Kapitel 24
Erinnerungen
Nach dem Frühstück saßen alle noch eine Weile herum, tranken Kaffee und unterhielten sich, doch diese Idylle endete abrupt, als das Telefon klingelt. Es war Junior, die die Pläne für den Tag wissen wollte. Plötzlich schwirrte das Haus vor Aktivität, Teller wurden abgewaschen, Ablagen gereinigt und die Spülmaschine wurde mit Geschirr und Pfannen voll gestopft. Innerhalb weniger Minuten standen Jack und Ennis allein in der Küche.
„Und das war's?", fragte Ennis ein wenig verblüfft.
„Das war's.", erwiderte Jack. „Kelly und Cecilia sind im Supermarkt, Lewis und Jenny führen Evan durch das Quanah Parker Museum, KE hat sich hingelegt…"
„Und was ist mit Mittagessen?"
„Ich glaube, die Leute waren vom Frühstück noch so voll, dass sie nicht ans Mittagessen denken konnten.", grinste Jack. Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. „Außerdem ist es fast 11 Uhr, das geht dann wohl als Brunch durch."
„Wir hätten Mimosen servieren können.", sagte Ennis zwinkernd.
„Ach Mist, daran hab ich nicht gedacht, dabei haben wir doch Sekt." Er ging zum Kühlschrank. „Willst du jetzt eine?"
Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, ich kann nicht mehr." Er hielt inne. „Also, was willst du denn heute machen? Wir zwei haben wohl das Ganze."
Jack nickte. "Sieht so aus. Und wir müssen nicht mal Abendessen machen. Hast du Cecilia gehört? Sie hat zwei große Packungen Lasagne dabei und will heute für die Familie kochen."
Ennis nickte. „Okay… hast du Lust Reiten zu gehen?"
„Reiten und Schwimmen. Lass uns einen Tag frei nehmen und einfach faul sein."
„Geht klar."
Fünfundvierzig Minuten später wateten sie durch das kühle Wasser des Pease Rivers. Ennis beschwerte sich – wie jedes Mal – über den schlammigen Boden, ehe er eintauchte und zur anderen Seite hinüberschwamm. Jack sah ihm eine Weile zu, dann folgte er ihm. Die beiden ließen sich ein wenig von der sanften Strömung treiben, schwammen dann wieder flussaufwärts, ließen sich erneut treiben und schwammen zurück, bis sie schließlich, nach etwa einer halben Stunde, genug davon hatten.
Sie breitete eine Decke im Schatten eines Baumes aus und Ennis angelte eine Tube Sonnencreme aus seiner Leinentasche. „Ich reib dir den Rücken ein, Babe.", sagte er sanft und Jack positionierte sich zwischen Ennis' Beinen. Ennis gab eine großzügige Portion Creme auf Jacks Rücken und begann, sie zu verteilen. Er nutzte beide Hände, um die Muskeln damit einzuölen. „Weißt du, ich werde es nie Leid, dich anzufassen."
„Weiß ich.", sagte Jack, drehte sich um und lächelte.
„Ich liebe dich.", sagte Ennis, beugte sich nach vorne und küsste Jack sanft auf den Nacken.
„Das war das erste Mal für heute.", erwiderte Jack liebevoll.
Ennis kicherte in sich hinein. „Dann muss mich wohl die Gegenwart der ganzen Leute gehemmt haben."
Jack seufzte und genoss Ennis' Hände auf seinem Körper. Er sah hinunter zwischen seine Beine. „Ich krieg einen Ständer, Cowboy.", lachte er.
„Sind wir noch normal?", fragte Ennis.
„Was meinst du?"
„Du kriegst einen Ständer, wenn ich dich anfasse, wir haben vier-, fünfmal in der Woche Sex… ist das normal für zwei alte Säcke wie uns?"
„Vielleicht hält uns gerade das jung."
„Vielleicht… ich sehe all diese Fernsehwerbungen über Viagra und solchen Mist und dann muss ich daran denken, dass die Hälfte aller Männer in Amerika keinen mehr hochkriegt."
„Vielleicht nur die Heteros, Ennis. Vielleicht liegt das Geheimnis der Potenz im Schwulsein."
Ennis prustete laut los. „Vielleicht hast du Recht, denn weißt du…", er beugte sich nach vorne und flüsterte bedeutungsschwer in Jacks Ohr, „wenn ich nur hier sitze, deinen Rücken einreibe und über sowas rede, werde ich schon hart."
„Ah, Ennis, wir sind zwei alte, sexy Bastarde…"
„Sind wir."
„Und tun wir es? Direkt hier am Ufer?"
Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht. Ich denke, ich dreh mich jetzt um und lass dich auch meinen Rücken einreiben, dann reden wir weiter über Sex und Liebe und all diese Liebe wird dann auf die Familie übergehen, wenn wir heute Abend mit ihr essen. Und dann heute Nacht, wenn wir im Bett sind und uns in den Armen halten, dann ficke ich dich besinnungslos, was hältst du davon?"
„Das hört sich gut an. Also, dann lass mich deinen Rücken einreiben." Jack stand auf und umrundete Ennis, dann setzte er sich so hin, dass Ennis zwischen seinen Beinen saß, nahm die Sonnencreme und begann mit derselben langsamen Massage. „Wo wir grad von der Familie reden, erklär mir mal was… was war denn da los, du hast KE eingeladen, mit dir die Jury zu machen?"
Ennis hob die Schultern. „Ja, ich weiß auch nicht. Das kam einfach so, ich dachte, es wäre eine gute Möglichkeit, ihn mit einzubinden."
„Hast du mit ihm geredet?"
Ennis nickte. „Woher weißt du das?"
Jack lehnte sich nahe an Ennis' Ohr. „Versteh das nicht falsch, Babe, aber nach all den Jahren bist du ein offenes Buch für mich."
Ennis kicherte. „Nun, ja, das wusste ich schon. Und ich hab mit KE geredet, ja. Keine Ahnung, ob das was geändert hat, wir werden sehen."
Jack war fertig und legte die Tube in die Tasche zurück. Dabei nahm er eine Flasche in die Hand. „Willst du ein Bier?"
„Klar.", sagte Ennis und nahm die Flasche von Jack entgegen. Sie legten sich bequemer hin, Ennis lehnte sich gegen einen Sattel und Jack legte sich quer zu ihm, wobei sein Kopf auf Ennis' Bauch ruhte.
„Also dieser Chili Wettbewerb… hast du mal drüber nachgedacht?"
„Ja, hab ich. Ich weiß, dass wir vorhatten, einen großen Gewinner zu küren, aber jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob das so eine gute Idee ist."
„Was meinst du?"
„Das sind alles Freunde und Familienmitglieder. Es ist nicht schön, sie gegeneinander aufzuhetzen… das erscheint mir nicht fair."
„Ja, gut, aber wir haben allen gesagt, dass es einen Wettbewerb geben wird, also was willst du dagegen unternehmen?"
„Ich dachte, ich könnte noch ein paar zusätzliche Kategorien einbringen… ich hatte da so ein paar Ideen. „Bestes Chili von einem Texaner" und dann „Bestes Chili von außerhalb."
„Du hast zwei Leute von außerhalb…"
„Ja, und drei aus Texas. Ich könnte so viele Kategorien machen, dass jeder am Ende irgendwas gewinnt."
Jack nickte. „Wie wäre es mit dieser Kategorie: „Das beste Chili mit Bohnen" und „Das beste Chili ohne Bohnen"?"
„Ja, genau sowas. Wir haben keinen Zettel hier, oder? Sodass wir alles mal aufschreiben könnten, damit wir's nicht vergessen?"
Jack schüttelte den Kopf. „So sehr ich es auch mag, Listen zu schreiben, hab ich nicht gedacht, dass wir sie hier unten am Fluss brauchen, also sorry, Cowboy, keine Zettel."
„Okay, dann müssen wir es uns einfach behalten. Aus Texas, von außerhalb, Bohnen, keine Bohnen…" Ennis zählte alles an seinen Fingern auf, dann erschien ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht. „Wir könnten eine Kategorie machen: „Bestes Chili von jemandem der homosexuell ist"."
Jack wandte den Kopf und sah Ennis an. „Meinst du das etwa ernst?"
„Warum denn nicht? Wir haben immerhin drei Kandidaten: dich, Kelly und Billy und Scott."
Jack schüttelte lachend den Kopf. „Du bist echt zu viel. Willst du wirklich schwule Chiliköche auf deinen Bruder loslassen?"
„Ich lass euch nicht auf ihn los, ich erfinde bloß eine neue Kategorie." Eine Weile lachten sie beide gemeinsam und sponnen den Gedanken weiter, wie KE Del Mar „Das beste Chili eines schwulen Mannes oder einer lesbischen Frau" bewertete. Dann setzte sich Ennis ruckartig auf. „Scheiße!", rief er aus.
"Was ist denn?", fragte Jack alarmiert.
„Mir ist grad eingefallen, dass ich nur die eine Trophäe hab, die wir im Partyladen gekauft haben. Wenn wir all diese Kategorien haben, dann brauchen wir mehr Preise. Und ich hab grad gar keine Lust, heute noch in die Stadt zu gehen."
„Wir können Jenny fragen, ob sie was am Computer entwirft.", antwortete Jack schlicht. „Sie kann Zertifikate schreiben. Und weißt du was?"
"Was?"
"Wir können eine Kategorie machen, wo die Leute abstimmen. Jeder darf wählen. Und der Gewinner bekommt dann die Trophäe."
Ennis nickte. "Perfekt. Und hilfst du mir auch, mich an all das zu erinnern?"
Jack grinste ihn an. „Sicher. Du kennst mich, ich bin Mr. Memory."
„Mr. Memory, wenn du ein Stück Papier hast, um dir alles aufzuschreiben.", sagte Ennis zwinkernd.
Jack rollte hinüber und stieß Ennis in die Seite. „Hör auf mich zu verarschen.", sagte er ehrlich beleidigt."
„Das mach ich nur, weil ich dich liebe.", wiederholte Ennis Jacks Worte und grinste ihn an.
Jack grinste zurück. „Ich liebe dich auch.", sagte er sanft. Er ließ seine Augen über Ennis' Körper wandern und fuhr mit seinen Fingern über sein Tattoo. „Es wundert mich immer noch, dass du es dir hierhin hast machen lassen."
Ennis kicherte. „Wenn ich jedes Mal einen Nickel bekäme, wenn du das sagst, wäre ich bald reich."
"Ja...nun..." Jack hielt inne.
„Ja, nun, du wunderst dich, weil du mich für einen altmodischen Kerl hältst und ich dann sowas tue."
„Schätze deswegen, ja."
„Vielleicht ist das meine Art, schwul zu sein… es macht mir nichts aus, weißt du."
„Was macht dir nichts aus?"
„Dass ich schwul bin. Aber ich renne nicht in Kleidern und Perücken und so einem Mist herum."
Jack sah ihn verwirrt an. „Ich kann dir nicht ganz folgen, En.", sagte er mit unsicherer Stimme.
„Ich sage nur, dass schwul sein… und zu akzeptieren, dass man schwul ist, einem eine Menge verschiedener Möglichkeiten eröffnet. Und das ist KEs Problem. Er denkt nicht offen. Das hab ich lange Zeit auch nicht, wie du weißt."
Jack nickte zur Antwort.
„Vielleicht war das Tattoo ein Schritt hin zu mehr Offenheit… aber trotzdem muss ich es verstecken."
„Es verstecken? Ich dachte, du hast es gemacht, weil du es sexy findest."
„Ich verstecke es und du findest es sexy. So haben wir beide was davon."
Jack rieb erneut darüber, dann beugte er seinen Kopf nach vorne und küsste es. „Das ist eine meiner schönsten Erinnerungen.", sagte er sanft.
„Scheiße, was?? Sich ein Tattoo stechen lassen? Also ich kann gut ohne die Erinnerung daran leben."
Jack schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, nicht das stechen lassen, sondern das, wofür es steht. Zu heiraten…"
„Ah.", erwiderte Ennis. „Das meinst du. Ja, da hast du Recht, das ist auch eine meiner schönsten Erinnerungen."
„Ich hätte das nie erwartet, Ennis."
„Was erwartet?"
„Dass du den Ring an dem Tag ansteckst und nie wieder abnimmst."
Ennis lächelte zu ihm herab. „Als ich ihn angezogen hab, wusste ich, dass ich ihn nie mehr abnehmen würde. Ich wusste nur nicht, dass es so läuft."
Jack stellte seine Bierflasche ab und rutschte die Decke hinauf, wo er sich nahe an Ennis' Gesicht legte. „Küss mich.
Ennis nahm Jacks Gesicht in seine Hände und beugte sich zu ihm. Sein Atem war heiß. Ihre Münder trafen zusammen, zuerst berührten sich ihre Lippen sanft, dann leidenschaftlicher, als Ennis begann, mit seinen Zähnen an Jacks Unterlippe zu knabbern. Sie lösten sich voneinander. Ennis sagte mit heiserer Stimme zu Jack: „Erzähl mir noch eine."
„Eine was?"
„Eine schöne Erinnerung."
Jack lehnte sich zurück und seine Augen huschten über Ennis' Gesicht, während er nachdachte. Dann, nach einer Pause, sagte er. „Als ich mit dir auf Jennys Hochzeit getanzt habe."
Ennis grunzte. "Oh Jesus, Jack, warum fängst du davon an, ich hasse es zu tanzen."
„Das weiß ich, aber ich mag es zu tanzen und das war das einzige Mal, wo wir auf einer Party oder so zusammen getanzt haben."
„Also, wenn du tanzen magst, dann hast du wohl den falschen Kerl geheiratet."
Jack grinste. „Also ich tausche eine Million Tänze gegen ein Leben mit dir, Babe. Aber ich sage ja nur, warum es eine schöne Erinnerung ist."
Sie lächelten einander zu, dann fuhr Jack mit seinen Fingern Ennis' Kiefer entlang. „Na los, erzähl du mir eine… eine schöne Erinnerung."
Ennis sah Jack an und bemerkte die Liebe, die in seinen Augen stand. „Eine Erinnerung…", sagte er. „Wie wäre es hiermit, gerade jetzt?"
"Was meinst du?"
"Wir schaffen eine Erinnerung, Jack... ich brauch nicht an alte Dinge zurückzudenken, denn ich habe etwas hier, das genau vor meinen Augen Gestalt annimmt. So war mein Leben mit dir nämlich bis jetzt, eine Reihe voller schöner Erinnerungen, eine schöner als die andere."
„Was ist mit den alten Tagen?", fragte Jack flüsternd.
„Du meinst, bevor wir hier gelebt haben?" Jack nickte und Ennis sah ihn an. „Die Zeiten mit dir waren glücklich.", sagte er. „Nur dann, wenn du weg warst, daran mag ich mich kaum erinnern."
„Ach Ennis…"
Ennis richtete sich in eine sitzende Position auf. „Ach komm, Jack, wir werden sentimental."
„Ja nun, du warst schon immer sentimental.", erwiderte Jack lächelnd.
Ennis lachte. „Stimmt. Okay, weißt du, was auch eine schöne Erinnerung ist?"
„Nein, was?"
„Der Tag, an dem du diese Badehosen weggeschmissen hast. Ich mag es, mit dir nackt baden zu gehen." Er stand auf und zog Jack auf die Füße. „Wir sollten uns abkühlen, es wird ein wenig heiß hier."
Jack sah Ennis an, gab ihm einen Klaps auf den Hintern und lief dann in Richtung Fluss. „Klar doch, Cowboy.", rief er, während er rannte. „Und der Letzte ist ein verfaultes Ei!"
