Kapitel 10: Abreise
Es waren
zwei Wochen vergangen, seit Severus mit dem Direktor von Hogwarts in
der Winkelgasse gewesen war, wobei er sich wirklich tadellos benommen
hatte.
Als
er wieder bei seinem Meister ankam, hatte er zwei komplette Hogwarts
Garderoben und alle Bücher und Utensilien, die er sonst noch
brauchte. Auf ein Tier hatte er verzichtet, hieß es doch in dem
Schreiben, dass es nur eine Kann-Sache war, eine Eule, eine Kröte
oder eine Katze mitzubringen. Auch hatte er auf sämtliche
Unterwäsche verzichtet, wie es sein Meister bisher auch
grundsätzlich verlangt hatte.
Und nun stand er mit allen diesen Habseligkeiten sicher in zwei kleinen Koffern verpackt in der Eingangshalle des Manors und wartete auf seinen Meister. Er wusste, dass es noch mindestens zwei Stunden waren, bis der Hogwartsexpress fuhr. Deswegen wunderte er sich etwas, dass sein Meister so eine frühe Zeit genannt hatte.
In die Halle kommend blieb Zandros kurz stehen, um seinen Sklaven und die um diesen stehenden Koffer zu mustern: „Also verlässt du mich …"
„Nein, Meister, niemals.", erwiderte Severus leise und sank sofort auf die Knie. Er konnte nicht verhehlen, dass er Angst hatte. Er würde versuchen müssen, sich wie alle anderen Kinder zu verhalten. Niemand sollte merken, was er war.
Seinen Blick nun eindeutig auf die Koffer gerichtet haltend schüttelte Zandros nur seinen Kopf: „Niemals scheint keine besonders lange Zeitspanne zu sein."
„Aber..." Irritiert und traurig hob Severus langsam den Kopf ein wenig, blickte aber nicht ganz auf. „Wünscht Ihr denn nicht, dass ich lerne, meine Magie zu beherrschen, Meister? Wenn nicht, dann... dann bleibe ich hier bei Euch."
Zandros seufzte leise: „Wer weiß, wozu es gut ist …", dann zog er seinen Zauberstab und ihn auf sein Eigentum richtend, forderte er knapp: „Beweg dich jetzt nicht.", ehe er schließlich einen Zauber sprach, welcher das Äußere seines Jungen verkehrte. All das was vielleicht als schön empfunden werden konnte, die seidigen Haare, die samtene Haut, die vor Leben und Interesse leuchtenden Augen … veränderte sich.
Severus spürte ein deutliches Kribbeln auf der Haut und duckte sich instinktiv, weil er nicht wusste, was geschah. War er nicht sauber genug gewesen, dass sein Meister ihn magisch reinigte?
Als erstes bemerkte er einige Augenblicke später, dass seine Hände sich verändert hatten. Er hatte immer noch lange Finger und schmale Hände, aber sie wirkten magerer. Sie genauer betrachtend, senkte er den Kopf, sodass seine Haare nach vorn fielen und entsetzt stellte er fest, dass sie strähnig und fettig waren. „Oh nein..", hauchte er nur leise, hatte er sich doch extra die Mühe gemacht, die Haare nochmals zu waschen und ausgiebig zu bürsten. Erschrocken hielt er sich den Mund zu und stieß dabei an eine viel zu große Nase, die er mit vor Entsetzen geweiteten Augen langsam betastete.
Zandros konnte einfach nicht anders, als bei diesem Anblick leise aufzulachen: „Was … gefällt es dir nicht?" Und damit beschwor er einen Spiegel herauf, welcher direkt vor seinem Sklaven in der Luft schwebend erschien. Das Ergebnis war wirklich weit besser, als er es erwartet hätte. So würde bestimmt niemand ein allzu großes Interesse daran haben, sich mit seinem Eigentum einzulassen und die gute Erziehung, die dieser von ihm erhalten hatte, durch so etwas wie Freundschaft zerstören.
Severus hob den Kopf und wurde bleich, als er in das hagere Gesicht starrte. Die Augen wirkten leblos, als wäre überhaupt niemand in seinem Körper. Die Nase war nicht nur länger sondern krumm, sodass er wie ein Habicht wirkte. Mit vor Tränen schwimmendem Blick senkte er den Kopf wieder. „Nein, Meister.", hauchte er nur, der Wahrheit entsprechend.
Sichtlich zufrieden ließ Zandros den Spiegel wieder verschwinden: „Gut … denn so werden dich ab heute alle anderen Menschen sehen. Nur hier bei mir kannst du wieder sein, was du bist und immer sein wirst. Der morgendliche Blick in den Spiegel wird dir hoffentlich helfen, das niemals zu vergessen, Junge."
„Ja, Meister.", brachte Severus an dem Kloß in seinem Hals vorbei mühsam hervor. Die Tränen konnte er dennoch nicht zurückhalten, auch wenn er sie hastig fortwischte.
Mit einigen schnellen Schritten befand sich Zandros bei seinem Sklaven, packte dessen Kinn und hob es an: „Was habe ich dir über derartige Gefühlsausbrüche beigebracht?", fragte er scharf.
„Ich weine nicht, Meister.", versicherte Severus erschrocken und fügte auch gleich zur Erklärung an: „Es ist nur.. nur.. die körperliche Reaktion."
Das Kinn wieder loslassend, gab sich Zandros vorerst mit dieser Antwort zufrieden, stimmte es doch mit dem Überein, was er seinem Jungen fast vom ersten Tag an beigebracht hatte. Seinen Blick nun zum ersten Mal richtig über die Koffer schweifen lassend, hatte ihn das Gepäck doch vorher nicht wirklich interessiert, erkundigte er sich beiläufig: „Dieser Schulleiter scheint ziemlich … spendabel gewesen zu sein."
„Es... ist alles nur.. nur zweite Wahl. Also... es hat schon jemandem vor mir gehört.", wisperte Severus leise, ehe ihm fast vor Schreck die Augen herausfielen. „Euch... Ich meine, es hat schon jemandem vor Euch gehört, Meister. Mir gehört nichts."
Zandros' Mienenspiel hatte sich ob des Versprechers, der, so wie er den Jungen erzogen hatte, eigentlich nicht hätte vorkommen dürfen, deutlich verdüstert und ebenso unheilverkündend war nun auch seine Stimme, als er finster verlangte: „Bring mir den Halsreif, der sich zuoberst in meiner rechten Schreibtischschublade befindet."
Aschfahl werdend sank Severus auf die Knie und hob langsam eine Hand. Doch berührte er seinen Meister nicht von sich aus. „Bitte...", hauchte er kaum hörbar und sah wirklich flehentlich auf. „Bitte, Meister... nicht in der Schule. Bitte."
Nun war Zandros' Geduld wirklich ein Ende gesetzt, was man seinem sich vor Zorn rot färbenden Gesicht auch deutlich ansehen konnte, waren doch einige Äderchen in seinem Gesicht und an seinem Hals beunruhigend stark hervorgetreten. Seinen Zauberstab ziehend, zischte er fast schon nur noch: „Sofort! Und bring den dünnen Stock ganz rechts auch gleich mit!"
Dem Jungen war sofort klar, dass er jetzt zu weit gegangen war, und so stand er mit weißem, eher an eine Kalkwand erinnerndem Gesicht auf und lief, so schnell er konnte, ins Büro seines Meisters. Dort nahm er den geforderten Reif, der ihm schon jetzt eisige Schauer über den Rücken jagte, in die eine Hand und den Stock in die andere, ehe er zu seinem Meister zurücklief.
Mit einem Schwenk seines bereitgehaltenen Zauberstabs war sein Sklave unten herum entkleidet und ein weiterer Schwenk und ein leise gemurmelter Zauberspruch ließ einen in der Luft schwebenden Balken erscheinen, welcher jedoch so unverrückbar war, als wäre er mit dem Fußboden und den Mauern des Manors selbst verwachsen.
Sagen tat Zandros nichts, denn er wusste sehr wohl, dass seinem Sklaven klar war, was er jetzt von ihm erwartete, nachdem er zuerst den innen mit Dornen bestickten Sklavenreif und dann den Stock entgegengenommen hatte.
Mit schon wieder feuchten Augen trat Severus an den Balken heran und beugte sich darüber, um seine Strafe in Empfang zu nehmen.
Wie sich herausstellte, war es weit schlimmer als in den letzten Wochen und Monaten üblich und so war über das Japsen und nach Luft schnappen nur schwer das geforderte Zählen und der Dank nach jedem Schlag zu hören. Doch schaffte es der junge Sklave dennoch.
Nachdem der letzte Schlag getan war, sorgte Zandros dafür, dass sein Junge wieder vollständig bekleidet war und klopfte anschließend mit dem Stockende auf den Boden vor sich: „Mach deinen Hals frei, damit ich dir den Reif umlegen kann."
Mit rotfleckigen Wangen löste Severus sich von dem Balken und drehte sich herum, um genau zu der Stelle zu treten, die sein Meister angedeutet hatte. Sofort sank er auf die Knie.
Mit gesenktem Kopf öffnete er dann die Knöpfe des Kragens und legte seinen im Moment nur durch einen seidenen, bequemen Reif gezierten Hals frei. Darunter war jedoch noch recht deutlich zu sehen, dass er erst vor kurzer Zeit mit eben jenem grausamen Reif bestraft worden war, den sein Meister jetzt in der Hand hielt. Bisher hatte er ihn nie länger als vielleicht eine Woche tragen müssen.
Die Aussicht, dass er ihn nun Monate lang, bis zu den ersten Ferien tragen würde, versetzte den Jungen nahezu in Panik.
Den sich noch um den Hals befindlichen Reif entfernend, legte Zandros nun den anderen, weit einprägsameren um den dünnen Hals seines Sklaven: „Pinky wird dich zum Gleis 9 ¾ bringen. Dort steigst du in den roten Zug - den Hogwartsexpress, der dich und die anderen … Kinder in die Schule bringen wird. Doch solltest du bei allem, was du lernst, niemals vergessen, was du tatsächlich bist..."
Severus hörte die Drohung durchaus und schluckte schwer. „Das werde ich niemals vergessen, Meister.", versicherte er mit heiserer Stimme, während er langsam seinen Kragen wieder zuknöpfte. Dann sah er sich nach der Hauselfe um, die ihn zum Gleis bringen würde.
Zwischen den Koffern erscheinend ließ Pinky diese auch sogleich schweben: „Pinky so aufgeregt sein… du viel erleben werden", begann sie strahlend, freute es sie doch, dass der junge Mensch, der ihr so ähnlich schien, auf eine große Reise gehen konnte.
Der Hausherr indessen wandte sich nach einem kurzen „Du weißt, was zu tun ist" von seiner Hauselfe und seinem Sklaven ab und verschwand aus der Eingangshalle. Gab es doch nichts, das er hier noch tun müsste, was er nicht schon getan hatte.
„Nur dass der Meister dafür gesorgt hat, dass niemand etwas mit mir zu tun haben wollen wird", wisperte Severus mit einem für sein Alter viel zu bitteren Unterton, während er sich die fettigen Haare hinter die Ohren strich. Dann trat er zu der Elfe, die immer für ihn da gewesen war, soweit er zurückdenken konnte. „Ich werde dich vermissen, Pinky."
Mit großen Augen zu dem Menschenkind aufblickend verkündete Pinky offen, wie alle Hauselfen nun einmal waren: „Du nun wirklich hässlich aussehen … nicht so hübsch wie vorher."
„Ich weiß. Damit niemand mit mir befreundet sein will", wisperte Severus nur leise und sank auf die Knie, um seine Arme sacht um die zierliche Elfe zu legen. „Wünsch mir Glück, Pinky. Damit der Meister stolz auf mich ist und mich bis zum Ende zur Schule gehen lässt."
Ihre dünnen Arme um den Hals des Jungen schlingend verkündete Pinky mit großen feuchten Augen: „Pinky ganz viel Glück wünschen."
Dann löste sie sich, griff nach den Koffern und nachdem sich der Junge bei ihr festhielt, teleportierte sie direkt auf das Gleis 9 ¾ in Kings Cross.
Mit großen doch deutlich ängstlich wirkenden Augen sah Severus sich um. Überall waren Kinder mit ihren Eltern. Entweder tollten sie bereits mit Freunden herum und lachten, oder sie hielten sich an der Hand von Mutter oder Vater fest, weil es wohl auch ihr erstes Jahr war. „Kannst du die Koffer noch mit in den Zug bringen?", wisperte der Schwarzhaarige leise und sah Pinky bittend an.
„Pinky das gerne machen", verkündete die Hauselfe und levitierte die Koffer dem der roten Lok am nächsten gelegenen Einstiegsbereich zu.
„Danke.", hauchte der Junge nur und ging hinter Pinky her. Dabei spürte er deutlich die teils mitleidigen teils verachtenden Blicke der Erwachsenen und Kinder auf sich ruhen. Erst im Abteil atmete er dann wieder auf und verabschiedete sich nochmals von der Elfe. „Wir sehen uns in den ersten Ferien wieder."
Den Jungen noch einmal umarmend, so gut dies eben ging, schniefte die Hauselfe leise, ehe sie sich ebenfalls verabschiedete: „Pinky dich vermissen werden, aber viel Glück wünschen." Und dann war sie auch schon verschwunden.
Traurig setzte Severus sich auf den Boden, sprang aber sofort aufjapsend wieder auf, hatte er doch seinen wundgeschlagenen Hintern vollkommen verdrängt gehabt. Überlegend, was er jetzt tun konnte, kletterte er auf die Sitzbank und öffnete den Koffer im Netz darüber, um eines der Schulbücher herauszunehmen. Wenn er es schon einmal las, würde er sicher noch besser in der Schule sein. Langsam und vorsichtig kniete er sich dann auf den Boden, um seinen Hintern zu schonen, ehe er das Buch öffnete.
„Ist hier...", riss ihn etwas später eine Stimme aus der Lektüre seines Zauberkunstbuches und erschrocken sah der Junge auf und in das Gesicht eines schwarzhaarigen Jungen mit Brille. Dahinter erkannte er noch einen weiteren Jungen.
„Wieso hockst du da auf dem Boden? Hast du was verloren?"
Der zweite Junge lachte schallend. „Vielleicht fühlt er sich dort wohler. Oder er will nicht, dass ihn jemand durchs Fenster sieht. Ich glaube, ich habe noch nie jemand so hässliches gesehen. Unter welchem Stein bist du denn hervorgekrochen? Du siehst aus, als hättest du noch nie die Sonne gesehen. Bist du ein Vampir?"
„Nein. Natürlich nicht.", erwiderte Severus leise und senkte verlegen den Kopf. Er hatte einfach nicht darüber nachgedacht, als er sich auf den Boden gesetzt hatte. Immerhin war dort sein Platz! Mit rotfleckigen Wangen und ob der Beleidigung leise schniefend stand er auf und setzte sich vorsichtig auf eine der beiden weich gepolsterten Sitzbänke.
„Hast du kein Taschentuch, dass du so rumschniefen musst? Wahrscheinlich bist du zu arm dafür, oder?"
„Nein. Ich.. ich habe Taschentücher. Es.. es ist nur..."
„Nur was, Schniefi? Gefällt es dir? Oder willst du uns nur rausekeln? Es ist dir schon gelungen. Komm, Sirius, ich will nichts mit diesem .. diesem Schniefelus zu tun haben! Am Ende holen wir uns noch irgendeine Krankheit."
„Ich... Ich bin nicht krank.", wisperte Severus leise und Tränen traten in seine Augen, die er jedoch tapfer bekämpfte. „Ihr. Ihr könnt euch ruhig setzen. Ich hab schon... schon etwas gelesen. Für die Schule. Damit... Damit zu Hause alle stolz auf mich sind. Wir könnten darüber reden..."
„Oh, Merlin. Auch noch ein Streber! Ich komm mit, James! Suchen wir uns ein streberfreies, sauberes Abteil. Wer weiß schon, was der für Ungeziefer hat."
Als die Tür zuknallte und der Zug gerade anfuhr, hörte Severus noch, wie die beiden jemand anders, der wohl auch gerade in das letzte Abteil schauen wollte, warnten, dass er dort lieber nicht hingehen sollte, wenn er sich nicht eine Krankheit einfangen wollte. Langsam rollten zwei Tränen über Severus bleiche, von hässlichen roten Flecken gezeichnete Wangen und er senkte den Kopf, um sein Gesicht hinter einem Vorhang aus fettigen Haaren zu verbergen.
Die Schule würde wirklich nicht leicht werden. Doch wie schwer sie wirklich werden sollte, würde der zukünftige Slytherin noch am selben Abend merken.
Seine schlimmsten Befürchtungen reichten noch lange nicht an das heran, was sein Leben in Hogwarts werden würde.
Seine Hauskameraden oder ganz speziell ein blonder Zweitklässler namens Lucius Malfoy fand schnell heraus, dass er ein Halbblut war, dass sein Vater ein Muggel gewesen war. An diesem ersten Abend hatte er Glück gehabt, dass er es noch in sein Zimmer schaffte, bevor ihn irgendwelche Flüche der Älteren trafen.
Vor allem seine Schüchternheit und dass er sich niemals wehrte, stachelte die anderen nur noch mehr an, und so bestand Severus' Tagesablauf in den folgenden Wochen nur aus Lernen, im Unterricht sitzen und sich wenn möglich unsichtbar machen. Schnell wurde er sehr gut darin, sodass ihn die anderen Schüler nur noch selten erwischten.
Nach und nach wurde er dann nach außen hin selbstbewusster und fing auch an, sich zur Wehr zu setzen. Er wollte einfach nicht immer nur der Prügelknabe sein. Zumal keines dieser Kinder ein Recht dazu hatte, ihn so zu behandeln. Niemand hatte dieses Recht... solange sein Meister es nicht bestimmte.
tbc
