6.

„Essen!", krähte Watson die Treppe hinauf. „Komme", rief Holmes zurück. „Du hättest die Paprika wirklich kleiner schneiden sollen", kritisierte der kleine Mann Lisa. „Ich habe mein Bestes gegeben. Du bist aber auch ein Perfektionist." – „Das Leben muss so schwierig sein als Perfektionist", meldete sich ein über und über mit Farbklecksen bedeckter Rokko. „Du siehst aus, als hättest du mir der Farbe gekämpft", bemerkte Lisa schmunzelnd und reichte ihm eine ganze Rolle Küchenpapier. „Hm, und es scheint, als hätte die Farbe gewonnen", meinte Watson. „Kann ich dann die Leuchtesterne, die Lisa und ich vom Einkaufen mitgebracht haben, anbringen?" – „Lass es lieber erst einmal trocknen, ja?", bat Rokko seinen Sohn. „Hier riecht es aber lecker, was habt ihr denn Schönes gekocht?" – „Wir gar nicht. Watson hat befohlen und Lisa hat gemacht", lachte Lisa. „Deine neue Flamme wollte mich partout nicht an die Messer und den Herd lassen", beschwerte Watson sich. „Das wäre schon in Ordnung gegangen. Bei meinen Eltern hilft er auch immer in der Küche. Nur ganz alleine darf er noch nicht kochen", erklärte Rokko Lisa und verschwand in Richtung Bad. „Woher kannst du eigentlich so gut kochen?", wandte Lisa sich an Watson. „Ein bisschen 'was bei Oma abgeguckt, ein bisschen 'was aus dem Fernsehen und viel Negativbeispiel durch Holmes. Dass wir während seiner Studentenzeit kein Skorbut gekriegt haben, grenzt an ein Wunder", entgegnete Watson. „Wenn du das so sagst, könnte man meinen, du hättest während dieser Zeit schwer gelitten", schmunzelte Rokko, der mit einem Handtuch um den Hals aus dem Badezimmer zurückkam. „Nein, das war schon ne tolle Zeit, da haben wir ja auch noch zusammengewohnt, aber ernährungstechnisch war es eine Katastrophe." – „Nudeln sind sehr nahrhaft." – „Ja, aber jeden Tag sind sie eintönig. Und nun komm, lass uns essen."

„Das Glas ist wirklich schön. Hast du dich bei Lisa dafür bedankt, dass sie die mit dir bemalt hat?" – „Ja, habe ich", antwortete Watson und hoffte, Holmes würde noch ein paar lobende Worte für sein Kunstwerk finden. „Wirklich schön. Wer sind die zwei Menschen hier unter meinem Namen?" – „Der große bist du und der mit der Glatze bin ich", erklärte Watson. „Und keine Lisa?" Adrian begann, nervös auf seiner Unterlippe herumzukauen. „Ich war mir nicht sicher, wie fest sie zu uns gehört, verstehst du?" – „Zu uns gleich, das ist aber nett", lächelte Rokko und griff nach Lisas Hand. „Watson hat gemeint, es wäscht immer der ab, der nicht gekocht hat", war ihre Reaktion auf Rokkos Berührung. „Ich schätze schon, aber abwaschen macht ja keinen Spaß, wenn das Geschirr nicht richtig verkrustet ist. Ich mache das morgen." – „Na wenn du meinst, dass das eine gute Idee ist… Sag mal, Holmes, kannst du nicht noch einmal mit deiner Chefin sprechen? Ich würde morgen so gerne in den Zoo und…", fügte Watson etwas kleinlaut hinzu. „Naja, lüften muss dein Zimmer morgen bestimmt noch, insofern… Lisa, sag mal, kann ich morgen noch einmal einen Nachmittag frei nehmen?" – „Wieso fragst du da Lisa?" – „Weil Lisa meine Chefin ist?" Ungläubig sah Watson die junge Frau an, die ihm gegenübersaß. „Nee jetzt, oder? Ich dachte immer, Chefinnen sind alt und hässlich, aber Lisa ist nicht alt und hübsch ist sie auch und nett und…" Watson biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Kannst du dir nicht auch frei nehmen und wir gehen zu dritt?", bat er Lisa mit dem Dackelblick, von dem er wusste, dass kaum jemand ihm widerstehen konnte. Lisa seufzte – eigentlich ging das nicht. Für Kerima stand zuviel auf dem Spiel, andererseits… wieso sollte sie sich nicht auch einmal einen Nachmittag frei nehmen und Kerima Kerima sein lassen? David hatte sich abgeseilt, Hugo schwebte irgendwo zwischen Normalität und Wahnsinn, Max bezirzte die Versicherungen und Friedrich schaukelte den Rest, außerdem war Watson wichtiger als das alles. „Wenn ihr mich mitnehmen wollt, dann würde ich gerne mitkommen."

Decken, Kissen, eine Tüte Chips, die drei Gläser, eine Flasche Cola. „Können wir wirklich keinen Horrorfilm sehen? Ich würde so gerne einen sehen", bettelte Watson, während er sich auf das ausgezogene Sofa lümmelte, sich Kissen in den Rücken stopfte und sich eine Decke um die Beine wickelte. „Nein, das geht wirklich nicht. Dafür bist du noch viel zu jung, außerdem kriegst du davon nur Alpträume. ‚Findet Nemo' ist doch auch schön", entgegnete Rokko. „Lisa gefällt der auch viel besser." – „Darin geht es um einen Vater, der seinen Sohn zu sehr beschützen will", erläuterte Watson die Zusammenfassung, die er auf der DVD-Hülle gelesen hatte. Rokko seufzte – ihm war Watsons spitzer Tonfall natürlich nicht entgangen. „Du meinst, ich soll genau hinsehen und mir etwas abgucken oder wie?" – „Setz dich einfach, der zweitbeste Platz ist noch frei. Was macht Lisa nur so lange im Bad?" – „Sie ist eben eine Frau und die brauchen da immer etwas länger." – „Das habe ich gehört, Rokko Kowalski und glaub mir, den zweitbesten Platz kriege ich!" Angriffslustig sprang Lisa über die Lehne des Sofas und landete zielsicher zu Watsons Rechten. „Siehst du, Holmes, bleibt nur noch links von mir für dich und du musst die DVD anmachen, weil du der letzte bist, der noch steht." Watson lehnte sich zurück und schlürfte genüsslich einen Schluck Cola. „Du trinkst Cola?", fragte Lisa irritiert. „Zu Chips schon, aber nur beim Fernsehen", erklärte Rokkos Sohn ihr. „Und wie passt das zu deinen sonstigen Ernährungsgewohnheiten?" Rokko kletterte zu seinem Sohn unter die Decke und kitzelte ihn ein wenig. „Lisa, hat dich etwas gefragt, also antworte auch", lachte er. „Naja, das passt insofern, als dass ich nun einmal Holmes Sohn bin. Ich bin genetisch darauf programmiert, lauter ungesundes Zeugs in mich zu stopfen und manchmal kann ich einfach nicht widerstehen", kam die ebenso lachende Antwort.

Nemo war immer noch in dem Aquarium in Sydney, als Watson in das Land der Träume abdriftete. Er lag mehr oder weniger verquer auf dem Sofa: Mit dem Kopf an Rokkos Schulter, mit den Füßen auf Lisas Beinen. „Was hältst du davon, wenn wir auch schlafen gehen?", schlug Rokko Lisa vor. „Watson kann heute Nacht nicht in sein Zimmer, das muss immer noch lüften, aber wir zwei…" – „Ich würde lieber hier schlafen", entgegnete Lisa unsicher. „Bist du dir im Klaren, was das bedeutet? Watson tritt und boxt gerne im Schlaf, außerdem wird es ein Kampf um Leben und Bettdecke", dramatisierte Rokko die Schlafgewohnheiten seines Sohnes. „Trotzdem", legte Lisa zu Rokkos Enttäuschung fest. „Okay, wenn du es so willst."