Kapitel 20
Die Casper Fraktion
„Da ist es, vorne rechts."
Lewis Underwood nickte seiner Frau Cecilia zu. „Jap, ich seh's.", sagte er. Er verlangsamte ihr Wohnmobil und las laut das Schild vor, das verkündete: „Lazy L, historische Farm, Texas." Er hielt inne. „Was heißt das?"
„Das bekommen die Farmen, die über hundert Jahre alt sind.", erwiderte Cecilia. „Ennis hat mir davon erzählt. Vor etwa zehn Jahren haben sie diese Auszeichnung erhalten."
"Ich kann mich nicht daran erinnern, das schon mal gesehen zu haben. Wann waren wir überhaupt das letzte Mal hier?"
„Das ist schon eine Weile her, etwa fünfzehn Jahre, denke ich. Wir sahen sie in Wyoming, als sie zum Jagen an Thanksgiving herkamen."
Lewis nickte, bog in die Straße ein und lenkte den großen RV vorsichtig die lange Einfahrt hinab. Als er um eine Kurve bog, gerieten das Haus und die Farmgebäude in Sicht. „Ohhh, ist das schön – was für eine hübsche Farm!", sagte Cecilia. „Und wir hübsch das Haus aussieht. Jack sagte, sie haben es extra für die Party gestrichen."
"Es ist pink.", kommentierte KE von seinem Platz hinter seiner Schwester aus.
„Was?", fragte Cecilia, die vor seiner Stimme erschrak. Dies waren die ersten Worte, die er seit über einer Stunde gesagt hatte.
„Es ist ein verdammtes pinkes Haus.", wiederholte KE. „Ich kann nicht glauben, dass mein schwuler Bruder in einem gottverdammten pinken Haus wohnt."
Cecilia wandte sich um und sah ihn an. „Es ist nicht pink, es ist rosenfarben."
„Pink, rosenfarben, wo ist der Unterschied? Mein Bruder ist eine Schwuchtel und lebt in einem pinken Haus, ich fasse es verdammt nochmal nicht."
Cecilia hielt inne und ordnete ihre Gedanken. „KE Del Mar, wir haben uns doch vorher unterhalten. Ich werde es dir nochmal sagen." Ihre Stimme war beherrscht. „Wir sind hier Gäste und nehmen für die nächsten Tage Ennis' Gastfreundschaft in Anspruch. Du wirst deine Zunge in Zaum halten und, nichts, ich wiederhole, NICHTS Beleidigendes zu deinem Bruder sagen."
„Ich beleidige ihn ja nicht, ich sage nur, wie es ist.", sagte KE ungehalten. „Das Haus ist pink."
Cecilia bedachte ihren Bruder mit einem harten Blick. „Was habe ich gerade gesagt?"
„Fein.", sagte KE, verschränkte die Arme und lehnte sich in seinem Sitz zurück, doch sein Blick war unversöhnt.
„Wo soll ich denn parken, was meint ihr?", fragte Lewis mit fröhlicher Stimme. Er versuchte offenbar, die Spannung im Wohnmobil abzubauen.
Seine Frau lächelte ihm zu. „Warum hältst du nicht da vorm Haus? Ich seh mal nach, ob Ennis da ist."
Lewis nickte und stellte den RV neben einem blauen Pick-up Truck ab. „Ich warte hier."
KE nickte. „Ja, ich auch."
Cecilia ging zur Vordertür und klopfte. „Ennis, Jack?", rief sie. Sie erhielt keine Antwort, sodass sie die Tür vorsichtig öffnete und eintrat. Sie rief erneut ihre Namen aber bekam noch immer keine Antwort.
Sie wollte sich gerade umdrehen und zum Wohnwagen zurückgehen, doch dann blieb sie stehen und besah sich das Wohnzimmer. Dies war so viel mehr, als das einzige Heim, dass sie selbst vor mehr als fünfzig Jahren mit Ennis zusammen bewohnt hatte. Es war gemütlich, warm und einladend, mit weißen Vorhängen am Fenster und frischen Blumen in einer Vase auf dem Tisch. Gleichzeitig war es aber auch ein sehr maskulines Zimmer, es gab eine große Ledercouch, zwei Stühle und einen Sessel. Familienfotos waren auf dem Kaminsims aufgereiht und Bücher füllten das Bücherregal. Ein Computer, der nebst einem Haufen Papier auf einem Schreibtisch in der Ecke stand, war das einzig Unaufgeräumte im Raum.
Sie grinste in sich hinein, dann seufzte sie und musste erneut an ihren Bruder denken. „Bitte, Gott.", betete sie still. „Lass uns die nächsten Tage so überstehen, dass die einzigen Explosionen von den Feuerwerkskörpern am vierten Juli herrühren."
Cecilia kehrte zum RV zurück. „Ist scheinbar keiner da.", sagte sie zu ihrem Mann.
Er wies auf die Scheune. „Ich denke, dass sie wollen, dass wir da parken, damit wir dort Wasser und Strom bekommen können."
Sie nickte. „Ja, das macht Sinn. Fahr du hin, ich gehe. Ich muss mir mal die Beine vertreten."
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„Die ganze Woche arbeiten wir mit den Pferden, und was machen wir, wenn wir mal frei haben? Reiten gehen." Ennis grinste Jack zu, während sie unter der Gruppe von Bäumen hervor ritten, die die Grenze zwischen Copper Breaks State Park und dem Gebiet der Lazy L markierten.
„Wir haben echt so verdammtes Glück – wir können tun, was wir lieben und es auch noch Arbeit nennen."
„Und davon auch noch super leben."
„Das auch.", stimmt Jack zu. Während sie die Straße hinauf ritten, sah Jack zur Scheune hin. „Ich glaube, ich sehe ein Wohnmobil.", sagte er. „Sieht aus, als wäre die Casper Fraktion angekommen."
Ennis seufzte, dann zwang er sich zu einem Lächeln. „Schätze, der Zeitpunkt ist gekommen.", sagte er. „Zeit, sich der Familie zu stellen."
Sie kamen näher an den RV heran und sahen, dass Lewis geschäftig alles anschloss, dass Cecilia alles überwachte und dass KE die beiden aus einem Plastikklappstuhl heraus beobachtete." „Oh mein Gott.", sagte Ennis atemlos. Er war offensichtlich geschockt, wie gealtert und krank sein Bruder aussah.
„Geht's dir gut?", fragte Jack sanft und Ennis nickte.
Cecilia wandte sich um und bemerkte die Männer auf den Pferden. „Ennis! Jack!", rief sie aus und lief rasch zu ihnen hinüber, während die beiden von den Pferden stiegen. „Es ist so schön, euch zu sehen!", rief sie und warf ihrem Bruder die Arme um den Hals. Ennis stand stocksteif da und erwiderte ihre Umarmung unsicher. Jack beobachtete das Wiedersehen und grinste in sich hinein. Er freute sich, dass Ennis ihm gegenüber zu etwas leidenschaftlicheren Umarmungen im Stande war.
Cecilia drehte sich zu Jack um und streckte die Arme aus. Er zog sie in eine freundschaftliche Umarmung. „Schön, euch zu sehen", sagte er und trat zurück. „Wie war die Fahrt?"
"Die war gut.", erwiderte sie. „Aber wir haben nicht angehalten, um irgendwelche Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Vielleicht auf dem Rückweg."
Die drei gingen zum Wohnmobil hinüber. Jack führte die Pferde. Lewis stand auf und wischte seine Hände notdürftig an seiner Hose sauber. Dann reichte er Ennis und Jack die Hand und begrüßte beide mit einem schallenden Lachen und einem warmen Lächeln.
KE war als letztes an der Reihe. Er stand auf, wobei er sich mühsam von seinem Plastikstuhl erhob. Ennis ging zu ihm und hielt ihm eine Hand hin. „Hey, KE.", sagte er. „Ist schon ne Weile her."
KE nickte und schüttelte die Hand seines Bruders. „Jap.", sagte er anstatt einer Begrüßung. Andere Worte wurden nicht gewechselt.
Eine Weile standen sie unsicher herum, bis Ennis merkte, dass Jack hinter ihn getreten war, um Hallo zu sagen. „Du erinnerst dich an Jack?", fragte er und KE nickte.
„Willkommen auf der Lazy L.", sagte Jack. Er hatte die Unsicherheit bemerkt und reichte ihm deshalb auch keine Hand. „Wir freuen uns, dass du mit uns diese Party feiern willst."
KE sagte nichts. Seine Augen waren starr, sein Blick trotzig. Jack wandte sich an Ennis. „Ich bringe die Pferde in den Stall.", sagte er. „Und vielleicht hol ich auch die anderen von der Weide."
„Ich kann dir helfen.", sagte Ennis rasch. Er war froh, eine Ausrede zu haben, um seinem wortkargen Bruder zu entkommen. Aber als sie die Pferde vom Wohnmobil wegführten, kam Cecilia neben sie und ging an seiner Seite. „Ennis, kann ich dich kurz sprechen?", fragte sie sanft. „Allein?"
Ennis sah zu Jack hinüber, der ihm zunickte. „Geh ruhig, ich schaff das schon."
Ennis und Cecilia gingen zu einer großen Eiche, wo sie vom Rest der Familie nicht gehört werden konnten. „Ennis, das ist mir ein wenig unangenehm, aber ich muss dich das fragen… wäre es irgendwie möglich, dass KE im Haus bleiben kann?"
Ennis sah sie an, als könne er seinen Ohren nicht trauen. „Du willst mich doch verarschen, oder?", fragte er mit ungläubiger Stimme.
Cecilia schüttelte den Kopf. „Nein, ich würde nicht fragen, wenn es mir nicht ernst wäre."
„Was stimmt denn nicht mit dem Wohnmobil?", fragte Ennis. „Oder wie wäre es mit einem Motel. Ich bezahle auch, wenn es ums Geld geht…"
„Wir haben in den Motels schon angerufen, als wir in der Stadt waren. Alles ist ausgebucht. Es ist immerhin ein Feiertag. Und das Wohnmobil… naja, es ist nicht besonders bequem, wenn mehr als zwei Erwachsene darin sind. Außerdem hat dein Bruder mehr Schmerzen, als er zugibt… und…", sie holte tief Luft. „Ich denke, es wäre auch besser, wenn er ein anständiges Bad in der Nähe hat." Sie sah Ennis an, ihr Blick war teils flehend, teils beschämt.
Ennis erwiderte ihren Blick und fühlte sich in die Ecke gedrängt. „Jenny und Kelly kommen hier her.", sagte er. „Wir wollten Evan in dem kleinen Zimmer wohnen lassen."
Sie seufzte. „Naja, dann… okay, es war eine blöde Idee."
Jack erschien neben Ennis und bemerkte die unangenehme Situation. „Stimmt was nicht?", fragte er.
„Ich hab gefragt, ob KE nicht im Haus bleiben könnte.", sagte Cecilia und Ennis stieß hervor: „Ich hab ihr gesagt, dass Evan das kleine Zimmer kriegt."
Jack sah erst Ennis, dann Cecilia an. „Weil er krank ist?", fragte er und Cecilia nickte. „Und weil die Motels alle voll sind…?" Cecilia nickte erneut.
„Wir haben doch das Klappbett, Ennis. Das könnten wir für Evan aufstellen."
„Aber Jack…", sagte Ennis mit zweifelnder Stimme.
Jack wandte sich an Cecilia. „Ennis und ich, wir haben uns beide ein wenig Sorgen über KEs Besuch gemacht.", erklärte er. „Und wenn er im Haus wohnen würde, wäre das doch irgendwie so, als würden wir ihn in den Käfig des Löwen setzen, findest du nicht?"
Cecilia nickte. „Wenn es zu viele Probleme macht… ich hätte gar nicht fragen sollen."
Jack lächelte ihr zu und ignorierte ihren Einwand. „Auf der anderen Seite ist er krank und hat Schmerzen, schätze ich…"
„Das ist der einzige Grund, warum ich frage.", sagte sie. „Ich weiß, es ist eine furchtbare Situation."
Jack wandte sich an Ennis und legte ihm leicht eine Hand auf den Arm. „En, wir schaffen das schon.", sagte Jack. „Erinnerst du dich?"
"An was?", fragte Ennis verwirrt.
„Wir sind doch die guten Jungs."
Ennis sah ihn an. „Die guten Jungs?"
Jack nickte. "Erinnerst du dich nicht an unser Gespräch? Die guten Jungs, die Erwachsenen? Wer hat hier was verloren?"
Ennis musterte Jack und versuchte den Blick seines Partners zu deuten. Und als er in diese tiefen blauen Augen sah, die ein Leben voller Liebe und gegenseitiger Unterstützung zeigten, hielt er inne, dann schüttelte er den Kopf. Er lachte leise. „Ach, Twist, du warst schon immer so verdammt überzeugend."
"Du bist eben nicht imstande, meinem Charme zu widerstehen." Jack grinste Ennis an und nahm die Hand von seinem Arm.
Ennis errötete über seine Worte, dann sah er zu seiner Schwester hin. „Weiß KE denn davon?"
„Er ist ja derjenige, der damit angefangen hat.", erwiderte sie. „Und er hat mich gebeten, euch zu fragen, nachdem wir kein Glück in den Motels hatten. Ennis… es ist ihm zu peinlich, euch selbst zu fragen."
„Naja, wenn es ihm peinlich ist, hat er die Regeln verstanden… kein Wort gegen Jack und besonders kein Wort gegen Jenny und Kelly, wenn sie hier sind. Das Haus wird voller Homos sein und wenn er damit ein Problem hat, kann er jetzt sofort nach Wyoming zurückgehen."
„Nein, Ennis, das versteht er.", sagte Cecilia sanft. Im Stillen wiederholte sie ihr Gebet und hoffte, dass er es wirklich verstanden hatte.
Ennis nickte, dann sah er zum Wohnmobil herüber, wo sein kranker Bruder wieder in seinem Plastikstuhl saß. „Nun, dann lasst uns sein Zeug holen. Jack und ich zeigen ihm sein Zimmer."
