Kapitel 7 – Einkauf
Aufgeregt stand der kleine, schwarzhaarige Junge in der Eingangshalle des Manor. Er hatte drei Tuniken übereinander an und eine Hose, die ihm offensichtlich viel zu groß war und die durch Stricke festgehalten wurde. Auch die Schuhe und der Umhang waren zu groß.
Dennoch sah Severus mit strahlenden Augen zu seinem Meister auf. Sie würden einkaufen gehen und er durfte mit. Der Mann vor ihm hatte einen Zauberstab in der Hand und im nächsten Moment spürte der Kleine, dass sich die Sachen und die Schuhe etwas verkleinerten. Zwar sah es immer noch mehr als merkwürdig aus, aber er würde zumindest nicht mehr bei jedem Schritt Gefahr laufen, aus den Schuhen zu steigen oder die Hose zu verlieren.
Nach einem weiteren Schwenk seines Zauberstabs hatten sich die Stricke in Gürtel verwandelt und nach seinem Sklaven greifend, ihn einfach an der Schulter fassend, disapparierte Zandros aus seinem Manor heraus zum offiziellen Apparationspunkt in der Winkelgasse.
Mit offenem Mund sah sich der Kleine sofort um, hielt sich dabei aber mit einer Hand an der Robe seines Meisters fest, um ihn nicht zu verlieren. So viele Menschen auf einmal hatte er noch nie gesehen. Und dann waren da auch noch die ganzen Schaufenster mit den Auslagen und die Gerüche und Geräusche. All das war so neu für Severus, dass er aus dem Staunen gar nicht herauskam und vergaß, dass sie ja aus einem bestimmten Grund hergekommen waren.
Ohne überhaupt hinzusehen versetzte Zandros dem Jungen einen leichten Klaps auf den Hinterkopf: "Mach den Mund zu… Auch wenn du nur ein Sklave bist, bist du immerhin mein und ich dulde nicht, dass du mich durch dein schlechtes Benehmen blamierst."
"Es tut mir leid, Meister.", antwortete Severus und bemerkte erstaunt, dass sich daraufhin zwei ältere Damen umdrehten und ihn musterten. Allerdings erkannte er ihre Blicke nicht als das, was sie waren... Mitleid.
Zufrieden, dass auch diese Lektion hoffentlich begriffen worden war, hatte Iason doch recht damit, dass er einen erstaunlich gelehrigen, wenn auch kränklichen Sklaven erhalten hatte, schritt Zandros weiter. Dabei achtete er einzig darauf, dass sich sein Eigentum immer bei ihm befand und nahm ansonsten keine Rücksicht auf den Jungen, der schon fast rennen musste, um mit ihm Schritt zu halten.
Severus stolperte sogar einige Male, schaffte es aber auf den Beinen zu bleiben, da er sich noch immer am Umhang seines Meisters festhielt. Schließlich kamen sie dann endlich an ihrem Ziel an, wie es schien, und betraten einen Laden, in dem überall Kleidung und Stoffe lagen und hingen. Diesmal sah sich der Junge vorsichtiger um und musterte dann die Frau, die nach vorn kam.
"Oh, wen haben wir denn da? Für eine Schuluniform bist du aber noch etwas zu jung, hm?", kam es mit deutlicher Überraschung von der Ladeninhaberin, während sie dem Jungen breit zulächelte und sich dann an den neben diesem stehenden Mann wandte. "Sie haben da aber wirklich einen lieben … Neffen."
Severus strahlte die Frau nun an. Irgendwie mochte er sie gleich vom ersten Moment an. "Ich geh noch nicht zur Schule. Aber ich bekomme eigene Sachen, weil der Heiler gesagt hat, dass es zu kalt für eine Tunika ist. Und mein Meister hat mich sogar mitgenommen.", erklärte er mit deutlich hörbarer Aufregung in der Stimme, hatte er doch selbst früher bei seinen Eltern nur abgelegte Kleider anderer bekommen und keine eigenen.
Es gefiel Zandros ganz und gar nicht, was hier geschah und so fuhr er, noch ehe Madam Malkin antworten konnte dazwischen: "Ich benötige eine umfassende Wintergarderobe, inklusive Schuhwerk und Hausschuhen für meinen Sklaven. Da ich nicht viel Zeit habe, würde ich es schätzen, wenn Sie beginnen würden."
Bei dem harschen Tonfall zog Severus instinktiv den Kopf ein und sah unsicher zu seinem Meister auf. Hätte er nicht so viel sprechen dürfen? Doch als kein weiterer Tadel in seine Richtung kam, wandte der Kleine seine Aufmerksamkeit wieder der Dame zu und lächelte sie an.
Roswita Malkins Blick wurde noch eine ganze Spur mitleidiger: "Natürlich … gibt es bestimmte Farben, die …", begann sie zu fragen, wurde aber durch ein knappes Kopfschütteln unterbrochen und so wandte sie sich schließlich wieder dem Knaben zu.
"Was für Farben gefallen dir denn am besten?"
"Ich darf Farben aussuchen?", hauchte der Kleine und strahlte übers ganze Gesicht. "Ich mag grün.. und blau... und lila.", zählte er auf und ließ nun auch endlich den Umhang seines Meisters los, um einen Schritt auf die Frau zuzumachen, was diesem überhaupt nicht gefiel, doch sagte Zandros vorerst nichts.
Nachdem der Zauberer auch jetzt nicht einschritt, wandte Roswita Malkin ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem Jungen zu: "Na dann komm mal mit nach hinten zum Vermessen."
Nach einem sichernden Blick zu seinem Meister, der aber nichts dagegen zu haben schien, nahm Severus die Hand der Frau an und ließ sich nach hinten in einen abgetrennten Bereich führen. Dort zog er sich den Umhang aus. "Soll ich das andere auch ausziehen?", fragte er dann und blickte die Frau mit einem schüchternen Lächeln an.
"Bis auf die Unterwäsche ja ...", stimmte Roswita lächelnd zu, "... sonst kann ich deine genauen Maße nicht nehmen und nachher hast du sowieso etwas anderes an."
Einen Moment blickte der Kleine irritiert zu der fülligen Dame auf, dann zuckte er nur mit den Schultern und zog sich etwas ungelenk die drei Tuniken aus, die er als Oberteil trug. Ein Hemd hatte er nicht an, genauso wenig wie eine Unterhose, wie Madame Malkin sehen konnte, nachdem Severus mit einiger Mühe den ungewohnten Gürtel geöffnet und die Hose ausgezogen hatte. Schnell zog er sich auch noch die Schuhe und die Socken aus und stand dann nur mit seinem silbernen Halsreif bekleidet vor ihr.
"Das … ok … also als erstes brauchst du Unterwäsche …" Damit drehte sich Roswita rasch um, um das um ihre Lippen zuckende Schmunzeln zu verbergen und begann ganz unten in einem der umstehenden, gut gefüllten Regale zu suchen. Schließlich drehte sie sich wieder zu dem Jungen, mit einer weichen, warmen, langen weißen Unterhose, die von der Größe her ungefähr passen musste. "Hier … probier das mal an."
Mit großen Augen sah der Junge das Wäschestück an, nahm es entgegen und zog es sofort an. Es fühlte sich so weich und angenehm an, dass Severus unwillkürlich lächelte. "Sowas hatte ich noch nie.", meinte er und lief ein wenig mit blanken Füßen herum. "Darf ich es meinem Meister zeigen?"
Roswita schluckte und für einen Moment entglitt ihrem ansonsten fast immer gutmütigen Gesicht das stete Lächeln: "Du hattest noch nie Unterwäsche?", fragte sie regelrecht bestürzt, fing sich dann aber sofort wieder und schüttelte nur ihren Kopf: "Noch nicht … zuerst brauchst du Socken … unter anderem. Nicht dass du noch krank wirst." Damit suchte sie auch schon warme Wollsocken heraus, die so verzaubert waren, dass sie sich bei Kälteeinwirkung von selbst erwärmten und keinerlei Geruchsbildung zuließen.
"Doch... früher hatte ich auch Unterhosen... aber nur immer kurze.. so bis hier.", erklärte Severus und deutete auf seinen Oberschenkel, wo er an die Hüfte stieß. Dann nahm er die Socken entgegen und zog sie sich an, nur um anschließend sofort nach draußen zu sausen, um seinem Meister seine bisherigen neuen Sachen zu zeigen. "Meister, schaut mal.", rief er aufgeregt und deutete auf die langen Unterhosen.
Mit einem leisen Klirren fiel der Gürtel zu Boden, den sich einer der Kunden gerade angesehen hatte und er starrte ungläubig auf den halbnackten Jungen.
Zandros, der sich einige der dicker verarbeiteten Umhänge angesehen hatte, wandte sich auf den Ruf hin um und starrte für einen Moment überrascht auf seinen Sklaven, ehe sich seine Miene schlagartig verdüsterte: "Was soll das bitte sein?", schnappte er, packte sich den Jungen am rechten Arm und zerrte ihn kurzerhand zurück in den hinteren Bereich.
"Ich habe nichts von Unterwäsche gesagt! Nur von einer Garderobe!", blaffte er die Ladeninhaberin an, welche ihn erst überrascht, dann jedoch fast schon ungehalten anblickte.
"Er könnte sich erkälten …", wollte sie einwenden, wurde aber fast schon rüde unterbrochen.
"Nicht wenn Ihre sonstige Garderobe gut genug ist! Keine Unterwäsche mehr!" Damit schob er seinen Sklaven Madam Malkin entgegen und blieb selbst im Durchgang stehen. Anscheinend musste er dabei bleiben, um darauf zu achten, dass auch wirklich das geschah, was er wollte.
Einige Augenblicke stand Severus mit eingezogenem Kopf da, als warte er noch auf einen Schlag oder eine weitere Zurechtweisung. Als nichts dergleichen folgte, beeilte er sich hastig, sich die unerwünschte Kleidung wieder auszuziehen. Vorsichtig sah er dann auf. "Es tut mir leid, Meister. Ich wusste nicht, dass ich sowas nicht haben darf.", murmelte er leise und blickte auf seine noch immer in den herrlich warmen Socken steckenden Füße. "Darf... darf ich die behalten, Meister?", fragte er dann hoffnungsvoll, weil so seine Füße nie mehr kalt sein würden.
"Natürlich .. das sind schließlich auch Socken und keine Unterwäsche …", brummelte Zandros, während Roswita die Unterhose bedauernd wieder zurücknahm und sie mit einem Schwenk ihres Zauberstabs in einen Korb mit waschbereiter Wäsche beförderte.
"Danke, Meister.", strahlte Severus und trat die zwei Schritte auf den Älteren zu und umarmte dessen linken Oberschenkel. Dann drehte er sich wieder zu der Schneiderin um und wartete darauf, dass er endlich vermessen wurde.
Da der Zauberer wohl nicht gedachte, sie wieder allein zu lassen, begann Roswita nun mit der eigentlich Maßarbeit und im Nu tanzten mehrere Maßbänder um den Schwarzhaarigen herum, woraufhin Roswita damit begann, Hosen, Hemden, Pullover, Umhänge, Mützen, Handschuhe und Schals herauszusuchen und entsprechend zu verkleinern.
Leise kichernd stand Severus mit ausgestreckten Armen da und beobachtete voller Neugier, was die Bänder alles an ihm vermaßen. Doch als er sah, dass bereits Sachen für ihn herausgesucht wurden, hing sein Blick nur noch auf der Hexe. Die Farben waren wirklich die, die er sich gewünscht hatte. Ein dunkelgrüner und ein lila Pullover, ein dunkelblaues Hemd. Severus' schwarze Augen leuchteten glücklich, als wäre Weihnachten und sein Geburtstag am selben Tag.
"Hier … probier diese mal an.", wandte sich Roswita wieder an den Kleinen, ihm eine dunkelblaue, fast schwarze Hose reichend und einen dunkelgrünen warmen Pullover.
Freudig machte Severus sich daran, die Sachen anzuziehen, was er für sein Alter durchaus schon sehr gut machte. Dann drehte er sich zu seinem Meister um und sah diesen fragend an. "Gefällt es Euch auch, Meister?", fragte er ihn lieb und drehte sich einmal im Kreis. "Es ist schön warm. Und kuschlig... wie mein Bär früher."
"Ein guter Sklave braucht kein Spielzeug.. und du willst doch ein guter Sklave sein, oder?", murmelte Zandros, der ihn dabei fast schon entsetzt anstarrenden Ladeninhaberin nur einen flüchtigen Blick gönnend.
Der Kleine senkte den Kopf und nickte leicht. "Ja, Meister. Es tut mir leid.", murmelte er leise und hörbar geknickt. Dann drehte er sich wieder zu der Schneiderin um. "Soll ich noch mehr anprobieren?"
Roswita zögerte kurz, nickte dann aber: "Ja .. die Handschuhe hier .. und die Mütze … probier mal, ob sie dir nicht zu groß sind, oder zu eng." Damit reichte sie ihm das Genannte in grüner und schwarzer Färbung. Auch diese waren jeweils mit einem Wärmezauber belegt.
Sofort strahlte der Kleine wieder, die Zurechtweisung wegen des Teddys verdrängend, und zog sich die Handschuhe über die Hände. Auch so etwas kannte er nicht wirklich. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich wieder so richtig schön warm, ohne dass er unter einer dicken Decke lag.
Vielleicht... ja, vielleicht war es doch nicht so schlimm, ein Sklave zu sein.
tbc
