2.

Lisa staunte nicht schlecht – ein großes Mundwerk hatte der kleine Mann mit den aufgedunsenen Wangen durchaus. Angesichts des aufkommenden Schweigens erhob Watson sich und ging in Richtung Schlafzimmer, warf kurz einen Blick durch die Tür, grinste und meinte dann: „Hm, dafür dass du sonst so kreativ bist, ist das jetzt echt phantasielos – jeder treibt es doch im Bett." Erschrocken sah Lisa auf, nur um sofort wieder auf ihre Füße zu starren – das war bestimmt ein schlechter Traum. Rokko stand nun auf und gesellte sich zu seinem Sohn. „Watson, was machst du da?" – „Nachdem du mich Ostern so charmant ausgeladen hast, Holmes, finde ich es nur gerecht, wenn ich deine neue Behausung endlich zu Gesicht bekomme – irgendwo muss ich die nächsten Wochen doch schlafen, oder?" Sprachlos schnappte Rokko nach Luft. „Ich habe dir doch erklärt, warum es Ostern nicht ging. Also bitte, mach kein Drama daraus." – „Ich mache kein Drama daraus, ich möchte nur deine Wohnung sehen." Rokko drehte sich einmal um sich selbst und streckte dabei die Arme aus: „Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, dahinten ist das Bad, oben sind Arbeitszimmer, Gästezimmer – da wohnt gerade ein Freund von mir drin – und dein Zimmer." Kaum war Rokkos Wohnungsführung der besonderen Art beendet, war Watson auch schon auf den Weg in sein Zimmer. Ein wenig verdattert blieben Lisa und Rokko zurück. „Vielleicht sollte ich jetzt gehen", bot Kerimas Mehrheitseignerin an. „Du willst doch bestimmt ein wenig Zeit mit deinem Sohn verbringen." Watsons Rucksack geschultert und bereit, seinem Sohn zu folgen sah Rokko Lisa an. „Ach was, ich kann doch Zeit mit ihm UND dir verbringen. Watson geht normalerweise sehr früh schlafen, dann kann ich dir in Ruhe alles erklären, okay?" Rokko hatte seinen Vorschlag kaum ausgesprochen, als ein empörter Aufschrei aus dem oberen Stockwerk kam. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Holmes, oder?" Alarmiert durch den Tonfall seines Sohnes hechtete Rokko – zwei Stufen auf einmal nehmend – die Treppe hinauf. „Was ist denn?" – „Es… es ist scheußlich!", stieß Watson aufgebracht hervor und drehte sich in dem großen, aber dennoch kahlen Raum. „Es ist zweckmäßig und…" – „Lies von meinen Lippen: Es ist hässlich." – „Lisa, sag doch auch mal etwas", forderte Rokko die schüchterne junge Frau im Türrahmen an. „Nun ja, es hat… es hat den Charme eines Gulags", bemerkte Lisa zu Watsons Zufriedenheit. Empört stemmte Rokko die Hände in die Hüften. „Wunderbar, fall du mir auch noch in den Rücken." – „Es ist einfach viel zu farblos für einen 12-Jährigen", verteidigte Lisa ihren Standpunkt. „Ich bin seit 6 Wochen 13", meldete Watson sich zu Wort. „Übrigens Danke für die liebevolle Karte. Das nächste Mal darfst du gerne mehr reinschreiben als ‚wünscht dir dein Holmes'." Watson nahm seinem Vater den Rucksack ab und machte sich daran, den neuen Kleiderschrank penibel einzuräumen. „Das muss so hängen und Naht über Naht liegen", redete er mit sich selbst.

„Wieso eigentlich Watson und Holmes?", flüsterte Lisa Rokko kaum hörbar zu, während sie Adrian beim Auspacken zusahen. „Puh, Gott sei Dank, eine leichte Frage. Als Watson noch klein war, habe ich ihm immer etwas vorgelesen. Märchen waren nicht so unsere Welt, aber Krimis, besonders Sherlock Holmes und Watson, wie hieß der doch gleich mit Vornamen?" – „Adrian", krähte der vermeintlich Angesprochene. „Aber so werde ich eigentlich nur von Leuten genannt, die mich nicht kennen. Selbst der Chefarzt sagt ‚Watson' zu mir." Lisa nickte, als würde sie verstehen. Wahrscheinlich würde ein Gespräch mit Rokko wenig später Klarheit bringen. „Aber echt mal, das Zimmer geht gar nicht", moserte Watson erneut. „Das sieht aus wie auf der Intensivstation." – „Gut, dann besorgen wir gleich morgen einen Eimer Farbe und ändern das. Bist du nun zufrieden?", fragte Rokko – langsam wurde sein Geduldsfaden dünner. „Horch zu", baute sein Sohn sich vor ihm auf. „Ja, ich werde vor dir das Zeitlich segnen und ja, es ist eine Geldverschwendung, mein Zimmer zu streichen, wo es doch mit mir bald aus ist, ABER ich will nicht in einem Zimmer wohnen, das mich ununterbrochen an diesen Umstand erinnert, kapische?" Rokko schluckte schwer – es versetzte ihm immer ein seltsames Gefühl in der Magengegend, wenn Watson so direkt aussprach, was er eigentlich immer verdrängte. „Ich finde auch, dass ein bisschen Farbe nett wäre. Etwas Helles und Freundliches, vielleicht Gelb und Orange, an jede Wand eine andere Farbe", schlug Lisa von der Seite vor. „Die Schnecke hat es geschnallt, aber ich hätte lieber Blau, okay?" – „Da bin ich wohl überstimmt, oder?", lachte Rokko. „Ist gut, ich frage gleich mal meine Chefin, ob ich morgen eher Feierabend machen kann und dann streichen wir hier." – „Und einen Sitzsack", forderte Watson resolut. „Okay", entgegnete Rokko. „Und eine Lavalampe", forderte sein Sohn weiter, was dessen Vater nur mit einem Nicken beantwortete. „Und einen Fernseher mit DVD-Player." Provokant sah Watson Rokko an. „Sag jetzt bloß nicht ja", hielt er ihm vor. „Du würdest mir einen rosa Elefanten kaufen vor lauter schlechtem Gewissen, dass du so wenig Zeit für mich hast." Schuldbewusst sah Rokko zu Boden. „Du weißt doch, die Arbeit und bei Oma und Opa ist es doch auch schön." – „Oh ja, da kriege ich schon mal einen Einblick, wie es auf dem Friedhof sein wird", bemerkte Watson trocken. „Wenn mich dieser Krebs nicht umbringt, ist es die Langeweile bei Oma und Opa." – „Watson, bitte. Diese Diskussion hatten wir doch zur Genüge. Es ist das Beste so." Der Junge schnaufte – es war wohl doch schwieriger, den ersten Punkt seiner Liste zu erledigen, als er gedacht hatte. „Habt ihr schon gegessen? Also, ich meine, richtiges Essen, nicht das gegenseitige Vernaschen", wechselte der kleine Glatzkopf das Thema. „Ja, wir haben schon gegessen. Im Kühlschrank sind aber lauter leckere Sachen. Du darfst dich gerne bedienen." – „Hervorragend. Ihr könnt ja in der Zwischenzeit mein Bett beziehen – was Buntes, Holmes, ja? Lisa, du hast doch ein Auge darauf, ja? Ich gehe dann auch gleich schlafen. Ihr könnte dann gerne da weitermachen, wo ich euch unterbrochen habe – ihr könnt auch gerne etwas lauter sein, ich bin hundemüde."