5.

„Watson, kannst du mal aufmachen?", hallte Rokko Stimme durch die Wohnung. Ungeduldig riss der Junge die Tür auf und erspähte freudig den Besuch. „Lisa, da bist du ja endlich!", jubelte er und winkte sie hektisch herein. „In der Firma war noch viel zu tun und ich hatte heute früh so ziemlich alles dabei, außer den Farben – ausgerechnet die musste ich ja Zuhause vergessen – und dann musste ich noch einmal nach Göberitz und da war meine Mutter und die ist sooo neugierig und da musste ich ihr erst noch erklären, was ich vorhabe und dann war die S-Bahn weg und…" – „Jetzt bist du ja endlich da", beendete Watson Lisas Redefluss. „Genau", grinste Lisa zurück. „Verfluchte Scheiße!", polterte es im oberen Stockwerk. „Es freut mich auch, bei dir zu sein", rief Lisa scherzhaft zurück. „Du warst nicht gemeint, Süße, sondern der Typ, der die Scheiß-Schwerkraft erfunden hat. Watson, was hältst du davon, wenn wir die Wände lassen, wie sie sind und stattdessen streichen wir den Fußboden?" – „Finde ich doof. Gib dir mehr Mühe", kam die resolute Antwort. Neugierig machte Watson sich über Lisas Tüte her. „Gläser, Farbe, Pinsel – du hast wirklich an alles gedacht!" – „Hab ich dir doch versprochen", meinte Lisa wie selbstverständlich. „Wieso hat deine Mutter dich eigentlich besucht?", fragte Watson beiläufig, während er den Wohnzimmertisch verantwortungsbewusst mit Zeitungspapier abdeckte. „Meine Mutter hat mich nicht besucht. Sie wohnt da." Watson stutzte. „Deine Mutter wohnt bei dir?" – „Naja, eher ich bei ihr, wenn du so willst und bei meinem Vater", erklärte Lisa ihm. „Du wohnst bei deinen Eltern?", fragte Watson mit einer Mischung aus Neid und Traurigkeit in den Augen, die Lisa natürlich nicht entgangen war. „Komm lass uns malen, sonst ist dein Vater eher fertig als wir." – „Das glaubst aber nur du", lachte Watson. „Der ist schon seit Stunden am Machen und wird und wird einfach nicht fertig." – „Das habe ich gehört!", rief Rokko aus dem Kinderzimmer. „Und? Stimmt doch!", entgegnete sein Sohn ihm selbstbewusst. „Watson, was hältst du davon, schon einmal anzufangen? Ich würde gerne kurz zu deinem Papa hochgehen und ihn begrüßen." – „Ist gut", meinte der Junge ohne aufzusehen. Er hatte sich schon seine Lieblingsfarbe geschnappt und drehte und wendete das Glas, um die beste Stelle für eine Verzierung zu finden. „Aber halte ihn nicht so lange ab, ja? Ich würde in diesen Ferien gerne noch etwas von meinem Zimmer haben."

„So, fertig!", verkündete Watson stolz. „Gucke, eins, auf dem Holmes steht, eins mit Watson und eins mit Lisa. Du brauchst dringend einen Spitznamen", sinnierte Rokkos Sohn. „Aber Lisa IST mein Spitzname", erwiderte die Konzernchefin, die sich fragte, wie Watson es angestellt hatte, so viele Gläser zu verzieren, während sie immer noch am ersten saß. „Das ist die Abkürzung von Elisabeth", erklärte sie ihm weiter. „Hm, das ist so einfallslos und offensichtlich, dass es schon wieder genial ist", stellte Watson fest. „Nun fehlt nur noch ein Glas für Hugo." Lisa tunkte ihren Pinsel tief in einen Topf mit Farbe und schrieb in großen Lettern den Namen auf das Glas. „Hugo? Ist das der schräge Typ, der vorhin hier war? Der war seltsam. Ist reingekommen und hat mit jemandem geredet, der gar nicht hier war, während er mich total ignoriert hat. Ich saß da auf dem Sofa und habe Cartoons geguckt – das darf ich nur in den Ferien und dann hat dieser Typ dazwischengequatscht", beschwerte Watson sich. „Weißt du, Hugo macht gerade eine schwere Zeit durch", erklärte Lisa dem kleinen Mann, der sie so aufmerksam ansah. „Vor knapp einem halben Jahr ist seine Frau bei einem Verkehrsunfall gestorben und… naja… er ist eben traurig." Verständnislos schüttelte Watson den Kopf. „Statt einfach froh zu sein, dass sie sein Leben bereichert hat, versinkt er im Trauersumpf." – „Ich glaube, so einfach ist das nicht." – „Doch, genauso einfach ist das", entgegnete Watson trotzig. „Weißt du, wie viele Kinder die Krebsstation mit den Füßen voran verlassen?" Lisa schluckte betreten. „Genau, viele – alles wunderbare und liebenswerte Menschen bis zu diesem einem Punkt in der Zeitrechnung. Dieser Hugo, ja? Der soll froh sein, dass er überhaupt Zeit mit seiner Frau verbringen durfte. Bei sechs Milliarden Menschen auf der Welt ist die Chance denkbar gering, dass DER eine in sein Leben tritt. 5 999 999 999 Menschen leben tagein tagaus neben einem her, aber einer, ein einziger kreuzt deinen Weg und wenn es vorbei ist, dann sollte man nicht weinen, sondern dankbar für diesen Umstand sein", erklärte Watson inbrünstig. Lisa schluckte einen dicken Kloß im Hals herunter – so hatte sie es noch nie betrachtet und noch viel weniger erwartet, es von einem Jungen in Watsons Alter erklärt zu bekommen. „Das ist eine sehr schöne Sichtweise, Watson, aber vielleicht teilst du sie Hugo nicht mit. Weißt du, er ist sehr empfindlich, was Brittas Tod betrifft und… naja… man kann ihm sagen, was man will, er kriegt das meistens nur in den falschen Hals."

„Holmes, ich habe Hunger!", rief Watson die Treppe hinauf. Nachdem er ein paar Mal persönlich danach gesehen hatte, wie der Fortschritt in seinem Zimmer war, hatte Rokko ihn weggeschickt und ihn inständig gebeten, dass er sich doch bitte gedulden möge. „Die ganze Küche ist voller Lebensmittel – such dir etwas aus!", brüllte Rokko zurück. „Er klingt, als würde es nicht gut laufen", kommentierte Watson Rokkos Tonfall. „Dann lass uns mal in der Küche stöbern", lud er Lisa ein. „Uff, ich dachte nach den Reiswaffeln vom Frühstück könnten wir nicht tiefer sinken", moserte Watson. „Was war denn damit?" – „Null Kalorien, null Vitamine und vor allem null Geschmack! Noch Fragen?", entgegnete Rokkos Sohn. „Was essen wir denn nun nur?", fragte er mehr sich selbst als Lisa. „Fischstäbchen und Kartoffelbrei", schlug diese mit einem Blick in die Schränke vor. „Das hier, liebe Lisa, hat noch nie das echte Meer gesehen und tot frittiert ist es auch", schätzte Watson die Fischstäbchen ein. „Und das hier…", meinte er mit einer angewiderten Geste auf den Kartoffelbrei. „… ist aus der gleichen Fabrik wie meine Medikamente, nur mit anderen Geschmacksstoffen." Watson machte die Küchenschränke weit auf und musterte ihre Inhalte. „Instant, Instant, noch mehr Instant, tiefgefroren", zählte er auf und schüttelte dabei teils verächtlich teils verständnislos den Kopf. „Und am besten mit Nudeln", beschwerte er sich weiter. „Als Holmes noch studiert hat, war das okay, aber jetzt? Jetzt kann er sich richtiges Obst und Gemüse leisten. Wenn er nur das hier zu sich nimmt, dann hat er genug Konservierungsstoffe im Körper, um niemals zu verrotten – von den ganzen Risiken einmal abgesehen. Wäre doch schade um Holmes, wenn er mit 40 schon so verfettete Herzkranzgefässe hätte, dass ihn ein einziger Herzinfarkt ins Jenseits befördert…" Lisa grinste – Watson wirkte so ernst und so erwachsen auf sie. „Du achtest wohl sehr auf deine Ernährung." – „Natürlich", kam die empörte Antwort. „Wir gehen jetzt einkaufen, ja?" – „Wenn du hier wirklich nichts findest, dann ist das wohl unvermeidlich." Lisa ging zur Treppe und rief hinauf: „Rokko, wir gehen schnell einkaufen, ja?" – „Wieso?" Rokko streckte seinen mit Farbspritzern bedeckten Kopf durch die Kinderzimmertür und sah Lisa überrascht an. „Es ist doch genug da." – „Ähm, ja, aber dein Sohn hat befunden, dass nichts davon seiner Vorstellung von ‚gesund und lecker' entspricht." Rokko rollte mit den Augen. „Manchmal glaube ich, er ist nicht mein Sohn. Woher hat er nur diesen Ernährungstick?" – „Es kann sich ja schließlich nicht jeder vor einer Vitaminüberdosis fürchten", quäkte Watson in das Gespräch hinein. „Sag mal, Lisa, wäre es dir peinlich, wenn ich ohne Perücke einkaufen gehe?" – „Ich weiß, du hast Ferien und willst es bequem haben, also lass das Ding hier", grinste Lisa.

„Das Gemüse werden wir dünsten", plante Watson auf dem Rückweg vom Supermarkt. „Und unter den Reis heben. Das gibt dem ganzen eine frische und bunte Note. Die Putenbrust werden wir jetzt gleich mit den Kräutern marinieren und dann in wenig Olivenöl anbraten." Lisa staunte nicht schlecht bei Watsons Plänen, allerdings war auch etwas in der schweren Einkaufstüte, das der Beweis dafür war, dass Watson doch noch ein Kind war: Eine große Packung Schokopudding. „Weißt du, eigentlich trage ich meine Perücke sehr gerne", gestand Watson ihr mit einem Mal. Ich hatte die gleichen Locken wie Holmes, aber nach der ersten Chemotherapie sind sie alle ausgefallen und hatte nie wirklich die Möglichkeit nachzuwachsen. Holmes hat sich dann seine Haare wachsen lassen und aus denen wurde dann meine erste Perücke gemacht. Er macht das immer noch – also, das mit dem Haare wachsen lassen. Mein Kopf wird ja auch größer und da musste schon die eine oder andere neue angefertigt werden. Irgendwie ist es seltsam, aber so ist er irgendwie immer bei mir, verstehst du?" – „Hm, das verstehe ich." – „Mein Holmes ist schon ein toller Typ, oder? Einmal hatte er Haare bis zur Schulter, weil Lina, von der habe ich dir schon erzählt, oder? Also, meine Freundin Lina, der sind auch die Haare ausgegangen… naja, eigentlich ist sie blond, aber wenn wir unsere Perücken tragen, dann haben wir die gleich Haarfarbe. Hmmm, das hat Holmes für mich und meine Freunde gemacht." Watson wurde wieder still und nachdenklich. „Aber eigentlich…", gestand er Lisa dann. „… wäre ich lieber nackt auf dem Kopf und hätte ihn ‚in Echt' bei mir. Kannst du mir mal etwas erklären? Ich meine, dieser schräge Typ mit der toten Frau, der wohnt bei ihm, aber mich schiebt er zu Oma und Opa ab und dass obwohl Oma in letzter Zeit so vergesslich ist und viele Dinge verwechselt. Sie hat Zucker in den Salzstreuer getan und sie sucht ständig ihre Brille und…" – „Watson, du darfst deine Großeltern nicht schlecht machen", mahnte Lisa ihn. „Das würde Holmes nicht gefallen." – „Aber es ist doch so! Glaubst du, mir tut Oma nicht leid? Sie ist nun mal nicht mehr 30 und das ist auch okay so…" Watson stockte. „Lisa? Bist du meine Freundin?" Die Angesprochene blieb sofort stehen und sah ihr junges Gegenüber ernst an. „Aber natürlich bin ich deine Freundin." – „Kannst du nicht mal mit Holmes reden? Vielleicht hört er ja auf dich." Lisa schnaufte. „Pass auf, wir warten auf einen günstigen Moment und dann reden wir gemeinsam mit ihm, ja?" Watson begann zu strahlen. „Ich bin so froh, dass du jetzt mit Holmes gehst!"