Kapitel 33
Drei Briefe und ein Todesfall
Jack schaltete seinen Jubiläums-Truck in den zweiten Gang und fuhr langsam an den Briefkasten heran. „Ich liebe es, diesen Truck zu fahren.", sagte er. „Da fühl ich mich wie ein Gentleman-Farmer oder sowas."
Ennis grunzte, griff zum Briefkasten und holte einen Packen Briefe und Magazine heraus. „Was, du und ein Gentleman? Das will ich aber sehen."
"Naja, das einzige, was mich davon abhält einer zu sein, ist das Herumhängen mit Gesindel wie dir.", konterte Jack sofort. Er schaute auf die Post, die Ennis in den Händen hielt. „Heute ist aber viel Zeug dabei, was?", kommentierte er.
"Wir haben einen Weihnachtskatalog bekommen!", rief Ennis aus und hielt das bunte Magazin in die Höhe. „Es ist verdammt nochmal Mitte August und die senden uns Weihnachtsmist?"
„Oh, das ist von LL. Bean… ich mag diesen Laden."
„Ja… ich mag ihn auch aber ich will deren blöde Weihnachtskataloge nicht im August kriegen, herrje…" Er blätterte durch die Briefe und hielt einen hoch. „Hier ist ein Brief für Bobby."
"Bobby Twist?"
"Nein, Bobby Jarrett." Ennis warf einen Blick auf den Absender. "Der ist von Chrissie. Wahrscheinlich kennt sie seine Adresse nicht."
„Ich frag mich, warum sie einen Brief schreibt.", sagte Jack. „Ich dachte, dass die Kids von heute per E-Mail und Handy kommunizieren."
„Sie ist doch im Camp, erinnerst du dich? Da gibt's keine Computer und Handys."
„Ach ja." Jack schaltete und fuhr den Truck die Straße hinunter in Richtung Stall. "Da können wir ihn ja gleich bei ihm abliefern. Was haben wir noch?"
„Noch zwei Briefe. Einer von Jenny und einer von KE.", erwiderte Ennis mit ruhiger Stimme. Er steckte die Briefe in seine Tasche. „Ich lese sie nachher im Haus.", sagte er. "Lass uns erst Bobby suchen."
Jack parkte den Truck, sie stiegen aus und betraten die dunkle Kühle des Stalles. Bobby stand in einer Box, verteilte einen großen Heuballen und pfiff vor sich hin. Er sah auf. „Jack! Ennis! Hab nich erwartet, Sie heut Morgen zu sehen."
"Wir sind hier, um dich zum Mittagessen einzuladen... wir haben einen netten Truthahn und machen Sandwichs."
„Sie müssen mich nicht durchfüttern. Ich hab ein Lunchpaket."
Ennis kicherte. „Deinen Bruder haben wir zehn Jahre lang durchgefüttert, wir sollten die Tradition bewahren." Er hielt ihm den Umschlag hin. „Du hast einen Brief gekriegt."
Bobby wischte sich die Hände an seiner Jeans ab und nahm Ennis den Umschlag ab. „Einen Brief? Ich?" Er riss ihn auf und begann zu lesen, während Jack und Ennis zurück zum Truck gehen wollten. Ehe sie aber die Tür geöffnet hatten, stand Bobby neben ihnen und schwenkte ein hellblaues Blatt Papier. „Ist von Chrissie… ähm… sie sagt Hi."
„Oh.", sagte Ennis. „Noch was?"
"Nur, dass sie hier sehr viel Spaß hatte, und das Camp im Vergleich ziemlich öde ist… und ähm… sie lädt mich ein, sie am Labor Day Wochenende zu besuchen."
Jack und Ennis hoben beide ihre Augenbrauen. „Ein Besuch? In Laramie? Das ist ja eine Überraschung.", sagte Jack.
„Ja, das fand ich auch."
Ennis musterte Bobby. „Mochtest du sie denn so sehr? Mochte sie dich?"
„Ja, wir sind super klar gekommen, sie ist ein echt nettes Mädel, aber ich hab das eher für so ein Sommerding gehalten, wissen Sie… ich dachte, sie würde nach Laramie zurückgehen und mich vergessen."
„Gibt's denn einen Grund für den Besuch?"
„Eine Band, die wir beide mögen, spielt an der Universität. Sie dachte, wir könnten gemeinsam hingehen."
Ennis hielt inne und ordnete seine Gedanken, dann sagte er: „Ähm, Bobby… weiß ihre Mutter davon? Oder hat Chrissie diese verrückte Idee im Camp bekommen?"
Bobby schüttelte den Kopf. „Sie sagt, sie hat ihrer Mama geschrieben und Mr. Curtis wird meine Eltern anrufen und es mit ihnen bereden. Wie weit ist Laramie eigentlich weg?"
„Es ist eine zehn- oder elfstündige Fahrt. Etwas mehr als siebenhundert Meilen."
„Hm.", machte Bobby und besah sich wieder ihren Brief. „Ich bezweifle, dass Mom und Daddy mich alleine so weit fahren lassen. Ich werd wohl den Bus oder so nehmen müssen."
Ennis nickte. „Ja, es ist eine lange Fahrt. Du hast deinen Führerschein noch kein Jahr, richtig?"
Bobby nickte.
„Hör mal, Bobby, haben deine Eltern Chrissie getroffen, als sie hier war?"
Er nickte wieder. „Erinnern Sie sich an den Abend, als wir im Kino waren? Wir haben da bei ihnen vorbeigeschaut und sie kurz besucht. Mama hat sie sich angesehen und Daddy war wie immer eher still."
Ennis hielt wieder inne und räusperte sich dann. „Bobby, ich ähm… ich muss dich das jetzt fragen, weil Junior mich wahrscheinlich fragen wird… ihr…ähm, habt doch nichts gemacht…du weißt schon… ihr hattet kein Techtelmechtel oder so?"
Bobby stutzte kurz, als versuche er zu verstehen, was Ennis wissen wollte, dann aber verstand er die Frage und seine Augen weiteten sich. „Oh, NEIN, nein, Sir! Nichts dergleichen! Naja, ähm… wissen Sie, wir haben im Kino ein bisschen rumgemacht und hatten ein paar lange Abschiedsküsse in der Nacht, bevor sie gefahren ist aber das war's, das schwöre ich bei Gott!"
Ennis nickte. „Gut… ich hab's auch nich geglaubt aber ich wollte sicher gehen, dass wir unsere Job als Anstandswauwaus auch gut gemacht haben… das haben wir offensichtlich."
„Ennis, glauben Sie mir, sie ist ein wirklich süßes Mädchen und ich mag sie sehr aber ich bin nich bereit für sowas… nich mit Chrissie und auch nich mit ner anderen."
„Nun, du bist siebzehn, Bobby, und hast deine Hormone…", unterbrach Jack ihn. „Der Gedanke ist ja nich völlig lächerlich."
Bobby sah sie beide an und seine Miene war aufrichtig und ernst. „Ich sag Ihnen war, ich hoffe, dass ich aus Quanah raus komme und vielleicht aufs College gehen kann. Als ich Billy und Scott gesehen hab, ist mir klar geworden, dass es da draußen noch mehr gibt als diese verschlafene Stadt, mehr als das einzige Zuhause, was ich je gekannt hab. Aber da ist es sicher nich der richtige Weg, ein Mädchen in die Familie zu bringen, besonders nich die Enkelin des Bosses."
Ennis kicherte leise, dann legte er Bobby eine Hand auf die Schulter. „Schon okay, du musst nichts weiter erklären. Ich wollte nur sicher gehen. Jetzt mal zu deiner Einladung… gehst du nach Laramie?"
Bobby sah sie erneut mit aufgerissenen Augen an. „Naja, es wäre sicher nett sie zu sehen… und die Universität ansehen zu können…ich hab ja grade gesagt, dass ich gerne das College besuchen würde…" Er hielt inne.
„Nun, denk drüber nach. Ich denke, wir sollten mir Junior reden, ehe sie mit deinen Eltern spricht. Wenn es da was gibt, was du wissen solltest, halten wir dich auf dem Laufenden."
Bobby lächelte. „Nun, ja… danke."
Jack sah auf die Uhr. „En, lass uns zurück fahren. Bob, komm in etwa einer Stunde zum Essen hoch."
„Klar, und danke nochmal."
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Ennis nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank, schraubte den Deckel ab und besah sich die Flasche in seiner Hand.
„Erinnerst du dich daran, als wir noch einen Flaschenöffner dafür gebraucht haben?", fragte er amüsiert. „Das scheint so lange her zu sein."
„Es ist lange her, Cowboy, und wir werden alt, so sehr wir es auch hassen, es zuzugeben."
„Ich fühl mich nich alt und ich denke, dass das Alter hauptsächlich eine Kopfsache ist." Er sah zu, wie Jack ein paar Sandwichs auf der Ablage vorbereitete. „Brauchst du Hilfe beim Essen?"
„Nee, ich komm schon klar. Geh und lies den Brief von deinem Bruder, ich bin neugierig, was er zu sagen hat."
Ennis nickte und ging auf die Veranda, wo er sich in einen der gemütlichen Adirondack Stühle setzte. Er nahm einige Blätter an liniertem Papier aus dem Umschlag und besah sich die große, kindliche Handschrift. „Er schreibt wie ich.", dachte Ennis. „Wie ein Mann, der nie die Schule beendet hat." Er seufzte und begann zu lesen.
Sonntag, der 13. August 2006
Lieber Ennis,
ich wollte dir schon ein angemessenes Dankeschön schreiben, seit ich wieder zu Hause bin, aber es war so viel los hier und das hat meine ganze Zeit beansprucht. Jetzt endlich ist es ein ruhiger Sonntag, Cecilia ist in der Kirche und ich hab ein paar Minuten für mich.
Danke nochmal für eure große Gastfreundlichkeit letzten Monat – für beides, die Party und den verlängerten, zweiwöchigen Besuch. Es war wirklich toll, die Zeit zu haben, dort zu sein und euch zu besuchen. Jack ist ein toller Kerl und ich kann verstehen, warum er dir so viel bedeutet.
Ihr habt einen wirklich schönen Ort gefunden mit der Farm und dem Haus. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Wir Del Mars haben scheinbar manchmal eine harte Zeit, wenn wir etwas aus unserem Leben machen wollen, du aber hast es geschafft und ich freue mich für dich. Das einzige, was es vielleicht noch schöner machen könnte, wäre, wenn ihr in Wyoming wärt, aber das ist scheinbar eine Region in Texas, die ganz okay ist. Auch die Leute waren freundlich.
Seit ich wieder zu Hause bin, habe ich einige Dinge entschieden und verändert. Ich hab beschlossen, mit der Chemo aufzuhören. Das hat offensichtlich nicht geholfen und macht mich nur noch kränker. Der Doktor stimmt scheinbar zu. Er hat natürlich nichts gesagt, aber ich hab gesehen, dass er weiß, dass es an der Zeit ist, den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Dazu haben wir jetzt auch eine Hospize, die zu uns nach Hause kommt. Ennis, ich muss sagen, ich bin sehr dankbar, dass du mir davon erzählt hast. Ich wusste gar nicht, was das ist und als der Doktor das vor ein paar Monaten zum ersten Mal angesprochen hat, dachte ich, es wäre wie ein Todesurteil oder so. Jetzt weiß ich, dass es nicht so ist. Ich habe eine wunderbare Pflegerin namens Marie, die fast jeden Tag vorbeikommt. Sie ist eine liebe Frau und erinnert mich an Mama. Das Lustige ist, und ich glaube, dass du das auch gesagt hast, dass ich mich mit der Hospize sogar besser fühle! Sie hat gute Schmerzmittel und all das, deswegen geht's mir ganz gut im Moment.
Ich hab mich auch entschieden, mein Haus zu verkaufen und bin bei Cecilia und Lewis eingezogen. Es war schwer für mich zu kochen und so ist es einfach besser. Außerdem ist es sicher leichter für alle, wenn das Haus verkauft ist, ehe ich weg bin. Der Immobilienmarkt ist zurzeit echt am Ende, auch wenn sie mir gesagt haben, dass es eine Nachfrage nach „gemütlichen Bungalows" gibt. Wir werden sehen. Wenn ich etwas Geld dafür kriege, kann ich wenigstens meinen Jungs was geben. Wahrscheinlich werden sie dieses letzte Geschenk ihres alten Vaters zu schätzen wissen.
Wo ich gerade von Geschenken spreche… Ennis, erinnerst du dich an die Familienuhr? Das war diese Taschenuhr, die unser Ur-Ur-Ur-Großvater gekauft hat, als er von Illinois nach Wyoming gezogen ist. Sie wurde immer an den ältesten Sohn weitergegeben, deshalb hab ich sie bekommen, als Daddy getötet wurde. Ich wollte sie Rory geben, aber in den letzten Wochen hab ich beschlossen, dass du sie haben sollst. Das ist eine Änderung der Traditionen aber man kann auch neue Traditionen schaffen, nicht wahr? Der Anlass für meine Entscheidung war, dein Haus und deine Familie zu sehen. Dadurch habe ich gemerkt, wie wichtig dir Wurzeln und Familie sind – etwas, was ich nie vorher wusste. Du hast das zu mir an diesem einen Tag im Schlafzimmer gesagt: falls du es noch nicht gemerkt hast, die Familie ist mir wichtig. Und du hast Recht, die Familie ist wichtig. Also will ich, dass du die Familienuhr der Del Mars bekommst. Sie ist der einzige Wertgegenstand, den ich je besessen habe und ich bin nicht mal sicher, ob er wirklich was wert ist. Es geht eher um den ideellen Wert aber sie ist was Besonders und sie ist alt.
Werden du und Jack dieses Jahr im November zu eurem üblichen Jagdausflug nach Wyoming kommen? Ich würde dir die Uhr gerne persönlich geben und das könnte die richtige Zeit dafür sein. Ich weiß, was du wahrscheinlich denkst, werde ich dann noch da sein? Ich denke, das werde ich. Wie gesagt, der Hospizservice hilft mir und auch die Gespräche mit Marie (meiner Pflegerin)… naja, ich habe immer noch einige Dinge zu erledigen und ich denke, ich werde auch noch Zeit dazu haben. Ich weiß, dass sich das vielleicht etwas seltsam anhört, Ennis, aber wenn das einer versteht, dann du. Du hast mir von diesem alten Mann erzählt, von dem Regenbogen und so… Marie redet ebenso! Also wie auch immer… ich hoffe, wir sehen uns im November. Das wollte ich damit sagen.
Okay, nun, ich denke, ich hab genug gequatscht. Du bist wahrscheinlich so wie ich und schreibst nicht gerne Briefe, aber wenn du etwas Zeit hast, ich würde mich freuen, von dir zu hören. Oder vielleicht können wir am Telefon reden. Ich weiß, du hast einen Computer, um E-Mails zu schreiben aber ich halte nichts von diesem neumodischen Zeug.
Pass gut auf dich auf und bestell Jack schöne Grüße. Ich hoffe, dich im November zu sehen und vorher von dir zu hören.
Dein Bruder,
KE
Er las den Brief erneut, dann faltete er ihn und steckte ihn in den Umschlag zurück, als Jack gerade aus der Tür trat. Er spürte, dass ihm Tränen in die Augen traten und wischte sie mit seinem Handrücken fort. „Hey.", sagte er leise, als Jack sich in dem anderen Stuhl niederließ.
„Und, hatte er viel zu sagen?"
Ennis nickte. „Ja, er verkauft sein Haus, hat mit der Chemo aufgehört, lebt jetzt bei Cecilia… wird vom Hospizservice betreut..."
„Alles innerhalb von drei Wochen? Wow."
„Ich weiß. Er sagt, er hat Dinge zu erledigen." Er hielt inne und sagte dann: "Er will mir die Taschenuhr meines Vaters geben."
„Dein Vater hatte eine Taschenuhr? Das hast du mir nie erzählt."
„Ich hab nich oft dran gedacht. Es ist eher so eine Familiensache, sie hat meinem Ur-Ur-Ur-Großvater gehört. Und immer wurde sie an den ältesten Sohn weiter gegeben."
„KE hat doch aber einen Sohn, oder nicht?"
Ennis nickte. „Hat er. Aber er sagt, er will sie mir geben, weil ich weiß, dass die Familie etwas Besonderes ist."
„Nun, das ist sehr nett von ihm."
„Ja, aber irgendwie ist es auch… wie heißt das noch… weißt du, weil ich ja nie eine Uhr trage."
Jack sah verwirrt aus, dann erhellte sich seine Miene. „Ironisch?"
„Ja, das ist es. Es ist ironisch, dass er mir die historische Familienuhr gibt und ich noch nie im Leben eine Uhr getragen habe."
Jack kicherte. „Erinnerst du dich an Aguirre? Als er die Uhr nach dir geworfen hat?"
Ennis nickte. „Und weißt du noch, was ich gemacht hab? Ich hab sie in die Tasche gesteckt."
„Ich finde trotzdem, dass es eine nette Geste von deinem Bruder ist, dass er sie dir gibt."
„Ist es. Wir müssen einen Weg finden, einen Ausgleich dafür zu schaffen. Sie ist wirklich schön, wenn ich mich recht erinnere. Aus Gold und mit Gravur. Daddy hat sie an Weihnachten immer herausgeholt und uns gezeigt."
„Schickt er sie dir per Post?"
„Er hofft, dass er sie mir im November geben kann, wenn wir zum Jagen hin fahren."
Jack hob seine Augenbrauen und Ennis zuckte die Achseln. „Er sagt, dass der Hospizservice ihm hilft und er hat vor, noch eine Weile am Leben zu bleiben."
„Okay, dann… schätze, im November gehen wir Jagen."
„Ja, ich denke auch. Ist das Essen fertig?"
"Ist es, aber willst du nicht noch Jennys Brief lesen?"
„Wenn das für dich okay ist, warte ich bis nach dem Essen… gib mir die Chance drüber nachzudenken, was KE gesagt hat."
„Na gut, das ist auch ein gutes Timing, denn da kommt Bobby." Er winkte ihm von der Veranda aus zu. „Sieht aus, als wäre dir heiß, Junge. Komm rein, ich hab hier ein schönes kühles Glas Limonade."
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Bobby legte die Gabel hin und die Serviette neben den Teller. „Danke nochmal.", sagte er. „Das war super. Sehr viel besser, als das Eiersalatsandwich, was mir Mama eingepackt hat."
Jack grinste ihm zu. „Ich mag es, Gesellschaft beim Essen zu haben. Wenn nur wir beide hier sind, fangen wir an, etwas launisch zu werden, nicht war, En?"
„So nennst man das?", erwiderte Ennis, stand auf und räumte die Teller ab. Dann sah er Bobby an und sagte: „Heue Nachmittag stehen noch einige Reitstunden an, stimmt's?"
Bobby nickte. „Ricky Phillips und diese Zwillinge, Shannon und Mackenzie."
Ennis grunzte. "Dieses Phillipskind, dieser widerliche kleine Hund."
Jack kicherte. „Du magst ihn wirklich nicht, hm?"
Ennis schüttelte den Kopf. "Er hat so was an sich, was ich nich leiden kann... aber Kids wie er bringen unser Brot auf den Tisch, deswegen muss ich ihn ertragen. Bob, sattle die netten Pferde auf – Miss Ellie, Dancer und Blaze. Ich komm gleich runter."
„Klar.", sagte Bobby und ging zur Tür hinaus.
Sie stellten das Geschirr in die Spüle und Ennis drehte den Hahn auf, dann aber hielt er inne. Er zog Jennys Brief aus der Tasche. „Warum liest du ihn nicht?", sagte er. "Und ich räum hier auf."
„Aber, En…"
„Er ist an uns beide adressiert und ich glaube es ist eine gute Idee, wenn du ihn zuerst liest. KEs Brief hat mich etwas aus der Bahn geworfen."
„Na gut, okay.", sagte Jack, nahm den Brief und ging ins Wohnzimmer, wo er sich in den bequemen Ledersessel setzte.
12. August 2006
Lieber Daddy, lieber Onkel Jack,
Ich weiß, dass wir schon telefoniert haben und ich euch gedankt habe, aber manchmal muss ich einfach auf die gute alte Art einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand nehmen. Jetzt ist so ein Moment.
Danke nochmal für den wunderschönen Besuch. Es macht mich immer froh, euch beide zu sehen und lädt meine Batterien wieder auf. Während Kelly der Anker in meinem Leben ist, seid ihr mein Kompass. Danke, dass ihr für mich da seid. Tatsächlich ist es euer stetiger Einfluss, der mir auf dem Rest der Reise geholfen hat. Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt je versucht hätte, mich mit Mama auszusprechen, wenn ich nicht die fünf Tage bei euch gehabt hätte.
Wie ihr wisst, sind wir zwei Tage bei Junior gewesen und dann nach Riverton gefahren. Mom war freundlich aber distanziert. Die erste Stunde war hart und ich hab angefangen zu zweifeln, ob ich nicht einen großen Fehler gemacht habe, dann aber ist Kelly eingesprungen. Und wisst ihr, was sie gemacht hat? Sie hat sich ganz so wie eine Schwiegertochter verhalten. Ihr ist aufgefallen, wie gerne Mom kocht und sie hat mir ihr über Essen und Rezepte gesprochen. Sie haben zusammen gekocht, dann sind sie einkaufen gegangen. Dann haben sie über Babys und Schwangerschaften geredet. So sind die nächsten zwei Tage vergangen. Ich hab mich schon etwas wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt, wenn ich ehrlich sein soll! Aber Kelly hat einen guten Weg der Kommunikation gefunden und einen Großteil der Barrieren abgebaut, die zwischen uns bestanden. Ich hab wieder mal erkannt, wie viel Glück ich habe, dass sie ein Teil meines Lebens ist.
Mom hat eine interessante Sache gesagt, die mir ein wenig die Augen geöffnet hat: sie sagte, ich erinnere sie so sehr an dich, Daddy. Das Aussehen, das Temperament, sogar das Verhalten. Ich hab erkannt, dass es da einen Teil von ihr gibt, der nie aufgehört hat, dich zu lieben. Ich weiß, dass du das wahrscheinlich nicht hören willst, Daddy, aber es ist wahr. Es ist kein Wunder, dass es all die Jahre so hart für uns alle war.
Wir haben alle ein paar Tränen vergossen, und als wir gefahren sind, hatte ich das Gefühl, als stünde ihre Tür zumindest einen Spalt breit für uns offen. Nicht ganz, aber das ist ein langer Prozess, der seine Zeit braucht. Ich bin nicht sicher, wann wir uns wieder sehen werden. Mom will nicht nach Massachusetts kommen (sie sagt, es ist zu weit weg) und wenn ich schon mal den Weg nach Westen mache, würde ich lieber euch beide sehen! Aber wir haben beschlossen, monatlich zu telefonieren und per E-Mail in Kontakt zu bleiben. Wie du weißt, sendet Kelly sehr gerne Bilder und wir haben Mom auf der Freundesliste geadded.
Ich habe immer noch einen innerlichen Konflikt mit all dem. Ich schätze, es war etwas unrealistisch von mir, zu glauben, sie würde uns mit offenen Armen empfangen und dass all die Verletzungen der Vergangenheit verschwinden würden. Sie mochte Kelly, was schön war, und natürlich war sie ganz verrückt nach Evan.
Das war's jetzt erst mal. Ich hab viel mit der Arbeit zu tun und Kelly ersäuft in ihren Layouts für Valentinstagsessen. Evan fängt im Herbst mit dem Kindergarten an (drei Tage die Woche, halbtags), also müssen wir ihn noch darauf vorbereiten. Ich weiß, dass es früh ist, aber habt ihr schon eine Idee, was ihr an den Feiertagen macht? Ich vermisse euch schon.
Ich habe vor, euch nächste Woche oder so mal anzurufen und Kelly schickt euch per Mail ein paar Fotos. Passt auf euch auf.
Ich liebe euch,
Jenny.
Jack sah auf, als Ennis ins Zimmer kam und seine Hände an einem Handtuch abwischte. „Und, wie schlimm war es?"
„Nicht so schlimm… aber es scheint, dass Alma dich noch immer ein wenig liebt…"
Ennis seufzte. „Das hab ich immer vermutet und ich wünschte, ich könnte es ändern." Er ergriff den Brief und sank auf die Couch, wo er still las. Als er fertig war, sah er auf. „Weißt du was, Jack?"
"Was?"
"Ich bin froh, dass wir einen großen Teil von diesem Mist hinter uns haben. Wir haben vor dreißig Jahren die notwenige Arbeit erledigt. Wir sind sicher in Gedanken und in unserem Leben und können es einfach genießen."
„Nun ja.", sagte Jack zweifelnd. „Es war nicht immer nur schön."
„Hab ich auch nicht gesagt, ich meine nur… wir sind dreizehn Jahre durch die Hölle gegangen und dann haben wir es erkannt. Und das hat uns die Stärke gegeben, mit allem fertig zu werden, was das Leben uns zu bieten hat. Sieh dir das hier an.", sagte er und wies auf den Brief. „Sie nennt uns ihren Kompass. Das ist ein echt nettes Kompliment, wenn du mich fragst."
"Ist es sicher.
"Und mein Bruder gibt mir seine Uhr... das ist seine Art, uns etwas ganz Besonders mitzuteilen."
Jack nickte. „Das finde ich auch."
"Manchmal ist einfach alles so verdammt kompliziert."
„Um ehrlich zu sein, En, glaube ich nicht, dass es noch kompliziert ist."
Ennis sah ihn mit sanftem Blick an. „Du hast wahrscheinlich Recht." Er stand auf. „Ich hab auf den Kalender in der Küche gesehen… weißt du, was heute für ein Tag ist?"
Jack schüttelte den Kopf.
„Der sechzehnte August… der Tag, an dem ich aus Riverton zurück kam, nachdem ich Jenny und Junior weggebracht habe. Du weißt schon, der „ich-bin-geil-wie-die-Hölle-Tag"."
Jack lachte. „Und, bist du das?"
"Du weißt, dass ich das bin."
„Also gehen wir nach oben?"
„Nein.", erwiderte Ennis und ging zu dem Sessel herüber, in dem Jack saß. Er fasste ihn an den Armen und zog ihn hoch, dann drückte er ihn an sich. „Ich muss mich um dieses Phillipskind kümmern und dann um die Corona Zwillinge. Das muss für jetzt reichen." Er nahm Jacks Gesicht in die Hände und beugte sich vor für einen rauen Kuss. Seine Zunge zwang Jacks Mund auf, Jacks Hände glitten Ennis' Rücken hinab und kneten seinen Hintern durch die Jeans hindurch. Dann lösten sie sich, Jacks Gesicht war rot und Ennis' Puls raste. „Mehr davon später., sagte er heiser.
"Ist das ein Versprechen?"
Ennis nickte. Er küsste ihn noch einmal, dann sagte er: "Ich liebe dich, Cowboy."
„Ich liebe dich auch."
„Ich hab's zuerst gesagt."
„Ich hab's ernster gemeint."
Ennis zwinkerte ihm zu. „Ich denke, ich gewinne noch immer den ersten Preis im Spiel der Liebe."
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Am 23. Februar 2007 wurde gleichzeitig in der Casper Star-Tribune und der Quanah Bulletin folgende Anzeige veröffentlicht.
Keith Edward Del Mar, Jr.
CASPER – Keith Edward (KE) Del Mar, Jr. starb am 20. Februar im Alter von 65 Jahren in seinem Heim, nach einem langen Kampf gegen den Lungenkrebs. Seine Schwester und seine Kinder waren an seiner Seite.
Mr. Del Mar wurde am 22. April 1941 in Sage geboren, als Sohn von Keith Edward Sr. und Eleanor (Truitt) Del Mar. Er besuchte die Schule in Sage und arbeitete seit seinem 16. Lebensjahr als Rancher. Er heiratete Laurie Gillette im Jahre 1963 und hat zwei Söhne, Rory und Michael. 1982 wurde er geschieden.
Mr. Del Mar war stolz auf seine Wurzeln aus Wyoming, die auf 1868 zurückgehen, als sein Ur-Ur-Ur-Großvater Silas Del Mar aus Illinois herkam, um sich im Westen nieder zu lassen. Das Farmerdasein ist eine Familientradition und Mr. Del Mar führte sein Leben auf verschiedenen Ranchs in Sage, Worland und schließlich Casper. Er war aktives Mitglied der 4-H, der Vereinigung von Farmen in Wyoming, liebte Pferde und Vieh und genoss die freie Natur. Mr. Del Mar war ein begeisterter Jäger und fischte gerne.
Seine Hinterbliebenen sind seine Schwester Cecilia und ihr Mann Lewis Underwood aus Casper, sein Bruder Ennis und sein Mann Jack Twist aus Quanah, Texas, sein Sohn Rory und seine Frau Lisa aus Sheridan, sein Sohn Michael von der Rafter J. Ranch, seine zwei Enkel und die erweiterte Familie von Neffen und Nichten. Seine Eltern starben 1957.
Eine Gedenkwache ist für den Frühling geplant, nebst einer privaten Beerdingung auf dem Friedhof der Gemeinde von Sage. Anstatt Blumen, wollte Mr. Del Mar lieber, dass Spenden für den Hospizservice in Casper gesammelt werden, den Hospizservice des Hardeman County in Quanah, Texas, oder für die amerikanische Krebshilfe.
The End
Das war's also mit Mainewriters toller Story. Danke für die lieben Reviews, ich hoffe, euch hat meine Übersetzunge gefallen.
Mainewriter sagt, sie wird noch einige Drabbles veröffentlichen, die ich auch übersetzen werde.
Des weiteren plant sie einen Trip nach Europa, unter anderem auch Deutschland, danach wird sie eine weitere Geschichte schreiben, in dieser allerdings werden nicht mehr Jack und Ennis die Hauptcharaktere sein, sondern ein OC, der in dieser Story bereits vorgekommen ist.
Macht's gut und vielen Dank, dass ihr mitgelesen habt!
Katze
