Kapitel 25
Flüstern
Jack erwachte vom Geräusch des Regens, der auf das Dach und gegen das Fensterglas prasselte. „Ach Scheiße.", sagte er und stieß das schlafende Etwas neben sich mit dem Ellenbogen an. „Ennis, verdammt es regnet."
„Häh?", fragte Ennis mit schwerer verschlafener Stimme.
„Ich hab gesagt, dass es regnet, verdammt."
„Macht doch nichts, das hört auf, leg dich hin.", antwortete Ennis, drehte sich auf die andere Seite und bearbeitete das Kissen unter seinem Kopf.
Jack aber ließ sich nicht so einfach abwimmeln. Er stand auf und ging ans Fenster, wo er selbst in der Dunkelheit den ständigen Regen sehen konnte. Er kam zum Bett zurück. „Ennis, es gießt wie aus Eimern."
Ennis streckte eine Hand aus und rieb sich die Augen, dann zog er die Decke bis unters Kinn. „Ich versuche, hier zu schlafen.", sagte er. „Und es ist eh schon schwer genug, wenn es so schüttet. Also leg dich schlafen, Jack, es hört schon wieder auf."
„Aber es werden dreißig Leute herkommen, um Chili zu kochen. Wie zur Hölle sollen wir das im strömenden Regen machen? Scheiße, wir hätten ein Zelt mieten sollen. Ich hab nie über Regen nachgedacht."
Ennis seufzte, dann drehte er sich im Bett wieder herum und sah Jack an. „Wir haben die Scheune und einen Stall und auch eine Küche mit einem Herd. Wir schaffen das schon, geh schlafen."
„Ich lass unsere Gäste doch nicht in einer Scheune kochen!", rief Jack aus.
„Jesus Christus, Jack, könntest du dich entspannen? Es ist vier Uhr morgens. Ich schwöre dir, um neun regnet es nicht mehr. Kannst du dich an einen vierten Juli erinnern, an dem es geregnet hat? Häh? Kannst du das?"
"Ach Ennis, fick dich.", sagte Jack, schmiss sich aufs Kissen und drehte sich um.
„Gottverdammt, Jack, fang doch keinen Streit mit mir an wegen dem blöden Wetter. Das können wir eh nicht beeinflussen und nichts dran ändern. Vielleicht hätten wir ein Zelt mieten sollen aber das haben wir nicht, also müssen wir es eben irgendwie hinkriegen. Außerdem würde ich ein Vermögen darauf setzen, dass die Sonne scheint und es heiß sein wird, wenn unsere Gäste kommen."
Jack antwortete nicht, er lag still da und sagte gar nichts.
Ennis lag eine Weile einfach da und sah ihn an. Er konnte die Anspannung in seinem Körper sehen. Er focht einen Kampf in sich aus, ob er sich nicht wieder herumdrehen und versuchen sollte zu schlafen. Stattdessen aber streckte er eine Hand aus und strich über Jacks Schulter und seine Seite hinab, wobei er die weiche Haut mit seinem rauen Handrücken streichelte. „Los, komm her.", sagte er sanft und schließlich gab Jack nach, drehte sich auf den Rücken und sah zu Ennis hin.
Ennis setzte sich auf und brachte seinen Körper in die gewohnte Position über Jack, die sie beide so sehr liebten. „Ich weiß, dass du dir Sorgen wegen der Party machst.", begann er sanft. „Aber es wird alles gut werden. Mach dich nicht verrückt wegen dem Wetter."
"Es ist ja nicht nur das Wetter...", sagte Jack.
Ennis nickte. „Ja schon klar. Aber sieh mal, wir haben schon zwei Abendessen mit der Familie und ein großes Frühstück überstanden. Alle fanden es toll. Heute wird es genauso sein."
Jack lächelte Ennis zu. Er ließ die Worte auf sich wirken aber sagte nichts.
„Erinnere dich einfach an gestern, als wir am Fluss waren.", sagte er. „Und an schöne Erinnerungen gedacht haben. Heute erschaffen wir eine neue schöne Erinnerung."
"Ja, aber wenn es regnet..."
„Wenn es regnet, werden wir uns noch besser daran erinnern. „Als Jack und Ennis einen großen Chiliwettbewerb veranstalteten, alle aus dem ganzen Land herkamen und es zum ersten Mal seit fünfzig Jahren an einem vierten Juli in Quanah, Texas, regnete." Ist das keine tolle Erinnerung?"
Jack grinste, dann lachte er leicht. „Ach Ennis, du weißt, wie du mich aufmuntern kannst."
Ennis ließ seine Hand an Jacks Körper hinabwandern, ergriff seinen Penis und seine Hoden und drückte sie leicht. „Ich weiß noch einen besseren Weg, um dich aufzumuntern…", flüsterte er.
„Jap, das tust du…"
„Willst du was von meiner Liebe, Cowboy?", fragte Ennis, beugte sich hinab und verteilte zärtliche Küsse auf Jacks Schlüsselbein.
„Hast du gestern Abend nicht genug bekommen?", fragte Jack mit leiser Stimme.
„Ich krieg doch nie genug von dir. Außerdem war das gestern Abend. Jetzt ist es der Morgen des vierten Julis. Einen fröhlichen Jahrestag." Ennis lehnte sich zurück und sah Jack ins Gesicht, der ihm zulächelte.
„Dir auch einen fröhlichen Jahrestag.", sagte er. „Dreißig verdammte Jahre…"
„Kaum zu glauben…", erwiderte Ennis und bearbeitete Jacks Glied in einem regelmäßigeren Rhythmus. „Hast du ein Geschenk für mich? Oder willst du eines?"
Jack legte sich auf die Seite und fuhr mit seinen Fingern Ennis' Gesicht hinab. „Leg dich hin.", sagte er. „Ich übernehme das."
"Was du nicht sagst, Cowboy.", grinste Ennis.
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Kelly drehte sich auf die Seite. Dabei drückte ihr Unterleib auf ihre Blase und sie wachte auf. „Verdammt.", dachte sie und setzte sich leise hin, um Jenny nicht zu stören. „Wenn ich jetzt schon dreimal in der Nacht pinkeln gehen muss, wie wird das erst im Dezember sein?"
Sie nahm ihren Morgenmantel und schlüpfte hinein, dann tappte sie aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Als sie den Flur in Richtung Badezimmer hinab ging, verwunderte es sie, Stimmen zu hören. Sie sah sich um, dann erkannte sie, dass sie aus dem großen Schlafzimmer kamen, dessen Tür geschlossen war. „Fick mich, Babe, oh fick mich.", hörte sie Ennis' Stimme klar und deutlich in dem stillen Korridor.
Kelly spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, dann grinste sie hinter vorgehaltener Hand und eilte ins Bad. Sie benutzte die Toilette und wusch sie erst die Hände, dann das Gesicht. Sie erkannte, dass sie Zeit schindete. Aus ihrem Kulturbeutel ragte ihre Zahnbürste hervor, so begann sie, langsam ihre Zähen zu putzen und die Bürstenstriche zu zählen.
Auf Zehenspitzen schlich sie in den Flur und wollte rasch in ihr Zimmer zurück eilen. Dann aber ergriff die Neugier Besitz von ihr. Sie blieb vor Jack und Ennis' Zimmertür stehen. Es waren zwar keine hitzigen Schreie mehr zu hören, aber sie vernahm murmelnde Stimmen.
„Oh Gott, ich bin so vorwitzig.", dachte sie, dann lief sie rasch die Treppen hinab, um nach Evan zu sehen, der auf einem Klappbett im Wohnzimmer lag. Er schlief tief und fest, ein Arm lag über seinem Kopf, den Mund hatte er geöffnet und er atmete geräuschvoll. „Nacht, Baby.", flüsterte sie, wickelte die Decke fester um ihn und ging die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer zurück.
„Alles klar?", fragte Jenny verschlafen, als sie neben ihr ins Bett glitt.
„Ja, mir geht's gut, Süße, ich wollte dich nicht wecken, schlaf weiter."
„Wo warst du denn?"
„Nur im Bad und dann hab ich noch nach Evan gesehen. Shhh, schlaf weiter."
„Du warst aber lang weg.", sagte Jenny und wurde mit jeder Sekunde wacher.
„Ich… hab im Bad eben meine Zeit gebraucht.", sagte Kelly. „Und jetzt los, schlaf."
Jenny setzte sich auf und sah besorgt aus. „Dir war doch nicht schlecht oder?" Jenny selbst hatte sich fast ihre halbe Schwangerschaft mit morgendlicher Übelkeit herumschlagen müssen, sodass sie überzeugt war, dass Kelly auch jeden Moment damit anfangen würde, auch wenn sie keinen einzigen Tag gehabt hatte, an dem es ihr schlecht gegangen war, seit der Arzt ihre Schwangerschaft bestätigt hatte.
„Nein, ich hab dir doch gesagt, dass es mir gut geht. Ich hab nur im Bad gewartet bis…"
„Bis was?"
„Naja, ich glaube, dein Dad und Jack hatten ein bisschen Spaß. Ich hab so lange gewartet, bis ich glaubte, dass sie fertig waren, damit ich sie nicht… hören musste."
„Wie meinst du das… hören?"
„Naja, sie waren ein wenig laut, ich wollte sie erst fertig werden lassen."
Jenny sah ihre Partnerin an. „Kelly Hibbard, ich weiß wirklich nicht, wovon du da redest. Was versuchst du mir zu sagen?"
Kelly grinste leicht und unterdrückte ein Lachen. „Ich versuche zu sagen, dass ich, als ich an ihrem Zimmer vorbei ging, hörte, wie dein Vater „Fick mich, oh Gott, fick mich" rief, klar und deutlich. Ich wollte sie nicht stören."
Jenny ließ sich auf ihr Kissen fallen und presste die Hände auf die Augen. „Oh Gott, das wollte ich nicht hören."
Kelly lachte. „Du hast ja nicht locker gelassen."
"Aber nur weil ich immer weiter gefragt hab, musstest du es mir doch nicht sagen!"
„Sorry, ich kann nicht Gedanken lesen, besonders nicht mitten in der Nacht. Außerdem", Kelly hielt inne. „War es irgendwie... ich weiß auch nicht... heiß? Süß? Ich mag die Idee, dass sie sich so sehr lieben, dass sie um vier Uhr morgens Sex haben."
„Kelly bitte…"
„Was denn?"
„Du redest da grade von meinem Vater.
„Ja und?"
„Ich will wirklich nicht über das Sexleben meines Vaters sprechen!"
„Ach, komm schon, Jen, wir sind doch erwachsen."
„Wir sind vielleicht erwachsen, aber es gibt gewisse Dinge, aus denen man nicht herauswächst."
Kelly lachte. „Jetzt bist du aber albern."
"Albern? Wenn ich so albern bin, dann lass uns doch mal über das Sexleben von Roger und Gwen reden, sollen wir?"
Kelly lachte wieder. „Über meine Eltern? Die haben kein Sexleben. Sie schlafen in getrennten Schlafzimmern, um Himmels Willen. Manchmal frage ich mich, woher ich überhaupt komme."
„Hmmmph.", machte Jenny, ließ sich auf ihr Kissen fallen und drehte sich um. „Gute Nacht, Kel."
Kelly streckte einen Arm aus und streichelte Jennys Arm. „Ach komm, leg dich nicht sauer ins Bett. Außerdem finde ich es süß."
Jenny wandte sich wieder um und sah Kelly an. „Was ist süß?"
„Ennis und Jack. Dass sie so verrückt nacheinander sind. Sieh dir doch mal an, wie sie einander anschauen, diese Bewunderung in den Augen."
Jenny lächelte Kelly zu, entspannte sich und genoss ihre Berührung. „Diesen Blick hatten sie schon immer.", sagte sie. Sie ließ ihre Gedanken zurückwandern und die verschiedenen Etappen ihres Lebens vorbei ziehen. „Du hast ja Recht, es ist nett."
„Das ist der Hauptgrund dafür, dass ich den Besuch hier so genieße.", sagte Kelly. „Das zeigt mir, was Liebe ist. Ich hoffe", sagte sie, beugte sich vor und küsste Jenny sanft hinters Ohr, „dass ich dich genauso ansehen werde, wenn ich sechzig bin."
Ihr Mund wanderte an Jennys Wange hinab, suchte ihren Mund. Ihre Lippen fanden einander, erst sanft, dann leidenschaftlicher. Jennys Hand strich über Kellys Körper, glitt ihren Rücken hinab, über ihre Brüste und blieb dann auf ihrem leicht angeschwollenen Unterleib liegen.
„Fühlst du schon was?", fragte sie leise. „Bewegt sich das Baby schon?"
Kelly schüttelte den Kopf. „Es ist noch zu früh. Das erwarte ich erst in ein paar Wochen."
„Es ist cool, wenn das das erste Mal passiert. Du wirst es mögen."
„Ich weiß. Das hast du mir etwa neun Millionen mal gesagt."
Jenny lachte leicht. "Ja, aber es ist wirklich wundervoll. Ich bin ein bisschen eifersüchtig, weißt du."
„Eifersüchtig? Worauf?"
"Dass du schwanger bist. Und nicht mehr ich..."
„Ach, komm schon, Babe, sei nicht albern.", sagte Kelly und zog Jenny an sich. „Wir genießen es doch zusammen."
Eine Weile lagen sie gemeinsam da und atmeten im selben Rhythmus, dann sah Jenny Kelly an. „Hast du wirklich meinen Vater gehört? Ich meine, hat er „fick mich" gesagt?"
Kelly nickte. "Oh ja, das war eindeutig seine Stimme. Warum?"
"Ich dachte nur immer... oder habe angenommen... naja, dass er der Aktive der beiden wäre… Ich bin wohl etwas überrascht."
„Wahrscheinlich wechseln sie sich ab. Ich meine, nach dieser langen Zeit… ich bin sicher, sie haben schon alles ausprobiert, was du dir vorstellen kannst…nicht wahr?"
„Du hast sicher Recht…"
Kelly kicherte leise, dann sagte sie in der besten Imitation von Steve Martin, die sie zustande brachte: „Sie sind zwei wilde, verrückte Kerle!"
Jenny lachte. „Ah, hör auf!" Dann versuchte sie ihre eigene Imitation und sagte: "Sind sie nicht, dann sie mögen keine Frauen mit großen amerikanischen Brüsten!"
Die beiden brachen in schallendes Gelächter aus, dann flüsterte Jenny: „Wir sollten die Klappe halten, sonst wecken wir noch alle im Haus auf."
Kelly hustete und lachte. „Ich hoffe nur, dass du dieses Gen geerbt hast."
"Welches? Das, das auf große amerikanische Brüste steht?"
„Verdammt, nein, ich weiß ja, dass du das hast! Nein ich meine, das Gen, das Sex mag. Ich hoffe, das hast du auch."
„Oh, Kelly, hör auf! Sag sowas nicht."
"Warum nicht? Du bist eine Del Mar, er ist dein Vater. Ich hoffe, dass du mich genauso sehr lieben willst, wie er Jack liebt, wenn du in seinem Alter bist."
„Oh Gott, wir machen es schon wieder! Wir reden über sein Sexleben!"
Kelly lachte. „Ich finde es toll, dass er ein Sexleben hat. War er schon immer so?"
„Wie meinst du das?"
„Ich meine, ehe er mit Jack zusammen kam. Als er mit deiner Mutter verheiratet war?"
„Kelly, ich erinnere mich kaum. Ich war zehn, als er hierher zog und acht, als er aus dem Haus ging." Sie hielt inne und fuhr dann fort. „Aber nein, ich erinnere mich nicht, dass er sonderlich leidenschaftlich war. Er war launisch und aggressiv. So war er… entweder meckerte er in der Wohnung herum oder er gab sich die Kante… dazwischen gab es nichts."
„Das hört sich nicht nach dem Ennis an, den ich kenne."
„Oh, er war ein komplett anderer Mensch. Verschieden wie Tag und Nacht. Ich hab dir vom Brown Palace erzählt, oder?"
„Erzähl's mir nochmal."
„Nun, er kam, um mich und Junior zu unserem ersten Besuch hier abzuholen. Als er seit, ich schätze mal, zwei Monaten mit Jack zusammen lebte. Und dann trat er in die Hotellobby und meine Mutter wäre fast gestorben."
„Warum?"
„Er sah so gut aus. Und er machte so ein glückliches Gesicht! Ich glaube nicht, dass einer von uns ihn je so hatte lächeln sehen. Er strahlte einfach. Es kam von Herzen. Und Mom erkannte… naja, ich denke zumindest, dass sie es gesehen hat… dass er sie wahrscheinlich nie geliebt hat. Ich bin sicher, das hat ihr wehgetan."
„Also war alles wegen Jack. Er war schon immer schwul, von Anfang an."
Jenny nickte. „Jap, alles wegen ihm, er war es, den er liebte."
"Er musste nur seinen wilden, verrückten Kerl finden."
Jenny grinste weise. „Er hat ihn schon recht früh gefunden. Er musste nur mit ihm zusammen kommen, das war das Schwere."
Kelly fuhr mit ihren Fingern an Jennys Gesicht hinab und strich ihr eine Locke hinters Ohr. „Ich schätze, das ist etwas, was sich zwischen 1963 und 1993 verbessert hat… wir mussten uns nicht mit all diesen Problemen herumschlagen, so wie sie."
Jenny schüttelte den Kopf. „Nein, das stimmt. Ich hatte nur innerlich zu kämpfen und als ich dich dann getroffen hab, war mir alles klar."
„Ich liebe dich.", sagte Kelly sanft.
Jenny lächelte. „Komm her.", sagte sie und bewegte ihren Körper im Bett. „Leg dich zu mir." Und sie zog ihre Partnerin an sich, um zärtlich ihre Hände auf ihren angeschwollenen Bauch zu legen. „Ich liebe dich auch.", flüsterte sie und langsam schliefen beide wieder ein.
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KE erwachte, weil der Regen gegen das Fenster prasselte und langsam von der Fensterbank tropfte… plop, plop, plop. „Es regnet, verdammt.", dachte er. „Ich hab gedacht, es regnet in Texas nicht, zumindest nicht zu dieser Jahreszeit."
Er wälzte sich im Bett und setzte sich auf, dann ging er zu dem kleinen Stuhl am Fenster. Er zog den Vorhang beiseite und schaute über die Farm hinweg. Die Notbeleuchtung im Stall und in der Scheune brannte und warf Lichtkegel auf das Gras. „Ich hoffe, dass das nicht ihre Party ruiniert.", dachte er, dann war er überrascht über seine eigenen Gedanken. Vor zwei Wochen, ach, vor zwei Tagen noch wäre er froh gewesen, wenn der Regen ihre Party ruiniert hätte… aber jetzt…
KE dachte an die vergangen Tage. Es war klar, dass Jack und Ennis viel Zeit in die Planung der Party investiert hatten. Er hatte Tüten voller Lebensmittel und Dekoration gesehen, unzählige gemietete Tische und Stühle in der Scheune. Immer, wenn Jack in der Küche verschwand, tauchte Essen auf: Snacks, Getränke, Menus. KE war ehrlich erstaunt von ihrer Gastfreundlichkeit und großzügiger Offenheit. Aber… was hatte er Anderes erwartet?
Er dachte über die vergangenen Wochen nach, in denen er sich auf die Reise vorbereitet hatte und darauf, seinen Bruder nach fünfundzwanzig Jahren wieder zu sehen. Er hatte kein Bild von ihm, keine Vorstellung und nun erlebte er ihn in Fleisch und Blut…
Als er darüber nachdachte, erkannte KE, dass der Ennis seiner Vorstellung noch ein neunzehnjähriger Junge gewesen war, der ihm an einem Morgen im May 1963 die Hand geschüttelt hatte, eine Tasse Kaffee hinunter gekippt hatte und zur Tür hinausmarschiert war – um nach Signal zu trampen, für einen Sommerjob beim Farm and Ranch Employment Service. „Sie haben ihn auf diesen Berg beordert, wo er Jack getroffen hat…
…Obwohl ich da noch nicht wusste, dass er Jack getroffen hatte…" KE erinnerte sich an Ennis bei seiner Hochzeit: „Still, verklemmt und fast schmerzhaft schüchtern… nicht viel anders als jetzt. Nichts hatte sich geändert… und doch hatte sich alles geändert.
KE überlegte weiter. Er erkannte, dass er Ennis bei seiner Hochzeit das letzte Mal gesehen hatte… bis? Bis er ihn auf einem Familienpicknick wieder sah, welches Cecilia arrangiert hatte. Es war das erste Mal, dass er seine beiden Nichten getroffen hatte und sie waren gar nicht mehr so klein gewesen. Er runzelte die Stirn und versuchte, sich daran zu erinnern. „Die kleine Alma war sechs und Jenny war vier. Was war nochmal der Anlass, verdammt?" Er überlegte und überlegte, dann fiel es ihm ein... es war 1970 gewesen, der 80ste Jahrestag, seit Wyoming ein unabhängiger Staat geworden war. „Welch blöde Ausrede, um eine Party zu geben…" Aber war es wirklich so blöd? Niemand sonst hatte versucht, die Familie zusammen zu bringen, also konnte er es Cecilia übel nehmen?
KE dachte an die Worte, die Ennis ihm am Tag zuvor gesagt hatte. „Für den Fall, dass du es nicht gemerkt hast, die Familie bedeutet mir sehr viel. Nun, nein Ennis, das hatte ich nicht gemerkt. Du hast geheiratet und ich hab dich sechs oder sieben Jahre lang nicht gesehen. Aber auf der anderen Seite hast du Tag und Nacht gearbeitet, nur, um wenigstens ein bisschen was auf den Teller zu kriegen und die Miete zahlen zu können, wer hat da Zeit für Familienpicknicks, für Geschenke oder für Erinnerungen?"
KE sah erneut aus dem Fenster und seine Augen schweiften über die Ländereien, die zur Farm gehörten. Es war ein schöner Ort, weitläufig, und offensichtlich kamen Jack und Ennis gut klar. Als er mit Alma verheiratet gewesen war, das wusste KE, hatte Ennis in einem Haufen perspektivloser Jobs festgesteckt und keine Aussichten auf Erfolg gehabt. KE kannte dieses Gefühl – schließlich war er in derselben, verdammten Situation gewesen. Lewis, der auf Ölfeldern arbeitete, hatte wohl mehr Glück gehabt, er machte etwas Geld und konnte einen Teil beiseite legen.
Aber was war dann passiert? Ennis wurde geschieden, fand einen Mann und fand ein Leben. Und wenn man es so betrachtete, war es ein ziemlich gutes Leben. Es war klar, dass er glücklich war, gesund… und schwul.
„Jap, er ist schwul. Stockschwul und hat kein Problem damit, es zuzugeben, hat kein Problem damit, zu sagen, dass er ein schwules Leben lebt." Aber wenn ein solches Leben ihm dies hier gegeben hatte… diese Farm, eine Familie und ein langes, glückliches Leben, wer konnte dann sagen, dass es falsch war?
„Aber es ist falsch!", stritt KE mit sich selbst. „Was daran falsch ist? Einen Kerl zu ficken, das ist falsch! Und warum? Weil es eben so ist! Sagt wer? Sagt mein Daddy!... Aber Daddy ist nicht mehr da und Ennis schon..."
KE seufzte, stand von seinem Stuhl auf und legte sich ins Bett zurück. „Es ist so verdammt kompliziert.", dachte er und erinnerte sich an Ennis' Worte. „Mach alles auf einmal… gewöhn dich erst an mich… dann an Jack."
Er zog die Decke bis unters Kinn und in der Dunkelheit, als der Regen gegen das Fenster prasselte, gestand er sich selbst etwas zu. „Ich werde mich an dich gewöhnen, Ennis… an dich und an Jack. Ich kann nicht versprechen, dass ich auch andere Homos mag, aber euch… ja… weil… nun, du bist mein Bruder und am Ende ist das wichtiger als alles Andere."
Er holte tief Luft und spürte, dass dies ihn irgendwie beruhigte. Er fühlte eine Zufriedenheit, einen Frieden, den er so eine lange, lange Zeit lang nicht gefühlt hatte. Und innerhalb weniger Minuten war er fest eingeschlafen.
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Am vierten Juli 2006 ging in Quanah, Texas um 5.32 Uhr die Sonne auf.
Und es regnete nicht mehr.
