Kapitel 19

Karotten

Chrissie stand im Durchgang des Stalles und wartete, bis ihre Augen sich von der hellen Sonne draußen auf das Dämmerlicht hier drinnen umgestellt hatten. Sie seufzte in sich hinein. „Pferde.", dachte sie. "Will ich hier wirklich die nächsten zwei Wochen bleiben?"

Sie ging einen Schritt nach vorne und wurde von einem wiehernden Laut überrascht. Ein großes braunes Pferd sah über die Tür seiner Box. „Hallo Junge.", sagte sie sanft und ging zu ihm, um seine Nüstern zu streicheln. Er schnaubte, als sie ihn berührte, sodass sie einen Schritt zurück machte. Dann aber trat sie wieder heran. Sie erinnerte sich an den Sack in ihrer Hand. „Willst du vielleicht eine Karotte?"

Chrissie nahm eine heraus und brach sie in drei Teile, welche sie auf ihre Handfläche legte. Sie hielt sie dem Pferd hin, wobei sie ein wenig zitterte. „Nicht beißen.", sagte sie und besah sich die großen gelben Zähne, die gebleckt wurden, als ihre Hand näher kam. „Oje…", murmelte sie und zog ihre Hand zurück, voller Angst, in den nächsten Momenten einen Finger oder zwei zu verlieren. Sie versuchte es noch einmal. Aber als sie ihre Hand ausgestreckt hatte und das Pferd seinen Kopf ausstreckte, schreckte sie erneut zurück.

„Du musst die Hand flach halten.", ertönte hinter ihr eine Stimme.

Chrissie machte beinahe einen Satz nach vorne, so sehr hatte die Stimme sie erschreckt. „Was??"

Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann neben sich. Er streckte die Hand aus und bog ihre Finger flach herunter, hielt sie in seiner eigenen. „Du musst die Hand flach halten.", wiederholte er. „Dann beißt er dich auch nicht." Er hielt Chrissies Hand, als sie sie nach dem Pferd ausstreckte. Sein sanfter Griff ließ nicht zu, dass sie sie dieses Mal wieder wegzog. Das Pferd beugte den Kopf und nahm die Karotte, wobei es eine Spur Speichel auf ihrer Handfläche hinterließ. „Siehst du, er beißt nicht.", sagte der junge Mann und gab endlich ihre Hand frei.

Chrissie trat zurück und wandte sich um, um einen genaueren Blick auf ihr Gegenüber zu werfen. „Du hast mich erschreckt.", sagte sie. Sie wollte nicht anklagend klingen aber etwas anderes fiel ihr nicht ein.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich konnte sehen, dass du nervös bist." Er musterte den Sack in ihrer Hand. „Du hast wohl noch mehr Karotten…"

Chrissie nickte.

Der junge Mann lächelte ihr mit einem breiten, freundlichen Grinsen zu. Ein paar Strähnen strohblondes Haar fielen ihm in die Stirn und er hatte blaue Augen, die sogar im Dämmerlicht des Stalles ausgesprochen hell leuchteten. Chrissie dachte bei sich, dass er einer der bestaussehendsten Jungs war, die sie je gesehen hatte. „Was macht er nur hier?", fragte sie sich.

„Ich bin übrigens Bobby.", sagte er und streckte eine Hand aus. „Bobby Jarrett."

Chrissie nahm seine Hand und schüttelte sie. „Ich bin Chrissie Curtis."

„Schön dich zu treffen.", sagte Bobby. „Du bist wohl zur Party hier."

Chrissie nickte. „Ich lebe in Wyoming. Wir sind gestern hergefahren."

"Oh, aus Wyoming. Ich war noch nie da, aber ich hörte, dort gibt es schöne Berge, es ist nicht so flach wie hier."

„Wir kommen aus Laramie.", erwiderte Chrissie, als würde dies alles über Wyoming und Berge erklären. „Na klasse…", dachte sie bei sich. „Wir leben in Laramie???"

Bobby grinste sie an. "Wo sind denn die Karotten?", fragte er und nahm ihr den Sack ab.

Sie gingen zur nächsten Box. „Das da ist Twister.", sagte er. „Ennis' großer, alter Hengst."

„Ennis ist mein Großvater.", sagte sie und dachte bei sich, dass dies die nächste blöde Antwort gewesen war. Doch die Worte hatten ihren Mund verlassen, ehe sie sie aufhalten konnte. Irgendetwas an diesem gutaussehenden Jungen, hatte ihr die Zunge verknotet.

Bobby grinste wieder. „Gib mir deine Hand." Sie streckte sie aus und Bobby legte einen kleinen Keks hinein. „Ich glaube nicht, dass Twister noch Karotten kauen kann.", sagte er. „Aber diese Kekse hier mag er." Erneut bog er Chrissies Finger gerade und hielt ihre Hand dem großen Pferd entgegen. Seine Berührung ließ einen elektrischen Blitz durch ihren Arm schießen. Twister leckte den Keks von ihrer Hand.

Sie rieb sie an ihrer Hose trocken. „Wie alt ist er?", fragte sie. „Ich meine Twister."

„34, das ist echt scheiße alt für ein Pferd… oh tschuldige, dass ich geflucht habe."

Chrissie schüttelte den Kopf. „Schon gut, das hab ich schon mal gehört." Bobby lachte und Chrisse grinste. Endlich spürte sie, dass ihre Nervosität etwas nachließ. "Wie alt bist du?"

"Ich? Ich bin siebzehn, nächstes Jahr mach ich meinen Highschool-Abschluss. Und du?"

"Ich bin fünfzehn und geh in die zehnte Klasse. Wohnst du hier in Quanah?"

„Ja, klar.", sagte Bobby.

„Und du arbeitest für Großvater und Opa?"

„Naja, das hoffe ich wenigstens… mein Bruder hat hier lange gearbeitet, aber jetzt wird er wohl nach Lubbock ziehen. Ich würde den Job gern übernehmen."

„Oh…", sagte Chrissie und wurde leiser.

„Im Moment arbeite ich am Agway, aber ich wäre lieber hier bei den Pferden." Bobby sah sie an. „Kannst du reiten?"

"Ein bisschen... eigentlich bleibe ich nach der Party noch hier, da könnte ich es lernen, gibst du Reitstunden?"

Bobby schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Billy schon, aber um das Meiste kümmert sich Ennis." Er wandte sich um und sah sie an. „Wie lang bleibst du denn?"

„Zwei Wochen.", sagte sie. „Vielleicht auch länger, wenn ich hier Spaß habe."

Bobby lachte. "Spaß haben in Quanah...Das ist hier eine Stadt, wo sich Hase und Igel gute Nach sagen. Abends rollen sie die Bürgersteige hoch. Ich wette, in Laramie ist mehr los."

Chrissie hob die Schultern. "Vielleicht. Aber da fragst du die Falsche, ich geh nicht so oft aus. Ich wollte letzten Winter auf ein Konzert an der Universität gehen aber Mutter ließ mich nicht, sie sagte, ich wäre zu jung."

„Auf welches Konzert?"

„Taking Back Sunday."

„Oh, magst du die? Das ist eine meiner Lieblingsbands."

"Ehrlich?", fragte Chrissie. "Wow." Sie lächelte Bobby zu und der erwiderte ihr Lächeln. Das gegenseitige Interesse der beiden war deutlich zu spüren.

Sie hielten vor einer anderen Box. „Das da ist Dancer.", sagte Bobby. „Sie ist eine liebe Stute, gut für Reitstunden. Vielleicht können wir ihr nachher einen Sattel auflegen."

„Oh, um heute zu reiten?"

„Klar, warum nicht? Die Pferde brauchen Bewegung." Erneut nahm Bobby Chrissies Hand, legte ihr eine Karotte auf die Handfläche und hielt sie hoch. Chrissie erschauderte etwas unter seiner Berührung. „Du musst dich daran gewöhnen, sie zu füttern.", sagte er. „Ich kann deine Hand ja nicht ewig halten."

Chrissie grinste in sich hinein. „Warum denn eigentlich nicht?", dachte sie

Sie gingen weiter durch den Stall und hielten an jeder Box. Bobby nannte Chrissie den Namen jedes Pferdes sowie etwas über seine Persönlichkeit. „Das hier ist lebhaft… dieses springt ganz gerne mal… dieses benutzt Ennis immer für die Anfänger." Schließlich waren alle Karotten verfüttert und ebenso die Kekse aus Bobbys Tasche.

„So, Ende der Fütterungszeit.", sagte er. „Bringen wir sie raus auf die Koppel, willst du mir helfen?"

„Oh, klar.", sagte Chrissie.

„Ist nicht allzu schwer.", sagte Bobby. „Du musst nur die Tür aufmachen und sie heraus führen." Er öffnete Dancers Box und hängte eine Führungsleine in ihr Halfter. „Stell dich an die Seite, nicht vorne hin." Gemeinsam brachten sie das Pferd nach draußen, wo Chrissie das Tor zur Koppel öffnete.

Bobby lächelte ihr wieder zu und Chrissie fühlte ihr Herz hüpfen. Hier im Sonnenlicht war sie wie erschlagen von seinem guten Aussehen. „Zwei Wochen…", dachte sie bei sich. „Vielleicht wird es doch nicht so schlimm."

Als sie zum Stall zurückgingen, wandte sie sich um und sah über das Feld zum Haus. Sie sah, dass ihre Mutter ihr von der Veranda aus zuwinkte. Chrissie winkte zurück.

„Musst du gehen?", fragte Bobby.

„Ich glaube nicht.", erwiderte Chrissie. „Die müssen noch einiges nachholen, haben sich lange nicht gesehen. Ich bin sicher, es geht in Ordnung, wenn ich bleibe und dir helfe."

„Na, das ist doch echt toll.", sagte Bobby. „Los, lass uns noch ein Pferd holen."