Kapitel
2 - Das Haus Prince
Gut zwei Jahre später wurde ein vollkommen übermüdeter, verängstigter Junge von einem Mitarbeiter des Ministeriums zu dem Tor der Prince gezogen, wo dieser die magische Klingel betätigte.
Dorothea Prince wischte sich hastig über die Augen, schnäuzte kurz in das Taschentuch und erhob sich, um der eben erschienen Hauselfe zu sagen, dass sie die Besucher in den kleinen Salon führen sollte.
Wer es war, hatte sie erst vor einer halben Stunde von ihrem Mann erfahren: Ihre Tochter, die Blutsverräterin, war nun endgültig gestorben und an allem trug nur dieser Muggel, den ihre Eileen geheiratet hatte, die Schuld.
Wieder flossen die Tränen, doch mit einem nun fast schon ärgerlich ausgeführten Zauber ließ Dorothea Prince auch diese Spuren von Schwäche verschwinden.
Vor dem Tor erschien eine mit einem grünen Tischtuch bekleidete Hauselfe, die sich tief vor dem Ministeriumsmitarbeiter verbeugte.
"Pius Thicknesse. Ich habe einen Termin, um den Jungen zu bringen.", murmelte der Ministeriumsmitarbeiter, der überhaupt nicht glücklich darüber war, einen quengelnden Waisenjungen am Hals zu haben.
"Misses erwartet sie schon …", piepste Dinny, die Hauselfe, und ließ das Eingangstor aufschwingen.
Als er die Elfe sah, vergaß Severus einen Moment lang, dass er sich fürchtete, und musterte sie neugierig. Er erinnerte sich vage, dass er so ein Wesen schon einmal irgendwo gesehen hatte, wusste nur nicht mehr wo.
Der Beamte zog den Jungen allerdings einfach am Oberarm weiter und schritt den Weg hinauf zum Manor, wo er auch sofort eingelassen und zur Hausherrin gebracht wurde. "Guten Morgen, Mrs. Prince.", grüßte er sie und neigte leicht den Kopf
Ein guter Morgen war es wohl kaum, dennoch nickte Dorothea zur Begrüßung, auch wenn ihr Blick fast sofort zu dem kleinen, nun fünfjährigen Jungen huschte. Ihrem Enkel …
Severus sah mit großen Augen zu der Frau auf, die ihn an seine Mutter erinnerte. "O... Oma?", wisperte er leise, fragend und gleichzeitig hoffend. Seine Mutter hatte ihm immer so viel Gutes von seinen Großeltern erzählt, wie sie waren, als sie selbst noch klein gewesen war, auch wenn sie dabei sehr traurig wurde.
"Ich bringe den Jungen,... offensichtlich. Ich benötige noch eine Unterschrift von Ihnen, dass Sie sich um ihn kümmern werden. Oder wollen Sie die Vormundschaft ablehnen? Dann wird er zur Adoption freigegeben.", erklärte Thicknesse und ließ den Bengel los, um eine Pergamentrolle hervorzuziehen.
Severus lief sofort zu seiner Großmutter und sah sie bittend an. "Ist Mama hier?"
Langsam schüttelte Dorothea Prince ihren Kopf: "Nein, Severus … deine Mutter wird niemals wieder herkommen. Das weißt du doch …" Es kostete sie alle Kraft ihren Enkel nicht einfach hier und jetzt zu umarmen, ihn festzuhalten, wie sie ihre Tochter gerne festgehalten hätte und zu versichern, dass alles wieder gut werden würde.
Doch das würde es nicht und sie wusste das.
Dann richtete Dorothea Prince ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Ministeriumsbeamten. "Ich werde im Namen meines Gemahls unterschreiben." Nathaniel selbst hatte nichts damit zu tun haben wollen. So war sie es, die sich darum zu kümmern hatte.
Der Mann, den Severus überhaupt nicht mochte, reichte die Pergamentrolle und eine spezielle Feder weiter. "Auf der untersten rechten Zeile."
Beides entgegen nehmend las die Prince Gemahlin gründlich das Schreiben durch, ehe sie die Feder kurz betrachtete, sie aufnahm und schließlich unterschrieb. Beides reichte sie dann dem Ministeriumsbeamten zurück: "Danke für Ihr Herkommen, Mister Thicknesse."
"Ich habe mich zu bedanken.", erwiderte der Beamte und nickte nur noch kurz, ehe er sich auch schon verabschiedete und verschwand.
Ziemlich verloren wirkend, stand Severus neben seiner Großmutter und sah zu ihr auf. "Ich darf jetzt hier bei euch bleiben?", fragte er mit großen Augen.
Dorothea, die genau wusste, dass dies wohl am unwahrscheinlichsten war, antwortete darauf nicht. Stattdessen machte sie nur eine kurze, auffordernde Handbewegung mit ihrer Rechten: "Komm … du wirst sicher Hunger und Durst haben und etwas Warmes zum Anziehen … und baden … ja baden musst du auch."
"Oh ja, baaden.", strahlte der Kleine und griff die Hand, die eigentlich nur deuten, ihn aber nicht wirklich berühren wollte. "Richtig mit warmem Wasser und Schaum?"
Fast … fast hätte Dorothea ihre Hand wieder zurückgezogen, wollte sie doch nicht zulassen, dass sie den Kleinen zu lieb gewann. Wusste sie doch, dass ihr Mann irgend etwas vorhatte … und wunderte es sie, dass dieser ihren Enkel nicht einfach zur Adoption freigegeben hatte. Oder besser, sie dazu aufgefordert hatte, dies zu tun.
Sich neugierig umsehend, hatte er den Tod seiner Eltern doch für den Moment verdrängt, ging Severus neben seiner Großmutter her. "Ist es eine große Wanne?", wollte er aufgeregt wissen, während er seinen alten, aber nichts desto trotz sehr sauberen Teddy an sich drückte, den er schon die ganze Zeit im Arm gehalten hatte.
"Ja .. .eine sehr große …", damit führte sie ihr Enkelkind in den Bereich des Haupthauses, in welchem sich ein kleiner Swimmingpool befand, welchen ihr Mann in glücklicheren, früheren Zeiten für die Kinder hatte einbauen lassen.
Mit halb offenem Mund starrte Severus doch recht unintelligent auf das Wasser. "Ein See... im Haus.", hauchte er nur leise und vollkommen verblüfft.
Gegen ihren Willen musste Dorothea nun doch leise auflachen, unterdrückte diesen Laut aber beinahe sofort wieder: "Nein … nein … das ist ein Pool, ein … künstlicher See, wenn du so willst."
"Ist er tief? Ich... ich kann noch nicht schwimmen. Papa wollte nie, dass Mama mit mir zum Schwimmen geht.", murmelte Severus und senkte leicht zerknirscht den Kopf. "Darf ich es bei dir lernen?"
Schlagartig verschwand jedweder heitere Gedanke, den die alte Frau eben noch, wie flüchtig auch immer, gehabt hatte. "Wir werden sehen … bleib einfach am Anfang … da ist es ganz flach, hier wo die Stufen runter gehen."
Diesen Stimmungsumschwung bekam Severus nicht mit, da er sich schon umgedreht hatte, um zu einem der Stühle an der Wand zu gehen. Seinen Teddy darauf setzend, wisperte er leise: "Du kannst leider nicht mit reinkommen... aber ich erzähl dir nachher, wie es war." Dann zog er sich aus und ging zu den Stufen hinüber.
Als Dorothea sah, dass sich der Junge tatsächlich komplett auszog, schüttelte sie nur ihren Kopf und hexte ihm eine blaue Badehose an.
Irritiert sah Severus an sich runter und dann wieder zu seiner Großmutter, die noch den Zauberstab in der Hand hatte. Panisch blickte er sich um, doch war außer ihnen niemand da. "Ich verrat es nicht.", versicherte er sofort leise.
Sich ebenfalls umblickend, schüttelte Dorothea schließlich nur ihren Kopf und ging auf den Jungen zu: "Hey … es ist doch alles in Ordnung. Was hast du denn? Willst du doch nicht mehr schwimmen?"
"Das.. das ist verboten.", wisperte Severus leise und deutete auf den Zauberstab, der noch immer in der Hand seiner Großmutter lag. "Hat Opa ihn dir nicht weggenommen? Oder hast du ihn dir zurückgeholt? Mama hat das einmal gemacht, als ich meinen Kopf gestoßen hatte und ganz weiß war... Papa ist furchtbar wütend geworden."
"Oh Kind …", Dorothea blinzelte einige Male heftig gegen die in ihre Augen steigen wollenden Tränen an, "… was hat dieser schreckliche Muggel euch nur angetan?"
Langsam streckte sie ihre Hand aus, die den Zauberstab hielt: "Hier … du kannst ihn ruhig mal halten und … nein hier ist es nicht verboten. Im Gegenteil. Magie ist etwas Wunderbares … etwas Einzigartiges. Genauso wie die Menschen, die diese Kunst beherrschen."
Mit unsicherem ängstlichen Blick sah Severus von dem Stab zu seiner Großmutter und zurück. Er wollte nichts falsch machen, doch gleichzeitig war er auch unglaublich neugierig, ob er wirklich das Kribbeln spüren würde, das seine Mutter ihm beschrieben hatte. Langsam trat er einen Schritt näher und nahm mit leicht bebender Hand den Stab entgegen, nur um ihn erschrocken wieder loszulassen, spürte er doch nicht nur das Kribbeln, sondern auch eine ihn durchströmende Wärme. Mit großen leuchtenden Augen sah er auf. "Wie Mama gesagt hat.", wisperte er nur und griff wieder zu.
Dorothea lächelte diesmal wirklich: "Versuch ihn mal zu schwenken …" Das war wirklich erstaunlich … schließlich war der Junge gerade mal Fünf.
Severus tat wie ihm geheißen und schwenkte den Stab, hätte ihn im nächsten Moment jedoch fast wieder fortgeworfen, als ein sachtes Glühen an der Spitze zu sehen war.
Einen Augenblick später schloss sich die Tür zum Badezimmer mit einem leisen Klick, ohne dass einer der beiden bemerkt hätte, dass ihnen jemand zugesehen hatte.
------
TBC
