Kapitel 15
Beim Baden gestört
Jack öffnete das Badezimmer-Schränkchen. „Ich wusste, dass wir hier noch ein paar Kerzen haben.", sagte er und nahm ein Teelicht auf einem kleinen Untersetzer hinaus.
„Wir haben tausend verdammte Kerzen da drin und das weißt du auch genau.", sagte Ennis mit sanfter Stimme.
„Man muss ja vorbereitet sein.", erwiderte Jack. „Man weiß ja nie, was die Stimmung verlangt." Er ging durch den Raum und verteilte Kerzen auf der Fensterbank, dem Spülkasten der Toilette und auf dem Rand der Badewanne. Gleichzeitig zündete er sie an. Ennis ließ das Wasser in die Wanne laufen und testete die Temperatur mit seinem Finger.
„Mach's nicht zu heiß.", sagte Jack.
„Es muss aber heiß sein, die Düsen kühlen es sonst so schnell ab."
„Du mochtest es immer schon heißer als ich."
Ennis lachte. „Das ist deshalb so, weil ich in meiner Kindheit immer kalt baden musste. Für das letzte Kind in der Reihe gab es nie genug heißes Wasser."
Er setzte sich auf und begann, sein Hemd aufzuknöpfen, doch Jack näherte sich ihm und nahm seine Hand weg. „Komm her, du hinreißendes Ding, lass mich das tun."
„Du hinreißendes Ding??" Ennis musste lachen.
„Ich bin irgendwie komisch drauf.", erwiderte Jack und zwinkerte grinsend.
„Wenn du jetzt schon komisch drauf bist, wie wirst du dann nach ein paar Gläsern Champagner sein?"
„Geil.", sagte Jack ohne zu zögern.
„Das geht in Ordnung.", sagte Ennis und ließ zu, dass Jack ihm das Hemd von den Schultern schob. Er griff nach dem Reißverschluss von Jacks Poloshirt, zog ihn herunter und warf das Shirt quer durch den Raum in den Wäschekorb. Sie zogen einander rasch aus, dann setzte sich Ennis auf den Badewannenrand, drehte den Metalldraht der Champagnerflasche auf und ließ den Korken knallen, während er die Flasche gut festhielt. Er goss zwei Becher ein, reichte einen davon Jack und stieß mit ihm an.
„Auf unser Jubiläum.", sagte er.
Jack grinste. „Und auf die Hochzeit." Er besah sich den Becher, ehe er einen Schluck nahm. „Plastik hört sich ja nicht so schön an wie Glas.", sagte er.
„Ja, aber diese Lektion mussten wir auf die harte Tour lernen. Kein Glas in der Badewanne." Ennis drehte sich um und stellte einen Fuß ins Wasser, dann glitt er in die Wanne.
Jack rutschte neben ihn und atmete scharf ein. „Mann, ist das heiß."
"Jetzt stell dich nicht so an! Willst du Bläschen oder die Düsen?"
„Bläschen, denke ich."
Ennis nickte und stellte den Schalter ein. Das heiße Wasser begann zu sprudeln. Jack rutschte zwischen Ennis' Beine, dann nahm er seinen Champagnerbecher und trank einen Schluck. „Also, das nenne ich mal feiern.", sagte er und verrenkte seinen Hals, um Ennis anlächeln zu können.
Ennis nickte, erwiderte sein Lächeln und nippte an seinem Champagner. „Das ist das Leben.", sagte er. „Viel besser kann's nicht werden."
„Sicher nicht."
Sie lehnten sich in der Wanne zurück und Jack legte seinen Kopf auf Ennis' Schulter. Sie lauschten dem sprudelnden Wasser und sahen zu, wie die flackernden Kerzen Schatten an die Wand warfen. Nach ein paar Minuten nahm Ennis die Champagnerflasche und fragte: „Willst du noch was?"
„Klar.", sagte Jack und hob seinen Becher.
Ennis goss ihm nach, dann sah er auf das Etikett. „Der ist nicht schlecht, hat einen intensiveren Geschmack als das andere Zeug, das wir hatten."
„Das sollte er auch. Es ist echter Champagner."
"Was meinst du mit echtem Champagner? Haben wir etwa all die Jahre gefakten Champagner getrunken?"
„Wenn man es genau nimmt, dann ja. Echter Champagner kommt aus einer Region in Frankreich die Champagne heißt."
„Hm.", sagte Ennis. "Das hab ich ja noch nie gehört." Er nahm noch einen Schluck. „Und wie viel kostet echter Champagner aus Frankreich?"
„Das willst du nicht wissen."
Ennis stieß Jack in die Rippen. "Komm, sag schon."
"60 Mücken die Flasche."
"Willst du mich verarschen?!"
"Nein, du hast gefragt, ich hab geantwortet."
„Ich kann nicht glauben, dass du 60 Mücken für eine Flasche Champagner ausgegeben hast. Und ich kann nicht glauben, dass ich ihn trinke. Was hast du dir nur gedacht, Jack?"
„Ich dachte, dass wir was zu feiern haben würden und dass wir da auch mal echten Champagner probieren könnten."
„Gottverdammt!", erwiderte Ennis. „Sechzig Mücken für eine Flasche von sprudelndem Mist. Das kann ich kaum fassen."
„Glaub's ruhig. Und genieße ihn."
Ennis kicherte. Sie saßen zusammen im heißen Wasser, liebkosten sich sanft und genossen den teuren Wein. Sie redeten nicht, sondern kosteten nur die angenehme Vertrautheit aus, die ihr gemeinsames Leben geschaffen hatte. Nach einigen Minuten stellte Jack seinen Becher ab, drehte sich um und näherte sein Gesicht an Ennis an. „Gib mir einen Kuss."
Ennis lachte und stellte seinen Becher neben den von Jack. „Du willst einen Kuss?", fragte er leise und neckisch.
Jack nickte und Ennis legte seine beiden Hände um Jacks Gesicht. Er zog ihn an sich, beugte sich hinab und knabberte sanft an Jacks Unterlippe, dann drückte er seinen Mund ganz auf Jacks und ihre Zungen erkundeten den Zwischenraum.
„Oh.", sagte Jack, als sie sich voneinander lösten. „Du warst schon immer ein guter Küsser."
„Ein guter Küsser?", fragte Ennis und hob seine Augenbrauen.
Jack nickte. „Schon seit dem ersten Mal, wo du mich geküsst hast… das war zwar nicht in der ersten Nacht, aber in der zweiten, die wir da in diesem Zelt verbrachten... du hast so eine Art, mein Gesicht festzuhalten…"
„Ich hab ja keinen Kussunterricht genommen… ich hab's einfach gemacht."
Jack lachte. „Wir wissen vielleicht alles über's Vögeln, weil wir das mit der Zeit gelernt haben, aber in Sachen Küssen bist du ein Naturtalent."
„Naja, wenn das so ist, gib mir noch einen."
Und so schritt der Abend voran. Sie tranken Champagner, küssten und streichelten sich, während sie albernes Zeug redeten. Als das Wasser kühler wurde, ließen sie es ab und tauschten es gegen heißes aus. Als die Bläschen nachließen, tauchten sie unter Wasser und shampoonierten sich gegenseitig das Haar ein. Dann, als das Wasser zum zweiten Mal kalt wurde, musterte Jack seine Hand, bewunderte zuerst den Ring, den er trug, dann aber fielen ihm seine Fingerkuppen ins Auge. „Ich denke, wir sollten rausgehen. Ich verwandle mich in eine Rosine."
"Okay.", sagte Ennis. "Bereit für Runde zwei?"
Jack nickte.
„Und willst du immer noch, dass ich dich fessele?"
„Ich will alles machen, was du mit mir machen willst."
Ennis grinste wieder, zog den Stöpsel mit seinen Zehen hinaus, dann stellte er sich hin und stieg aus der Wanne. Er reichte Jack ein Handtuch vom Haken, der an der Badezimmertür angebracht war, dann wickelte er sich selbst in das zweite, das dort hing. Er ging zum Fenster, um die Kerzen auf der Fensterbank auszublasen, dann aber hielt er inne und sah durch das Fensterglas auf den Hof hinab.
„Jack.", sagte er. „Da steht Billys Truck unten beim Stall."
"Was?"
"Billys Truck... der stand eben noch nicht da, oder?"
Jack schüttelte den Kopf.
„Ist ja komisch… zu dieser Zeit am Samstagabend? Was macht er hier?"
„Weiß nicht.", sagte Jack. „Denkst du, wir sollten nachsehen?"
"Ja.", erwiderte Ennis, nahm sein Handtuch ab und langte nach seiner Jeans, die auf dem Boden lag. „Ich geh runter, bleib du hier."
Jack nickte. Ennis warf das Handtuch auf einen Stuhl und nahm sein Hemd, welches er zuknöpfte, während er den Raum verließ. Jack blies die restlichen Kerzen aus, dann ging er ans Fenster und sah zu, wie Ennis aus der Vordertür trat, das Gras überquerte und zum Stall hinunter ging.
„Da stimmt was nicht.", dachte er bei sich. Er hängte sein Handtuch an den Haken zurück und zog schnell seine alten Klamotten wieder an.
