das vorhättest, könntest du bleiben, wo du bist. Aber wenn du eine bessere Einstellung hättest, könntest du gerne kommen."

„Nun, ich muss darüber nachdenken. Du hast mich ja fast überfallen damit."

„Ich dachte mir, dass du das willst. Außerdem haben wir noch ein paar Wochen Zeit."

KE nickte und öffnete die Tür. „Gehen wir. Es ist Zeit, wieder etwas Gift in meine Venen spritzen zu lassen."

Cecilia ging gemeinsam mit ihrem Bruder zum Gebäude hinüber, dann blieb sie stehen und sah ihn an. „Ich hätte so gerne ein Foto von uns dreien. Wir haben kein einziges, auf dem alle drauf sind – auch keins aus alten Zeiten."

„Ich seh nicht mehr gut aus. Ich bin alt und krank."

„Weiß ich, aber du bist immer noch mein Bruder. Und Ennis' Bruder. Ich würde uns drei gerne vereint sehen."

"Ich werde darüber nachdenken."