4.

„Hast du noch Kontakt zu Watsons Mutter?" Rokko seufzte – offensichtlich war Lisa weniger nach Schlaf als ihm. Er wusste nicht, was er von ihrem plötzlichen Interesse für ihn und seine Familie halten sollte, trotzdem setzte er zu einer Antwort an: „Ich habe Julia seit der Geburt nicht mehr gesehen. Wegen der Schwangerschaft ist sie irgendwann nicht mehr zur Schule gegangen und als Watson dann da war, ist sie weggezogen, hat irgendwo anders ihren Abschluss gemacht – hieß es jedenfalls im Buschfunk." Im Dunkeln starrte Rokko die Decke an. „Als der Krebs im letzten Herbst zurückgekehrt ist und eine Knochenmarktransplantation unumgänglich war, habe ich sie ausfindig gemacht und sie gebeten, sich testen zu lassen. Sie lebt heute bei Hannover, hat eine kleine Familie und war mehr als empört von meiner Bitte." Wieder machte Rokko eine Pause und hoffte, dass Lisas Neugier nun befriedigt war. „Und?", hakte Lisa weiter nach. „Nichts und. Mein Knochenmark hat gepasst. Was brauchen wir da Watsons Mutter?", stellte Rokko trotzig in den Raum. Langsam tastete sich Lisas Hand im Dunkeln vor und drückte Rokkos Arm, zumindest hoffte sie inständig, dass es Rokkos Arm war… „Ihr seid sechs Kinder Zuhause?" Rokko musste lächeln, Lisa schien einfach nicht locker lassen zu wollen. „Hm, drei Mädchen, drei Jungen." – „Und alle älter als du?" – „Ja." – „Haben sie auch Namen?" – „Ja." Rokko machte eine Kunstpause, um Lisas Geduld zu testen. „Und? Verrätst du sie mir?" – „Meine älteste Schwester heißt Inga, ist 10 Jahre älter als ich, ist verheiratet, hat zwei Kinder, die ein bisschen älter sind als Watson und sie arbeitet da, wo die berühmten Punkte für's Rasen gesammelt werden, aber mach dir keine Hoffnung, sie ist da sehr pingelig und hat noch nicht einmal mir geholfen." Selbst im Dunkeln konnte Lisa sehen, wie schelmisch Rokko nun grinste. „Simeon ist der Zweitälteste, hat keine eigene Familie und war beim letzten Sippentreffen zu Weihnachten noch bzw. schon wieder Single. Er arbeitet auf einer Bohrinsel in der Nordsee. Und dann ist da mein Bruder Peter, er arbeitet beim Theater. Ich habe keine Ahnung, was er da genau macht – wohl den ganzen Papierkram und das Organisatorische, schauspielern jedenfalls nicht. Er hat letztes Jahr geheiratet und arbeitet mit seiner Frau wohl an Nachwuchs… Und dann Ina und Marianna. Die beiden sind eineiige Zwillinge und zwei Jahre älter als ich. Ina ist Musiktherapeutin und arbeitet seit einiger Zeit in einem Kinderheim in Slowenien. Marianna ist bei einer Rucksack-Tour durch Kanada vor ein paar Jahren verschollen sozusagen." – „Oh, das tut mir leid." – „Nee, nicht so verschollen. Sie hat sich verliebt und lebt mit ihrem Freund und ihrer gemeinsamen Tochter irgendwo zwischen Baumgrenze und ewigen Eis." – „Ach so. Besuchst du sie mal?" – „Wieso? Willst du mal nach Kanada?" Lisa war froh, dass es in Rokkos Schlafzimmer so dunkel war, sonst hätte er jetzt wohl gesehen, wie sie errötete. „Ich meinte eigentlich eher alle deine Geschwister." – „Da wäre ich ja nur am Rumreisen. Wir sehen uns zu gegebenen Anlässen: Weihnachten, Geburtstage, Hochzeiten und Beerdigungen." Rokko wurde still. Wer wusste schon, wie bald die nächste Beerdigung sein würde?

Ohne das Licht anzumachen und ohne Hausschuhe, wofür ihn sowohl seine Oma als auch Holmes ausgeschimpft hätten, stieg Watson die Treppe hinab. Er hörte die Stimmen, die aus dem Schlafzimmer seines Vaters kamen und versuchte deshalb besonders leise zu sein. Wenn er Holmes störte, würde er wohl kaum hier bleiben dürfen. Vorsichtig nahm er ein Glas und füllte es mit Leitungswasser – ach dafür hätte Holmes wohl mit ihm geschimpft. „Du sollst doch kein Wasser aus der Leitung trinken, das ist nicht gut für dich." Pah, selbst der Oberarzt im Kinderkrankenhaus hatte gesagt, dass Leitungswasser genauso gut war wie das aus der Flasche und es hatte nicht diese blöde Kohlensäure, von dem man ständig aufstoßen musste. Gedankenverloren stellte Watson sein Glas auf die Arbeitsplatte und griff in die Brusttasche seines Pyjamas. Hm, ob Holmes und diese Lisa sich wohl nahe genug standen, um Punkt 2 der Liste abhaken zu können? Gleich morgen würde er das herausfinden, nahm er sich fest vor und fasste sich dann an die Stirn. Hoffentlich waren seine Kopfschmerzen bis dahin verschwunden, sonst würde er nicht mit Holmes streichen können. Adrian Kowalski schwankte bedrohlich und riss versehentlich sein Glas von der Arbeitsplatte. Mit einem lauten Klirren zersprang es auf dem Fußboden in lauter kleine Teile.

„Was war das?", fragte Rokko auf einmal hellwach. „Keine Ahnung. Klang, als käme es aus der Küche", entgegnete Lisa blinzelnd, weil Rokko das Licht angemacht hatte. Schnell folgte sie ihm in besagten Raum. „Watson, was ist passiert?" – „Mir ist das Glas runtergefallen", antwortete der Junge verwirrt und bückte sich sofort nach den Scherben. „Halt! Nicht anfassen!", befahl Rokko ihm besorgt. „Nicht, dass du dich noch schneidest!" Mit einigen kurzen Schritten trat Rokko hinter die Küchenzeile und sah sich suchend nach seinem Handfeger und seinem Kehrblech um. „Du hast ja keine Hausschuhe an!", wandte er sich vorwurfsvoll an seinen Sohn. „Komm her." Ehe Watson sich versah, hatte Holmes ihn auch schon unter den Armen gepackt und hoch gehoben. Sekunden später stellte er ihn neben Lisa ab. „Ist alles in Ordnung mit dir? Hast du dich verletzt?", fragte diese ihn besorgt und griff nach seinen Händen, um sich von deren Unversehrtheit zu überzeugen. „Ich wollte doch nur einen Schluck trinken", platzte es aus Watson heraus. Den Tränen nahe umfasste er Lisas Bauch und drückte sich an sie. „Hey, es ist doch alles gut", beruhigte sie ihn. „Ich habe das Glas kaputtgemacht." – „Das ist doch egal, solange dir nichts passiert ist", drang Rokkos Stimme aus der Küche zu ihm. „Lisa, bringst du ihn bitte zurück ins Bett? Ich mache hier nur schnell sauber und komme dann nach, ja?" Lisa nickte und führte Watson die Treppe hinauf in sein Zimmer.

Wie ein Häufchen Elend saß er nun in seinem Bett und große Tränen liefen ihm die aufgedunsenen Wangen hinab. „Du musst doch nicht weinen. Es ist nur ein blödes Glas", wollte Lisa ihn aufmuntern, doch Watsons Tränen wurden immer mehr. „So wird er mich nie bei sich wohnen lassen. Wenn ich ihm die Einrichtung zerschlage, dann will er mich bestimmt nicht hier haben." Lisa setzte sich auf Watsons Bett und legte die Arme um ihn. „Das ist doch Unsinn. Es ist doch nur ein Glas kaputt gegangen und es war doch keine Absicht." Watson schluchzte herzzerreißend. „Du würdest gerne bei deinem Papa wohnen, oder?", fragte sie ihn einfühlsam. „Ja, natürlich. Alle Kinder leben bei ihren Eltern, nur ich nicht. Lina aus dem Krankenhaus zum Beispiel hat nur noch ihre Mutter, aber sie wohnt bei ihr und Kevin aus meiner Klasse lebt auch bei seinen Eltern, nur ich wohne bei Oma und Opa. Ich habe ja nicht mal einen richtigen Papa, ich habe nur einen Holmes. Das ist auch cool, aber wenn ich nicht einmal bei ihm sein darf…" Betreten schwieg Lisa. Was sollte sie diesem kleinen Mann denn jetzt sagen? „Und jetzt will er mich bestimmt nicht mehr", stieß Watson mit neuerlich bebender Unterlippe hervor. Mütterlich strich Lisa ihm über die mit leichtem Flaum bedeckte Glatze. „Ich mache dir einen Vorschlag, Watson. Ich habe Zuhause noch ein paar Glasmalfarben. Die hole ich morgen und ich besorge neue Gläser und wenn dein Papa hier streicht, dann bemalen wir die tollsten Gläser der Welt. Dann vergisst er das langweilige alte ganz schnell." In Watsons Augen machte sich ein Strahlen breit. „Ehrlich?" – „Ja, ganz ehrlich." – „Meinst du, Holmes streicht mein Zimmer so wie ich es haben möchte?" – „Ich denke schon. Wie möchtest du es denn haben?" Watson kniete sich plötzlich hin und deutete auf die Wand hinter seinem Bett. „Die hier soll dunkelblau werden mit aufgeklebten Leuchtesternchen, damit man gleich weiß, dass hier geschlafen wird und die da drüben, die mit dem Fenster hellblau wie der Himmel und die zwei anderen so blau wie das Meer…" Plötzlich unterbrach Watson sein aufgeregtes Pläneschmieden und fasste sich an den Kopf. „Hey, ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Lisa alarmiert nach. „Ich habe Kopfschmerzen", kam die geflüsterte Antwort. „Aber nicht Holmes sagen, er soll sich doch keine Sorgen machen." Lisa schüttelte den Kopf. „Lass mich mal machen, okay?"

„Rokko?" Der Angesprochene musterte geraden Küchenfußboden und vergewisserte sich, dass dort keine Scherben mehr lagen. „Hast du irgendwo Schmerztabletten?" Verwirrt sah Rokko auf. „Watson hat Kopfschmerzen und…", setzte Lisa zu einer Erklärung an. „Er hat ganz spezielle Tabletten dafür. Die müssten in seinem Waschbeutel sein", entgegnete Rokko. „Jedenfalls tut meine Mama sie immer dahinein." – „Ist gut, ich sehe mal nach." Wie selbstverständlich drehte Lisa sich um und ging wieder nach oben.

„Sind das alle deine Medikamente?", fragte sie Watson Minuten später. „Jep. Das kleine Chemiewerk da gehört mir", war er schon wieder zu Scherzen aufgelegt. „Aber das hier ist ein Diabetes-Medikament und das hier gegen Herzrhythmusstörungen. Das hier gegen Bluthochdruck und Augentropfen..." Zweifelnd sah Lisa den kleinen Jungen mit den großen braunen Augen an. „Herrje, dann hat meine Mutter ihm die Medikamente meines Vaters eingepackt", meldete Rokko sich von der Treppe aus. Kurze Zeit später stand er neben Lisa und begutachtete den Inhalt der Waschtasche. „Tatsächlich, davon gehört nicht eins Watson!" Verständnislos mit dem Kopf schüttelnd wandte Rokko sich an seinen Sohn. „Ist es so schlimm, dass du eine Tablette brauchst?" Watson wollte tapfer mit „Nein" antworten, aber Rokko hatte ihn bereits durchschaut. „Traust du dir zu, ein paar Minuten mit ihm alleine zu bleiben?", sprach er Lisa an. „Wieso? Beißt dein Sohn?" – „Nein, natürlich nicht. Dann kann ich unbesorgt zur Nachtapotheke gehen?" – „Kannst du. Wir sind auch ganz artig", versicherte Lisa ihm kichernd. Interessiert beobachtete Watson, wie Holmes seiner Lisa einen Kuss ab. „Ähm… könntet ihr eure Knutscherei auf später verschieben? Mir platzt der Schädel." – „Jawohl, Mister Watson, ich bin unterwegs", lachte Rokko und ging.

„Sag mal, bist du eigentlich nur ein Übernachtungsgast oder gehörst du fest zu Holmes?", wandte Adrian sich neugierig an Lisa. „Ähm, das ist eine interessante Frage…", versuchte sie sich aus der Affäre zu ziehen. „Eigentlich ist es eine ganz einfache Frage… Ja, du bist Übernachtungsgast oder Ja, du gehörst fest zu Holmes." – „Ich glaube, letzteres." – „Hm, das ist doch keine Glaubensfrage…" Wieder fasste Watson sich an den Kopf. „Das ist doch lästig", murmelte er. „Da hat man schon fremdes Knochenmark und der eigene Körper lässt einen trotzdem nicht in Ruhe." Angesichts dieser Bemerkung konnte Lisa sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Vielleicht ist das kleine Männchen in deinem Kopf nicht kräftig genug." – „Wie jetzt, Männchen?" – „Naja, das Männchen, das deine Gedanken ordnet. Es schleppt sie von einer Ecke deines Gehirns in die andere, damit sie gut sortiert sind. Wahrscheinlich machst du dir zu viele Gedanken und das Männchen ist müde vom vielen Tragen und kann deine Gedanken gar nicht richtig anheben. Es wird sie über den Fußboden schleifen und das tut dann weh." Verdattert betrachtete Watson Lisa. „Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?" – „Wieso denn nicht?" – „Weil das Hirn das Organ ist, von dem die Mediziner am wenigsten wissen." – „Siehst du, dann können sie auch nicht wissen, dass es nicht so ist." Watsons Stirn legte sich nachdenklich in Falten. „Ich werde den Chefarzt mal danach fragen." Plötzlich stand er auf und schwankte zu dem Schreibtisch, der lieblos gegen eine kahle Wand gestellt war. Mit einem Handgriff schnappte Watson sich ein Buch und taumelte zu seinem Bett zurück. „Liest du mir etwas vor?", bat er Lisa.

„Ich bin wieder da!", verkündete Rokko zwei Geschichten später. „Pst, nicht so laut. Watson schläft." Lisa saß auf dem Sofa und hatte auf Rokko gewartet. „Wie hast du das denn gemacht?" – „Ich habe ihm etwas vorgelesen und dabei ist er eingeschlafen." – „Du hast ihm etwas vorgelesen?", hakte Rokko zweifelnd nach. „Ja. Er hat mich darum gebeten. Stimmt etwas nicht?" – „Doch, doch. Das macht er doch sonst nicht. Ich mache das sonst immer, also am Telefon. Nicht einmal seine Oma darf das. Scheinbar mag Watson dich."