Kapitel 4 – Das wahre Gesicht
Nachdem er den Tagespropheten gewiss dreimal von vorn bis hinten durchgelesen hatte - und wieder zurück, ließ Zandros schließlich die Zeitung sinken und wandte seine Aufmerksamkeit dem nun schon eine gute Stunde dastehenden Jungen zu, der mehr als deutlich zitterte: "Dir ist also kalt?", fragte er ruhig, von dem Zorn, den er noch zuvor empfunden hatte, nichts mehr in seiner Stimme zeigend.
"Ja, sehr.", antwortete Severus leise, dem mittlerweile die Füße auch weh taten und total kalt waren, da er so lange auf hartem, kühlem Marmor stehen musste. "Sind meine Sachen noch nicht wieder trocken, Meister?" Unsicher blickte er über seine Schulter, weil er nicht wusste, ob er sich nun umdrehen durfte oder nicht.
„Deine Sachen …" Zandros schüttelte seinen Kopf. „…habe ich von der Hauselfe entsorgen lassen. Wenn du mitkommst, zeige ich dir, was du ab heute tragen wirst."
Severus schnellte bei dieser Aussage herum und flitzte auf den Mann zu, der gerade aufgestanden war. Seine kleinen, dünnen Ärmchen um dessen linkes Bein schlingend, meinte er ehrlich: "Es tut mir leid, dass ich... so lang gebadet hab, Meister. Ich hab nur keine Uhr."
Sich für einen Moment fast schon unangenehm berührt fühlend, blickte Zandros auf den Jungen herab: „Nun … daran soll es das nächste Mal nicht liegen. Ich werde dir eine Sanduhr auf den Badewannenrand befestigen. Wenn sie halb durchgelaufen ist, bist du das nächste Mal fertig."
"Ganz bestimmt, Meister." Severus strahlte nun wieder, weil er merkte oder hoffte, dass der Meister nicht mehr wütend auf ihn war. Einen Schritt zurücktretend legte er seine kleine Hand in die des Mannes.
Wieder sanfter gestimmt, nickte Zandros leicht: „Also gut … dann gehen wir und ich zeige dir deine neue Kleidung." Damit führte er den Fünfjährigen wieder die Treppe hinauf. Doch diesmal wandte er sich nach rechts und nicht links, wo das Bad und ihrer beider Schlafquartiere lagen, und steuerte einen Raum an, der gut doppelt so groß war wie der Raum, in dem das Kind schlief, und Reihen an Reihen an Kleidung beinhaltete. Dabei wies er, als sie eingetreten waren, auf das unterste Regalfach genau der Türe gegenüber liegend und meinte: „Von diesen hier ziehst du jeden Morgen nach dem Baden ein frisches an. Das schmutzige bringst du nach unten in die Küche zur Hauselfe. Sie wird dir zeigen, wie du es säubern kannst."
Severus lief zu dem Schrank und holte sich eines der darin liegenden Kleidungsstücke heraus. Irritiert blickte er anschließend seinen Meister an. "Ein Kleid?", fragte er verwirrt.
Zandros lachte sichtlich erheitert auf: „Nein … das nennt man eine Tunika."
"Und das ist nicht nur für Mädchen?", fragte Severus mit einem skeptischen Gesichtsausdruck, ehe er versuchte in das aus Leinen bestehende Gewand zu schlüpfen. Es war schwierig die richtigen Löcher für die Arme zu finden, aber schließlich hatte er die Tunika an - sogar richtig herum. Dann sah er nochmal in den Schrank, fand aber keine anderen Sachen. Weder Unterhosen, noch Hosen oder Schuhe und Socken.
„Natürlich nicht … schließlich bist du mein Junge." Zandros klang außerordentlich zufrieden während er dies sagte und seinen neuesten Besitz nun sogar mit einem wohlwollenden Lächeln musterte.
Etwas unsicher blickte Severus vom Inhalt des Schrankes auf den Mann hinter sich. "Da sind keine Strümpfe und Schuhe", meinte er leise.
„Natürlich nicht … Sklaven brauchen so etwas nicht.", bestätigte Zandros, auch wenn es nicht wirklich eine Frage gewesen war.
"S..Skaven? Was ist das?", fragte Severus leise, da er dieses Wort nicht kannte. Gleichzeitig trat er langsam von einem Fuß auf den anderen, da auch hier der Boden nicht mit einem Teppich belegt war und seine Füße noch immer kalt waren.
„Sklaven sind …", erklärte Zandros nun wieder vollkommen ernst werdend, „… sehr selten und wenn wie in deinem Fall hoffentlich auch magiebegabt, umso wertvoller. Sie … du bist Besitz. Wie die Vase, die ich dir gestern zeigte, oder auch alles andere, was du hier siehst. Du gehörst mir und bist als mein Sklave dazu verpflichtet, jeden meiner Wünsche zu erfüllen. Egal ob sie dir gefallen, oder nicht."
"Und d... d..." Severus verstummte, weil er das 'du' nicht aussprechen konnte. Kurz überlegte er und nahm dann das Wort, was ihm am Abend zuvor dafür genannt worden war, auch wenn es falsch klang: "Und Euch wünscht, dass ich keine Schuhe anhabe?"
Für einen Moment irritiert, dann deutlich verblüfft aussehend, schüttelte Zandros seinen Kopf, nickte dann aber gleich darauf bestätigend: „Es heißt ‚Ihr wünscht' … und ja das tue ich. Wenn es dir zu kalt wird, musst du dich einfach mehr bewegen."
"Ihr", erwiderte Severus und nahm sich vor, sich dieses Wort auch zu merken, selbst wenn es merkwürdig war, dass er nicht die Worte nehmen konnte, die er schon kannte. Wieder überlegte er einige Zeit und sah dann überrascht auf. "Deswegen kam ich nicht aus dem Zimmer, auch wenn die Tür offen war. Ihr habt es verboten gehabt."
„Genau. Gehorchst du mir nicht, oder tust etwas, das mir oder meinem Eigentum – was dich selbst mit einschließt – Schaden zufügt, oder lässt dies von anderen zu, wirst du bestraft. Nicht nur durch mich selbst, sondern auch durch die Magie, welche dich als meinen Sklaven an mich bindet.", erklärte der ältere Zauberer geduldig weiter. Schließlich war es wichtig, dass der Junge begriff, was er war und was dies beinhaltete.
"Und.. wie bestraft mich die Magie?", wisperte Severus fast schon ehrfürchtig. Er wollte bestimmt nichts absichtlich falsch machen
Leicht zuckte Zandros mit seinen Schultern: „Da du mein erster und einziger Sklave bist, weiß ich es nicht. Aber ich nehme mal an durch Schmerzen, die deinem Vergehen entsprechend angemessen sein werden."
Der Kleine schluckte sichtlich und ging nun schnell wieder zu seinem Meister, weil er nichts falsch machen wollte. "Was... soll ich jetzt tun, Meister?", wollte er mit großen, schwarzen Augen wissen.
Langsam wanderten Zandros' Augenbrauen nach oben, war er doch wirklich positiv erstaunt über die rasche Auffassungsgabe des Jungen: „Du bist sicher, dass du erst fünf Jahre alt bist?", fragte er daher mit einem halben Schmunzeln nach.
"Ja.", versicherte Severus sofort irritiert und zeigte wie zur Sicherheit die fünf Finger seiner linken Hand. "So alt."
„Du kannst also auch schon zählen hm?", schmunzelte der Ältere und wandte sich dann um, um aus dem Ankleidezimmer zu gehen. „Ich zeige dir noch eben, wie du das Wasser in der Wanne bedienst, und bringe die Sanduhr an.", erklärte er dabei, was er nun tun wollte.
Strahlend hüpfte der Kleine hinter ihm her. "Ich kann sogar schon lesen. Hab ich mir selbst beigebracht. Aber Vater und Großvater haben mich immer geschimpft, wenn ich ein Buch hatte... weil ich zu klein bin, haben sie gesagt."
„Unsinn … man ist nie zu klein oder zu jung, um etwas Neues zu lernen und seinen Intellekt zu bilden.", widersprach Zandros sofort und betrachtete den Jungen nun wenn möglich noch genauer, „…es ist erstaunlich …" Er verstummte, nahm sich aber vor, später zu testen, wie gut die Fähigkeiten seines Neuerwerbs tatsächlich waren.
"Dann darf ich ein Buch haben?", fragte Severus sofort aufgeregt weiter, während sie den Gang entlang zum Badezimmer gingen.
Die Türe zum Badezimmer öffnend ließ Zandros zuerst einmal eine große Sanduhr auf dem Beckenrand erscheinen, welche derart auf diesem festsaß, als hätte es sie schon immer dort gegeben: „Haben? Nein … denn du besitzt nichts. Du kannst eines lesen, wenn ich es dir gestatte und du es dir verdient hast."
"Wie verdiene ich es?", fragte der Schwarzhaarige sofort aufgeregt nach.
„Indem du gehorchst … und fleißig lernst. Indem du mich erfreust …", wiederholte Zandros, „…indem du ein perfekter Sklave wirst und ich stolz auf dich sein kann."
"Perfekt ist aber sehr schwer.", murmelte Severus leise und biss sich auf die Unterlippe. "Aber ich versuch es."
Zandros nickte dazu nur: „Ob etwas schwer ist oder leicht, spielt keine Rolle."
„Ja, Meister.", antwortete der Kleine, auch wenn er nun wieder unsicherer war. „Wie mach ich richtig hier sauber?", fragte er dann, weil es ja hieß, dass er nach dem Baden sauber machen sollte und das ja heute nicht geschehen war.
„Du nimmst den Lappen hier …" Zandros deutete auf einen Sauglappen, der an einem Haken neben dem Waschbecken hing „…und wischst alles solange ab, bis keine Wassertropfen mehr zu sehen sind und alles glänzt wie zuvor."
Sofort griff Severus sich den Lappen und begann zu wischen. Noch immer versuchte er sich so brav zu benehmen, dass er sich vielleicht doch noch ein Frühstück verdiente. Auf allen Vieren über den Boden krabbelnd versuchte er alles aufzuwischen, was er beim Spielen in der Wanne nassgespritzt hatte.
„Wenn du fertig bist, findest du mich im Kaminzimmer … das liegt schräg gegenüber dem Esszimmer, wo du heute Morgen bereits warst." Damit wandte sich der Zauberer um und ging.
Enttäuscht blickte Severus hinterher, hatte er doch gehofft, dass ihm gesagt wurde, wann er fertig war.
Etwa zehn Minuten später hängte er den Lappen wieder weg, weil er der Meinung war, alles sauber gemacht zu haben. Mit an den Knien sichtlich feuchter Tunika und dadurch auch wieder mehr frierend machte der Junge sich auf den Weg nach unten, wo er vom Esszimmer aus zur gegenüberliegenden Tür ging. Doch nicht ohne kurz in den Raum zu schauen, um zu sehen, ob dort vielleicht noch etwas zu essen auf dem Tisch lag. Aber die Platte war vollkommen leer. Leise seufzend drückte er die Türklinke herunter und trat in das herrlich warme Kaminzimmer.
Noch einen weiteren Scheit in den Kamin legend, war dies doch etwas, das Zandros, wenn er die Zeit und die Muße dazu hatte, gern selbst erledigte, anstatt Magie dazu zu verwenden, blickte er sich nach dem eintretenden Jungen um: „Setz dich …", sagte er und deutete auf das flauschige Bärenfell das zwischen seinen Füßen und dem Kaminfeuer lag, als er sich wieder in seinen bequemen Sessel hineinsinken ließ.
Das Fell war so faszinierend, dass Severus gar nicht mitbekam, dass es vielleicht seltsam war, auf dem Boden sitzen zu müssen. Außerdem war die Aussicht, etwas flauschig warmes unter seinen kalten Füßen zu haben, zu gut. Schnell flitzte er hinüber und setzte sich hin. Mit einem erstaunten Strahlen strich er immer wieder durch das weiche Fell. „Das ist toll", wisperte er leise.
Zandros lächelte dünn: „Es stammt von einem Schwarzbären, den ich vor einigen Jahren selbst erlegte.", erzählte er bereitwillig.
„Oh.", kam daraufhin nur von dem Sklaven und er blickte nun doch etwas traurig auf das Fell, das mal ein Tier gewesen war. „War ich jetzt brav, Meister? Mein Bauch tut so weh...", wisperte er anschließend und strich sich über den knurrenden Unterleib.
„Bis gerade warst du es … gewesen.", grummelte der ältere Mann und presste kurz ungehalten seine Lippen aufeinander. Er hatte keineswegs vergessen, dass der Junge noch nichts gegessen hatte, aber es stand diesem einfach nicht zu, danach zu fragen, auch wenn er das eher indirekt getan hatte.
„Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?", fragte schließlich, einer Eingebung folgend. Denn es irritierte ihn, dass sein Sklave über Magenbeschwerden klagte. Nur weil mal ein, oder zwei Mahlzeiten ausfielen, bekam keiner Magenschmerzen.
Severus hatte enttäuscht den Kopf gesenkt und zuckte bei der Frage mit den Schultern. „Gestern... irgendwann nach dem Aufstehen.", murmelte er leise und rieb sich noch immer den Bauch. Tatsächlich war es zwar mittags gewesen, doch war es dennoch fast einen ganzen Tag her.
„Und was hast du da gegessen?", hakte Zandros weiter nach.
Überlegend blinzelte Severus einige Male. „Ich.. weiß nicht mehr genau... Pfannkuchen denk ich.", wisperte er leise.
„Hmm …", kam es nur und einige Augenblicke später schnipste der Hausherr mit den Fingern und die Hauselfe stand neben dem Sklaven.
Verwundert sah der Schwarzhaarige auf und blickte von der Hauselfe zu seinem Meister. Er hatte nicht vergessen, dass die Hauselfe ihm nichts geben durfte, wenn er darum bat, also sagte er jetzt auch nichts, um nicht noch unartiger zu sein.
Als nichts weiter geschah, wandte sich Zandros an die Hauselfe: „Bring mir eine Kanne heißen Früchtetee, zwei Becher und für den Jungen hier ein Müsli und heißen Kakao."
„Danke.", wisperte Severus und lächelte den Alten an. Als die Elfe dann mit der Schüssel voll leckerem Müsli mit Früchten wieder erschien, griff er fast schon hastig zu und begann sofort zu essen aus Angst, dass es ihm wieder weggenommen werden könnte.
Missbilligend auf dieses Verhalten blickend blaffte Zandros fast schon im nächsten Augenblick: „Iss gefälligst langsam und anständig und nicht wie ein halb verhungertes Tier!"
Zusammenzuckend lief Severus feuerrot an und zog den Kopf ein. Nur gerade eben so verhinderte er dabei, dass er sich die Schüssel über der Tunika ausschüttete. Langsamer aß er dann weiter, auch wenn sein Hunger mit den ersten Löffeln nur noch größer geworden war.
„Die Schüssel ist groß genug …", murmelte Zandros und wandte sich dann seinem Tee zu, den er sich einschenkte und genüsslich zu trinken begann. Es war eines der Dinge, die er am meisten schätzte. Vor seinem Kamin sitzen und Tee trinken, oder ein schönes Buch dabei lesen und ab und an dabei eine Pfeife Tabak rauchen. .
Erst als die Schüssel leer war, wandte Severus sich dem noch leeren Becher und der Kanne Kakao zu. Fragend sah er zu seinem Meister auf.
Von der Stille, die plötzlich mangels der fehlenden Kau- und Löffelgeräuschentwicklung herrschte, aus seinen Gedanken gerissen, blickte der weißhaarige Zauberer zu dem Jungen und folgte dessen Blick. Wortlos griff er nach dem Kakao und schenkte diesem den Becher dreiviertelvoll. „Gib acht. Er ist heiß.", warnte er dann jedoch, ehe er seinem Sklaven den Becher hinhielt.
Severus nickte leicht und nahm den Becher mit der dampfenden Flüssigkeit vorsichtig in beide Hände. Dann pustete er hinein, wie es ihm seine Mutter gezeigt hatte. Beim Gedanken an sie blickte er wieder auf. "Meine Mama ist ... ist tot, oder?", fragte er leise und konnte dabei die Hoffnung in seiner Stimme, dass mit Nein geantwortet werden würde, nicht unterdrücken.
„Soweit ich weiß – ja. Dieser Muggel, den sie geheiratet hat, hat sie totgeschlagen, soweit mich Nathaniel Prince informierte.", gab Zandros unumwunden preis, was er wusste. Der Junge sollte lieber gleich wissen, wovon er abstammte und was es brachte, sich mit den Unmagischen einzulassen.
Tränen glitzerten in Severus' Augen, auch wenn der Junge versuchte, sie aufzuhalten. Er wusste, wer mit dem abfälligen 'Muggel' gemeint war. "Vater... er hat uns oft weh getan.", wisperte der Kleine leise und senkte den Kopf. "Warum?"
Langsam schüttelte der Weißhaarige seinen Kopf: „Woher soll ich das wissen? Ich habe ihn nicht gekannt und habe auch nicht vor, die Bekanntschaft irgendeines dieser Unmagischen zu machen. Doch meist fürchten sie das, was sie nicht verstehen. Und aus Furcht wird schnell Hass. Es ist also besser, sich ganz von diesen Muggeln fernzuhalten und nichts mit ihnen zu schaffen zu haben. Sie bringen nur Ärger und Unglück über einen."
Langsam nickte Severus, während lautlose Tränen über seine Wangen liefen, die er einfach nicht aufhalten konnte. "Tut mir leid, Meister.", wisperte er leise, mit halb erstickter Stimme.
Sich vorbeugend strich Zandros mit zwei seiner Finger über die Tränenspur: „Das hier ist eine rein körperliche Reaktion, gegen die du nichts tun kannst …", beruhigte er fast schon freundlich, „… einzig das Geheule und Gejaule dabei verbiete ich dir, denn damit steigerst du dich selbst nur immer weiter in etwas hinein, das ohnehin nicht zu ändern ist."
Mit großen in Tränen schwimmenden Augen sah Severus auf und rutschte dann dichter an den Älteren heran, um sich anzulehnen. Er wollte unbewusst einfach nur spüren, dass er nicht allein war.
Für einen Moment zögerte Zandros, doch dann akzeptierte er stillschweigend das Verhalten seines Sklaven. Dieses mal. Er würde ihm schon noch beibringen, dass er ihn nicht von sich aus berühren und Nähe herstellen durfte, wenn es ihm passte. Nicht der Sklave war es, der bestimmte, sondern immer der Meister. Bei allem.
Den Kopf an den Oberschenkel gelehnt saß der Junge da und trank immer wieder einen Schluck Kakao, bis der Becher leer war. Dann stellte er ihn neben sich auf den Boden und schloss die Augen. "Warum mochte mein Großvater mich nicht, Meister?", wisperte er schließlich leise.
Zandros antwortete nicht, wusste er darauf doch nichts zu sagen, auch wenn er sich schon denken konnte, dass es an dem Muggelvater des Jungen lag.
Mit einem leisen Schniefen schlang Severus seine Arme um ein Bein seines Meisters. "Ihr gebt mich nicht weg, oder Meister?", fragte er leise.
„Nicht so lange ich lebe.", bestätigte Zandros sofort, war dies doch eine Frage, die er mit Gewissheit und vollster Überzeugung beantworten konnte, schob den Knaben dann jedoch fast schon unwirsch ein Stück von sich und besonders seinem Bein, um das dieser sich fast schon zu klammern schien, fort:
„Vorhin habe ich es geduldet, aber für die Zukunft solltest du dir merken, dass niemals du derjenige bist, von dem der Kontakt ausgeht. Verstanden, Junge?"
Leise schniefend nickte Severus leicht, auch wenn er sich nicht sicher war, was genau gemeint war. Aber ihm war klar, dass sein Meister nicht von ihm umarmt werden wollte. Also zog er sich wieder weiter in die Mitte des Fells zurück, dichter zum Feuer hin.
Zufrieden nickend lehnte sich Zandros nun bequem in den Sessel zurück und leerte gemütlich erst eine, dann eine zweite Tasse Tee.
Nach einer ganzen Weile, in der Severus in die Flammen geschaut und darin Figuren gesucht hatte, wurde ihm langweilig und er drehte sich langsam wieder um, damit er seinen Meister sehen konnte. "Meister?"
„Hm?", brummte Zandros gedankenverloren.
„Darf ich etwas spielen? Oder ein Buch lesen?", wisperte er leise und sah hoffnungsvoll aus. „Mir ist langweilig."
„Du kannst mir ein Buch von dort hinten bringen..." Zandros wies flüchtig auf das sich dem Kamin gegenüber befindende Bücherregal. „Und mich dann nicht noch einmal stören. Es hat keinerlei Bedeutung, ob dir … langweilig ist oder nicht. Wenn es etwas für dich zu tun gibt, sage ich es dir schon und bis dahin hast du mich ebenso wenig zu stören, oder aufzufallen wie das Fell zu meinen Füßen, oder der Schrank dort in der Ecke."
Der Junge wurde bleich und beeilte sich zu dem Regal zu laufen. „Wie heißt das Buch?", wagte er dann jedoch weiter zu fragen, als er die vielen Bücher sah. Immerhin wollte er nicht ein falsches bringen.
Eigentlich hatte Zandros einfach nur irgendeins sagen wollen, überlegte es sich dann jedoch anders. Dies war eine gute Gelegenheit den Jungen auf dessen Fähigkeiten hin zu testen: „Magische Braukunst von Gentalition … die zweite Ausgabe.", erwiderte er also schließlich, gespannt wie sich sein Sklave dabei anstellen würde. Dass er das Buch wirklich fand, daran zweifelte Zandros doch sehr, und das nicht nur, weil es sich mindestens eine Reihe über dem Kopf des Burschen befand.
Severus hockte sich auf den Boden und begann die Buchrücken des untersten Fachs zu entziffern. Bei einigen hatte er Schwierigkeiten, weil die Buchstaben seltsam geformt waren, aber die meisten Worte konnte er gut lesen. Es dauerte allerdings eine halbe Stunde, bis er auf Augenhöhe angelangt war und noch immer war das richtige Buch nicht dabei gewesen. Kurz blickte er sich um und lief dann zu einem Stuhl, auf den er sich stellen wollte, um weiter oben weiter zu lesen.
Zandros hatte sich unterdessen eine neue Kanne Tee bei der Hauselfe geordert und drehte seinen Sessel so, dass er den Jungen bei seinem Tun beobachten konnte. Sagen tat er nichts, doch war er positiv davon überrascht, dass sein Sklave tatsächlich zumindest so viel zu entziffern in der Lage schien, dass er die bisher betrachteten Bücher ausschließen konnte.
Den Stuhl über den Boden schiebend, was ein doch recht unangenehmes Geräusch verursachte, blieb Severus vor dem Regal stehen und kletterte nach oben. Es sah recht gefährlich aus, doch schaffte er es, nicht hinunter zu fallen, während er die nächste Reihe absuchte. Schließlich fand er noch eine Reihe darüber ein Buch mit dem gesuchten Titel. Doch gerade als er es herausziehen wollte, bemerkte er direkt daneben ein zweites mit dem gleichen Titel. Die Stirn runzelnd betrachtete er beide genau, sah aber keinen Unterschied.
Deswegen nahm er beide heraus, was für ihn recht schwierig war, vor allem durch das Gewicht der Bücher. Doch legte er erst das eine und dann das andere auf den Stuhl zwischen seine Beine. Dann kletterte er hinunter und brachte beide Bücher zu seinem Meister. „Welches ist das zweite, Meister?", fragte Severus leise, als er die beiden Bücher auf die Sessellehne hievte.
„Das steht auf den ersten Buchseiten.", antwortete Zandros mehr als beeindruckt, doch bemühte er sich dies nicht zu zeigen. Noch nicht.
Sofort schlug der Junge das oberste Buch auf und blätterte auf die erste mit dem Titel bedruckte Seite und tatsächlich stand dort gleich ‚zweite Ausgabe'. „Das ist es.", verkündete er und lächelte aufgeregt.
Nun kam doch der Besitzerstolz durch, den Zandros empfand, als er seine Hand ausstreckte und seinem Sklaven durch das schwarze Haar wuschelte: "Das hast du sehr gut gemacht, Junge."
Sofort strahlten die schwarzen Augen des Kleinen auf und er genoss sichtlich die sanfte Berührung. "Soll ich das andere wieder zurückstellen, Meister?", fragte er eilfertig.
„Tu das ..", stimmte Zandros zu, sich derweil dem anderen Buch widmend. Er verstand zwar nichts von der praktischen Arbeit der Zaubertrankbraukunst, aber die Theorie war schon seit jeher sein Steckenpferd gewesen.
Das Buch im Arm flitzte Severus zurück zum Regal, kletterte auf den Stuhl und schob das Werk zurück an seinen Platz. Dann betrachtete er fast schon sehnsüchtig die anderen Bücher. Doch wagte er nicht, um eines davon zu bitten. Zu deutlich war ihm noch im Gedächtnis, wie sein Meister ihn zuvor angefahren hatte, als er danach gefragt hatte.
Also kletterte er wieder vom Stuhl und schob ihn an dessen Platz zurück, ehe er zu dem weichen Fell ging, auf das er sich dann bäuchlings legte. Nach einigen Minuten flüsterte er dann leise vor sich hin, während seine Finger in Imitation einer Person über das Fell 'gingen'.
Von dem unverständlichen Gemurmel aus seiner Lektüre gerissen, sah Zandros mit ungehalten zusammengezogenen Augenbrauchen auf: „Was murmelst du da?", fragte er scharf.
Severus zuckte zusammen und drehte mit eingezogenem Hals den Kopf herum. "Mein... Ritter will die schöne Jungfrau retten... er schleicht ganz leise durch den Wald, weil der Drache auf ihn lauert.", erklärte er dann, was er sich gerade ausgedacht hatte.
Zandros blinzelte. Das war doch … er schüttelte irritiert seinen Kopf und meinte schließlich nur knapp: „Dinge murmeln nicht …"
"Aber... ein Ding ist ein Tisch oder sowas... ich lebe doch.", widersprach Severus leise, weil er das nicht verstand, aber wohl merkte, dass er mit dem Ding gemeint gewesen war.
Das Buch langsam zuschlagend, nachdem er das lederne Lesezeichen hineingelegt hatte, betrachtete der Zauberer mit unleserlicher Miene seinen Sklaven: „Ich dachte, ich hätte dir das ausführlich nahegebracht."
"Ich... ich versteh nicht.", wisperte der Junge leise.
"Ob du lebst oder tot bist, macht überhaupt keinen Unterschied. Du bist ein Ding, ein Besitz, ein Sklave! Mein Sklave! Du hast keine Wünsche, keine Bedürfnisse... Du hast nichts, was ich dir nicht gestatte. Und im Moment habe ich dir weder gestattet, mich mit deinem Brummeln zu stören, noch zu spielen. Jetzt stell dich hier her, leg die Hände auf den Rücken und sei still."
Mit neuerlichen Tränen in den Augen, ob der harschen, gnadenlosen Worte stand der Kleine auf und trat neben den Sessel, wo wieder blanker, kalter Boden seine nackten Füße quälte. Die Hände auf den Rücken legend stand er mit gesenktem Kopf da und schniefte immer hörbar, weil seine Nase anfing zu laufen.
Sich wieder seinem Buch widmend gelang es Zandros das Geschniefe eine Zeitlang zu ignorieren, ehe es ihm dann doch zu viel wurde und er zum zweiten Mal das Buch schloss, diesmal vor Verärgerung sogar das Lesezeichen vergessend. Kurzerhand zog er seinen Zauberstab und reinigte mit einem nicht wirklich allzu angenehmen Zauber die laufende Nase.
Erschrocken aufjaulend schnellten Severus' Hände nach vorn und hielten seine Nase. So etwas war noch nie mit ihm gemacht worden.
„Hände auf den Rücken und keinen Mucks mehr, bis ich etwas anderes sage!", schnauzte Zandros nun wirklich langsam die Geduld verlierend.
Hektisch gehorchte der Junge, auch wenn ihm nun erneut die Tränen kamen. Doch versuchte er die Schluchzer, die er nicht von sich geben durfte, zu unterdrücken.
Bis zu diesem Moment hatte er geglaubt, dass sein Meister eigentlich nett und lediglich streng war.
Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.
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TBC
