Kapitel 6 – Erkältung

Am nächsten Morgen piepste der magische Alarm umsonst, bei dem der Fünfjährige eigentlich aufstehen und sich baden gehen sollte.

Doch Severus hörte es kaum. Frierend und am ganzen Körper zitternd lag er auch noch zwei Stunden später in seine Decke gewickelt da und starrte mit glasigem Blick ins Leere.

Verärgert dass er nicht geweckt und sein Sklave nicht in der Küche geholfen hatte, kleidete sich Zandros rasch an und als er auch das Bad unbenutzt vorfand, ging er mit finsterer Miene den Flur entlang zum Zimmer des Jungen. Die Türe aufreißend hatte er schon den Mund zu einer gehörigen Standpauke geöffnet, als er den erbärmlichen Zustand seines Sklaven gewahrte.

"Kalt...", hauchte Severus nur leise und blickte mit ängstlichem, fiebrig wirkendem Blick zu seinem wütenden Meister auf. Das Zittern verstärkte sich nun durch die Angst vor einer möglichen Strafe noch mehr. Doch die Aussicht, erneut kein Frühstück zu bekommen, störte ihn nicht wirklich, fehlte doch jeglicher Appetit und die Schmerzen in seinem Hals schnürten ihm auch jegliches Hungergefühl ab. Ein kurzes, wenn auch schmerzhaftes Husten entrang sich seiner trockenen Kehle.

Mit finsterem Blick auf das dürre Bündel vor sich auf dem Boden starrend, überlegte Zandros kurz, ob er ihn da einfach liegen lassen sollte. Doch dann entschied er sich doch dagegen. Dazu war er ihm bei Slytherin zu teuer gewesen.

„Steh auf und mach dich fertig - sofort!" Und wenn der Bengel ins Bad kriechen musste. Er würde nicht zulassen, dass er einen verweichlichten Sklaven hatte, der nur, weil er ein wenig erkältet war, seinen Pflichten nicht nachkam.

Wie Espenlaub zitternd versuchte Severus zu gehorchen und rappelte sich langsam auf. Als er dann barfuß auf dem kalten Boden stand, schlang er seine Ärmchen um seinen Oberkörper und schwankte leicht, ehe er versuchte zur Tür zu gehen.

Zur Seite tretend ließ der ältere Zauberer das Kind an sich vorbei, auch wenn sich seine Stirn noch weiter runzelte. Sein Sklave sah wirklich alles andere als gesund aus. Vielleicht sollte er ja doch seinen Heiler rufen?

Im Bad hatte Severus einige Probleme mit dem Wasser und immer wieder musste er husten. Als er dann einen Fuß in das eigentlich warme Wasser tauchte, keuchte er erschrocken auf und stieg wieder aus. "Kalt.", hauchte er heiser und blickte sich unsicher um.

Zandros, der seinem Sklaven gefolgt war, beugte sich kurz herab und glitt mit seinen Fingern durch das angenehm warme Badewasser: „Unsinn .. das ist so warm wie gestern auch."

Der Junge zitterte noch immer. Aber weil er keinen Ärger wollte, stieg er nun doch in das für ihn kalte Wasser. Als er saß, schüttelte es ihn regelrecht.

Mit den Fingern schnippend rief Zandros schließlich seine Hauselfe und befahl dieser ihm Pergament, Tinte und Feder zu bringen. Wenige Minuten später verließ eine der zwei hauseigenen Eulen das Gemäuer.

In der Zeit hatte Severus sich schnell gewaschen und trocknete sich nun bibbernd ab, ehe er nackt in die Kleiderkammer lief und sich eine neue Tunika holte. Erschöpft hockte er dann einige Augenblicke in dem kleinen Raum und lehnte den Kopf an die kühle Wand.

Zandros indessen ging in das Frühstückszimmer, um dort zu warten.

Nach einiger Zeit kam der Kleine die Treppe herunter und ging ins Esszimmer. Mit fiebrigen Augen sah er auf den Tisch und stellte erleichtert fest, dass das Essen schon dort stand. "Tut mir leid, dass ich krank geworden bin, Meister.", krächzte Severus leise und blieb mit gesenktem Kopf neben dem Stuhl stehen.

„Wir werden sehen …", murmelte der Zauberer und eingedenk des gestrigen Malörs und dass der Junge heute noch weitaus ungeschickter wirkte als am Vortag, schenkte er selbst etwas Kakao ein und stellte ihm die heiße Tasse am Tischrand vor die Nase.

„Trink das … aber verbrenn dich nicht und um Slytherins Willen verschütte nichts."

Langsam griff Severus nach dem Henkel der Tasse und hob sie an, da er gerade groß genug war, um auf den Tisch zu schauen, aber nicht auch noch über den Rand der Tasse, um pusten zu können.

Nach dem zweiten Mal Luftholen musste er allerdings husten und hatte großes Glück, dass die Tasse nicht richtig voll war, sodass er nichts verschüttete.

In dem Moment läutete es auch an der Tür.

Ohne von dem Brot aufzublicken, das er sich gerade schmierte, forderte der Hausherr auch prompt: „Geh und mach die Tür auf und geleite meinen Besucher her."

"Ja, Meister.", kam sofort die Erwiderung des Sklaven und er stellte seine Tasse wieder zurück, ohne etwas getrunken zu haben. Sofort flitzte der Kleine dann los, wobei seine nackten Füße auf dem Marmorboden platschende Geräusche machten.

An der Haustür musste sich Severus sehr strecken, um an die Klinke zu kommen, schaffte es aber dann doch, und zog die Tür auf.

Davor stand ein sehr großer Mann, mit schwarzen, zu einem strengen Zopf zusammen gebundenen Haaren und schwarzer langer Robe. Sofort musterte er den Jungen, von dessen Existenz er in dem Brief erfahren hatte, und bemerkte den fiebrigen Blick. Dennoch ging er erst einmal nicht auf das Kind ein, sondern ließ sich zu seinem Arbeitgeber bringen. "Zandros.", begrüßte er den Älteren mit einem leichten Nicken. "Ich hoffe, dir geht es soweit gut... Oder hat er dich schon angesteckt?"

Severus war der Mann unheimlich und ängstlich versuchte er sich hinter dem Stuhl seines Meisters zu verstecken.

„Nein .. es geht mir gut." Mit einer leichten Kopfbewegung wies er auf den Jungen, ging aber nicht weiter auf ihn ein. „Hast du schon gefrühstückt?" Damit deutete er einladend auf eine Tischseite, an welcher soeben ein weiterer Stuhl erschien.

"Nein.", antwortete der andere und setzte sich, um sich eine Tasse Kaffee zu nehmen. Dann blickte er wieder auf den Jungen, als dieser hustete und dabei offensichtlich Probleme hatte. "Vielleicht sollte ich mir das doch zuerst ansehen... Komm her zu mir, Junge."

Severus hatte sich neben den Stuhl seines Meisters gesetzt und sich erschöpft angelehnt. Doch nun krallte er seine kleine Hand in die Robe seines Meisters und schüttelte ängstlich den Kopf, bevor er erneut husten musste.

„Verdammt, Junge, tu gefälligst, was Iason sagt!", raunzte Zandros so langsam wirklich die Geduld verlierend, auch wenn er sich zum Teil doch darüber freute, dass sein Sklave schon jetzt zu wissen schien, wohin er gehörte. Dennoch … ein derart erbärmliches Verhalten war nicht zu dulden. Was mochte sein langjähriger Freund - einer seiner wenigen - und zugleich Hausheiler davon halten?

Ängstlich, aber nun doch gehorchend stand Severus auf und ging zu dem Mann hin, der so viel strenger und böser als sein Meister wirkte.

Iason betrachtete den Jungen, der deutlich schwach und sehr dünn wirkte. Als erstes legte er eine Hand auf den Kopf und runzelte die Stirn. Anschließend sprach er einen Diagnosezauber und betrachtete die Runen. "Es ist erstaunlich, dass er noch auf den Beinen ist...", murmelte er und erhob sich wieder, um in seinen Taschen nach einer Phiole zu suchen. "Er hat eine Temperatur von über vierzig Grad..."

Nun trat doch so etwas wie Besorgnis in Zandros' Miene. Dennoch seufzte er leise, bedauernd: „Wäre er nicht der einzige erschwingliche Sklave auf dem Markt gewesen, hätte ich mir nie ein derart … junges Exemplar ins Haus geholt. Ich hoffe, du kannst etwas tun, dass er nicht von noch weiteren Kinderkrankheiten heimgesucht wird."

Denn was sonst sollte das Fieber schon sein? Oder hatte man ihm mit Absicht beschädigte Ware verkauft? Bei diesem Gedanken verdüsterte sich das Gesicht des Hausherrn wieder eindeutig.

Der Heiler schüttelte jedoch leicht den Kopf, während er noch immer die Runen über dem Kind betrachtete. "Das ist keine Kinderkrankheit, Zandros. Der Junge hat eine angehende Lungenentzündung und das ist auch kein Wunder, wenn du ihn so im Haus herumlaufen lässt. Allein die blanken Füße auf dem Marmor reichen dazu aus, von der Kleidung ganz zu schweigen. So kannst du ihn im Hochsommer herumlaufen lassen, aber doch nicht im März."

Er hatte dem Sklaven den Inhalt der Phiole eingeflößt, was das Fieber senken dürfte. Doch hatte das zur Folge, dass die Erschöpfung des Jungen noch zunahm und Iason ihn auffangen musste, damit er nicht zu Boden sackte. "Ich nehme ihn mit ins Wohnzimmer und untersuche ihn dort weiter.", informierte er seinen Freund nur und ging bereits.

Gegenüber legte er den Jungen kurzerhand auf dem Sofa ab und untersuchte ihn nun gründlicher, flößte ihm noch zwei Phiolen mit Tränken ein.

Severus fühlte sich noch immer kalt und vollkommen übermüdet, was er auch wieder leise sagte.

"Ich weiß. Dir wird gleich wieder warm werden.", versprach der Heiler und wickelte das Kind in eine heraufbeschworene Decke, die noch zusätzlich einen Wärmezauber enthielt.

Zandros, der den beiden gefolgt war, sah nicht wirklich erfreut, wie sein Eigentum auf die Coach gelegt wurde. Doch sagte er nichts, konnte er doch nicht von Iason verlangen, dass dieser sich dann ebenfalls auf den Boden begab, um seine Behandlung durchzuführen.

„Eine Lungenentzündung …", echote er schließlich, fast schon erschrocken, wehrte sich aber gleich gegen den Vorwurf, „… das bisschen Herumlauferei kann ihn unmöglich so krank gemacht haben und in seinem Raum hat er sogar eine Decke."

Iason sah nicht auf. "Jeder würde krank werden, wenn er einige Tage barfuß in deinem Haus herumliefe. Selbst im Sommer würde ich das nicht raten, Zandros. Ich weiß, es sieht herrlich aus... aber er würde immer wieder krank werden. Und auch die Kleidung solltest du der Jahreszeit anpassen. Für den Sommer ist eine Tunika in Ordnung.. aber nicht jetzt.", erklärte er ruhig, während er zusah, wie der Junge einschlief.

Leise seufzend verabschiedete sich Zandros gedanklich schon von dem Anblick eines kaum bekleideten Sklaven … aber wenn er es recht betrachtete, so sah der Bursche jetzt noch weit schlechter aus, als trüge er warme Kleidung und zumindest so etwas wie Socken und Hausschuhe. „Also gut … du bist der Heiler … ich werde sobald wie möglich mit ihm einkaufen gehen."

„Gut.", murmelte Iason und strich die schwarzen Haare aus der noch immer recht heißen Stirn des Jungen. „Er ist wirklich hübsch.", murmelte er und stand dann auf, um sich Zandros zuzuwenden. „Er braucht einige Tage Ruhe und vor allem viel Wärme. Ich schicke dir die nötigen Tränke noch heute vorbei. Lass ihn sich völlig ausheilen, bevor du ihn wieder forderst, das ist wichtig, damit er nicht immer schwächlich bleibt. Mit einer Lungenentzündung ist nicht zu spaßen."

Sich in sein wohl unvermeidlich scheinendes Schicksal ergebend nickte Zandros verdrossen: „In Ordnung..." Mit den Fingern schnipsend befahl er dann die Hauselfe zu sich und trug ihr auf, sich die nächsten Tage um den Jungen zu kümmern, ihm zu trinken und zu essen zu geben und ihn warm zu halten.

Erst dann wandte er sich wieder seinem Gast zu: „Da dies nun erledigt ist…. Lass uns weiter frühstücken. Wie geht es deiner Familie?"

„Danke der Nachfrage. Es geht allen sehr gut. Auch wenn mein Ältester jetzt in das Alter kommt, wo sie ständig widersprechen.", erwiderte der Heiler, als er mit Zandros den Raum verließ, den Sklaven nicht weiter beachtend.

------

Die nächsten vier Tage waren die langweiligsten in Severus' bisherigem Leben, auch wenn er sich schon lange nicht mehr so warm gefühlt hatte. Er lag in seinem kleinen Zimmer eingewickelt in so viele Decken, dass er sie kaum zählen konnte. Es war herrlich weich.

Aber er durfte nichts machen. Wenn er zur Toilette gehen wollte, musste er sich dennoch in eine der Decken wickeln und durfte sie nur kurz ablegen. Dann war Pinky aber auch sofort wieder bei ihm und sorgte dafür, dass er sich wieder hinlegte.

Der Husten, der ihn so gequält hatte, war fort und so fragte er die Hauselfe sicher schon zum hundertsten Mal: „Wann darf ich denn wieder aufstehen? Hast du den Meister gefragt?"

„Ich dich sowieso holen kommen soll … Heiler wieder da sein, um nach dir zu sehen.", erklärte Pinky, gleich drei Tuniken bereit legend.

Severus biss sich auf die Unterlippe. „Der ist... mir unheimlich.", hauchte er leise, schälte sich aber dennoch aus den Decken und zog sich die drei Kleidungsstücke über. Dazu hatte er dicke Socken an, die ihm allerdings zu groß waren. Langsam folgte er Pinky nach unten und ins Kaminzimmer, wo er in der Tür stehen blieb.

Zandros hatte sich von seiner Hauselfe auf dem Laufenden halten lassen und war ganz zufrieden damit, wie sie dies handhabte. Er selbst sah nicht ein, sich mit derartigen Ungemächlichkeiten abzugeben. So musterte er den herein kommenden Sklaven zwar aufmerksam, aber nicht wirklich uninformiert.

„Nun komm schon her, Junge.", meinte Iason, als sich der Sklave nicht vom Fleck rührte.

Severus blinzelte und blickte kurz zu seinem Meister, ehe er auf die beiden zulief und vor dem Heiler stehen blieb. Unsicher sah er zu ihm auf. „Bin ich gesund?", wollte er leise wissen und sein Blick wirkte nun bettelnd, da er einfach nicht mehr allein in seinem Zimmer liegen wollte.

Zandros konnte ein Schmunzeln nun doch nicht unterdrücken und murmelte leise: „Zumindest hört es sich so an."

„Allerdings.", stimmte Iason zu und sprach einen Diagnosezauber, um ganz sicher zu gehen. „Ja... Die Lungenentzündung ist ausgeheilt. Keinerlei Anzeichen einer Erkältung mehr.", berichtete er dann zufrieden.

„Dann muss ich nicht mehr im Bett bleiben? Bitte, Meister."

Zandros brauchte für seine Antwort nicht lange überlegen: „Nein... ab sofort darfst du wieder arbeiten... und heute Nachmittag kommst du mit in die Winkelgasse. Kleidung besorgen."

"Die Winkelgasse?", fragte Severus und legte den Kopf zur Seite. "Die Frau... meine Großmutter .. sie meinte einmal, dass sie dorthin gehen will und dass ich nicht mit darf, weil Großvater es nicht will. Es ist schön, dass Ihr mich mitnehmt, Meister." Die schwarzen Augen strahlten regelrecht.

„Du hast weder eine Großmutter, noch sonst irgendeine Familie! Ich rate dir diesen Unfug umgehend zu vergessen und dich einzig und allein auf das zu konzentrieren, was du bist und was dies für dich beinhaltet", wies Zandros seinen Sklaven scharf zurecht.

Erschrocken trat Severus einen Schritt zurück. "Es... Es tut mir leid, Meister.", stammelte er und blickte zu Boden. Aber sein Meister hatte recht. Seine Familie gab es nicht mehr. Seine Eltern waren beide tot. Und seine Großeltern... nun die hatten ihn ja nicht haben wollen, also waren sie auch nicht seine Familie. Oder? Langsam blickte der Fünfjährige wieder auf. "Ich gehöre nur zu Euch, Meister.", wisperte er leise.

Zufrieden nickte der Zauberer: „Vergiss das nie."

"Werd ich nicht.", versprach Severus und lächelte wieder.

Iason schmunzelte in sich hinein. "Er scheint schnell zu lernen. Nicht nur gut aussehend, sondern auch was im Kopf. Du hast wirklich einen Glücksgriff gelandet.", murmelte er und erhob sich, um sich zu verabschieden, damit er Zandros nicht länger davon abhielt, mit dem Jungen einkaufen zu gehen und ihm anständige Kleidung zu kaufen.

-----
TBC