Kapitel 22
Den Tatsachen ins Auge sehen
„Was ist das für einer, Mommy?"
Jenny sah zu Evan hinunter und betrachtete dann das Bild in seinem Malbuch. „Das ist ein Triceratops, Schatz.", sagte sie. „Siehst du die drei Hörner? Tri ist ein anderes Wort für drei."
Evan nickte. "Welche Farbe soll er kriegen?"
„Die Farbe, die du möchtest. Keiner weiß, welche Farbe die Dinosaurier wirklich hatten, weil sie ja jetzt nicht mehr da sind."
„Dann wird er blau, denke ich.", sagte der Junge und nahm vorsichtig einen blauen Buntstift aus seinem Päckchen.
Jenny lächelte ihrem Sohn zu und beobachtete, wie er mit seinem blauen Stift über die Seite kritzelte. Sie nahm ihre Tasse Kaffee und sah sich im Zimmer um, welches so bequem und familiär aussah wie ihr Lieblingspaar Pantoffeln. Ihre Augen schweiften zur Tür, sodass sie bemerkte, dass ihr Onkel dort stand. Er war komplett angezogen und seine Kleidung hing an seinem ausgemergelten Körper herab.
„Oh!", sagte sie überrascht. "Ich hab dich gar nicht runter kommen hören."
„Du bist aber früh auf.", sagte KE anstelle einer Begrüßung.
„Das ist wegen Evan.", erwiderte Jenny und wies auf ihren Sohn. „In diesem Alter steht er noch früh auf. Kelly schläft aber noch – die Fahrt war sehr anstrengend für sie." Sie hielt inne. „Du bist aber auch früh auf."
KE nickte. „Ja, zurzeit schlafe ich nicht besonders gut."
"In der Küche stehen Kaffee und Saft..."
„Nee, im Moment will ich nichts.", sagte KE, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich Jenny und Evan gegenüber.
KE sah eine Weile seinem Großneffen zu, dann schaute er zu Jenny auf. „Ennis sagte, ihr bekommt noch eins?"
Jenny nickte. „Ja, an Weihnachten. Wir hoffen, dass es diesmal ein Mädchen wird."
„War sie auch letztes Mal… naja… du weißt schon…?", fragte KE unsicher und wies auf Evan.
Auch wenn er seine Frage ein wenig unglücklich gestellt hatte, wusste Jenny genau, wovon ihr Onkel sprach. „Nein, ich habe Evan ausgetragen."
„Aber jetzt machst du es nicht mehr…"
„Ich werde dieses Jahr vierzig und Kelly ist erst sechsunddreißig, also hat das Alter eine Rolle gespielt.", erklärte Jenny. „Außerdem wollte sie auch einmal eine Schwangerschaft erleben dürfen."
KEs Lippen kräuselten sich, als wenn Jenny etwas Unerlaubtes gesagt hätte. Dabei hatte er immerhin gefragt. „Ich kann mich an dieses ganze Homozeug einfach nicht gewöhnen.", sagte er still, beinahe zu sich selbst.
Jenny sah ihm ins Gesicht, dann wandte sie sich an ihren Sohn. „Evan, kannst du mit deinem Malbuch in einen anderen Raum gehen? Setz dich doch auf den Wohnzimmerboden."
„Aber Mommy…", bettelte er.
„Mach schon.", sagte sie. „Ich komm in ein paar Minuten nach, dann sehen wir uns auch die Pferde an, ja?"
„Na gut, Mommy." Evan nahm seine Stifte und schlurfte aus dem Zimmer, wobei er KE noch einen Blick zuwarf.
Jenny trank einen Schluck Kaffee, dann stellte sie die Tasse in einer ungehaltenen Geste vor sich und ließ ihre Hände um sie geklammert. „Ich fände es schön", sagte sie, „wenn du vor meinem Sohn nicht sowas sagen würdest wie „Homozeug". Ich fände es schön, wenn du sowas überhaupt nicht sagen würdest aber lass es wenigstens vor Evan sein. Ich weiß, dass du aus einer anderen Generation kommst, aber ich finde es anstößig."
KE sah sie mit einem trotzigen Blick an. „Du bist ja rotzfrech.", sagte er langsam. „Du warst noch nie auf den Mund gefallen."
Jenny schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Ich hab nur hier gesessen, Kaffee getrunken und Zeit mit meinem Sohn verbracht. Wenn du bei uns sitzen und höflich sein willst, unterhalte ich mich gerne mit dir. Aber wenn du dich so aufführst und beleidigend wirst, dann geh und such dir jemand anderes."
KE gestikulierte mit seiner Hand in Richtung Stuhl. „Nein, tut mir Leid, das war unverschämt. Komm setz dich."
Jenny hielt inne, dann setzte sie sich wieder und trank einen Schluck Kaffee, wobei sie KE abschätzig musterte.
„Ich will reden.", sagte er. „Ich bin schließlich den ganzen Weg hierher gekommen, um die Familie zu besuchen, die ich seit fünfundzwanzig Jahren nicht gesehen habe. Es dauert eben etwas Zeit, bis ich dich wieder kenne."
„Naja, gut.", sagte Jenny.
Eine Weile schwiegen sie beide, dann räusperte sich KE. „Also du bist doch die Künstlerin, oder?"
„Das stimmt. Junior arbeitet in der Bibliothek."
"Und was machst du so? Bilder?"
„Nein, ich bin Graphik Designerin."
„Was ist das denn?"
„Ich mache Layout- und Graphikelemente… Logos, Broschuren, Katalogentwürfe… Wenn wir später an den Computer gehen könnten, kann ich dir meine Homepage zeigen, wenn du möchtest. Es ist einfacher, das zu zeigen, als zu versuchen, es zu beschreiben."
„Oh, und das war's? Keine Malerei?"
Jenny grinste schwach und erinnerte sich daran, dass "Kunst" für die meisten Leute gleichbedeutend mit Pinseln und Ölfarben war. „Ich zeichne sehr gerne.", sagte sie. „Oder ich mache Entwurfsskizzen."
KE nickte. "Ich hab deine Zeichnung oben gesehen.", sagte er. „Deshalb frage ich."
Jenny lachte leise. „Das alberne, alte Ding.", erwiderte sie. „Manchmal schäme ich mich dafür aber Onkel Jack liebt es eben."
„Ja, das hat er mir auch gesagt."
„Oh, du hast mit ihm darüber geredet?"
„Ich habe es mir angesehen, als er ins Zimmer kam. Er hat gesagt, dass es von dir ist."
„Du warst in deren Zimmer?"
KEs Stimme wurde abwehrend. „Es war ein Fehler, ich dachte ich würde ins Bad gehen aber bin ins falsche Zimmer gelaufen. Da hab ich mir die Bilder angesehen."
„Oh.", sagte Jenny schlicht. „Hast du denn Onkel Jacks Tattoo gesehen? Das hab ich entworfen. Da hast du ein weiteres Beispiel meiner Kunst."
„Er hat ein Tattoo?"
Jenny nickte. „Ja, auf seinem rechten Arm.", sagte sie und zeigte ihm die Stelle an ihrem eigenen Körper. „Wenn du fragst, zeigt er es dir sicher."
„Ich finde Tattoos widerlich.", sagte KE. „Das hat er sich sicher machen lassen, weil er eine Schw… ich meine… du weißt schon…"
„Ich denke, er hat es machen lassen, weil er ein Tattoo wollte. Die Leute mögen Körperkunst, weißt du."
„Ich nicht."
„Musst du selbst entscheiden."
„Ja…" KE hielt inne. "Aber findest du nicht auch, dass sowas nur Homos haben?"
„Tattoos? Nein, ich denke an Kunst, wenn ich an Tattoos denke. Aber wenn du sie schon einer speziellen Gruppe zuordnen willst, dann nimm Seeleute... oder vielleicht Biker. Außerdem hat heutzutage fast jeder eins. Sie sind weit verbreitet."
"Ja, du hast sicher Recht damit, dass fast jeder eins hat. Trotzdem mag ich sie nicht." KE musterte Jenny abschätzig. „Hast du eins?"
"Ein was?"
"Ein Tattoo?"
"Nein, aber ich hab über eins nachgedacht."
„Igitt, Frauen mit Tattoos. Jesus."
"Wie gesagt, es ist alles Geschmacksache. Ich habe ein paar schöne Entwürfe gesehen."
„Mein Geschmack ist es nicht." KE hielt inne. „Hat Ennis eins?"
Sie nickte. "Das hab ich auch entworfen."
„Ach, fuck.", grunzte KE. „Siehst du, er ist eine Schwuchtel und hat ein Scheißtattoo."
"Ich dachte, wir wären gerade darüber übereingekommen, dass Tattoos nichts mit Homosexualität zu tun haben."
„Naja, ja, vielleicht, aber der Ennis, den ich kannte, hätte sich nie eins machen lassen. Er hätte wie ich gedacht, dass es widerlich ist."
„Ich denke", sagte Jenny langsam, „du musst aufhören, über den Ennis, den du kanntest, nachzudenken und anfangen, den Ennis zu sehen, der er jetzt ist. Die Dinge wären sicher einfacher für dich, wenn du die Vergangenheit Vergangenheit sein lässt und die Gegenwart akzeptierst… du kannst mit der Tatsache anfangen, dass dein Bruder homosexuell ist und sein ganzes Leben lang war."
„Hältst du mir gerade einen Vortrag?", fragte KE.
„Wenn ja, dann tut es mir Leid. Aber du hast doch gesagt, ich wäre rotzfrech."
KE musste darüber ein wenig lachen. „Und das stimmt auch."
Eine Weile schwiegen sie, Jenny spielte mit ihrer Kaffeetasse und starrte aus dem Fenster. „Ich hab diese Farm schon immer geliebt.", sagte sie abwesend. „Es ist schön wieder hier zu sein."
„Warst du oft hier?", fragte KE. „Du hast deinen Daddy oft besucht, oder?"
Jenny nickte. „Wir waren in den Ferien hier und dann hab ich etwa anderthalb Jahre hier gewohnt."
„Hast du?"
„Ja, 1985 und 1986. Ehe ich aufs College ging. Ich hatte eine schwere Zeit."
„Ich glaube, daran erinnere ich mich. Deine Mutter war nicht sehr glücklich."
„Nein, war sie nicht. Aber wenn sie etwas länger über meine Probleme nachgedacht hätte, wäre ich nicht in diese Situation geraten."
„Und Ennis?"
Jenny sah KE direkt an. „Mein Vater und Onkel Jack haben mir das Leben gerettet, auf mehr als eine Art."
„Also stehst du ihnen sehr nahe."
Jenny nickte. „Ja. Sehr. Das ist das einzig Schlechte daran, dass wir in Massachusetts leben. Wir sind so weit weg. Ich hasse es, dass ich sie nur ein- oder zweimal im Jahr sehe."
Jenny trank noch einen Schluck Kaffee und musterte ihren Onkel, der plötzlich von einem Hustenanfall geschüttelt wurde. Sie sah eine Weile zu, dann ging sie in die Küche und kam mit einem Glas Wasser zurück. „Hier.", sagte sie. „Das wird bestimmt helfen."
Er nickte ihr zu, seine Augen waren feucht von dem anstrengenden Husten. „Danke.", krächzte er. Er wischte sich mit einem Taschentuch über den Mund, dann holte er eine kleine Flasche aus seinem Hemd. „Schmerztabletten.", sagte er leise, schüttelte eine davon in seine Hand und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter.
Jenny musterte ihn eine Weile, dann fragte sie: „Hast du große Schmerzen?"
KE hob die Schultern. „Schwer zu sagen. Die Medikamente helfen. Aber der Husten ist echt furchtbar." Er hielt inne. "Hast du je geraucht?"
Jenny schüttelte ihren Kopf und KE lächelte ihr traurig zu. „Kluges Mädchen." Er trank noch einen Schluck, dann sah er zu Jenny hin. „Du hast eben gesagt, dass Ennis schon immer so war."
„Wie war?"
„Du weißt schon… schwul… homosexuell. Wie kann das sein?"
„Schwul zu sein ist nichts, was man sich einfängt wie eine Krankheit. So ist man nun einmal. Es ist recht einfach, ehrlich."
"Mein Daddy wollte nicht, dass wir schwul werden. Er hat versucht, uns das beizubringen."
Jenny musterte ihren Onkel lange. „Du meinst die Situation, wo dein Vater euch mitgenommen hat zu den ermordeten Farmern?", fragte sie. „Daddy hat mir davon erzählt."
„Hat er das?"
Jenny nickte. „Ja, in dem Jahr, als ich hier lebte. Es hat geholfen, mir zu zeigen, wer ich bin."
„Nun, und das verstehe ich eben nicht. Nachdem er das gesehen hatte, wie konnte Ennis noch schwul werden? Ich bin nicht so."
„Weil du eben nicht schwul bist und es auch nie warst. Daddy ist es aber und war es auch schon immer. Er hat lange Zeit versucht, es zu verleugnen… das war wohl seine Last, die ihm der Anblick des ermordeten Mannes aufgebürdet hat."
„Wie hat er es herausgefunden?"
„Was?"
„Das er schwul ist?"
„Vielleicht solltest du ihn das fragen.", sagte Jenny. „Ich bin nicht sicher, ob es mir zusteht, das mit dir zu diskutieren."
„Ich kann mit ihm darüber nicht reden. Das ist ja ein Teil des Problems."
Jenny seufzte und holte tief Luft. „Na gut, ich kann dir soviel sagen. Daddy und Onkel Jack haben sich im Sommer 1963 getroffen, als sie zusammen als Schafhirten arbeiteten. Da hat es angefangen."
„Was hat da angefangen? Das Ficken?"
Jenny musterte ihn. "Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ja. Was ich weiß ist, dass ihre Beziehung da angefangen hat. Onkel Jack sagt, dass er sich da verliebt hat. Daddy ist da nicht so deutlich." Sie hielt inne. "Sie haben sich vier Jahre nicht gesehen nach diesem Sommer, dann trafen sie sich wieder."
„Wie kamen sie denn wieder zusammen?"
„Onkel Jack hat Daddy eine Postkarte geschrieben. Er ist nach Riverton gekommen."
„Aber Ennis war zu diesem Zeitpunkt verheiratet!", rief KE aus.
„Hab ich gesagt, dass es einfach war? Oder einen Sinn ergeben hat? Denk an deinen Bruder. Er hat das alles durchmachen müssen."
KE sah Jenny schweigend an. „Erzähl weiter, was geschah dann?"
„Sie trafen sich ein paar Mal im Jahr, bis Daddy sich scheiden ließ. Erst danach haben sie sich entschlossen, dass sie zusammen leben wollen."
„Was ist geschehen? Wie hat er sich dazu entschlossen?"
Jenny sah auf ihre Hände hinab, dann sah sie zu ihrem Onkel auf. Sie sprach mit leiser Stimme. „Daddy sagte mir, dass Onkel Jack sagte: „Das war's. Entweder ziehen wir zusammen oder machen Schluss damit."
KE schnaubte. „Und das war's?"
Jenny nickte. "Es hat gereicht, damit beide aufhörten, zu verleugnen, was sie füreinander fühlten. Das war's."
„Du hast gesagt, dass Ennis es verleugnet hat. Und Jack auch?"
„Onkel Jack ist gar nicht so anders als Daddy. Er ist auf einer Ranch in Wyoming aufgewachsen, mit einem Vater, der deinem wohl sehr ähnlich war. Es war für beide nicht einfach."
KE wurde still und verarbeitete, was Jenny ihm erzählt hatte. „Und was dann?"
„Was dann? Das solltest du doch wissen. Sie kamen her und hatten das Glück, diese Farm zu finden und sich ein Leben aufbauen zu können. Eigentlich nicht sehr viel anders, wie jedes andere verheiratete Paar."
KE sah sie an. „Da war so ein Bild oben…eins von dir und Ennis, mit Jack und Kelly... ihr ward alle so fein angezogen."
„Das war sicher von unserer Hochzeit. Kelly und ich haben vor zwei Jahren geheiratet."
„Richtig geheiratet?"
„Ja, erinnerst du dich? Ich lebe in Massachusetts. Da ist die gleichgeschlechtliche Ehe legal."
„Oh.", sagte KE. „Dann sind Jack und Ennis gar nicht richtig verheiratet."
Jenny zuckte die Achseln. "Sie besitzen kein Stück Papier, das stimmt. Aber im Herzen sind sie verheiratet. Sie sind mehr verheiratet als viele Paare, die ich kenne."
„Ich finde immer noch, dass es unnatürlich ist.", sagte KE.
„Nun, alles was ich dazu sagen kann ist, dass es nicht ins Gewicht fällt, was du denkst, oder? Sieh dich um… hier ist ein Haus, eine Farm, ein Geschäft… Kinder und Enkel, ein gemeinsames Leben. Offensichtlich funktioniert es für sie, ganz egal was du – und viel zu viele Leute – denken."
KEs Augen verengten sich wieder. „Du bist ganz schön hartnäckig."
„Leute, die stur an ihrer Meinung festhalten, auch wenn es hunderte Beweise für das Gegenteil gibt, machen mich eben wütend. Diejenigen die finden, dass Homosexualität falsch ist, gründen ihre Meinung auf Hass und Furcht, nicht auf der Wahrheit. Ich werde langsam des Gespräches müde…"
Sie stand auf, nahm ihre Tasse und das leere Wasserglas und ging Richtung Küche, als KE erneut das Wort erhob. „Stört es dich nicht?"
„Was?"
„Das sie schwul sind?"
Jenny sah zu ihrem Onkel, angestrengt und wütend. „Ich kann nicht fassen, dass du das gerade gesagt hast." Sie hielt inne und presste die Tasse und das Glas fest an ihre Brust. „Weißt du, es geht nicht nur um Sex. Es geht darum, dass man mit der Person zusammenleben möchte, die man liebt, es geht um ein gemeinsames Leben." Sie wies mit dem Arm durchs Zimmer. „Schau dir dieses Haus an… diese Familie. Warum glaubst du denn, dass wir dieses Wochenende alle hier sind? Um die Tatsache zu feiern, dass Daddy und Onkel Jack miteinander schlafen, oder weil sie ein gemeinsames Leben aufgebaut haben?"
KE musterte sie und hob die Schultern. „Das weiß ich nicht, warum sind wir denn hier?"
Jenny verharrte und versuchte, ihr Temperament zu zügeln. „Du warst doch verheiratet, du weißt, wovon ich spreche."
„Nein, ehrlich nicht.", sagte er. „Meine Frau hat mich verlassen, als Ennis sich entschlossen hat, dass er schwul ist. Irgendwie geb ich ihm die Schuld."
Jenny sah ihn an, als hätte er in einer Fremdsprache gesprochen. „Ach bitte, gönn mir eine gottverdammte Pause davon.", sagte sie.
KEs Kopf schnellte nach oben. „Du fluchst vor mir? Du machst einen auf fein und jetzt fluchst du?"
Jenny sah ihren Onkel mit hartem Blick an. „Gib meinem Vater nicht die Schuld für deine Eheprobleme. Ich bin vielleicht nicht auf dem Laufenden über alles, was in der Familie passiert, aber ich weiß, dass es keine Verbindung zwischen Daddy und Onkel Jack und dem gibt, was zwischen dir und deiner Frau war."
KE sah sie an. „Du bist ein kleines, freches Großmaul, oder?", sagte er leise.
Jenny starrte KE einfach an, sie erwiderte nichts. Er starrte zurück. Schließlich, nach einigen langen Sekunden, sagte er: „Du bist streitlustig, das mag ich, ist ein Charakterzug der Del Mars."
Jenny sah ihn spöttisch an. „Ich glaube nicht, dass es so ist. Ich sage nur meine Meinung und kann mich durchsetzen. Ich lass mich nicht gern herumschubsen."
Sie drehte sich auf dem Absatz herum und ging in die Küche, wo sie das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine packte und die Tür zuschlug. „Jesus Christus!", sagte sie atemlos. „So ein Penner." Sie drehte ihren Kopf in Richtung Wohnzimmer und stand ihrem Vater gegenüber. „Daddy!", sagte sie. „Wann bist du denn hier reingekommen?"
"Vor etwa zwei Sekunden, Süße.", sagte er. „Ich hatte nicht erwartet, dich so aufgeregt in der Küche zu finden."
„Ich hab mit Onkel KE geredet.", sagte sie mit ruhiger Stimme. „Er kotzt mich an."
Sie drehte sich zum Wohnzimmer um, weil sie erwartete, ihren Onkel dort noch in seinem Stuhl sitzen zu sehen. Aber er war leer. „Jetzt hab ich es auch getan.", sagte sie.
"Was getan?", fragte Ennis und goss sich eine Tasse Kaffee ein.
„Ihn angeschrieen, Daddy. Es tut mir Leid. Ich weiß, du versuchst, mit ihm klarzukommen und jetzt komm ich hierher und suche Streit mit ihm."
„Süße, du hattest schon immer eine große Klappe, du musst dich nicht entschuldigen." Er legte ihr den Arm um die Schulter und küsste sie auf den Kopf. „Komm, du warst schon immer mein kleiner Engel, auch wenn du deinem Onkel Kontra gibst."
„Er hat gesagt, ich wäre rotzfrech.", sagte Jenny und fühlte sich wieder wie ein Kind in der festen Umarmung ihres Vaters.
„Da hat er nicht Unrecht.", sagte Ennis. „Das bist du."
„Ach Daddy…"
Ennis löste sich von ihr. „Ich geh in den Stall und helfe Bobby. Vielleicht will ja Evan mitkommen."
Jenny nickte. „Will er sicher. Er sagt, er stirbt, wenn er nicht bald die Pferde sieht."
Ennis grinste. „Jack macht Pfannkuchen. In einer Stunde oder so gibt es ein großes Familienfrühstück."
Jenny rollte mit den Augen.
„Und du kannst dich mit deinem Onkel versöhnen."
„Ach Daddy…"
Ennis nickte. „Ja, junge Dame, wenn ich das kann, kannst du es auch."
